Leseprobe Mord verdirbt den Appetit

Kapitel 1

Siobhán O’Sullivan eilte durch die saftig grünen Felder nördlich von Kilbane im County Cork, Irland, die aus der Vogelperspektive wie ein grünes Meer aussehen mussten, auf dem sie bloß ein kleiner Fleck war. Bedacht darauf, nicht über die Unebenheiten und Senken des Wegs zu stolpern, kam sie, ehe sie sich versah, bei der majestätischen Ruine des einstigen Dominikanerklosters an, dessen franziskanischer Kirchturm sich stolz über der Stadt erhob. Bis zum Fahrradladen Sheedy’s war es jetzt nicht mehr weit.

Sie hielt sich dicht an der mittelalterlichen Mauer, die das Dorf umschloss, und staunte wieder einmal darüber, wie etwas, das erbaut worden war, um gefährliche Plünderer fernzuhalten, sie genauso auch einschließen konnte. Sie legte eine Hand auf die alten Steine und spürte die rauen Kanten unter den Fingerspitzen. Die Steine fühlten sich noch feucht und kühl an, obwohl die Sonne schon hoch am Himmel stand. Kilbane war eines der wenigen ummauerten Dörfer in Irland und hatte einige äußerst turbulente Zeiten erlebt und überstanden. Dieser Tage suchte Siobhán Trost, wo immer sie welchen finden konnte.

Nach zehn Tagen pausenlosem Regen lachte die Sonne zum ersten Mal wieder und verbreitete selbst bei den Grießgrämen gute Laune. Die Ladenbesitzer fegten die Gehwege, wer einen grünen Daumen hatte, kümmerte sich um den Garten und die restlichen Leute wandten einfach das Gesicht dem endlich wieder blauen Himmel zu. Kinder kreischten und spielten Ball oder fuhren mit ihren Fahrrädern durch die tiefen Pfützen. Kunden tummelten sich auf der Sarsfield Street, besuchten den Markt und den Souvenirladen, die Fish-und-Chips-Bude oder den Baumarkt. Natürlich besuchten sie auch Naomi’s Bistro. Sie riefen einander zu – Hallo, Hey und Wie geht’s – und alle antworteten, es ginge ihnen bestens.

Siobhán hatte weniger als eine Stunde Zeit, bis der Mittagstisch im Bistro losging. Da die Kinder die Freiheit der ersten Ferienwoche auskosteten und es außerdem auch noch Freitag war, würde es proppenvoll werden. Sie beschleunigte den Schritt, als der Fahrradladen nur noch einen Hügel entfernt war. Wenn ihre Geschwister erfuhren, das sie mehrfach die Woche einen rosa Motorroller besuchte, würden sie sie für durchgeknallt erklären.

Kühe hoben die Köpfe und kauten genüsslich, als sie nach Luft japsend vorbeieilte. Schafe blökten und Schwalben zogen über den Himmel. Ginsterbüsche wuchsen auf dem nächsten Feld und die hellgelben Blüten, die leicht nach Kokos dufteten, ließen das Feld aussehen, als stünde es in Flammen. Als sie den Laden erreichte, war Siobhán außer Atem. Sie sollte besser aufhören, im Bistro so viel vom typisch irischen Schwarzbrot zu essen, denn sonst würde sie sich bald einen bunten Trainingsanzug kaufen müssen und wie die anderen Damen morgens walken gehen. Das Zungenwetzen verbrannte garantiert mehr Kalorien als das Training. Siobhán lachte über sich selbst, drückte die Tür zum Laden auf und hoffte, dass das Klingeln der Türglocke ihr Schnaufen übertönte.

Sie sah zum Tresen und erwartete, dass Séamus Sheedy sein typisches Lächeln aufsetzte. Stattdessen stand dort Niall Murphy. Er trug das sonst kurze dunkle Haar jetzt etwa kinnlang, was ihn wilder aussehen ließ. Er wirkte auch größer oder zumindest fülliger. Schon vor dem Ärger mit Billy hatte Siobhán sich in Nialls Gegenwart immer unwohl gefühlt. Vielleicht lag es an seinen Augen – sie waren eigentlich braun, aber es war ein so intensiver Farbton und seine Pupillen waren stets so groß, dass ihr seine Augen immer schwarz vorkamen. Sie war geradezu schockiert, ihn zu sehen. Was machte er hier?

Es war unmöglich, Niall anzusehen, ohne dass Tausende düstere Erinnerungen wieder hochkamen. Gerade wenn sie glaubte, über den Berg zu sein, tauchte er wieder auf und versetzte ihrem trauernden Herzen einen weiteren Stich. Sofort kam es ihr vor, als wäre seit dem grausamen Morgen überhaupt keine Zeit vergangen. Vor fast einem Jahr war Nialls Bruder, Billy, rotzbesoffen in seinen roten Sportwagen gestiegen und frontal in ihre Eltern gerast. Sie waren bei dem Zusammenprall gestorben. Billy war wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt worden und kam ins Gefängnis, während Niall nach Dublin verschwand. Siobhán hatte angenommen, er würde auch dortbleiben.

Sie wollte schon aus dem Laden flüchten, aber er hatte sie bereits mit seinen dunklen Augen ins Visier genommen. Genau in diesem Augenblick guckte Bridie Sheedy an Niall vorbei. Séamus’ Frau war so klein und zierlich, dass Siobhán sie zuerst nicht gesehen hatte.

„Hallo“, rief Bridie ihr zu. „Wie geht’s?“ Trotz des Versuchs, fröhlich zu klingen, zitterte ihre Stimme leicht und Siobhán hatte das dumpfe Gefühl, dass sie gerade bei etwas gestört hatte. Warum um alles auf der Welt stand Bridie so dicht bei Niall? Da lief doch nicht heimlich etwas, oder? Bestimmt nicht. Bridie war verrückt nach Séamus und das trotz ihres Altersunterschieds. Das wusste jeder.

„Bestens“, sagte Siobhán und versuchte, Nialls Starren zu ignorieren. „Wie geht’s dir?“

„Kann mich nicht beklagen.“ Sie lächelte und dieses Mal wirkte es echt. Allein durch Bridies Anwesenheit, den braunen Lockenkopf und die strahlend grünen Augen, löste sich die Anspannung in Siobháns Brust etwas. Sie lächelte unbeirrt weiter, doch ihre Hand huschte zu der gestrickten blauen Blume in ihrem Haar, die garantiert selbst gemacht war. Bridie war stets ein wandelndes Aushängeschild ihrer handgefertigten Kleidung.

Es war merkwürdig, sie hier zu sehen, umgeben von Schmiere, Rädern und dreckigen Lappen. Normalerweise war sie im Souvenirladen von Courtney Kirby, wo sie alles Mögliche von Schmuck bis hin zu handgefertigten Schals verkaufte. Und wenn sie nicht bei Courtney’s war, dann saß sie auf einem dieser stationären Trainingsfahrräder beim Spinning. Siobhán würde viel lieber mit einem Motorroller fahren. Es wollte ihr einfach nicht einleuchten, warum man wie verrückt auf etwas strampeln sollte, dass sich nicht einmal bewegte.

Bridie nahm ihre verzierte Handtasche, huschte hinter dem Tresen hervor und nahm Siobhán am Arm. Für eine so kleine Frau hatte sie einen erstaunlich festen Griff. „Würdest du mein Geheimnis für dich behalten?“

Siobhán löste Bridies krallenhafte Finger von ihrem Arm. Sie hatte die Art blasse Porzellanhaut, die schnell blaue Flecken bekam.

„Was für ein Geheimnis?“

„Sag Séamus nicht, dass ich hier war. Ich flehe dich an.“

„Oh.“ Jesus, mit so einem Geheimnis wollte sie nichts zu tun haben. Betrog Bridie Séamus? Mit Niall? Hier in seinem Laden?

Bridie musste bemerkt haben, dass Siobháns Gesicht hochrot geworden war, denn sie schnappte nach Luft und lachte dann. „Nein, nein, Liebling. Nichts, was ich Pfarrer Kearney beichten müsste.“ Sie lachte weiter und Siobhán konnte nicht anders, als mitzulachen. „Niall hat mir geholfen, Rennradsachen für Séamus zu bestellen.“ Séamus war ein begeisterter Rennradfahrer und schoss stets mit seinem Rad durchs Dorf. Er hatte schon an echten Radrennen teilgenommen und eine Menge Pokale gewonnen. Das war besser als Spinning, aber Siobhán mochte die Motorroller trotzdem lieber. „Es ist eine Überraschung“, erzählte Bridie weiter. „Zu seinem Geburtstag.“

„Ach. Natürlich. Mach dir keine Gedanken“, antwortete Siobhán.

„Prima.“ Bridie lachte und küsste Siobhán dann die Wangen. „Wann schnitzt du uns ein paar kleine Vögelchen oder Rosen für Courtneys Laden?“ Sie sah Siobhán mit großen Augen fragend an. Siobhán hatte das Schnitzen von ihrem Großvater gelernt, der bemerkt hatte, dass sie schnell aufbrausend war. Ihre Mam hatte es beim Gedanken, ihr ein Messer in die kleinen Hände zu legen, mit der Angst zu tun bekommen, aber ihr Großvater hatte darauf beharrt, dass das Schnitzen für den jungen Hitzkopf ein gutes Ventil sein würde. Man brauchte dazu Geduld und Konzentration und zur Überraschung aller – bis auf ihren Großvater – war sie richtig gut darin. Sie konnte aus einem Stück Holz einen winzigen Singvogel, eine zarte Blüte oder ein keltisches Kreuz schnitzen, was ihr am besten gefiel. Unter ihrem Bett stand eine Kiste mit ihrem Schnitzmesser und kleinen Holzstücken. Sie arbeitete dann und wann ein wenig daran und ehe sie sich versah, formte sich in ihren Händen ein neues kleines Kunstwerk. Doch ihr war nicht mehr danach gewesen, zu schnitzen, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Es fühlte sich nicht richtig an, so unbeschwert zu sein.

Siobhán zwang sich, Bridie anzulächeln. „Mal sehen.“

Bridie verabschiedete sich mit dem üblichen Singsang und schlüpfte aus dem Laden. Siobhán verspürte das eigenartige Bedürfnis, ihr nachzulaufen.

Schon kam Niall hinter dem Tresen hervor und baute sich vor ihr auf. „Was ist los?“

Siobhán spürte die Wut in sich aufsteigen. Oh, wir hatten ziemlichen Spaß, nachdem dein Bruder frontal in unsere Eltern gefahren ist, Junge.

„Was machst du hier?“, fragte sie stattdessen.

Niall sah sich im Laden um, als hätten die Fahrräder Ohren. „Wir müssen reden.“

Siobhán rang sich ein Lächeln ab. „Besuchst du deine liebe Mutti?“ Diese Mary Murphy war eine grässliche Frau. Ihre Mam hatte sie dazu erzogen, niemals schlecht über Nachbarn zu reden, aber sie konnte nicht anders. Mary Murphy hatte nicht einmal gesagt, es täte ihr leid, was ihr Sohn getan hatte. Siobhán merkte erst, dass sie die rechte Hand zur Faust geballt hatte, als sich ihre Fingernägel in ihre Handfläche gruben.

Nialls Miene verdüsterte sich und der Hass auf seinem Gesicht war nur zu deutlich zu erkennen, als er knurrte: „Meine Mutter hat nicht mehr arbeiten können, nachdem das Dorf sich gegen sie gewendet hat. Das weißt du genau. Séamus war so nett, mich hier einzustellen.“

Sich gegen sie gewendet? Mary Murphy war diejenige gewesen, die alle gemieden hatte. Beim Gottesdienst huschte sie schnell rein und verschwand danach sofort wieder, sie eilte durch die Läden und war seit dem Unfall nicht ein einziges Mal ins Bistro gekommen. Und Niall gab dem ganzen Dorf die Schuld dafür? Sollte das also heißen, dass er bleiben würde? Sie wollte vorerst nicht darüber nachdenken und besonders nicht, wie ihr älterer Bruder James reagieren würde, wenn er davon erfuhr.

Das war das Problem am positiven Denken: Wann immer sie versuchte, glücklich zu sein, brach etwas um sie herum zusammen. Er hatte ihre Pause, den sonnigen Tag und ihre Hoffnungen ruiniert. Sie sollte den Laden nun wohl verlassen, doch die Genugtuung gönnte sie ihm nicht. Ohne etwas zu antworten, drehte sie sich um und ging zu den neuen, blitzblanken Motorrollern, die am vorderen Fenster aufgereiht standen.

Hach, sie liebte diese italienischen Vespas. Sie blieb neben einer schwarzen stehen und hoffte, dass Niall Murphy nicht bemerkte, dass sie die Reihe entlang zu ihrem eigentlichen Favoriten, der rosafarbenen Vespa, sah. Ihr Leben lang hatte ihr jeder gesagt, dass Rothaarigen Rosa nicht steht. Aber ihr Haar war dunkler, eher kastanienbraun und außerdem mussten sich so alte Ansichten doch mit der Zeit ändern, oder? In Kilbane gab es Handys, Kabelfernsehen und iPads, da konnten Rothaarige auch Rosa tragen. Und sonst konnte sie die Haare immer noch unter dem Helm verstecken.

Ja, sie wollte eindeutig die rosafarbene. Mit dem Korb. Das war schließlich praktisch. Sie sah sich schon durch das Dorf sausen und Brot oder Milch holen, wenn etwas im Bistro knapp wurde, und wie sie dabei das Brummen des Motors und den Wind im Gesicht spürte. Natürlich würde sie im Regen vorsichtig sein müssen, und sie würde sich etwas ausdenken müssen, wie sie ihre Geschwister davon fernhielt …

„Solltest du nicht in Dublin sein?“, fragte Niall hinter ihr. „An der Uni anfangen?“ Siobhán hielt inne und drehte sich um. Niall stand keinen halben Meter von ihr entfernt. Natürlich sollte sie in Dublin sein. Das ganze Dorf wusste von ihrem Stipendium für das Trinity College. Nachdem sie ihr Abschlusszeugnis erhalten hatte, hatte sie zwei Jahre lang im Bistro gearbeitet und für die Uni gespart, bis sie endlich das Stipendium erhielt. Mam und Dad waren so stolz auf sie gewesen, dass sie ihre Zusage im Bistro aufgehängt hatten, wo sie jeder sehen konnte. Es war sogar noch besser gekommen und ihre besten Freundinnen Maria und Aisling hatten sich entschlossen, ein Jahr zu reisen und später zur Uni zu gehen. So würden sie alle zusammen mit dem Studium beginnen, wie sie es sich immer ausgemalt hatten.

Aber nur wenige Monate bevor sie zu dem größten Abenteuer ihres Lebens hätte aufbrechen sollen, waren ihre Eltern gestorben. James war nicht standfest genug, um das Bistro zu führen und sich um die drei Jüngsten zu kümmern. Also hatten ihre besten Freundinnen ohne sie auf dem Trinity College angefangen. Je mehr Zeit verging, desto weniger Kontakt hatten sie. Es war zu schmerzhaft, ständig an das Leben erinnert zu werden, das sie hätte führen sollen.

Wie sich das Schicksal doch von einem Augenblick zum anderen wendete. Niall Murphy wusste besser als irgendjemand sonst, warum sie nicht in Dublin war. Das Lieblingszitat ihres Vaters von Sean O’Casey kam ihr in den Sinn:

Ich halte mich daran, nie die Beherrschung zu verlieren  bis zu dem Punkt, an dem es von Nachteil wäre, sie zu wahren.

„Über dich könnte ich das Gleiche sagen“, antwortete sie. „Warum bist du nicht mehr in Dublin?“

Niall sah sich um, und obwohl sie allein im Laden waren, lehnte er sich zu ihr und senkte die Stimme. „Ich hatte vor, mit dir zu reden.“

„Wozu das?“ Konnte Niall denn nicht sehen, dass sie nicht einmal mit ihm in einem Raum sein wollte?

„Wann können wir uns treffen?“ Er sah sich im Laden um. „Ich meine irgendwo allein.“

„Gar nicht“, sagte Siobhán. Niall starrte sie an und sie starrte zurück. Nun war es also so weit. Sie konnte nicht so tun, als ob, sie konnte nicht höflich sein. Wenn er wieder in der Stadt war, war das seine Angelegenheit, aber sie wollte, dass er sich von ihr und ihren Geschwistern fernhielt.

„Sei doch nicht so.“

„Ich muss los.“ Siobhán ging zur Tür. Niall stellte sich ihr in den Weg.

„Du bist zu einer richtigen Schönheit geworden, seitdem ich fortgegangen bin.“

Baggerte er sie gerade an? Siobhán spürte, wie ihre Wangen brannten. Sie hasste es, dass sie immer von jetzt auf gleich rot wurde. Als sie jünger gewesen war, war es ein Fluch gewesen, so groß zu sein und leuchtend rotes Haar zu haben. Inzwischen war sie zweiundzwanzig und alles an ihr, was einmal hässlich gewesen war, hatte sich zu etwas Hübschem entwickelt. Es begeisterte sie insgeheim und das war für sich vermutlich schon eine Sünde.

Man stelle sich nur vor, wie Siobhán O’Sullivan ihrer eigenen Eitelkeit erlag. Schönheit kam und ging, das war Siobhán wohl bewusst, aber sie hatte das Gefühl, dass dies ihr Moment war. War es nicht genauso eine Sünde, eine Rose in voller Blüte nicht zu genießen? Sie hatte sich darauf gefreut, herauszufinden, für wie viel Aufruhr sie in Dublin sorgen konnte. Aber es gefiel ihr nicht, wenn Niall Murphy sie so ansah und solche Dinge sagte. Wo war Séamus bloß?

Niall kam ihrem Gesicht ganz nahe. Sie wich nicht zurück, obwohl sie unbedingt von ihm wegwollte. „Hör mir mal zu, meine Hübsche. Es war nicht Billys Schuld. Er war das nicht.“

„Er war was nicht?“ Wut stieg in ihr auf, als sich ihr die Erinnerung an den Anblick des zerknautschten weißen Volvos wieder aufdrängte. „Bist du verrückt geworden?“

Niall hob die Hände, als wolle er sich ergeben, dann sah er sich um und trat so dicht an sie heran, dass sie seinen Whiskey-Atem riechen konnte. „Ich habe Beweise.“

„Beweise?“ Sie sah wieder vor sich, wie Billys protziges rotes Auto um die Kurve schoss, die alle nur Teufelskurve nannten, und frontal in das Auto ihrer Eltern raste, die gerade von einem Wochenende in Waterford zurückkehrten. Als die Polizei eintraf, hing Billy über dem Lenkrad. Er hatte zwar eine Gehirnerschütterung, lebte aber und murmelte pausenlos Entschuldigungen. Später fand man heraus, dass er dreimal mehr getrunken hatte, als der Promillegrenze entsprach.

„Willst du sagen, jemand hat ihn gezwungen, den Whiskey zu trinken und ihn dann gezwungen in seinen Sportwagen zu steigen? Hat ihn dazu gebracht, Gas zu geben und alle Warnschilder vor Teufelskurve zu ignorieren?“ Ihre Stimme war laut geworden, doch es war ihr egal.

Niall schüttelte den Kopf, in seinen Augen lag der Wahnsinn. „Da ist so vieles. Du würdest es mir nicht glauben.“

„Das tue ich auch nicht.“

„Die Beweise. Sie sind etwas wert, weißt du?“

„Ich muss jetzt los.“ Siobhán trat vor, doch Niall versperrte ihr wieder den Weg.

„Meiner Mutter geht’s nicht so gut. Mein Bruder verkommt dort drinnen ohne einen guten Rechtsbeistand.“ Sie hatte einen solchen Blick noch bei keinem Menschen gesehen. Es war, als flehe er sie an und drohe ihr gleichzeitig. Er wirkte wie ein verletztes Tier, bei dem man fürchtete, es könne einen anfallen, sobald man versuchte, ihm zu helfen. Geh, los geh. Aber sie konnte nicht. Hinter ihr waren die Motorroller aufgereiht und Niall bewegte sich keinen Zentimeter. Sie war gefangen.

„Lass mich vorbei“, sagte Siobhán. Stich ihm mit den Fingern in die Augen. Würde sie das tun, wenn er sie nicht gehen ließ?

„Schau mal. Ich würde es dir gern zeigen. Das wäre richtig. Er ist doch mein Bruder. Und er ist für etwas hinter Gittern, das er nicht getan hat.“

„Mir was zeigen?“ Er war nicht ganz richtig im Kopf. Warum redete sie überhaupt noch mit ihm?

„Ich brauche zehntausend Euro.“ Niall kam noch näher.

„Zehntausend Euro?“ Verrückt. Er war vollkommen verrückt. Sie hatten kaum tausend Euro auf dem Konto. Nicht, dass das wichtig war. Sie hätte ihm nicht einmal die Flusen aus ihrer Jackentasche gegeben.

„Ich dachte, du müsstest doch etwas für die Uni beiseitegelegt haben. Und du hast selbst gesagt, dass du es nicht brauchen wirst.“

„Du bist abscheulich“, sagte Siobhán.

„Ich sag’s dir. Jemand anders würde mir zwanzigtausend Euro dafür geben. Aber ich versuche hier das Richtige zu tun, siehst du das nicht?“

Siobhán trat instinktiv einen Schritt zurück und stieß dabei mit dem Rücken gegen den Lenker des ersten Motorrollers in der Reihe. Sie konnte sich gar nicht so schnell umdrehen, wie der Motorroller kippte und gegen den nächsten und der gegen den nächsten und so weiter stieß, sodass die Roller mit erstaunlichem Tempo und Krach wie Dominosteine umfielen. „Scheiße!“

Siobhán griff nach dem ersten Motorroller, doch es war zu spät. Sie lagen alle auf der Seite. Du lieber Himmel. Siobhán bekreuzigte sich. Waren sie kaputt? Verkratzt? Sie konnte sich nicht einmal einen leisten, erst recht nicht alle. Warum war sie heute nur in den Laden gekommen?

„Schon gut, schon gut“, sagte Niall. Er trat an ihr vorbei und stellte den ersten Roller auf. Siobhán hielt die Luft an. Niall stellte den Motorroller wieder wie zuvor hin und wischte den Dreck von der anderen Seite. Siobhán wollte den nächsten hinstellen, doch Niall versperrte ihr den Weg. „Ich mache das. Das ist mein Job.“

Siobhán wankte rückwärts. Es war seine Schuld, dass sie die Motorroller umgestoßen hatte. Er hatte so dicht vor ihr gestanden, nach Alkohol gerochen und wirres Zeug darüber geredet, dass sein Bruder unschuldig sei, ihr mit Lügen versucht, zehntausend Euro zu entlocken. „Du bist krank, weißt du das? Krank im Kopf.“

Die Tür ging auf, die Glocke darüber klingelte und Séamus Sheedy schob ein Mountainbike in den Laden. Er war mittleren Alters, eher klein und gute zehn Jahre älter als Bridie, doch sein Lächeln war ansteckend, er hatte volles kastanienbraunes Haar und das Radfahren hielt ihn fit. „Wie geht’s?“, rief er. Sein Grinsen erstarb, als er Siobháns Gesicht sah. Er sah von ihr zu Niall und dann zu den auf dem Boden liegenden Motorrollern. „Geht es dir gut, Liebes?“

„Es tut mir schrecklich leid“, sagte Siobhán. „Es war ein Versehen.“ Séamus richtete den Blick auf Niall, der noch versuchte, den letzten Roller aufzurichten.

„Schon in Ordnung, Liebling. Alles gut.“ Séamus stellte sein Fahrrad ab und trat zu ihnen. „Was ist hier passiert?“, fragte er Niall.

„Es ist meine Schuld. Ich habe sie zu nah nebeneinander aufgereiht“, sagte Niall. „Bisher ist nicht mehr als ein bisschen Dreck dran.“

Séamus drehte sich lächelnd zu Siobhán um. „Nichts passiert, Liebes. Sie müssen nur ein wenig poliert werden.“

„Ich hole einen Lappen“, sagte Niall. Er drehte sich um, warf Siobhán einen letzten Blick zu und verschwand hinter dem Tresen.

Séamus nahm einen Schlüsselbund, der neben der Kasse hing und kam zu Siobhán. „Warum erklären wir den heutigen Tag nicht zum Tag, an dem es so weit ist?“

Siobhán zitterte immer noch und wollte nur flüchten. „Wie bitte?“ Sogar als der Schlüssel vor ihrem Gesicht hin- und herschwang, verstand sie noch nicht, was Séamus ihr sagen wollte.

„Warum machst du nicht endlich eine Probefahrt?“ Er deutete zum rosafarbenen Roller.

Oh Gott, wie gern sie das wollte. Sie wollte damit aus der Stadt fahren und niemals zurückblicken. Sie wollte Niall Murphy mit dem Roller über den Haufen fahren.

„Gleich fängt der Mittagstisch an. Ich sollte mich besser sputen.“ Siobhán ging zur Tür. Sie hätte niemals herkommen sollen. Was für ein Dummerchen sie doch war. Was für ein Witz.

Séamus machte eine einladende Geste. „Es gibt heute einen Rabatt auf den Rosafarbenen, da er eine winzige Schramme hat.“

Siobhán schlug unwillkürlich die Hände vor den Mund. „Oh, Scheiße“, sagte sie. „Es tut mir so leid. Ich zahle dafür.“

Séamus hob abwehrend die Hände. „Ich mache doch nur Witze. Aber er könnte dir gehören und das für einen wirklich guten Preis.“

Siobhán schüttelte den Kopf. Sie konnte gerade nicht an Motorroller denken. Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, wenn Niall Murphy dort drüben stand. Hatte er gerade wirklich versucht, ihr zehntausend Euro abzunötigen? Sie sollte Séamus davon erzählen. Er würde Niall sofort feuern. Aber nicht jetzt. Sie konnte weder klar denken noch ruhig atmen. Sie wollte nur aus dem Laden raus. Sie würde alles später klären. Séamus wartete immer noch auf ihre Antwort.

„Ich kann nicht. Aber danke.“

Séamus legte die Schlüssel zurück und deutete darauf. „Die Schlüssel sind hier, wann immer du ihn Probe fahren willst“, sagte er mit einem Zwinkern.

„Bye-bye, bye-bye.“ Siobhán flüchtete aus dem Laden. Sie rannte über das Feld und strengte dabei Arme und Beine so sehr an, dass sie schmerzten. Sie lief den gesamten Weg zum Bistro zurück und wollte gerade durch die Tür stürmen, als Sheila Mahoney hinter ihr auftauchte und etwas schwang, das aussah, als habe es eine rasiermesserscharfe Klinge.

Kapitel 2

Siobhán brauchte eine Weile, bis sie merkte, dass die Waffe, die Sheila schwang, eine Schere mit knallpinkem Griff war. „Nur zu, nur zu“, sagte Sheila. Mit ihren überschüssigen Pfunden, dem platinblonden Haar und den stark geschminkten Augen war sie auch so schon einschüchternd genug. Dass sie nun auch noch mit einer spitzen Schere nach ihr stach, war zu viel des Guten.

„Sie sind umsonst“, sagte Sheila mit ihrer rauen Stimme. In Kilbane achteten viele Leute auf ihre Gesundheit, aber Sheila Mahoney rauchte noch immer zwei Schachteln Kippen am Tag, sogar während sie den Leuten die Haare wusch und schnitt. Ihrer war der wohl einzige Salon auf der Welt, den man mit schlechter riechendem Haar verließ. Siobhán vermutete, dass der einzige Grund, weshalb noch niemand einen konkurrierenden Salon eröffnet hatte, der war, dass die meisten Dorfbewohner tierische Angst vor Sheilas Wut hatten. Sogar Sheilas armer Ehemann Pio hatte Angst vor ihr, das sah man in seinen Augen.

Siobhán nahm zögerlich eine der Scheren und sah auf den Griff. SHEILAS SALON war in Schwarz darauf gestempelt. „Große Neueröffnung. Siehst du?“ Sheila deutete mit einem langen blauen Fingernagel zu ihrem Salon auf der anderen Straßenseite. Über der Eingangstür ragte ein neues Schild hervor. Es war ebenso wie die Scherengriffe neonpink umrandet. Erst jetzt bemerkte Siobhán, dass Sheilas blondes Haar grelle pinke Strähnchen hatte.

Sheila wechselte die Haarfarbe so oft, wie ein Mädel die Unterwäsche. Sie war früher bestimmt eine hübsche Frau gewesen, aber die letzten Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie hatte einige Kilos zugelegt und je fülliger sie wurde, desto kürzer schnitt sie sich die Haare und desto mehr Make-up schmierte sie sich auf die Haut. Es war schon gewöhnungsbedürftig, wenn sie neben Pio stand, der der Definition einer Bohnenstange entsprach. Siobhán wünschte sich, ihre Mam wäre hier, um zu sehen, was Sheila getan hatte. Knallpink. Was ein Anblick.

Auf der Sarsfield Street war Farbe nicht ungewöhnlich. Jeder Laden hatte bunt gestrichene Fassaden, es gab helles Gelb, Blau, Rosa und Grün. Es half den Leuten an all den grauen Tagen. Siobhán konnte nicht anders, als zu ihrem einfachen Holzschild hinaufzugucken, auf dem in schwarzen Großbuchstaben „Naomi’s Bistro“ stand, darum ein Rahmen in Eierschalenblau. Das Gebäude war passend dazu angestrichen: der untere Teil weiß und darüber blau. Viele andere kreative Schilder zierten die Türen entlang der Sarsfield Street – das von BUTLER’S – BESTATTER, LOUNGE UND PUB war das größte, fast einen Meter hoch und darauf prangte ein Mann mit weißem Haar, der Bier trank – doch ihr Bistro war das Einzige gewesen, das einen Schriftzug mit einem Rahmen darum hatte. Bis jetzt zumindest. Also wirklich, Sheila Mahoney war eine Nachmacherin.

„Wie findest du’s?“, wollte Sheila wissen.

„Wunderbar“, sagte Siobhán. Nachahmung ist das schönste Kompliment, streite dich jetzt nicht mit Sheila. Es war schlimm genug, dass sie sich darum sorgte, ob sie James von ihrer Auseinandersetzung mit Niall erzählen sollte oder besser nicht.

Sheila drückte ihr den Karton mit Scheren in die Hände. „Würdest du die auf den Tresen stellen? Für die Kunden?“

„Unsere Kunden bevorzugen Messer und Gabel.“ Siobhán hielt die Box eine Armlänge von sich.

„Sie sind umsonst.“ Sheilas Stimme wurde lauter.

„Warum bringst du sie nicht zu Courtney?“ Courtneys Souvenirladen war auf der gegenüberliegenden Seite ein paar Geschäfte weiter neben Kilbane Players, dem Laientheater der Gemeinde.

Sheila schüttelte den Kopf. „Was stimmt denn nicht mit dir? Jeder freut sich über kostenlose Sachen. Daran solltest du denken, wenn du das nächste Mal eine Charge von deinem berühmten Schwarzbrot zu viel hast.“

„Ich kann die Scheren nicht nehmen. Wir haben zu viele junge Gäste. Stell dir vor, jemand sticht sich damit ein Auge aus.“

„Was soll ich dann mit dem Rest anfangen?“, fragte Sheila fordernd und schüttelte die Box, als läge das in Siobháns Verantwortung.

„Haare schneiden?“

„Dafür braucht man schärfere. Diese hier sind Werbeartikel.“

„Vielleicht hättest du dich dann für Süßigkeiten entscheiden sollen.“

„Was haben Süßigkeiten mit einem Friseursalon zu tun?“, blaffte Sheila.

Siobhán zuckte zurück. Himmel, die Frau war unerträglich „Tut mir leid. Ich kann keine scharfen Gegenstände an meine Gäste rausgeben.“

Sheila ballte eine Hand zur Faust. „Würdest du dann zumindest auf unser neues Schild hinweisen und den Leuten sagen, dass sie ein Werbegeschenk zum Schnitt dazubekommen? Oder ist das auch zu viel verlangt?“

Das würde nicht nötig sein. Das Schild konnte man sogar durch einen Hagelsturm sehen. „Mache ich.“

„Warum nimmst du nicht ein paar Scheren für den Rest von euch sechsen mit?“

Im Dorf waren Siobhán und ihre Geschwister als die O’Sullivan-Six bekannt. Siobhán hasste es, aber den Spitznamen die irischen drei Mädchen und drei Jungen hatte sie noch mehr gehasst, also hielt sie den Mund. „O’Sullivans und Scheren passen nicht gut zusammen.“ Es war Ann, um die sie sich sorgte. Sie war auf ihren fohlenhaften Beinen manchmal so wackelig, dass sie ständig gegen Dinge stieß. Könnten die Motorroller sprechen, hätten sie jedoch vermutlich das Gleiche über Siobhán gesagt.

„Also gut“, sagte Sheila. Sie seufzte, versperrte Siobhán jedoch weiter den Weg.

„Ich werde es erwähnen, versprochen.“

„Danke.“ Sheila stellte die Box mit den Scheren auf den Gehweg neben den Eingang. „Ich kann sie hier so stehen lassen, oder?“

„Nein“, sagte Siobhán. Sie schob die Kiste mit dem Fuß in Sheilas Richtung.

„Alles klar“, sagte Sheila, machte allerdings keine Anstalten, die Kiste wieder aufzuheben.

„Warum stellst du sie nicht vor deine eigene Tür?“

„Wenn Leute zu mir kommen würden, würde ich ja wohl keine Scheren verschenken müssen, oder?“ Sheila tippte sich an den Kopf, als wäre sie die Einzige, die mitdachte.

„Warum gibst du sie nicht Pio mit, damit er sie zu seinen Sessions mitnimmt?“ Siobhán liebte traditionelle irische Musik. Pio spielte Banjo und wenn man Glück hatte auch Irish Spoons. Es war beeindruckend, was er mit den Löffeln anstellen konnte.

„Wenn du mich bitten würdest, im Salon einen Teller mit deinem Schwarzbrot hinzustellen, würde ich das tun. Also –“, sagte Sheila. Sie starrte Siobhán an, die nur zurück starrte. Schließlich schnappte sie sich die Kiste mit den Scheren und drückte sie gegen ihren üppigen Busen. „Willst du mir einen Teller mit Schwarzbrot geben, den ich in meinen Laden stelle?“

„Nein, will ich nicht.“ Siobhán machte das beste Brot im Dorf und jeder wusste das.

Sheila schnaubte und hob die Kiste mit den Scheren. „Er soll sie mit in den Pub nehmen, sagst du, ja?“

„Warum nicht?“

„Ein Haufen betrunkener Kerle, die in Kilbane mit scharfen Scheren herumlaufen. Ein schöner Spaß.“

„Ich dachte, du hast gesagt, sie sind nicht scharf.“

„Und ich glaube langsam, dass du auch nicht sonderlich scharfsinnig bist. Sie sind umsonst.“

„Meine Antwort ist und bleibt Nein.“ Wenn man Sheila Mahoney genug Zeit ließ, schaffte sie es, jeden um seine Höflichkeit zu bringen, sogar Pfarrer Kearney.

„Deine Mam und dein Dad hätten einer Nachbarin nicht den Rücken zugedreht“, sagte Sheila. Und damit fuhr sie herum und marschierte zurück in ihren Salon, wobei die Scheren in der Box bei jedem Schritt klapperten. Siobhán brauchte einen Augenblick, um zu realisieren, dass sie eine Schere in der Hand hielt, und dann kostete es sie alle Kraft, sie Sheila Mahoney nicht hinterherzuwerfen.

 

Am nächsten Tag war der graue Himmel zurück, der Regen prasselte auf das Dach und gegen die Fenster. Der Wind ließ die Klingel an der Eingangstür dauerhaft bimmeln. Es schien, als wäre das ganze Dorf für ein irisches Frühstück am Samstagmorgen hergekommen: Sogar Macdara Flannery war in Dienstkleidung da. Die dunkelblaue Polizeiuniform mit Krawatte und Schirmmütze stand ihm gut. Er sah darin anständig und attraktiv aus. Ihr gefiel das goldene Emblem auf der Kappe – darauf stand Garda Síochána na hÉireann – Friedens-Garde Irlands. Es zog immer ihren Blick auf sich. Das Emblem. Der Beschützer. Es faszinierte sie. Siobhán versuchte, ihn nicht zu sehr anzustarren, besonders weil er jedes Mal aufblickte, wenn sie zu ihm sah, was ihren Magen einen kleinen Hüpfer machen ließ. Was war es nur an einem Mann in Uniform, das sie so unwiderstehlich fand?

Er war größer als die meisten Kerle im Dorf, etwas über einen Meter achtzig. Siobhán überragte die meisten Männer in Kilbane mit ihren eins fünfundsiebzig, doch wenn sie dicht bei Macdara stand, fühlte sie sich normal. Er war auf eine unvollkommene Art und Weise gut aussehend. Sein braunes Haar war immer zerzaust, so als wäre es noch nie einer Bürste begegnet und seine Wangen bedeckte ein leichter Zweitagebart. Er hatte tiefschwarze Wimpern und hübsche blaue Augen, die durch seine dunkelblaue Uniform und das graue irische Wetter noch betont wurden. Obwohl viele Frauen im Dorf hinter ihm her waren, hatte er es geschafft, Single zu bleiben.

Er war einmal verrückt nach einem blonden Mädchen aus Australien gewesen, die vor einigen Jahren in Kilbane gelebt hatte. Siobhán erinnerte sich daran, dass sie die beiden im Dorf gesehen hatte, wie sie Händchen hielten oder sich im Regen küssten. Sie war nun seit fünf Jahren fort und obwohl Macdara Dates mit anderen Frauen hatte, war er nie lange mit einer zusammen gewesen, trotz der offensichtlichen Versuche, ihn zu zähmen.

Siobhán hatte nie romantisches Interesse an Macdara gehabt, bis ihre Eltern starben. Er war derjenige, der an jenem schrecklichen Morgen zu ihr gekommen war. Ein lautes Klopfen an der Tür hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Sie war in ihrem Schlaf-Shirt hinuntergegangen, einem alten, schäbigen Teil, das niemand sehen sollte. Eine Schrecksekunde lang konnte sie sich keinen Reim darauf machen, dass er in voller Uniform vor ihrer Tür stand. Sie standen da und starrten einander durch einen dünnen Regenschleier an. Dann trat sie zurück und er trat ein, nahm seine Schirmmütze ab und legte die Hand aufs Herz. Stechende Angst bohrte sich in Siobháns Herz.

„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf, noch bevor er etwas sagte. „Nein.“ Instinktiv streckte sie die zitternde Hand aus und berührte seine Brust. Er legte eine Hand darüber und drückte ihre Hand. In diesem Moment wusste sie, etwas Grauenvolles, das sie nicht benennen konnte, war passiert. Sie wollte am liebsten sterben.

„Es tut mir so leid.“ Obwohl sie ihn in Gedanken anflehte, er möge aufhören, überbrachte er ihr die Neuigkeiten über den Autounfall mit Tränen in den Augen. Er sah sie an, als wisse er genau, welchen Schmerz dies in ihr auslösen würde und als würde er alles tun wollen, um ihn zu lindern. Als sein Wortschwall endete, zog er sie an sich und drückte sie an seine Brust, während sie schluchzte. Er trug Parfüm, was sie überraschte. Sie passte genau in seine Arme, was sie noch mehr verwunderte. Einen kurzen Moment lang strich er ihr sogar übers Haar.

Ganz plötzlich hörte er auf, so als hätte er sich selbst verschreckt, so als hätte er vergessen, wer sie war und warum er hier war. Er machte einen Schritt zurück, starrte sie an und da war etwas. Ein unbestreitbarer und unangemessener Funke. Ihre Eltern waren tot und sie wollte, dass er sie küsste. Sie wusste nicht, wie sie sich das verzeihen sollte oder ob sie das überhaupt wollte.

Seit jenem Tag hatte sich alles zwischen ihnen verändert. Da war eine Intimität, die sie nicht einfach verdrängen konnte. Sie hatte den Raum zwischen ihnen eingenommen und Siobhán war nicht die Einzige, die über diese Veränderung erschüttert war. Er sah sie oft an, als würde er sie dafür hassen, dass sie ihn wieder etwas hatte fühlen lassen. Er wollte sicherlich keine junge, verwaiste Frau lieben, die plötzlich ein Bistro und fünf Geschwister am Hals hatte, um die sie sich kümmern musste. Und sie konnte sich nicht in einen Mann verlieben, der ihre Gefühle geweckt hatte, während er ihr die schlimmsten Neuigkeiten ihres Lebens überbrachte. Es war noch nicht einmal eine echte Beziehung und doch bereits zum Scheitern verurteilt.

Normalerweise kam er nur unter der Woche, wenn er nicht im Dienst und das Bistro weniger voll war. Um ehrlich zu sein, sah er auch in seiner normalen Kleidung gut aus. Er war ziemlich modebewusst, was faszinierend war. Er trug immer gut sitzende Jeans und modische Hemden.

Fuhr er nach Dublin, um die neuste Mode zu kaufen? Sein Parfüm roch auch gut und sie bezweifelte, dass man einen so verführerischen Duft in der Drogerie in Kilbane kaufen konnte. Sie wusste, dass das nicht der Fall war, denn einmal war sie hineingegangen und hatte an allen Düften gerochen, um herauszufinden, was er trug. Sie hatte nicht nur sein Parfüm nicht gefunden, sie hatte außerdem den restlichen Tag damit verbracht zu niesen und jeder hatte ihr Gesundheit gewünscht.

Trotz der widersprüchlichen Gefühle änderte sich die Atmosphäre, wenn Macdara in der Nähe war. Nicht dass sie je mehr tat, als Tagträumen nachzuhängen. Er war zu alt für sie: Er war mindestens dreißig und außerdem hatte sie nicht vor, ihr restliches Leben in Kilbane zu verbringen, wozu Macdara offensichtlich bereit war.

Er saß am Fenster zur Straße und vor ihm stand ein großer Berg Essen, ein Becher Barry’s Tea und eine Extraportion von ihrem Brot. Er sah sie an und lächelte. Ihre Wangen wurden heiß, als hätte man sie dabei erwischt, wie sie etwas Unerlaubtes tat. Sie sah schnell in eine andere Richtung. Das war überhaupt nicht seltsam, Siobhán. Toll gemacht. Sie räumte ein paar leere Teller von den Tischen ab und brachte sie in die Küche. Als Nächstes stocherte sie im Feuer herum, das im Vorderzimmer brannte und warf dann mehr Kleinholz hinein.

Gráinne und Ann waren für den Gastraum zuständig und die Jungs für die Küche. Abgesehen davon, die Kasse zu bedienen, war Siobháns heutige Hauptaufgabe, die Leute dazu zu ermahnen, dass sie aufpassten, wo sie hintraten. Jedes Mal, wenn sie die nassen Fußstapfen aufgewischt hatte, liefen zwei weitere Paar Schuhe durch.

Sie hatte den Wischmopp gerade in die Ecke gestellt, als die Klingel läutete und Niall Murphy hereintrat. Bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, ging er durch das Bistro und setzte sich an den letzten freien Tisch. Er sah sie mit einem herausfordernden Blick an.

Siobhán wirbelte herum und stürmte in die Küche. „Niall Murphy ist hier“, verkündete sie ihren Brüdern, die sich gleichzeitig umdrehten. Entsetzen stand auf Eoins jungenhaftem Gesicht, aber James war todernst und seine Miene schwer zu lesen.

„Warum?“, fragte Eoin. Siobhán schüttelte den Kopf. Es gab keinen Grund. Nicht mehr.

„Wie gefällt dir das?“ James schlug mit dem Pfannenwender gegen den Grill und Eoin zuckte zusammen. James war zwei Jahre älter als Siobhán, aber wegen seines Hangs zum Trinken wirkte er jünger. In vielerlei Hinsicht musste man sich um ihn genauso viel kümmern, wie um die Jüngeren. Doch in letzter Zeit hatte er sich gut gemacht. Würde Niall Murphy seinen Fortschritt auf einen Schlag ruinieren? James war endlich auf der rechten Bahn, half im Bistro und würde bald seinen Sechs-Monats-Pioneer-Pin der Pioneer Total Abstinence Association bekommen, die Abstinenz-Medaille der irischen Antialkoholiker. Siobhán hatte nie geglaubt, dass er so lange nüchtern bleiben könnte. Sie würde lieber sterben, als einen weiteren Murphy-Sohn ihr Leben auf den Kopf stellen zu lassen.

„Schmeiß ihn raus“, sagte Eoin mit einer wegwerfenden Handbewegung. Mit seinen fünfzehn Jahren war er bereits größer als Siobhán. Ciarán, der eigentlich den Abwasch machen sollte, spielte stattdessen mit einem Spielzeugboot im Spülbecken voller Schaum und beobachtete die Unterhaltung mit großen Augen. Siobhán konnte seine Ohren förmlich wachsen sehen, während er jedes Wort aufsaugte. Er war zwar noch jung, aber für seine zehn Jahre etwas frech.

„Sei ruhig“, sagte Siobhán. „So sind wir nicht.“

„Ich bin sehr wohl so“, sagte Eoin. „Das ist genau, wie ich bin.“ Seine Augen funkelten. Er erinnerte Siobhán oft an eine Kanone, die gleich losschießen würde. In seinem schlaksigen Körper staute sich die Energie und war kurz davor herauszubrechen. Gott steh mir bei.

„Niall Murphy“, sagte James, als ob er den Namen übte. Die Spitzen seines kastanienbraunen Haars lockten sich von der Hitze in der Küche. Eoin hatte genau das gleiche Haar, aber seines war unter der umgedrehten Yankees-Cap versteckt. Er war noch nie in New York gewesen und hatte das Baseball-Team auch noch nie im Fernsehen spielen sehen. Trotzdem gab es kaum einen Tag, an dem er die Cap nicht trug. Eoin war merkwürdig süchtig danach, amerikanischen Scheiß über eBay zu kaufen. Aber solange er sich auf Kleinigkeiten beschränkte und es ihn davon abhielt, den gleichen Weg wie James einzuschlagen, störte Siobhán sich daran nicht.

„Ich übernehme das gern“, sagte Eoin. Er schnappte sich eine Schüssel mit Kartoffel-Lauch-Suppe und spuckte hinein. Ciarán lief herbei, hob mit seinen Spülwasserfingern eine dicke Scheibe Brot hoch, leckte sie einmal komplett ab und legte sie neben die Suppenschüssel.

„Super“, sagte Eoin. Ciarán und er klatschten sich ab. Ciarán musste auf den Zehenspitzen stehen, um an Eoins Hand zu kommen. Er war abgesehen von Siobhán der Einzige mit dunkelrotem Haar. Aber im Gegensatz zu ihrer Porzellanhaut hatte er haufenweise Sommersprossen über das ganze Gesicht verteilt.

„Seid nicht so frech“, sagte Siobhán, als Eoin den Salzstreuer nahm und den Inhalt in eine Teetasse kippte. „Das servieren wir ihm nicht. James?“

James nickte, nahm den Jungs das ruinierte Essen ab und warf es in den Müll, bevor er sich zu Siobhán umdrehte. „Was will er hier?“

Siobhán biss sich auf die Lippe und zuckte mit den Schultern. Sie wollte James liebend gern sagen, was Niall im Fahrradladen zu ihr gesagt hatte, aber sie wusste, dass sie es nicht konnte. Wenn Niall nur ein Wort zu James darüber sagte, dass Billy unschuldig sei und er zehntausend Euro haben wollte, würde James ausflippen, so viel stand fest. Je schneller Niall Murphy wieder nach Dublin verschwand, desto besser. „Ich wollte euch nur darauf vorbereiten. Wir werden alle höflich sein, verstanden?“

„Warum werden wir höflich sein?“ Siobhán hatte nicht gehört, wie Gráinne in die Küche gekommen war. Sie stand vor ihr, die manikürte Hand in die rechte Hüfte gestemmt, als würde sie für eine Soap im Fernsehen posieren. Siobhán hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, wie hübsch Gráinne war: mit ihren sechzehn Jahren und dem rabenschwarzen Haar war sie umwerfend. Ein Jammer, dass ihr Charakter lange nicht so spektakulär war.

„Der scheiß Niall Murphy ist hier“, sagte Eoin. „Und wir dürfen nicht einmal in seine Suppe spucken.“

„Es wird nicht geflucht!“

„Ich hab ihn schon gesehen“, sagte Gráinne. „Ich habe mit ihm geredet.“

Siobhán spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. „Was hat er gesagt?“

„Warum rastest du so aus?“, fragte Gráinne.

„Warum redest du wie ein Ami?“, fragte Siobhán zurück, obwohl sie die Antwort schon kannte. Internet und Fernsehen.

Die Tür schwang auf und Ann platzte herein. Mir ihren dreizehn Jahren war sie nur einen Hauch größer als Ciarán und die einzige Blondine in der Runde. Ihr Vater hatte zu sagen gepflegt: „Den Milchmann hab ich nie gemocht.“

„Im Esszimmer streiten sie sich!“, sagte Ann. „Niall Murphy und Mike Granger schlagen sich gleich!“