Leseprobe Mord unter Künstlern

Eins

New York City, Mai 1905

Wie viele andere irische Menschen, habe ich stets fest an den sechsten Sinn geglaubt. Tatsächlich hatte ich mir auf meinen eigenen stets etwas eingebildet. Ihm schrieb ich zu, mich in meiner Karriere als Ermittlerin mehr als einmal vor Gefahr gewarnt zu haben. Also kann ich nicht erklären, wieso er mich bei einer so entscheidenden Sache im Stich ließ, wo doch eine Warnung im Voraus uns allen viel Kummer hätte ersparen können. Vielleicht hatte der Verursacher des Unheils es nicht im Voraus geplant. Vielleicht war es ein Befehl von oben gewesen, in letzter Minute, sodass ich nicht in der Lage gewesen war, seine Absichten oder seine Anwesenheit zu spüren … oder ihre Anwesenheit. Ich bin mir sicher, dass es mehr als einer gewesen ist. So arbeiteten sie.

In jedem Fall gab es an diesem schönen Maimorgen keine beunruhigenden Gedanken, als ich meinem Kleinen sein Frühstück fütterte. Er war jetzt acht Monate alt, ein strammer Junge mit einem Schopf dunkler Locken, wie die seines Vaters, und einem schelmischen Lächeln. Jetzt, da ich daran zurückdenke, frage ich mich, ob Aggie nicht die mit dem sechsten Sinn war, obwohl sie meines Wissens nach keine keltischen Verbindungen hatte. Sie kam in die Küche, während ich Liam fütterte, und hielt zwei Briefe in der Hand.

„Die Post war gerade da, Mrs. Sullivan“, sagte sie. „Zwei Briefe für Sie. Einer mit einer ausländischen Briefmarke.“

„Der wird von meinen Freundinnen in Paris sein, nehme ich an“, sagte ich und nahm sie ihr ab. „Wie schön.“

Ich nahm Sids fette, schwarze Handschrift auf dem Briefumschlag aus dem Ausland wahr und bemerkte, dass der andere der wöchentliche Brief meiner Schwiegermutter war. Ersterer konnte warten, bis ich genug Zeit hatte, um Sids Erzählung ihrer jüngsten Abenteuer in Paris zu genießen. Letzterer konnte einfach so warten.

„Lesen Sie sie nicht?“ Aggie wich mir nicht von der Seite und war immer noch fasziniert von dem fremdländischen Aussehen des Umschlags.

„Später, wenn ich Zeit habe.“

„Wenn mir jemals jemand einen Brief schriebe, würde ich ihn sofort lesen wollen“, sagte sie wehmütig. Dann zitterte sie und schlang sich die Arme um ihren dürren Körper. „Es ist heute schrecklich kalt hier drin, oder nicht?“, fragte sie. „Kalt für Mai.“

„Ist es das? Ist mir nicht aufgefallen.“ Ich blickte aus dem Fenster, vor dem frühe Rosen ein Rankgerüst emporkletterten. „Es ist ein schöner, heiterer Tag. Du kannst mich begleiten, wenn ich mit Liam spazieren gehe; in der Sonne wird dir wärmer.“

„Ich muss mit der Wäsche weitermachen“, sagte sie und beäugte Liam, der jetzt eine große Menge Grießbrei auf der Brust hatte. „Dieses Kind verbraucht mehr Kleider als ein kleiner Prinz, und ich nehme an, dass mir am Waschbrett warm wird.“

Sie stand da und hatte immer noch die Arme um ihren dünnen Körper geschlungen. Obwohl sie bei mir war, seit Liam zur Welt gekommen war, und einen Appetit hatte wie ein Pferd, hatte sie kein Gramm Fleisch auf den Rippen und sah immer noch aus wie ein jämmerliches Straßenkind. Ich hatte sie aus Mitleid aufgenommen, nachdem sie gezwungen gewesen war, ihr außereheliches Kind abzugeben, aber sie hatte mich damit überrascht, wie fleißig sie arbeitete und wie wundervoll sie mit dem Baby war. Sie war die Älteste von zehn Kindern gewesen und war damit aufgewachsen, sich um die jüngeren zu kümmern – eine wertvolle Bereicherung für ihre Familie, aber das hatte ihre Eltern nicht davon abgehalten, sie rauszuwerfen, kaum dass sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatten. Sie war herzergreifend dankbar dafür, zu uns kommen zu dürfen, und ich wiederum war in den ersten schwierigen Wochen mit dem Neugeborenen dankbar für ihr Wissen.

„Die Wäsche kann warten“, sagte ich und lächelte sie an. „Komm schon, zieh Liam diese schmutzigen Kleider aus, dann gehen wir raus.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Mrs. Sullivan. Ich glaube, es ist besser, wenn ich bleibe und die Windeln draußen aufhänge, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Der schöne Morgen wird nicht anhalten. Am Ende des Tages wird es Regen geben, merken Sie sich meine Worte.“

Sie war auf einer Farm in den Adirondack Mountains aufgewachsen, also glaubte ich ihr. „Ein Grund mehr, Liam seine tägliche Dosis Frischluft zu verschaffen“, sagte ich. „Es war bisher ein düsterer Frühling, oder nicht? Ich begann schon zu glauben, dass der Sommer gar nicht kommen würde.“

„Es war lange genug düster hier“, sagte Aggie“, „so wie Captain Sullivan herumläuft, mit einem Gesichtsausdruck, der Milch gerinnen ließe, und kaum einem höflichen Wort auf den Lippen.“

„Es steht dir nicht zu, deinen Arbeitgeber zu kritisieren“, sagte ich schneidend und sah, wie sie zusammenzuckte, als hätte ich sie geohrfeigt. Dann bedauerte ich das natürlich. „Captain Sullivan hat momentan große Sorgen. Der Beruf des Polizisten ist nie leicht und gerade jetzt, glaube ich, kämpft er mit einem größeren Problem. Nicht dass er sich mir je anvertraute, aber wenn seine gegenwärtige schlechte Laune andauert, würde ich sagen, dass er einen besonders schwierigen Fall am Hals hat. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sein Leben so angenehm wie möglich ist, wenn er nach Hause kommt.“

Sie nickte schweigend, während sie Liam aus seinem Hochstuhl hob und ihn die Stufen hinauftrug. Ich entfernte die Spuren von Liams Frühstück und dachte über meinen kleinen Monolog nach. Ich stellte fest, dass es sowohl für Aggie als auch für mich aufmunternde Worte gewesen waren, denn auch für mich war Daniels düstere Stimmung schwer zu ertragen. Mehr als einmal hatte ich mich gefragt, wieso ich je geglaubt hatte, dass es eine gute Idee wäre, mein Leben als Privatdetektivin aufzugeben, in dem ich frei und unabhängig gewesen war, um zu heiraten. Ich hatte wohl erwartet, an seiner Arbeit teilzuhaben, mit ihm über komplizierte Fälle zu grübeln und ihn von meiner Erfahrung als Detektivin profitieren zu lassen. Aber das war nicht passiert. Daniel hatte sich bezüglich seiner Arbeit bedeckt gehalten. Er war oft von morgens bis abends fort und schaute nur für eine hastige Mahlzeit vorbei. Ein schneller Kuss auf die Wange, ehe er wieder zur Tür hinausrannte, war das Beste, auf das ich hoffen konnte. In guten wie in schlechten Zeiten, ging mir durch den Kopf. Das hatte ich vor dem Altar versprochen. Ich seufzte und stellte das Geschirr für Aggie in die Spüle. Dann ging ich in mein Zimmer hinauf, um mich umzuziehen. Ein Spaziergang in der Sonne würde Wunder wirken, was meine gegenwärtige Stimmung betraf.

Aggie wartete am Fuß der Treppe auf mich, Liam war bereits im Kinderwagen. „Sie könnten die Briefe mitnehmen, um sie zu lesen“, sagte sie und reichte sie mir.

Ich lachte. „Ich glaube, du hast mehr Interesse an meiner Post als ich.“

„Ich höre gern von anderen Ländern“, sagte sie. „Das ist wie ein Märchen.“

„Ich werde dir Miss Goldfarbs Brief später vorlesen, wenn du magst“, sagte ich. Aggie hatte noch nicht gelernt zu lesen, trotz meiner Bemühungen. Ich setzte meinen Hut auf, richtete ihn vor dem Spiegel im Flur, dann half Aggie mir, den Kinderwagen die Vortreppe hinunter zu bugsieren.

„Ich hoffe, Sie haben einen schönen Spaziergang, Mrs. Sullivan“, rief sie mir nach, nachdem ich losgelaufen war.

Beinahe fragte ich sie noch einmal, ob sie nicht mit uns kommen wolle, aber ich gemahnte mich, dass sie die Bedienstete und die Wäsche ihre Aufgabe war. Ich würde ihr ein Stück Kuchen zum Tee mitbringen, entschied ich. Sie liebte die Kuchen, die ich in der französischen Bäckerei um die Ecke kaufte. Während Liam und ich das Kopfsteinpflaster des Patchin Place hinunterholperten, konnte ich nicht anders, als zur Tür der Nummer 9 hinüberzublicken. Es war zwei Monate her, seit meine Freundinnen Elena Goldfarb und Augusta Walcott, besser bekannt als Sid und Gus, es sich in den Kopf gesetzt hatten, nach Paris zu gehen, sodass Gus bei den besten Malern unserer Zeit Kunst studieren konnte. Ich hatte nie geglaubt, dass Gus’ Talent für Malerei so groß war, wie sie selbst meinte, aber ihr Cousin Willie Walcott war zum Studium nach Paris gegangen und machte sich jetzt anscheinend einen Namen als Maler der impressionistischen Schule. Er hatte versprochen, Sid und Gus vorzustellen.

Ihren Briefen nach zu urteilen hatten sie eine unglaublich gute Zeit, während ich sie schrecklich vermisste. Ich hatte mich daran gewöhnt, auf ihre tröstliche Anwesenheit auf der anderen Straßenseite zählen zu können, auf ihre extravaganten Partys und ihr Künstlerinnenleben, das Daniel nur um meinetwillen tolerierte. Mit Sid und Gus war das Leben nie langweilig. Wenn man ihre Tür öffnete, wusste man nie, ob sie ihr Wohnzimmer in eine mongolische Jurte oder einen türkischen Harem verwandelt hatten. Sie hatten sich nie um die Trivialitäten des alltäglichen Lebens sorgen müssen. Sie hatten genug Geld, um zu leben, wie sie wollten; nach ihren eigenen Regeln. Was nicht heißt, dass sie stets ausgelassen feierten. Sie waren eifrige Unterstützerinnen der Suffragetten-Bewegung und es fehlte mir auch, an diesen Zusammenkünften in ihrem Haus teilzunehmen.

Ich seufzte, als ich auf die Greenwich Avenue kam und Liams Kinderwagen um einen dampfenden Haufen Pferdemist herumlenkte. Ach, ja. Sie würden Paris irgendwann müde werden und nach Hause kommen, oder nicht? Und in der Zwischenzeit musste ich mich um einen Ehemann kümmern und einen Sohn großziehen. Die Dinge könnten schlimmer sein. Liam lehnte sich im Kinderwagen vor, drängte mich, schneller zu gehen, und brabbelte erfreut, als ein Automobil an uns vorüberfuhr und der lange Schal des Fahrers im Wind flatterte, während er sein Vehikel um einen langsam fahrenden Wagen herumlenkte. Genau wie sein Vater, dachte ich und lächelte über seine Freude. Wir sahen dieser Tage immer mehr Automobile. Ich weiß, dass Daniel sich im Geheimen nach einem sehnte. Er durfte das Polizeifahrzeug fahren, wenn es dringend notwendig war, aber das schloss nicht ein, seine Familie mitzunehmen.

Ich wartete auf eine Lücke im Verkehr, ehe ich den Kinderwagen auf den Washington Square schob, unter dem großen Bogen hindurch und in die relative Ruhe der dahinterliegenden Gärten. Hier war das Treiben auf Mütter beschränkt, die Kinderwagen schoben, während Kleinkinder an ihren Röcken hingen, größere Jungen klirrend eiserne Reifen über die Kieswege rollen ließen und noch größere Jungen Fangen spielten. Ich fragte mich, wieso Letztere nicht in der Schule waren, da gewiss keine Ferien waren. Ich vermutete, dass sie Zeitungsjungen waren, die eine Pause machten, nachdem sie stundenlang an Straßenecken gestanden hatten.

Ich fand eine Bank in der Sonne und drehte den Kinderwagen so, dass Liam den größeren Kindern beim Spielen zusehen konnte. Er schien faszinierter vom Brunnen in der Mitte des Platzes und einer Schar kleiner Vögel zu sein, die auf dem Rand saßen und einander herausforderten, sich von dem Sprühnebel nassspritzen zu lassen, der von einer Brise verteilt wurde.

Da mein Sohn für den Moment zufrieden war, öffnete ich meine Briefe. Ich las pflichtbewusst zuerst den Brief von Daniels Mutter, da er Zweifels ohne einen Bericht über ihr Tun beinhaltete, und sie Zweifels ohne eine Antwort von mir haben wollte. Für gewöhnlich waren ihre wöchentlichen Briefe eine Nacherzählung dessen, was sie im Haus verrichtet hatte, was ihr junger Schützling Bridie tat, unterbrochen von kleinen Happen örtlichen Tratschs. Aber heute war ich überrascht zu lesen:

Wenn du das hier liest, bin ich fort.

Mein Herz machte einen Satz. Ich muss gestehen, dass ich Daniels Mutter nicht übermäßig gernhatte, aber das hier kam so plötzlich. Dann las ich weiter.

Ich schreibe diese Zeilen voller Eile, da ich im Begriff bin, mich auf eine Reise zu begeben. Ich habe beschlossen, euch nicht im Vorfeld von diesem Plan zu erzählen, da ich glaube, dass Daniel sonst vielleicht versucht hätte, ihn mir auszureden. Und ich glaube nicht, dass es dafür viel gebraucht hätte, da es ein gewaltiges Unterfangen ist.

Erinnerst du dich an meine Freundin Letitia Blackstone? Ihre Tochter Imogen hat einen jungen Ingenieur geheiratet, der jetzt eine Brücke über den Mississippi River entwirft. Letitia wollte ihre Tochter besuchen, die gerade ein Kind bekommen hat, war aber abgeneigt, in eine solch wilde und barbarische Gegend zu reisen. Also hat sie mich gefragt, ob ich sie begleiten würde, wenn sie meine Reisekosten übernähme. Natürlich habe ich zugestimmt. Was für ein Abenteuer, in meinem Alter mehr von unserem wunderschönen Land zu sehen, ehe ich sterbe. Und Letitia besteht darauf, alles Erster Klasse zu machen, also erwarte ich nicht, dass es zu ungemütlich oder gefährlich wird. Es wird außerdem eine perfekte Gelegenheit für die junge Bridie sein. Ich nehme sie als meine Begleitung mit, da sie sich in jüngster Vergangenheit um ihren Papa gesorgt hat und sie das ablenken wird.

Ich hörte auf zu lesen und blickte über den Platz. Die arme, kleine Bridie, deren Vater und Bruder nach Panama gegangen waren, um beim Bau des Kanals zu helfen. Keine der Nachrichten, die aus diesem Drecksloch gekommen waren, war gut gewesen. Männer starben wie die Fliegen, hieß es, an Gelbfieber und schrecklichen Arbeitsbedingungen. Und seit Monaten hatte es keine Nachricht von Bridies Vater gegeben, also mussten wir das Schlimmste befürchten.

Ich las weiter. Martha, das Dienstmädchen, würde ihre kränkliche Mutter besuchen. Das Haus würde gut verschlossen werden und Mrs. Sullivan wusste nicht, wie lange sie weg sein würde. Sie schickte ihre liebsten Grüße und einen liebevollen Kuss für ihr Enkelkind. Ich faltete den Brief zusammen und steckte ihn zurück in seinen Umschlag. Nun, das wäre eine Überraschung für Daniel. Seine Mutter war keine Frau, von der man die überstürzte, in letzter Minute getroffene Entscheidung erwartete, in den wilden Westen zu reisen.

Ich warf einen Blick zu Liam hinüber und stellte fest, dass er eingeschlafen war. Ich richtete seine Kissen, deckte ihn ordentlich zu und wandte mich dann meinem anderen Brief zu. Er war, wie ich erwartet hatte, voller aufregender Einzelheiten über das Leben in Paris. Sid schrieb:

Willie hat erreicht, dass Gus niemand Geringerem als Reynold Bryce vorgestellt wurde. Du weißt, wer das ist, oder, Molly? Er hat sich in den Achtzigern als Teil der Bostoner Schule einen Namen gemacht – besonders mit seinen Gemälden von dem jungen Mädchen, das er Angela nannte. Dann ist er auf dem Höhepunkt seines Ruhms nach Paris gegangen, hiergeblieben und einer der Hauptakteure unter den impressionistischen Malern geworden. In jedem Fall ist er DER Mäzen und Magnet für amerikanische Künstlerinnen und Künstler in Paris. In seinem Atelier muss man ausgestellt werden. Er veranstaltet jeden Frühling eine Ausstellung, und wenn er deine Arbeit aufnimmt, bist du DRIN! Gus hofft selbstverständlich, dass er sie aufnimmt. Sie hat jüngst ein paar wirklich interessante Leinwände gemalt, obwohl ich glaube, dass sie vielleicht ein bisschen zu sehr Avantgarde ist für Traditionalisten wie Reynold Bryce. Gus sagt, sie sei sich nicht sicher, ob sie eine Fauvistin, Kubistin oder Modernistin sei, aber sie ist begeistert, unter Künstlern zu sein, die es wagen, so kühn zu malen wie sie. In einer Bar haben wir einen recht verwegenen jungen Spanier kennengelernt. Sein Name ist Pablo Picasso und er sagte, dass Gus’ Arbeit vielversprechend sei. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Gleiche über sein Geschmiere sagen kann – überaus seltsam.

Apropos junge Maler: Wir haben gerade eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Du erinnerst dich, dass es Gus’ Cousin war, der uns überhaupt nach Paris gelockt hat? Nun, wie sich herausstellt, habe ich ebenfalls einen Verwandten hier – einen entfernten Cousin. Als wir im Begriff waren, nach Paris aufzubrechen, erzählte meine Mutter mir, dass wir Familienmitgliedern hätten, die sich dort niedergelassen haben, nachdem die Familie dem Aufruhr in Osteuropa entfloh. Mein Großvater kam nach Amerika und die Familie meines Großonkels ging nach Paris. Mama hatte keine aktuelle Adresse, aber ihr Nachname sollte wie unserer Goldfarb sein. Ich habe bei verschiedenen Synagogen nachgefragt, aber nichts erreicht – tatsächlich haben die Pariser Juden nicht gerade den roten Teppich ausgerollt. Nun, ich gebe zu, dass ich weder aussehe wie die gute, traditionelle Jüdin, noch meine Religion praktiziere, aber es stellte sich heraus, dass die Ursache für ihre Vorsicht mehr mit der gegenwärtigen Welle von Antisemitismus zu tun hat, die über die Stadt geschwappt ist und zur schrecklichen Behandlung von Captain Dreyfus geführt hat – fälschlicherweise eingesperrt und auf die Teufelsinsel gebracht, hauptsächlich wegen seiner Religion.

Da wir das gehört haben, sind wir uns nicht sicher, wie lange wir bleiben werden, auch wenn in der unbürgerlichen Gemeinschaft von Künstlerinnen und Schriftstellern Rasse, Geschlecht oder gar Aussehen keine Rolle spielen. Talent ist alles, was zählt. Du wirst erstaunt sein, zu erfahren, dass ich die Erste von uns war, deren Talent gewürdigt wurde. Wir sind zu einer Soiree gegangen, auf der alle angehalten wurden, ein Gedicht zu schreiben. Ich habe meines mit großer Beklemmung vorgelesen, aber es wurde für gut befunden. Bei dieser Zusammenkunft war ich augenblicklich von einem jungen Mann mit einem interessanten Gesicht und seelenvollen dunklen Augen angezogen – eindeutig auch ein Jude. Wir haben angefangen, Informationen über unsere Vorfahren auszutauschen, und siehe da, er entpuppte sich als mein lange verschollener Cousin Maxim Noah. Anscheinend war seine Mutter eine Goldfarb. Seine Eltern sind tot und er lebt mit Künstlerfreunden in einem Atelier auf dem Hügel Montmartre. Und die Dichter, die ich kennengelernt habe, haben mich eingeladen, mich ihrer Gruppe anzuschließen. Es scheint, dass Lyrik in dieser Stadt so wichtig ist wie Malerei. Hast du dir je vorgestellt, dass so ein Ort auf der Welt existieren könnte? Wenn die antisemitische Geisteshaltung nicht wäre und wir unseren entzückenden Patensohn Liam nicht vermissen würden, würden wir vielleicht nie wieder nach Hause kommen wollen!

Aber ich schweife ab. Wie ich erwähnt habe, lebt Maxim mit anderen jungen Künstlern im ländlichen Teil von Montmartre und er hat uns eingeladen, ihn zu besuchen. „Primitiv“ ist schwerlich das Wort, um es zu beschreiben, meine Liebe. Keine Heizung, kein fließendes Wasser, nur eine Gruppe junger Männer, die malen, erschaffen und diskutieren. Maxim schlug uns vor, dass Gus und ich in die Nähe ziehen sollten, aber ich habe darauf hingewiesen, dass wir nicht mehr 18 Jahre alt sind und dass zivilisierte New Yorkerinnen eine Heizung und ein tägliches Bad brauchen.

Aber da wir endlich Verbindung zu Künstlern in der Stadt hergestellt haben, wollten wir näher an den Mittelpunkt der gegenwärtigen Kunstwelt. Wir haben endlich in der Gegend eine Bleibe für uns gefunden, die unseren Anforderungen entspricht. Unsere bisherige Unterkunft war in einer eher vornehmen Gegend in der Nähe der Seine – aus einigen Gründen zu bevorzugen, aber zu weit entfernt von der aufregenden Welt der Kunst. Außerdem war die Vermieterin eine alte Schachtel, die etwas gegen den Geruch von Farbe hatte und dagegen, dass wir so lange aufblieben. Also haben wir etwas gefunden, das wir für einen wundervollen Kompromiss halten … ein Atelier im obersten Stock in einer Straße in der Nähe des Pigalle. Nicht so primitiv wie die Straßen weiter den Hügel hinauf und gnädigerweise in der Nähe einer Station der Métropolitain – ja, liebe Molly, sie habe hier eine ganz und gar gut funktionierende U-Bahn, die das Fahren durch die Stadt schnell und einfach macht. Es gibt bereits drei Linien, und weitere sind im Bau.

Wie du an der Adresse oben auf dem Brief erkennen kannst, ist unser neues Zuhause in der Rue des Martyrs. Ich muss gestehen, dass wir sie wegen ihres Namens ausgesucht haben. Gus hat sich wahnsinnig gefreut, ein Teil der Märtyrer zu sein – sie sagte, sie hätte immer gewusst, dass sie ihrer Kunst wegen würde leiden müssen! Die Straße selbst ist eine gute Mischung aus Läden und Wohnhäusern, lebhaft, aber nicht zu lärmend. Wir können die Vorteile der kleinen Cafés rund um Pigalle nutzen und doch dem Trubel entfliehen, indem wir fünf Stockwerke zu unserem kleinen Nest hinaufsteigen, dessen Balkon uns einen Blick auf die neue Kirche erhaschen lässt, die an der Spitze von Montmartre gebaut wird. (Wir sehen sie nur, wenn wir uns weit genug hinauslehnen.) Du würdest es hier lieben. Bekommen Polizisten je wegen guter Führung frei? Würde Daniel je in Betracht ziehen, nach Europa zu reisen? Falls nicht, überrede ihn, es eine Weile ohne dich auszuhalten. Du weißt, dass wir für deine Fahrkarte bezahlen würden, falls das ein Problem sein sollte. Wir sehnen uns danach, unseren hinreißenden Liam zu sehen. Er muss so groß geworden sein, seit wir uns von dir getrennt haben. Denk an die kulturellen Möglichkeiten, die es mit sich brächte, wenn Liam in jungen Jahren Paris ausgesetzt wäre. Gus sagt, wir werden dich so lange belästigen, bis du zustimmst, zu kommen. Es ist zu schön, atemberaubend und aufregend hier, um es mit niemandem, zu teilen.

Gus schickt ihre liebsten Grüße, so wie ich, und einen dicken Kuss für den lieben Liam.

Deine Freundin Elena (Sid)

Ich schloss die Augen, genoss das Gefühl des warmen Sonnenscheins auf meinem Gesicht und versuchte, mir Paris vorzustellen. Dann war ich plötzlich wieder in Irland und saß mit Miss Vanessa und Miss Henrietta im Schulzimmer des Haupthauses. Als ich zehn Jahre alt gewesen war, hatte ich ihre Mutter, Mrs. Hartley, mit meiner Eloquenz und Dreistigkeit ziemlich beeindruckt, und sie hatte mich eingeladen, mich dem Unterricht ihrer Töchter anzuschließen. Die beiden hielten eindeutig nicht viel von dieser Idee und gaben mir nie das Gefühl, willkommen zu sein, aber ihre Gouvernante war erfreut, eine so wissbegierige Schülerin zu haben. An diesem Tag erzählte sie uns von einer Reise nach Paris, die sie unternommen hatte. Ich löcherte sie gerade mit Fragen über den Louvre und Notre Dame, als Miss Vanessa unsere Diskussion unterbrach.

„Ich verstehe nicht, wieso wir darauf Zeit verschwenden. Es ist ja nicht so, als wäre es wahrscheinlich, dass du je nach Paris gehst, Molly“, hatte sie verletzend gesagt und ihre Schwester hatte gekichert, als wäre es ein großartiger Witz gewesen.

Plötzlich wehte eine kalte Brise über den Platz und riss mir beinahe das Papier aus den Händen. Ich hob den Blick und erkannte, dass Aggies Vorhersage richtig gewesen war. Dunkle Wolken rasten vom Hudson her in die Stadt. Es würde regnen, ehe der Tag vorüber war. Ich faltete den Brief und steckte ihn zurück in seinen Umschlag, dann stand ich auf. Ich sollte mich beeilen und die Einkäufe für das Abendessen jetzt machen, nicht erst später am Tag. Liam schlief friedlich, als ich den Kinderwagen nach Hause schob. Ein weiterer Windstoß schickte Sprühwasser vom Brunnen in unsere Richtung. Und dann war es beinahe wie eine Vision zu haben: Ehe Sid und Gus nach Paris aufgebrochen waren, hatten sie mich zu einer Ausstellung impressionistischer Gemälde in einer New Yorker Galerie mitgenommen. Ich hatte die Gemälde entzückend hell, frisch und frei gefunden, obwohl andere, die sie betrachteten, ausgerufen hatten, dass es schockierendes Geschmiere ohne Inhalt gewesen sei. Jetzt, da ich zurück über den Platz blickte, war es, als sähe ich eines dieser impressionistischen Gemälde eines Parks in Paris – ein junges Mädchen, das ihren weißen Strohhut festhielt, während die roten Schleifen im Wind wehten, ihr kleiner Bruder einem roten Ball hinterherrannte, Tauben hoffnungsvoll pickten und Ahornbäume ausschlugen und getupften Schatten auf die gekiesten Wege warfen. Ich lächelte wehmütig, als ich weiterging. Näher als bei einer solchen Szene auf dem Washington Square würde ich Paris vermutlich nicht kommen.

Zwei

Als wir zum Patchin Place zurückkehrten, hatten die Wolken beinahe die Sonne verschlungen. Die holprige Fahrt über das Kopfsteinpflaster weckte Liam und seine lauten Schreie ließen mich wissen, dass er erwartete, bald wieder gefüttert zu werden. Ich spürte, wie meine Brüste darauf reagierten. Bei mir gab es kein neumodisches Füttern mit der Flasche, auch wenn meine Schwiegermutter mir gesagt hatte, dass es hygienischer sei und dass Damen mit Format ihre Säuglinge nie stillten. Ich hatte meine Entscheidung keinen Augenblick bereut, aber die ersten kleinen, scharfen Zähne ließen mich darüber nachdenken, ob es vielleicht eine gute Idee war, abzustillen.

„Ich bin zu Hause, Aggie“, rief ich und hielt im Flur inne, um Hut und Mantel auszuziehen.

Ihr erschöpftes, kleines Gesicht erschien aus der Küche. „Die Wäsche hängt draußen, Mrs. Sullivan, aber wer kann sagen, wie lange?“

„Wie gewöhnlich hattest du recht mit dem Wetter“, sagte ich. „Die Regenwolken ziehen bereits auf.“

„Vielleicht war mir deswegen den ganzen Morgen über so kalt“, sagte sie. „Könnte sein, dass ein heftiger Sturm kommt.“ Liam unterbrach diese Unterhaltung mit weiterem Schreien. Aggie wollte ihn aus dem Kinderwagen heben, aber ich hielt sie davon ab.

„Es ist in Ordnung. Er hat Hunger. Ich bringe ihn rauf ins Kinderzimmer.“

Liam streckte seine Hände nach mir aus, weil er hochgehoben werden wollte. Mir fiel auf, wie schwer er war, als ich ihn mir auf die Hüfte setzte. „Ich werde deine Rationen reduzieren, mein Junge“, sagte ich. „Du wirst zu groß.“

„Sagen Sie sowas nicht, Mrs. Sullivan“, sagte Aggie. „Wir haben in meinem Zuhause nie genug zu essen bekommen. Sie wissen nicht, wie das ist.“

„Nein, das weiß ich nicht“, sagte ich und sah sie voller Mitleid an. „Es ist beinahe Mittagszeit. Wärm etwas von dem Eintopf auf. Ich habe ein gutes Kotelett für Captain Sullivans Abendessen gekauft, falls er heute Abend rechtzeitig zum Essen nach Hause kommt.“

„Oh, das erinnert mich an etwas“, sagte Aggie. Ich hielt auf halbem Weg nach oben auf der Treppe inne und drehte mich zu ihr um. „Ein Mann war heute Morgen hier und fragte nach Captain Sullivan.“

„Was für ein Mann? Ein Polizist?“

„Oh, ich glaube nicht.“ Sie kaute auf ihrer Lippe. „Ein südländischer Typ. Ausländer.“

„Was wollte er?“

„Er fragte lediglich, wann Captain Sullivan voraussichtlich zu Hause sein würde. Ich sagte ihm, dass ich das nicht sagen könne, und dass Captain Sullivan keine regelmäßigen Arbeitszeiten habe. Dass wir ihn in letzter Zeit kaum zu sehen bekommen hätten. Dann fragte er nach Ihnen und ich sagte, Sie seien bald zurück.“

„Hast du gefragt, ob du eine Nachricht aufnehmen kannst?“, fragte ich.

„Habe ich. Und er sagte, er müsse die Nachricht Ihnen und dem Captain persönlich überbringen, also würde er zurückkommen, wenn Sie beide zu Hause wären.“

„Wie seltsam“, sagte ich. „Ausländer? Ich wüsste nicht, wer das sein soll.“

„Mir gefiel sein Anblick nicht“, sagte Aggie. „Er hatte verschlagene Augen.“

Ich lächelte. „Du glaubst, alle Ausländer haben verschlagene Augen. Vielleicht kennt Daniel ihn.“

Ich lief weiter die Treppe rauf. Ich fütterte Liam und legte ihn für sein nachmittägliches Nickerchen hin. Der Regen setzte gegen drei Uhr ein und wir beeilten uns, die Wäsche von der Leine hereinzuholen. Der Rest des Tages verlief ohne Zwischenfall. Ich las bei einer Tasse Tee am Nachmittag noch einmal Sids Brief und teilte die interessanten Passagen mit Aggie. Sie war gebührend beeindruckt. „Man stelle sich vor, um die halbe Welt zu reisen und dann zufällig einem lange verschollenen Cousin zu begegnen“, sagte sie. „Und ein gutaussehender noch dazu. Vielleicht verlieben sie sich und heiraten.“

„Ich glaube kaum, dass das passieren wird“, sagte ich und lächelte über ihre Naivität. Sid und Gus lebten als Paar direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, andererseits hatte ich die Wahrheit über ihre Beziehung auch nicht gleich erkannt, als ich sie kennengelernt hatte. Solche Dinge waren auch außerhalb meines Erfahrungshorizonts gewesen.

Die Dunkelheit brach früh herein und der Wind heulte im Schornstein. Ich bereitete unser Abendessen vor und legte Daniels Kotelett zum Grillen bereit, in der Hoffnung, dass er vielleicht dieses eine Mal zum Abendessen zu Hause sein würde. Dann, um etwa halb sieben, wurden meine Gebete erhört. Die Haustür öffnete sich, ein Schwall kalter Luft schlug uns durch den Flur entgegen, Daniel kam mit vom Wind geröteten Wangen herein und rieb die Hände aneinander.

„Es ist wie im Winter da draußen“, sagte er. „Zum Glück hat der Regen nachgelassen. Ich dachte, ich würde auf dem Weg nach Hause durchweichen.“ Er sah sich in der Küche um. „Wo ist mein Lieblingssohn?“

„Aggie bringt ihn gerade ins Bett“, sagte ich.

„Gut. Ich hatte gehofft, ihn ausnahmsweise einmal wach zu erwischen.“ Er wickelte seinen Schal ab, ließ ihn auf einen Stuhl fallen und stieg die Treppe hinauf. Ich hörte seine laute Stimme und das erfreute Kreischen eines Säuglings und lächelte vor mich hin, während ich sein Kotelett auf den Ofen stellte. Als er wieder auftauchte, war sein Abendessen fertig.

„Was für ein herrlicher Anblick“, sagte er, als ich den Teller vor ihm abstellte. „Es fühlt sich an, als wäre es die erste anständige Mahlzeit seit Wochen.“

„Du warst nie zum Essen zu Hause“, sagte ich.

Er nickte mit vollem Mund. „Es war eine anstrengende Zeit“, sagte er schließlich.

„Schwieriger Fall?“

„Mehr ein Krieg als ein Fall“, sagte er. „Der Commissioner hat entschieden, dass die Zeit gekommen sei, Stellung gegen die italienische Gang zu beziehen, die die Lower East Side terrorisiert.“

„Du meinst die Cosa Nostra?“

„So nennen sie sich, ja. Und wir dachten, die Eastmans wären übel. Die Eastmans sind nichts im Vergleich zu diesen neuen Jungs. Schutzgeld, Erpressung – all das übliche Zeug –, aber zuwege gebracht mit unglaublicher Gewalt und Unbarmherzigkeit. Jeder, der sie verrät, wird mit von Ohr zu Ohr aufgeschlitzter Kehle aufgefunden. Und sie zögern nicht, Rache zu üben an allen, die ihnen im Weg stehen.“

„Wie hast du vor, sie aufzuhalten?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ob wir das überhaupt können. Wir können sie bremsen, aber neue italienische Immigranten strömen pausenlos in die Stadt, also bekommen sie ununterbrochen neue, willige Mitglieder. Aber der Commissioner sagt, wir müssen ihnen ein Ende setzen, ehe sie zu mächtig werden, also müssen wir es versuchen. Gerade haben wir ihr hohes Tier hinter Gittern und ich glaube, wir haben genug gegen ihn in der Hand für eine Verurteilung, trotz des Mangels an Zeugen, die gewillt sind, gegen ihn auszusagen. Wir werden sehen, ob er es schafft, sich aus der Sache herauszuwinden.“

Dann aß er weiter.

„Ich habe heute zwei Briefe bekommen“, sagte ich und versuchte, das Thema auf fröhlichere Dinge zu lenken. „Einen von deiner Mutter – du errätst nie, was sie vorhat.“

„Sie hat einen neuen Weg gefunden, Marmelade zu kochen, oder sie hat wieder Leute zum Kaffee eingeladen?“ Er sah grinsend auf.

„Nein, sie ist unterwegs auf einer Reise gen Westen, mit ihrer Freundin Letitia Blackstone. Sie besuchen Letitias Tochter – die, deren Ehemann eine Brücke über den Mississippi baut.“

„Guter Gott“, sagte Daniel. „Mutter auf einer Reise nach Westen? Ich glaubte, eine Reise von Westchester in die Stadt zählte für sie bereits als lange Reise. Ich hoffe, ihre Gesundheit ist dem gewachsen.“

„Sie ist so stark wie ein Ochse, Daniel. Und es wird ihr guttun. Sie nimmt Bridie mit, um Gesellschaft zu haben.“

„Erstaunlich.“ Daniel aß weiter. „Ich schätze, es ist zu spät, um sie umzustimmen?“

„Warum sie aufhalten? Reisen erweitert den geistigen Horizont. Man braucht Abenteuer.“

„Ich schätze, du hast recht.“

„Und der andere Brief war von Sid.“ Ich hielt ihn hoch. „Sie haben eine wundervolle Zeit in Paris. Sid hat einen lange verschollenen Cousin gefunden und angefangen, Gedichte zu schreiben. Gus wurde Reynold Bryce vorgestellt–“

Daniel grinste. „Ich hätte nicht gedacht, dass Gus in einem Stil malt, den er zu würdigen wüsste. Hat er nicht all diese Porträts dieses engelsgleichen Kinds gemalt, von denen in der Hälfte aller Kinderzimmer in Amerika Kopien hängen?“

„Er hat sich weiterentwickelt und ist Impressionist geworden, habe ich gehört.“

„Aber Gus ist sicher keine Impressionistin.“ Daniel kicherte. „Ich bin mir nicht sicher, wie man ihre Malerei beschreiben sollte. Schlecht, würde ich sagen, aber ich schätze, du würdest ihr zur Seite springen.“

„Es ist nicht mein Fall“, sagte ich, während Loyalität und Ehrlichkeit miteinander rangen, „aber ich bin keine qualifizierte Kunstkritikerin. Ich glaube nicht, dass wir moderne Kunst gänzlich zu würdigen wissen, wie etwa die Bilder, die Gus malt.“

Daniel schnaubte, hob sein Glas und trank einen großen Schluck Bier. „Nun, gut für sie. Wenigstens haben sie Spaß und halten sich von Dummheiten mit dieser verdammten Suffragetten-Bewegung fern.“

„Sid wollte wissen, ob Polizisten je frei bekommen, um zu reisen“, sagte ich. „Sie und Gus wollen, dass wir uns ihnen anschließen.“

„Nach Paris reisen? Mit dem Gehalt eines Polizisten?“ Daniel lachte. „Diese Frauen haben keine Ahnung, wie es ist, in der echten Welt zu leben.“

Ich entschied, nicht hinzuzufügen, dass Gus angeboten hatte, meine Reise zu bezahlen, sofern nötig. Das würde lediglich Daniels Stolz verletzen.

„Ich bin ehrlich gesagt ziemlich froh, dass sie eine Weile weg sind“, sagte er. „Das gibt dir die Gelegenheit, dich auf deinen Ehemann und deinen Sohn zu konzentrieren, und dir nicht noch mehr alberne Ideen einfallen zu lassen.“

„Daniel Sullivan, wage es ja nicht, so mit mir zu reden“, sagte ich wütend. „Ich finde es großartig, eine Ehefrau und Mutter zu sein, aber ich lasse mir so viele albernen Ideen einfallen, wie ich will, danke vielmals.“

Er lachte erneut. „Ich liebe es, wenn du wütend bist. Tatsächlich hatte ich in letzter Zeit Angst, dass du zu sanftmütig wirst. Nicht die wilde Molly aus Irland, in die ich mich verliebt habe.“

„Wenn du noch weitere herablassende Dinge zu mir sagst, wirst du herausfinden, wie wild ich noch bin, das garantiere ich dir“, sagte ich und blickte ihn herausfordernd an, was ihn nur noch mehr lachen ließ. Ich ging um den Tisch herum zu ihm, er packte mein Handgelenk und zog mich zu sich herunter. „Und ich hätte auch gegen einen guten Ringkampf nichts einzuwenden“, sagte er, sein Gesicht nur wenige Zoll von meinem entfernt. „Ich war die letzten Wochen so beschäftigt, dass wir kaum einen guten …“

Plötzlich zerbrach irgendwo vorne im Haus Glas. Daniel und ich trennten uns und waren augenblicklich auf den Beinen. „Was zur Hölle–“, hob Daniel an, während er auf den Flur zuging. Er hatte gerade die Küchentür erreicht und ich folgte ihm auf dem Fuße, als es einen gewaltigen Knall gab. Eine heftige Explosion riss mich von den Füßen und presste mir sämtliche Luft aus der Lunge. Während ich rückwärts geschleudert wurde, sah ich eine Wand aus Flammen auf mich zurasen, ehe ich mit dem Kopf gegen die Wand krachte. Ich sah Sterne, während mich eine Welle des Schmerzes überflutete, und ich glaube, ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu Sinnen kam, lag ich von Trümmern bedeckt da. Meine Ohren klingelten, mir war schwindelig und ich rang immer noch nach Luft. Ich stieß einen Stuhl von mir und etwas, das sich anfühlte wie große Stücke Putz, und kämpfte mich auf die Beine. Die Luft war so von Rauch und Staub erfüllt, dass es mir schwerfiel zu erkennen, wo ich war.

Ich spürte die Kante des Küchentischs, der aus solider Kiefer war und noch stand, und bewegte mich drum herum. In der Dunkelheit konnte ich das Knistern von Flammen hören, aber sonst kein Geräusch. Irgendwo in dieser schwarzen und verrauchten Hölle waren mein Ehemann und mein Sohn.

„Daniel!“ Ich versuchte zu rufen, aber meine Stimme klang kratzend, wie das Krächzen eines Vogels. Ich schob mich vorwärts. „Daniel!“, versuchte ich es erneut. Das Licht des Feuers oder vielleicht von der Straßenlaterne draußen warf ein unwirkliches Glühen durch den dichten Rauch. Wo der Flur gewesen war, lag jetzt ein rauchender Haufen Schutt, und darunter erspähte ich Daniels Fuß. Mit äußerster Verzweiflung warf ich einen Brocken Putz nach dem anderen beiseite, Glasscherben, Stücke von dem, was einmal der Kleiderständer gewesen war, ein Haken, auf dem immer noch mein neuer Hut hing.

„Daniel.“ Ich fiel neben ihm auf die Knie und drehte ihn herum. Sein Gesicht war schwarz wie das eines Schornsteinfegers, mit einer schrecklichen Schnittwunde auf der Stirn. Seine Jacke war fortgerissen worden und sein Hemd zerfetzt. Ich hob ihn sanft hoch und wiegte seinen Kopf in meinen Händen. „Daniel, bitte wach auf.“

Ich tastete nach seinem Handgelenk und war erleichtert, als ich einen Herzschlag spürte. Also noch am Leben. Muss ihn befreien. Raus hier. Ich zog ihn zurück in die Küche, öffnete die Hintertür und ließ kalte Luft herein. Ich konnte keine Sekunde länger warten um zu sehen, ob er aufwachen würde. Alles, woran ich denken konnte, war Liam. Er hatte oben in seinem Kinderbett gelegen, im Kinderzimmer auf der Vorderseite des Hauses. Während ich einen Weg über die Trümmer im Flur suchte, hörte ich Husten hinter mir, Fluchen und Stöhnen. Daniel saß aufrecht, eine Hand auf der Brust, und versuchte zu atmen.

„Daniel.“ Ich eilte zu ihm zurück. „Steh auf. Hilf mir. Liam ist oben. Alles brennt.“

Er kämpfte sich auf die Beine. „Liam“, keuchte er und kam mir nach. Wir liefen den Flur hinunter und stolperten umher wie zwei Betrunkene in einer Samstagnacht. Als wir die Stelle erreichten, wo die Stufen hätten sein sollen, war dort nur ein klaffendes Loch und die oberen Stufen hingen aberwitzig im Nichts.

„Mein Sohn ist dort oben!“, schrie ich, als meine Stimme zurückkehrte. „Und Aggie. Aggie!“ Ich rief ihren Namen. Die einzige Antwort war das Knistern der Flammen und das Knirschen eines Balkens.

„Hol Hilfe“, sagte ich und zog an seinem Arm. „Hol die Feuerwehr. Eine Leiter.“

Wie ein Roboter lief Daniel auf das Loch zu, wo die Eingangstür gewesen war. Ich folgte ihm und spürte den willkommenen Regen auf mir. Draußen versammelte sich eine Menge. Ich konnte Gesichter sehen, die vom unheimlichen, roten Glühen des Feuers erleuchtet waren.

„Mein Kind!“, schrie ich und rannte zur nächsten Gestalt in der Dunkelheit. „Mein Kind sitzt da oben in der Falle. Holen Sie die Feuerwehr.“

„Ich hole eine Leiter“, meldete sich die Stimme eines Mannes.

„Keine Zeit für sowas.“ Daniel zog sich bereits auf ein Fensterbrett. „Helft mir hoch, Jungs.“

„Sie wollen nicht dort rauf. Es brennt alles“, rief jemand.

„Mein Sohn ist da oben“, sagte Daniel verbissen. „Helfen Sie mir.“

„Daniel, nein!“, rief ich. „Sei vorsichtig.“

Zwei stämmige Männer halfen Daniel auf die Oberseite des Fensterrahmens und ich sah zu, wie er seine Hände nach dem oberen Fenster ausstreckte. Das Glas war zerbrochen und Flammen züngelten heraus. Jemand hatte eine Eimerkette gestartet, im jämmerlich zwecklosen Versuch, das Feuer zu löschen. Jedes Mal, wenn ein Eimer Wasser durch ein zerbrochenes Fenster geschüttet wurde, ertönte ein zischendes Geräusch und Dampf stieg auf, aber das Feuer ließ nicht nach. Ich sah Daniel zu, wie er sich hineinzog, wollte gleichzeitig, dass er ging und nicht ging. Mein Herz hämmerte. Ich stellte fest, dass ich immer noch den Atem anhielt. In der Entfernung hörte ich die Glocken eines Löschfahrzeugs, das von der Feuerwache am Jefferson Market kam. Dann trommelten Pferdehufe über das Kopfsteinpflaster und Rufe ertönten: „Aus dem Weg! Bahn frei!“

Ein Löschfahrzeug erschien am Anfang unserer Gasse. Ein Pferd wurde abgeschirrt. Es schien alles in Zeitlupe zu passieren, während die Feuerwehrmänner auf uns zu rannten.

„Was ist passiert?“

„Es gab eine Explosion“, sagte jemand in der Menge.

„Ist die Gasleitung hochgegangen? Hat jemand das Gas eingeschaltet und vergessen, es zu entzünden?“

Wasser zielte nun auf die Vorderseite des Hauses und schickte einen Vorhang aus Dampf und Rauch in die Höhe, der das Fenster verdeckte, durch das Daniel verschwunden war.

Ich packte einen Feuerwehrmann. „Mein Ehemann ist dort oben“, sagte ich. „Und mein Säugling und das Kindermädchen.“

Eine Leiter wurde an die Wand gestellt. Einer der Feuerwehrmänner kletterte hinauf und ich hörte ihn sagen: „Hier drüben, Sir. Kommen Sie, ich hole Sie raus.“

Ein geschwärzter, angesengter Daniel erschien im Fenster und umklammerte mit den Armen ein in eine Decke gehülltes Bündel. Er reichte es dem Feuerwehrmann, dann ließ er sich auf die Leiter nieder und kam herunter. Ich schob mich an den Feuerwehrleuten vorbei und rannte, um das Bündel zu packen.

„Mein Baby“, konnte ich mich selbst schluchzen hören, als ich Liam aus den Armen des Feuerwehrmannes riss. „Geben Sie mir mein Baby.“

„Einen Augenblick, Missus. Schauen wir mal nach, ja?“ An seinem Tonfall konnte ich erkennen, dass er mir den Anblick meines Kindes ersparen wollte, verbrannt und tot. Ich öffnete die Decke. Ein Paar verängstigter Augen blickten zu mir herauf, Liam streckte seine kleinen Arme nach mir aus und stieß ein lautes Wimmern aus. Ich packte ihn und drückte ihn eng an mich, während er an meiner Wange weinte. Daniel schloss sich uns an und umschlang uns beide in einer festen Umarmung.

„Aggie“, sagte ich und erinnerte mich plötzlich. „Unsere Bedienstete ist noch immer dort oben.“

Daniel berührte sanft meine Schulter. „Sie ist tot, Molly“, sagte er leise.

„Bist du dir sicher? Sie ist vielleicht nur bewusstlos.“ Ich konnte meine Stimme hören, die kurz davor war, hysterisch zu klingen. „Jemand sollte sie retten.“

Daniel legte mir einen Arm um. „Sie ist gestorben, weil sie Liam beschützte. Ich habe sie über ihm zusammengekauert gefunden. Sie hat offensichtlich versucht, ihn in Sicherheit zu bringen, als ein Dachsparren auf sie stürzte. Liam lag in seine Decke gewickelt und so gut wie unverletzt unter ihrem Körper.“

Erst jetzt erlaubte ich es mir, zu weinen.