Leseprobe Mord mit Schuss

Anmerkung der Autorin

Alex Duggins ist nicht das Mädchen von nebenan. Auf den ersten Blick könnte sie so wirken – aber nur, bis man sie besser kennenlernt. Die Pubbesitzerin, Grafikerin und Tierfreundin Alex kehrte in ihr kleines Heimatdorf Folly-on-Weir zurück, um sich nach ihrer Scheidung sammeln zu können. In den idyllischen Cotswold Hills, wo sie aufwuchs, würde sie gewiss Frieden finden.

Weit gefehlt, doch Sie werden mehr über Alex’ Prüfungen, Triumphe und knappen Begegnungen mit der Katastrophe erfahren, während Sie Mord mit Schuss lesen.

Als ich dieses Buch vor einem Jahr vollendet hatte, und bereits wusste, dass es Teil einer Reihe sein würde, brachte ich es im Rahmen eines kleinen Print-on-demand-Programms heraus. Das war ein Versuchsballon, da ich mich nach so vielen Büchern mit amerikanischem Setting jetzt erstmals britischen Kriminalromanen widmete.

Ich war begeistert, als Severn House mit dem Plan an mich herantrat, Alex Duggins für ein breiteres Publikum zu veröffentlichen. Nichts wärmt das Herz einer Autorin mehr, als einen guten Verlag zu haben, der „auf den Trichter gekommen ist“, und besser noch: die Geschichte liebt!

Prolog

Wie lange hatte es gedauert, ein Leben für immer zu verändern? Eine Minute, neunzig Sekunden – die er zuhörte und kaum verstand, während zwei Männer seine junge Unschuld zerstörten und ein weiteres Kind sterben ließen?

Nach diesem Tag war nichts mehr wie zuvor. All die folgenden Tage und Jahre hatten zu dieser Nacht der Hoffnung und Angst geführt.

„Komm schon, Bogie, bei Fuß“, rief Dominic. „Wir erfrieren, wenn wir nicht in Bewegung bleiben.“

Er konnte den Hund in der Dunkelheit überhaupt nur sehen, weil sich sein dunkelgraues Fell von der wachsenden Schneedecke unter ihren Füßen abhob. Die Flocken wurden mit jedem Augenblick dicker.

Bruder Dominic hielt an und beobachtete Bogie, der in Zeitlupe, einem winzigen Turnierpferd gleich, herantrottete und jede Pfote anhob, als würde sie brennen.

„Na gut, wir wärmen uns gegenseitig ein wenig.“ Er hob seinen kleinen, grauen Kameraden hoch und schob ihn in den alten Tweedmantel. „Jetzt müssen wir aber weiter. Das ist ein geliehener Mantel und ich muss ihn Percy zurückbringen.“

Mit dem Hund zu sprechen, war ein Genuss, den sich Dominic für Momente aufbewahrte, in denen die beiden allein waren. Er lächelte bei dem Gedanken. Sie waren selten so allein wie jetzt, mitten in der Nacht auf diesem Hügel in den Cotswold Hills, die bei Tageslicht so spektakulär waren, doch so erbarmungslos, wenn jeder Schritt ein Glaubensakt war.

Er hatte sich die Kapuze seiner Kutte übergezogen, um seinen Kopf zu bedecken und ein wenig die Kälte abzuwehren. Der alte, braune Stoff war bereits durchnässt und fror langsam ein.

Die Stille wirkte vollkommen. Außer wenn ein Windstoß eisige, blattlose Äste aneinanderstoßen ließ.

Kein einziges Fahrzeug war ihm auf dieser schmalen Straße begegnet, die sich vom winzigen Dorf unter ihm den Hügel hinaufzog. Es gab hier einige verstreute Gehöfte, alle mit Verbindungswegen zur Straße. Doch die Menschen dort lagen mittlerweile vermutlich schlafend in den Betten.

Von der Straße aus war keines dieser Gebäude zu sehen.

Bogie kroch näher heran und presste seine feuchte Schnauze an Dominics Hals.

Der Wind frischte auf und wehte ihm direkt entgegen. Er lehnte sich hinein und schob sich weiter voran. Der Schnee wurde ihm ins Gesicht geblasen und sammelte sich in seinem Kragen.

Er verschränkte die Arme über dem Hund und schob die nackten Hände unter die Arme.

Es musste getan werden.

Alte Fehler mussten richtiggestellt, mit Lügen rasch aufgeräumt werden, um des Friedens willen; seines eigenen mehr als dem der anderen Beteiligten. Die Herausforderung bestand darin, Geheimnisse ans Licht zu bringen, ohne Unschuldige in Mitleidenschaft zu ziehen.

Sein Glaube hätte ihm die Angst um sein eigenes Leben nehmen sollen, doch er war immer noch ein Mensch. Und sein erster Versuch der freundschaftlichen Kontaktaufnahme war nicht gut ausgegangen.

Unter ihm lag das Dorf Folly-on-Weir, doch er konnte nur wenige nadelkopfgroße erleuchtete Fenster ausmachen.

Ein Licht hüpfte den Hang hinauf und kam recht nah, wie er fand. Er hielt an. Es sah nach dem Licht einer Laterne aus, die sich in der Hand eines Menschen hob und senkte.

Weg war es.

Vor sich sah er nur den dunklen Umriss des Waldes, der hier an die Straße grenzte.

So konzentriert er auch hinsah, er bekam das hüpfende Licht nicht wieder zu Gesicht. Gesellschaft wäre ihm willkommen gewesen, doch er sollte nicht darauf hoffen.

Seit seiner letzten Schlafstatt war der Marsch lang und häufig mühsam gewesen.

Der Wind trug eine Stimme heran. Dominic blieb wieder stehen und lauschte angestrengt, doch seine Vorstellungskraft musste ihm einen Streich gespielt haben.

„Hilfe!“

Diesmal war es keine Einbildung. Die Stimme kam aus Richtung Wald und Bogie, der sich reckte, um etwas sehen zu können, nahm ihm die letzten Zweifel.

„… verletzt!“

Ohne zu zögern, verließ Dominic die Straße und schlug sich zum Wald durch. Der unebene Boden war tückisch und brachte ihn mehrfach zum Straucheln, doch er stapfte weiter, während ihm das Blut in den Schläfen pochte.

Die steife, nasse Kapuze fiel ihm in den Nacken.

Als er zwischen den Stämmen angekommen war, verlangsamten sich seine Schritte. Er musste Bogie absetzen und sich an Ästen festhalten, während er weiterlief.

„Oh, Gott sei Dank“, rief ein Mann. „Ich sehe Sie, kommen Sie weiter. Hier drüben.“

Dominic lief schneller, machte sich keine Gedanken um die Situation, die er vorfinden mochte, und schrie beinahe erleichtert, als er eine kauernde Gestalt sah.

Als sie nur noch ein Schritt voneinander trennte, erhob sich der Mann und hielt seine Taschenlampe so, dass Bruder Dominic ihn und die Tatsache, dass er sich zum Angriff bereitmachte, besser sehen konnte.

Er wusste, dass es zu spät war, doch er musste es mit Vernunft versuchen. „Warum sind Sie hier?“, fragte er.

„Ich sorge dafür, dass Sie keinen Schaden mehr anrichten können“, sagte der andere Mann. „Denn ich werde nicht zulassen, dass Sie alles verderben, Bruder. Sie hätten verdammt noch mal nicht herkommen dürfen.“

Eins

Zurückgezogen und friedlich.

Anfang des vergangenen Jahres war Alex Bailey-Jones aus London in die Cotswold Hills heimgekehrt, nach Folly-on-Weir, in der Absicht, sich in der vertrauten Umgebung zu vergraben und zu beschäftigen, um nicht in der Vergangenheit zu leben.

Bislang schlug sie sich gar nicht so schlecht, auch wenn sie einige neugierige Blicke derjenigen erntete, die sie einst bereitwillig zurückgelassen hatte.

Schnee bedeckte die gefrorenen Blätter und Zweige, die unter ihren Füßen knackten. Die Baumkronen über ihr waren kahl.

Jetzt fiel nur noch ein feiner, eisiger Schneewirbel. Sie blinzelte und drehte den Kopf zur Seite.

Der Wald lag auf einer Anhöhe über dem Dorf. Hier oben in den umliegenden Hügeln gab es Wohnhäuser und Gehöfte, jedes weit genug von den anderen entfernt, um nicht einsehbar zu sein.

Am höchsten Punkt im Westen stand, was die Einheimischen den Zahn nannten – die zerklüfteten Überreste des Tinley Towers, der Prunkbau, auch Folly genannt, dem das Dorf einen Teil seines Namens verdankte.

Die Welt wurde still.

Grauer Himmel hing erdrückend über weißgrauen Feldern und den Hügeln jenseits des Dorfes. Dünne Rauchfahnen, die sich über den Schornsteinen erhoben, und Lichter hinter kleinen Bleiglasfenstern zeugten davon, dass der Morgen in Folly-on-Weir früh begann. Wie auch die unvermeidlichen Hundebesitzer auf der Dorfwiese, ein paar abgehärtete, passionierte Menschen, die Bälle durch die klirrend kalte Luft warfen. Ihre fröhlichen Begleiter ließen sich von der Kälte offensichtlich nicht beeindrucken und rannten an dem langen Teich entlang.

Alex’ Atem hinterließ weißen Nebel in der Luft und sie schluckte schwer. Dankbarkeit und Traurigkeit waren eigenartige, aber vertraute Gefährten. Dies war ihre Zukunft, dieser Ort, und was immer sie hier aus ihrem Leben machen würde. Es war die einzige Zukunft, die sie wollte, und das Beste daraus zu machen, schien eine gute Gelegenheit zu sein, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Dreiunddreißig war ein gutes Alter, ein großartiges Alter, um auf einen Neuanfang zu hoffen.

Links des Dorfzentrums, verdeckt von einem Kamm, lag ein kleiner, schäbiger Bereich, bekannt als Underhill. Alex war dort bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, wenngleich sie in Folly-on-Weir zur Schule gegangen war, während Lily Duggins im einzigen Pub des Dorfs gearbeitet hatte, wie sie es auch heute noch tat.

Trotz des tristen Morgens präsentierten sich die Gebäude rund um den Schulhof in lieblichen, warmen und einladenden Steinfarben. Das Corner Cottage mit seinem Strohdach und dem einzelnen, zweistöckigen Giebel zog wie üblich Alex’ Blick auf sich. Vor einigen Jahren war sie endlich in der Lage gewesen, ihrer Mutter dieses kleine Eigenheim zu kaufen, und Lilys stille Freude machte sie beide glücklich.

Als sie aus dem Wald trat, blickte Alex zurück, zwischen den alten Buchenstämmen hindurch und vorbei an der mit Schnee verzierten Rinde jüngerer Bäume und Schösslingen. Die strengen Linien der Zweige und scharfen Dornenranken des Unterholzes hoben sich wie zerbrochene, schwarze Knochen vor dem bläulichen Schleier ab. Zu schade, dass Schock und Verlust nötig gewesen waren, um ihr die Augen für diese kleinen Schönheiten der Natur zu öffnen, die überall zu finden waren.

Sie bemerkte einen weiteren Farbton, grau, ganz flüchtig. Da und gleich wieder verschwunden. Der Atem blieb ihr im Halse stecken.

Etwas hatte sich bewegt.

Wahrscheinlich ein Hase oder eine Taube – vielleicht ein Wiesel. Die waren hier schon gesichtet worden.

Alex blickte mit zusammengekniffenen und tränenden Augen in den hellen Schnee und sah, dass sich der Schatten erneut bewegte. Er schien sich kurz zu erheben und sich dann wieder hinabsinken zu lassen, bis er außerhalb ihres Blickfelds war.

Tausend kleine Nadelstiche prickelten zwischen ihren Schulterblättern bis zu ihrem Nacken und ihren Haaransatz hinauf. Ihre eigene, ursprüngliche Warnung vor drohender Gefahr.

Sie zog den grünen Wollschal fester um den Kragen ihres schweren, schwarzen Mantels und schob sich die Kapuze etwas weiter über ihr kurzes Haar, ehe sie sich wieder dem Tal zuwandte. Es war Zeit zu gehen. Es hatte keinen Zweck, sich mit eingebildeten Geistererscheinungen aufzuhalten.

Das Black Dog Inn lag rechts von ihr, etwas zurückgesetzt von der Dorfwiese. Auf dem mit Laternen behangenen Vorplatz aßen und tranken die Menschen während eines Großteils des Jahres. Die bunten Lichter erzeugten jetzt wie jeden Morgen ein einladendes Funkeln, ungeachtet des Wetters.

Sie roch den schwachen Duft eines Holzfeuers.

Meistens lief Alex morgens zu Fuß den Hügel hinunter zur Arbeit, doch ab und zu fuhr sie mit ihrem Land Rover über die schmale Straße zwischen dem Dorf und den Gebäuden in den Hügeln – wenn sie in das nahe gelegene Bourton-on-the-Water, Broadway oder noch weiter weg musste.

Das Black Dog gehörte jetzt ihr; tatsächlich hatte sie beschlossen, aus London in die Heimat zurückzukehren, als sie gehört hatte, dass Will und Cathy Cummings, die Vorbesitzer, vielleicht verkaufen mussten, um ihre Schulden zu begleichen. Jetzt führten die Cummings das Haus und lebten weiterhin dort. Und Lily, die früher die Barfrau der Cummings’ gewesen war, kümmerte sich nun um die sieben Gästezimmer und die Reservierungen für das kleine Restaurant. Die Einnahmen wuchsen allmählich. Solche Dinge brauchten Zeit, doch alles entwickelte sich in die richtige Richtung.

Eine gute Lösung.

Oder nicht? Manchmal bemerkte Alex rasche Blicke der Cummings’, entweder in ihre Richtung oder zueinander, die nicht die Freundlichkeit zeigten, die sie ihr sonst offen entgegenbrachten. Abgesehen von ihrer gescheiterten Ehe war sie die örtliche Erfolgsgeschichte: Die junge Frau aus bescheidensten Verhältnissen, die sich als Grafikerin und Abteilungsleiterin in der prestigeträchtigen Werbefirma ihres Ehemanns einen Namen gemacht hatte. Nach ihrer Hochzeit hatte Mike sie zur gleichberechtigten Partnerin gemacht. Doch Geld und Erfolg wirkte unterschiedlich auf Menschen, und hinter ihrem Rücken hatte seine Suche nach neuem Nervenkitzel das vergiftet, was Mike und sie gehabt hatten. Die Kluft war nicht mehr zu überbrücken, egal wie sehr Mike es auch hatte versuchen wollen.

Alex konnte sich nicht gegen das Gefühl wehren, dass es in Folly jene gab, die gerne gesehen hätten, wie sie mittellos und gescheitert nach Hause zurückgekrochen käme. Manche Menschen hielten nichts von denen, die Größeres im Sinn hatten …

Sie blickte noch immer zum Pub und spürte einen Anflug von Verblüffung bei dem Gedanken, dass er ihr gehörte. Der Weg den Hügel hinab bot ihr täglich einen tollen Blick auf das Haus und reichlich Genugtuung.

Der Hang war hier so steil, dass Alex kurze, schnelle Schritte machte und die Hacken ihrer Kurzstiefel in die Erde rammte, um nicht den Halt zu verlieren.

Eine eisige Windböe überraschte sie. Ihre Lippen und Nase reagierten augenblicklich und sie legte sich eine behandschuhte Hand über die untere Gesichtshälfte.

Ein Stöhnen, das zu einem gequälten Klagelaut anschwoll, erschreckte sie. Sie zuckte erschüttert zusammen und blickte sich mit pochendem Herz und flauem Gefühl in alle Richtungen um.

Das Geräusch ertönte erneut. Schmerz oder Verzweiflung – oder beides. Und wer immer es ausstieß, befand sich im Wald, oberhalb von Alex und linker Hand.

Sie betastete das Handy in ihrer Tasche. Ich glaube, ich habe einen Schrei gehört – die Person könnte in Gefahr sein. Constable Frye würde herangeeilt kommen und sehr freundlich sein, doch sie käme sich albern vor, ihn nach einem Geräusch suchen zu lassen.

Als Nächstes hörte sie ein Wimmern und dieses Mal wirbelte sie herum und lief wieder auf die Bäume zu. Warum hatte sie nicht in Betracht gezogen, dass sie ein festsitzendes Tier hören könnte?

Der Instinkt führte sie nach links. Ein erneutes Heulen versicherte ihr, dass sie noch immer in der richtigen Richtung unterwegs war. Kurz tauchte das Bild eines Fangeisens vor ihrem inneren Auge auf. Diese Teile machten ihr gehörig Angst, aber sie wusste, wie man sie öffnete.

Sie konnte über ihr am Hang kein anderes Lebewesen ausmachen. Das tat sie zu dieser Tageszeit ohnehin selten. Mit offenem Mund keuchend, lehnte sie sich in den Hang und versuchte, schneller zu laufen – blieb jedoch mit dem Fuß unter einer Wurzel hängen.

Der Sturz war spektakulär, doch weitgehend schmerzfrei, abgesehen von dem Schnee und dem Dreck, der sich in ihrer Kapuze und ihrem lockigen, schwarzen Haar verfing – und in Augen, Nase und Mund.

Zu einem anderen Zeitpunkt hätte sie über sich selbst gelacht, doch nicht an diesem Morgen. Zuerst musste sie ihre Handschuhe sauberklopfen, dann Gesicht und Haar vom Schmutz befreien.

Das Heulen war jetzt dauerhaft zu hören und klang, als sei es nicht von dieser Welt. Das trostlose Klagen einer Totenglocke.

Alex erhob sich wieder, strauchelte in ihrer Eile erneut, lief aber weiter. Sie blickte sich nach einer Spur von Tony Harrison um, der mit seinem Hund auf dem Rückweg von seiner täglichen Wanderung durch die Hügel sein musste. Tony arbeitete mit den Nutztieren der umliegenden Höfe, doch seine Kleintierchirurgie lag im Dorf. Er war ihr nächster Nachbar in den Hügeln und lebte in einem Ziegelbau, der sich deutlich von den hiesigen Steingebäuden unterschied und von einem wunderschönen Garten umgeben war. Sie begegnete dem großen, stillen Mann regelmäßig auf ihrem Weg ins Dorf. Wo war der örtliche Tierarzt, wenn man ihn brauchte?

Aus dem Wald kam ein Hund auf sie zugeschossen, nicht groß, vielleicht fünf oder sechs Kilo schwer, der nicht identifizierbare Fetzen in seinem wolligen, hauptsächlich grauen Fell hängen hatte. Er sah Alex, kläffte heiser und schoss wieder davon. Seine Ohren mit ihren schwarzen Spitzen flatterten auf und ab.

Das Signal war deutlich: Folge mir. Erhitzt und schwitzend, dann kalt genug, um zu frieren, rannte Alex schlurfend los und hielt den Blick auf den Pfad gerichtet, den der Hund genommen hatte. Sie lauschte angestrengt auf weitere Geräusche, entweder von dem Hund oder vielleicht von einem anderen Tier, das bei ihm gewesen war.

Sie versuchte, nicht an die Geschichten von heulenden Hunden zu denken, deren Besitzer verletzt waren – oder tot. Doch eines der ihr verhassten Bilder huschte halb durchsichtig durch ihre Gedanken. Einen entsetzlichen Augenblick lang sah sie wieder diesen hell erleuchteten Korridor vor sich, spürte das Flüstern der Leute … blickte in ein offenes Grab. So ein kleines Grab. Und der Klagelaut, dessen Echo durch ihre Erinnerung hallte, war ihr eigener gewesen.

Alex spürte Feuchtigkeit auf ihren Wangen und wischte sie weg. Albern, dumm – wie unnötig, jetzt wieder dieses Bild vor Augen zu haben. Es war Teil einer Aura, die sie vor einer Panikattacke erlebte, doch dankbarerweise sank sie jetzt nur noch selten an diesen dunklen Ort.

Wieder war ein Heulen zu hören, dieses Mal viel näher.

Verdeckte Geröllhaufen machten ihr das Gehen schwer. Alex benutzt ihre Hände, um das Gleichgewicht zu halten, und griff nach allem, was sie erreichen konnte, auch wenn ihr die eisigen Zweige durch die Finger glitten. Ihr Atem ging in kurzen, dampfenden Stößen und entlockte ihrem Hals raue Töne. Sie durfte der Panik nicht nachgeben.

Das Heulen des Hundes war anhaltendem, jammerndem Jaulen gewichen, und als sie ihn endlich wieder sah, saß er da und starrte in ihre Richtung, die wolligen Ohren an den Kopf angelegt.

„In Ordnung“, sagte sie, um ihn zu beruhigen. „Es ist alles in Ordnung. Bist du verletzt? Armer Junge. Guter Junge.“ Als sie näherkam, streckte sie dem Hund eine behandschuhte Hand entgegen.

„Dieses klumpige, kalte Zeug tut deinem Hintern bestimmt nicht gut“, sagte sie. Er hatte sich auf einem Schneehaufen niedergelassen, aus dem Steine und Zweige hervorragten. „Dummer Junge. Komm schon, ich finde heraus, wohin du gehörst.“

Er rührte sich nicht, bis auf das Zucken seiner Ohren, die sich dabei ein wenig aufstellten. Sanfte, braune Augen starrten und flehten sie an.

Alex blieb stehen – und verstummte.

Das kleine Tier hob den Kopf und stieß ein weiteres Heulen aus.

Im Schnee hinter ihm sah sie roten Flecken. Ein schockierendes, rostiges Scharlachrot und sie begriff langsam, dass es ein einzelner großer Fleck war. Je mehr sie sich umblickte, desto mehr konnte Alex ausmachen. Und manches von dem, was aus dem Schnee emporragte, waren keine Steine, sondern Tweed.

Sie kroch verzweifelt umher, wühlte, schob Schnee beiseite, zog an dem Stoff und hörte ihr eigenes Schluchzen.

Lass es nur ein weggeworfener Mantel sein, oder so etwas. Lass es keine Person sein. Sie fühlte sich der Ohnmacht nahe.

Ihre rechte Hand schloss sich um etwas Festes. Steif gefroren und fest. Die blutverschmierte rechte Hand eines Mannes. Der Ringfinger stand in einem grauenerregenden Winkel ab und musste ausgerenkt oder gebrochen sein.

Sie konnte nicht innehalten, um einen Notruf abzusetzen. Vielleicht hatte sie nur noch Sekunden, um ihm zu helfen. Er lag mit dem Gesicht nach unten und war zu schwer, um ihn zu bewegen. Sie konnte bloß sein Gesicht freiräumen.

Blutverschmiertes, kurzes, beinahe rasiertes, ergrauendes Haar.

„Wachen Sie auf“, sagte Alex. „Bitte wachen Sie auf. Sie werden erfrieren, wenn Sie hierbleiben. Bitte wachen Sie auf. Stehen Sie auf!“ Sie rüttelte an seiner Schulter, hörte aber wieder auf, aus Angst, ihn zu verletzen.

Sein schmales, feines Gesicht war zum Teil sichtbar. Es war mit Flecken aus Blut, Schlamm und Schmutz beschmiert. Das Blut hatte ihm sogar die Augen zugeklebt und unter seinem Körper konnte sie noch mehr dunkles Rot ausmachen. Der Schnee hatte das geronnene Blut teilweise überdeckt – so viel Blut. Ein Puls. Den musste sie als Erstes finden. Um den Hals des Mannes war brauner Wollstoff gewickelt, den sie auf einer Seite wegzog, um seine Kehle freizulegen.

Alex wiegte sich auf den Knien vor uns zurück und bemerkte das Knurren des Hundes kaum. Ein Dartpfeil – wie es sie für Gelegenheitsspieler im Pub gibt, der Messingschaft und die gelben Steuerfedern blutbefleckt – hatte ein Loch gerissen und musste die Halsschlagader punktiert haben.

Sie würde diesen Mann nicht mehr aufwecken.