Leseprobe Mord im Sinn

Kapitel 4

Regen hatte eingesetzt, der feine, nebelartige, walisische Regen, bei dem die Einheimischen von einem „regnerischen Tag“ sprachen. Man bemerkte ihn kaum, fand Evan, aber er durchnässte einen genauso schnell wie ein schwerer Schauer. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Kragen hochzuschlagen um ihn abzuhalten. Es passte zu seiner Stimmung. Megans Lachen hallte noch immer durch seine Gedanken.

Er schwenkte von seinem Auto weg und lief stattdessen über den Parkplatz bis zum Werkstatt-Schuppen, wo die neuen Motorräder warten würden. Er könnte es doch gleich hinter sich bringen und einen Blick riskieren. Er verstand nicht, warum er Motorrädern gegenüber derart negative Gefühle hatte. Er hatte nie eines besessen. Auch keiner seiner Jugendfreunde hatte je eins gehabt. Warum war er sich dann so sicher, dass er es hassen würde, eines zu fahren? Es war nicht der kalte Regen in seinem Gesicht, der ihm Sorgen machte. Jeder, der in den walisischen Bergen aufgewachsen war, war kalten Regen im Gesicht gewohnt. Er hatte zahlreiche Erfahrungen damit gesammelt, während er auf Schulbusse gewartet oder Rugby gespielt hatte. Und das Wetter machte ihm auch nichts aus, wenn er Klettern oder Wandern ging. Es musste um mehr als das gehen ... Evan zermarterte sich das Hirn. Er war nie ein Raser gewesen, aber hohe Geschwindigkeiten hatten ihm auch nie nennenswerte Sorgen bereitet. Ein Bild trat in seine Gedanken, von einem Motorrad, das sich in einem schier unmöglichen Winkel in eine Kurve lehnte. Wann hatte er das gesehen ...

Dann erinnerte er sich plötzlich. Er hatte mit seinen Eltern auf der Isle of Man Ferien gemacht und sie hatten sich das Rennen des Motorrad-Grand-Prix angesehen, das dort jedes Jahr abgehalten wurde. Evan konnte damals nicht älter als fünf oder sechs gewesen sein. Er erinnerte sich daran, wie er auf den Zaun geklettert war, um etwas sehen zu können. Die Motorräder waren mit heulenden Motoren vorbeigeschossen, so schnell, dass sie nur aus verschwommenen, leuchtenden Farben zu bestehen schienen. Er konnte es kaum erwarten, zu seinem eigenen Zweirad zurückzukehren und so zu tun, als wäre es ein Motorrad. Dann war es geschehen – eines der Motorräder fuhr zu schnell in die Kurve. Es lehnte sich in einem unmöglichen Winkel zur Seite, der Kopf des Fahrers war nur Zentimeter über dem Asphalt. Es hatte geregnet und die Fahrbahn war glatt. Plötzlich lag das Motorrad auf der Seite und rutschte in die anderen Motorräder. Das furchtbare Knirschen von Metall war zu hören, dann schoss ein großer Feuerball in die Luft. Evan glaubte nicht, dass tatsächlich jemand zu Tode gekommen war, aber das Bild war ihm noch immer klar und deutlich in Erinnerung. Er hörte seine Mutter sagen: „Versprich mir, dass du nie eines dieser schrecklichen Dinger fahren wirst. Versprich es mir.“ Und er hatte es ihr versprochen.

Sie ließ ihn ähnliche Versprechen abgeben, zu allem Möglichen, das ihr Angst machte, und rang auch seinem Vater ähnliche Versprechen ab. Aber es hatte nichts gebracht. Sein Vater hatte wieder und wieder versprochen, vorsichtig zu sein, und doch war er eines nachts in einem Kugelhagel gestorben, weil er versucht hatte, ein Drogengeschäft zu verhindern.

Evan hoffte, dass seine Mutter den Vorfall beim Grand Prix vergessen hatte, aber er glaubte nicht daran. Er würde daran denken müssen, das Motorrad bei ihren wöchentlichen Telefonaten nicht zu erwähnen.

Seine neue Maschine stand mit vier anderen in der Werkstatt, neben einem zerlegten Streifenwagen. Sie sah nicht ansatzweise so groß oder eindrucksvoll aus, wie Evan befürchtet hatte. Es war ein leichtes Gerät mit breiten, genoppten Reifen. Er stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Ein Kopf kam unter dem Streifenwagen hervor, und Dai, der Mechaniker, tauchte unter dem Wagen auf. „Hallo, Constable. Evans, nicht wahr? Dann sind Sie wegen Ihres Bikes da?“

„Heute bin ich nur hier, um es mir mal anzusehen. Ich soll mich zur Übungsstunde melden, ehe ich es fahren darf.“

„Oh, da ist nichts dabei“, sagte Dai und grinste. „Als ich zehn war, hätte ich dieses Bike schon fahren können. Es fährt nicht schnell, selbst wenn man es darauf anlegt. Ist eigentlich fürs Gelände gemacht, wie die der Landwirte hier in der Gegend, die ihre Schafe zusammentreiben müssen. Sehen Sie die breiten Reifen? Damit können Sie bis auf den Gipfel des Snowdon fahren, wenn Ihnen danach sein sollte. Sind Sie je eins gefahren?“ Evan schüttelte den Kopf. „Na dann los. Springen Sie rauf und bekommen Sie ein Gefühl dafür. Ich erkläre Ihnen die grundlegende Bedienung. Danach ist wirklich nichts dabei. Sie könnten eine Runde drehen, wenn Sie wollen.“

Evan stieg auf das Bike. Es war klein und kompakt, eher ein Pony als ein Rennpferd. „Hier startet man es“, sagte Dai, „und das Gas ist da am Lenker. Na los, versuchen Sie’s.“

Als die Maschine stotternd zum Leben erwachte, bemerkte Evan die beiden Gestalten am Eingang der Werkstatt.

„Schauen Sie sich das mal an, Glynis“, sagte Sergeant Watkins und grinste seine Partnerin an. „Der König der Straße. Sagen Sie mir nicht, dass die Hell’s Angels in den Fuhrpark eingefallen sind.“

„Hören Sie schon auf, Sarge.“ Evan lächelte, stellte eilig den Motor ab und stieg vom Bike. „Haben Sie schon gehört, dass mir eines dieser Dinger zugewiesen wurde?“

„Ich habe sowas vernommen, ja“, sagte Sergeant Watkins. „Eigentlich keine schlechte Idee. Sie werden viel schneller reagieren können, wenn irgendeine dämliche Engländerin ihre Tasche einen Hang hinabwirft, was, Junge?“

„Ich finde, das sieht nach Spaß aus.“ Glynis Davies, die junge Detective Constable, schenkte ihm ihr umwerfendes Lächeln.

Es macht nicht so viel Spaß wie deine Stelle, dachte Evan. Die Stelle, auf die ich mich beworben habe, die du aber bekommen hast. Er versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Er wusste, dass sie nicht dafür verantwortlich war, die Beförderung vor ihm erhalten zu haben. Sie war schlau und fähig; und eine Frau, zu einer Zeit, in der sie angewiesen waren, mehr weibliche Detectives einzustellen. Aber es machte ihm noch immer zu schaffen.

„Dürfen Sie darauf jemanden mitnehmen?“, fragte sie.

„Ich habe noch keine Ahnung, was ich tun darf. Ich habe erst vor ein paar Minuten davon gehört.“

„Falls ja, bin ich die Erste, die Sie mitnehmen müssen“, sagte sie. Dann blickte sie zu Sergeant Watkins. „Haben Sie die andere Neuigkeit auch schon gehört?“ Evan meinte, einen warnenden Blick bei Watkins zu erkennen, aber sie verstummte nicht. „Unser Chief geht vorzeitig in Ruhestand.“

„Der Detective Chief Inspector?“

„Ganz genau. Und raten Sie mal, wer seinen Platz einnehmen wird.“

„Doch nicht Detective Inspector Hughes?“ Evan klang ungläubig. „Das ist nicht Ihr Ernst. Der Mann könnte nicht einmal ein Spiegelei aufspüren, selbst wenn es direkt auf seinem Toast liegt.“

„Er kennt die richtigen Leute“, sagte Watkins, „und er war die einzige Wahl, sonst hätten sie jemanden aus Colwyn Bay rüberschicken müssen.“

Evan nickte. Warum sollte er sich darum sorgen? Es war nicht so, als hätten die Veränderungen im Machtgefüge der Zivilfahnder Auswirkungen auf ihn.

„Dann fehlt also ein Detective Inspector, ja?“, fragte er.

Watkins Gesicht lief knallrot an. Es war das erste Mal, dass Evan ihn erröten sah.

„Sergeant Watkins wird zur Ausbildung geschickt“, sagte Glynis stolz. „Er ist an der Reihe für die Beförderung zum Detective Inspector.“

„Das ist großartig, Sarge“, sagte Evan und schüttelte ihm die Hand. „Glückwunsch.“

„Warten wir ab, was wirklich passiert, ja?“, murmelte Watkins. „Mit all diesen Sparmaßnahmen werden sie vermutlich beschließen, dass sie sich meine Beförderung nicht leisten können.“ Er wandte sich an Dai, den Mechaniker. „Deshalb sind wir hier unten. Auch wegen einer Sparmaßname. Sie reanimieren alte Fahrzeuge, die schon vor Jahren auf der Schrotthalde hätten landen sollen, und uns wurde diese Schönheit hier zugeteilt. Ich schätze, der Wagen fährt erst mal nirgendwo hin, oder, Dai?“

„Das können Sie laut sagen, Sergeant“, sagte Dai. „Eine richtige Schrottkarre, wenn Sie mich fragen. Es wird ein Vermögen kosten, neue Teile zu bekommen, um sie wieder auf die Straße zu bringen. Und Sie sollten mal den Rost in der Karosserie sehen. Sie haben Glück, wenn der Wagen beim Fahren nicht in seine Einzelteile zerfällt.“

„Na, vielen Dank. Sehr ermutigend“, sagte Watkins. „Sieht so aus, als müssten wir doch Evans bitten, uns hinten auf seinem Motorrad mitzunehmen.“

„Da haben Sie leider Pech. Ich fahre damit nirgendwo hin. Ich muss mich erst für meine Übungsstunden eintragen.“

„Übungsstunden?“ Watkins kicherte. „Was will man da machen – Ihnen für den Anfang Stützräder geben? Selbst unsere Tiffany könnte das Teil fahren. Sie hätten sie neulich auf der Go-Kart-Strecke in Rhyl sehen müssen. Sie ist eine echte, kleine Raserin. Ich bin froh, dass sie erst mit achtzehn ihren Führerschein machen kann!“ Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. „Dann können wir auch in der Cafeteria eine Tasse Tee trinken. Kommen Sie mit, Junge?“

„Alles klar, warum nicht?“ Evan verließ die Werkstatt mit ihnen und überquerte den nassen Parkplatz.

„Sollte heute nicht Ihr freier Tag sein?“, fragte Glynis. „Ich wollte eigentlich hochfahren und Sie besuchen, aber dann habe ich auf den Dienstplan geschaut, und gesehen, dass Sie frei haben.“

„Sollte ich eigentlich auch, aber der Chief Inspector hat mich herbestellt, um mir persönlich die frohe Botschaft zu überbringen.“

„Frohe Botschaft?“, fragte Glynis unschuldig.

„Die Sache mit dem Motorrad.“

„Es scheint, dass Sie nicht allzu begeistert sind“, kommentierte Watkins.

„Ich dachte, dass es vielleicht eine bessere Nachricht wäre“, sagte Evan.

Watkins nickte. „Die kommt schon noch.“

„Warum wollten Sie mich denn besuchen, Glynis?“, fragte Evan und steuerte die Unterhaltung damit in sicherere Gewässer.

„Sie kennen sich doch mit Jugendherbergen und sowas aus, oder?“, sagte sie. „Ich dachte, Sie könnten mir helfen. Ich muss in allen Jugendherbergen in der Nähe Zettel aufhängen. Wir versuchen, eine vermisste junge Frau aufzuspüren.“

„Die in einer Jugendherberge übernachtet hat?“

Glynis schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Sie ist eine amerikanische College-Studentin, die irgendeinen Kurs an der Oxford University belegt hat. Der Kurs endete vor Weihnachten. Sie hatte ihre Eltern angerufen, und gesagt, dass sie hier noch etwas herumreisen wolle, ehe sie nach Hause zurückkehrt. Sie hat versprochen, bis Ostern zu Hause zu sein, zu der Zeit beginnt da drüben das Frühlingssemester an der Uni. Ihre Eltern haben seit Februar nichts mehr von ihr gehört und Ostern ist sie nicht aufgetaucht. Sie sind natürlich krank vor Sorge, und sie sind hergekommen, um nach ihr zu suchen.“

„Was lässt sie glauben, dass sie hier in der Gegend war?“

„Ihre letzte Postkarte wurde in Wales abgeschickt. Das ist alles, was wir haben.“

„Ich verstehe.“ Evan runzelte die Stirn. „Eine schwere Aufgabe. Sie könnte überall sein. Ich vermute, dass auch andere Polizeikräfte beteiligt sind?“

Glynis nickte. „Die Polizei in Oxford natürlich, und auch die Metropolitan Police. Sie war über die Weihnachtsferien in der Wohnung einer Freundin in London untergekommen.“

„Ich hänge die Vermisstenanzeigen gerne für Sie in den Jugendherbergen aus“, sagte Evan. „War sie denn gerne draußen? Ist sie vielleicht zum Klettern oder Wandern hergekommen?“

„Nein, war sie nicht. Das ist das Seltsame“, sagte Glynis. „Sehr still, fleißig, im sozialen Umgang befangen, spielte Geige. Aber sie hatte einen tollen Humor. In der letzten Postkarte an ihre Eltern hieß es: ‚Bin in Wales. Habe ein Date mit einem Druiden.‘“

„Und das ist alles, was Sie haben?“

Glynis nickte. „Nicht viel, was?“

„Und wenn sie seit Weihnachten umherstreift, könnte sie mittlerweile längst anderswo sein. Wir brauchen schon viel Glück, um in einer Jugendherberge jemanden zu finden, der sich an sie erinnert. Diese jungen Leute streifen einen Monat lang hier herum und dann verschwinden die meisten wieder.“

„Und genau das hat Rebecca auch getan – sie ist verschwunden“, sagte Glynis. „Sie ist nie in der Wohnung ihrer Freundin aufgetaucht, um ihre restlichen Sachen abzuholen.“

„Das klingt nicht gut, nicht wahr?“, fragte Evan. „Ist ein Bild von ihr auf den Vermisstenanzeigen?“

„Ja, aber kein gutes. Ich hoffe, ein Besseres zu bekommen, wenn wir die Eltern treffen. Sie sollten in ein paar Tagen hier sein, gerade arbeiten sie sich aus dem Norden von Wales nach Süden, sie lassen nichts unversucht.“

„Die armen Leute“, sagte Evan. „Das muss das Schlimmste sein, was einem passieren kann – nicht Bescheid zu wissen. Menschen können mit schlechten Nachrichten umgehen, solange sie die Wahrheit erfahren.“

Glynis nickte. „Sie haben recht. Ich werde Mr. und Mrs. Riesen zu Ihnen raufbringen, wenn sie herkommen. Sie sagen immer das Richtige.“

„Alles klar.“ Evan lächelte. Sie war eine nette, junge Frau. Wenn sie nicht mit dem Neffen des Chief Constables ausgehen würde, und er nicht Bronwen in seinem Leben hätte, könnte er vielleicht ... er brach den Gedanken ab, als sie die Eingangstür zur Polizeistation erreichten. „Mir ist gerade etwas eingefallen“, sagte er. „Ich sollte besser nicht noch auf einen Tee mit reinkommen. Ich ziehe heute um. Ich habe noch haufenweise Dinge zu erledigen und ich wollte mich in den Trödelläden umsehen, ehe die zumachen. Ich muss das Haus irgendwie einrichten.“

„Dann haben Sie es endlich geschafft?“ Watkins grinste. „Sie haben sich abgenabelt und sind bei Ihrer Vermieterin ausgezogen. Nun, gut für Sie, Junge. Jetzt werden Sie herausfinden, wie das Leben wirklich ist. Das heißt Bohnen auf Toast und die Hemden selbst waschen, wie der Rest von uns.“

„Ich möchte Sie wissen lassen, dass ich gedenke, ein Gourmet-Koch zu werden“, sagte Evan. Er versuchte, nicht zu lächeln, als Watkins Glynis anstieß. „Nein, im Ernst. Ich habe ein ausgefallenes Kochbuch, das Bronwen mir geschenkt hat, und ich werde mir selbst beibringen, anständig zu kochen.“

„Dann erwarten wir eine Einladung zum Abendessen, nicht wahr, Glynis?“, sagte Watkins.

„Absolut.“ Glynis Davies begegnete seinem Blick mit ihren großen, braunen Augen.

Mit ein wenig Bedauern sah er ihnen hinterher, als sie zur Cafeteria gingen. Er musste zugeben, dass er sie trotz allem noch faszinierend fand.

 

Kapitel 5

Einige Tage später verließ Evan Caernarfon auf seinem neuen Motorrad. Er hatte den Übungskurs bestanden, bei dem er um Hütchen herumfahren musste, ohne sie umzustoßen, und er wusste, wie man losfuhr und anhielt. Er war bereit, ein Motorradpolizist zu werden. Er grinste bei diesem Begriff und stellte sich vor, an einer Hochgeschwindigkeits-Verfolgungsjagd beteiligt zu sein, wie sie scheinbar immer in Städten wie Los Angeles vorkamen. Das Einzige, was er in Llanfair je mit hoher Geschwindigkeit verfolgen würde, waren Schafe, die sich auf die Straße verirrt hatten.

Er ließ die letzten bewohnten Gebiete hinter sich und gab Gas, während das Motorrad die Passstraße erklomm. Der Motor gab ein befriedigendes Brüllen von sich. Er erreichte die erste Zickzackkurve. Er musste sich in die Kurve lehnen, aber es kam ihm beinahe unmöglich vor. Er spürte, wie die Schwerkraft an ihm zog, lehnte sich zur Seite und lächelte, als das Motorrad die Kurve nahm. Sehr befriedigend. Vielleicht würde die Sache doch gar nicht so schlecht werden. Er konnte es kaum erwarten, das Motorrad im Gelände auszuprobieren, aber nach dem tagelangen Dauerregen sollte er die Hänge besser erst etwas trocknen lassen.

Llanfair tauchte vor ihm auf, schmiegte sich zwischen grüne Hänge. Es war später Nachmittag und das Dorf badete im starken, schräg einfallenden Sonnenlicht, das die grauen Steine der Cottages rosarot leuchten ließ. Der Bach, der aus den Bergen kam, trat beinahe übers Ufer, unterquerte mit donnerndem Rauschen die Steinbrücke und warf Tropfen in die Luft, die in der Sonne tanzten. Nach dem Regen sah die Welt immer am besten aus. Ganz frisch und neu. Genau der richtige Abend für eine stramme Wanderung. Stattdessen musste er das Wohnzimmer fertigstreichen. Evan seufzte. Er hatte einen farbenfrohen, fröhlichen Teppich für das Wohnzimmer gefunden, aber der reichte nicht aus, um die düstere, klamme Stimmung zu vertreiben, die selbst mit einem Kaminfeuer nicht besser wurde. Die braunen Tapeten an den Wänden hatten nicht geholfen, also hatte er sich in einem Anfall von Enthusiasmus am ersten Abend daran gemacht, sie abzureißen. Sie hatten sich zu seiner Zufriedenheit in Streifen lösen lassen und jetzt blieben nur noch die kahlen Wände. Also hatte er damit angefangen, den ganzen Raum in strahlendem Weiß zu streichen. Nach den ersten Wänden war ihm aufgefallen, dass das ganze Cottage seit einem halben Jahrhundert keine Farbe mehr gesehen hatte. Alles andere sah im Vergleich schäbig und schmutzig aus. Die Decke brauchte auch einen Anstrich, und nach dem Wohnzimmer auch der Flur, die Küche, die Treppe ... er hatte sich auf ein großes Projekt eingelassen. Zum ersten Mal konnte er Sergeant Watkins’ ständige Beschwerden darüber verstehen, dass er die Wochenenden mit Heimwerker-Projekten verbringen musste.

Er fühlte sich von dieser Aussicht entmutigt, als er auf den Hof der Polizeistation einbog. Er wollte gerade absteigen, als er einen Schrei hörte und jemand mit wedelnden Armen über die Straße gerannt kam.

„Constable Evans!“

Es war der junge Terry Jenkins, der Dorfrabauke, der in einen von Evans früheren Fällen verwickelt gewesen war. Sein Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ist das Ihr Bike? Ist es neu?“ Er streichelte liebevoll den verchromten Lenker, als wäre das Motorrad ein lebendiges Wesen. „Schafft es 160 Sachen?“

Evan lachte. „Nicht ansatzweise, Terry. Es ist nicht dafür gemacht, schnell zu fahren. Ich habe es nur, um besser in meinem Revier herumzukommen.“

„Ich wette, es fährt ziemlich schnell, wenn man es drauf anlegt. Und mit den Reifen könnte man Motor Cross fahren – Sie wissen doch, wie die über die Hügel fliegen – wusch – hoch durch die Luft!“

„Das ist ein Polizeimotorrad, Terry“, sagte Evan, dankbar, dass er seine nichtexistenten Motor-Cross-Talente nicht vorführen musste. „Ich werde damit keine Stunts fahren.“

„Schade.“ Terrys Lächeln verschwand. „Aber Sie müssen trotzdem schnell fahren, wenn Sie einen Ganoven jagen, oder? Wie diesen Kerl in dem roten Sportwagen damals.“

„Ich glaube nicht, dass so etwas in nächster Zeit noch einmal in dieser Gegend passieren wird.“ Evan legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Komm, hilf mir das Bike unterzustellen, für den Fall, dass es regnet.“

Nachdem der enttäuschte Terry nach Hause gegangen war, betrat Evan die Nummer 28. Es fühlte sich noch immer kalt und wenig einladend an, und er dachte sehnsüchtig an den Essensduft, der ihn immer beim Öffnen von Mrs. Williams’ Haustür empfangen hatte. Wenn er jetzt Essenduft haben wollte, würde er ihn selbst produzieren müssen. Und nach den Ergebnissen seiner Bemühungen vom Vorabend, war er sich nicht sicher, ob er etwas Essbares produzieren könnte. Er hatte sich an einer Rindfleisch-Nieren-Pastete versucht, aber das Steak und die Niere waren zu nicht identifizierbaren Happen zusammengeschrumpft, und die Kruste der Pastete war nur mit Hammer und Meißel zu öffnen. Vielleicht war er zu ehrgeizig, beschloss er. Vielleicht sollte er bei Ei und Pommes bleiben, bis er sich in der Küche auskannte.

Er holte ein paar Eier heraus und machte sich daran, einen ganzen Berg von Kartoffeln zu schälen. Es würde eine Weile dauern, sie kleinzuschneiden, also erhitzte er einen Brocken Schmalz in einer Pfanne. Dann fiel ihm ein, dass er zuerst den Kamin im Wohnzimmer anmachen sollte, wenn er es zum Essen gemütlich haben wollte. Er ging rüber, steckte Zeitungspapier an und fachte die Flamme an. Das Papier qualmte fröhlich vor sich hin und füllte den ganzen Raum mit Brandgeruch. Er sorgte dafür, dass es richtig brannte, ehe er es auf die Kohlen legte. Als er in die Küche zurückkehrte, erkannte er, woher der Brandgeruch kam. Rauch quoll aus der Pfanne und als er nähertrat, schlug eine große Flamme in die Höhe. Evan schnappte sich einen Deckel und schaffte es, ihn auf die Pfanne zu werfen.

„Puh, das war knapp“, murmelte er und wischte sich mit einer verrußten Hand das Haar aus dem Gesicht. „Rauchmelder“, schrieb er auf die wachsende Liste am Kühlschrank.

Er bewunderte erneut Mrs. Williams, die scheinbar ohne Anstrengung ein ganzes Mahl produzierte. Es schien sinnlos, mit neuem Fett von vorne anzufangen, und die Lust auf Pommes war ihm ohnehin vergangen. Dann eben Rührei. Es war essbar, wenn auch ein wenig gummiartig, aber er war noch immer ausgehungert. Keine der Dosen in der Speisekammer weckten seinen Appetit. Es blieb ihm nichts übrig, als sich die Niederlage einzugestehen, und auf Würstchen oder Fleischpastete in den Pub hinüberzugehen. Außerdem musste er diesem Gestank entkommen.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass das Feuer, das jetzt kraftlos im Kamin glomm, nicht das Haus niederbrennen würde, zog er seinen Regenmantel an und ging über die Straße zum Red Dragon. Innen war es warm und einladen wie immer, das große Feuer leuchtete hinter dem Kaminrost und die Luft war schwer von Rauch und Gesprächen. Evan schob sich zur Bar durch. Statt Betsys freundlichem Lächeln stach der kahle Kopf von Pub-Harry hinter der Bar hervor.

„Was bekommen Sie?“, wollte er wissen.

„Ihnen auch einen guten Abend, Harry bach.“ Evan suchte unter den Männern an der Bar nach einer Erklärung dafür, was hier nicht stimmte. „Ich hätte gerne mein übliches Guinness und etwas zu essen, wenn das nicht zu viel Mühe macht.“

„Es macht zu viel Mühe“, sagte Harry. „Guinness können Sie haben. Essen gibt es heute Abend nicht.“

„Warum, was ist passiert? Wo ist Betsy?“

„Sagen Sie mir das“, blaffte Harry, während er Evans Pint Guinness zapfte. „Sie sollte um fünf mit ihrer Schicht beginnen, nicht wahr? Wo zum Teufel ist sie?“

„Das sieht ihr gar nicht ähnlich, sich zu verspäten“, sagte Evan. „Haben Sie bei ihr angerufen?“

„Ja, und niemand geht dran. Ihr Vater sagt, sie sei heute Morgen mit irgendeiner Frau verschwunden.“

„Eine Frau?“

„Ich weiß mit wem.“ Fleischer-Evans stellte sein leeres Glas ab und bedeutete, dass er noch ein Pint wollte. „Diese Fremde, die neulich hier war.“

„Eine Engländerin, meinst du?“

„Nein, Amerikanerin, das hat zumindest Betsy gesagt. Sie ist zum Studieren hier.“

Evan spitzte die Ohren. „Eine amerikanisches Mädchen, das zum Studieren hier ist? Sie hieß nicht zufällig Rebecca, oder?“

„Woher soll ich das wissen?“, fragte Fleischer-Evans. „Und ich würde sie nicht als Mädchen bezeichnen. Ein Hammel im Lammfell, wenn Sie mich fragen.“

„Und was hat Betsy mit ihr zu tun?“, fragte Harry, während er geübt das Pint nachfüllte und es wieder vor dem Metzger abstellte.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich kam erst gegen Ende dazu. Sie redete viel Unsinn darüber, dass Betsy besondere Kräfte und das zweite Gesicht habe.“

„Das Mädchen war schon immer etwas hohl im Kopf“, kommentierte Harry. „Sie würde alles glauben, was man ihr sagt.“

„Ich hoffe nur, dass ihr nichts passiert ist.“ Evan sah sich besorgt um. „Wo soll diese Amerikanerin studieren? In Bangor?“

Fleischer-Evans zuckte mit den Schultern. „Fragen Sie Eimer-Barry. Er war da. Er weiß es vielleicht.“

Mehrere Köpfe drehten sich zu Barry, der sich in der Ecke beim Feuer mit seinen Freunden unterhielt. „Hey, Barry, Junge“, rief Fleischer-Evans. „Du warst doch dabei, oder? Als diese Amerikanerin in den Pub kam und mit Betsy gesprochen hat.“

Barry verließ seine Ecke und kam zur Bar herüber. „War ich“, sagte er. „Sie war richtig gescheit, mit allen möglichen Abschlüssen. Und dazu noch ein ziemlicher Hingucker – etwas dürr, aber wenn sie ein wenig zulegt, wäre sie in Ordnung. Ich wette, sie gehört zu der Sorte Menschen, die nur Nüsse und Reis essen.“

„Was glauben Sie, wo Betsy mit ihr hingegangen sein könnte?“

„Dieses Haus, wo sie studieren wollte. Sie wissen schon, dieses Anwesen an der Küste, erbaut von dem verrückten Lord Tiggy. Wie heißt es jetzt? Ah, genau. Sacred Grove. So hat sie es genannt. Ihren Worten nach sind die jetzigen Besitzer noch verrückter als der alte Lord – sie wollte herausfinden, ob Betsy das zweite Gesicht hat.“

„Du meinst solche Sachen wie in Teeblättern zu lesen?“, fragte Harry.

„Ich denke schon. Auf jeden Fall ging es um Hellseherei. Diese Frau erzählte Betsy, dass die Kelten diese Fähigkeit besaßen, und sie meinte, dass Betsy sie vielleicht noch immer besitzt, weil ihre alte Nain den Derin Corff sehen konnte.“

Harry gluckste laut. „Also, das ist eine der dümmsten Geschichten, die ich je gehört habe. Und Betsy hat ihr geglaubt, ja? Sieht ihr ähnlich. Aber sie weiß nicht mehr über die Zukunft als die Hühner in meinem Garten, und das sind die dümmsten Kreaturen auf Gottes Erde. Wenn sie in die Zukunft sehen könnte, hätte sie mir geholfen, beim Grand National aufs richtige Pferd zu setzen, oder nicht? Dann hätte ich meine zehn Pfund nicht verloren.“

Und sie hätte vorausgesehen, dass der alte Colonel Arbuthnot ermordet werden würde, als er in dieser Nacht den Pub verließ, dachte Evan. Wenn es je einen richtigen Moment für das zweite Gesicht gegeben hätte, das wäre er gewesen. Betsy war so erpicht darauf, bemerkt zu werden, dass sie alles sagen oder tun würde.

„Ich merke, dass du nicht das zweite Gesicht der Kelten hast, Harry“, sagte Eimer-Barry und ließ sein Glas auf die Bar knallen, „sonst hättest du vorausgesehen, dass ich hier verdurste und auf ein neues Bier warte.“

Harry öffnete den Mund, um zu antworten, als die Tür aufging und Betsy hereintrat, ihre blonden Locken waren vom Wind zerzaust, aber ihre Augen leuchteten triumphierend.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin, Harry“, sagte sie und schob sich durch die Männer, um die Bar zu erreichen, „aber du sollst wissen, dass du möglicherweise mit einer echten Hellseherin sprichst.“

„Aber deine hellseherischen Fähigkeiten haben dir nicht gesagt, dass du zu spät kommen würdest? Hast du nicht die negativen Schwingungen in der Luft gespürt, weil ich mich so über dich geärgert habe?“

Betsy warf ihm ein umwerfendes Lächeln zu, während sie den aufklappbaren Teil der Bar öffnete und im Gehen ihren Mantel auszog. „Ich dachte, du würdest es verstehen, nur dieses eine Mal. Es ist ein ganz besonderer Tag in meinem Leben, Harry. Du würdest nicht glauben, was ich heute alles gesehen habe. Da unten ist es wie in einer anderen Welt.“

„Du wurdest von Außerirdischen entführt?“ Barry lehnte sich auf die Bar und grinste sie an.

„Du hast keine Ahnung, Eimer-Barry“, sagte Betsy. „Wenn du gesehen hättest, was ich heute sehen durfte, wären dir glatt die Augen aus dem Kopf gefallen. Es ist wie eine andere Welt.“

„Na dann los, sag mir, was ich denke, wenn du wirklich übersinnliche Fähigkeiten hast“, stichelte Barry.

„Wenn man sich auf deine Aura verlassen kann, dann sind es Gedanken, die ein Gentleman nicht haben sollte, wie üblich“, sagte Betsy.

„Meine Aura? Was für eine Aura?“

„Emmy sagt, dass wir alle von einer Aura umgeben sind“, sagte Betsy. „Und wir Hellseher können lernen, sie zu sehen. Jeder ist umgeben von wunderschönem, bunten Licht. Manche haben goldene Auren, manche rosarote, manche malvenfarbene – und du, Eimer-Barry, hast eine schmutzig braune Aura.“

„Ich habe noch nie solchen Mist gehört“, sagte Harry. „Wo in aller Welt warst du, dass man dir den Kopf mit solchen Ideen gefüllt hat?“

„Das ist kein Mist. Du kannst es nicht verstehen, du bist kein Hellseher, so wie ich“, sagte Betsy. „Der Sacred Grove ist voller Menschen, die Auren sehen und mit Kristallen heilen können und die Bäume anbeten – alle möglichen wundervollen Dinge. Es ist ein verblüffender Ort. Es ist wie ein wundervolles Dorf, das man im Fernsehen sehen würde, ganz anders als irgendein Ort in Wales. Teiche, Springbrunnen und Heilquellen, und jeder Gast hat sein eigenes kleines Haus. Wie in einer anderen Welt.“

„Das hast du schon ungefähr zehnmal gesagt. Also hör auf zu quatschen und fang an zu arbeiten. Diese Herren hier verdursten und der arme Constable Evans wird hungrig nach Hause gehen, weil du nicht da warst, um Pasteten in den Ofen zu stellen.“

Betsy wandte ihm entsetzt ihre blauen, puppenhaften Augen zu. „Du hast nichts zu Abend gegessen? Armer Kerl. Ich wusste, dass es eine schlechte Idee für dich ist, irgendwo einzuziehen, ohne eine Frau, die für dich sorgt.“

„Betsy, ich bin absolut in der Lage ...“, hob Evan an, sich sehr wohl bewusst, dass viele Blicke auf ihm ruhten. „Ich hatte einfach noch keine Zeit dafür, meine Küche vernünftig auszustatten.“

„Ohne seine Auflaufformen bekommt er nichts hin!“ Fleischer-Evans stieß Charlie Hopkins an, der gerade hereingekommen war. „Wir erwarten alle, zum Abendessen eingeladen zu werden, sobald Sie ein Gourmet-Koch geworden sind, das wissen Sie.“

„Ich weiß nicht, warum alle glauben, dass mein Junggesellenleben zum Scheitern verurteilt ist“, sagte Evan. „Ich kann mit den meisten Situationen sehr gut allein umgehen, wie ihr wisst.“

„Betsy sehnt sich einfach danach, dass du auch mit ihr so gekonnt umgehst, nicht wahr, Betsy fach?“, fragte Charlie Hopkins und sein Körper zitterte von seinem unterdrückten Lachen.

„Ich wüsste schon, wie ich mit ihm umzugehen habe, soviel ist sicher“, antwortete Betsy. „Und ich fange damit an, ihm vernünftiges Essen vorzusetzen.“ Sie schenkte Evan ein aufmunterndes Lächeln. „Halt noch einen Moment aus, dann stelle ich eine Fleischpastete in die Mikrowelle. Denkst du, das wird dir reichen?“

„Sehr nett. Danke.“

„Ich gebe ihm eine Woche“, sagte Charlie Hopkins zu Milchmann-Evans, der gerade an die Bar gekommen war. „Dann wohnt er wieder bei Mrs. Williams.“

„Oh, aber das kann er nicht!“, rief Betsy.

„Warum nicht?“

„Weil sie sein Zimmer schon vermietet hat.“

Sofort war alles still. Es geschah nicht oft, dass etwas in Llanfair passierte, ohne dass sich die Neuigkeit binnen Sekunden verbreitete.

„Sie hat sein Zimmer vermietet?“, fragte Milchmann-Evans. „Zu dieser Jahreszeit gibt es doch bestimmt keine Touristen.“

„Nicht an eine Touristin“, sagte Betsy. „An meine Freundin Emmy. Ihr wisst schon, die Dame von der Universität in Amerika, von der ich euch erzählt habe. Sie brauchte eine günstige Unterkunft, weil sie eine Weile hierbleibt und ihre Forschungen macht. Sie will herausfinden, wie viele Menschen keltischer Abstammung noch ASW haben. Das bedeutet außersinnliche Wahrnehmung, falls du das nicht wusstest, Eimer-Barry“, fügte sie triumphierend hinzu. „Ich bin ihre erste Testperson, und wisst ihr was? Sie hat mich einen ihrer Tests machen lassen, und mein Ergebnis war wahnsinnig gut.“

„Die ist völlig durchgeknallt, wenn ihr mich fragt“, flüsterte Harry.

„Deshalb muss ich für weitere Tests wieder dorthin. Ich habe heute den Besitzer des Anwesens kennengelernt, und er wird mich persönlich testen.“

„Bland-Tiggy oder wie er heißt? Ich dachte, der alte Lord wäre schon lange tot und das Haus gehört jetzt seiner Tochter.“

„Man spricht es Bland-Tai, nicht Tiggy. Ihr seid so ignorant“, war Betsys vernichtendes Urteil. „Und das Anwesen gehört immer noch Lady Annabel Bland-Tyghe, aber sie hat einen Amerikaner namens Randy geheiratet. Er ist da drüben ein sehr berühmter Hellseher und wird das Haus genauso berühmt machen. Ich habe ihn heute kennengelernt. Oh, er war einfach wundervoll. Wie ein Filmstar – langes, blondes Haar bis knapp über die Schultern ...“

„Ein Kerl?“, fragte Barry. „Mit langem, blondem Haar?“

„Ganz genau.“

„Kling für mich wie ein richtiges Weichei.“ Barry suchte unter den umstehenden Männern nach Zustimmung.

„Oh, ganz und gar nicht. Er sieht so scharf aus – genau wie die Männer, die man auf dem Einband von Liebesromanen sieht – ihr wisst schon, Waschbrettbauch, offenes Hemd. Zu schade, dass er mit einer alten Frau wie ihr verheiratet ist. Er wird mich morgen testen.“

„Moment mal“, sagte Harry. „Was soll das alles, wegen morgen? Morgen ist Samstag. Da brauche ich dich den ganzen Tag hier.“

„Oh, aber Harry ...“ Betsy wandte ihm ihre großen Augen mit flehendem Blick zu.

„Du kannst nicht abhauen, wann immer dir danach ist. Du hast hier Arbeit zu erledigen, junge Dame, und Samstag ist nicht dein freier Tag.“

„Nicht einmal dieses eine Mal, wo es so wichtig ist?“

„Nein, nicht einmal dieses eine Mal. Sag deinen Hellseher-Freunden, dass sie warten können, bis du am Montag deinen freien Tag hast. Und wenn sie tatsächlich verdammte Hellseher sind, wissen sie ohnehin schon, dass am Montag dein freier Tag ist! Und ehe du jetzt schmollst, geh die leeren Gläser abräumen. Ich habe bald keine mehr für den Ausschank.“

„Alter Spielverderber“, murmelte Betsy, als sie sich an den Männern an der Bar vorbeidrängte.

Sie kam gerade mit einem vollen Tablett an der Eingangstür vorbei, als die aufging und eine Frau hereinkam. Betsy blickte auf und schrie erfreut auf. „Emmy! Du bist hier. Wie schön, dich zu sehen! Hört mal her!“ Sie hob ihre Stimme. „Das ist Emmy, ich habe euch von ihr erzählt. Sie ist gerade bei Mrs. Williams eingezogen.“

Die Frau lächelte schüchtern und schob sich den dunklen Vorhang aus Haaren aus dem Gesicht. „Mensch, was ich gerade für ein Abendessen bekommen hab!“, sagte sie. „Kann diese Frau kochen oder kann sie kochen? Ich schulde dir was, Betsy, weil du mir diese Unterkunft besorgt hast. Diese Lammkoteletts heute Abend – meine Güte, ich bin froh, dass ich keine Vegetarierin mehr bin. Ich bin im siebten Himmel!“

Evan schluckte schwer, als verstörende Bilder von Mrs. Williams’ Lammkoteletts vor seinem inneren Auge tanzten – außen schön braun und in der Mitte noch rosa genug, vermutlich begleitet von luftigem Kartoffelbrei und Blumenkohl in Petersiliensoße. Ihm fiel auf, dass Betsy ihm noch nicht seine aufgewärmte Fleischpastete gebracht hatte.

„Komm rein, Emmy, und lern alle kennen“, sagte Betsy und bahnte ihr mit dem Tablett einen Weg durch die Menge.

„Ich war mich nicht sicher, ob ich herkommen sollte, da Frauen im Pub nicht wirklich willkommen sind.“

„Nicht wirklich willkommen – wer behauptet das?“, wollte Harry wissen. „Natürlich sind Frauen willkommen. Wir haben eine angenehme Lounge, in der gemütliche Sessel und Tische bereitstehen. Führ sie nach hinten durch, Betsy.“

„Oh, steck sie nicht allein da rein“, sagte Betsy. „Heute Abend ist es da schrecklich kalt und ungemütlich, und sie wäre die Einzige. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich im Dorf willkommen fühlt.“

„Regeln sind Regeln“, sagte Harry auf Walisisch, „und die brechen wir nicht für Fremde.“

„Du bist heute wirklich ein alter Griesgram“, sagte Betsy, ebenfalls auf Walisisch.

„Nur weil ich mir die Füße wundlaufen musste, da meine angestellte Aushilfe nicht pünktlich aufgetaucht ist“, sagte Harry.

„Dann komm mit in die Damen-Lounge, Emmy“, sagte Betsy auf Englisch. „Ich fürchte, Harry hier ist ein Pedant, was seine Regeln angeht.“

„Ist in Ordnung. Ich find das das angenehm altmodisch“, sagte Emmy. „Es ist schön zu wissen, dass es noch Teile der Welt gibt, wo Traditionen wichtig sind.“ Sie näherte sich der Bar von der Lounge-Seite, lehnte sich darauf und blickte in ein Meer aus Männergesichtern, die sie alle anschauten. „Dann hat Betsy Ihnen die Neuigkeit schon erzählt? Sind Sie nicht aufgeregt, eine echte Hellseherin in Ihrer Mitte zu haben?“

„Echte Hellseherin, von wegen!“, sagte Harry und stellte Emmy unsanft ein Pint hin. „Wenn sie eine echte Hellseherin ist, bin ich der Duke of Edinburgh.“

„Nein, ich bin mir sicher, dass wir da an etwas dran sind“, sagte Emmy. „Natürlich hat sie noch nicht gelernt, ihre übersinnlichen Fähigkeiten zu nutzen, aber das ist in Ordnung. Ich kann kaum erwarten, dass sie morgen den Direktor kennenlernt. In den Staaten ist er ein berühmter Hellseher. Jeder, der etwas auf sich hält, zieht ihn zu Rate, müssen Sie wissen. Er hatte sogar seine eigene Fernsehsendung.“

„Kein Wunder, so gut wie er aussieht“, sagte Betsy, duckte sich in den Barbereich und tauchte in der Nähe von Emmy wieder auf. „Ich sagte, dass er aussieht wie ein Filmstar, nicht wahr?“

„Er ist einer der bekanntesten Hellseher der Welt“, fuhr Emmy fort. „Ich bin so froh, dass er eingewilligt hat, mir bei meiner Forschung zu helfen. Er ist wirklich begeistert von der Idee, Einheimische mit ungenutzten Kräften zu finden. Es wird ihn umhauen, wenn er Betsy morgen trifft und die ganze ungenutzte Energie spürt, die aus ihr hervorbricht.“

„Ich kann ihn morgen nicht treffen“, sagte Betsy mit stockender Stimme.

„Sag mir nicht, dass du den Schwanz einziehst, Betsy.“

„Nein, aber Harry gibt mir keinen freien Tag. Er macht es mir schwer.“

„Sie hat Arbeit zu erledigen und die kommt zuerst“, sagte Harry. „Sie hat verdammtes Glück, hier in der Gegend überhaupt eine Stelle gefunden zu haben. Die meisten jungen Menschen müssen wegziehen, nicht wahr?“

Die Amerikanerin berührte Betsy am Arm und lehnte sich zu ihr. „Hör mal, Betsy. Wenn das ein Problem ist, habe ich vielleicht einen Ausweg. Ich weiß zufällig, dass sie im Sacred Grove zusätzliche Aushilfen einstellen wollen, um für den Sommer vorbereitet zu sein. Wenn du möchtest, könnte ich mit den Besitzern sprechen, und schauen, ob du dort eine Stelle finden könntest. Dann wärst du gleich vor Ort, um weitere Tests zu machen und dir helfen zu lassen, deine versteckten Talente hervorzubringen.“

Betsys Augen leuchteten. „Ich? Du glaubst, sie würden mich dort einstellen?“

„Natürlich. Die Einrichtung ist für den Sommer bereits ausgebucht und sie brauchen die gleiche Belegschaft wie ein Fünfsternehotel. Und du hast bereits im Gastgewerbe gearbeitet, also hast du einen Vorsprung. Lass mich morgen früh mit den Besitzern sprechen, dann sehen wir, was sie sagen.“

„Hörst du das, Evan?“ Betsy drehte sich zu ihm um. „Hast du gehört, was Emmy gerade gesagt hat? Sie glaubt, sie könne mir eine Stelle in der Einrichtung besorgen, wo man mich testen wird. Stell dir vor – ich unter all den Heilern und Priesterinnen und so weiter. Warte nur ab, wie stark meine übersinnlichen Fähigkeiten werden, wenn ich von all diesen guten Schwingungen umgeben bin.“

„Du denkst doch nicht wirklich darüber nach, Harry zu verlassen und da unten bei den Fremden zu arbeiten, oder?“ Fleischer-Evans hatte die Unterhaltung ebenfalls mitbekommen.

„Warum nicht? Alter Griesgram“, sagte Betsy. „Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich dringend etwas Besseres als das hier finden will? Ich habe Träume und Ansprüche, wie du weißt. Wenn sie mich nehmen, bin ich morgen früh hier weg, ob es Harry gefällt oder nicht!“