Leseprobe Mord an der Upper East Side

Eins

„Frühling? Gab es überhaupt Frühling dieses Jahr?“, fragte der Mann mit der feschen, braunen Melone. „Ach, genau. Ich erinnere mich. Es war an einem Mittwoch, oder nicht?“

Diese Bemerkung erzeugte kicherndes Gelächter bei den Frauen, die in Giacomini’s Fine Foods Schlange standen. Der Sprecher war neben dem alten Mr. Giacomini hinterm Tresen der einzige Mann im Geschäft. Er überragte uns alle und seine Anwesenheit hatte für Aufregung gesorgt. Es war ungewöhnlich, einen Mann im Lebensmittelladen zu sehen, da Kochen Frauenarbeit war. Er war gut gekleidet, trug eine Jacke mit Pepita-Karos, weiße Gamaschen und gut polierte Schuhe, anders als die kleinen, runden Bauerntypen, die diesen Laden sonst aufsuchten, der in einem immer noch hauptsächlich italienischen Viertel südlich des Washington Square lag. Allerdings schien er ganz glücklich, sich am Geplauder zu beteiligen, während er darauf wartete, dass er an der Reihe war.

„Er hat recht“, sagte die Frau vor mir und nickte. „Ich erinnere mich nur an einen einzigen frühlingshaften Tag in diesem Jahr. In meiner Erinnerung hatten wir bis Mitte April heulende Stürme.“

„Und dann wurde es über Nacht heißer als in der Hölle“, beendete der Mann für sie.

Seine letzte Bemerkung erntete allgemeine Zustimmung, obwohl einige der Frauen ob seiner beinahe fluchenden Ausdrucksweise erschreckt Luft holten. Es war ein schrecklicher Frühling gewesen, gefolgt von einer Hitzeperiode, auf die wir nicht vorbereitet gewesen waren. Für gewöhnlich machte es mir nichts aus, in Giacomini’s beengtem, kleinen Laden Schlange zu stehen, in dem der Geruch von Gewürzen und Kräutern halb vergessene Kindheitserinnerungen wachrüttelte. Aber heute war es beinahe zu heiß zum Atmen und die Gerüche waren überwältigend, besonders wenn sie sich mit den nicht so angenehmen Gerüchen muffiger Ausdünstungen und Knoblauch vermischten.

„Es heißt, drüben auf der Lower East Side gibt es Typhus“, sagte einer Frau und senkte die Stimme.

„Sie würden mich nicht dort erwischen, selbst wenn es keine Epidemie gäbe“, murmelte eine andere Frau. „Gedrängt wie die Sardinen sind sie in diesen Mietshäusern. Und sie waschen sich nie. Geschieht ihnen recht, dass sie krank werden.“

Mr. Giacomini schüttete Zucker in eine dreieckige Papiertüte, drehte sie zu und reichte sie der Frau an der Spitze der Schlange. „Noch etwas, Signora? Das wären dann ein Dollar fünfzig, bitte.“

Geld wechselte den Besitzer. Die korpulente Dame lud die Einkäufe in ihren Korb und versuchte dann, sich durch den schmalen Mittelgang an uns vorbeizudrücken. Freundliches Kichern wurde ausgetauscht, weil enger Kontakt nicht vermieden werden konnte. Als jede Frau der Reihe nach versuchte, sich gegen Behälter und Regale zu drücken, sah ich etwas, das ich kaum glauben konnte. Dieser Mann hatte in den offenen Korb der Frau direkt hinter ihm gelangt und ihre Geldbörse genommen. Mein Herz begann zu rasen. Ich fragte mich, ob ich es mir nur eingebildet hatte und was ich als Nächstes tun sollte. Er war eindeutig zu groß und zu stark, um von einer von uns überwältigt zu werden. Die Schlange bewegte sich vorwärts. Die nächste Kundin machte ihre Einkäufe. Ich musste schnell handeln, sonst würde der Mann die Spitze der Schlange erreicht und den Laden verlassen haben, ehe die arme Frau bemerkte, dass ihre Geldbörse fehlte. Ich konnte nicht einfach dastehen und nichts tun. Das ging gegen meine Natur, obwohl ähnlich kühnes und leichtsinniges Verhalten mich mehr als einmal im Leben in Schwierigkeiten gebracht hatte. Ich lehnte mich zu der Frau hinüber und zog an ihrem Arm. Sie drehte sich um und starrte mich überrascht an.

„Dieser Mann hat gerade Ihre Geldbörse gestohlen“, flüsterte ich.

Sie sah mich skeptisch an, dann blickte sie in ihren Korb hinab.

„Sie haben recht. Sie ist weg“, flüsterte sie mit entsetzter Stimme zurück. „Sind Sie sicher, dass er sie genommen hat?“

Ich nickte. „Ich habe ihn gesehen.“

„Was soll ich tun?“ Sie drehte sich um und blickte an dem großen Kerl hinauf.

„Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich hole einen Constable, dann haben wir ihn wie eine Ratte in der Falle.“ Ehe sie antworten konnte, murmelte ich etwas darüber, meinen Einkaufszettel zu Hause vergessen zu haben, dann schob ich mich aus dem Geschäft und rannte bis zum Washington Square. Am Südende des Platzes waren stets Polizisten zu finden, weil dort die New York University war und Studenten dafür bekannt waren, sich unberechenbar zu verhalten. Ich fand mühelos einen Polizisten.

„Kommen Sie schnell“, drängte ich. „Ich habe gerade einen Mann dabei beobachtet, wie er einer Dame die Brieftasche gestohlen hat. Wenn wir uns beeilen, wird er noch im Geschäft sein.“

„Sieht wie ein weiterer Taschendieb aus, Bill“, rief er einem anderen Constable zu, der auf der anderen Straßenseite stand. „Bin gleich zurück. Achte auf meine Pfeife, nur für den Fall, dass er Ärger macht. Ist es weit, Miss?“

„Giacomini’s in der Thompson. Beeilung, ehe er entwischt.“ Ich kämpfte das Verlangen zurück, seinen Arm zu packen und ihn hinter mir her zu zerren. Aber er machte sich mit mir zusammen bereitwillig trabend auf den Weg. Als wir Giacomini’s erreichten, lief ihm Schweiß über das runde, rote Gesicht. Wir betraten die warme, gewürzreiche Dunkelheit des Geschäfts, als der Mann am Tresen bezahlte.

„Ist er das, Miss?“, flüsterte der Constable.

Das war kaum eine notwendige Frage, da er immer noch der einzige Mann im Geschäft war, aber ich nickte. „Und die Dame hinter ihm – die im blauen Rock –, ihr hat er die Geldbörse gestohlen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich natürlich verhalten soll, bis ich mit Ihnen zurückkäme.“

„Gut gemacht, Miss. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde den Tunichtgut auf seinem Weg nach draußen überraschen.“ Der Constable stellte sich in die Türöffnung, gerade als der große Kerl sich umdrehte und sich an der Schlange vorbeibewegte.

„Nicht so schnell, Sir.“ Der Constable trat vor, um sein Vorankommen zu unterbinden. „Ich glaube, Sie haben etwas bei sich, das Ihnen nicht gehört.“

„Ist das so? Und was soll das sein?“, fragte der Mann mit geheuchelter Überraschung.

„Sie wurden dabei gesehen, wie Sie einer Dame die Geldbörse gestohlen haben.“

„Die Geldbörse einer Dame? Ich?“

„Meine Geldbörse“, sagte die Frau im blauen Rock.

Die übrigen Frauen im Geschäft fuhren herum um zuzusehen.

„Lächerlich. Wie können Sie es wagen, mir so etwas zu unterstellen?“ Der Mann versuchte, sich nach draußen zu drängen.

„Nun, meine Geldbörse ist aus meinem Korb verschwunden, und diese junge Dame sagt, sie habe gesehen, dass Sie sie genommen hätten“, sagte die Frau. Der Blick des Mannes heftete sich auf mich.

„Hat Sie das, ja? Und hat jemand anderes diese unverschämte Tat gesehen? Irgendeine andere der Frauen in dieser Schlange, die mich gut sehen konnten?“

Niemand antwortete. Einige Frauen wandten ihre Augen ab. Der Mann drehte sich um und blickte mich wieder wütend an.

„Ich weiß nicht, was Sie sich davon versprechen“, sagte er, „aber Sie können in ernste Schwierigkeiten geraten, wenn Sie falsche Anschuldigungen gegen ehrenwerte Bürger machen. Nur zu, Officer. Durchsuchen Sie mich, wenn Sie müssen.“

„Wenn Sie ins Licht heraustreten würden, Sir. Und denken Sie nicht daran, wegzulaufen. Es sind etliche andere Officers in der Nähe.“

„Ich habe gewiss nicht vor, wegzulaufen, bis ich meinen Namen reingewaschen habe.“ Der Mann schritt durch die Tür und streckte die Arme von sich. „Nur zu. Durchsuchen Sie mich.“

Sein vollkommenes Selbstvertrauen entmutigte mich. Er hatte ein überhebliches Grinsen im Gesicht, während der Constable ihn durchsuchte. Er weiß, dass er die Geldbörse nicht bei sich hat, dachte ich. Dann durchschaute ich es plötzlich: Er musste sie bereits irgendwo versteckt haben, um sie später zu holen. Ich glitt ins Geschäft und sah mich verzweifelt um. Wenn ich er wäre, wo würde ich dann eine gestohlene Geldbörse verstecken? Er hätte sie mühelos auf den Boden fallen lassen und unter eines der Regale stoßen können, aber er hätte sich auf alle Viere herunterlassen müssen, um danach zu suchen – was überaus auffälliges Verhalten gewesen wäre. Also musste er einen Vorteil aus seiner Größe geschlagen haben. Auf der rechten Seite des Gangs standen Regale, die bis zur Decke gingen, gefüllt mit Flaschen und Dosen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, streckte meine rechte Hand zum obersten Regalbrett aus und wurde belohnt, als meine Finger ein weicheres, schlankeres Objekt ertasteten. Ich dehnte mich, streckte meine Hand noch weiter aus und schaffte es, den Gegenstand herunterzuwerfen. Dann schob ich mich an den Frauen vorbei, rannte nach draußen und wedelte triumphierend damit. Gerade rechtzeitig.

„Da. Ich hoffe, Sie sind zufrieden“, sagte der Mann. „Und glauben Sie mir, Ihr Chief wird davon erfahren.“

„Es tut mir leid, Sir, ich habe nur getan–“, begann der Constable, als der Mann auf dem Absatz kehrt machte.

„Lassen Sie ihn nicht gehen“, rief ich. „Hier ist die Geldbörse.“ Ich wedelte dem Constable damit zu, der den Mann am Arm packte. „Er hat sie aufs oberste Regalbrett gelegt, so hoch, dass niemand sonst sie sehen konnte. Er wollte später zurückkommen, um sie zu holen.“

„Sehr gerissen“, sagte der Constable. „Bedauerlicherweise war diese junge Dame gerissener.“ Er packte fester zu und der Kerl wirkte nicht länger selbstgefällig.

„Sie können mir nichts anhängen. Sie haben nur ihre Aussage. Jeder hätte die Brieftasche nehmen und dort hinlegen können. Sie selbst hätte sie nehmen können“, tobte er.

„Ich war die größte Frau da drin und ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um so hoch zu greifen. Jeder hätte mich bemerkt, wenn ich versucht hätte, dort hinaufzulangen. Aber Sie – Sie mussten nur vorgeben, Ihren Hut zu richten oder sich durch den Schnurrbart zu streichen.“

„Kommen Sie mit. Ich bringe Sie auf die Wache“, sagte der Constable. „Sie kommen auf die Polizeistation am Jefferson Market.“

„Ich gehe nirgendwo mit Ihnen hin.“ Der Mann befreite sich, stieß den Constable beiseite und rannte los. Sofort blies der Constable in seine Pfeife. Zwei andere Polizisten erschienen aus Richtung Washington Square. Es gab ein Handgemenge und der Mann wurde gepackt und festgehalten.

„Was hat er getan, Harry?“

„Hat versucht, einer Dame im Lebensmittelladen die Geldbörse zu stehlen“, sagte mein Constable, „nur ist ihm diese junge Dame hier auf die Schliche gekommen. Sie ist wirklich gerissen.“

„In Ordnung, auf die Wache mit ihm“, sagte einer von ihnen und sah mich anerkennend an. „Und Sie kommen besser auch mit, Miss, um unserem Sergeant Bericht zu erstatten.“

Ich wollte nicht zugeben, dass ich ungern auch nur in die Nähe der Polizeistation am Jefferson Market ging, da ich dort einst eine Nacht verbracht hatte, weil man mich für eine Frau gehalten hatte, die einer ganz anderen Profession nachging. Ich trottete neben ihnen her und war sehr zufrieden mit mir. Ich wurde ziemlich gut im Ermitteln, oder nicht? Aufmerksamer als der Durchschnittsmensch, mit geschärften Sinnen und rascherer Reaktion. Es war an der Zeit, dass die Polizei erkannte, wie nützlich ich war. Ein Jammer, dass ich Daniel Sullivan nicht von meinem Können berichten konnte.

„Ihr Kerle verschwendet eure Zeit“, sagte der Taschendieb und fiel in eine geläufigere Sprechweise zurück. „Unmöglich, dass Sie mir das anhängen.“ Dann blickte er zu mir zurück, als wolle er mich warnen. Ich begegnete seinem Blick, schenkte ihm mein berühmtes Queen-Victoria-Starren und fühlte mich immer noch einigermaßen stolz.

Wir überquerten den Platz und betraten die Marktanlage auf der entgegengesetzten Seite der 6th Avenue. Zerquetschte Früchte und Stroh übersäten den Bürgersteig und ein Karren wurde an uns vorbeigeschoben, auf dem sich Kohl auftürmte. In der Nachmittagshitze waren die Gerüche von verfaulendem Obst, Gemüse und Pferdemist penetrant. Die dreieckige Anlage beherbergte eine Feuerwache und dahinter die Polizeistation. Wir waren drauf und dran, Letztere zu betreten, als sich die Tür öffnete und einige Männer herauskamen, die so in ein Gespräch vertieft waren, dass sie uns erst bemerkten, als sie beinahe mit uns zusammenstießen.

Sie trugen keine Uniformen, reagierten aber augenblicklich auf unsere kleine Prozession.

„Was haben Sie da, Harris?“, fragte einer von ihnen.

„Wir haben den Kerl erwischt, nachdem er einer Dame die Geldbörse gestohlen hatte“, sagte mein Constable.

Mir fiel der halb amüsierte Gesichtsausdruck des Polizisten in Zivil auf, als er den Gefangenen beobachtete, der von den anderen Polizisten festgehalten wurde. „Bist du wieder ein böser Junge gewesen, Nobby?“, fragte er.

„Zur Hölle mit Ihnen“, sagte der Mann leichthin. „Auf keinen Fall hängt ihr Kerle mir irgendwas an. Hier steht Aussage gegen Aussage.“

Dann bemerkten sie mich. Ich versuchte ruhig und gelassen zu bleiben, obwohl einer von ihnen mir in dem Moment aufgefallen war, in dem er durch die Tür getreten war. Es war Daniel Sullivan, mein Ex-Liebhaber. Captain Daniel Sullivan von der New Yorker Polizei. Ich sah, wie sich seine Augen weiteten, als er mich erkannte.

„Die junge Lady hat diesen Gentleman dabei beobachtet, wie er die Geldbörse einer anderen Dame gestohlen hat“, erklärte mein Constable. „Und sie war klug genug, herauszufinden, wo er sie versteckt hatte.“

„Ist das so?“ Ich konnte spüren, wie Daniel mich ansah, obwohl ich seinen Blick nicht erwiderte. „In Ordnung. Bringt ihn rein und nehmt seine Personalien auf, Jungs. Ich bin sicher, er kennt den Weg so gut wie ihr.“

Als ich ihnen nach drinnen folgen wollte, packte Daniel mich am Arm.

„Bist du ob deiner Fähigkeiten als Detektivin so übermütig geworden, dass du entschieden hast, die Pflichten der New Yorker Polizei zu übernehmen?“, fragte er mit einer Stimme, die nicht gerade freundlich klang.

Ich sah zu ihm hinauf. „Ich war in einem Geschäft. Ich habe einen Taschendieb bei der Arbeit beobachtet. Glücklicherweise habe ich meinen Verstand gebraucht und war in der Lage dafür zu sorgen, dass er verhaftet wurde.“

„Für dich ist das nicht so glücklich wie du glaubst“, sagte Daniel. „Weißt du, wer der Mann ist?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Er ist einer der Hudson Dusters, Molly. Du weißt, wer die sind, oder nicht?“

Ich wusste es, nur zu gut. Es gab drei Gangs, die Lower Manhattan beherrschten, und die Hudson Dusters waren eine davon. Ich war vor ein paar Monaten mit einer rivalisierenden Gang aneinandergeraten und hatte nicht das Bedürfnis, diese Erfahrung zu wiederholen.

„Ich muss dich nicht daran erinnern, was sie tun – oder doch, Molly?“, fuhr Daniel fort. „Und dieser Kerl, Nobby Clark, ist dafür bekannt, sehr nachtragend zu sein. Er hat aufs Geratewohl auf vier Männer geschossen, die ihn zuvor verhaftet hatten, weißt du.“

Er starrte mich an, während ich das verdaute. „Ich will nicht, dass du aussagst, wenn es zu einer Verhandlung kommt, ist das klar? Ich will, dass du dich aus dem Staub machst, ehe er freigelassen wird. Er weiß nicht, wie du heißt, oder?“

Ich schüttelte den Kopf.

Sein Griff um meinen Arm wurde fester. „Molly, wann lernst du es, dich nicht in Polizeiarbeit einzumischen?“

„Heilige Mutter Gottes, würdest du mich loslassen“, rief ich und schüttelte ihn von mir ab. „Ich habe nur getan, was jeder anständige Mensch getan hätte. Wenn es meine Geldbörse gewesen wäre, hätte ich gewollt, dass mich jemand warnt.“

Er seufzte. „Ich schätze, das stimmt. Und bei den meisten Taschendieben wäre es in Ordnung gewesen. Aber man kann sich darauf verlassen, dass du den Falschen findest. Komm. Ich begleite dich nach Hause. Wir lassen Nobby eine Weile in einer Zelle warten und lassen ihn dann frei.“

„Ihn freilassen? Aber er hat gestohlen.“

„Aussage gegen Aussage, wie er gesagt hat. Die Gangs bezahlen gute Anwälte. Sie würden ihn rauspauken und dann würde er kommen, um nach dir zu suchen. Mach dir keine Sorgen. Wir erwischen ihn, wenn es darauf ankommt.“

„Ich schätze, die Hudson Dusters bestechen euch, so wie es auch die anderen Gangs tun“, sagte ich.

Er sah mich wütend an. „Entgegen der landläufigen Meinung, steht die New Yorker Polizei nicht im Lohn der Gangs. Wir lernen lediglich, welche Kämpfe es sich auszufechten lohnt und welche nicht. Wenn Nobby wegen Taschendiebstahl angeklagt wird, verschwindet er allerhöchstens für ein paar Monate. Ich würde lieber darauf warten, ihm etwas Großes anzuhängen.“

Er versuchte, mich in Richtung Bordstein zu lenken.

„Warte“, sagte ich. „Ich gehe nicht nach Hause. Ich muss noch meine Einkäufe erledigen.“

„Ich will nicht, dass du in diesen Laden zurückgehst.“ Daniel sah mich weiterhin finster an. „Du gehst direkt nach Hause und ich lasse einen unserer Männer deine Einkäufe machen. Was wolltest du kaufen?“

Ich wollte Daniel nicht wissen lassen, dass meine Finanzen zuletzt ziemlich prekär gewesen waren – was der Tatsache geschuldet war, dass mir die Aufträge fehlten – und dass ich einige Scheiben kalte Zunge zum Abendessen kaufen wollte.

„Es ist in Ordnung. Nichts, was ich nicht morgen einkaufen könnte, schätze ich“, sagte ich. „Aber ich bin jetzt ein großes Mädchen. Ich kann allein über die Straße gehen.“

„Manchmal frage ich mich, ob das stimmt“, sagte er und lächelte.

Der aggressive Daniel war leichter zu handhaben als der lächelnde. Ich versuchte, vor ihm zurückzuweichen. Seine Finger glitten meinen Arm hinab, bis er meine Hand in seiner hielt und meine Finger untersuchte. „Noch kein Ring, wie ich sehe“, sagte er. „Dem bärtigen Wunder also noch nicht versprochen?“

„Wenn du dich auf Mr. Singer beziehst, so sind wir einander nicht wirklich versprochen, aber wir haben eine Abmachung“, sagte ich steif.

„Molly–“, setzte er mit verärgerter Stimme an.

„Und ich nehme an, dass du noch mit Miss Norton verlobt bist?“

„Ich glaube, sie wird meiner endlich überdrüssig“, sagte Daniel. „Sie sagte mir vor ein paar Tagen, ich sei langweilig und mir fehle Ehrgeiz. Das ist ein gutes Zeichen, würdest du nicht auch sagen?“

„Gut für wen?“, fragte ich. „Wirklich, Daniel, mein Leben ist zu geschäftig für müßige Gedanken an dich und Miss Norton.“

„Verfolgst du noch immer diese lächerliche Idee, Ermittlerin zu sein?“

Ich nickte. „Ich schlage mich ziemlich gut, wenn du es wissen willst. Fast so gut wie Paddy Riley.“

„Paddy Riley hat es das Leben gekostet“, rief er mir in Erinnerung.

„Davon abgesehen.“

Er überquerte neben mir die Straße und hielt am Eingang zum Patchin Place an, dem kleinen Nest, in dem ich lebte. „Ich muss zurück, aber von hier aus kommst du klar, oder?“, fragte er.

„Ich kam auch vorher wunderbar klar“, sagte ich. „Ich kann wirklich auf mich selbst aufpassen, Daniel. Du brauchst dir keine Sorgen um mich zu machen.“

„Aber das tue ich. Und ich denke oft an dich. Sag mir nicht, dass du nie an mich denkst.“

„Ich habe nie die Zeit“, sagte ich kurz angebunden. „Guten Tag, Captain Sullivan. Danke, dass Sie mich nach Hause gebracht haben.“

Ich ließ ihn am Eingang zum Patchin Place stehen.

Zwei

Ich blickte nicht zurück, während ich den Patchin Place hinunterging. Ich hatte diese Begegnung ziemlich gut bewältigt; tatsächlich war ich zufrieden mit mir. Ich hatte Daniel Sullivan gezeigt, dass er mich nicht länger in der Hand hatte. Ich hatte wie eine selbstsichere, erfolgreiche Frau gewirkt. Vielleicht sollte ich meinen Beruf augenblicklich wechseln und basierend auf dieser überzeugenden Darbietung meinen Stückeschreiber-Freund Ryan O’Hare nach einer Rolle in seinem nächsten Stück fragen.

Denn um die Wahrheit zu sagen, florierte mein Geschäft gerade nicht besonders. Ich kann nicht sagen, dass ich ein Vermögen als Privatdetektivin verdiente. J. P. Riley and Associates erhielt immer noch eine Vielzahl von Anfragen, aber wenn die Leute herausfanden, dass der Ermittler eine Frau war, schwand oft das Interesse. Die allgemein verbreitete Ansicht war, dass man nicht darauf vertrauen konnte, dass eine Frau diskret war. Frauen waren dafür bekannt, dass sie nicht in der Lage waren, den Mund zu halten. Das war auch Paddys Meinung gewesen, obwohl ich glaube, dass er dabei war, seine Meinung über mich zu ändern, als er getötet wurde. Ich vermisste ihn noch immer. Ich war immer noch wütend, dass er gestorben war, ehe er mir alle Tricks seines Handwerks beibringen konnte.

Ich stellte meinen leeren Korb ab und suchte nach dem Türschlüssel. Ich verspürte jedes Mal Stolz, wenn ich mein eigenes Haus betrat, noch dazu ein so hübsches, kleines Haus. Jetzt fragte ich mich, wie lange ich es noch würde behalten können. Seit einigen Monaten war kein Geld hereingekommen. Seamus O’Connor, der sich das Haus mit mir teilte, war beim Kaufhaus Macy’s entlassen worden, eine Stelle, die für die Weihnachtssaison geschaffen worden war. Jetzt war es Mai und er hatte noch keine neue Anstellung gefunden. Seine beiden Kinder Shamey und Bridie waren gute Esser, und das Geld schwand in erschreckendem Tempo. Es gab keinen Grund, wieso ich zwei Kinder durchfüttern sollte, die nicht einmal mit mir verwandt waren, außer der Tatsache, dass ich mein gegenwärtiges Leben in Amerika ihrer Mutter verdankte, die in Irland im Sterben lag. Und ich hatte sie liebgewonnen. Mittlerweile erschienen sie mir wie meine eigene Familie.

Ich ging hinein und sah mich verärgert um. Die Reste einer Mahlzeit übersäten den Küchentisch – das Brot war schief abgeschnitten und ich sah Kleckse von Marmeladen auf dem Wachstuch. Die Kinder waren nach der Schule offensichtlich nach Hause gekommen und wieder ausgegangen. Nun, sie machten sich besser auf eine gehörige Standpauke gefasst, wenn sie zurückkamen. Ich begann, ihre Unordnung aufzuräumen. Seamus war, wie es schien, nicht zu Hause. Ich bewunderte, dass der Mann jeden Tag auf der Suche nach Arbeit durch die Straßen zog. Das Problem war, dass er immer noch nicht stark genug war, um die Arbeit zu verrichten, die den neuangekommenen Iren zur Verfügung stand – und für etwas Besseres war er nicht geschult.

Ich seufzte, als ich das Brot in den Kasten zurücklegte. Irgendetwas musste bald geschehen, wenn ich Geld für Miete und Essen auftreiben wollte. Vielleicht mussten sich die O’Connors zusammen in ein Zimmer drängen und ich würde das dritte Zimmer an einen Pensionsgast vermieten. Aber der Gedanke daran, unser Zuhause mit einem Fremden zu teilen, war nicht verlockend.

Ich könnte natürlich jederzeit wieder einem Künstler meine Dienste als Modell anbieten. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie Jacob darauf reagieren würde, wenn ich nackt für einen fremden Mann posierte. Trotz all seines Freisinns, glaubte ich nicht, dass er das gut aufnehmen würde. Der gute Jacob; er war derzeit das einzig Beständige in meinem Leben. Ich hatte mich bisher geweigert, mit ihm übers Heiraten zu reden, aber ich wurde schwächer. Ich muss gestehen, dass der Gedanke daran, geliebt und beschützt zu werden, selbst für eine Geschäftsfrau wie mich gelegentlich anziehend war.

An Jacob zu denken machte mir bewusst, dass ich ihn seit einigen Tagen nicht gesehen hatte und in diesem Augenblick ein wenig Liebe gebrauchen konnte. Es war keiner der Abende, an denen er bei Veranstaltungen seiner Arbeiterorganisation war, der Hebrew Trades Association, also sollte er zu Hause sein. Er könnte mich zu Borschtsch und Rotwein in unser Lieblingscafé ausführen. Trotz der Hitze, die die Bürgersteige abstrahlten, rannte ich fast über den Washington Square, dann den Broadway hinunter und in die Rivington Street.

Als ich in die sogenannte Lower East Side voranschritt, waren die Straßen verstopft von Handkarren und Verkaufsständen, die von den Texten jiddischer Lieder bis hin zu Essiggurken, Knöpfen oder lebenden Gänsen alles verkauften. Ein wahrhaftiges Orchester der Geräusche hallte von den hohen Wänden der Mietshäuser wider – das Schreien eines Säuglings, eine Violine aus einem oberen Fenster, die eine schwermütige, russische Melodie spielte, schrille, sich von einem Fenster zum anderen auf der gegenüberliegenden Straßenseite streitende Stimmen, Straßenhändler, die ihre Waren anpriesen. Es war eine Szenerie voller Leben und ich kostete sie aus, während ich vorübereilte.

Jacob lebte am hinteren Ende der Rivington Street, nahe dem East River. Der stechende Geruch des Flusses wehte mit der abendlichen Brise zu mir herüber. Er hatte ein Zimmer im dritten Stock des Gebäudes, aber es war groß und luftig, zur Hälfte Wohnraum und zur Hälfte Atelier für seine Arbeit als Fotograf. Er war ein wundervoller Fotograf und hätte ein gutes Auskommen haben können, wenn er nicht entschieden hätte, sich der sozialen Gerechtigkeit zu widmen und so ausschließlich Schauplätze des Elends zu fotografieren.

Die Eingangstür des Gebäudes stand offen. Zwei alte Männer saßen auf der Vortreppe, ihre langen weißen Bärte bewegten sich hin und her, während sie in ernster Unterhaltung gestikulierten. Sie sahen mich schräg an, als ich an ihnen vorüberging. Ich war auf dem Weg, einen jungen Mann zu besuchen, ohne eine Anstandsdame dabei zu haben. Solche Dinge waren in der alten Heimat unerhört. Ich grinste und sprang die Treppen hinauf, zwei Stufen auf einmal.

Oben angekommen hielt ich inne, um mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen und mein schwer zu bändigendes Haar zu zähmen. Ich konnte Stimmen hören, die sich hinter seiner Tür unterhielten. Ich klopfte und wartete. Die Tür wurde geöffnet.

„Jacob, ich bin am Verhungern und konnte nichts zum Abendessen kaufen, weil …“, begann ich, als mir bewusst wurde, dass ich einen fremden, jungen Mann anstarrte. Er trug die schwarze Kleidung und die langen Schläfenlocken, die von strengeren, jüdischen Männern bevorzugt wurden, und er sah mich voller entsetztem Erstaunen an.

„Oh, hallo“, sagte ich. „Ich bin gekommen, um Mr. Singer zu besuchen.“

Die Augenbrauen hoben sich noch weiter. „Mr. Singer. Nicht hier“, sagte er in gebrochenem Englisch, wobei der wuchernde Bart zitterte, als er heftig den Kopf schüttelte.

„Oh. Wann wird er wieder zurück sein?“, fragte ich.

Das schien er nicht zu verstehen. Ich hatte keine Ahnung, was er in Jacobs Zimmer tat und wer sonst noch mit ihm im Zimmer war, aber er würde mich zweifellos nicht hereinlassen. Ich war drauf und dran, meine Niederlage einzugestehen und wieder nach Hause zu gehen, als Schritte von Stiefeln die Treppe heraufkamen und Jacobs Gesicht erschien.

„Molly!“ Er klang überrascht und erfreut, aber auch argwöhnisch. „Was tust du hier?“

„Brauche ich dieser Tage einen Termin, um dich zu besuchen?“, fragte ich und mein Blick neckte ihn.

„Selbstverständlich nicht. Es ist nur so, dass–“ Er hielt inne und blickte zu dem schwarz gekleideten, jungen Mann herauf, der uns beobachtete. „Es ist im Moment recht schwierig.“ Er wandte sich dem Neuankömmling zu und sprach rasch auf Jiddisch mit ihm. Ich hatte einige Worte dieser Sprache zu verstehen gelernt, aber nur, wenn sie langsam genug gesprochen wurden. Der junge Mann nickte und zog sich zurück. Jacob schloss die Tür und so blieben wir draußen zurück.

„Wer ist das?“, fragte ich und sah ihn mit belustigtem Gesichtsausdruck an. „Sag mir nicht, dass der Rabbi jemanden geschickt hat, weil du mit einer Schickse verkehrst.“

„Ich bringe dich wieder nach unten“, sagte er und packte fest meinen Arm.

Der Nachmittag schien aus Männern zu bestehen, die meinen Arm packten und mich in Richtungen führten, in die ich nicht gehen wollte.

„Was soll das alles, Jacob?“, fragte ich.

„Es tut mir leid, Molly, wirklich leid“, sagte er flüsternd, obwohl es im Treppenhaus niemanden gab, der uns hören konnte. „Es ist nur so, dass ... es im Moment ungünstig ist.“

„Das hast du bereits gesagt“, rief ich ihm in Erinnerung. „Was ist los, Jacob?“

Er blickte wieder die Treppe hinauf. „Dieser Mann, er ist mein Cousin, aus heiterem Himmel aus Russland aufgetaucht. Es sind drei, genau genommen. Mein Cousin und zwei Freunde. Sie hatten kein Geld und wussten nicht, wohin, also habe ich sie natürlich aufnehmen müssen. Unter anderen Umständen hätte ich dich ihnen vorgestellt, aber wie du gesehen hast, sind sie ziemlich streng in ihren religiösen Überzeugungen. Ein unbegleitetes Mädchen – ich korrigiere: ein unbegleitetes, nicht-jüdisches Mädchen – in mein Wohnquartier zu bringen, würde sie unfassbar schockieren. Also bis auf Weiteres …“

„Willst du, dass ich fernbleibe.“

Er sah mich mit Dankbarkeit im Blick an. „Ich glaube, das wäre weise. Du weißt, was ich von diesen antiquierten Traditionen und Bräuchen halte, aber sie sind gerade erst angekommen. Ich kann sie nicht zu bald mit zu viel konfrontieren.“

„Und wie hast du meine Anwesenheit erklärt?“, fragte ich eisig. „Bin ich die Verrückte vom Stockwerk unter dir? Die gekommen ist, um sich eine Tasse Zucker zu borgen?“

Er sah jetzt beschämt aus. „Ich habe gesagt, du seist eine Angestellte unserer Gewerkschaft.“

„Ich verstehe.“ Ich wandte mich von ihm ab und spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg.

Er legte mir die Hände auf die Schultern und versuchte, mich zu ihm zurückzudrehen, sodass ich ihn wieder ansah. „Molly, es tut mir leid. Das war dumm von mir. Mir fiel nur kein anderer Weg ein, dich vorzustellen, ohne sie zu verärgern.“

„Und dass du mich verärgerst? Das spielt für dich keine Rolle?“

„Selbstverständlich spielt es eine Rolle. Ich dachte, du verstehst das.“

„Und wird es immer so sein, Jacob?“, fragte ich kühl. „Wenn wir heiraten würden, müsste ich dann jedes Mal das Haus verlassen, wenn sich deine Verwandten nähern? Oder mich unter dem Bett verstecken? Oder mein Leben damit verbringen, so zu tun, als wäre ich eine deiner Gewerkschaftsangestellten?“

„Natürlich nicht. Jeder, der eine Gelegenheit hat, dich kennenzulernen, mag dich. Meine Eltern mögen dich.“

„Deine Eltern tolerieren mich.“

Jacob seufzte. „Diese Dinge brauchen Zeit. Wenn du in einer Kultur aufgewachsen bist und plötzlich in eine andere hineingeworfen wirst, in der ganz andere Regeln gelten, ist es nicht immer leicht, sich zu verändern. Ich bin ein moderner Denker. Ich bin für Veränderung. Viele Juden sind das nicht.“

Sein Griff um meine Schultern wurde fester. „Und vergib mir, ich habe dich nicht mal gefragt, warum du zu Besuch gekommen bist. Es ist doch alles in Ordnung, oder?“

„Ist es einer jungen Dame in deiner modernen Art zu denken nicht erlaubt, ihren männlichen Freund zu besuchen? Muss sie stets darauf warten, dass er sie aufsucht, wenn es ihm passt?“

Er lachte unbehaglich. „Nein. Natürlich nicht. Bei jeder anderen Gelegenheit hätte ich deine Gegenwart willkommen geheißen.“

„Bei jeder Gelegenheit, es sei denn, einer deiner Verwandten oder Freunde besucht dich.“ Ich hob seine Hände von meinen Schultern. „Ich überlasse dich deinen Gästen, Jacob, und ich sehe dich, wenn es uns beiden gelegen ist.“

Ich schob mich an den beiden alten Männern vorbei, die immer noch tief versunken in ernster Unterhaltung auf der Vortreppe saßen.

„Es ist nur für eine kurze Weile, Molly. Nur, bis ich für sie eine eigene Bleibe gefunden habe“, rief er mir nach.

Ich ging weiter. Er folgte mir nicht. Ich kochte vor Wut. Ich hatte mich anfangs zu Jacob hingezogen gefühlt, weil ich ihn als verwandte Seele betrachtet hatte. Er war nicht an dämliche, gesellschaftliche Regeln gebunden. Er wollte die Dinge zum Besseren verändern. Jetzt schien es, als wäre er nicht die verwandte Seele, für die ich ihn gehalten hatte.