Leseprobe Mörderisch verspielt

1

„Was bedeutet das, ein Vampir hat ihn getötet?“ An meiner Bürotür rannte kreischend ein Schwarm vom Zucker berauschter Kinder in Vorfreude auf das Wochenende vorbei wie Jawas auf dem Markt an Altmetall-Ausverkaufstagen.

Hohe Stimmen zwitscherten, Gelächter hallte als Echo von den Mauern zurück und eine aufgeregte, Stimmung lag in der Luft. Verärgert stand ich auf und schlug die Tür zu. Auf der anderen Seite sagte eine kindliche Stimme „uuuh“ und es entzündete sich ein weiterer Kicheranfall.

Am anderen Ende der Leitung jammerte Cody weiter, er sagte etwas über Aliens und Waffen und dass er keine Holzpflöcke habe und wie ungerecht alles sei.

Ich stapfte um meinen chaotischen Schreibtisch und ließ mich in meinen Bürostuhl fallen, doch etwas Spitzes stach durch den weichen Stoff meiner Hose. Ich sprang mit einem empörten Quietschen auf.

„Ich weiß!“, sagte Cody. Er war völlig neben der Spur.

„Nein, das ist nicht – ”

„Aber es ist dein Job, dafür zu sorgen, dass der Spielführer ein faires Spiel anleitet“, sagte er und tat so, als ob ich nichts gesagt hätte. „Ich habe sehr viel Zeit und Mühe in diese Figur investiert, und wenn er das so mir nichts dir nichts mit einer lausigen Nacht von schwachköpfigem Weltenbau zunichtemachen kann, dann muss er ausgetauscht werden.“

„Es tut mir leid, dass du dich so fühlst, aber ich habe keine Kontrolle über die Spiele samstagnachts.“ Ich beugte mich nach hinten und suchte nach der Ursache für meine Schmerzen am Hintern, nach einer jedenfalls, die andere winselte derzeit am Telefon. Etwas Leuchtendes ragte aus der Sitzfläche meines Stuhls. „Du musst das mit deiner Truppe klären, wenn du ein Problem hast.“ Ich grub meine Hand in den Stuhl und suchte herum bis ich meinen neuen Angstgegner herauszog. Es war ein winziges Zinnfigürchen, eine Frau in lächerlicher Rüstung. Sie hielt einen Speer, der so lang war wie ihr Körper, direkt in meine Po-Richtung. Ich blickte sie und ihre stolz zur Schau gestellten Möpse finster an, dann schleuderte ich sie mit einem mitleiderregenden metallischen Klirren in die nächste Ecke.

„Zu mir zu kommen bringt gar nichts. Ich bin nicht deine Mum.“ Er stotterte. „Aber dir gehört der Laden. Du rufst diese Spiele ins Leben –“

„Ich finanziere sie. Ich leite sie nicht. Du bist ein großer Junge. Du schaffst das.“ Ich legte verärgert auf, und ließ mich in meinen Stuhl fallen.

Ich verweilte dort nur kurz, bevor ich mich irritiert umsetzte. Ich trug immer noch den Anzug, den ich aus meinem Schrank zutage gefördert hatte, den, den ich für meinen Abschluss an der Wirtschaftshochschule gekauft und in der darauf folgenden Dekade nicht ausgetauscht hatte. Die Hose zog meine Unterhose so heftig nach oben, dass es weh tat, genau das, was ich nicht gebrauchen konnte, wo ich mich sowieso schon unwohl fühlte. Kleider aus meinen Zwanzigern zu tragen war auf jeden Fall ein Fehler. Zuzulassen, dass ein verwöhnter Spieler voller Komplexe mir auf die Nerven geht war ein noch größerer.

Vor meiner Bürotür hörte ich einen Chor pubertierender Stimmen zu einer Sinfonie von Erregung ansteigen – meine Angestellten, Hector und Bailey, hatten offenbar Gruppen für die Ziehung des Hexers gebildet. Die neuen Spielkarten waren heute Nachmittag eingetroffen, als ich frei hatte und so tat, als sei ich erwachsen. Die eingefleischten Fans waren vor mehr als einer Stunde eingetrudelt und warteten darauf, dass die Reihe an ihnen war, um irgendwelche Kartenstapel zu errichten und an einem Turnier teilzunehmen.

In der Zwischenzeit versuchte ich mich daran zu erinnern, warum ich jemals gedacht hatte, es sei eine gute Idee, um das große Geld im grünen Einkaufszentrum Independence Square, dem Gebäude, das meinen Laden Ten Again beheimatete, zu konkurrieren. „Schreibe einen detaillierten Antrag“, sagten sie. „Wir haben Geld, um unseren innerstädtischen Handel zu verbessern und wir wollen es dir geben.“

Es hatte damals alles so einfach geklungen, bevor mein Antrag zu einer Serie von Vertragsklauseln führte, die dann zu einer Präsentation vor dem kleinen Geschäftsausschuss der Stadt wurden und dann – tja, es war besser über den Rest nicht weiter nachzudenken.

Ich schaute auf meine gespannte Bluse hinunter, einfach um sicherzugehen, dass auch alles ordentlich weggeknöpft war. Alles war in Ordnung. Ich stieß einen Seufzer aus, eine Mischung aus Erleichterung gepaart mit Bedauern. Gewiss, jetzt wollte meine Garderobe funktionieren.

Einen Moment später vernahm ich einen dumpfen Schlag gegen meine Bürotür und hörte lautes Rufen, gefolgt von hektischem Klopfen und Hectors Stimme, die sagte: „Autumn, ich brauche dich hier draußen.“

Ich schloss kurz die Augen, dann zog ich meine Kostümjacke von der Stuhllehne. Der butterweiche Kaschmir und das kühle marineblaue Innenfutter in meinen Händen beruhigten meine überreizten Nerven. Ich nahm das teure Kleidungsstück, presste es auf meinen Mund und schrie. Das Jackett dämpfte meine Laute mit Erfolg und ich seufzte erleichtert auf. Ich schüttelte es aus und hängte es wieder über die Stuhllehne. Es wurde Zeit für die Tierfütterung.

Ich öffnete die Tür einen winzigen Spalt und linste vorsichtig hinaus.

Hector Tran, einer meiner Angestellten, drückte die Tür weiter auf, indem er einen Arm durch den Spalt schob wie eine im Badezimmer eingesperrte Katze. Misstrauisch machte ich einen Schritt zurück. „Was?“

„Hilf mir.” Er presste sein Gesicht an die Tür, seine Augen waren weit geöffnet und glasig. „Ich kann mit denen nicht mithalten.“

Ich öffnete die Tür ganz. „Wir schaffen das, Hector. Das sind doch nur Teenager.“

„Nicht alle.“ Hector sah so aus als wolle er sich an meine Schulter klammern und mich schütteln.

„Das sind erwachsene Männer da draußen. Einer trägt sogar eine Krawatte.“

„Ach, mit dem werden wir auch fertig.“

„Und Cody hat angerufen.“

„Ich weiß. Er hat auch mit mir gesprochen. Er sagt, du hättest seine Figur mit einem Vampir getötet. Im All gibt es keine Vampire, Hector.“

„Es war kein Vampir! Er gehörte einer Alienrasse an, die sich von menschlichen Körperflüssigkeiten wie dem Glaskörper ernähren und – “

„Igitt.“ Ich hielt meine Hand hoch. „Es ist mir egal. Aber es klingt, als ob du die Figur explizit erfunden hättest, um ihn sterben zu lassen. Ich weiß, er ist anstrengend, aber du kannst ihn nicht wie einen Aussätzigen behandeln, nur weil er nervt.“

„Ich? Die anderen Spieler baten mich, ihn rauszukicken. Und das war die beste Methode, die mir in den Sinn kam.“

Ich seufzte und machte verzweifelte Schießbewegungen mit meinen Händen. „Ehrlich, überleg dir etwas Besseres. Es gibt schließlich einen Grund dafür, dass du die Verantwortung trägst.“

„Zwing mich nicht, Bay für ihr Spiel einzusetzen.“

„Ha. Bay hätte ihn schon in der ersten Woche sterben lassen. Und nicht nur seine Rolle.“

„Ach ihr. Seid ihr bereit die Kisten zu öffnen?“

„Sie wurden schon geöffnet. Der Mann im Anzug hat sie mit einem Brieföffner geöffnet. Den hatte er in seiner Socke.“

Darüber schaute ich geschwind hinweg und behielt mein beherrschtes Boss-Auftreten.

„Also gut, seid ihr dann bereit, die Ziehung zu starten?“

„Sie haben sich wie Tiere um die Karten gestritten. Ich war mir nicht sicher, wo wir anfangen sollen.“

„Komm, geh jetzt, und mach es!“ Ich wedelte mit meinen Händen vor seinem Gesicht, um ihn zum Schweigen zu bringen. Er zog sich langsam aus meinem Büro zurück und ich sah, wie eine Horde Spieler ihn umzingelte wie Haie, die sich daran machten, einen Seelöwen zu verspeisen. Ich schloss die Tür vorsichtig nach Luft hechelnd wieder.

Die Notizen zu meiner Präsentation lagen auf einem verlassenen Stapel auf meinem Schreibtisch – all die sorgfältige Recherche über Solarkollektoren und geothermales Heizen, die Fallstudie eines anderen historischen Gebäudes in White Lake, das umgestaltet wurde, um seine Versorgungswirtschaft zu modernisieren, sogar der Vorschlag eines Vertragsunternehmens, eine stärkere Belüftung zu installieren. So viel Arbeit, und alles war vorbei, wie so viele Dinge, nicht mit einem Knall sondern mit einem nervösen Kichern. Aber bestimmt würden sie mich nicht von der Leitung meines Geschäfts abziehen. Nicht wegen so einer dummen Sache.

Erneut klopfte jemand an meine Tür.

Ich brummte, schnellte herum und riss sie mit einem Ruck auf.

„Was?” fauchte ich.

Meine seit mehr als zwanzig Jahren beste Freundin, Jordan Hansen, wich einen Schritt zurück, als sie mich sah. Ihr Schock verblasste schnell und wurde zu Verwirrung, als sie mein Aussehen bemerkte. Aus der Verwirrung wurde schnell Erheiterung. Sie grinste.

„Du siehst aus wie deine Mutter“, sagte sie.

„Nicht. Hilfreich.“ Ich nahm sie am Arm und zog sie ins Büro.

„Was ist los mit dir? Du hast ungefähr hundert Jugendliche da draußen stehen, einen gruseligen Typen im Anzug, und Bay sieht aus, als wolle sie Hector gleich eine runterhauen. Ich habe meine Kampfausrüstung nicht dabei, weißt du.“

Ich plumpste in den Stuhl vor meinem Schreibtisch und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. „Ich weiß, ich weiß. Auf das alles war ich gar nicht vorbereitet.“

Ich hörte ein Knarzen, als sie sich auf meinen Tisch setzte.

„Auf was vorbereitet?“

„Ach, ich hatte doch heute diese große Präsentation vor dem Wirtschaftsentwicklungsausschuss und den Fördermittelkoordinatoren, erinnerst du dich? Sie entscheiden sich diese Woche für den Finalisten der Fördergeldervergabe, deshalb mussten wir alle unsere Pläne darlegen.“

„Stimmt.“

Ich blickte kurz zu ihr auf. „Erinnerst du dich, als Angie Tavers in der sechsten Klasse deine Kleider aus dem Schließfach gestohlen hatte und du deine Rede vor der Schülerverwaltung in deinen Gymnastikshorts und meinem geliehenen Unterhemd halten musstest?“

„Du musstest deine Präsentation aber doch nicht mit heraushängendem Hinterteil halten?“

„Nein, aber … “ Ich schluckte, mir fehlten die Worte. Ich ließ meine Hände von meinem Gesicht sinken und machte eine Bewegung mit meinen Händen auf Jordan zu, so als ob ich ihr an ihre beiden Brüste fassen wollte.

„Nein.“

„Ja.“ Ich vergrub mein Gesicht wieder in meinen Händen. „Der mittlere Knopf meiner Bluse war aufgesprungen.“

„War er die ganze Zeit über offen?“

Ich nickte. „Die ganze Zeit, während ich sprach, störte mein Dekolleté. Die ganze Zeit!“

„Und keiner hat es dir gesagt?“

„Also, Alice war da, und ich dachte, Mann, fummelt die viel an ihrem Pulli herum, aber – nein. Ich habe es nicht bemerkt.“

Es war ein Zeichen unserer Freundschaft, dass Jordan nicht sofort in Lachen ausbrach. Sie blieb lange ruhig, schließlich schaute ich auf.

Hastig veränderte sie ihren Gesichtsausdruck, aber ich zeigte ihr ein halbherziges Lächeln.

„Ich weiß. Mach schon.“

Sie brach in Gekicher aus, lachte so heftig, dass ihre dunklen Augen tränten, und wäre beinahe von der Kante meines Tischs gerutscht.

Ich schüttelte kleinlaut den Kopf, wissend, dass sie den ersten Teil der Geschichte überstanden hatte aber noch durch Schlimmeres durchmüsste. Seit der vierten Klasse waren wir beste Freundinnen, zusammengeschweißtaus schützender Notwendigkeit: Sie war das einzige farbige Mädchen in unserer Schulklasse, und ich war das einzige Scheidungskind. Als mein Vater eine afroamerikanische Frau aus Detroit heiratete, war ich Gesprächsthema.

Jordan und ich hatten uns gegenseitig aufgefangen, und wir waren seitdem unzertrennlich. Heute war sie die erste farbige Frau der White Lake Polizeikräfte – und sie liebte es auf die Ironie dieses Titels hinzuweisen.

Aber sie war einfach die Diana Barry zu meiner Anne Shirley, die mich auf dem Boden hielt, wenn mich meine Phantasiereisen in einen tödlichen Sinkflug zu stürzen drohten.

Als sie sich vor Lachen auf ihren Schenkel schlug, musste ich auch über mein unfreiwilliges Blankziehen lachen.

„Ich kann nicht glauben, dass du deine gesamte Präsentation mit heraushängenden Brüsten gehalten hast.“

Ich zuckte mit den Achseln. „Es wird mich lehren meine Garderobe aufzurüsten. Ich muss mich nun beinahe nie mehr wie eine Erwachsene kleiden. Aber du kennst den schlimmsten Teil noch nicht.

„Es kommt noch schlimmer?“

„Meghan war da, um ihre Präsentation zu halten – und Craig ebenfalls.“

Sie sagte keinen Mucks mehr. „Das war er nicht.“

„Doch.“

Sie dachte für einen Moment darüber nach, dann tat sie es mit einem Achselzucken ab.

„Und? Meghan kann nur neidisch sein und Craig hat das alles vorher schon mal gesehen. Du hast dir möglicherweise selbst einen Gefallen getan.“

Das ließ mich kurz innehalten. „Nein. Was wenn – was wenn sie entscheiden, dass sie mich mögen, nur weil ich mich vor ihnen entblößt habe? Fünfundzwanzigtausend Dollar im Gegenzug für eine kleine Show?“

„Ach, komm. Sie werden dich mögen, weil du gut warst, und weil dein Plan millionenfach besser ist als der der hochnäsigen Meghan Zickengesicht Kountz.“

Zickengesicht. Ich kicherte besänftigt. Es war eine treffende Beschreibung.

„Schön. Du hast recht.“ Ich richtete mich in meinem Stuhl auf. „Aber es ist mir trotzdem gestattet beschämt zu sein. Und sag nicht Zickengesicht, wenn die Kinder dich hören können.“

„Schön und gut.“ Sie hopste von meinem Schreibtisch. „Jetzt hör auf dich zu bemitleiden – du musst eine Party schmeißen.“

Wir waren zwei Schritte aus meiner Tür, als die Katastrophe geschah.

Naja, kleine Katastrophe. Jemand ließ einen Satz Karten in einer farbenfrohen Kaskade von Monstern und Zaubersprüchen zu meinen Füßen fallen, und ein kraushaariges Mädchen stürzte auf mich zu. Jordan drängte sich übertrieben erschrocken gegen die Wand, während ich rotes Haar aus meinem Gesicht pustete.

„Autumn!“ Meine Angreiferin umarmte mich fest. „Das ist unglaublich!“

„Hallo, Paige.“ Sie gehörte zu meinen Stammgästen und besuchte meinen Laden, seit sie an der Universität von Wisconsin – White Lake zu studieren begonnen hatte. Ich sah, wie sie sich von einem schlaksigen Teenager zu einer superheißen jungen Frau im trinkfähigen Alter entwickelt hatte, der die Hälfte der männlichen Spieler wie dressierte Affen hinterherlief.

Zwei aus ihrer Gefolgschaft waren jetzt bei ihr und warfen sich über die verteilten Karten hinweg wütende Blicke zu. Paige strahlte erst mich und dann die beiden an.

„Was ist los mit denen?“, fragte ich sie, als der größere Junge, Nick – ihr aktueller Freund – sich schäumend vor Wut bückte, um die Karten aufzusammeln.

Wes, Paiges Ex-Freund und Nicks bester Freund, kehrte mit einem gekränkten Ausdruck im Gesicht an einen der nahegelegenen Spieltische zurück.

Paige zuckte mit den Schultern. „Das Übliche. Sie kämpfen um die Größe des Kartenstapels.“

Sie kicherte und ich warf ihr ein Lächeln zu. Nick und Paige hatten sich vor über einem Jahr bei einem von Hectors Rollenspielen kennengelernt – ein Spiel, zu dem Wes Paige bei einem ihrer Dates mitgebracht hatte, was mehr als ungeschickt gewesen war. Aber seitdem schien es, als ob die drei sich auf ein eigenartiges, freundliches Dreiergespann eingelassen hätten, und Paige organisierte nun die alle zwei Monate stattfindenden Live-Rollenspiele des Ladens in der Independence Square Mall.

„Es ist schön, euch heute Abend hier zu sehen. Ich wusste nicht, ob ihr kommen würdet, jetzt wo du und Nick beide ins Arbeitsleben eingetreten und zu wichtig geworden seid, um freitagabends zu den Spellcasters zu kommen.“

Paige streckte mir die Zunge heraus. „Wohl kaum. Wir spielen heute Abend – das ist der einzige Freitag in diesem Monat, an dem wir alle zusammen kommen konnten.“

„Wirklich?“ Ich runzelte die Stirn. „Ich hatte nicht die Gelegenheit es Donald zu sagen, der Sicherheitswachmann wird es auch nicht wissen – und ich strapaziere schon maximal meine Glaubwürdigkeit im Gebäude bei all diesen herumrennenden Kindern nach Geschäftsschluss.“

Sie öffnete ihren Mund, wahrscheinlich um mich zu beruhigen, aber ich entdeckte Hector auf der anderen Seite des Raums, der mir hektisch von der Kasse her zuwinkte.

Ich seufzte, entschuldigte mich und glitt durch die Menge, um zu ihm zu gelangen.

Als ich den Tresen erreichte, zog er mich zu sich und zischte: „Er ist hier.“

„Wer?“

„Cody!“ Hector nickte in Richtung der Hintertür, die ins Einkaufszentrum führte. Cody lehnte am Geländer der Treppen, die in das tiefer liegende Stockwerk führten, und blickte die glücklichen Kunden um ihn herum finster an. Mit seinem kahlrasierten Kopf und seinem runden Gesicht sah er aus wie das uneheliche Kind eines Kobolds und eines Kürbisgesichts zu Halloween, nur ohne jegliche Niedlichkeit oder Originalität. Er war in seinen frühen Zwanzigern, wie der Rest der Teilnehmer an den Live-Rollenspielen, aber sein unaufhörlich wütendes Benehmen ließ ihn älter erscheinen.

Er sah, wie wir zu ihm starrten, und Hector ergriff meinen Ellenbogen und drehte mich weg. „Schau ihn nicht an!“

Ich rollte mit den Augen. „Warum, weil er mich in Stein verwandeln kann?“

„Wie kam er so schnell hierher?“, murmelte Hector und warf einen dunklen Blick über meine Schulter. Ich drehte mich ebenfalls um, um den merkwürdigen Mann inmitten eines Sees glücklicher Kinder zu beobachten. „Und warum ist er überhaupt hier?“

„Ich weiß es nicht, aber er kommt gerade auf uns zu.“ Ich legte ein falsches Lächeln auf, als Cody sich seinen Weg durch die Menge bahnte, um uns an der Kasse zu treffen. „Glaubst du, wenn wir uns verstecken, wird er es bemerken?“

„Ich weiß es nicht, aber ich werde es versuchen – “

Ich erwischte Hectors Hemd, bevor er davonschleichen konnte. „Nein. Wir haben das im Griff. Hallo, Cody. Wir haben nicht erwartet, dich so früh zu sehen.“

„Ich musste mit ihm sprechen.“ Er zeigte auf Hector, sein Finger zitterte.

„Du musst es rückgängig machen. Die Session gestern Nacht. Was passiert ist, ist nicht akzeptabel.“

„Hör zu, Cody,“ beschwatzte ich ihn. „Hector hat erklärt, was geschehen ist, und ich denke – “

„Er hat meine Figur getötet, weil er mich nicht leiden kann.“

„Da bin ich nicht der Einzige,“ zischte Hector. Cody lief rot an, was ihn aussehen ließ, wie einen besonders schlecht geratenen Granatapfel.

Ich stieß Hector mit dem Ellenbogen an, konnte ihn aber nicht stoppen.

„Die wollen dich alle draußen haben, jeder – frag Wes. Er ist hier irgendwo. Sie baten mich, dich zu vernichten. Wenn dir nicht passt, was passiert ist, dann kannst du es mit denen aufnehmen.“

Cody öffnete seinen Mund und schloss ihn wieder, sein Gesicht jetzt ziegelrot.

In die beklemmende Stille hinein, die nun eingetreten war, sagte ich: „Nicht in allen Gruppen herrscht eine gute Chemie, Cody, und vielleicht hat diese es nicht gut hinbekommen, aber – “ Er drehte sich um und marschierte zurück in die Menge – um Wes zu finden, vermutete ich.

Ich wandte mich zu Hector um, eine Hand auf meiner Hüfte.

„Echt jetzt?“

Er war auch rot, Flecken zorniger Schamesröte färbten seine weißen Wangenknochen. „Haben es nicht gut hinbekommen? Viel, um mich zu unterstützen, Boss!“

Er sagte „Boss“ übermäßig gehässig, dachte ich, und ich fühlte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Bevor ich ihn mir jedoch zur Brust nehmen konnte, stürmte er los und hinter Cody her.

Ich nahm einen tiefen Atemzug, zählte bis drei und lächelte den Kunden an, der gerade an der Kasse auf mich wartete. Ich nahm die Karten, die er mir gab und zwang mich, mich nach seinem Magier-Kartenspiel zu erkundigen.

Einen Spieleladen zu führen war gelegentlich wie einen Sack Flöhe zu hüten – oder besser Clowns. Triebgesteuerte Clowns im Teenageralter. Pubertierende Clowns, die überempfindlich waren und sich an ihren ausgelatschten Schuhen und leuchtend roten Nasen störten, und sich bisweilen wegen Schummelns Faustkämpfe lieferten.

Normalerweise verbrachte jeder seine Zeit damit Spaß zu haben und zu lachen, aber dann sagte eine Person das Falsche, tötete die falsche Figur, und plötzlich wurde es zu einem irren Horrorfilm mit Clowns, die drohten, sich gegenseitig umzubringen und die Stadtbewohner in Angst und Schrecken zu versetzen.

Als ich mit meinem Kunden fertig war, waren Hector und Cody zurück, Wes im Schlepptau, und herrschten einander zischelnd an. Ich verstand nur Bruchstücke, aber ich hörte Hector deutlich sagen, „Der Anwalt entscheidet“ und Cody sagte, „Anfängerstunde!“ Wes zuckte kleinlaut mit den Achseln.

Ich ließ sie weitermachen, bis der Kunde anfing zu starren, und in diesem Moment schlug ich den Miniaturgong, den wir neben der Kasse aufbewahrten und auf dem zu lesen war: „Nur vom Ladenbesitzer und Nervenhüter zu verwenden“. Er war zwar klein, aber laut genug, um sie mundtot zu machen. Sie starrten mich an. Ich lächelte ihnen süß zu. „Genug.“

„Aber – “

„Aber – “

Wes sah so aus, als wolle er weglaufen. Ein süßer Junge mit weichem braunen Haar und dunklen blauen Augen. Wes sah immer so aus, als wolle er weglaufen. Er war unglaublich gutherzig und ich bezweifelte, dass er irgendetwas mit der Entscheidung der Gruppe zu tun hatte, Cody rauszukicken – ich konnte auch sehen, wie er es schaffte, mit Paige und Nick befreundet zu bleiben. Der Junge machte den Eindruck eines Prügelknaben, wie Godric Gryffindor.

Ich warf ihm, dem schwächsten der Herde, meinen besten Das-ist-ernst-Blick zu.

„Wes, hat die Gruppe entschieden, Cody aus dem Spiel zu schmeißen?“

Er scharrte mit seinen Füßen und sah elendig aus. „Ja.“

„Haben sie Hector gebeten, Codys Figur zu vernichten?“

„Ja.“

Ich wandte mich an Cody. „Na, da haben wir es doch! Es tut mir leid, dass das passiert ist, und ich bedauere, dass es so dürftig gehandhabt wurde, aber du musst das mit den anderen Spielern klären, nicht mit mir. Hector hat getan, was sie wollten, Ende der Geschichte.“

Hector fing an zu grinsen, also war er nun an der Reihe.

„Hector, du hättest den anderen sagen sollen, dass sie sich Cody selbst entgegenstellen müssen. Du bist der Spielleiter, nicht der Vorsitzende des Beliebtheitsclubs, und als Repräsentant dieses Ladens hättest du es besser wissen müssen. Entschuldige dich und sag dem Rest der Gruppe, sie sollen dasselbe tun.“

Sein Gesicht war blutentleert, und ich konnte es ihm nicht verdenken. Ich spürte, wie sich ein Quäntchen Mitleid in mir regte, schob es aber schnell beiseite. Nun musste die Disziplin aufrecht erhalten werden, auch wenn ich es hasste so etwas zu tun und auch wenn das Opfer mit dem mürrischen Gesichtsausdruck meine Rechtsprechung nicht verdiente. Ich war mir sicher,dass die anderen eine Menge Gründe hatten, warum sie Cody aus ihrem Spiel haben wollten, und ich konnte sie kaum dafür verantwortlich machen, dass sie sich der Konfrontation mit ihm nicht stellen wollten.

Hector wandte sich an Cody, geballte Fäuste an seinen Seiten. „Ich … “ Er stockte, sah schlecht aus und schluckte. „Es tut mir leid. Ich hätte die Angelegenheit besser regeln sollen.“ Es verging eine ganze Weile, in der sich beide wortlos anstarrten. Langsam, als ob er sich durch Gelatine bewegte, hob Hector seine Hand und streckte sie Cody entgegen. Cody starrte sie an, als ob Hector ihm einen toten Fisch angeboten hätte und nicht einen Handschlag. Er ging einen Schritt zurück und dann noch einen.

Er hob einen Arm, machte eine Faust und zeigte dann mit einem Finger auf Hector. „Das ist noch nicht vorbei.“ Er drehte sich um und deutete dann auf Wes, der ganz erschrocken aussah, weil er plötzlich im Mittelpunkt stand.„Das. Ist nicht. Vorbei.“ Er wiederholte die Worte langsam, stieß jedes einzelne in einem dermaßen dramatischen Tempo aus, dass es fast schon witzig war, wäre es nicht so lä-cherlich gewesen. Er machte auf dem Absatz kehrt, marschierte zurück durch den Laden und verschwand durch den Eingang des Einkaufszentrums. Wir alle drehten uns gleichzeitig um, um ihm nachzusehen, und als die Tür zuschlug, sah ich, dass die Hälfte der anderen Kunden von ihren laufenden Spellcaster-Spielen aufsahen, um das merkwürdige Drama zu beobachten, das sich im Vorderbereich des Ladens abspielte.

Ich blinzelte und drehte mich dann zu Hector und Wes um.

Hectors Gesicht hatte eine grünliche Färbung angenommen und Wes’ Mund hing leicht geöffnet nach unten wie bei einem Kind, das sah, wie seine Eltern die Weihnachtsgeschenke herauslegten, die doch angeblich vom Weihnachtsmann kamen.

„Was um Himmels willen war denn das?“, sagte eine Stimme hinter mir.

Ich zuckte zusammen, drehte mich um und sah Bailey Adorno, meine andere Angestellte, die ein Tablett und eine Eieruhr vor sich hertrug, bereit, um mit der Ziehung zu starten.

Ihr asymmetrischer Bubikopf sah zerzaust aus, die blaue Strähne war verstrubbelt und ihre Wangen glänzten hellviolett.

„Das willst du nicht wissen“, sagte ich ihr. „Was ist los?“

„Nicht ausflippen“, sagte sie.

Mein Blutdruck schoss sofort in die Höhe. „Warum?“

„Schau mal, wer hier ist.“ Sie zeigte auf jemanden.

Ich drehte mich um und fluchte.

Hinter mir sagte Hector: „Das macht einen Dollar.“

Ich gab ihm einen Zwanziger und begann zu laufen, um unsere neuen Gäste zu begrüßen.

2

Craig MacLeod, mein Ex-Freund von der Highschool, und seine Freundin Meghan Kountz befanden sich in einem fröhlichen Gespräch mit Paige und einem unwohl dreinblickenden Nick. Meghan war früher Alphaweibchen an der White Lake High gewesen, ein klassisch fieses Mädchen, das mit Wimperntusche ins Fintnessstudio ging und nicht weniger als fünf Trainingsanzüge aus Veloursleder besaß. Obwohl es schon mehr als ein Dutzend Jahre her war, dass wir den Abschluss gemacht hatten, hasste ich sie mit der glühenden Feurigkeit tausender explodierender Sonnen. Wenn mein Hass körperliche Kraft hätte, würde er sie verbrennen, wo sie stand und ein winziges Häuflein Asche und das Stück tickender Stahl, das sie ein Herz nannte, würde übrigbleiben.

Leider hat sich meine Fähigkeit, Menschen mit Geisteskraft in Brand zu setzen, nie gezeigt, sonst hätte ich sie bereits bei lebendigem Leib in dem Sommer verbrannt, als wir beide achtzehn waren und sie mit Craig schlief, während ich weg war, um meine Mum in Madison zu besuchen. Es brach mir das Herz, vernichtete mein Selbstvertrauen und nahm mir einen meiner ältesten Freunde – und das alles auf einen Schlag.

Sie trug immer noch den eleganten, blassgrauen Anzug, den sie zu dem Treffen vorhin getragen hatte, ihr Haar war zu einem Dutt gedreht und ordentlich an ihrem fetten Hinterkopf festgesteckt. Sie sah so perfekt an Craigs Arm aus, während er Paige mit seinem Tausend-Watt-Lächeln anstrahlte, das ihn zu einem der erfolgreichsten Immobilienmakler der Stadt machte. Irgendwann einmal hatte ich in seinem Sandkasten gespielt. Er war mein erster Schwarm, mein erster Kuss, meine erste Liebe. Der erste Junge, um den ich geweint hatte.

Jetzt heiratete er, hatte ich gehört. Paige arbeitete für ihn, angestellt in Teilzeit als seine Assistentin, und sie berichtete mir und Jordan zu unserer Belustigung von Zeit zu Zeit von seinen Machenschaften. Vor Kurzem hatte er in einem Restaurant um Meghans Hand angehalten, der Ring lag in einem Glas mit Champagner. Es gab weiterhin ein Dutzend Rosen und eine Handvoll anderer Klischees, aber ich erwischte mich dabei, dass es mich nicht kümmerte. Absolut nicht kümmerte.

Seine zukünftige Braut hatte ebenfalls ein Geschäft in der Independence Square Mall, und bewarb sich für die gleiche Förderung für Kleinunternehmer wie ich. Ihr Plan war, den Zuschuss für die Renovierung der historischen Fassade des Gebäudes einzusetzen, sie mit Blumen und Büschen aufzuhübschen und wahrscheinlich mit einigem an Glitzer und Pailletten. Mein Vorhaben war, das Gebäude mit Solarpanelen und einem verbesserten Klimatisierungssystem effizienter zu machen.

Dafür hatte sich Craig nun für sein Leben entschieden: lieber ein schöner Schein als Substanz.

Und nun ist er wieder in meine Welt eingedrungen, und ich hasste mich selbst dafür, dass mich die Überlappung zwischen meinem Teenager-Ich und meinem Erwachsenen-Ich störte.

„Warum sind die hier?“, fragte Jordan, und gab der Frage, mit der mein Geist kämpfte, eine Stimme.

Ich zuckte die Achseln, weil ich lässig erscheinen wollte. „Ihr Geschäft ist im Obergeschoss. Und Craig war ja bereits in der Stadt wegen des Treffens.“

„Ja, aber sie sind hier. Ich bezweifele, dass Craig ein Spiel gemacht hat seit der Zeit, als du mit uns allen in der Unterstufe Shadowrun gespielt hast.“

Ich erinnerte mich an seinen Gesichtsausdruck, als er seine Charakterkarte bekam. Ich schnaubte. „Ja, das war nicht so gut. Dennoch konnten sie sich wohl die Chance nicht entgehen lassen, sich an meiner Peepshow zu weiden.“

„Dieser Kerl hat eine grausame Ader, sich mit dieser Frau hier zu zeigen“, sagte Jordan. „Ich habe es immer gesagt.“

Als ob er unsere Blicke spüren könnte, schaute Craig auf. Er lächelte und winkte mir zu, und ich seufzte. „Verdammt.“

„Lass Hector dich nicht hören“, sagte Jordan.

„Ich habe für mein Fluchen bereits im Voraus bezahlt.“ Ich ließ sie stehen und bahnte mir einen Weg durch die Menge, um Craig und Meghan zu begrüßen. Craig gab mir eine dieser ungeschickten Alte-Freunde-Umarmungen, auf so eine ganz lockere, Ich-klopfe-dir-auf-die-Schulter Art, wenn man die andere Person absolut nicht berühren möchte. „Großartige Party“, sagte er mit falscher Herzlichkeit in der Stimme.

„Danke“, sagte ich ebenso herzlich. „Und danke fürs Kommen!“

Fast unfreiwillig starrte ich auf Meghans linke Hand. Dort steckte ein funkelnder rechteckiger Diamantring auf ihrem Finger mit dem spitzgefeilten Nagel, und ich spürte, wie sich mein Magen umdrehte.

Mehr als ein Gerücht also. Und es kümmerte mich immer noch überhaupt nicht. Egal!

„Großartige Präsentation heute übrigens“, sagte Craig. Er klang beinahe aufrichtig.

„Wirklich?“

„Natürlich“, warf Meghan ein. Sie schaute mich an, als ob ich eine Sechstklässlerin wäre, die einen außergewöhnlich guten Job gemacht hat, indem sie Süßigkeiten für die Band verkauft hat.

„Besonders unter den Umständen. Ich finde, du bist so würdevoll damit umgegangen.“

Sie hatte diesen dämlich-süßen Bewunderungsblick aufgesetzt, so falsch, dass ich Sucralose schmeckte. Sie meinte mein gespieltes Lachen, als ich dann endlich meine missliche Lage bemerkt hatte. Ich hatte aus Jux mit meinen Brüsten gewackelt, sehr zum plumpen Vergnügen des gesamten Stadtrats.

„Oh, danke, wie nett, dass du das sagst.“

Ich begegnete ihren leeren Worthülsen mit ebenso leeren Worthülsen. „Ich fand deine Präsentation auch großartig.“

Tat ich nicht. Die historische Fassade der Independence Square Mall zu erhalten, indem man unechte Kalksteine an den neueren Teilen des Gebäudes anbrachte, würde bedeuten, dass Ten Again für Wochen, die die Renovierung dauern würde, für den Straßenverkehr nicht zugänglich wäre. Und natürlich würden die Baumaßnahmen Meghans Ladenfront nicht tangieren.

Hoffentlich erkannte der Fördermittelausschuss, wie sehr dies die Kleinunternehmen treffen würde, denen sie ja eigentlich helfen wollten.

Craig grinste uns beide an. „Donald sagte, die Dinge würden gut aussehen – natürlich, er ist ja so oder so der Gewinner!“

Donald Wolcott, der Besitzer des Gebäudekomplexes, saß ebenfalls im Fördermittelausschuss.

Das Wort „Interessenkonflikt“ stand nicht wirklich an oberster Stelle der Vokabelliste des Stadtrats von White Lake und Donald war ebenfalls Kopf der Handelskammer. Er meinte wohl, die Dinge würden gut aussehen, wenn er zweimal die Möglichkeit hätte, das Geld zu vergeben. Was mich jedoch überraschte, war, dass Craig und Donald über uns gesprochen hatten.

„Woher kennst du Donald?“, fragte ich.

„Er hat letztes Jahr meinem Boss ein Gebäude abgekauft. Wir lernten uns kennen, als ich die Verträge fertigmachte. In jedem Fall hat er Großes in der Immobilienentwicklung vor, und dieses Gebäude ist nur das erste dieser Vorhaben. Ich sagte, ich könne ihm ein paar andere Liegenschaften zeigen, bei denen solche Erneuerungen vorgenommen wurden, über die Meghan und du nachdenken – “

„Mit anderen Worten, du dachtest, du könntest ein großes Geschäft mit ihm machen.“ Jordan schaltete sich ein.

Craig war schon immer der ultimative Geschäftsmann gewesen. Mein Vater sagte immer, Craig könnte einem Blinden ein weißes Segel als Kunst verkaufen.

Craig schaute gekränkt drein. „Ach komm, ein Mann muss etwas zum Knabbern haben, und überhaupt, es ist in jedermanns Interesse, dass dieses alte Gebäude optimiert wird.“

„Ah ja.“ Jordan schaute ihn zweifelnd an.

Craig ignorierte sie. „Wie ich schon sagte, er ist interessiert daran, zu sehen, wie solche Sanierungen aussehen, die du vorschlägst. Ich denke, morgen schauen wir uns das renovierte Lagergebäude im Technologiepark an –“

„Das interessiert niemanden, Craig,“, sagte Jordan.

Ich erstarrte, hin- und hergerissen zwischen Lachen und Beschämung wegen Jordans Grobheit.

Craig nahm wieder einen gekränkten Ausdruck an, aber er hörte auf mit seiner Verkaufsmasche.

„Fakt ist, er mag es.“

„Danke, Craig“, sagte ich. „Das ist gut zu wissen.“

In Wirklichkeit war ich ziemlich überrascht. Mit seiner Technikerfahrung war Donald hier so etwas wie der Großvater des Hauses. Aber ich hatte Verständnis für den Gedanken.

Nicht zuletzt könnte er dahinterkommen, dass er – und ich vermute seine Pächter – jeden Monat einige Dollar sparen dürften.

Donald in Gesatlt von Dagobert Duck sah plötzlich wie ein großzügiger Herr aus. Aber mein Vorhaben brachte wenigstens Geld ein im Vergleich zu Meghans Plan der historischen Erhaltung, der nichts zurück erwirtschaftete außer Rührseligkeit.

Meghan schaltete sich ein und tat so, als ob sie Frieden schließen wollte. „Donald hat nach dem Fördermittel-Treffen bei Chic vorbeigeschaut“, säuselte sie. „Ich arbeite mit ihm an ein paar anderen Vorhaben für das Gebäude und wir treffen uns recht regelmäßig.“

Natürlich taten sie das. Sie forderte mich praktisch heraus, nachzufragen, welche anderen Vorhaben das waren, aber ich schluckte meine Neugier hinunter.

„Das ist schön“, sagte ich. „Vielleicht schaut er später vorbei – er kommt gerne zu unseren Veranstaltungen.“

In Wahrheit hasste er diese Veranstaltungen, aber er hatte Lust sich zu zeigen, um alle daran zu erinnern, wer der Boss war. Er würde früher oder später erscheinen.

Das erinnerte mich jedoch daran, dass ich ihn sprechen musste.

„In der Tat, ich muss ihn anrufen“, sagte ich und unterbrach mich selbst.

Ich schaute über Craigs Schulter hinweg zu Paige und Nick. „Ich muss ihm Bescheid geben, dass ihr heute Nacht spielt oder er wird euch wieder Max auf den Hals hetzen.“

Paiges Augen weiteten sich. „Dieser alte Knacker! Was für ein Sicherheitsmann ist der überhaupt? Letztes Mal hat er gedroht, er würde die Bullen rufen, nur weil sich José über den Balkon gelehnt hat.“

„Also, ich werde ihn mit Sicherheit wissen lassen, dass wir heute Nacht einen Cop zur Verfügung haben.“ Ich stieß Jordan mit dem Ellenbogen an und alle lachten über meinen schlechten Scherz.

„Und wir“, sagte Paige und drehte sich zu Nick um, „sollten beginnen, bevor es sehr viel später wird.“

„Habt nicht zu viel Spaß“, rief ich ihnen hinterher.

Ich entschuldigte mich, bevor mich noch weitere mitleiderregende Versuche witzig sein zu wollen, zu einer dämlichen Glucke herabwürdigten. Jordan schnaubte und ging zum Eingangsbereich des Ladens zurück, um Hector mit der Sicherheitskontrolle zu helfen.

Zurück in meinem Büro wählte ich geschwind Donalds Nummer. Er und sein Miete-einen-Cop-Sicherheitsteam gingen gelassen mit den stundenlang im Gebäude herumrennenden Spielern um, die an den Live-Rollenspielen teilnahmen, aber sie mussten verständlicherweise im Vorfeld davon wissen, nicht dass ein wohlgesinnter und ahnungsloser Sicherheitsmann wegen einer Gruppe von Menschen in Fantasiekostümen die richtigen Bullen rief.

Wir hatten das am Anfang unserer Geschichte schon einmal erlebt und meine Eltern sind vor Verlegenheit fast gestorben, als der White Lake Courier vergnügt davon berichtete, dass Autumn Sinclair in Gestalt eines Werwolfs versehentlich wegen Hausfriedensbruch inhaftiert worden war.

Ich hatte keinen Bedarf, dieses Fiasko wieder aufleben zu lassen, zumal Max kürzlich wieder hinter den Live-Rollenspielern her war.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Donald an sein Handy ging, und ich trommelte verärgert mit meinen Fingern auf den Tisch, während ich wartete.

Als er endlich antwortete, klang er irritiert. „Autumn“, sagte er. „Wie kann ich dir helfen?“

„Donald, grüß dich“, sagte ich und legte meine süßeste Säuselstimme auf.

„Ich wollte dir nur Bescheid geben, dass wir eine Planänderung hatten und heute Abend ein paar Rollenspieler im Haus unterwegs sein werden.“

„Aha.“ Er klang genervt. „Werden sie oben sein? Ich habe einen Termin und möchte nicht unterbrochen werden.“

„Oh!“ Seltsam. Donald ging normalerweise vor sieben nach Hause, und es war jetzt beinahe acht Uhr „Ach, wenn es ein Problem ist, kann ich sie bis zehn zurückhalten.“

„Nein, es ist kein Problem. Bitte sie nur, unten zu bleiben. Ich gebe dem Sicherheitspersonal Bescheid, wenn ich gehe.“

„Okay! Tut mir echt leid. Ich werde ihnen ausrichten, dass sie niemanden stören sollen.“

„Kein Problem. Ich werde es weitersagen.“

„Danke.“

„Bitteschön. Gute Nacht.“ Er legte auf.

Ich starrte überrascht auf mein Handy. Er reagierte nie gut auf unerwartete Dinge, und er veränderte niemals seine Routine. Wenn er heute spät hier war, dann war es etwas Wichtiges. Ich verspürte kurz Panik in mir aufsteigen, weil ich womöglich einen weiteren Pächtertermin verschwitzt hatte, aber die fanden niemals so spät statt.

 

Ein geheimes Treffen am Freitagabend – wie mysteriös.

Das hätte ich Donald niemals zugetraut.

Ich zuckte mit den Achseln und wählte dann die Rezeption, um das Sicherheitspersonal zu informieren. Max, der ältere Nachtwächter, antwortete. Ein kleiner Seufzer entrang sich meiner Brust.

„Hallo, Max.“

„Wer ist da?“, fragte er.

„Es ist Autumn. Vom Ten Again.“

„Oh, hallo, Autumn! Wie geht es dir, Schatz?“

Ich erhob meine Stimme. „Oh, gut, ich … “

„Ich habe erst heute Morgen an dich gedacht. Meine Frau schaute diese sonderbare Sendung mit Vampiren und Werwölfen und so eine Art Elfen und ich dachte mir ‚Also, das würde Autumn gefallen’ und als ich meine Frau nach dem Namen fragte, konnte sie sich nicht daran erinnern, und so dachte ich, ich frage vielleicht einfach einmal bei dir nach, und sieh an – “

Ich unterbrach ihn, als er gerade Luft holen wollte. „Das kann ich dir nicht sagen. Eigentlich rufe ich an, weil wir heute Abend lange geöffnet haben, und – “

„Gibt es einen Notfall?“

Ich rollte mit den Augen. „Äh, nein.“ Ich fühlte mich irgendwie sicherer, weil ich wusste, dass er unten war. „Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass heute Abend ein paar unserer Spieler im Gebäude unterwegs sein werden.“

„Oh, Spieler! Weißt du, meine Großnichte ist auch verrückt nach Spielen, aber ich vermute, sie ist eher ein Fan dieser Videospiele, diese mit den kleinen Kreaturen, die sich bekämpfen? Ist das das gleiche? Ich habe viele Spiele gesehen, die einander ähneln, und ich habe mich gefragt – “

„Äh, nein, nicht wirklich das gleiche.“ Ich war froh, dass ihn keiner meiner Angestellten hören konnte. „Diese Spiele sind mehr wie ein Theaterstück und die kostümierten Teilnehmer laufen im Gebäude herum!“

„Ja. Ich habe sie hier gesehen.“ Er sagte nichts mehr und ich konnte mir bildhaft vorstellen, wie er ein paar unglückselige Vampire anstarrte, die verzweifelt versuchten, in ihrer Rolle zu bleiben.

„Stören sie dich?“

„Nein! Ich wollte dich vorwarnen, damit du weißt, dass sie hier sind.“

„Ah, ich verstehe. Also, ich werde ein Auge auf sie werfen.“

Natürlich würde er das. Ich dankte ihm und legte auf.

Donald würde ihm die Situation auch erklären können und hoffentlich ließ Max die armen Rollenspieler in Ruhe. Es ist bestimmt nicht einfach, ein Spitzenraubtier zu mimen, das bei Mitternacht die Straßen einer von Vampiren kontrollierten Stadt belauert, wenn der Wachmann Max von den Hämorrhoiden seiner Frau erzählt.

Ich nutzte die Ruhe, um durchzuatmen. Bay hatte das Abrechnungsprogramm auf meinem Computer nicht geschlossen und ich starrte beeindruckt darauf. Unsere Verkäufe des heutigen Tages waren phänomenal, und die Zahlen des Kassencomputers waren seit den frühen Abendstunden nicht synchronisiert worden. Ich stieß einen leichten Pfeifton aus.Wir hatten mehr als das Doppelte verdient als am selben Tag im letzten Jahr und jetzt schon halb so viel mehr als bei der letzten Spellcasters Veröffentlichung.

Es war immer ein Lotteriespiel, große, kostspielige Veranstaltungen wie diese heute Abend abzuhalten, aber es schien, als hätte unsere Werbeaktion einen bedeutenden Unterschied ausgemacht.

Ich durfte nicht vergessen, beiden, Bay und Hector, dieses Jahr eine ordentliche Zulage zu geben.

Ich verbrachte die nächste Viertelstunde damit, mir den Warenbestand anzuschauen, ich verglich unsere Bestellungen mit dem, was wir verkauft hatten, und machte mir Notizen im Kopf für das demnächst erscheinende große Spellcaster-Erweiterungspaket.

Wenn sich die Dinge gut entwickelten und ich die Förderung „grüne Independence Square Mall“ bekommen würde, würde der daraus resultierende Sturm guter PR dem Laden noch mehr helfen. Und das Vertrauen der Führungsriege der Stadt zugesprochen zu bekommen, würde mehr als Verkaufszahlen bedeuten: Es würde dem Laden eine Legitimierung in der ortsansässigen Geschäftswelt geben, von der ich nie zu träumen gewagt hätte. Die flatterhafte Autumn, die mit ihrem MBA in der Tasche in ihre Heimatstadt zurückkehrte, entgegen jedermanns Rat, um einen Laden zu eröffnen, von dem niemand fand, dass ihn White Lake brauchte, würde ihre nerdige Bande zu einem ruhmreichen Sieg gegen die Schwarzmaler und geschwätzigen Zungen führen.

Und vielleicht, nur vielleicht, würden die Leute anfangen uns als eine Gemeinschaft, als politische Kraft und, naja, als Erwachsene ernst zu nehmen.

Ich hing noch eine kleine Weile länger meinen Träumereien nach und ignorierte dabei die lauter werdenden, überschäumenden Stimmen, die von draußen kamen.

Als mein Telefon klingelte, war es beinahe viertel vor neun. Ich hielt den Atem an, irritiert, dass ich Bay und die Party so lange vernachlässigt hatte. Ich war überrascht Paiges Nummer auf dem Display zu sehen, da sie normalerweise während eines Live-Rollenspiels streng in ihrer Rolle blieb.

„Paige?“

„Autumn.“ Sie hörte sich so an, als ob sie weinte.

„Paige, was ist passiert?“

„Ich – ich brauche deine Hilfe.“

„Was ist los? Wo bist du?“

„Unten.“ Sie schluchzte und legte auf.

Beunruhigt stand ich auf und bahnte mir meinen Weg durch das Party-Getümmel, aber ich kam nicht weit, weil mein Telefon ein zweites Mal klingelte. Auf dem Display stand wieder Paige, aber als ich das Gespräch annahm, war Nick dran. „Alles in Ordnung, Autumn“, sagte er außer Atem. „Du musst nicht kommen.“

„Was ist denn passiert?“

„Nichts. Nur – ein Missverständnis. Also, lass uns später sprechen.“

„Bist du sicher?“

Er hatte schon aufgelegt. Ich schaute stirnrunzelnd auf mein Telefon, aber es gab nichts mehr, was ich tun konnte. Ich wollte ihnen nicht hinterherlaufen, wenn doch alles in Ordnung war, und ich war noch nie daran interessiert, mich in private Dramen einzumischen. Sie würden es schon klären.

Dennoch, Paige war keine Spinnerin. Wenn sie in Schwierigkeiten steckte, dann waren es ernsthafte.

Andererseits war sie nicht allein. Nick konnte ihr helfen, was auch immer es war.

Bay erschien an meiner Seite, Jordan im Schlepptau. „Was ist los?“, fragte Jordan.

Ich schaute auf mein Telefon hinunter und erklärte mich: „Ich bin nicht sicher, ob ich nicht doch nach Ihnen schauen soll.“

„Wenn es dir bei deiner Entscheidung hilft, es ist Zeit anzufangen, die Meute in den anderen Raum zu bewegen für den Entwurf des Rollenspiels“, sagte Bay.

„Shit“, brummelte ich, als ich einen Blick auf die Zeit-Zonen-Uhr an der Wand warf.

Ein paar Vorpubertäre, die am benachbarten Tisch saßen, kicherten und ich streckte ihnen meine Zunge heraus. Zeit, noch einen weiteren Dollar in das Marmeladenglas zu stecken.

„Du hast recht. Okay. Warum sammelst du nicht alle ein, die Eintritt bezahlt haben, und ich hole die Kiste mit den Kartenspielen – “

„Ich werde nach den Rollenspielern schauen“, sagte Jordan.

Ich ging um sie herum.

„Ich danke dir!” Ich hätte sie küssen können, aber es wäre nur peinlich gewesen als beste Freundinnen und so.

Bay grinste und fing an, die Kids in den anderen Raum zu treiben und ich flitzte zur Kasse, wo wir ein paar Dutzend zusätzliche Kartenspiele für den Entwurf des Rollenspiels gebunkert hatten. Gott sei Dank würden wir heute Abend nicht spielen, , aber allein der Entwurf konnte Stunden dauern. Dann mussten wir auseinanderklauben, welches Kartenspiel welcher Person gehörte, mussten die Kartenspiele je nach Zeitfenster des Teilnehmers am nächsten Morgen ordnen und eintausend andere kleine Aufgaben verrichten, die ihren Höhepunkt in dem langen Wochenend-Turnier fanden.

Mein Gehirn schaltete auf Autopilot. Ich nahm die Schachteln und fing an, die Liste mit den Leuten, die ihre Eintrittsgebühr bezahlt hatten, zusammenzustellen. Um mich herum wirbelte der Strom der Spieler auf den hinteren Raum zu, da Hector und Bay die Menge aus dem Laden drängten.

Jordan bahnte sich mit den Ellenbogen ihren Weg zurück zur Kasse, als ich gerade meinen Cutter aufklappte. Ich schaute sie kurz gehetzt an und schnitt durch die Klebefolie auf der Schachtel.

„Sind alle in Ordnung?“

„Nein.“

Ihre Stimme stockte und ich drehte mich um. „Was ist? Was ist los?“

„Es hat einen – Unfall gegeben.“ Ihre Augen waren gerötet und weit geöffnet.

Ich ließ das Messer auf die Ladentheke fallen. „Einen Unfall? Oh mein Gott, was – “

„Ein Stockwerk tiefer. Der Notarzt ist da. Ich habe mit einem der diensthabenden Polizisten gesprochen.“ Sie schluckte. „Autumn, es sieht nicht gut aus. Ein Jugendlicher, Wes Bowen, wurde vor zwanzig Minuten tot aufgefunden.“

Ich hatte ein dumpfes Klingeln im Ohr. „Was?“ Ich hörte meine eigene Stimme wie aus der Ferne.

Zwanzig Minuten – hatte mich da nicht Paige angerufen?

„Es – “ Jordan stoppte, schluckte und versuchte es noch einmal. „Er hat Wunden am Hals, als ob ihn etwas gebissen hätte.“

„Ein Vampir hat ihn getötet?“ Meine Stimme klang schrill und drohte ins Hysterische zu kippen, als ich die absurden Worte ein zweites Mal an diesem Tag sagte. Ich sah, wie mich aus weiter Ferne einer der Eltern anblickte. Ich versuchte, mich unter Kontrolle zu kriegen.

„Das ist nicht möglich.“

„Doch ist es. Aber er ist auch vom Balkon gefallen, von dem innerhalb des Gebäudes. Sie wissen noch nicht, was ihn getötet hat, der Sturz oder die Wunden.“

„Mein Gott!“ Ich nahm eine Hand vor den Mund. Die Leute um mich herum starrten uns an. Bay trat zu uns und ich sah ihr blasses Gesicht verschwommen in meinem Augenwinkel.

„Jordan, was soll ich tun?“

„Ich denke, du solltest die Party vielleicht besser auflösen. Sie sind immer noch unten mit – also, du weißt schon. Und sie wollen sicher mit dir und deinen Angestellten sprechen.“

„Natürlich.“ Ich nickte. Meine Augen brannten. Jordan legte ihre Hand auf meine Schulter. Ich spürte, wie sie mich festhielt.

„Ich sollte auch für die anderen da sein.“

„Die anderen?“

„Die Rollenspieler.“

„Okay … “ Jordan hielt inne, als ob sie sich ein Ruck geben müsste.

„Autumn, es sieht nicht gut aus.“

„Was meinst du?“

„Alles, Liebes, denk mal darüber nach. Sie haben bei Nacht ein brutales Spiel gemimt, in der Öffentlichkeit … Ich denke, du solltest gut vorbereitet sein.“

„Auf was?“

„Auf … alles. Die Dinge werden für eine Weile nicht gut laufen.“

Mein Blick klärte sich und als der Nebel verblasste, wurden meine Gedanken kristallklar.

„Was sagst du da? Nicht gut für mich? Für die Spieler? Für den Laden?“

Sie zögerte erneut. „Ja.“

„Okay.“ Ich nickte und brachte mich wieder unter Kontrolle. Als ob es für die kommenden Stunden irgendeinen Unterschied machen würde.

„Ich verstehe.“

„Ich – ich sollte möglichst nicht mehr mit dir sprechen. Ich muss wieder runtergehen und mit den anderen Polizisten reden und mich dann auf zum Bahnhof machen.“

„Alles klar. Danke, dass – du es warst, die es mir gesagt hat.“

„Natürlich. Ich rufe dich später an.“

Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge und verschwand.

Die Party ging weiter. Eine Blase der Ruhe war um mich herum aufgestiegen, und ich fragte mich, wer was aufgeschnappt hatte. Bay ergriff meinen Arm.

„Ist das wahr?“ Ihre blauen Augen waren riesig. Sie hatte es also mitbekommen.

Ich drehte mich um. Hector war auch da. Er sprach, bevor ich es konnte.

„Polizisten laufen durch die Gänge. Feuerwehrautos stehen draußen und ein Rettungswagen und – “

„Es gibt – “ Ich schluckte. „Es hat einen Unfall gegeben“, sagte ich, indem ich Jordans höfliche Art der sprachlichen Beschönigung benutzte.

„Ich denke, wir sollten jetzt besser zusammenpacken.“ Ich lockerte meine Stimme, um mit meinen Angestellten zu sprechen.

„Die Rollenspieler. Ich erkläre es in einer Minute. Wir müssen alle rausschaffen, über den Laden, nicht über die Mall.“

„Alles klar“, sagte Bay. Sie drehte sich um und war schon dabei, die Menge zusammenzutrommeln.

„Ich kümmere mich um den anderen Raum.“ Hector folgte ihr.

Ich setzte mich langsam in Bewegung und fühlte mich dabei so, als ob mir jemand einen toten Vogel auf den Rücken gebunden hätte.

Wes Bowen, herzlich und liebenswürdig, befreundet mit Paige und Nick.

So zurückhaltend, dass ich ihn kaum wahrnahm, wenn er vor mir im Laden stand.

Ich hatte insgeheim über ihn gespottet, mich lustig gemacht über seine große Sanftmut, durch die er die Freundschaft zu Paige und Nick aufrechterhalten hatte. Es war sein freundliches Wesen, das ihn zu einem festen Stammkunden unseres Ladens gemacht hat. Wer wäre dazu in der Lage gewesen, ihn zu töten?

Ich fühlte einen Würgereiz. Ich zwang mich zu schlucken und gleichmäßig und langsam zu atmen.

Wenn ich diesen dünnen Faden jetzt verlieren würde, der mich mit meinem Verstand verband und dem Laden zu Seriosität verhalf , fände ich ihn niemals wieder. Meine Lippen verweigerten ein Lächeln, aber ich mäßigte meine Stimme, um so politisch neutral zu klingen, wie das Ladenbesitzer so tun.

„Es tut mir leid“, sagte ich zu der Person, die mir gegenüberstand. „Es gibt einen Notfall und wir müssen heute früher schließen.“

Ich sagte es wieder und wieder und wieder. Ich wehrte Fragen ab, äußerte Beschwichtigungen und versprach Dinge, für die ich nicht garantieren konnte.

Natürlich würde es einen neuen Termin geben. Ich sei ganz sicher, alles würde gut werden. Wir würden uns bald wiedersehen.

Bay schickte den letzten Spieler in die frühe Märznacht hinaus und verschloss die Tür hinter ihm. Dann drehte sie sich um und lehnte sich gegen das Glas.

Sie schluchzte.

Ich hörte, wie Hector die Tür zur Mall schloss und die Treppe zum Hauptverkaufsraum herunterkam. Er stellte sich neben mich. „Was ist passiert?“, fragte er.

„Wes ist tot.“ Meine Stimme hallte als Echo durch den leeren Laden.

Hector nahm einen zittrigen Atemzug und Bay ließ ihr Kinn auf ihre Brust fallen.

„Ich wusste – irgendjemand. Ich schaute aus dem Fenster und sah den Rettungswagen, aber ich wusste nicht wer – “

Ich nahm Hectors Hand, um ihn zu beruhigen.

Bay schaute auf. Sie starrte uns an, und wir starrten zurück.

„Was passiert jetzt?“ fragte sie.

„Ich weiß es nicht.“

Zum ersten Mal hatte ich in meinem Laden, in meinem kleinen Himmelreich, Angst. Mehr wusste ich nicht. Bald würde ich es.