Leseprobe Millionäre küsst man nicht

Kapitel 1

„Shit!“ Mein Blick verfolgte entsetzt die Briefe, die der raue Wind auf Londons Asphalt fegte. Die Schnallen meiner roten Royal-Mail-Austragetasche hatten sich geöffnet. Der Inhalt, mein Job, präsentierte sich mir nun wild verstreut auf dem Boden.

„Argh!“ Ich warf die Hände in die Luft und musste das Bild eines trotzigen Kleinkindes abgeben. Zugegeben, das war mir egal. Mein heutiger Tag war definitiv alles andere als der wünschenswerte „happy monday“. Er gehörte eher zur Kategorie „worst day ever“.

Mrs Macintosh, deren braune Augen neugierig blitzten, rückte ihr graues Haarnestchen mit pikiertem Gesichtsausdruck zurecht. Sie sah mich vorwurfsvoll an.
Verdammt! Ich hatte kurzzeitig die Fassung verloren und gegen die Freundlichkeitsgebote der Royal Mail verstoßen.

Als Briefträger sollte man stets ein Lächeln auf den Lippen tragen, höflich sein und den Menschen ein gutes Gefühl vermitteln. Auch wenn der Stapel Briefe, den sie entgegennehmen, manchmal nur Rechnungen enthält.

Seufzend zwang ich mich zu einem entschuldigenden Lächeln, aber Mrs Macintosh war schon hinter ihren Buchsbaumhecken verschwunden. Sie war eine typische Londoner Lady, die großen Wert auf Manieren legte.

Frustriert sammelte ich die Briefumschläge auf und verstaute sie in meiner Austragetasche, die auf dem klapprigen Gepäckträger des Royal-Mail-Fahrrads festgezurrt war. Ich konnte nicht ausschließen, dass einer der Umschläge im Gulli gelandet oder vom Wind weitergefegt worden war.

Nach meinem Kaffee-Desaster heute Morgen, bei dem ich das braune Gebräu im Post Office gekonnt auf einige Pakete verteilt hatte, war das nun das zweite Vorkommnis, das ich meinem Chef melden müsste.

Diese Tollpatschigkeit würde mir noch den Lebenslauf versauen, denn ich liebte meinen Job und wollte bei der Royal Mail bleiben.

Rasch sah ich auf die Armbanduhr und stellte fest, dass sich trotz Malheur noch kein erheblicher Zeitverzug in meine Planung eingeschlichen hatte. Erleichtert checkte ich die Lavender Hill, in der sich unser Delivery Office befand. Jeden Morgen startete ich meine Tour dort und bog dann links in die Dorothy Road ab.

Kurzerhand zog ich das Diensthandy aus meiner roten Uniform und wählte grimmig die Nummer des Office.

Die Ansage unserer Sekretärin Abby schallte durch das Telefon und ich verdrängte meinen Ärger, um einigermaßen freundlich zu bleiben. „Abby, hi, ich bin es, Tessie“, nuschelte ich ins Handy.

„Tessie, wie gut, dass du dich meldest. Was gibt es?“, schnarrte ihre glockenhelle Stimme und ich musste trotz mieser Laune lächeln.

Abby war eine blonde Frohnatur, die jeder direkt ins Herz schloss. Mit ihrer offenen Art schaffte sie es, dem grimmigsten Londoner Rentner ein Schmunzeln auf die Lippen zu zaubern. Sie war die gute Seele des Office und ihr zahnpastaweißes Lächeln hatte zeitweise auf den roten Bussen geprangt, die bildungshungrige Touristen durch die Straßen bugsierten. Sie war unser Aushängeschild.

„Mir ist da was passiert …“, begann ich und wurde durch ihr hohes Kichern unterbrochen.

„Okay, was ist es dieses Mal? Hast du wieder einen verlassenen Kater gefunden, der ins Tierheim muss? Oder deine Uniform mit Chai Latte verziert?“

„Das ist nicht witzig!“, schimpfte ich und erinnerte mich ungern an die Szene, als ich Kitty, einen ungepflegten Kater, unbedingt während meiner Schicht ins Tierheim befördern musste, um dann festzustellen, dass er Mrs Macintosh gehörte.

Jepp, bei der alten Dame war ich mit meinem bravourösen Auftritt von vorhin jetzt erst recht unten durch.

„Also Schätzchen, du hast später sowieso einen Termin bei Larry. Kann es bis dahin warten?“ Ich hörte ihr Tastaturtippen.

„Ich habe einen Termin bei Larry?“, fragte ich entsetzt und sah sein wutentbranntes Gesicht mit den braunen Glubschaugen schon vor mir. Er würde toben.

„Ja, gleich nach deiner Schicht.“

„Weißt du, worum es da geht?“ Ich schickte Stoßgebete in den Himmel, die meine Kündigung verhindern sollten.

Ich wusste, dass es nicht leicht mit mir war. Denn die verlorenen Briefe waren jetzt schon der dritte Fauxpas diesen Monat. Aber mich deswegen zu kündigen wäre vermutlich ungerecht.

Larry war der typische Chef, der Wert auf Etikette, Höflichkeit und Zahnpastalächeln legte.

Sicher, ich war keine unfreundliche Person, im Gegenteil, die meisten meiner Kunden öffneten mir gerne die Tür oder versorgten mich mit Gebäck und Tee.

Trotzdem lieferte mich meine Tollpatschigkeit oftmals Larrys Ärger aus.

„Nein, Darling. Aber es klang wichtig und er hat gute Laune heute“, merkte Abby zuversichtlich an.

Ich holte tief Luft und seufzte. Immerhin hatte er gute Laune. Das bedeutete, meine Kaffeesprenkelpakete waren keine Katastrophe für ihn.

„Bist du noch dran?“, erkundigte sich Abby, die ich mit meinem Schweigen wohl hingehalten hatte.

„Ja.“

„Nimm es nicht so schwer. Larry steht auf deinen Hundeblick. Das weißt du doch. Er hat dir bisher alles verziehen. Das liegt auch an deiner schnuckeligen Stupsnase.“

Ich zog eine Grimasse. Mit meinen grünen Augen, den zarten Sommersprossen und der kleinen Stupsnase war ich eine durchschnittlich attraktive Londoner Briefträgerin.

„Okay“, antwortete ich und schob mein Fahrrad an die Kreuzung zur Dorothy Road, während ich das Handy mit der Schulter an mein Ohr drückte.

„Falls es nicht wieder ein heimatloser Kater ist oder ein verschütteter Chai Latte auf deiner Uniform, ist es halb so wild, Tessie.“

„Na ja, also da war dieser Windstoß …“, erklärte ich zögernd und Abby kicherte.

„Ich schätze, ein paar Briefe sind jetzt auf dem Weg nach Timbuktu“, presste ich schuldbewusst hervor.

„Halb so wild Tessie, ich erstelle eine Verlustanzeige, wenn du mir nach deiner Schicht verrätst, bei wem du keine Post eingeworfen hast. Das ist jedem schon passiert. Frag mal Larry nach seiner aktiven Zeit, der hat einige Schoten auf dem Kerbholz“, erklärte sie und gab mir das Gefühl, nicht nur aus tollpatschigen Flausen im Kopf zu bestehen.

„Danke, Abby“, erwiderte ich erleichtert und fuhr den Fahrradständer aus, um das rote Gefährt abzustellen.

„Alles klar, das kostet dich einen Drink im Finnigan’s nach Dienstschluss.“ Das konnte ich ihr nicht abschlagen.

Ich mochte Abby vom ersten Tag an bei der Royal Mail. Sie nahm mich unter ihre gütigen Fittiche und weihte mich in die Geheimnisse der Postroboter, die jeden Morgen geschäftig die Post sortierten, ein.

Außerdem wusste sie gefühlt alles über die Mitarbeiter. Die Kenntnisse von Singlestatus, Fremdgehstatus und Exbeziehungen waren nur einige Vorzüge ihres allumfassenden Wissens. Wobei ich mich zum Singlestatus dazuzählen konnte.

Gott, ich wusste gar nicht mehr, wie lange meine letzte Beziehung schon her war. Definitiv zu lang!

Mit meinen fünfundzwanzig wünschte ich mir wie jede andere Frau in dem Alter endlich den EINEN Kerl zu treffen.

Bevor meine Gedanken zum Traumprinzen in weißer Rüstung auf dem rassigen Hengst schweifen konnten, erinnerte ich mich, dass Abby auf meine Antwort wartete.

„Okay, der Drink nach Dienstschluss geht auf mich“, sagte ich und beendete das Gespräch. Rasch schob ich das Handy in meine Royal-Mail-Jacke und griff zur Austragetasche, um die Briefe für die nächsten Häuser der Dorothy Road herauszukramen.

Das vertraute Geräusch der klappernden Briefschlitze besänftigte meine Nervosität wegen des bevorstehenden Termins mit Larry. Ich hatte keine Vorstellung davon, was er von mir wollte und hoffte, er war nicht auf ein Date oder Ähnliches aus. Sicher, mir waren seine Blicke im Office nicht entgangen. Das nette Grinsen hier, das zufällige Berühren meines Armes dort.

Larry war Mitte vierzig und sah mit dem schwarzen dichten Haar, das von einzelnen grauen Strähnen durchzogen war, unverschämt attraktiv aus, gehörte aber trotzdem nicht zu meinem Beuteschema. Vom Altersunterschied ganz zu schweigen. Ich schüttelte den Gedanken ab. Okay, ich musste mich definitiv an der Grenze zum Verrücktwerden befinden, wenn ich schon über die Optik meines Chefs nachdachte. Ich hatte dringend mal wieder ein Date nötig.

Ich fasste den Entschluss, meine Mitbewohnerin Kelly, die gleichzeitig meine beste Freundin war, am Wochenende zu einem Discobesuch zu nötigen.
Kelly war zwar glücklich vergeben und liebte den Rugbyspieler Scott abgöttisch. Trotzdem versuchte sie, genügend Zeit für mich und mein Singledasein einzuräumen. Was sie immer wieder zu diversen Verkupplungsaktionen mit Scotts Kumpel verleitete. Doch die Rugbyspieler waren mir zu plump. Denen waren nur ihr toller Oberkörper und ihr sportliches Können wichtig. Grips suchte man bei den meisten vergeblich. Ich wollte keine von den Spielerfrauen sein, die sich als Trophäe zu ihrem Schatz gesellten und die French-Nails-Daumen bei einem relevanten Match drückten.

Okay, ich gebe zu, Scott war eine Ausnahme und ein Glücksgriff. Er war smart, gut aussehend und intellektuell. Das freute mich aufrichtig für Kelly.
Insgeheim hoffte ich, unsere WG würde noch lange Bestand haben, die Realität aber war, dass Scott immer wieder in Nebensätzen andeutete, wie schön ein eigenes Heim zu zweit wäre.

Ein haarsträubender Gedanke für mich, dass Kelly eines Tages ausziehen könnte. Also schob ich ihn schnell beiseite und warf den nächsten Brief in einen silbernen Postschlitz.

Mein weiterer Arbeitstag verlief tatsächlich ohne peinliche Vorkommnisse und ich trudelte zufrieden um Punkt fünfzehn Uhr im Office ein. Abbys warmes Lächeln begrüßte mich und sie hielt mir eine duftende Tasse Kaffee unter die Nase.

„Du bist die Beste.“ Dankbar schälte ich mich aus der Royal-Mail-Jacke und hängte sie über die Stuhllehne. Dann nahm ich Abby das Warmgetränk ab.
Nach einem großen Schluck zählte ich ihr die vierzig postlosen Häuser auf, die ich mir im Handy notiert hatte, damit sie die Verlustanzeige erstellen konnte. Abby verfolgte über das Einbuchungssystem der Royal Mail, ob für die jeweiligen Häuser Post registriert worden war.

Ihre rot manikürten Fingernägel flogen dabei über die Tastatur und sie verzog den geschminkten Mund zu einem zufriedenen Lächeln, als sie das Blatt Papier aus dem Drucker zog.

„Unterschreib“, wies sie mich an und ich setzte meinen Servus unter das Formular.

„Larry muss nichts davon wissen“, erklärte sie und schob das Blatt in ein braunes Kuvert.

„Warum nicht?“

„Erweitertes Aufgabengebiet“, erklärte sie mir stolz und verschloss den Umschlag. „Die Zentrale regelt das.“

Erleichtert trank ich einen Schluck Kaffee. „Danke.“

Abby nickte und widmete sich wieder ihrem Desktop, der gedämpfte Geräusche von sich gab.

„Bist du bereit für Larry?“, fragte sie, ohne aufzublicken.

„Kann man jemals für ihn bereit sein?“

Abby grinste. „Vergiss nicht, er hat gute Laune.“

Ich hörte, wie die Türklinke von Larrys Büro nach unten gedrückt wurde. Ein nervöser Blitz durchzuckte meinen Bauch und ich sah erwartungsvoll zur Tür.

Larry reckte den Kopf durch den geöffneten Spalt und lächelte.

„Tessie, da bist du ja.“ Er blickte mich mit seinen haselnussbraunen Augen an, in denen schon wieder ein Ticken zu viel Aufmerksamkeit lag.

Abby nickte mir aufmunternd zu und ich stellte die Kaffeetasse auf ihren Schreibtisch. Mit klopfendem Herzen folgte ich Larrys schwarzem Haarschopf, der schon hinter der Tür verschwunden war.

Gentlemanlike bot er mir den freien Stuhl vor seinem gläsernen Schreibtisch an und schloss die Tür. Ich setzte mich auf das schwarze Leder und stellte erneut fest, wie unbequem dieser Stuhl war.

Larry trat hinter seinen Schreibtisch und setzte sich. Er faltete die Hände und musterte mich aufmerksam.

Mist! Das fühlte sich verdammt nach Standpauke an.

Rasch überlegte ich, ob er mich schon für den Tierheimbesuch gerügt hatte, und entgegnete unsicher seinen Blick.

Das Braun seiner Augen ruhte auf mir und er räusperte sich verlegen. „Tessie. Wie lange bist du jetzt schon bei uns?“ Er reckte das Kinn leicht nach oben.

Unruhig rutschte ich auf dem Leder herum. Begannen nicht Kündigungsgespräche mit dieser Floskel?

„Larry, ich, also … es tut mir leid. Ich weiß, ich verbocke in letzter Zeit einiges und ich werde mich bemühen, mich zu bessern. Aber, na ja, der arme Kater hatte so ein verfilztes Fell und seine Augen sahen mich derart traurig an. Ich dachte, im Tierheim wäre er besser aufgehoben. Hätte ich ihn denn auf der Straße verhungern lassen sollen?“

Larrys entgeisterter Blick schoss mir entgegen und er neigte sich nach vorn, als ob er keine Ahnung hatte, was ich da von mir gab.
Ich zog die Luft ein. Er hatte definitiv keine Ahnung, was ich da gerade erzählte.

Shit!

Imaginär knallte ich meine Handfläche gegen die Stirn. Abby hatte ihm vermutlich nichts von der Katersache erzählt und ich blöde Kuh servierte ihm meinen Fehltritt auf dem Silbertablett.

Schnell zwang ich mich zu einem unschuldigen Lächeln und beantwortete rasch seine Frage, in der Hoffnung, ihn von meinem Gestammel abzulenken.

„Seit zwei Jahren arbeite ich bei euch.“ Dabei verbot ich meinen Mundwinkeln, auch nur einen Millimeter nach unten zu rutschen.

Larry, der nur verwirrt brummte, löste die verschränkten Hände und fuhr sich durchs Haar. „Tessie, was immer du gerade erklären wolltest, ich bin mir sicher, dass ich es nicht hören will.“ Sein durchdringender Blick bohrte sich in meinen und ließ mich mit ziemlicher Sicherheit rot werden. Ertappt zog ich die Mundwinkel noch ein Stück weiter nach oben. Seine irritierte Miene zeigte, dass das wohl keine gute Idee war, also ließ ich das Mundwinkelsenkungsverbot fallen.

Larry seufzte und lehnte sich in seinen imposanten Chefstuhl, der mit einem Knarzen nachgab. „Okay, du bist eine fähige Mitarbeiterin. Du bist loyal und die Menschen lieben dich. Neulich erst rief mich Mistress Smith an und erzählte mir, wie du ihre Einkaufstaschen nach oben getragen hast. Das ist wirklich sehr engagiert und lieb von dir.“

Oh, das war nicht das, womit ich gerechnet hatte. Aber das Lob ging mir runter wie warme Schokolade und bereitete mir ein wohliges Gefühl im Bauch.

„Danke.“ Ich nickte und wartete gespannt auf den wahren Grund des Meetings.

„Ich sehe, dass du mit Herzblut dabei bist, auch wenn dir deine beiden linken Beine manchmal im Weg stehen.“ Er schmunzelte und ein spitzbübisches Lächeln huschte ihm über die Lippen. „Trotzdem habe ich eine zentrale Entscheidung getroffen.“ Ich schluckte. Jetzt kam der Moment der Wahrheit.

„Die Royal Mail wird zukünftig neue Dienste aufnehmen. Im Zeichen des Wohlstandes und des Reichtums.“

Ein triumphales Grinsen glitt ihm übers Gesicht und ich stutzte. Mit den Reichen und Schönen war ich bisher nie in Kontakt gekommen. Worüber ich dankbar war, denn der High Society konnte ich nichts abgewinnen. Sie war voll mit aufgeblasenen Gockeln in maßgeschneiderten Anzügen oder superschlanken Models, die sich die kulinarische Vielfalt verboten.

Nein! Das war definitiv nicht meine Welt und ich war zufrieden, dass ich in Londons Randbezirk Briefe verteilen musste und nicht in der City of Westminster, wie der nobelste aller Bezirke genannt wurde.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder Larry zu, der inzwischen geschäftig Dokumente aus seinem Ablagefach zog. Mit siegessicherem Lächeln präsentierte er mir eine Urkunde, auf der mittig mein Name in goldenen Lettern prangte.

Tessie Neill
Private Post Officer

Unterzeichnet war der pompöse Wisch mit Larrys Unterschrift und ich sah, dass meine auf dem Feld des Inhabers ausstand.

Kurzzeitig wunderte ich mich, dass das Ding keinen Glitzer ausspuckte, bevor ich Larry ungläubig anstarrte.

„Freust du dich?“ Überschwänglich wedelte er mit der Urkunde vor meiner Nase.

Okay, jetzt war er derjenige, der sich wie ein Kleinkind benahm, welches gerade das heiß ersehnte Lego-Harry-Potter-Hogwartsschloss auspackte.

„Was ist das?“, fragte ich skeptisch und mein Blick blieb an dem Titel „Private Post Officer“ hängen. Ich wusste nicht, dass ich eine Fortbildung oder ein Seminar besucht hatte, das mir solch einen Titel hätte verleihen können.

„Das ist dein neuer Job“, verkündete Larry stolz und feierte sich offensichtlich selbst für seine Entscheidung.

Entsetzt zog ich die Luft ein. „Mein neuer Job?“ Gleichzeitig schwante mir Böses, da ich die Verbindung zu Reichtum und Wohlstand, wie Larry vorhin schön erwähnte, zog.

„Dein neuer Job“, bestätigte er und erhob sich, um blitzschnell neben mir zu stehen. Ich spürte seine Hand auf meiner Schulter, die er kräftig rüttelte.

„Ist das nicht großartig? Komm, lass dich drücken!“

Okay, ich kapierte nur Bahnhof, stand wie ferngesteuert von dem unbequemen Lederstuhl auf und ließ mich in Larrys Arme ziehen. Er roch nach Süßholz und Kaffee. Ich räusperte mich, denn die Umarmung dauerte länger an, als sie sollte, und Larry entließ mich ertappt aus seinen trainierten Armen.

Er griff nach einem roten Kugelschreiber, auf dem sein Name eingraviert war, und hielt ihn mir majestätisch unter die Nase.

„Es fehlt nur deine Unterschrift. Die Gehaltserhöhung ist enorm.“

Ich schüttelte meinen Kopf, um einen klaren Gedanken fassen zu können. „Larry, ich weiß noch nicht mal, was der Titel bedeutet, wie kann ich da blauäugig unterschreiben?“

Verstört neigte er den Kopf. „Hast du den Aushang nicht gelesen?“

„Welchen Aushang?“, entfuhr mir panisch und ich starrte ihn mit finsterer Vorahnung an.

„Na, den über die Chance, ein Private Post Officer zu werden. Die Ehre, in die City of Westminster versetzt zu werden. Die Meldefrist, falls man dagegen sein sollte, ist schon vorige Woche abgelaufen.“

Ich riss entsetzt die Augen auf und verfluchte mich dafür, die alte korkige Pinnwand am Eingang des Briefträgerbüros ignoriert zu haben. Bis auf die hinabfallenden Reißnägel, die ich ab und an vom Boden aufsammelte, war sie mir herzlich egal gewesen.

Verdammt!

„Du hast den Aushang doch gelesen, oder?“

Larrys ernster Ton holte mich zurück ins Gespräch und ich schluckte.

Langsam nickte ich. „Natürlich.“

Nein, die Blöße konnte ich mir jetzt nicht geben, ihm zu sagen, wie geflissentlich ich diese Aushänge ignorierte.

„Na, dann. Herzlichen Glückwunsch.“

Er zog mich noch mal an seinen nach Süßholz duftenden Hals und mir wurde bewusst, was ich angerichtet hatte.

Ich löste mich harsch aus der Umarmung und griff nach dem Kugelschreiber. Die Unterschrift flutschte mir aus meinem Handgelenk, doch es fühlte sich an wie ein Vertrag mit der Hölle.

Vor meinem geistigen Auge tanzten die Bilder von Machos in Anzügen und Models, die ihr Haus nur in High Heels verließen.

Mit zitternden Fingern drückte ich Larry den Kugelschreiber in die Hand, und er nahm ihn zusammen mit der Urkunde dankend entgegen.

„Lassen wir Abby eine Kopie für dich machen. Du wirst es sicher rahmen wollen, oder?“, fragte er freundlich und ich nickte.

Wohl eher den Kamin damit anfeuern, dachte ich grimmig, ließ mir meinen Groll aber nicht anmerken, während mich mein Chef aus dem Raum und an Abbys Schreibtisch schob.

Diese erhob sich mit einem herzlichen Grinsen. „Hätte nicht gedacht, dass du annimmst“, piepste sie und kopierte die Urkunde für mich.

„Tessie ist eben immer für eine Überraschung gut“, kommentierte Larry. „Das schreit nach einem Drink nach Feierabend, was?“

Abby nickte erfreut. „Wir wollten sowieso auf Achse gehen, nicht wahr, Tessie?“

Ihr bedeutungsvoller Blick streifte mich. Was blieb mir anderes übrig, als brav zu nicken?

Larry registrierte das mit Vorfreude und überreichte mir die Kopie der amtlichen Urkunde.

„Hervorragend. Heute Abend um acht? Im Finnigan’s? Die ganze Belegschaft soll kommen, das muss gefeiert werden.“ Damit ging er zurück in sein Büro und Abby schenkte mir ein zufriedenes Grinsen.

„Du hast ihn sehr glücklich gemacht.“

Ich schnaubte und warf ihr das Dokument auf den Schreibtisch. „Na prima.“

Sie kicherte angesichts meiner miesen Laune. „Lass mich raten, du hast weder den Aushang gelesen, noch die kleinste Ahnung davon gehabt, dass wir die große Chance haben, den Private Post Officer zu stellen?“

Ertappt schluckte ich und nickte.

Abbys blaue Augen musterten mich mitleidig. „Das dachte ich mir schon.“

Sie öffnete ihre Schublade und zog eine Schachtel Schnapspralinen hervor. Hastig hob sie den Deckel und bot mir eine an. Dankbar griff ich nach der Schokolade und schob mir die Praline in den Mund.

Mmmh, der Geschmack von schottischem Whisky brannte mir auf der Zunge. Ein Gebräu, das ich heute Abend auf jeden Fall literweise konsumieren würde.
Schnell griff ich nach einer weiteren Praline, um meine Gedanken an die Party zu verdrängen. Abby verstaute kauend die Schachtel.

„Verrats nicht dem Chef“, flüsterte sie und schloss die Schublade.

„Meine Lippen sind versiegelt“, witzelte ich.

Das Mitleid kehrte wieder in Abbys Blick zurück. „Das wird schon. Die City of Westminster ist voller heißer Typen. Außerdem ist das ein klasse Aushängeschild für unseren Royal-Mail-Posten hier. Larry hat sich total ins Zeug gelegt, dass unser Office den Briefträger für die Reichen und Schönen auswählen darf.“

Na prima. Unsere Sekretärin stand also auch hinter der ganzen Schicki-Micki-Sache.

„Deine neue Uniform hab ich dir schon in den Spind hängen lassen.“

„Aha. Vermutlich golden und mit Diamanten übersät?“

„Nein.“ Sie lachte auf. „Tatsächlich besteht sie aus einer weißen Bluse, einem marineblauen Blazer und einem gleichfarbigen Rock.“

„Rock?“, entfuhr es mir entsetzt. Ich vermisste schon jetzt meinen roten Anzug.

Abby nickte. „Rock!“

Ich trug nie Röcke oder Kleider. Blue Jeans und ein bequemes Shirt waren mir die liebsten Freizeitbegleiter. Röcke vermasselten jegliches spontane Abenteuer, das man mit einer Blue Jeans erleben könnte. Eislaufen zum Beispiel oder eine Fahrradtour, nicht dass ich in meiner Freizeit sonderlich aktiv gewesen wäre oder auf Eislaufen stand.

Trotzdem machte es mir der Rock unmöglich, weiterhin die Post mit dem Fahrrad auszuteilen. Es sei denn, ich wollte der Welt beherzt mein Höschen vorführen.
Ich schnaubte. „Okay, ein Rock. Das heißt, ich trage zu Fuß aus?“, hakte ich bei Abby nach, die sich wieder ihrem Desktop gewidmet hatte.
Überrascht blickte sie auf.

„Ach nein, du bekommst ein kleines Auto im Golfcar-Style. Ist das nicht klasse?“

„Wunderbar“, presste ich mühselig hervor und griff nach der blöden Urkunde. Ein Golfauto, mit dem ich prestigeträchtig auf Londons teuerstem Asphalt herumcruisen sollte. Jepp, das klang doch nach einem Lebenstraum. Allerdings war es nicht meiner.

„Okay, dann sehen wir uns um acht im Finnigan’s?“ Ich registrierte Abbys Nicken, bevor ich aus ihrem Vorzimmer verschwand.

Draußen auf dem Flur holte ich tief Luft und trat zum Spind. Eigentlich wollte ich ihn nicht öffnen, aber die Neugier trieb mich dazu, es doch zu tun. Ich musste wissen, mit welchem modischen Ungeheuer ich es zu tun hatte.

Zu meiner Überraschung sah die Uniform verhältnismäßig schlicht aus. Zum marineblauen Rock waren ein weißes Top, blauer Blazer und eine Strumpfhose vorgesehen. Abby hatte die Sachen faltenfrei dort verstauen lassen und ich wagte es nicht, sie herauszunehmen.

Lieber fuhr ich morgen früher ins Office, um die Kluft frisch gebügelt anzuziehen, als dass ich sie auf dem Heimweg zerknitterte.

Somit schloss ich den Spind wieder, verließ das Office und nahm mir ein Black Cab in die Bishops Road im Stadtteil Fulham. Ich fuhr am liebsten mit dem Taxi, denn die Tube war meistens stickig und überfüllt mit Menschen. Die Fahrt mit dem Taxi dauerte nur achtzehn Minuten und gewährte mir einen hübschen Ausblick auf die Themse. Wir fuhren die Wadsworth Bridge Road entlang, die direkt über den großen Strom nach Fulham führte. Dieser Anblick war es mir jedes Mal wert, das Taxigeld zu bezahlen.

Vor dem hübschen backsteinfarbenen Häuschen, in dem meine WG untergebracht war, stoppte der Taxifahrer und ich bezahlte ihn angemessen. Ich stieg aus und ging durch den verwahrlosten Vorgarten. Wir waren vier Parteien im Haus und keiner verspürte den Drang, den Vorgarten und den verkümmerten Rasen zu pflegen. Mir war das recht, solang sich dort kein Müll oder eine Sammlung von Gartenzwergen tummelte. Unkraut wucherte in den Beeten, aber hey, auch Unkraut konnte blühen. Grimmig fischte ich den Schlüssel aus meiner Handtasche.

 

Kapitel 2

Missmutig knallte ich die alte Haustür hinter mir zu und zog scharf die Luft ein. Das war mal wieder ein Tag, der mir nicht in den Kram passte. Genervt hängte ich meine Jacke an die Shabby-Garderobe, die Kelly ausgesucht hatte, und bemerkte Scotts Chucks, die auf dem Fußabtreter neben unseren Schuhen standen. Er war inzwischen wie ein Bruder für mich und nahezu jeden Tag hier.

Seufzend betrat ich die Küche. Ich wollte mir nicht ausmalen, was Kelly und Scott in Kellys Zimmer trieben. Ein Kaffee sollte mich erst mal aufheitern.
Ich startete die Kaffeemaschine, die auf unserem grauen Küchentresen stand. Während ich ihrem Mahlen lauschte, griff ich nach meiner „Der Herr der Ringe“-Kaffeetasse, von der mir Orlando Bloom entgegenlächelte. Ich stellte sie unter die dampfenden Düsen.

„Oh, Tessie, hi.“

Ich hörte Scotts schlurfende Schritte und wandte mich dem Sportler zu. „Hey“, sagte ich gedämpft und zog Orlando von der Kaffeemaschine.

Scott musterte mich berechnend. „Wenn du zu ‚Herr der Ringe‘ greifst, dann ist was passiert. Also raus mit der Sprache.“ Ich grinste. Scott kannte mich einfach schon zu lange und wusste, wie Kelly, wann bei mir Not am Mann war.

Ich nahm einen großen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf unserem hölzernen Küchentisch ab. Er war über und über mit Einkerbungen versehen.
Trotz seines ramponierten Aussehens wollten Kelly und ich nicht auf ihn verzichten. Jede Einkerbung stand für eine legendäre Party, die wir in Jugendzeiten veranstaltet hatten. Unser Küchentisch war dabei ein heiß begehrtes Plätzchen für diverse Trinkspiele gewesen, weshalb Kronkorken und Flaschenöffner darübergeschrappt waren.

Scotts aufforderndes Räuspern riss mich aus meinen bunten Jugenderinnerungen.

„Ach, es gab ein Missverständnis auf der Arbeit. Und hurra, ich darf jetzt die Post für Londons Prominenz im Golfcar austragen.“ Ich fuhr mit dem Zeigefinger die größte Einkerbung auf der Tischplatte entlang. Sie war enorm tief, denn sie zeigte jenen Abend, an dem Kelly mir beichtete, mit Scott zusammen zu sein. Mein Stolz war immens verletzt gewesen und ich neigte damals zu feurigen Ausbrüchen. Weshalb ich kurzerhand nach dem Korkenzieher gegriffen und ihn quer über die Tischplatte gezogen hatte. Kelly nannte die Einkerbung liebevoll Meilenstein, während ich ihr mit gemischten Gefühlen gegenüberstand.

Sicher, es war mitunter der Alkohol gewesen, der mich dazu verleitet hatte, und ich hatte massig davon an jenem Abend getrunken. Allerdings war er auch keine Entschuldigung für meinen Ausraster. Deshalb war mir die Kerbe noch immer unangenehm. Meine Rumwüterei hatte ich mittlerweile unter Kontrolle, glaubte ich.

Ich spürte Scotts auffordernden Blick auf mir und wusste, dass ihm meine knappe Schilderung der Tatsachen nicht genügte.

„Tessie“, erklang seine sonore Stimme neckend und ich schnaubte.

„Ist ja schon gut“, wehrte ich weitere Aufforderungen ab und ergab mich.

„Ich wurde zum Privat Post Officer ernannt. Daran ist mal wieder meine eigene Schusseligkeit schuld, denn ich habe es verpasst, mich von der Liste der Interessenten herunternehmen zu lassen. Tja, der Glücksgott ist gönnerhaft zu mir. Ich sollte heute definitiv Lotto spielen oder ein Kind adoptieren. Ich bin mir sicher, es würde von einem Millionär stammen, der mich nach Haiti entführt und dort kleine Wellensittiche züchten lässt.“ Ich hörte nicht, dass Kelly den Raum betreten hatte, aber nun stand sie kichernd neben Scott.

„Hi, Kelly“, begrüßte ich meine beste Freundin, deren Blick zur „Herr der Ringe“-Tasse wanderte.

„Okay. Legolas-Krise. Was ist los?“ Sie zog ihre graue Weste aus und setzte sich. Ihr brauner Bob wiegte dabei sanft hin und her.

Ihre Auffassungsgabe überraschte mich nicht, denn wir kannten uns seit dem Sandkastenalter. Sie wusste von meinen Macken, meiner glorreichen Tollpatschigkeit und meiner Abneigung gegenüber all dem, was mit Luxus zu tun hatte.

Über Scotts Gesicht huschte ein Grinsen. „Sie muss zukünftig die Post für die Reichen und Schönen austragen.“ Seine Augen blitzten frech und ich streckte ihm die Zunge raus. Die Schadenfreude kroch ihm aus jeder Pore.

Kellys Mundwinkel verrieten das kleine Grinsen, das sie zu verbergen versuchte. „Das ist ja eine Katastrophe.“

Ich funkelte Scott triumphal an. Endlich jemand, der mich verstand!

Scott lachte auf und fuhr sich durch die braune Haarpracht. „Ich werde das Tessie-Kelly-Ding nie verstehen.“ Damit entfernte er sich mit meiner Legolas-Tasse aus der Küche. Ich widerstand dem Drang ihm hinterherzurufen, dass es meine war, denn Scott gehörte mehr oder weniger zur Familie. Freiwillig hätte ich ihm die Tasse aber nicht angeboten.

Kellys mitfühlender Blick streifte mich und ich erzählte ihr vom beruflichen Desaster. Sie hörte geduldig den Schimpftiraden zu und lehnte sich an die morsche Holzlehne des Stuhls.

„Oh, Tessie. Da hast du wieder direkt in die Vollen gegriffen!“ Sie seufzte. „Aus der Nummer wirst du nicht mehr herauskommen.“

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. „Ich weiß. Das Schlimmste ist, dass der Höllenpakt heute Abend im Finni gefeiert wird.“

Kellys Blick schwebte teilnahmsvoll zu mir und ich versuchte zu lächeln. „Yay, das wird ein Spaß.“

„Puh, wenn du so drauf bist wie jetzt, dann ganz sicher.“

„Blöde Kuh“, schimpfte ich und ihre weinrot geschminkten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

„Sieh es positiv. Dein Chef schmeißt dir zu Ehren eine Party. Das solltest du nutzen, um deine Kollegen besser kennenzulernen“, riet sie mir.

Ein typischer Kelly-Rat, denn sie war immer offen für neue Kontakte und pflegte ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen. Ich war eher der Typ Einzelgänger, der ein paar wenige Freunde um sich scharte. Mit Abby und Kieran hatte ich meine beiden Kontaktpole im Office, mit denen ich rundum zufrieden war.

„Du wirst deine Klienten vermissen, stimmt’s?“ Ihre haselnussbraunen Augen musterten mich, während sie meine Gedanken unterbrach.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber meine beste Freundin hatte recht. Ich würde einige von den Klienten vermissen. Sogar Mrs Macintoshs perfektes Haarkränzchen.

Das Ehepaar Samson, das mir jeden Morgen frisch gebrühten Kaffee mit auf den Weg gab und das Gebäck von Elly, die sich als Bäckerin versuchte und dabei königlich scheiterte. Sie würden mir allesamt fehlen. Auch Ellys steinharte Rührkuchen.

„Nimm es nicht so schwer“, holte mich Kelly aus meinen Gedanken. „Ich wette, in der City of Westminster gibt es auch liebenswerte Prominenz.“

Ja, das sah Kelly ähnlich, in allem das Gute zu sehen. Ich war da eher pessimistisch veranlagt und froh, wenn so wenig Veränderungen wie möglich meinen Alltag aufwirbelten.

„Liebenswerte Prominenz“, zischte ich verächtlich und starrte auf die große Kerbe. „Ich denke, das wird der unpersönlichste Job aller Zeiten.“

Kelly stand fix auf, kramte im obersten Schrankfach und zog eine Flasche klaren Schnapsbrand hervor. „Hier.“

Sie gab mir die Pulle und holte zwei Schnapsgläser aus dem Geschirrschrank im Wohnzimmer. „Der wird deine trübseligen Gedanken schon vertreiben.“

Beherzt öffnete sie den Verschluss der Flasche und goss mir ein.

„Ich kann doch jetzt nicht vorglühen“, gab ich empört zurück. „Was denkt mein Chef, wenn ich schon blau im Finni aufkreuze?“

Kelly, die sich nicht beirren ließ, prostete mir zu. „Von ein bisschen Birne ist noch niemand blau geworden. Außerdem könntest du echt lockerer werden.“ Entschieden exte sie ihren Schnaps und schaute mich herausfordernd an.

Da ließ ich mich nicht zweimal bitten und trank den Schnapsbrand in einem Zug leer. Eine wohlige Hitze breitete sich in meinem Bauch aus und ich stellte das Schnapsglas in die Spüle. Kelly sollte nicht auf die Idee kommen, mir nachzugießen.

„So, und jetzt suchen wir dir ein hammermäßiges Outfit, damit du deinen neuen Job wenigstens für heute Abend kurzzeitig vergisst, okay?“

Sie hakte sich bei mir unter und zog mich in mein Zimmer.

Darin angekommen öffnete sie den Kleiderschrank und warf einen schwarzen Minirock und ein weißes Seidentop auf mein nicht gemachtes Bett. Die Lichtgeschwindigkeit, mit der Kelly das Outfit auswählte, beeindruckte mich.

„Das ist zu aufdringlich“, kommentierte ich die Auswahl und dachte an Larry, der mir damit sicher am Rockzipfel hängen würde.

Entschlossen trat ich zum Kleiderschrank und zog eine Jeans heraus. Den Minirock wischte ich beiseite.

„Wenn du könntest, würdest du in Jeans wohnen, hab ich recht?“ Kelly griff beherzt nach der Hose. „Such dir was anderes aus!“

„Das Top passt doch auch zu der Jeans.“ Ich versuchte, ihr die Hose aus der Hand zu reißen, aber Kelly war schneller und warf sie vor meine Zimmertür, die sie lautstark zuknallte. Angriffslustig positionierte sie sich davor. „Wage es nicht.“

„Ich komme mir echt vor wie im Kindergarten“, schnaubte ich und wandte mich dem Schrank zu. Dabei stellte ich fest, dass ich tatsächlich mehr Jeans besaß, als ich vermutete, und entschied mich für eine schwarze, die Kelly wohlwollend absegnete. Zum weißen Seidentop kombinierte ich einen karamellbraunen Cardigan und ließ mir von Kelly eine lange Goldkette um den Hals legen.

„Perfekt“, kommentierte sie mein Outfit.

Ich drehte mich vor dem Spiegel und musste ihr recht geben. Damit fühlte ich mich schick, aber nicht overdressed. „Okay, den Rest kann ich selbst“, versuchte ich, Kelly aus meinem Zimmer zu locken, um ein wenig Ruhe zu haben, bevor ich mich auf den Weg ins Finni machen musste.

Kelly legte die Hand auf die Türklinke. „Alles klar. Aber bevor du gehst, will ich dich noch mal abchecken.“ Ich nickte und Kelly verließ mein Zimmer.
Während ihr modisches Selbstbewusstsein unter Scott zugenommen hatte, schrumpfte meins zu einer vergammelten Zwiebel.

Ich hasste es, zu shoppen und wenn, dann suchte ich nur bequeme Sachen aus. Das Seidentop, das ich trug, hatte ich nur auf Kellys Anraten gekauft. Allein wäre ich niemals auf die Idee gekommen, mir so einen Hauch von Nichts anzuziehen.

Manchmal, wenn Kelly einen speziell großen Hass auf meine Klamotten entwickelte, bestellte sie mir was von ihrem Lieblingsonlineshop mit. Das schmuggelte sie dann heimlich in meinen Kleiderschrank. In die Kellyabteilung, wie ich das Fach liebevoll nannte. Dort lagen unberührte Schönheiten, die ich mir nicht antun wollte.

Doch Kelly gab nie auf, mich von der Modewelt zu überzeugen. Als Bankangestellte achtete sie stets auf ihr Äußeres und ihr Kleiderschrank war so groß wie mein gesamtes Zimmer. Von ihrem Schminktisch ganz zu schweigen.

Seufzend setzte ich mich an meine altmodische Frisierkommode, die ich von Großmutter geerbt hatte. Ich liebte das antike Mahagoni, aus dem sie geschaffen war.

Schon als kleines Mädchen hatte ich Omas Parfumflaschen darauf bewundert. Heute stapelten sich dort Socken, Unterwäsche und das bisschen Make-up, das ich besaß. Zweckentfremdet gefiel mir die Kommode trotzdem.

Mürrisch klatschte ich mir das Make-up ins Gesicht und trug Rouge auf. Danach tuschte ich meine Wimpern und zog einen Lidstrich. Das musste genügen, ganz nach dem Motto „weniger ist mehr“.

Ich konnte nur hoffen, dass Abby allen optisch die Show stahl und ich nicht in den Fokus der Party rückte.

Grimmig griff ich nach meiner Bürste und bearbeitete mein Haar. Der Friseur war längst überfällig, also fasste ich mein schulterlanges braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Die vorderen Strähnen ließ ich mir locker in die Stirn fallen und steckte mir goldene Kreolen ins Ohr. Zufrieden betrachtete ich mein Äußeres und bestäubte mich mit Parfum.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach sieben war und ich schleunigst aufbrechen sollte.

Leise öffnete ich die Zimmertür und hob meine Lieblingsjeans vom Boden auf. Kurz überlegte ich, ob ich die Hosen nicht lieber austauschen sollte, als ich die Türklinke von Kellys Zimmer hörte.

Rasch warf ich die Jeans auf mein Bett und schloss die Tür.

„Schick bist du.“ Scott ließ anerkennend seinen Blick über mein Outfit wandern und ich zog eine Grimasse.

„Geht sie?“, erklang es vom Inneren des Zimmers und Kelly kam zum Vorschein. Sie nickte zufrieden, während sie mich musterte. „Dazu die schwarzen Pumps, ja?“

Ich schüttelte brüsk den Kopf. „Nur über meine Leiche.“

Mit den Dingern würde ich mehr fallen als laufen. Die Begabung, mit hochhackigen Schuhen anmutig zu stolzieren, hatte mich bei meiner Geburt ausgelassen. Zumal ich überhaupt keine Ambitionen hatte, diese Model-Gangart jemals zu beherrschen.

„Die passen aber besser zum Outfit“, beharrte Kelly und lehnte sich an den Türrahmen.

„Okay“, flötete ich und huschte in den Hausgang. Die Pumps ignorierte ich und schlüpfte in das schwarze Paar ausrangierter Ballerinas, das mir seit Jahren treue Dienste leistete. Dann huschte ich schnell durch die Haustür, um Kelly die Schimpftirade zu meinen Lieblingsschuhen zu verweigern.

Zwanzig Minuten später war ich vor der grün gestrichenen Holztür meines liebsten Pubs angekommen.

Davor tummelten sich Grüppchen auf dem Gehsteig, der durch die schwarzen Straßenlampen milde beleuchtet wurde. Rauch hing über den Leuten und ich ließ den Blick über die Grüppchen wandern. Von meinen Kollegen erkannte ich niemanden darunter. Allerdings musste ich zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht mal die Hälfte der Belegschaft kannte.

„Da ist ja mein Goldtäubchen“, tönte Larrys Stimme über die Straße und meine Hände verkrampften sich. Ich zwang mich zu einem Lächeln und drehte mich um die eigene Achse, um zu sehen, woher er kam.

Larry empfing mich mit offenen Armen und zog mich an sein weinrotes Shirt. Sein herbes Aftershave hüllte mich ein und ich spürte sein Herz wild pochen. Seinen Atem fühlte ich im Haar. Das war eindeutig zu viel Nähe. Abrupt löste ich mich von ihm.

„Äh ja, hier bin ich“, erklärte ich, trat zur Tür und fasste die Goldklinke. „Wollen wir?“ Ich stand mit einem Bein schon in der Kneipe.

Dabei bereute ich es, keinen Kurzen mehr mit Kelly in der Küche getrunken zu haben. Ein nervöses Kribbeln breitete sich in meiner Magengegend aus.
Der Pub war hauptsächlich mit jungen Leuten zwischen zwanzig und dreißig gefüllt. Nur unter der Woche gesellten sich auch die älteren Semester an die hölzernen Stehtische. An der holzvertäfelten Wand hingen Bierdeckel aus aller Welt und Poster diverser englischer Rockbands, deren Musik durch Lautsprecher an der Decke dröhnte. Ein uriges Flair, das wir Engländer schätzten. Ich fühlte mich seit meinem ersten Besuch im Finni wohl, denn urig und eigen passte zu mir. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen und entdeckte Abbys blonden Haarschopf. Direkt an der Bar, die aus dunklem Holz bestand, schien sie zwei Herren zu bezirzen.

„Da vorne ist Abby“, informierte ich Larry, der dicht hinter mir war. Der Kerl nutzte den Vorteil der üppig bestückten Kneipe für beiläufigen Körperkontakt voll aus.

Über Larrys Gesicht glitt ein wachsamer Ausdruck und er folgte mir zu Abby, deren Schulter ich beherzt antippte. Der Herr neben ihr trat überrascht beiseite.
„Schätzchen, endlich bist du da.“ Sie umarmte mich, dann griff sie galant nach ihrem Guinness und rang Larry damit einen ungläubigen Gesichtsausdruck ab.
„Du trinkst Guinness?“, fragte er angetan und manövrierte sich sofort zwischen Abby und mich. Darüber konnte ich nur lächeln, denn offenbar war sein Flirtmodus sofort angesprungen und sein Radar auf Abby gepolt. Die beiden Herren neben ihr nahmen das missmutig zur Kenntnis.

Abby nickte eifrig. „Ja, ich gönne mir ab und zu ein Guinness. Ein tolles Getränk.“ Sie suchte meinen Blick. Ich konnte mir ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen und las den Vorwurf in ihren blauen Augen.

„Sollte die Belegschaft nicht ein paar Flaschen Sekt bekommen?“, erkundigte sich Abby engelsgleich bei Larry, der vor lauter Staunen beinah sein Amt als Chef vergessen hatte.

Ich wollte nicht darüber nachdenken, wann er sein letztes Date gehabt hatte oder ob er überhaupt zu daten pflegte. Diese kleine Vorstellung hier ließ genügend Spielraum für Interpretationen wildester Art. Seien wir mal ehrlich, es gibt Dinge, die wollte man einfach nicht über seinen Chef wissen.

„Eine treffende Idee, erst mal Sekt auszugeben“, pflichtete ich Abby bei und Larry bat einen der Barkeeper mit einer Handbewegung zu sich. Er bestellte den halben Sektvorrat des Pubs, was dem Barkeeper ein unverschämt strahlendes Lächeln abrang.

Abby kicherte und ich schob mich von Larry weg, um mehr Beinfreiheit zu haben.

„In Zukunft wirst du wohl in nobleren Pubs verkehren, was?“ Kieran trat grinsend zu mir. Er arbeitete wie ich als Briefträger und war mein bester Freund aus dem Office. Ich war froh, dass er zu der kleinen Feier gekommen war. Seine blauen Augen strahlten mich an und die blonden Haare hatte er, passend zu seinem blumigen Hawaiihemd, schick nach oben frisiert. Kieran nutzte seine Surferboy-Optik voll aus.

„Hey“, begrüßte ich ihn und nahm Larry das Glas Sekt ab, das er mir auffordernd entgegenstreckte.

„Unser kleiner Goldschatz hier wird uns würdig in der City of Westminster vertreten.“ Mein Chef legte mir den Arm um die Schultern.

Ich bemerkte Kierans skeptischen Blick und führte das Sektglas an meine Lippen. Den würde ich brauchen, um den Abend unbeschadet zu überstehen. Insgeheim hatte ich die These entwickelt, dass Larry eifersüchtig auf meine Freundschaft mit Kieran war, was den Chefarm auf der Schulter erklären würde.
Nichtsdestotrotz wollte ich Larry, der um die Aufmerksamkeit der Belegschaft buhlte, nicht vor allen bloßstellen und lies den Arm an Ort und Stelle. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht wieder eine seiner ellenlangen Reden schwingen würde.

Kieran kniff die Lippen zusammen, während er zum Sektglas griff.

„Heute stoßen wir an, hochverehrte Kolleginnen und Kollegen.“ Larry reckte sein Glas in die Höhe, als wäre es der Champions-League-Pokal.

„Wir haben Grund zu feiern und ich freue mich, dass ich endlich offiziell verkünden darf, dass unsere liebe Tessie ab morgen das Amt des Privat Post Officer bekleiden darf.“

Schaulustige Gesichter scharten sich um uns. Ich war mir sicher, dass jeder im Pub daran interessiert war, was Larry zu sagen hatte.

Wie ich es hasste, im Mittelpunkt zu stehen. Meine Zehen krallten sich nervös in die Sohlen der Ballerinas. Larrys Aftershave kroch mir in die Nase und bescherte mir langsam aber sicher Kopfschmerzen.

„Ab Morgen ist sie unser Aushängeschild unserer Dienste für die Reichen und Schönen. Die ganze City of Westminster wird ihr Augenmerk auf uns richten. Ich hoffe, dass wir dabei in den Fokus der Postzustellungen privater Angelegenheiten der High Society geraten werden.“

Bla, bla, bla … das Gerede über die Schnösel-Gesellschaft war mir jetzt schon zu viel. Ich wollte mir nicht ausmalen, wie das die nächsten Tage ablaufen würde, wenn ich von meiner Route in der City of Westminster ins Office zurückkehrte. Vermutlich sollte ich einen Bodyguard engagieren, der mich von den wissbegierigen Kollegen abschirmte.

„Für all diejenigen, die sich diesen Job erhofft hatten, tut es mir aufrichtig leid“, entschuldigte sich Larry mit charmantem Grinsen. „Meine Wahl lässt keine Zweifel zu. Ich hoffe, dass Tessie“, er wandte sich mir zu und seine Augen glommen vor Stolz, „die Nachfrage nach einem zweiten Private Officer pushen wird. Denn wir wissen alle wie charmant, verlockend und großartig sie ist.“

HALLELUJA! Rasch leerte ich mein Sektglas, denn ich konnte es nicht glauben, dass er mich öffentlich dermaßen anflirtete.

Sein Arm lag schwer auf meiner Schulter und ich hätte ihn am liebsten abgeschüttelt.

Den Applaus der zwanzig Post-Office-Angestellten nahm ich nur gedämpft wahr, denn Larry zog mich an seine Bartstoppelwange.

„Ich glaube, ich sollte Tessie auch gratulieren“, hörte ich Kierans Aufforderung, mich loszulassen. Ich war ihm unendlich dankbar. Larry gab mich frei und ich flüchtete mich in Kierans trainierte Arme. Er schloss sie fest um mich.

„Alter, was war das denn?“, flüsterte er. „Es wundert mich, dass er dir nicht vor versammelter Mannschaft an den Hintern gefasst hat.“

Ich stieß meinen besten Freund sanft weg und zog eine Grimasse. „Ich brauch was Stärkeres“, jammerte ich und stellte das Sektglas auf den Tresen.
„Whisky?“, fragte Kieran und winkte den Barkeeper zu sich, der seine Bestellung aufnahm.

Ich drückte Kieran dankbar einen Kuss auf die Wange. „Peinlicher geht es kaum noch.“

Er nickte. „Wir wissen beide, dass Larry einen Narren an dir gefressen hat.“ Prompt servierte uns der Kellner den Whisky.

„Leider hat er das“, pflichtete ich ihm bei und nippte an dem Getränk. Der hölzerne Geschmack brannte auf meiner Zunge. Das war genau das, was ich jetzt brauchte.

Der Alkohol rann meine Kehle hinab und hinterließ eine kleine feurige Spur. Unter Larrys skeptischem Blick trank ich gleich noch einen Zug und wiegte das Glas in der Hand, wie es die Whisky-Kenner machten.

„Er beobachtet dich“, informierte mich Kieran amüsiert und ich stellte das Glas ab. Nervös zupfte ich einen imaginären Fussel von meinem Cardigan.

„Das macht er viel zu offensichtlich. Was denken denn die Kollegen?“, fragte ich genervt. Mein bester Freund grinste nur.

„Die wissen das eh schon.“

„Die wissen was?“, bohrte ich nach und bemerkte, wie Abby sich in dem Gemenge tummelte, um ihren Flirt mit einem schwarzhaarigen Kerl zu vertiefen. Dabei glitt mein Blick zu Larry, der das missmutig beobachtete. Der dachte wohl, er könnte alle haben, der kleine Überflieger.

„Die Kollegen wissen, dass Larry auf dich steht.“ Kieran riss mich aus meinen Gedanken und ich schaute ihn entgeistert an. „Und warum weiß ich davon nichts?“
„Weil du fast nie im Aufenthaltsraum bist?“

Damit hatte Kieran ins Schwarze getroffen. Ich mied den Aufenthaltsraum, weil mir der Tratsch der Kollegen auf die Nerven ging. Meine Klienten, bei denen ich die Post verteilte, informierten mich zur Genüge.

Brummend nahm ich das Whiskyglas in die Hand und stürzte die orangebraune Flüssigkeit runter. Der Feuerball in meinem Bauch tat sein Übriges, damit ich mich beschwingt fühlte.

Kierans blaue Augen musterten mich noch immer amüsiert. „Was?“, fauchte ich.

„Nichts. Du bist einfach … mmmh … Tessie“, sagte er und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

„Jepp, Tessie, die ab morgen die Reichen und Schönen bedient. Ich finde, das braucht zwingend nochmal einen Whisky.“

Bevor mich Kieran von der Idee abhalten konnte, eilte ich zur Bar, um meinen Whisky on the Rocks bestellen zu können. Ich trank ihn am liebsten auf Eis, auch wenn die echten Whisky-Liebhaber mich dafür hassten.

Nachdem meine Bestellung auf dem Weg war, drehte ich mich zu Abby, die noch immer mit dem schwarzhaarigen Mann flirtete. Ich schätzte ihn auf Anfang dreißig und musterte seine harten Gesichtszüge. Seinen kantigen Kiefer, der in einem spitzen Kinn endete und seine Wangenpartie, die ein gepflegter Drei-Tage-Bart bedeckte. Er trug ein schwarzes Jackett, das die breiten Schultern des Kerls nicht kaschieren konnte. Mein Blick glitt weiter an seiner großgewachsenen Statur hinab. Jepp, er hatte passend zu Jackett und weißem Shirt eine schwarze Anzughose gewählt. Wer bitte trug in einer Kneipe einen Anzug?

Er wirkte wie ein Jäger auf der Lauer und das Grün seiner Augen hielt mich in seinem Bann. Amüsement und Erstaunen gleichermaßen lagen darin.
Ob er wohl frisch beim Friseur war? Das vordere Haar hatte er nach hinten gegelt und die Seiten kurz gehalten. Die Frisur ließ ihn noch autoritärer wirken.
Interessiert spähte er über Abbys Schulter zu mir. Rasch wandte ich den Blick ab und überprüfte, ob er zur teuren Anzughose auch piekfeine Lederschuhe trug.
Bingo! Wenn das mal keine Fünfhundert-Euro-Treter waren. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie auf Hochglanz poliert worden waren, denn seine Schuhspitzen glänzten genau so wie Abbys Lackpumps.

Diese drehte sich irritiert um, weil sie offenbar bemerkte, dass ich das Interesse des Kerls geweckt hatte.

„Tessie.“ Abbys rot geschminkte Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Ich nickte kurz, um dann wieder zur Bar zu gehen. Ich wollte ihr nicht die Tour vermasseln.

Die grünen Augen des Kerls blendete ich aus, und ich drehte ihm den Rücken zu. Er sollte nicht auf die Idee kommen, ich hätte Interesse.

Sicher, optisch war er eine Wucht, aber allein die Tatsache, dass er mit einem Anzug im Pub stand, verriet mir schon mehr, als ich über ihn wissen wollte. Er stammte nicht aus meiner bescheidenen Welt.

Die Feierstimmung nahm rapide zu und ich verlor irgendwie den Anschluss. Neben mir grölten die Kollegen Trinklieder und vereinzelt sah ich knutschende Paare in den Ecken. Das erinnerte mich an die Partys, die ich als Teenager besucht hatte. Ätzend! Ich verlor die Lust, auch nur eine Sekunde länger im Pub zu bleiben.
Kieran hatte sich wieder unters Volk gemischt und ich stand allein an der Bar. Meinen zweiten Whisky ließ ich deswegen unberührt auf dem Tresen stehen, und ich stahl mich nach draußen. Mit zwei, drei Blicken versicherte ich mich, dass mir niemand folgte. Keiner schien meinen Abgang zu bemerken. Ich wertete das als gutes Zeichen und winkte rasch ein Black Cab an den Straßenrand.

Dem Taxifahrer nannte ich meine Adresse und er nickte mir zu. Müde setzte ich mich auf die braune Rückbank und ließ mich zur WG chauffieren.

 

Kapitel 3

Am nächsten Morgen stand ich nervös vor dem weißen Gefährt, das mich von heute an begleiten sollte.

Das vor Sportausstattung triefende Golfcar war abfahrbereit für mich geparkt worden. Sicher hatte das Larry angeordnet, um mich milde zu stimmen.
Ich begutachtete das Auto skeptisch. Die Sitze waren alle mit schwarzem Leder bezogen und hatten die typischen Lehnen der Sportsitze. Neugierig umrundete ich es und stellte fest, dass es einen großen Kofferraum besaß. Dort war die heutige Post schon einsortiert. Zum Glück hatte man auf den Heckspoiler verzichtet, was die sportliche Ausstattung noch gekrönt hätte.

Ich hasste es, meine Post nicht selbst sortieren zu können. Leider musste ich mir jetzt ein komplett neues System überlegen, um wieder effizient austragen zu können. Ich ging jede Wette ein, dass es mehr als umständlich war, mit dem Ding zustellen zu müssen.

Auf der kleinen Motorhaube prangte ein goldener Briefumschlag und die Royal-Mail-Krone, unser Logo. Damit zogen also Gold und Glitzer in mein bisher luxusverschontes Leben ein. Die drei abgerundeten Zacken der Krone waren tatsächlich mit goldenem Flitter bestückt.

Furchtbar! Rasch riss ich meinen Blick von dem überkandidelten Print auf der Motorhaube weg. Das Ding sah insgesamt aus wie die Golfcars auf den Golfplätzen. Die Notwendigkeit einer Seitenverkleidung oder einer Autotür bestand wohl nicht. Ich war froh, dass es immerhin ein Dach aufwies, so konnte es wenigstens nicht hineinregnen.

Seufzend ging ich ins Office, um mir die neue Austragekluft anzuziehen. In den eigens für Postboten gedachten Umkleidekabinen entledigte ich mich meiner Jeans und dem bequemen Shirt und schlüpfte in das neue Zustelleroutift. Ein seltsames Gefühl, in einem Bleistiftrock laufen zu müssen, der die Schrittgröße erheblich einschränkte. Na, das konnte ein Spaß werden. Ich blies mir frustriert eine freche Haarsträhne aus der Stirn. Dann verließ ich die Umkleide, um von Abby den heißesten Klatsch der gestrigen Feier zu hören.

Ihre Tür war wie immer offen und ich hörte ihr Tippen auf der Tastatur. Grinsend ging ich hinein.

„Guten Morgen, Schätzchen“, sagte sie und stoppte ihr Tippen.

„Hi, Abby“, erwiderte ich und begegnete ihrem wohlwollenden Blick.

„Steht dir ausgezeichnet“, lobte sie meinen Aufzug. „Wohin bist du denn gestern plötzlich verschwunden?“ Sie lächelte süffisant. „War da ein Kerl im Spiel?“

Ich schnaubte. „Hättest du wohl gerne. Nein, tatsächlich habe ich mich gelangweilt und bin abgezogen.“

Abby legte den Kopf schief. „Kein Larry, der dich unterhalten hat?“, flüsterte sie mit einem verschmitzten Grinsen und ich verdrehte die Augen.

„Nein. Auch kein grünäugiges Boxershorts-Model, das mich aufgehalten hätte.“

Abby strich sich eine blonde Locke aus dem Gesicht. „Der war süß, oder? Leider hat er mich nur nach meinem Handy gefragt, weil bei seinem iPhone der Akku leer war.“

Ich sah Enttäuschung über ihre Miene huschen, bevor sie wieder lächelte.

„Ach, schade. Euer Gespräch sah irgendwie so vertraut aus.“ War ja klar, dass der Anzugfutzi ein iPhone hatte.

„Na ja, er wollte mir seine Nummer nicht geben. Zu schade. Er sah wirklich gut aus und war ein namhafter Promi.“

Ich horchte auf. „Du hast ihn nach seiner Nummer gefragt?“ Die Tatsache, dass er ein Promi war, ignorierte ich.

Abby grinste schelmisch. „Ja klar. Hallo?! So eine Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen.“

Ich lachte auf. „Du bist verrückt. Eindeutig!“ Abby hatte es wirklich nicht nötig, sich anzupreisen. Sie hatte eine schlanke Figur, üppige Rundungen und ein hübsches Gesicht. Ihre offene Art und ihr strahlendes Lächeln erschlossen ihr tausend Männerherzen. Aber Abby war wählerisch, weshalb sie regelmäßig Abfuhren verteilte, wenn der Kontostand der Verehrer nicht passte. Das war zwar oberflächlich, aber Abby zog diese Schiene zumindest konsequent durch.
„Warum hast du dich von der Private-Post-Officer-Liste streichen lassen, hmm?“, fragte ich provokant.

„Weil Larry die beste Vorzimmerdame der Welt nicht so leichtfertig gehen lässt“, erkläre sie schnippisch und musterte ihre roten Nägel. „Nebenbei bemerkt, solltest du nicht langsam los?“ Ihr Blick glitt zur Uhr und mit einem Handgriff streckte Abby mir die Karte meines Bezirks entgegen.

Ich musterte sie kurz.

„Der rot markierte Weg ist der effizienteste.“ Sie lächelte selbstsicher, während ich sie ratlos anblickte. „Du könntest getrost mal danke sagen“, schimpfte sie und ich faltete die Karte zusammen.

„Danke, Abby. Du weißt, dass du die Beste bist, oder?“

Das Kompliment nahm sie strahlend an. „Jetzt aber los. Larry trottet jeden Moment herein. Meld dich später unbedingt, wie es im Bonzen-Viertel war, ja?“

„Ist das weiße Gefährt überhaupt zulässig im Straßenverkehr?“

Abby nickte vehement. „Natürlich. Ich habe eine Ausnahmegenehmigung für das Ding eingeholt. Du kannst also ohne Bedenken loscruisen.“

Im Hinauslaufen warf ich ihr eine Kusshand zu und bog hastig um die Ecke. Ich wollte Larry nicht unbedingt begegnen.

Draußen angekommen setzte ich mich in mein Golfcar und stellte fest, dass ich keine Einweisung bekommen hatte, wie man das Ding in Gang setzte. Es besaß drei Pedale, vermutlich Gas, Kupplung und Bremse.

Den silbernen Schlüssel, der im Lenkradschloss steckte, drehte ich einmal und der Motor sprang leise röhrend an. Ich trat beherzt auf das Gaspedal, um zu sehen, wieviel PS das Car zu bieten hatte.

Mit beständigem Surren fuhr es, meiner Einschätzung nach mit nicht mehr als dreißig Kilometer pro Stunde, aus der Einfahrt zum Office. Ich drückte noch fester auf das Gaspedal, doch an der lähmenden Geschwindigkeit änderte sich nichts.

Wie bitte war Abby damit an eine Sondergenehmigung gekommen? Mir graute vor dem Londoner Stadtverkehr, in den ich mich als Verkehrshindernis einreihte. Das Hupkonzert der drängelnden Autos ließ nicht lange auf sich warten. Auf dem Weg zur City of Westminster musste ich den Buckingham Palace passieren. Schon einige Meter vor der beliebten Sehenswürdigkeit sah ich die roten Busse, die die Touristen durch die Stadt bugsierten.

Halleluja! Ich versuchte, das ständige Gehupe auszublenden, doch mein Puls schnellte in die Höhe. Die röhrende Ansage des Touristenführers auf dem offenen Busverdeck dröhnte bis zu mir. Mit diesem Gurkentempo würde ich eine halbe Ewigkeit bis zu meinem Bezirk brauchen.

Genau zwanzig Minuten später hatte ich es geschafft und trudelte in der Park Road ein, die am idyllischen Regent’s Park entlang verlief.

Unschlüssig trat ich auf die Bremse und das Auto stoppte.

Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen, irgendwie hatte Ferb, wie ich das Golfcar liebevoll getauft hatte, doch Charme.

Ich zog Abbys Karte hervor und checkte die ersten Straßen, die von der Park Road abgingen. Dann stieg ich von dem bequemen Ledersitz ab und griff nach der weißen Umhängetasche, die im Kofferraum für mich bereitlag. Rasch sortierte ich die Briefe für die ersten Häuser ein und machte mich auf den Weg.

Auf den ersten Blick präsentierten sich gepflegte Backsteinhäuser. Vereinzelt waren im untersten Stockwerk Shops eingelassen. Ein Barbier preiste sich mit großen schwarzen Lettern an, daneben befand sich ein Laden mit Souvenirs für Touristen, die durch den Park flanierten. Je weiter ich nach hinten in die Straße vordrang, desto weniger Shops gab es. Weiße Zäune umgaben die grünen Vorgärten der Reihenhäuschen, die mit liebevollen Blumenbeeten ausgestattet waren. Ein schicker Anblick, wenn ich an unseren verkommenen Rasen dachte.

Nachdem ich die anfängliche Post ausgetragen hatte, fuhr ich mit Ferb die halbe Straße entlang, um dasselbe Procedere zu wiederholen. Je weiter ich Richtung Cricket Platz und dem privaten Krankenhaus kam, desto eher fand ich freistehende Stadthäuschen zwischen den Reihenhäusern vor. In London war es wirklich Luxus, sich so ein Häuschen kaufen zu können. Ich war beeindruckt davon, wie sauber selbst die Fassaden der Häuser mit den naturbelassenen Backsteinen waren. Auch die Fußabtreter schienen selten eine dreckige Schuhsohle von unten zu sehen. Alles wirkte akkurat und sauber.

Nach zwei Stunden Arbeit sah ich das erste Mal einen Menschen bei einem der Anwesen. Ein alter Mann mit grüner Latzhose. Er schnitt akribisch an einem Buchsbaum herum, der überraschend gut in Form war. Ich grüßte ihn freundlich und wurde als Dank ignoriert.

Ätzend! Das war richtig ätzend.

Normalerweise hätte ich in der Innenstadt nun schon mindestens zehn neue Gerüchte und zwei Pappbecher Kaffee hinter mir gehabt. Hier war alles so unpersönlich und die guten Manieren ließen wirklich zu wünschen übrig. Vermutlich war ich nur die Postbotin, nicht mehr und nicht weniger.

Ich seufzte und stieg in Ferb. Mit ihm cruiste ich zur Primrose Hill Road, die ihr ganz eigenes Flair versprühte. Staunend ließ ich Ferb verstummen und gaffte die weißen Reihenhäuser an. Sie waren, anders als in den Straßen zuvor, mit höheren Zäunen ausgestattet. Was sie wohl verbargen? Ich war neugierig und parkte Ferb auf einer Parkbucht, die zwischen Platanen ausgewiesen war. Auf opulente Vorgärten oder irre Skulpturen dort hatte ich keine Lust. Mir waren die schlichten schicken Stadthäuschen oder die mit Shops vollgestopfte Innenstadt lieber.

Rasch sortierte ich die Post für die Straße in meine Umhängetasche und trat behutsam an das erste Grundstück heran. Ein weißes Haus, das von einem grauen Zaun aus Steinplatten, der mindestens zwei Meter hoch war, verdeckt wurde.

Zu sehen war nur ein Knauf, der wohl die Eingangstür kennzeichnete. Hier hat definitiv jemand versucht, seinen Reichtum zu verstecken, dachte ich hämisch und ließ meinen Blick am Zaun entlanggleiten. Ich fand keinen Briefschlitz.

Ob ich die Tür aufdrücken darf?

Rasch prüfte ich, ob die Nachbarn zu sehen waren, aber was dachte ich mir dabei, hier war doch der Hund begraben. Also verbannte ich den Gedanken, jemanden um Rat zu bitten.

Kühn drückte ich den Edelstahlknauf und es passierte … nichts. Rein gar nichts. Die Tür gab weder nach, noch bewegte sie sich einen Millimeter. Okay, das war bizarr.

Grimmig folgte ich der Einzäunung, des Häuschens am Rande des Primrose Hills, bis sie am Eingang zum Park hin ein Ende fand. Dabei wurde darauf geachtet, dass hinter dem Zaun das Grün so hoch wuchs, dass jeglicher Einblick komplett verdeckt wurde. Verdammt! Irgendwie musste ich mich bemerkbar machen. Ich durfte die Briefe nicht unter dem Zaun hindurchschieben. Schon gar nicht im besten Viertel Londons. Denn wenn der weiße Umschlag verlorenging, dann lag die Schuld vorerst beim Zusteller.

Missmutig stapfte ich zurück zum matten Edelstahlknauf und lief die andere Seite des Zauns ab. Dabei ließ ich keinen Zentimeter des tristen Graus und des grünen Urwalds, der dahinter emporwuchs, aus den Augen.

Am Zaunende angekommen stellte ich fest, dass auch hier nichts preisgegeben wurde.

Das kann jetzt nicht wahr sein!

Ich schnaubte verärgert und stapfte zurück zum Knauf. Entschlossen stieß ich ihn mit voller Wucht und wieder gab es kein Klicken, kein Scheppern und auch sonst keine Bewegung. Bis auf eine kleine Klappe, die aufsprang.

Ich kniff suchend die Augen zusammen. Zum Vorschein kam ein winziger schwarzer Druckknopf. Langsam fühlte ich mich wie ein Geheimagent in einem Action-Film.

Entschlossen drückte ich mit meinem Zeigefinger auf den Knopf und wartete. Ich vernahm weder ein Klingeln noch eine Stimme aus einer versteckten Gegensprechanlage.

Ich hatte keine Ahnung, was der Knopf sollte und stand jetzt sicherlich schon zwei Minuten dümmlich glotzend auf dem Gehsteig.

Vermutlich wirkte ich wie eine dusselige Pute und die Dienstmädchen in den benachbarten Gebäuden würden keinen Hehl daraus machen, wie bescheuert ich hier versuchte, meinen Job zu erledigen.

Kurz bevor ich mich abwenden wollte, hörte ich ein sanftes Klicken und die graue Tür schwang auf. Interessiert linste ich auf das Anwesen und sah einen sonnengelb gepflasterten Weg, der durch einen exotisch angelegten Vorgarten führte. Auf den Blumenbeeten wuchsen Farne, gepaart mit Lilien und eigentümlichen Grüngewächsen, die mich an Palmen erinnerten. Ich fragte mich, wie diese Flora in Londons nasskaltem Klima gedeihen konnte. Aber wer seinen Weg zum Haus sonnengelb pflasterte, engagierte sicherlich auch Pflanzenexperten die Lilien mit UV-Strahlen beglückten.

Ich trat die steinernen Stufen zur grauen Haustür empor, in welcher eine kurvenreiche Frau eingraviert war. Entrüstet warf ich den Brief durch den Briefschlitz am Bauch der Frau. Sowas konnte sich nur ein Mann anschaffen.

Zeitgleich öffnete sich die Haustür und eine junge Frau trat heraus. Sie trug ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze, die mit Rüschen versehen war.
Ich musste mich beherrschen nicht aufzulachen, denn das konnte in der heutigen Zeit wirklich nur ein Witz sein, einem Dienstmädchen solch eine Kluft anzuziehen.

Es räusperte sich und ich lächelte. „Hallo. Ich bin Tessie, die neue Briefträgerin“, stellte ich mich höflich vor und erwiderte ihren skeptischen Blick wacker. Sie war nicht viel älter als ich, dem frischen Teint und den wenigen Falten im Gesicht nach zu urteilen.

„Das hat aber lange gedauert“, nörgelte sie mit Blick auf den Brief auf dem Parkettboden.

„Äh, ja. Ich wusste nicht, wie ich hineinkommen sollte.“

Das Dienstmädchen hob den Brief auf. „Wurdest du nicht eingelernt?“, erkundigte sie sich beiläufig.

„Leider nein. Heute ist mein erster Tag und ich kenne die Tricks und Kniffe der Gegend noch nicht.“ Ich lächelte und sah, wie sich ein amüsiertes Glänzen in ihren braunen Augen einnistete. „So ging es mir damals auch.“

„Dann weißt du ja, wie ich mich fühle.“

Damit wollte ich mich abwenden und stieg die Stufen hinab.

„Warte“, bat sie mich und fummelte in ihrer weißen Schürze herum. Sie zog einen kleinen silbernen Schlüssel hervor. „Nimm ihn. Neben der Klappe für die Klingel findest du eine weitere Klappe. Sie ist wirklich winzig. Wenn du sie öffnest, erscheint das passende Schlüsselloch. So gelangst du hinein und kannst die Post abliefern, ohne zu stören. Klingeln solltest du nur, wenn deine Zustellung eine Unterschrift erfordert. Marquess hasst es, gestört zu werden.“ Sie trat noch einen Schritt näher. „Keine Sorge“, flüsterte sie. „Ich kann ihm dein Malheur erklären, dann musst du keine Konsequenzen fürchten.“ Ihre braunen Augen schauten mich wissend an und ich schluckte hart.

Was redete sie denn da von Konsequenzen? Wollte sie etwa darauf anspielen, dass es Anlass zu einer Beschwerde im Office geben könnte?

„Öhm.“ Ich räusperte mich verlegen. „Was für Konsequenzen? Ich meine, welche Regel habe ich denn gebrochen, außer eine Klingel zu benutzen, die dafür da ist, sich bemerkbar zu machen, wenn man irgendwo hineingelangen möchte? Oder hab ich das Prinzip des Klingelns generell nicht verstanden?“

Mein Sarkasmus ließ sie kichern und ertappt schlug sie die Hand auf den Mund.

Mannomann! Die muss ja einen schroffen Hausherrn haben. Absolut strange!

„Thihihi. Ich mag deinen Humor“, gab sie zu und strich ihre Schürze straff. Vermutlich, um sich von ihrem Kichertrip zu befreien.

„Marquess möchte eigentlich komplett auf die Klingel verzichten. Er ist ein systematischer Mensch und will alles in seinem Alltag kontrollieren, auch das Klingeln. Er plant und taktet jede Minute gründlich. Für uns würde eine nicht vorhandene Klingel aber den Alltag erschweren. Deshalb fanden wir den Kompromiss, jedes Klingeln zuvor zu besprechen.“

„Ein systematischer Mensch?“ Ich lachte. „Eher ein Klingel-Fanatiker.“

„Scht, nicht so laut. Wenn er das hört, bist du geliefert.“

Das musste wirklich ein Freak sein. Wobei ich bezweifelte, dass er mich in diesem monströsen Nobelschuppen jemals hören würde.

„Auf jeden Fall entschuldige ich dein außerplanmäßiges Klingeln, denn für heute wurde keines erwartet“, fasste sie zusammen.

Dankbar grinste ich. „Okay. Dann bis bald und vielen Dank.“

Sie lächelte und ging ins Haus zurück.

Kopfschüttelnd schloss ich die graue Zauntür und befestigte den Schlüsselring an meiner Umhängetasche.

Ich wollte ihn nicht verlieren, denn dann müsste ich klingeln und wer weiß, was dieser Marquess, wer auch immer er war, Larry dann erzählen würde.

Zum Glück waren die Briefkästen der weiteren Häuser in der Straße leichter zu erreichen und nach einer Weile wollte ich Mittagspause machen.

Ich steuerte Ferb zum Primrose Hill, um mir dort Kaffee und etwas zwischen die Zähne zu gönnen. Heute Mittag würde ich dann in den nobelsten Bereich meiner Route vorstoßen. Yay!

Missmutig parkte ich Ferb vor einem einladenden Café, das idyllisch am Parkrand lag. Die raffiniert verschnörkelten Metallstühle und die noble Tischgarnitur luden zum Verweilen ein.

Ich setzte mich unter einen großen Baum und freute mich, dass es nicht regnete. Dem Wetter in London war grundsätzlich nicht zu trauen. Es war launisch, genau wie die Reichen.

Eine Bedienung trat zu mir und ich bestellte ungeachtet der Preisliste einen Cappuccino und ein Chicken-Teriyaki-Sandwich.

Meine Schwäche für belegten Toast trieb mich in den Pausen oft zu Schnellimbiss-Buden in Londons Zentrum.

Hier im Park wollte ich mir Ruhe gönnen und das verquere Erlebnis mit dem Dienstmädchen verdauen.

Dankend nahm ich der Bedienung den Teller mit dem kunstvoll drapierten Sandwich ab. Hier war alles, aber auch alles extravagant.

Ich war mir sicher, dass es Abby gefallen würde und zog nach dem ersten Bissen ins Sandwich mein Smartphone aus der Tasche. Kauend tippte ich eine Nachricht an Abby, die mich kurz darauf anrief.

„Hey, Schätzchen“, begrüßte sie mich, als ich ihren Anruf entgegennahm. „Wie läuft es denn? Larry spaziert schon Burggräben in seinen neuen Perser vor Nervosität.“

Ich kicherte und verschluckte mich an den Krümeln. Die Kellnerin blickte mich an und ich grinste entschuldigend.

„Gott, Süße. Du musst deswegen nicht gleich ersticken. Ich weiß, wie teuer diese hässlichen Teppiche sind“, kommentierte Abby den Hustenanfall.

„Abby, hi“, presste ich angestrengt hervor und verbot mir, weiter Aufmerksamkeit zu erregen. „Alles klar?“, erkundigte sie sich.

„Alles klar. Hab mich nur an meinem Sandwich verschluckt.“ Ich spülte den Hustenreiz mit einem Schluck Cappuccino hinab. Mmh, er war köstlich.

„Also, wie läuft es?“

„Na ja“, nuschelte ich leise. „Es ist eine Welt für sich und man kann so ziemlich alles falsch machen, wenn man sich normal verhält.“ Ich hörte, wie Abby scharf die Luft einzog. „Okay. Was hast du wieder angestellt?“

Jepp, Abby kannte mich einfach schon zu gut.

„Keine Sorge. Nichts Schlimmes. Wobei, ich habe geklingelt, bei einem Klingelhasser. Ich schätze, das wird der Auslöser für den nächsten Weltkrieg werden.“
„Du hast geklingelt? Hä? Was soll das?“ Ich konnte mir ihre verwirrte Miene bildlich vorstellen, was mich zum Kichern brachte. Wieder erntete ich einen vorwurfsvollen Blick von der Bedienung.

„Offensichtlich mag es die Prominenz nicht, wenn man klingelt. Aber ich hab wirklich den kompletten Zaun abgesucht. Zum Glück gab mir das Dienstmädchen einen Schlüssel, damit ich ohne Klingeln zum Briefschlitz gelangen kann. Sie wird mich für meine Dreistigkeit entschuldigen.“

„Tessie, ich verstehe nur Bahnhof“, erwiderte Abby und ich seufzte frustriert.

„Ich erzähl es dir später ausführlich, ja?“ Mir fehlte die Geduld, die haarsträubende Geschichte vor der gebieterischen Bedienung darzulegen. Vermutlich dachte sie sowieso, ich hätte einen an der Waffel, hier überhaupt mein Handy zu benutzen und mit meiner Stimme die Vögel beim Nisten zu belästigen.

„Okay, Tessie, bis später“, sagte Abby glockenhell und beendete das Gespräch. Die Bedienung stapfte mit einem mürrischen Blick heran. „Telefonieren wird hier nicht gerne gesehen.“

„Tut mir leid, das wusste ich nicht“, gestand ich und eine tiefe Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen.

„Nun, ja. Dann will ich hoffen, dass das zukünftig nicht mehr passiert. Wir legen Wert auf Diskretion und Ruhe. Anderenfalls ist zu überlegen, ob unser Kaffeehaus die richtige Wahl für die augenscheinliche Mittagspause ist.“

Halleluja! Hier durfte man sich nicht mal in seiner Pause frei bewegen.

Seufzend bat ich sie um die Rechnung und schluckte, als sie mir die Summe offenbarte. Dafür hätte ich ein Menü für zwei im Pub bekommen. Ohne ein weiteres Wort bezahlte ich und geizte nicht mit dem Trinkgeld. Sie sollte mich nicht für knauserig halten, aber ich beschloss, mir in Zukunft mein Essen selbst mitzunehmen. Vorausgesetzt ich verstieß damit nicht gegen die Gehsteigverschmutzungsordnung Drölfundneunzig.

Gereizt schwang ich mich in Ferb und steuerte ihn am Primrose Hill entlang zur St. Edmunds Terrace. Die vornehmste Straße meiner Route.

Dort wurde ich von einem imposanten weißen Gebäudekomplex begrüßt, der aussah, als würde er von weißen Säulen getragen. Ich parkte Ferb an der Parkbucht direkt davor und vergewisserte mich auf Abbys Karte kurz, dass ich an der richtigen Adresse war. Bingo!

Fasziniert betrachtete ich das weiße vierstöckige Gebäude, dessen anthrazitfarbene Fensterrahmen das reinweiß der Hauswand perfekt kontrastierte. Der oberste Stock war mit Glasfronten gesäumt und an einem kunstvoll verschnörkelten Metallgeländer ließ sich sogar eine Dachterrasse vermuten.

Um den Komplex herum war ein moderner Stahlzaun, der den grünen englischen Rasen vom gepflasterten Gehsteig abtrennte. Dort waren in regelmäßigen Abständen Platanen gepflanzt.

Von der modernen Architektur geplättet trat ich auf den ersten Komplex zu. Die edelstahlfarbenen Briefkästen waren allesamt direkt neben der gläsernen Eingangstür angebracht.

Es folgten drei weitere Hauskomplexe derselben Optik. Unpersönlich, kalt und steril. Ich war froh, dass ich die Briefe dort relativ schnell einwerfen konnte. Ich wollte mir nicht ausmalen, welche noblen Loftwohnungen dort verbaut waren. Natur suchte man hier, außer beim grünen Rasen und den schmächtigen Platanen, vergeblich. Die Mühe, ein Blumenbeet anzulegen, machte sich wohl auch kein Gärtner. Lediglich ein paar Buchsbäumchen waren auf einem kargen Streifen mit Rindenmulch zu sehen.

Ich fuhr Ferb um die nächste Kurve und bemerkte eine Reihe freistehender Stadthäuschen. Nicht im alten backsteinernen Baustil, sondern moderne Kästen. Ich schnaubte, das passte ja so gar nicht zu meinem Londoner Stadtbild.

Genervt parkte ich vor dem ersten Häuschen, das offenbar dreistöckig war. Die Glasfront schien wohl besonders hip zu sein, denn auch bei diesem Exemplar war sie oben angebracht. Ich hatte kurz Mitleid mit dem Fensterputzer, der sich das regelmäßig antun musste und warf die Post ein. Die nächsten Häuser waren ähnlich angelegt und allmählich langweilte mich der Anblick.

Nur das letzte Stadthäuschen schien sich von den anderen abzugrenzen. Sein Grundstück umfasste mehr Grünfläche und ich erkannte erstaunt eine hölzerne Veranda, die sich um das Gebäude rankte. Ich trat an dem schnieken Porsche vorbei, der in der zugehörigen Parkbucht stand und von einem Kerl mit blauer Arbeitshose geputzt wurde. Ich nickte ihm freundlich zu, doch er ignorierte mich.

Schnaubend fiel mein Blick auf die Zahnbürste, die sich in seinem Putzköfferchen befand. Freak!

Ich trat den gekiesten Weg zu den drei hölzernen Stufen entlang, die zur Veranda führten. Vor deren weißen Zaun wuchs eine Thujahecke, vor der sich lilafarbene Stockrosen an einem Gitter rankten. Der erste einigermaßen natürliche Anblick in der Straße. Ich betrat die Veranda und mein Blick fiel auf ein schickes Korbsofa mit grauen Kissen. Zwei Korbsessel und ein verschnörkelter Metalltisch rundeten das Bild einer gemütlichen Chillecke ab.

Ich betrachtete vorwitzig die grau gerahmten Fenster. Die Vorhänge waren nicht zugezogen. Man konnte die komplette Inneneinrichtung erkennen. Neugierig stellte ich mich auf Zehenspitzen, um die lederne Couch zu betrachten. Sie sah ultrabequem aus. An jeder ihrer Ecken waren beige Sofakissen gestapelt. Eine Tagesdecke lag ordentlich zusammengefaltet auf einer der Lehnen. Der hölzerne Couchtisch auf dem grauen Teppich passte perfekt zur Polstergarnitur.

Dann fiel mir der Autoputzer wieder ein und ich wandte mich ertappt um, doch er schrubbte akribisch am schwarzen Porsche herum. Er schien mich nicht zu bemerken. Also trat ich an den Briefschlitz und warf die Post ein. Sachte linste ich durch das Fenster neben der Haustür und sah einen schnittigen Mann mit breit gebautem Oberkörper. Das weiße Hemd spannte an der Schulter und verbarg kaum die Muskeln an den Oberarmen. Das Haar war glattgekämmt und der Kerl lehnte entspannt an dem marmorierten Küchentresen und unterhielt sich. Es überraschte mich, dass er Jeans trug. Ich war bisher der Meinung gewesen, die Reichen bestünden nur aus Businesskleidung.

Ich trat einen Schritt näher ans Fenster und erkannte, dass er mit einer Frau sprach. Ihr musste vermutlich der hässliche rosafarbene Mini gehören, der am gegenüberliegenden Gehsteig parkte. Ein außerordentlich hässliches Teil.

Die junge Frau spielte verführerisch an ihrem braunen Haar herum und ich konnte den Jagdinstinkt des Kerls bis draußen spüren. Seine sportliche Statur kam mir seltsam bekannt vor.

Schnaubend wandte ich mich ab. Die Reichen erfüllten echt jedes Klischee.

Energisch trat ich die Treppe hinab, und mein Blick suchte nochmals das Fenster, doch dieses Mal blieb das Innenleben verborgen, denn der Mann zog den Vorhang zu.

Moment mal! Diese kantigen Gesichtszüge mit den vollen Lippen und dem spitzen Kinn kannte ich doch.

Ertappt huschte ich den Kiesweg entlang zu Ferb und grübelte, woher mir der Kerl bekannt vorkam. Unbemerkt glitt ich am Autoputzer vorbei und startete hastig das Golfcar, um zurück ins Office zu fahren. Den ganzen Weg über überlegte ich, woher ich den Kerl kannte, bis mir die Erkenntnis kam. Er war Abbys Flirt im Finni gewesen.

Hatte sie nicht erwähnt, dass er ein Promi war? Ich beschloss, sie direkt aufzusuchen, sobald mich Ferb in lähmender Geschwindigkeit ins Office gebracht hatte. Ich brauchte sensationelle vierzig Minuten, um endlich den Buckingham Palace mit den fotografierenden Touristen und den sperrigen Stadtbussen zu passieren. Ich hörte den Glockenschlag des Big Ben, als ich am Parlament vorbeifuhr, und war etwas später endlich am Office angelangt.

Ich fand Abby wie immer fleißig in Larrys Vorzimmer und setzte mich auf ihren Schreibtisch. Sie blickte mich auffordernd an. „Und? Was war das heute Mittag für ein merkwürdiges Gestammel?“

Sie streifte ihr Headset ab und überschlug die Beine.

„Ach, das … Den Reichen steigt ihr Luxus einfach zu Kopf. Ich habe geklingelt, weil ich keinen Briefkasten an der Einzäunung fand und das Dienstmädchen klärte mich auf, dass der Hausherr es hasst, wenn geklingelt wird.“

Abby blinzelte irritiert. „Wie kann man was gegen das Klingeln haben?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Jedenfalls rettete sie mich vor einer Beschwerde bei Larry, weil jedes ungeplante Klingeln ein Weltuntergang ist.“
Abby prustete los und zog ihre Schublade mit den Schnapspralinen auf.

„Ich wette, du hast eine nötig, oder?“

Dankend griff ich zu und erwischte dieses Mal eine mit Kirschwasser. Lecker!

„Im Café habe ich gegen das örtliche Telefoniergesetz verstoßen und außerdem habe ich deinen Flirt von gestern getroffen.“

Abby stoppte abrupt ihr Kauen und riss die blauen Augen auf. „Du hast was? Quinn McLion getroffen?“

„Wie auch immer er heißt. Jedenfalls ist er mein letztes Haus auf der Route.“

Abby fächerte sich mit den Händen Luft zu. „Du weißt schon, dass er Londons beliebtester Firmenmogul ist? Hach, ich hätte ihm einfach meine Nummer zustecken sollen.“

Ich schluckte die zerkaute Kirschwasser-Praline runter. „Londons beliebtester Firmenmogul?“

„Ja, er leitet die McLion-Group. Die ganzen Nobel-Spahotels. Weltweit in den besten Ländern vertreten“, informierte sie mich fachmännisch.

Ich konnte nur hämisch grinsen. Da würde mir das Geld für Urlaub sowieso niemals reichen. Außerdem war ich eher der Strandurlaub-Typ, als in einem noblen Wellnesshotel zu flanieren oder mir dabei minimalistische Portionen bei zwölf Gänge Menüs reinzupfeifen, um hinterher die Minibar auf dem Zimmer zu leeren.
„Jedenfalls steht er auf Tussen, die in rosafarbenen Minis fahren.“

„Woher weißt du das?“

„Er hat keine Vorhänge.“

„Er hat keine Vorhänge. Aha. Du willst mir also weismachen, dass du ihn durchs Fenster gestalkt hast. Richtig? Und was genau haben die Vorhänge mit den Minis zu tun?“

„Es war einfach einladend, einen Blick hineinzuwerfen.“

Abby blickte mich entsetzt an. „Lass das niemals Larry wissen und lass dich vor allem nicht erwischen.“

„Keine Sorge. Herr Protz hat mich schon erwischt und den Vorhang zugezogen. Vermutlich, um sich und Püppchen abzuschirmen.“

Abby ließ die Schublade mit den Pralinen zuschnappen. „Ich meine es ernst, Tessie. Leg dich nicht mit den Reichen an. Sonst bist du schneller gefeuert, als Larry seinen Arsch hochkriegt. Bisher konnte er dich immer aus der Scheiße raushauen. Aber die Reichen sind nachtragend.“

Woher Abby das alles wusste und warum sie zur High-Society-Expertin mutierte, war mir schleierhaft. Aber ich hatte den Drang, ihrem Rat zu folgen, und bereute es fast, neugierig gewesen zu sein.

„Man munkelt, dieser Quinn wäre nicht so hart drauf, wie er immer tut. Im Finni war er jedenfalls höflich.“

„Das mag sein. Aber du fährst keinen rosafarbenen Mini, also bist du raus, liebe Abby.“

Sie zog eine Grimasse und griff nach ihrem Headset. Ich schob mich vom Schreibtisch.

„Wo parke ich Ferb, also das Golfcar?“, fragte ich und sie lächelte.

„Ferb also? Schicker Name! Den darfst du mit nach Hause nehmen. Als Gehaltsbonus quasi.“

„Echt?“

Ich freute mich über das großzügige Angebot, wobei ich mit dem Fahrrad sicher genauso zackig zuhause wäre.

„Klar. Dafür musst du ihn allerdings selbst pflegen. Glaub mir, es wäre besser, wenn du ihn jeden Morgen prüfst, denn mit einem dreckigen Golfcar auszutragen, beschmutzt unser Image.“

Abby zog eine Zeitschrift aus dem Stapel, den sie säuberlich auf der Ecke ihres Tisches gestapelt hatte.

„Hier. Da ist ein ausführlicher Bericht über Quinn drin. Solltest du mal lesen, damit du weißt, wen du da belieferst.“

Ich nahm das Klatschmagazin gleichgültig entgegen.

„Lies es einfach“, drängte Abby und ich nickte brav. Vielleicht würde ich das tatsächlich tun. Nur des Amüsements wegen.

Dann trat ich aus ihrem Vorzimmer geradewegs durch das Office auf die Straße zu Ferb, der mich nach Hause bugsieren musste. Im Schneckentempo, versteht sich.