Leseprobe Mein Herz im Sturm

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Juli 1792

Bedächtig blätterte der fettleibige Offizier in den Papieren, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Hin und wieder warf er einen prüfenden Blick auf die ihm gegenüberstehende junge Frau, der jedes Mal ein Schauer über den Rücken lief, wenn der Beamte seinen dicken Finger in den Mund steckte, um daran zu lecken und anschließend ein Papier umzublättern. Catherine Macpherson wirkte seltsam fehl am Platz in diesem verräucherten kleinen Büro, das einen ebenso verlotterten Eindruck machte wie der Mann, der hier arbeitete. Überall stapelten sich Papiere, auf denen deutlich Fettabdrücke und Eselsecken zu sehen waren, und die Zigarrenstummel, die im ganzen Büro verstreut herumlagen, konnte man schon gar nicht mehr zählen.

Vor diesem Hintergrund bot Catherine in der Tat einen erfreulichen Anblick. Da das Trauerjahr nach dem Tode ihrer Mutter noch nicht ganz vorüber war, trug sie ein dunkelviolettes, fast schwarzes Kleid, das aus festem, derbem Material war, um sie vor dem rauen Wetter auf der Überfahrt von Dover nach Calais zu schützen. Doch statt Catherine elend und blass wirken zu lassen, hob es im Gegenteil den dunkelblauen Ton ihrer Augen hervor und brachte den rotgoldenen Schimmer ihrer Haare noch stärker zur Geltung. Obwohl es windig gewesen war, hatte Catherine kein Tuch umgebunden, sondern die Haare lediglich zu einem einfachen Knoten nach hinten gesteckt, aus dem sich nach und nach immer mehr Strähnen gelöst hatten. Catherines Augen blitzten vor Vergnügen, wenn sie daran dachte, was wohl ihre Mutter gesagt hätte, wenn sie sie so hätte sehen können. Angela Macpherson hatte stets darauf geachtet, dass die Erscheinung ihrer Tochter ohne den geringsten Tadel war. Catherine genoss ihre jetzige Freiheit. Obwohl sie beim Tod ihrer Mutter aufrichtig traurig gewesen war, hatte sie doch das Gefühl, dass jetzt ihr Leben erst richtig begann.

Dennoch dachte sie im Augenblick weniger an das Leben, das vor ihr lag, sondern ärgerte sich vielmehr über die Langsamkeit, mit der ihre Reisepapiere geprüft wurden. Hier in Frankreich schien man es wirklich besonders genau zu nehmen. Seit ihrer Ankunft in Calais waren nun bereits mehr als drei Stunden vergangen, ehe sie endlich an der Reihe gewesen war, überprüft zu werden. Sie seufzte tief auf, als sie schließlich ihre Papiere wieder in der Hand hielt und in der ratternd und holpernd dahinjagenden Kutsche ihre Reise fortsetzen konnte. Doch Calais lag erst wenige Meilen hinter ihr, als sie durch eine kleine Ortschaft kamen, in der erneut ihre Papiere kontrolliert wurden. Noch ein paar Meilen ostwärts und das Ganze wiederholte sich ein weiteres Mal, sodass Catherine gegen Abend, als sie in einer behaglichen Herberge abstieg, nur einen Bruchteil ihrer geplanten Reiseroute bewältigt hatte.

Man hatte sie gewarnt, dass in Frankreich chaotische Zustände herrschten, aber Catherine hatte alle gutgemeinten Ratschläge in den Wind geschlagen und geglaubt, dass es schon nicht so schlimm sein würde. Sie war fest entschlossen, endlich Etienne de Fontenay zu heiraten, nachdem sie nun schon über drei Jahre inoffiziell mit ihm verlobt war. Sie zerbarst fast vor Ungeduld, ihm gegenüberzustehen, denn sie hatte ihn seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen. Als Kinder hatten sie einige Male zusammen gespielt, wenn Etienne mit seiner Mutter bei ihnen in England zu Besuch gewesen war. Die Marquise de Fontenay war eine Jugendfreundin von Catherines Mutter. Catherine hatte immer eine Heidenangst vor dieser großen, dominanten Frau gehabt. Den blondgelockten Etienne dagegen, der so schlank und so ruhig und ihr wie ein Engel erschienen war, hatte sie geradezu angehimmelt. Er hatte viel Zeit mit ihr verbracht, obwohl Catherine noch ein Kind von erst neun Jahren gewesen war, während er mit seinen sechzehn Jahren schon fast zu den Erwachsenen gezählt hatte. Er schien Catherines Gesellschaft sogar der seiner Altersgenossen vorzuziehen, wofür Catherine, die von ihren drei älteren Cousins eher wie ein lästiger Plagegeist behandelt wurde, ihm in Gedanken ewige Dankbarkeit schwor. Nichtsdestotrotz hatte sein Heiratsantrag, den er ihr vor drei Jahren per Brief gemacht hatte, sie überrascht, und sie hatte gezögert, ihn anzunehmen. Doch ihre Mutter hatte ihr nur wenig Zeit gelassen, sich zu entscheiden, da sie selbst diese in ihren Augen glänzende Partie für ihre Tochter von Herzen begrüßte. So hatte Catherine sich schließlich überzeugen lassen, dass die Zuneigung, die sie für Etienne empfand, stark genug war, um eine Basis für eine gute Ehe zu bilden. Doch kaum hatte sie zugestimmt, Etiennes Antrag anzunehmen und mit ihrer Mutter nach Paris zu reisen, um sich offiziell mit Etienne zu verloben, war in Frankreich die Revolution ausgebrochen. Schweren Herzens hatten Catherine und ihre Mutter daraufhin die Reise aufgeschoben. Man hatte in England zunächst geglaubt, dass sich der Sturm in Frankreich bald wieder legen würde. Als das nicht geschah, wurden erneut Reisevorbereitungen getroffen. Aber da erreichte sie aus der Normandie die Nachricht, dass Catherines dort lebender Vater bei Bauernaufständen ums Leben gekommen war. Nun wurde es zur Gewissheit, dass die Zustände in Frankreich schlimmer waren, als man zunächst gehofft hatte. Was man aus dem Lande hörte, klang besorgniserregend. Hatten die meisten Engländer anfangs geglaubt, der Sturm der Pariser auf die Bastille sei lediglich ein Ausdruck der Unzufriedenheit einzelner Bürger und somit nichts als ein kurzer Aufstand, so erkannten sie nun, dass das Problem tiefer ging. Dem Sturm auf die Bastille folgte der Aufruhr der Bauern. Wie Catherines Vater erging es vielen Grundherren in dieser Zeit, und die ersten Adligen begannen auszuwandern.

Dennoch hielt Catherine an ihrem Entschluss, sich mit Etienne in Frankreich offiziell zu verloben, fest. Jedoch war in dem Trauerjahr, das dem Tode ihres Vaters folgte, an Verlobung und Heirat nicht zu denken, mochte ihr Angus Macpherson noch so fremd gewesen sein. So wurde der Besuch bei den Fontenays erneut abgesagt. Doch noch während Catherine ungeduldig darauf wartete, dass sich dieses Trauerjahr dem Ende näherte, erkrankte überraschend ihre Mutter und starb, woraufhin Catherine für die nächste Zeit von Angelas Familie aufgenommen wurde. Nun jedoch war auch dieses Trauerjahr fast um. In einem Brief an Catherines Tante, Lady Emily Bainbridge, hatte die Marquise de Fontenay bereits deutlich gemacht, dass es Zeit wurde, die Verlobung endlich offiziell bekannt zu geben. Lady Bainbridge hatte ihre Nichte nur unwillig in ein vom Aufruhr geschütteltes Land ziehen lassen, aber Catherine hatte weder der Besorgnis ihrer Tante noch der ihres Onkels und ihrer Cousins große Bedeutung beigemessen. Da die Heirat nun einmal beschlossene Sache war, hatte Lord Stuart Bainbridge als Familienoberhaupt die Erlaubnis zur Reise schließlich widerwillig erteilt. Und so befand Catherine sich nun in diesem fremden Land und spürte zum ersten Mal einen Hauch des Revolutionsfiebers, das Frankreich gepackt hatte.

Als sie am nächsten Morgen in den Frühstücksraum der Herberge hinunterkam, registrierte sie deutlich die feindseligen Blicke, die sie verfolgten. Man schien hier für Fremde nicht viel übrigzuhaben. Catherine hatte heute ein ausgesprochen einfaches Reisekleid aus dunkelgrauer Wolle gewählt und ihre Haare zu einem festen Knoten hochgesteckt, doch sie merkte bald, dass sie selbst in dieser bescheidenen Aufmachung auffiel wie ein bunter Hund. Während sie ihren Kaffee trank und ein trockenes Stück Brot knabberte, herrschte eisiges Schweigen im Raum, obwohl sich mehrere Leute darin aufhielten. Catherine hätte jetzt gern jemanden gehabt, mit dem sie reden könnte, um diesen düsteren Blicken auszuweichen.

Drei besonders finster dreinschauende Männer, ihrer Kleidung nach zu urteilen Bauern, saßen ihr direkt gegenüber. Scheinbar gleichgültig, um den Raum zu mustern, drehte Catherine den Kopf, und ihr Blick fiel auf einen allein sitzenden, ausgesprochen gutaussehenden jungen Mann, der gerade seine Tasse an die Lippen führte, aber in der Bewegung kurz innehielt, als er ihren Blick bemerkte. Er war wie ein wohlhabender Bürger gekleidet, mit einem schlichten braunen Rock, aus dem weiße Manschetten blitzten, dazu passenden hellbeigen Breeches, die sich um muskulöse, lange Beine spannten, und hohen, blankpolierten Reiterstiefeln. Obwohl er saß, ließ sich doch erkennen, dass er groß und schlank und darüber hinaus mit prächtig anzusehenden breiten Schultern ausgestattet war. Dunkle Haare, die locker zu einem Zopf im Nacken zusammengebunden waren, umrahmten ein markant geschnittenes, schmales Gesicht mit einer geraden Nase, feingeschwungenen Lippen und leuchtend grünen Augen, die Catherine voller Interesse musterten.

Sie bemerkte, dass ihm genauso viele feindliche Blicke zugeworfen wurden wie ihr selbst, aber anders als ihr schien es ihm nicht das Geringste auszumachen. Völlig gleichmütig nahm er sein Frühstück zu sich und lächelte sie an. Das brachte sie etwas aus der Fassung, denn sie war es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit von Fremden angelächelt zu werden. Aber das Lächeln des Mannes, dessen Alter Catherine auf etwa Mitte bis Ende zwanzig schätzte, wirkte nicht beleidigend, und so lächelte sie zaghaft zurück.

Unterdessen kam der Kutscher herein und verkündete, dass die Fahrgäste nach Paris jetzt einsteigen müssten, sodass Catherine sich erhob. Der dunkelhaarige Fremde lächelte ihr noch einmal zu, wobei seine grünen Augen fröhlich aufblitzten, und sie nickte ihm einen Abschiedsgruß zu.

 

Christopher Deverell sah der jungen Frau bewundernd hinterher, als sie mit leichten, eiligen Schritten die Herberge verließ. Ihr schlichtes Kleid täuschte ihn nicht darüber hinweg, dass sich darunter eine anmutige Figur verbarg, die einen Mann ins Schwärmen geraten lassen konnte. Aber vor allem war er fasziniert von dem verlegenen Lächeln in diesen kornblumenblauen Augen, das sie ihm geschenkt hatte, als er versucht hatte, sie angesichts der feindseligen Stimmung im Raum etwas aufzuheitern.

Er erhob sich und schlenderte zum Wirt hinüber. Während er mit einem Blick aus dem Fenster auf die abfahrende Kutsche seine Rechnung beglich, erkundigte er sich beiläufig: „Sagen Sie, wer war die junge Dame, die allein an dem Tisch da hinten saß?“

Der Wirt blickte grinsend auf. „Sie kommt aus England, Monsieur. Genau wie Monsieur selbst.“

„Ah, das dachte ich mir. Sie hatte so etwas an sich“, lachte Christopher. „Diese Haarfarbe! Und dann diese spezielle Art, den Kopf hochzuhalten.“

„Oui, Monsieur. Sehr britisch. Oder sehr aristokratisch. Die Demoiselle sollte den Kopf lieber etwas gesenkter halten.“ Dann huschte ein Lächeln über das Gesicht des Wirts, während er die Münzen, die er von Christopher erhalten hatte, in ein Ledersäckchen gleiten ließ. „Aber es war eine sehr hübsche Demoiselle.“

„Oh ja, sehr hübsch“, pflichtete Christopher ihm augenzwinkernd bei und schwang sich seinen Reiseumhang über die Schultern.

Der Wirt wurde ernst und senkte die Stimme. „Ist nicht gut, dass sie allein reist, Monsieur. Ist viel zu gefährlich in diesen wirren Zeiten. Ich meine, es gab schon immer viel Gesindel, aber gerade jetzt … Es ist wirklich nicht gut.“

Christopher stimmte nachdenklich zu, dann trat er nach einem kurzen Abschiedsgruß ins Freie hinaus.

Die Sonne schien bereits kräftig von einem strahlend blauen Himmel herab, und es war deutlich wärmer als am Vortag, sodass er beschloss, seinen Umhang doch lieber abzunehmen und in einer seiner Satteltaschen zu verstauen. Gedankenverloren schlenderte er zu den Ställen, sattelte seinen großen, braunen Hengst und führte ihn aus dem Stall.

„Der Wirt hat recht“, raunte er seinem vierbeinigen Gefährten ins Ohr. „Die Lady sollte wirklich nicht allein reisen.“

Ein Lied summend, schwang er sich in den Sattel und machte sich auf den Weg zum Stadttor. Auch er wurde auf seinem Weg unzählige Male von bewaffneten Bürgern angehalten, die seine Papiere zu sehen verlangten, hatte jedoch keine weiteren Schwierigkeiten und durfte seinen Ritt stets schnell fortsetzen.

Er war noch nicht lange unterwegs, da erblickte er bereits die alte Postkutsche vor sich, mit der die junge Engländerin reiste. Er zügelte seinen Hengst ein wenig und überlegte kurz, ob er die Reisekutsche überholen und seinen Weg nach Paris zügig fortsetzen sollte, entschied sich dann aber nach kurzem Zögern, dem Wagen mit einigem Abstand in einem leichten Trab zu folgen. Immerhin war die junge Lady darin eine Landsmännin, ganz zu schweigen davon, dass er sie überaus anziehend fand, und so war es vielleicht nicht gänzlich unangebracht, in ihrer Nähe zu bleiben, falls es irgendwelche Zwischenfälle geben sollte. Sie schienen ja ohnehin das gleiche Ziel zu haben, und auf ein paar Tage mehr oder weniger kam es ihm bei der Dauer seiner Reise nicht an, da er die Zeit wegen der vielen Kontrollen sowieso großzügig kalkuliert hatte.

Als der Tag sich seinem Ende zuneigte und die Postkutsche auf eine kleine Herberge zurollte, seufzte Christopher erleichtert auf, dass dieser Tag ohne Vorkommnisse verlaufen war. Er übergab seinen Hengst einem Stallburschen und ging dann zur Gaststube hinüber, wo sich bei seinem Eintritt bereits die Reisenden der Postkutsche versammelt hatten und jeder einen Teller dampfender Bouillon vor sich stehen hatte. Die junge Engländerin war jedoch nirgendwo zu erblicken. Auf seine enttäuschte Nachfrage hin erfuhr Christopher, dass die englische Demoiselle es vorgezogen habe, auf eine Mahlzeit zu verzichten und sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen. Christopher selbst war nach einem langen Tag im Sattel einigermaßen hungrig und ließ sich neben einem alten Franzosen, der kaum noch Zähne hatte, an einem Tisch nieder. Nach der Mahlzeit ließ er sich von der Wirtin sein Zimmer zeigen, das er sich, wie es sich herausstellte, mit dem zahnlosen Franzosen teilen musste. Als dieser schon bald anfing, pfeifend zu schnarchen, war Christopher nahe daran, seinen ritterlichen Entschluss, die einsame Engländerin zu eskortieren, zu bereuen, zumal diese noch nicht einmal etwas von seiner Hilfsbereitschaft ahnte. Doch die Reise nach Paris würde noch einige Tage in Anspruch nehmen. Es sollte wohl mit dem Teufel zugehen, wenn sich in dieser Zeit keine Möglichkeit fand, die Bekanntschaft der jungen Dame zu machen, um herauszufinden, ob hinter ihrem entzückenden Äußeren ein ebenso interessantes Wesen steckte.

Als Catherine am nächsten Vormittag ihre Fahrt in der Postkutsche fortsetzte, grübelte sie noch eine ganze Weile darüber nach, wer wohl der „très charmant Anglais“ sein mochte, der sich, wie die lächelnde Wirtin ihr beim Frühstück mitgeteilt hatte, am Vorabend nach ihr erkundigt hatte. Catherine war verblüfft gewesen, doch hatte sie keine Ahnung, wen die Wirtin meinen könnte, und so gab sie ihre Grübeleien nach einiger Zeit auf, zog ein Gedichtbändchen aus ihrer Rocktasche und begann darin zu lesen, um sich die Zeit zu vertreiben.

Ihre Aufmerksamkeit wurde geweckt, als die Kutsche plötzlich anhielt und der Fahrer mit jemandem draußen erregt diskutierte. Catherine beugte sich leicht aus dem Fenster und erblickte ein umgestürztes Gefährt, vor dem zwei tote Pferde auf dem Boden lagen. Ein Mann mit einer blutigen Platzwunde am Kopf redete, wild gestikulierend, auf ihren Fahrer ein. Catherines Reisegefährten sahen ebenfalls hinaus und ließen sich dann gelangweilt in die Sitze zurücksinken.

Catherine blickte ihre Mitreisenden verwundert an und erkundigte sich in fließendem Französisch: „Verzeihen Sie, bitte, aber wissen Sie, was da draußen los ist?“

„Aber ja. Ein Getreidetransport. Ist mal wieder überfallen worden. Absolut nichts Neues, Mademoiselle“, entgegnete Monsieur Valencroix, ein alter Waffenschmied aus Bordeaux, der unterwegs nach Paris war, um sein neues Patent für die Herstellung von Munition der Armeeführung vorzuführen.

Catherine schaute wie gebannt aus dem Fenster. „Wie schrecklich. Warum werden denn Getreidetransporte überfallen?“

Die anderen Passagiere starrten Catherine an und schüttelten über ihr Unwissen tadelnd die Köpfe. „Ja, Mademoiselle, im ganzen Land herrscht doch Hungersnot. Wussten Sie das denn nicht?“

Monsieur Valencroix, der das Wort führte, blinzelte sie ungläubig an. „Sie sind zwar aus England, Ihrem Akzent nach zu urteilen. Aber hört man denn dort nicht, was hier geschieht?“

„Doch, natürlich“, versicherte Catherine errötend. „Aber ich wusste nicht, wie schlimm alles ist.“

„Nun ja, schlimm. Was heißt schon schlimm? Die Bauern erheben sich, das Volk erhebt sich. Eine ganze Nation erhebt sich. Warum? Es gibt nicht genug zu essen, nichts Anzuziehen, kein Vergnügen. Nur Arbeit und Hunger. Aber Sie werden sehen, es wird besser werden. Unser Volk ist zu Großem fähig. Wir werden einen neuen Staat schaffen, einen besseren Staat. Es dauert seine Zeit, aber der Hunger und das Elend werden abgeschafft werden, genau wie die Aristokratie, glauben Sie mir. Wenn der König glaubt, dass er sein Amt noch lange behalten kann … Er ist dumm, dieser Ludwig XVI. Das ist schlimm. Die Überfälle? Schlimm genug. Aber nicht so schlimm wie die Politik, die der König betreibt.“

Catherine schwieg betreten. Natürlich wusste man in England, dass der König in Frankreich eine schwere Position hatte. Doch bisher hatte man nach wie vor an dem Glauben festgehalten, dass er schon noch Herr der Dinge werden würde. Gewiss müsste er Zugeständnisse machen. Aber sein Amt abschaffen? Dieser Gedanke war für Catherine, für die die Monarchie, und sei sie noch so gefährdet, etwas Selbstverständliches war, völlig neu. Natürlich waren die Zustände in Frankreich nicht mit denen in England zu vergleichen. Aber dennoch, eine Abschaffung der Monarchie? – Nein! Catherine war sicher, dass dieser Gedanke nur in dem Gehirn von Monsieur Valencroix existieren konnte.

Schließlich setzte sich die Kutsche wieder holpernd in Bewegung, und Catherine fiel in einen leichten Schlummer. Aus diesem wurde sie jäh gerissen, als sie plötzlich von ihrem Sitz geschleudert wurde. Ihr Kopf prallte auf etwas Hartes, und dann verschwamm alles um sie herum in einem immer dichter werdenden Nebel, durch den nur noch der schrille Entsetzensschrei einer Mitreisenden drang.

 

Christopher Deverell war an diesem Morgen ausgesprochen schlechter Stimmung. Das Schnarchen seines Zimmernachbarn hatte ihn fast die ganze Nacht über wach gehalten, und am Morgen war Christopher durch ein lautes Poltern geweckt worden, als der alte Mann seine Stiefel anzog. Missmutig marschierte Christopher nach dem Anziehen und Frischmachen in den Frühstücksraum hinunter, der zu dieser frühen Zeit noch fast leer war, da die meisten Reisenden noch schliefen. Er hatte aber kaum Appetit, und so bezahlte er nach einigen Schlucken Kaffee seine Rechnung und machte sich auf den Weg in den Stall, um sein Pferd aufzuzäumen. Um die Müdigkeit zu vertreiben, die ihm nach der fehlenden Nachtruhe noch in den Knochen steckte, ließ er den gesattelten Hengst erst einmal stehen und machte noch einen kurzen Spaziergang in ein nahe gelegenes Wäldchen, ehe er ungefähr eine Stunde später in den Gastraum zurückkehrte. In der Hoffnung, möglicherweise die junge Engländerin beim Frühstück anzutreffen, sah er sich um. Vielleicht könnte er sich zu ihr setzen und selbst eine Kleinigkeit essen, da er inzwischen nun doch hungrig war, und bei dieser Gelegenheit etwas mehr über die junge Dame herausfinden. Doch zu seinem Verdruss erfuhr er von der Wirtin, dass die Postkutsche nach Paris bereits vor einer Viertelstunde abgefahren war. Der Fahrer hatte seine Fahrgäste zur Eile gedrängt, da es heute eine lange Strecke zu bewältigen galt. Christopher kniff verärgert die Lippen zusammen, verzichtete auf ein Frühstück und brach eilig auf.

Bald holte er die Kutsche ein und folgte ihr wie am Vortag, wobei er jedoch immer mehr am Sinn dieser Verfolgung zweifelte. Weder gestern Abend noch heute Morgen hatte er die Engländerin überhaupt zu Gesicht bekommen. Und ob wirklich eine Gefahr für sie bestand, nur weil sie ohne Begleitung reiste? Vermutlich vertrödelte er nur unnütz seine Zeit! Dann sah er den überfallenen Getreidetransport, und seine Laune verschlechterte sich noch mehr. Die Franzosen waren wirklich zu dumm! Wenn schon Nahrungsmittelknappheit herrschte, warum konnten sie das Getreide dann nicht wenigstens so sicher transportieren, dass es sein Ziel auch erreichte? Stattdessen sahen sie zu, wie ein Transport nach dem anderen überfallen wurde, wobei die Hälfte des Getreides auch noch verlorenging. Glaubte man denn in Frankreich, die Probleme mit Gewalt lösen zu können? Vor allen Dingen, da sich die Gewalt so oft gegen Unschuldige richtete. Bei seinem letzten Aufenthalt in Paris hatte Christopher gesehen, wie Frauen und Kinder aus ihren Wohnungen vertrieben, ihre Männer und Väter gefangengesetzt oder hingerichtet wurden, wie Unschuldige für die Taten derer büßten, die sich längst ins Ausland abgesetzt hatten. Beim Anblick des blutenden Getreidefahrers regte sich in Christopher erneut der Zorn. Wie konnten Menschen nur immer wieder glauben, dass ein Elend durch neues Leid beseitigt werden könnte?

In finstere Gedanken versunken, hatte Christopher seinen Hengst in eine immer langsamere Gangart fallen lassen. Als er nach einer Weile den Kopf hob, war die Straße vor ihm leer und von der Postkutsche nichts mehr zu sehen. Christopher fluchte leise in sich hinein. Der Fahrer musste ein ziemliches Tempo vorlegen, wenn sich der Abstand in relativ kurzer Zeit so vergrößern konnte!

Christopher trieb Ajax zu einem leichten Galopp an. Als er merkte, dass auch das nicht reichte, um die Postkutsche wieder einzuholen, spornte er seinen Hengst zu einer noch schnelleren Gangart an. Endlich erblickte er das Fahrzeug. Die Kutsche jagte nach seinem Empfinden in einem gefährlichen Tempo dahin. Während er nach und nach den Abstand verringerte, kam es ihm immer mehr so vor, als ob das Gefährt merkwürdig schlingerte. Und dann sah er es: Das rechte Hinterrad löste sich langsam von der Achse!

Mit einem unterdrückten Fluch auf den Lippen beugte Christopher sich weit über den Pferdehals und trieb Ajax zu einem stürmischen Galopp an. Sobald er glaubte, dass der Fahrer ihn hören konnte, rief er eine laute Warnung. Doch da passierte es auch schon. Das Gespann aus Pferden und Wagen legte sich in eine Kurve, das Rad fiel von der Achse ab, und nach kurzem Schlingern stürzte die Kutsche auf die Seite. Wie durch ein Wunder schafften es die Pferde, auf den Beinen zu bleiben, bäumten sich im Zaumzeug auf und kamen dann zum Stehen.

Christopher erreichte den umgekippten Wagen mit wenigen weiteren Sätzen seines Pferdes. Während er aus dem Sattel sprang, kam der Fahrer bereits torkelnd auf die Beine, taumelte zu seinen Pferden und streichelte ängstlich die Nüstern der aufgeregten Vierbeiner.

„Mon Dieu! Meine Kutsche! Meine Pferde! Oh, meine Tierchen, euch ist nichts passiert? Oh, mon Dieu, mon Dieu!“

Christopher kletterte geschwind auf den Wagen und riss die Tür auf, die nun in den Himmel zeigte.

„Großer Gott!“, entfuhr es ihm bei einem raschen Blick auf das wüste Durcheinander im Inneren der Kutsche. Die Engländerin und eine etwas ältere Frau lagen zwischen heruntergefallenen kleineren Gepäckstücken in einem Knäuel aus Armen und Beinen auf dem Boden. Ein männlicher Reisender sah arg zerzaust aus, rappelte sich aber bereits auf und wollte aus dem Wagen klettern.

Christopher drängte ihn rigoros zurück. „Ich brauche Ihre Hilfe! Versuchen Sie, mir die Damen nach oben zu reichen!“

„Nun ja, mais oui, ich werd’s versuchen“, murmelte Monsieur Valencroix, der sich widerwillig seiner Pflicht als Ehrenmann entsann.

Die Französin richtete sich indessen bereits mühsam auf und wandte sich mit zittriger Stimme an Christopher: „Mir geht es gut. Könnten Sie mich heraufziehen, bitte?“

Christopher tat, worum sie ihn bat, und ließ sie draußen vorsichtig auf den Boden gleiten.

„Ich bekomme Mademoiselle Macpherson nicht hoch!“, stöhnte unterdessen Monsieur Valencroix. „Ich bin zu alt für solche Dinge!“

Christopher streckte ihm mit finsterer Miene einen Arm entgegen. „Dann kommen Sie raus.“

Monsieur Valencroix kletterte schwer atmend aus der Kutsche. Sobald die Tür frei war, stieg Christopher in das Wageninnere hinab und kniete sich neben die bewusstlose junge Frau. Vorsichtig strich er ihr die Haare aus dem blassen Gesicht. Lieber Himmel, wie jung sie aussah! Und selbst in ihrem desolaten Zustand war sie noch außergewöhnlich attraktiv. An der Schläfe hatte sie einen Bluterguss, aber weitere Verletzungen konnte Christopher auf die Schnelle nicht feststellen. Ängstlich tastete er nach ihrem Puls, der zu seiner Erleichterung kräftig und regelmäßig schlug. Aufatmend lud er sich ihren schlaffen Körper über die Schulter und schwang sich dann trotz seiner Last mühelos aus der Kutsche hinaus.

 

Grell stach das Tageslicht in ihre Augen, als Catherine sie mit einiger Mühe blinzelnd aufschlug. Verwundert stellte sie fest, dass sie in einem weichen Bett in einem unbekannten Zimmer lag. In ihrem Kopf pochte es unangenehm, ihr war schwindlig, und als sie sich bewegte, verursachte ihr das überall Schmerzen. Mit einem Stöhnen schloss sie die Augen wieder, um sie aber gleich darauf beim Klang einer lachenden Männerstimme weit aufzureißen.

„Wie schön, dass Sie wach sind. Ich schätze, Sie spüren jeden Knochen in Ihrem Körper, nicht wahr?“

Verwundert starrte Catherine in das Gesicht des Mannes, der in einem Sessel neben ihrem Bett saß. Irgendwie kamen ihr die schmalen, wohlgeformten Gesichtszüge bekannt vor. Sie musterte blinzelnd den energischen und dennoch sensiblen Mund, um den es jetzt amüsiert zuckte, die feingeschwungenen, dunklen Augenbrauen und die gerade Nase, während die Erinnerung nur mühsam in ihren pochenden Kopf zurückkehrte. Als aber ihr Blick dem warmen Glanz der leuchtend grünen Augen ihres Gegenübers begegnete, wusste sie plötzlich, wen sie vor sich hatte. Es war der dunkelhaarige Fremde aus der Herberge, der ihr am ersten Morgen in Frankreich aufgefallen war! Munter blitzten seine lebhaften Augen sie an, während er ihr ein Glas Wasser reichte.

„Hier, trinken Sie das, es wird Ihnen guttun.“

Catherine war so verwirrt, dass sie automatisch gehorchte. Sie fühlte sich danach tatsächlich etwas besser und richtete sich leicht auf. „Wer sind Sie? Und was machen Sie neben meinem Bett?“

Der Mann lachte, wobei seine strahlend weißen Zähne aufblitzten, und der Klang seiner tiefen, warmen Stimme war alles andere als unangenehm: „Mein Name ist Christopher Deverell. Ich sitze neben Ihrem Bett, weil Sie krank waren und jemanden brauchten, der sich um sie kümmerte. Und da ich Sie ohnehin schon aus der umgestürzten Postkutsche geholt hatte, konnte ich das ebenso gut wie jemand anders übernehmen.“

Catherine hatte das Gefühl, sie würde bis zu den Fußspitzen erröten. Und da sie sich inzwischen bewusst wurde, dass sie ein Nachthemd statt ihrer Reisekleidung trug, keuchte sie entsetzt: „Sie meinen, Sie haben … Sie haben mich … Haben Sie mich etwa auch ausgezogen?“

Die Augen des Mannes funkelten nur so vor Vergnügen. „So gern ich’s auch getan hätte, aber das hat Madame Gabelle nicht zugelassen.“

„Wer ist nun wieder Madame Gabelle?“, fragte Catherine gereizt, da sich die Situation ihrem benebelten Kopf nur langsam begreiflich machen ließ.

„Die Bäuerin dieses Hofes, auf dem wir uns befinden.“ Er warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Sagen Sie, erinnern Sie sich eigentlich an das, was geschehen ist? Oder wer Sie sind?“

„Natürlich weiß ich, wer ich bin! Was für eine Frage!“

Ihr Gegenüber lachte leise. „Sie waren nach dem Unfall fast zwei Tage lang bewusstlos, haben vermutlich eine Gehirnerschütterung davongetragen und eine dicke Beule auf der Stirn! Da wäre es nicht ungewöhnlich, wenn Ihnen einige Einzelheiten aus Ihrem Gedächtnis entfallen sein sollten.“

„Ich halte meinen Namen nicht gerade für eine unbedeutende Einzelheit!“, empörte sich Catherine. „Und falls Sie Zweifel haben, dass ich ihn weiß: Mein Name ist Catherine Macpherson! Genügt Ihnen das?“

„Absolut!“, lächelte der Mann, der sich ihr als Christopher Deverell vorgestellt hatte. „Und ich finde es äußerst beruhigend, dass Sie sich so gut an alles erinnern können!“

„Leider nicht alles“, gestand Catherine stirnrunzelnd, während sie insgeheim festzustellen versuchte, ob sie noch alle Gliedmaßen bewegen konnte. „Vielleicht könnten Sie mir ja zum Beispiel erklären, wie ich in dieses Haus gekommen bin?“

Christopher Deverells Mundwinkel zuckten amüsiert. „Das Haus hier liegt nur wenige Meilen von der Stelle entfernt, wo die Kutsche umgestürzt ist. Da Sie bewusstlos und nicht reisefähig waren, brachte ich Sie hierher. Madame Gabelle willigte ein, sich Ihrer anzunehmen. Da sie sich aber auch noch um ihren Hof kümmern muss, bat sie darum, dass jemand blieb, um nach Ihnen zu sehen, wenn sie selbst zu viel zu tun hat. Ich glaube, sie hätte es lieber gesehen, wenn eine Frau Sie umsorgt hätte. Aber ihre Mitreisenden waren nicht sehr erbaut von der Idee, in dieser Einöde hier festzusitzen. Sie haben ihre Reise gestern fortgesetzt, nachdem es gelungen war, die Kutsche wieder aufzurichten und das abgefallene Rad zu montieren.

„Und deshalb sind … sind Sie hiergeblieben? Weil sich sonst niemand um mich gekümmert hätte?“

Er zwinkerte ihr zu. „Ich bin vielleicht nicht die geeignetste Krankenschwester, aber da niemand sonst einspringen wollte, war ich, wie es den Anschein hat, jedenfalls die einzig verfügbare.“

Catherine schluckte und sah ihn mit großen Augen an. „Ach du großer Gott! Es ist mir so peinlich! … Oh, du lieber Himmel!“

„Ich versichere Ihnen, dass es keinen Grund für Sie gibt, sich kompromittiert zu fühlen“, entgegnete er mit einem Lächeln. „Ich habe nur ein wenig hier gesessen und auf Sie aufgepasst. Alles andere hat Madame Gabelle übernommen.“   

„Dann … dann bin ich Ihnen wohl zu großem Dank verpflichtet“, stammelte Catherine voller Verlegenheit.

„Aber nicht doch. Sie können mir glauben, dass ich es sehr gern getan habe.“

Catherine starrte auf seine zuckenden Mundwinkel und das Glitzern in seinen Augen und musste unvermittelt lachen. „Oh ja, das glaube ich Ihnen tatsächlich!“

„Es freut mich, dass es Ihnen inzwischen offenbar besser geht“, grinste Deverell. „Wie sieht es aus, meinen Sie, Sie schaffen es, aufzustehen und sich anzukleiden, wenn ich einen Augenblick hinausgehe? Ich meine, ich würde Ihnen ja gern behilflich sein, aber ich fürchte, das würde mir eine Menge Ärger von Madame Gabelle einbringen.“

„Oh ja, und das vollkommen zu Recht!“, schalt Catherine mit einem tadelnden Blick in seine lachenden Augen. Doch dann lachte auch sie. „Ich bin sicher, dass ich es allein schaffe. Meinen Sie, dass wir dann vielleicht von Madame Gabelle etwas zu essen bekommen könnten? Ich habe einen fürchterlichen Hunger.“

„Ein gutes Zeichen!“, lächelte Deverell, während er sich erhob. „Ziehen Sie sich in Ruhe an, ich gehe inzwischen und besorge etwas zu essen.“

Als Catherine eine Stunde später in der geräumigen Bauernküche der Gabelles drei deftige Stücke Zwiebelkuchen und einen großen Becher Milch vertilgt hatte, fühlte sie sich schon bedeutend wohler. Das Pochen in ihrem Kopf und auch das Schwindelgefühl hatten nachgelassen. Nur eine dicke Beule auf der Stirn und einige unangenehme blaue Flecken am Körper zeugten noch von ihrem Unfall. Deverell, der schon früher gegessen hatte und nur an einem Glas Wein nippte, hatte ihr beim Essen grinsend zugesehen und gemeint, es freue ihn, dass sie so einen herzhaften Appetit habe. Catherine hatte nur genickt und sich ganz auf ihre Mahlzeit konzentriert. Als sie sich jetzt den letzten Krümel vom Mund wischte, lächelte sie ihn entschuldigend an und erklärte: „Sie müssen mich für sehr unhöflich halten. Ich habe Sie hier so lange aufgehalten, und dabei haben Sie es vielleicht eilig. Vielleicht möchten Sie, nun da es mir besser geht, gerne aufbrechen. Ich würde es bedauern, aber doch verstehen.“

„Wie lange möchten Sie denn hierbleiben? Und noch viel wichtiger, wie wollen Sie von hier wegkommen, wenn ich Sie allein lasse?“

Catherine blinzelte. „Oh. Ich dachte … die Postkutsche …“

„Die Strecke liegt zwar nur einige Meilen von hier entfernt, aber bis zur nächsten Station, wo die Kutsche hält, wäre es zu Fuß ziemlich weit. Ich könnte Sie hinbringen, sofern es Ihnen nichts ausmacht, zusammen mit mir auf Ajax zu reiten.“

Catherine hätte schwören können, dass es in seinen Augen belustigt funkelte! „Nun ja, ein wenig unkonventionell ist diese Art zu reisen ja schon“, gab sie leicht unsicher zurück. „Und ganz sicher ist es nicht die Art, die eine Lady wählen sollte.“

„Gewiss nicht. Aber die Alternative wäre, dass Sie zu Fuß gehen. Und das dürfte recht unbequem sein.“

„Na wunderbar. Und mein Gepäck trage ich dann vermutlich auf dem Rücken!“

Ihr empörtes Schnauben ließ Christopher kurz grinsen, doch dann wechselte sein Gesichtsausdruck, als er begriff, dass es ihr mit ihrem Protest ernst war. „Es tut mir leid, wenn Ihnen mein Angebot unpassend erscheint. Aber ich sehe im Augenblick leider keine andere Möglichkeit, wie Sie von hier wegkommen könnten. Ich würde den Gabelles ja einen Wagen abkaufen, wenn sie einen hätten, den sie hergeben könnten, was aber nicht der Fall ist. Wenn es Ihnen so widerstrebt, sich zu mir aufs Pferd zu setzen, könnte ich allenfalls versuchen, irgendwo in der Umgebung Pferd und Wagen aufzutreiben. Aber angesichts der angespannten Lage im Land dürfte das vermutlich schwierig werden.“

Verspätet wurde Catherine sich bewusst, wie kindisch und unvernünftig ihre Reaktion auf seinen freundlich gemeinten Vorschlag war. Mit einem entschuldigenden Lächeln blinzelte sie auf in seine Miene, die einen Ausdruck kühler Höflichkeit angenommen hatte. „Oh, Sie müssen mich wirklich für sehr dumm halten! Verzeihen Sie mir. Ich bin Ihnen so dankbar für Ihre Hilfe! Und natürlich werde ich mit Ihnen reiten!“

Das Lächeln, das in seinen Augen aufblitzte, war von geradezu entwaffnender Wärme. „Ich halte Sie keineswegs für dumm. Höchstens für ein bisschen mitgenommen, was ja auch kein Wunder ist. Aber dass Sie einverstanden sind, freut mich. Glauben Sie, dass Sie in zwei, drei Tagen kräftig genug sind, dass wir dann aufbrechen könnten?“

„Oh, es geht mir wirklich schon ganz ausgezeichnet! Ich glaube nicht, dass wir so lange warten müssen. Ich könnte sofort losreiten.“

„Meinen Sie wirklich? Sie waren so lange bewusstlos. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie sich erst einmal ein wenig schonen.“

Gerührt von seiner Sorge, versicherte Catherine ihm, dass sie wirklich nur noch ganz wenige Schmerzen hätte und sich durchaus kräftig genug fühle, um weiterzureisen. Allerdings gab es da noch eine Frage, die sie klären musste: „Was ist eigentlich mit meinem Gepäck? Ich habe vorhin nur mein Reticule finden können, in dem Gott sei Dank zumindest meine Papiere und eine Haarbürste waren.“

„Es tut mir leid, ich konnte Ihr Gepäck auf Ajax Rücken nicht transportieren. Ich habe den Kutscher angewiesen, Ihre Taschen bis zur nächsten Poststation mitzunehmen, wo Sie sie wiederbekommen, wenn wir dort eintreffen.“

„Oh, wie umsichtig von Ihnen! Vielen Dank!“

„Nichts zu danken“, lächelte er. „Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich jetzt noch einmal kurz nach meinem Pferd sehen und mit Madame Gabelle wegen unserer geplanten Abreise reden. Dann können wir uns morgen gleich nach dem Frühstück auf den Weg machen.“

„Warum nicht schon heute?“

„Liebes Mädchen, haben Sie mal einen Blick auf die Uhr geworfen? Es ist bereits Abend und wird bald dunkel! Wir würden die nächste Poststation heute nicht mehr erreichen.“

„Ach. Wie schade. Nun, dann lässt sich das wohl nicht ändern.“

In seinen Augen begann es schalkhaft zu funkeln. „Wenn Sie allerdings gern einen Nachtritt unternehmen möchten, mit Mondschein und Romantik, dann stehe ich liebend gern zu Ihrer Verfügung.“

Catherine blinzelte empört, doch dann lachte sie hell auf. „Fragt sich, wie romantisch es noch wäre, wenn die ersten Straßenräuber aufkreuzen! Nein, ich glaube, Sie haben recht. Dann reiten wir lieber morgen los.“

„Wie Sie meinen“, grinste Deverell, und seine grünen Augen blitzen. „Obwohl ich glaube, dass es hier nicht viele Straßenräuber gibt.“

„Mag sein“, lächelte Catherine, während ihr auf verwirrende Weise gerade auffiel, dass ihr Gegenüber wirklich bemerkenswert ausdrucksvolle Augen hatte. „Aber ich glaube, ich verzichte trotzdem lieber auf die Romantik.“

„Zu schade“, murmelte Deverell ernsthaft, doch seine Mundwinkel zuckten.

 

Als Christopher und Catherine am nächsten Morgen gemeinsam auf Ajax Rücken ihren Weg fortsetzten, versuchte Catherine, mehr über ihren neuen Reisegefährten herauszufinden. Sie saß quer vor ihm auf dem Pferd, er hatte einen Arm um ihre Taille geschlungen, und mit der anderen Hand hielt er die Zügel. Wenn sie den Kopf leicht neigte, konnte Catherine ihm in die Augen sehen, und seine tiefe Stimme war dicht an ihrem Ohr zu hören. Catherine fand, dass er eine sehr klangvolle, angenehme Stimme hatte. Auf ihre Frage hin erklärte er ihr, dass er geschäftlich nach Paris unterwegs sei.

„Um was für Geschäfte handelt es sich denn?“, erkundigte Catherine sich interessiert.

„Um alles Mögliche“, entgegnete er ausweichend. „Mein Schiff transportiert Handelswaren nach England. Leider muss man -“

„Sie haben ein eigenes Schiff?“, staunte Catherine.

„Ja. Es liegt gerade vor Calais.“ Er lächelte. „Aber wie ich eben sagen wollte, man muss leider wegen jeder Kleinigkeit nach Paris reiten, um sich dort die nötigen Genehmigungen zu besorgen.“

„Deshalb sind Sie also nach Paris unterwegs. Und was wollen Sie diesmal nach England bringen?“

„Unter anderem französische Weine. Die sind auch jetzt noch in England sehr begehrt, und die Franzosen können das Geld, das sie dafür erhalten, gut gebrauchen.“

Sie runzelte die Stirn. „Warum reisen Sie nicht direkt in die Anbaugebiete? Wäre das nicht günstiger?“

„Früher ging das, da konnte man noch den Handel direkt mit den Weinbauern führen. Aber inzwischen ist das so gut wie unmöglich. Ohne die Zustimmung der zuständigen Verwaltungsinstanzen in Paris geht leider überhaupt nichts mehr.“

„Aber ist das dann nicht alles sehr umständlich? Lohnt sich da der Handel denn überhaupt noch? Ich meine, könnten Sie nicht mit Ländern Handel treiben, mit denen es einfacher wäre?“

„Vermutlich.“

„Und warum treiben Sie dann ausgerechnet mit Frankreich Handel?“

Er zuckte die Achseln. „Das hat sich eben so ergeben. – Sehen Sie mal da vorne die Herde Wildpferde. Ein herrlicher Anblick, oder?“

Catherine warf einen kurzen Blick in die angegebene Richtung. „Ja, sehr idyllisch. – Mr. Deverell, warum treiben Sie nicht Handel mit den Westindischen Inseln oder den ehemaligen amerikanischen Kolonien? Das soll sich doch jetzt richtig lohnen.“

Er warf ihr einen wenig begeisterten Blick zu. „Schon möglich.“

„Und das reizt Sie nicht? Ich meine, als Schiffseigner müsste Ihnen doch daran liegen, Ihr Schiff möglichst gewinnbringend auf Fahrt zu schicken.“

„Ich bin zufrieden, so wie es ist. Da hinten fliegt ein Falke, haben Sie den gesehen?“

„Ja, sehr eindrucksvoll.“ Sie warf ihm einen schrägen Blick von der Seite zu. „Sagen Sie, Mr. Deverell, wollen Sie vom Thema ablenken?“

Er lachte. „Finden Sie es denn so interessant, über Schiffe und Handelsinteressen zu reden? Ich dachte eher, junge Ladys interessieren sich mehr für die Schönheiten der Natur als für profane Geschäfte.“

„Das stimmt“, lächelte Catherine. „Aber bisher habe ich festgestellt, dass Gentlemen im Allgemeinen sehr gern über ihre Geschäfte reden. Sie überraschen mich also.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Aber wenn Sie nicht über Geschäfte reden wollen, können wir auch gerne das Thema wechseln. Erzählen Sie mir, wo Sie herkommen. Wo sind Sie zu Hause?“

Er zwinkerte ihr zu. „Worauf würden Sie tippen?“

„Ich weiß nicht. Auf jeden Fall England. Kent vielleicht?“

„Schon ganz gut getippt, aber falsch. Zu Hause bin ich in Surrey.“

„Surrey! Ich hätte gedacht, dass ein Schiffseigner irgendwo an der Küste lebt!“

Er lachte leise. „Das Landesinnere hat auch einiges zu bieten, finden Sie nicht?“

„Oh ja, ganz gewiss. Aber -“

„Es passt nicht in Ihr Bild von einem Schiffseigner, dass ich dort lebe, ja ich verstehe“, grinste er.

„Nun ja … vielleicht nicht ganz. Wobei Sie ja augenblicklich gar nicht dort zu leben scheinen. Immerhin haben Sie hier in Frankreich Ihr eigenes Pferd. Oder ist Ajax nicht Ihr Pferd?“

„Doch. Gefällt er Ihnen?“

„Ajax? Ein herrliches Pferd! Sie reiten ihn bestimmt sehr gern. Haben Sie ihn aus England mitgebracht?“

„Nein, er stammt hier aus der Gegend.“

„Dann leben Sie also wirklich länger in Frankreich? Was sagt denn Ihre Familie dazu? Ich meine, Sie haben doch sicher Familie in England, oder nicht?“

„Jeder hat irgendwo Familie.“

„Und findet Ihre Familie es gut, dass Sie in Frankreich leben?“

„Kommt darauf an, wen aus meiner Familie Sie fragen würden.“

„Wen könnte ich denn beispielsweise fragen? Bruder, Schwester, Eltern?“, beharrte sie, entnervt von seinen ausweichenden Antworten.

Seine Braue zuckte spöttisch in die Höhe. „Sie sind ja ganz schön hartnäckig! Sagen Sie, befragen Sie eigentlich jeden so eingehend oder nur Männer im heiratsfähigen Alter?“

Catherine schnappte hörbar nach Luft. Hochrot im Gesicht keuchte sie: „Sir, was fällt Ihnen ein! Glauben Sie etwa, ich … ich hätte es auf Sie abgesehen?“

Er lachte laut auf, und seine Augen sprühten vor Heiterkeit. „Nun, wenn ich es nicht glaube, dann muss ich denken, dass Sie sehr neugierig sind. Und sind Sie neugierig?“

„Selbstverständlich nicht, ich … Nun ja, vielleicht ein bisschen. Aber doch nur im allgemein üblichen Rahmen!“ Er lächelte zweifelnd, und so setzte sie hinzu: „Immerhin sind Sie ja Engländer, so wie ich, da ist ein gewisses Interesse doch nur natürlich!“

„Ach so, ich verstehe“, grinste er.

Sie warf ihm einen indignierten Blick zu. „Wenn ich gewusst hätte, wie empfindlich Sie sind, hätte ich Ihnen selbstverständlich keine Fragen gestellt!“

„Ich halte mich im Allgemeinen nicht für sonderlich empfindlich.“

„Wenn Sie sich nicht für empfindlich halten, verstehe ich nicht, warum Sie so ungehalten auf meine Fragen reagieren! Und überhaupt, ich weiß eigentlich gar nicht, was Sie wollen! Schließlich habe ich Sie ja nicht gefragt, ob Sie verheiratet oder verlobt sind oder ob Sie sich eine Ehefrau überhaupt leisten können. Dann könnten Sie sagen, ich hätte es auf Sie abgesehen! Und außerdem“, setzte sie etwas milder gestimmt hinzu, als sie daran dachte, dass er ihr immerhin in einer Notlage beigestanden hatte, „möchte man ja wissen, wem man sein Leben verdankt. Das ist doch nur vernünftig.“

„Ach, darum geht es? Dann bitte ich demütig um Verzeihung, dass ich Sie missverstanden habe“, versetzte er mit zuckenden Mundwinkeln.

Gefesselt von dem amüsierten Glanz in seinen Augen, blieb Catherine eine Antwort schuldig und sah ihn nur stumm und seltsam unsicher an.

Mit einem trägen Lächeln seufzte er schließlich: „Nun ja. Sie sind also aus rein vernunftmäßigen Gründen an mir interessiert und nicht mehr. Wie hartherzig, meinem Selbstbewusstsein einen solchen Schlag zu versetzen! Übrigens sind wir da.“

Er schwang sich aus dem Sattel und half Catherine beim Absteigen, die völlig versunken in den Anblick seiner funkelnden Augen gewesen war und nicht bemerkt hatte, dass Christopher Deverell sein Pferd bereits vor der Poststation gezügelt hatte. Gemessen an der aufrechten Haltung, mit der er neben ihr her ins Innere schritt, schien der Schlag auf sein Selbstbewusstsein nicht allzu kräftig gewesen zu sein, überlegte Catherine. Ihr eigenes hatte da schon mehr gelitten. Wie konnte es nur angehen, dass ein Mann, den sie erst seit einem Tag kannte, sie Dinge sagen ließ, die sie gar nicht sagen wollte? Er hatte ja recht, sie war neugierig! Zwar nicht gerade, weil sie es auf ihn abgesehen hatte, wie er meinte, aber immerhin: Wäre er alt und dick gewesen, dann hätte sie ihm höflich für seine Hilfe gedankt, ohne einen weiteren Gedanken an ihn zu verschwenden. So aber, da er jung und attraktiv war, hatte sie ihm geradezu Löcher in den Bauch gefragt, um mehr über ihn zu erfahren. Was musste er nur von ihr denken!

Es gelang Christopher, zwei Einzelzimmer zu bekommen, auf die sie sich gleich nach dem Essen zurückziehen wollten. Catherines Gepäck war bereits am Vortag angekommen und in einem Verschlag abgestellt worden. Christopher ließ es auf Catherines Zimmer bringen und erklärte ihr auf dem Weg dorthin, dass er am nächsten Morgen gemeinsam mit ihr in der heute angekommenen Postkutsche nach Paris weiterfahren und Ajax hinten anbinden würde.

„Oh, wirklich? Das ist schön!“, strahlte Catherine, mit der Hand an der Klinke. „Aber warum tun Sie das? Haben Sie es nicht eilig?“

„Nicht sonderlich“, erwiderte er augenzwinkernd. „Und selbst wenn ich es hätte … Ich kann ja wohl schlecht eine Landsmännin in Not so einfach ihrem Schicksal überlassen.“

„Oh. Ich bin nicht in Not!“, widersprach Catherine sofort. „Und ich will Sie wirklich nicht aufhalten!“

„So habe ich es nicht gemeint. Ich tue es gern.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich“, lächelte er und verbeugte sich leicht. „Also dann bis morgen früh, Miss Macpherson. Gute Nacht. Und schlafen Sie gut.“

Unvermittelt verlegen, blinzelte Catherine zu ihm hoch. „Sie auch, Mr. Deverell. Gute Nacht.“

Er wandte sich um, um zu seinem eigenen Zimmer weiterzugehen, aber Catherine hielt ihn noch einmal auf. „Und … Mr. Deverell? – Falls ich … falls ich heute zu neugierig gewesen sein sollte … Sie nehmen mir das doch hoffentlich nicht übel?“

Verblüfft blinzelte er, doch dann lachte er plötzlich. „Nein, nicht im Geringsten.“

Catherine lächelte erleichtert. „Gut. Dann sehen wir uns beim Frühstück, ja?“

„Aber sicher.“

„Ich freue mich“, gestand Catherine errötend ein. „Es ist wirklich viel netter, mit Ihnen zu reisen, als ganz allein.“

Er lachte leise, kehrte noch einmal zu ihr zurück und lehnte sich mit einer Schulter entspannt an den Türrahmen. „Gut, dass Sie diesen Punkt erwähnen. Jetzt bin ich nämlich mal an der Reihe, neugierig zu sein: Wie kommt es eigentlich, dass Sie so ganz ohne Begleitung quer durch Frankreich reisen?“

Catherine seufzte. „Ja, ich weiß, es ist nicht gerade üblich. Aber sehen Sie, meine Zofe brach sich auf der Überfahrt von Dover nach Calais den Fuß und musste nach Hause zurückkehren.“

„Nun, eine Zofe ist ja gut und schön. Aber lässt sich eine Lady auf Reisen nicht eigentlich von einem männlichen Verwandten begleiten? Ich meine, zu ihrem Schutz sozusagen?“

Catherine warf ihm einen verlegenen Blick zu. „Ist das eine Frage oder eine Feststellung?“

Seine Augen blitzten vergnügt, und er grinste. „Eine Feststellung.“

Catherine warf ihm einen schrägen Blick unter den Wimpern zu, dann lachte sie. „Nun, Sie haben natürlich vollkommen recht! Aber es hat sich einfach niemand gefunden, der mich begleiten wollte.“

„Dann müssen Sie einen sehr zwingenden Grund haben, trotzdem zu reisen.“

Es widerstrebte ihr, in diesem Augenblick von ihrer Verlobung mit Etienne zu erzählen, und so schüttelte sie lächelnd den Kopf. „Ich glaube, ich sollte jetzt wirklich schlafen gehen, Mr. Deverell. Denn auch wenn der Tag heute überraschend schön war, so war er auch sehr anstrengend, und ich bin wirklich müde.“

„Was nicht verwunderlich ist nach Ihrer Kopfverletzung“, stimmte Deverell sofort zu. „Verzeihen Sie, dass ich vergessen hatte, wie erschöpft Sie sein müssen.“

Angesichts seines reumütigen Lächelns blinzelte Catherine verlegen. „Oh, so schlimm ist es gar nicht. Und ich bin sicher, dass ich nach einer erholsamen Nacht morgen wieder ganz frisch sein werde.“

Er nickte, wobei ein unverkennbar amüsierter Ausdruck über seine Züge huschte. „Es freut mich, dass Sie da so sicher sind. Und was mich betrifft, so verspreche ich, bis zu Ihrer Ankunft in Paris als Begleitung zu Ihrem Schutz zur Verfügung zu stehen. Natürlich nur, sofern Sie nichts dagegen einzuwenden haben.“

„Aber nein, ganz im Gegenteil“, strahlte Catherine. „Ich könnte mir keine angenehmere Begleitung wünschen.“

Seine Augen blitzten auf, ehe er sich mit einem höflichen Handkuss und einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete. Catherine blickte ihm kurz hinterher, dann ging sie in ihr Zimmer und schloss mit einem Lächeln auf den Lippen die Tür.

 

Am nächsten Morgen setzten sie, wie geplant, ihre Reise gemeinsam in der Postkutsche fort. Entgegen Catherines Hoffnung bot sich jedoch während der Fahrt wegen der vielen Mitreisenden kaum eine Gelegenheit, ungestört miteinander zu reden. Außerdem wurde die Fahrt durch häufige Kontrollen von Bürgerwehren und Freiwilligen ständig unterbrochen, sodass sie nur im Schneckentempo vorankamen und anfangs unter den Reisenden eine bedrückte Stimmung herrschte. Dennoch wurde die Fahrt nicht eintönig, und das war, wie Catherine dankbar anerkennen musste, hauptsächlich Christopher Deverell zu verdanken. Seinem Charme gelang nämlich, was angesichts der gereizten Stimmung fast unmöglich erschien: Die Leute in der Kutsche fingen an zu lachen und sich zu unterhalten. Auch Catherine bereitete es großes Vergnügen, Deverells tiefer Stimme zu lauschen, wenn er lustige Klatschgeschichten zum Besten gab, von denen er eine Unmenge zu kennen schien. Wenn sie alleine waren – das heißt, zumindest allein an einem Tisch saßen, denn ganz allein waren sie eigentlich nie –, wurde Deverell ernster und nachdenklicher, und Catherine kam zu dem Schluss, dass er die Rolle des sorglosen Plauderers nur den anderen gegenüber spielte, um sie von den täglichen Sorgen und Nöten abzulenken.

„Sie glauben, dass sich die Zustände in Frankreich verschlimmern, nicht wahr?“, fragte sie ihn am Abend des zweiten Tages, den sie mit der Kutsche gefahren waren.

Er nickte und legte seine Gabel beiseite. Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. „Allerdings. Und darum … Ich meine, es geht mich nichts an, aber … Nun ja, ich denke, Sie sollten lieber nach England zurückkehren.“

„Zurück nach England? Aber das geht nicht!“

Deverell zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Nun sehen Sie“, erklärte Catherine hastig, „man erwartet mich in Paris. Man würde sich Sorgen machen. Und ich habe mich so auf diesen Besuch gefreut.“

„Nun ja, gewiss.“ Zum Teufel auch, er kannte dieses Mädchen erst wenige Tage, und schon machte er sich Sorgen um sie. War er denn verrückt geworden, dass er sich in ihr Leben einmischte? – Vermutlich ja, denn irgendetwas in ihm zwang ihn zu der nächsten Bemerkung: „Sie könnten Ihren Gastgebern einen Brief schreiben und erklären, weshalb Sie nicht kommen. Noch ist es bis Calais dichter als bis Paris.“

„Das ist absolut unmöglich!“, rief Catherine aus.

Christophers Blick verfinsterte sich. „Jeder vernünftige Mensch würde verstehen, wenn Sie angesichts der augenblicklichen angespannten politischen Lage Ihren Besuch in Paris verschieben.“

„Ja, bestimmt. Aber ich habe ihn schon so oft verschoben. Und außerdem … Sie reisen doch auch nach Paris.“

„Das ist etwas ganz anderes.“

„Warum? Weil Sie ein Mann sind?“

„Unter anderem. Ja.“

„Und weil Sie geschäftlich unterwegs sind, was natürlich viel wichtiger ist als irgendeine Privatangelegenheit, nicht wahr?“, machte Catherine sich lustig.

„So ein Unsinn!“

„Warum ist es Unsinn? Nur weil Sie glauben, dass Ihre Gründe nach Paris zu reisen wichtiger sind als meine?“

„Das glaube ich ganz entschieden nicht! Besser gesagt, ich kann es kaum beurteilen, da ich überhaupt nicht weiß, warum Sie eigentlich nach Paris wollen. Wenn es allerdings wirklich nur irgendein Besuch bei Freunden oder Verwandten ist, dann -“

„Es ist nicht nur irgendein Besuch!“

Mit einer unguten Vorahnung blickte er sie durchdringend an. „Nun gut, wer erwartet Sie denn in Paris, dass Ihr Besuch dort so umwerfend wichtig und nicht zu verschieben ist?“

Catherine sah den düsteren Ausdruck in seinen Augen und seufzte. Es half nichts, dachte sie, sie musste es ihm sagen. Sie wunderte sich über sich selbst, dass es ihr so schwerfiel. Vermutlich lag es einfach daran, dass Christopher Deverell bei weitem der interessanteste Mann war, der ihr bis dahin begegnet war. Ihre drei Cousins hatten immer wie aufgeblasene kleine Gockel gewirkt. Und die Verehrer, die es gewagt hatten, ihr unter den kritischen Blicken ihrer Mutter und Tante Emilys den Hof zu machen, waren größtenteils entweder in die Kategorie wichtigtuerisch oder verblödet einzuordnen gewesen. Gewiss, ein paar nette Burschen hatte es auch darunter gegeben. Aber ein Mann, so herrlich selbstsicher und weltgewandt wie Mr. Deverell, das war etwas ganz Neues für sie.

Sie nahm eine möglichst würdevolle Haltung an, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Stimme leicht zitterte, als sie Deverells Frage beantwortete: „Mein … Verlobter.“

Äußerlich gelassen, lehnte Christopher sich zurück, aber innerlich knirschte er mit den Zähnen. So etwas Ähnliches hatte er ja befürchtet. Er ballte die Hände unter dem Tisch zu Fäusten. „Dann fahren Sie wohl zu Ihrer Hochzeit?“

Catherine zuckte unter seiner unvermittelt kühlen Stimme zusammen. Seine Miene war absolut ausdruckslos, und doch war tief in seinen Augen etwas wie Zorn und Enttäuschung zu erkennen. War es möglich, dass er eifersüchtig war? Sie kannten sich doch kaum, und trotzdem …  Die Vorstellung war seltsam erregend. Catherine fühlte ihr Herz heftig pochen. Trügerisches Ding, schimpfte sie innerlich. Du heiratest Etienne, vergiss das nicht!

„Oh nein … das heißt, noch nicht“, stammelte sie. „Wir sind noch nicht offiziell verlobt, wissen Sie. Und außerdem muss ich sowieso erst noch das Ende des Trauerjahres abwarten. Meine Mutter ist letztes Jahr gestorben.“

„Das tut mir leid.“ Aus Christophers Stimme klang echtes Mitgefühl, und der Ausdruck seiner Augen wurde schlagartig weicher.

Catherine lächelte ihn dankbar an. „Sie brauchen keine Angst zu haben, ich weine nicht. Meine Mutter und ich … Na ja, wir haben uns nie so besonders verstanden. Natürlich war ich bei ihrem Tod traurig, aber … Na ja, ich glaube, ich bin darüber hinweg. Und immerhin ist es jetzt ja schon fast zehn Monate her.“

Fast zehn! Dann blieben immerhin noch zwei Monate, ehe sie heiraten konnte. Solange war sie nur verlobt, und das noch nicht einmal richtig. Und verlobt – Christopher musste ein Grinsen unterdrücken – verlobt war schließlich nicht verheiratet! Es sei denn, spottete eine Stimme in ihm, sie liebte ihren Verlobten. So etwas sollte gelegentlich ja vorkommen. Aber er würde es herausfinden!

Er merkte, dass Catherine irgendeine Antwort von ihm erwartete, und langte mit einer Hand über den Tisch zu ihr herüber: „Auch wenn Sie glauben, über den Tod Ihrer Mutter weggekommen zu sein, so ist es doch verständlich, wenn Sie sich deswegen einsam fühlen. Kein Wunder, dass es Ihnen so wichtig ist, zu Ihrem Verlobten zu reisen.“

„Ich fühle mich nicht einsam“, widersprach Catherine sofort und entzog Christopher hastig ihre Hand. „Und ich wäre auch nach Paris gereist, wenn meine Mutter noch lebte. Nur, dass sie dann mitgekommen wäre. So war es eigentlich geplant, ehe sie … ehe sie plötzlich so krank wurde.“

„Woran ist sie gestorben?“

„Eine Lungenentzündung. Sie war schon immer sehr zerbrechlich, wissen Sie. So zart und … unglaublich schön. Aber eben … nie sehr gesund.“

„Dann sind Sie sicher froh, dass Sie selbst von robusterer Natur sind.“

„Oh, danke schön!“, lachte Catherine und erhob sich. „Das hört eine Dame natürlich gern, dass sie robust ist! Ich glaube, ich gehe jetzt schlafen, bevor Ihnen noch mehr solche Nettigkeiten einfallen.“

Mit einem unterdrückten Grinsen schob auch Christopher seinen Stuhl zurück und stand auf. „Normalerweise hat sich noch nie eine Lady beklagt, dass ich linkische Komplimente mache. Und wenn Sie mir nicht gerade eben erst eröffnet hätten, dass Sie so gut wie mit einem anderen Mann verlobt sind, wäre mir auch bestimmt etwas Besseres eingefallen.“

„Wirklich?“, wagte Catherine mit einem Blinzeln zu bezweifeln.

„Sie glauben mir nicht?“, murmelte Christopher und trat dichter an sie heran, sodass sie zu ihm aufsehen musste. „Nehmen wir an, Sie hätten mir nicht gesagt, dass Sie mehr oder weniger verlobt sind … Dann hätte ich Ihnen vielleicht gesagt, dass sich Ihre Schönheit hinter niemandem verstecken muss. Möglicherweise hätte ich Ihnen auch gesagt, dass Sie faszinierend blaue Augen haben, die mich an Kornblumen im Sommer erinnern, und dass Ihre Haare wie honigfarbene Seide um ihr Gesicht fließen. Bestimmt hätte ich auch noch einiges mehr gesagt. Und vielleicht werde ich es irgendwann auch tun, und wenn Sie hundertmal die Verlobte eines anderen Mannes sind!“

Catherine starrte mit angehaltenem Atem in sein schmales Gesicht, ohne den rätselhaften Ausdruck darin deuten zu können. „Mr. Deverell … Ich glaube, ich … Ich glaube, Sie sollten so etwas nicht sagen.“

„Nein, vermutlich nicht“, stimmte er mit einem Zwinkern bereitwillig zu. „Aber ich musste doch den Beweis antreten, dass ich nette Dinge sagen kann. Schließlich kann ich nicht einfach im Raum stehen lassen, dass ich etwas behaupte, das nicht stimmt.“

Catherine starrte blinzelnd auf seine zuckenden Mundwinkel. „Oh, Sie sind unmöglich!“, entfuhr es ihr mit einem Lachen. „Und ich hätte Ihnen diesen Unsinn beinahe auch noch abgenommen!“

Mit einem eigentümlichen Lächeln erwiderte er: „Da kann man mal sehen … “