Leseprobe Megan Malone und der Tote im Teich

Kapitel eins

Lou MacDonald trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasserhindernis. Während sein Körper langsam im Teich versank, blähte sich sein pinkfarbenes Hemd mit Luft auf.

Eine verblüffte Stille legte sich über die kleine Gruppe auf dem Hügel, die ihn dort im Wasser gefunden hatte. Es handelte sich dabei hauptsächlich um Fans: Frauen und Männer, die an diesem milden, nicht ganz verregneten Septembermorgen die Chance genutzt hatten, um dem in die Jahre gekommenen PGA-Champion Martin Walsh bei einem lockeren Spiel auf dem Grün zuzusehen. Die Leute hatten den Weltklasse-Golfer mit leisem, gut gelauntem Gemurmel beobachtet, obwohl dieser seine Blütezeit schon hinter sich gebracht hatte. Der Anblick des regungslosen Mannes ließ die Zuschauer jedoch mit einem Schlag verstummen. Die gesamte Truppe erstarrte und keiner schien in der Lage zu sein, auch nur darüber nachzudenken, was in so einer Situation zu tun war.

Gänsehaut kroch über Megan Malones Rücken und Arme. Sie gehörte nicht einmal wirklich hierher. Sie war bloß Martin Walshs Angestellte und dazu angeheuert, ihn und seine Frau die zehn Tage lang zu chauffieren, die das Paar in Dublin verbrachte. Sie wusste so gut wie gar nichts über Golf, aber nachdem sie Martins Frau Heather auf ihrem Golfplatz weiter nördlich auf der kleinen, flachen Insel in der Bucht von Dublin abgesetzt hatte, hatte Martin Walsh sie dazu eingeladen, ihn auf den Golfplatz zu begleiten. Da Megan es grundsätzlich vorzog, sich die Beine zu vertreten, anstatt stundenlang untätig im Auto zu sitzen, hatte sie die Einladung gern angenommen. Ihre schwarz-weiße Chauffeurs-Uniform wies sie zwar ganz eindeutig als Personal aus, aber für Walshs Fans stieg sie durch die Tatsache, dass sie für den Golfer arbeitete, offenbar in eine Art geheime Liga auf, von der seine Anhänger nicht einmal zu träumen wagten. Die Gruppe hielt daher respektvoll Abstand zu ihr.

Der Caddie, der Walsh um einen ganzen Kopf überragte, behandelte sie freundlich, ganz besonders nachdem Megan angeboten hatte, ihm mit den Schlägern zu helfen. Damit hatte sie sich zwar bei ihm beliebt gemacht, doch er hatte ihr Angebot dennoch abgelehnt, und da es sein Job war, an Walshs Seite zu sein, danach nicht mehr viel mit ihr geredet. Also war Megan den Fans gefolgt und hatte sie dabei eher von außen beobachtet, anstatt selbst Teil der Gruppe zu sein. Nicht, dass sie sich daran gestört hätte. Sie liebte ihren Job als Fahrerin unter anderem deshalb, weil sie dadurch einen Einblick in das Leben anderer Menschen bekam.

In der Regel endeten diese Einblicke allerdings nicht damit, dass ein Mann mitten in einem der kniffligsten Wasserhindernisse Irlands trieb.

Lou MacDonald war ein großer, freundlicher Mann gewesen, nicht so enthusiastisch wie die Fans und zugänglicher als die Caddies. Er hatte im Clubhaus mit Megan geplaudert und fasziniert nachgefragt, wie eine Amerikanerin dazu kam, in Irland als Limousinenfahrerin zu arbeiten. Megan hatte ihm die Kurzfassung erzählt: Sie hatte durch ihren Großvater die Staatsbürgerschaft erhalten und dadurch konnten die Iren sie nicht mehr so einfach loswerden. Er hatte gelacht und sie hatte ihm angeboten, ihm die ganze Geschichte zu erzählen, während sie über das Grün spazierten. Daraufhin hatte MacDonald abgewinkt, ihr aber gleichzeitig versprochen, sich der Gruppe an den letzten Löchern anzuschließen, sollte es bis dahin ein wenig wärmer geworden sein. Er hatte gesagt, er würde es ansonsten vorziehen, mit einem Glas Whiskey im Warmen zu sitzen, anstatt an einem nebligen irischen Morgen über das feuchte Gras zu stapfen.

Es schien völlig unmöglich, dass er in einem Teich ertrunken war, wenn sie ihn doch weniger als zwei Stunden zuvor in dem gemütlichen Clubhaus zurückgelassen hatten. Doch hier war er und versank unter den entsetzten Blicken der Fans immer tiefer im Teich.

Megan stürzte auf das Wasser zu, sprang über das niedrige, überstehende Ufer und beugte die Knie, um sich beim Aufprall in den potenziellen Untiefen nicht zu verletzen. Eiskaltes Wasser spritzte ihr entgegen. Der Teich war tiefer, als sie erwartet hatte, und reichte ihr bis an die Brust, sodass sogar ihr BH nass wurde. Sie keuchte, richtete sich auf und kämpfte sich durch das hüfthohe Schilf, das von der Oberfläche aus kaum zu erkennen war. Hinter ihr ertönte ein weiteres Platschen. Offenbar hatte ihre Aktion die anderen aus ihrer Starre geweckt. Jemand rief mit dem Handy um Hilfe, doch als Megan Lous regungslose Gestalt erreichte und ihn auf den Rücken drehte, befürchtete sie, dass es dafür bereits zu spät war. Seine Gesichtsmuskeln waren schlaff und seine Haut war kalt. Megan tastete trotzdem nach seinem Puls, und als sie keinen fand, drückte sie das Ohr an seine Brust, nur für den Fall, dass dort ein letztes hoffnungsvolles Pochen seines Herzens zu hören war.

Martin Walsh kämpfte sich an ihre Seite vor, das Gesicht zu einer gequälten Grimasse verzogen. »Er ist … er kann nicht …« Er tastete nach Lous Puls, so wie Megan es getan hatte, doch im Gegensatz zu ihr ließ er die Hand des leblosen Mannes sofort wieder fallen und sah aus, als müsste er sich übergeben. Martin Walsh war nicht groß, aber kräftig genug, um einen Ball meilenweit über den Golfplatz zu schlagen – zumindest hatte es für Megans ungeschultes Auge so ausgesehen. Er war sportlich gebaut, für einen angenehm warmen Tag auf dem Golfplatz gekleidet und zitterte wie ein verängstigtes Tier. Rund um seine braune Iris war das Weiß in Walshs Augen deutlich sichtbar und seine Lippen nahmen bereits eine bläuliche Farbe an. »Es ist doch noch nicht einmal eine Stunde her, seit wir uns von ihm verabschiedet haben! Er kann noch nicht so kalt sein!«

»Das liegt am Wasser.« Obwohl die irischen Gewässer Mitte September meist am wärmsten waren, war die Temperatur des Teichs beinahe unerträglich. Die Kälte hatte sich bereits durch Megans Oberschenkelmuskulatur gefressen und sog die Wärme regelrecht aus ihrer Körpermitte heraus. Während sie bis zur Hüfte im betäubend kalten Wasser stand, spürte sie, wie der Schlamm vom Grund des Teichs über ihre Schuhe kroch. Es fühlte sich trügerisch warm an. Sie biss auf ihre Unterlippe, starrte Lou an und fasste einen Entschluss. Sie griff nach seinem Arm und watete mit ihm im Schlepptau zurück zum Ufer.

»Megan, was tun Sie? Was tun Sie?« Martin kämpfte sich hinter ihr durchs Wasser und schlug dabei Wellen, die Megan überholten. »Er ist tot! Sollten wir seine Leiche nicht dort lassen, wo wir sie gefunden haben, bis die Polizei kommt?«

»Vielleicht ist er noch gar nicht tot. Kaltes Wasser kann den Metabolismus durch einen Schock herunterfahren. Ich will versuchen, ihn wiederzubeleben, und das ist an Land sehr viel einfacher. Holen Sie etwas Warmes. Nehmen Sie den Leuten ihre Mäntel ab. Es gibt ein …« Sie erreichte das seichtere Wasser und drehte sich um, damit sie ihn unter den Achselhöhlen packen und den restlichen Weg an Land zerren konnte.

Lou MacDonald war bereits zu Lebzeiten kein leichter Mann gewesen, und nun, da sich seine Klamotten mit Wasser vollgesogen hatten und sein schlaffer Körper regungslos in Megans Armen hing, hätte sie schwören können, dass er eine Vierteltonne wog. Als sie mit dem Fuß auf dem überhängenden Rand des Teichs ausrutschte, brach ein Stück sandiger Erde ab und platschte ins Wasser. Beinahe hätte Megan Lous Körper aus ihrem Griff verloren. Sie bleckte die Zähne und atmete schwer vor Konzentration, als sie einen weiteren Versuch wagte. Sie machte einen großen, unbeholfenen Schritt nach hinten und versuchte, Lou nach oben zu ziehen. Ihr Rücken schmerzte und ihr Herz schlug so schnell, dass ihre Sicht verschwamm. Schwankend schüttelte sie den Kopf, doch sie war sich selbst nicht sicher, ob sie damit Ich kann das nicht oder Ich werde nicht aufgeben sagen wollte.

Martin war inzwischen beinahe grün vor Entsetzen. Dennoch schnappte er sich die Beine des regungslosen Mannes und hob ihn an, während Megan den Großteil des Gewichts rückwärts zerrte. Beim zweiten Anlauf gelang es ihnen, Lou ans Ufer zu befördern. Martin sprang regelrecht aus dem Wasser und Megan plumpste auf ihr Hinterteil, ehe sie sich auf Hände und Knie aufrichtete, um Lous Kopf zur Seite zu drehen. Sie schob die Finger in seinen Mund, bekam die Zunge zu greifen und richtete sie gerade aus, damit er nicht daran ersticken konnte. Wasser floss aus seinem Mundwinkel und Megan hörte, wie sich Martin ein paar Schritte hinter ihr ins Gras übergab.

»Hier, nehmen Sie.« Einer der Zuschauer trat vor und reichte ihr seinen Mantel. Mehr Leute folgten und begannen, in einem zunehmend lauten, chaotischen Stimmengewirr ihre Hilfe anzubieten.

Schließlich ergriff eine matronenhafte Frau das Wort. »Legen Sie die Mäntel aufeinander auf den Boden und streichen Sie sie glatt. Sie da und Sie da, helfen Sie der Frau, den Körper auf die Mäntel zu heben!«

Um sie herum gehorchten die Leute artig und selbst inmitten der Krise flammte ein winziger Funke Humor in Megans Brust auf. Offenbar war niemand hier in der Lage, sich der strengen Stimme einer irischen Mammy zu widersetzen. Ein paar Sekunden später hatten sie Lou auf die Mäntel verfrachtet. Megan kroch ebenfalls auf den Haufen und übte Druck auf Lous Brustbein aus, in der Hoffnung, dadurch das Wasser aus seiner Lunge zu pumpen. Die Mäntel waren ein gutes Stück wärmer als das feuchte Gras und Megan wurde plötzlich bewusst, wie kalt ihr selbst eigentlich war.

Jemand mit einem blumig duftenden Parfum und langen, lackierten Fingernägeln berührte Megans Schulter. »Lassen Sie mich Ihnen helfen, diese nasse Jacke auszuziehen«, sprach die Person sanft.

Megan nickte, während sie weiterhin versuchte, das Wasser aus Lous Lunge zu zwingen. Zwischen den Stößen zog die Frau Megan ihre Chauffeursjacke aus und legte ihr stattdessen einen wärmenden wattierten Wintermantel um die Schultern. Ein heftiger Schauder bahnte sich seinen Weg von Megans Bauchgegend durch ihren gesamten Körper. Sie schlüpfte in die Ärmel des Mantels und wünschte, sie könnte lange genug aufhören, um sich ihr nasses Hemd auszuziehen. Allerdings war, abgesehen vom ersten Schwall, bisher kein weiteres Wasser aus Lous Mund gekommen. Megan konnte keine Verzögerung riskieren, denn im Kampf um Leben und Tod war jede Sekunde kostbar.

Obwohl nicht mehr als eine, vielleicht zwei Minuten vergangen sein konnten, fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. »Es kommt kein Wasser mehr raus«, sagte jemand.

»Das ist mir bewusst«, zischte Megan.

Ein anderer Zuschauer wiederholte die Worte und langsam dämmerte Megan, was die Aussage bedeutete.

Als sie Lous Kopf zur Seite gedreht hatte, war nur eine kleine Menge Wasser aus seinem Mund gekommen. Sie war seitdem nicht imstande gewesen, mehr Flüssigkeit aus ihm herauszupumpen, obwohl sie die nötigen Muskeln dazu besaß und außerdem professionell für solche Dinge ausgebildet war. Die Erschöpfung nahm mit einem Schlag überhand und Megan sank neben Lous Körper zusammen. Erst jetzt sah sie das Blut unter seinem Kopf, das sich durch das hellblaue Innenfutter eines Mantels fraß.

Megan biss die Zähne zusammen und griff nach dem Handy, das sie in ihrer inneren Brusttasche trug. Für die Dauer eines Herzschlags flammte Panik in ihr auf: Das Telefon war nicht dort, wo es sein sollte. Allerdings galt dasselbe auch für die gesamte Innentasche, denn anstelle ihrer Chauffeursjacke trug Megan den Wintermantel einer fremden Person. Sie sah sich um. Ein gutes Dutzend besorgter und schockierter Menschen, vielleicht sogar mehr, hatten sich um sie und die Leiche versammelt. Zu ihnen zählte auch die Frau mit dem Nagellack, die Megan die nasse Jacke ausgezogen hatte. Die Frau hielt diese noch immer in den Händen und drückte den nassen Stoff an ihre Brust. Megan hob die Hand und winkte ihr. Die Frau fuhr überrascht zusammen, presste die Jacke fester an sich und sah sich um, als würde sie sich fragen, was Megan von ihr wollte. Dann wurde ihr offensichtlich bewusst, dass sie das, was Megan wollte, in den Händen hielt, und sie reichte ihr die Jacke zurück. Obwohl der schwarze Stoff die Wasserflecke im grauen Morgenlicht gut verbarg, konnte Megan erkennen, dass ihr Jackett trotz ihres waghalsigen Sprungs nur bis Rippenhöhe nass geworden war. Ihr Handy war hoffentlich verschont geblieben. Und tatsächlich: Das Telefon ließ sich ohne Probleme anschalten und Megan seufzte erleichtert auf. Sie öffnete ihre Kontaktliste und tippte auf den Namen, den sie gesucht hatte. Dann schloss sie die Augen und hielt sich das Handy ans Ohr.

»Detective Bourke? Hier spricht Megan Malone. Ich habe gerade eine Leiche gefunden.«

Kapitel zwei

Streng genommen lag der Royal Dublin Golf Club, der sich etwa acht Kilometer – also fünf Meilen – nordöstlich der Pearse Street Garda Station befand, nicht mehr in Detective Paul Bourkes Zuständigkeitsbereich. Allerdings hatte Megan Bourke vor drei Monaten kennengelernt, als sie nach dem Mord an einer ihrer Kundinnen in seine Ermittlungen verwickelt worden war. Demnach war er der einzige Polizeibeamte, den sie gut genug kannte, um ihn anzurufen. Ehrlich gesagt war er der einzige Polizeibeamte, den sie überhaupt kannte. Und da sie ohnehin keine Ahnung hatte, welche Polizeidienststelle für Bull Island, die Insel, die in der Bucht von Dublin lag, zuständig war, erschien ihr Bourke in diesem Moment die beste Wahl zu sein.

Kaum eine halbe Stunde nach Megans Anruf erschien Paul Bourke auf dem Golfplatz. Inzwischen waren bereits andere Gardaí am Tatort aufgetaucht. Vermutlich hatte Bourke sie selbst informiert und höchstwahrscheinlich kamen sie von jener zuständigen Dienststelle, die Megan eigentlich hätte anrufen sollen. Jedenfalls war er der erste Polizeibeamte, der in Zivil eintraf. Der präzise Schnitt seines eng anliegenden Anzugs biss sich allerdings ein wenig mit den wadenhohen grünen Gummistiefeln, mit denen er versuchte, seine Füße trocken zu halten. Über dem Anzug trug er einen Trenchcoat, und als er über das Grün auf sie zukam und der Wind sein rotblondes Haar zerzauste, erinnerte er Megan ein wenig an einen Doctor Who mit fragwürdigem Schuhgeschmack. »Ms. Malone«, begrüßte er sie, und in seiner Stimme lag ein Hauch von Ungläubigkeit.

Megan drehte die Handflächen hilflos nach oben. »Ich weiß. Ich verstehe auch nicht, wie das schon wieder passieren konnte.« Ein paar Sekunden lang sahen sie einander schweigend an und Megan erinnerte sich bildlich daran, wie die Restaurantkritikerin Elizabeth Darr vor ein paar Monaten unter mysteriösen Umständen direkt vor ihren Füßen gestorben war. Bourke dachte offenbar an denselben Vorfall, denn er seufzte tief, und Megan hob erneut die Hände. »Dieses Mal kannte ich das Opfer aber nicht. Macht das die Sache besser?«

»Nicht wirklich«, erwiderte Bourke in leicht säuerlichem Tonfall. »Sie haben am Telefon gesagt, dass Sie einen Mord vermuten. Wie kommen Sie darauf?«

»Er hatte kein Wasser in der Lunge.« Megan sah zu der Stelle, an der die Sanitäter MacDonalds Leiche in den Krankenwagen verladen hatten. Es waren noch immer tiefe, breite Reifenspuren im Gras zu erkennen. »Ich dachte, er könnte vielleicht noch am Leben sein. Durch das kalte Wasser hätte er einen Kälteschock erlitten haben können. Deshalb habe ich ihn ans Ufer gezogen und versucht, das Wasser aus seiner Lunge und seinem Magen zu pumpen, aber dort war keine Flüssigkeit. Und ich weiß, wie man eine Herz-Lungen-Reanimation korrekt durchführt.« Sie warf Bourke einen Blick zu und er nickte. Immerhin hatte er selbst mitangesehen, wie sie damals versucht hatte, Liz Darr wiederzubeleben. »Falls er Wasser in der Lunge gehabt hätte, dann hätte ich es da rausgekriegt«, fuhr Megan selbstbewusst fort. »Aber da war kein Wasser. Er muss also gestorben sein, bevor er in den Teich gestürzt ist. Außerdem hat er eine Wunde am Hinterkopf. Also entweder hat er sich irgendwo den Schädel aufgeschlagen und ist dann mit dem Gesicht voran in einen Teich gefallen, dem er sich eigentlich nicht mal hatte nähern wollen – oder er wurde ermordet.«

Bourke hob die Brauen, die so blond waren, dass man sie beinahe nicht sehen konnte. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten. »Und woher wissen Sie, dass er sich dem Teich nicht nähern wollte?«

»Bevor wir auf die Anlage gegangen sind, hat Mr. Walsh ihn mir im Clubhaus vorgestellt. Als wir losgingen, sagte er, er würde lieber mit seinem Whiskey im Warmen bleiben.«

»Also haben Sie ihn gekannt.«

»Ich habe einmal mit ihm gesprochen, und das war vor zwei Stunden.« Megan richtete den Blick in den Himmel, als würde sie darauf hoffen, dass die dicke Wolkendecke sich teilte und die Sonne freigab, damit sie die Uhrzeit einschätzen konnte. »Na ja. Eher vor drei Stunden, schätze ich. Aber ich habe ihn auf jeden Fall nicht richtig gekannt.«

»Und welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?« Bourke zog ein Notizbuch mit dunkelviolettem Einband aus der Tasche seines Trenchcoats und begann, sich Notizen zu machen. Sein Stift flog über die Seiten, und die Schleifen und Unterbrechungen seiner Handschrift waren durch seine Handbewegungen deutlich zu erkennen. Bei der Ermittlung zu Elizabeth Darrs Tod hatte er in ein dunkelgrünes Notizbuch geschrieben und Megan fragte sich, ob er für jede Ermittlung eine andere Farbe benutzte. Bedeutete das, dass er mehrere Bücher auf einmal mit sich herumtrug?

»Er wirkte ziemlich nett. Hat sich offenbar mit jedem Menschen, den er getroffen hat, gern unterhalten, ganz wie ein typischer Ire.« Megan hielt inne und schürzte die Lippen. Für einen Moment hatte sie vergessen, dass sie mit einem gebürtigen Iren sprach. Allerdings lächelte Bourke nur kurz über das Klischee und bedeutete ihr mit einer Geste, fortzufahren. »Er war die Art von Mann, die schon vor dem Mittagessen ein Glas Whiskey in der Hand hat, aber er wirkte nicht betrunken. Es war ja auch nicht so, als hätte er seinen Drink runtergekippt, während wir uns unterhalten haben. Im Gegenteil, ich bin mir nicht mal sicher, dass er überhaupt davon getrunken hat. Er wollte wissen, wie es dazu gekommen ist, dass ich in Irland als Chauffeurin arbeite, aber das war auch schon alles. Wir haben uns nur ein paar Minuten lang unterhalten. Er sagte, dass er sich bei den hinteren neun Löchern vielleicht zu uns gesellen würde, sollte das Wetter sich bis dahin gebessert haben.« Erneut sah sie skeptisch zum Himmel. »Mir hat mal jemand gesagt: ›Das Wetter ist doch gut, die Wolken sind alle ganz hoch oben …‹ Aber das war kurz nachdem ich hierhergezogen bin, und ich glaube, die Person hat sich damals einen kleinen Scherz erlaubt. Ich würde auf jeden Fall nicht behaupten, dass das Wetter sich gebessert hat. Aber wie dem auch sei, offenbar hat er sich dazu entschlossen, doch einen Spaziergang zu machen. Oder jemand ist auf die Idee gekommen, den Film Immer Ärger mit Bernie mit ihm nachzuspielen. Sie wissen schon, das ist diese schwarze Komödie, in der eine Leiche als lebender Mann verkleidet wird …«

Bourke notierte sich die Flut an Informationen mit stoischem Gesichtsausdruck. »Wissen Sie, in welcher Beziehung er zu Martin Walsh stand?«

Megan verzog das Gesicht zu einer ahnungslosen Grimasse. »Sie kannten sich offenbar ziemlich gut. Sie waren ungefähr gleich alt, würde ich sagen. So etwa Mitte vierzig? Auf jeden Fall nicht viel älter als Sie und ich. Martin versucht immer noch, seine letzte PGA-Tour in den Staaten zu gewinnen. So alt kann er also gar nicht sein.«

»Martin Walsh ist achtundvierzig Jahre alt«, erklärte Bourke, als wäre es kaum zu glauben, dass Megan dies nicht wusste.

»Verzeihen Sie mir, dass ich nicht auf dem letzten Stand bin, was irische Spitzengolfer betrifft«, erwiderte Megan amüsiert. »Zumindest weiß ich, wer er ist. Reicht das nicht?«

»Als Nächstes erzählen Sie mir, dass Sie Katie Taylor und Conor McGregor auch nur vom Namen her kennen«, murmelte Bourke, und Megan lachte.

»Nein. Die kenne ich. Hören Sie, ich weiß, dass das hier nicht Ihr übliches Revier ist, Detective. Also danke, dass Sie hierhergekommen sind, nachdem ich Sie angerufen habe.«

»Ich glaube nicht, dass es meinem Chef gefallen würde, wenn ich einen persönlichen Anruf über einen Mord erhalte und anschließend nicht an den Tatort fahre, also nichts zu danken. Ich sollte mich gleich an die Arbeit machen.« Trotz seiner Worte zögerte Bourke einen Moment. »Wie geht es den Welpen?«

Ein Grinsen wuchs auf Megans Zügen. »Es geht ihnen wunderbar! Dip ist inzwischen größer als Thong …«

Die Namen der Hunde ließen Bourke gequält das Gesicht verziehen und Megan musste sich ein Lachen verkneifen. Während der Mordermittlung im Fall Elizabeth Darr war sie auf einen Jack Russell Terrier gestoßen, eine Hündin, die gerade zwei Welpen zur Welt gebracht hatte. Mit seinem braunen Gesichtchen sah der Junge aus, als hätte man ihn in Schokolade getunkt, und deshalb hatte Megan ihn auf den Namen Dip getauft. Da sie, wie sie aus sicherer Quelle erfahren hatte, einen seltsamen Sinn für Humor besaß, hatte sie seine Schwester Thong genannt. Sprach man die Namen gemeinsam aus, entstand daraus Dip Thong, was einerseits an Damenunterwäsche erinnerte und andererseits ein bisschen wie das Wort Diphthong klang, das Zwielaut bedeutete. Niemand sonst fand dieses Wortspiel lustig und Megans Freundin Fionnuala, die versprochen hatte, Thong bei sich aufzunehmen, schwor, dass sie der kleinen Hündin einen anständigen Namen geben würde. Bourke teilte diese Einstellung offenbar, allerdings schien er sich ohnehin nicht sonderlich für die Welpen zu interessieren. Stattdessen war er jedoch bereits einige Male bei Megan vorbeigekommen, um das Vertrauen der Hundemama zu gewinnen.

»Übrigens sind die Kleinen inzwischen so gut wie vollständig von der Milch ihrer Mutter entwöhnt«, beendete Megan ihre Erzählung und grinste breit. »Fionn hat gesagt, dass sie Thong dieses Wochenende abholt, wenn ich mich richtig erinnere. Ich hoffe es zumindest. Meine Chefin wirft mir jedes Mal den Todesblick zu, wenn sie mich sieht. Ich dürfte eigentlich gar keine Hunde in meiner Wohnung haben.«

»Tja, vielleicht haben Sie dadurch gelernt, dass es keine gute Idee ist, wenn die Arbeitgeberin auch gleichzeitig die Vermieterin ist.« Bourke verabschiedete sich mit einem Nicken und ging, um die Zeugen zu befragen.

»Die Wohnung war ein richtiges Schnäppchen!«, rief Megan ihm hinterher, als müsste sie sich verteidigen, dann murmelte sie halblaut: »Das ergibt doch keinen Sinn. Ich wusste ja nicht, dass ich irgendwann mit einer Hündin und zwei Welpen dastehen würde, als ich den Mietvertrag unterschrieben habe …«

Detective Bourke führte ein langes Gespräch mit Martin Walsh. Der Krankenwagen verließ das Gelände und mehrere junge Angestellte des Clubs erschienen in Golfwagen. Sie sahen allesamt entsetzt drein und hielten Abstand von den Zeugen des Nachspiels von Lou MacDonalds Tod. Megan zitterte vor Kälte, doch sie wollte wissen, worüber sich Bourke und Walsh unterhielten. Unter dem Vorwand, ihren Auftraggeber nach Hause fahren zu müssen, schlich sie sich an die beiden Männer heran. Als sie in Hörweite war, begann sie, den schmalen Pfad hinter Bourke auf und ab zu stapfen, damit der Detective sie nicht sehen konnte. Außerdem hoffte sie, dass die Bewegung dabei half, wieder ein bisschen Leben in ihre mit Schlamm verklebten Füße und halb erfrorenen Schenkel zu bringen. Im Kofferraum ihres Wagens lagen zwar einige Rettungsdecken, aber um diese zu holen, hätte sie Walsh zurücklassen müssen, und dann würde sie nie erfahren, worüber sich die Männer unterhielten.

Martin hatte sich in den bodenlangen Wollmantel einer Frau gewickelt, um sich vor der Kälte zu schützen. Er sah völlig zerstört aus und warf immer wieder schnelle Blicke zu den Reifenspuren des Krankenwagens. Der Nebel hatte die hellen Haare des Golfers mit feinen Tröpfchen benetzt, und einige der feuchten Strähnen klebten an seinem runden Gesicht, wodurch er ein wenig wie ein besonders dusseliges, zotteliges Schaf aussah. »Jeder hat Lou gemocht«, sagte er nun schon zum vierten Mal, seit Megan die Unterhaltung belauschte. »Er war nicht die Art von Kerl, die sich Feinde macht. Für so einen Schwachsinn hatte er keine Zeit. Wenn du ihn nicht gemocht hast, dann war das dein Problem. Über so was hat er sich nicht aufgeregt. Ich kannte ihn, seit ich zwölf war, und in all den Jahren habe ich nur ein einziges Mal erlebt, dass Lou sich geprügelt hat.«

»Und was ist damals vorgefallen?« Offenbar wusste Bourke noch nichts von dieser Sache, denn er begann erneut, sich Notizen zu machen. Megan blieb stehen und trat stattdessen auf dem feuchten Gras auf der Stelle, um sich warm zu halten.

»Ach, wir waren damals in einer Kneipe und so ein kleines Arschloch ist auf einen Kumpel von uns losgegangen. Unser Freund ist Nigerianer und dieser Pisser hat ihn mit einem Wort bezeichnet, das ich lieber nicht wiederholen möchte. Da ist Lou aufgestanden und hat den Kerl gefragt, ob er das noch einmal sagen möchte. Der kleine Penner hat ihm eine verpasst, aber es war wie in einem Film, wissen Sie? Wenn der winzige Typ dem großen ins Gesicht schlägt, aber der Riese zuckt nicht einmal mit der Wimper? Genau so war’s. Ich habe ihn noch nie so überrascht gesehen. Er war einen Meter neunzig groß und damals noch gebaut wie ein Fass, in den letzten Jahren hat er ein bisschen abgenommen. Niemand schlägt so einem Mann ins Gesicht, schon gar nicht so ein kleines Arschloch. Also hat Lou zurückgeschlagen. Es war nur ein einziger Hieb, aber mehr war auch nicht nötig. Der Penner ist zu Boden gegangen und seine Kumpels haben ihn nach draußen gezerrt, während wir weiter unser Bier getrunken haben. Aber das ist fast dreißig Jahre her und es war eigentlich nicht mal eine richtige Prügelei.«

Bourke nickte, als würde alles einen Sinn ergeben. »Und er hat ebenfalls gegolft?«

Unter dem Wollmantel zitterte Martin vor Kälte. Er zuckte mit den Schultern. »Sie hätten ihn mal sehen sollen, als wir noch Teenager waren. Mit diesen Schultern hätte er einen Ball so weit schlagen können, dass man das Ding nie wieder gesehen hätte, vorausgesetzt, er hätte getroffen. Aber seine Frau war leidenschaftliche Golferin und er hat ihretwegen auch damit angefangen. Durch die Spiele mit ihr ist er zu einem ziemlich guten Golfer geworden, vielleicht sogar besser als ich, auch wenn er nie so ambitioniert war. Wir wollten dieses Jahr zusammen um die Wildcard beim Ryder Cup spielen …« Der Schmerz kroch über Martins Gesicht und in Verbindung mit der Kälte schienen dem Golfprofi beinahe die Tränen in die Augen zu steigen. »Ich schätze, ich bin jetzt auf mich allein gestellt.«

Detective Bourke sah sich um. Sein Blick wanderte zu Megan – offenbar war sie doch nicht so unauffällig gewesen –, dann weiter zu Walshs Entourage, die noch immer von den Gardaí verhört wurde, und schließlich zurück zu Martin Walsh selbst. »Sie und Ms. Malone begeben sich am besten zurück zum Clubhaus und wärmen sich auf. Ich möchte mich dort noch weiter mit Ihnen unterhalten, aber es gibt nichts, was wir hier im Wind und Nebel besprechen müssen, vor allem, da Sie beide völlig durchnässt sind.«

»Oh, Gott sei Dank!«, brach es aus Megan hervor und sie eilte gemeinsam mit Walsh zu einem Golfwagen, der von seinem Fahrer vor einer Weile verlassen worden war. Als der junge Mann sie sah, kam er sofort zu seinem Gefährt zurückgelaufen, zog eine dicke Wolldecke hervor und bot sie Megan und Walsh an.

»Möchten Sie, dass ein Hot Toddy oder ein Kaffee im Clubhaus für Sie bereitsteht?«, fragte er besorgt. »Ich kann anrufen und Bescheid sagen.«

»O Gott, ja«, entfuhr es Walsh. »Einen Kaffee, so stark wie möglich.« Er zog die Decke fester um sich.

Megan nickte dem Fahrer zu, der offenbar glücklich darüber war, helfen zu können. Während sich Megan und Martin unter der Decke wärmten, rief er im Clubhaus an, setzte sich hinter das Lenkrad und fuhr los.

»Im Club gibt es eine Waschmaschine und einen Wäschetrockner«, sagte Walsh zähneklappernd. »Dort können sie uns wieder frisch machen.«

Megan wurde von einem unkontrollierbaren Zittern ergriffen, kicherte aber dennoch. »Ich befürchte, dass es gegen die Kleidervorschriften verstößt, wenn ich mich bis auf die Unterwäsche ausziehe, Mr. Walsh.«

»Ich denke, in diesem Fall werden sie eine Ausnahme machen«, erwiderte Walsh trocken und wandte sich erneut dem Fahrer zu. »Denken Sie, dass es dort Bademäntel oder Pantoffeln gibt, Junge? Ich weiß, es ist kein Hotel, aber …«

»Man wird Ihnen trockene Kleider aus dem Shop bringen, Sir«, erwiderte der Fahrer schnell. Offenbar war das Thema unter den Angestellten bereits besprochen worden. »Wir waren uns nicht sicher, wie viele Leute nass geworden sind und Kleidung benötigen, aber es gibt dort auf jeden Fall Oberteile und Shorts.« Er warf Megan über die Schulter hinweg einen besorgten Blick zu. »Ich weiß allerdings nicht, ob es dort lange Hosen oder sonst etwas gibt, das Ihnen passen könnte, Ma’am …«

»Wenn die Leute im Club ausnahmsweise über ein schlecht sitzendes Polo-Shirt mit Shorts hinwegsehen können, komme ich zurecht«, versprach Megan. Der Fahrer schenkte ihr ein erleichtertes Lächeln und schwieg für den Rest der kurzen Fahrt zum Clubhaus, womit alle Beteiligten einverstanden waren.

Im trüben Nachmittagslicht sah das rote Schieferdach des Clubhauses fast schwarz aus. Vor den sauberen, strahlend weißen Wänden des Gebäudes zeichneten sich die Gestalten der aufgeregten Angestellten ab, die dem Golfwagen entgegeneilten. Manche trugen Handtücher, andere den versprochenen Irish Coffee und ein paar von ihnen schienen bloß hier zu sein, um den craic mitzukriegen – den Unterhaltungswert der Angelegenheit. Wahrscheinlich wollten sie später erzählen können, dass sie die Sache mit eigenen Augen mitangesehen hatten.

Megan nahm dankbar ein Handtuch entgegen – offenbar hatte es jemand frisch vom beheizten Handtuchhalter genommen, denn es war noch immer angenehm warm.

»Hier entlang«, hörte sie einen männlichen Angestellten zu Walsh sagen. »Ich bringe Sie nach oben zu den Duschen, dann können Sie sich aufwärmen.«

Megan nahm einen köstlichen Schluck von ihrem heißen Irish Coffee und näherte sich dem jungen Mann. »Sie haben etwas von einer Dusche gesagt? Ich erfriere.«

Der Angestellte sah sie unsicher an. »Ähm, also, na ja, ich fürchte … Sehen Sie, die Sache ist die: Wir haben hier keine Duschen für Frauen, Ma’am.«

In Megans Magen breitete sich ein Feuer aus, das rein gar nichts mit dem Kaffee zu tun hatte. »Entschuldigung?«

»Nein, Sie müssen sich nicht entschuldigen, Ma’am, wir haben bloß keine …«

»Entschuldigung«, wiederholte Megan, dieses Mal deutlich schärfer als zuvor, »aber Sie haben mich wohl falsch verstanden. Ich habe Sie nicht um Verzeihung gebeten. Das war die höfliche Art, meine Fassungslosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Was meinen Sie bitte, wenn Sie sagen, dass es hier keine Duschen für Frauen gibt?«

»Es ist … nun, das Clubhaus ist … der Club ist … es ist sozusagen … die Mitgliedschaft …« Der junge Mann geriet ins Stocken und sah verzweifelt zu seinen Kollegen, von denen ihm allerdings keiner zur Hilfe kam. Sein Blick kehrte schließlich zu Megan zurück, doch anstatt seine Aussage zu beenden, machte er bloß den Mund auf und zu, sodass er wie ein Fisch aussah.

Megan wartete einfach, und sie spürte, wie sich ein grimmiges Grinsen auf ihren Zügen ausbreitete. Als der Junge nicht fortfuhr, ergriff sie das Wort. »Es tut mir leid, aber ich verstehe nicht, was Sie mir sagen wollen. Sie müssen es mir wohl ganz langsam Wort für Wort erklären.«

»Damen sind im Royal Dublin nicht als Mitglieder zugelassen«, wisperte der junge Mann schließlich. »Es gibt im Clubhaus also keine Einrichtungen für Frauen.«

Megan schäumte geradezu vor Wut, und als sie lächelte, trat der Angestellte einen Schritt zurück. »Ausgezeichnet«, sagte sie, nachdem er Abstand zwischen sie gebracht hatte. »Dann führen Sie uns jetzt bitte zu den Männerduschen.«

»Was?« Der junge Mann, der ohnehin bereits hellhäutig war, wurde so weiß wie ein Laken. »Was? Nein, Ma’am, ich fürchte …«

»Junger Mann«, zischte Megan durch ihr angespanntes Lächeln. »Der einzige Grund, weshalb ich Sie nicht persönlich zur Schnecke mache, ist die Tatsache, dass Sie nichts für diese abscheulichen Regeln können, die zweifelsohne aus einem anderen Jahrhundert stammen. Allerdings haben Sie sich freiwillig dazu entschieden, für eine Einrichtung zu arbeiten, in der Frauen nicht einmal als Bürger zweiter Klasse angesehen werden, sondern schlicht und ergreifend nicht existieren – und das ist zu hundert Prozent Ihre eigene Verantwortung.« Sie ließ den Blick über die anderen Angestellten schweifen. Die meisten davon sahen betroffen zur Seite. »Und das gilt für Sie alle.« Megan richtete den Blick wieder auf den unseligen jungen Mann, der beschlossen hatte, die Hausregeln bis aufs Äußerste zu verteidigen. »Ich versichere Ihnen, dass ich nicht beabsichtige, mich einfach abzutrocknen und dann darauf zu warten, dass mir irgendwann von selbst wieder warm wird, wenn es hier im Haus Duschen gibt. Wenn einer der – und ich benutze dieses Wort nur ungern – ›Gentlemen‹ in diesem Club ein Problem damit hat, dann lade ich ihn herzlich dazu ein, seine antiquierten, sexistischen und frauenfeindlichen Ansichten mit der Geschäftsleitung zu besprechen.« Wutentbrannt stolzierte sie an dem jungen Mann vorbei. Wenn er ihr nicht half, würde sie die Dusche eben selbst finden. Allerdings schien er es sich anders überlegt zu haben, denn er stieß einen alarmierten Laut aus und eilte voraus, als hätte er die Situation völlig unter Kontrolle. Martin Walsh gluckste amüsiert und folgte ihnen nach drinnen.