Leseprobe Maximum

„Natürlich habe ich nach zwölf die Happy Hour noch bekommen. Weil ich so überaus beliebt bin.“

So oder so ähnlich lautete Max’ Antwort auf alles. Er sei so überaus schön, so überaus schlau, so überaus mathematisch begabt, redegewandt, belesen, überzeugend oder inspirierend. Wenn Leute in seinem Umfeld etwas vollbrachten, dann nur, weil er sie so überaus motiviert hatte. Wenn die Sopranistin im Konzert gut sang, dann nur, weil er in der ersten Reihe gesessen hatte. Und es war nicht etwa so, dass er das nur zu Freunden sagte, nein, Behauptungen dieser Art band er einem schon nach fünf Minuten auf die Nase.

Solange ich ihn kannte, wusste ich nie, wie ernst oder spaßig er es wirklich meinte. Jedes Mal, wenn man etwas zu ihm sagte, ihm etwas erzählte, konterte er damit, dass dies nur passiert war, weil er so überaus dieses oder jenes gesagt oder getan hatte. Dabei warf er in gespielter Hochnäsigkeit seinen Kopf nach hinten und legte sich die Hand auf die Brust, als würde es einem nicht knüppeldick unter die Nase gerieben, dass er mit seinem Kommentar sich selbst gemeint hatte.

Andererseits war er immer für mich und seine Freunde da, hatte immer ein offenes Ohr und war tatsächlich verdammt ermutigend, wenn man ihn wegen eines Problems um Rat fragte, wenn man ihn wegen der Umsetzung eines selbstgebastelten Geschenks für Großtante Hedwig zum Sechzigsten um Inspiration bat oder wenn man in der Suppe noch ein letztes Gewürz brauchte, um das Geschmackserlebnis perfekt abzurunden. So hatte er einerseits recht, wenn er solche Dinge sagte, andererseits konnte man es ihm kaum krummnehmen, da er seine arrogante Veranlagung tatsächlich durch Können wettmachte.

Und was er am besten konnte: leben. Er studierte Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie, ging oft auf Partys, kam danach mit einer oder auch zwei schönen Frauen heim und weckte mich nicht selten, obwohl ich weiß – und immer wusste –, dass er sich bemühte, leise zu sein. Wenn ich Spätdienst gehabt hatte und schon schlief, setzte ich mich meistens verschlafen zu ihnen in die Küche und trank ein Bier mit, um wieder besser einschlafen zu können. Halb im Traum lauschte ich seinen Anekdoten und war jedes Mal überrascht, wie sehr die jeweilige Auserwählte doch an seinen Lippen hing, wie viel er bereits erlebt hatte auf seinen zweimonatigen Reisen an die palmenumsäumten Strände von Mombasa, zu den bunten Bergen Zhangyes und den goldenen Zwiebeltempeln in Myanmar, den Madre de Dios hinauf und durch den brasilianischen Urwald, um Aras zu beobachten, die für ihn durch ihre Intelligenz und die Fähigkeit zu fliegen die ultimativen Symbole der Freiheit waren. Wenn ich Frühdienst hatte, stampfte ich in die Küche und musste nichts sagen. Er verzog sich dann mit der Angeschleppten in sein Zimmer oder auf die Dachterrasse, die zwar direkt über unserer Wohnung liegt, aber immerhin konnte ich dann die Fenster schließen und weiterschlafen. Allerdings konnte ich sicher sein, dass er mir am nächsten Morgen um sieben Uhr ein ausgefallenes Frühstück hinstellte und sich entschuldigte, wobei er mir dampfenden Kaffee oder duftendes Rührei auftischte. Die Nächte, in denen ich rücksichtslos geweckt wurde, und die Morgen, die müde, doch immer ausgesprochen angenehm begannen, vermisse ich am meisten, obwohl er weiß Gott ein Liedchen davon singen konnte, wie ich wutschnaubend zurück in mein Zimmer stapfte. Ja, Gott weiß das wohl, nehme ich an. Zumindest Max hat geglaubt, dass es einen Gott gibt. Ich bin mir da nicht so sicher.

Warum er mit mir zusammenwohnte, fragte ich mich oft.

Einmal auch ihn.

Es war an einem Samstagmorgen, wir saßen in der Küche, ich hatte keinen Dienst, nachdem ich die halbe Woche Doppelschichten geschoben hatte, weil wir am Dienstag einen besonders schweren Fall hereinbekommen hatten. Zwei tote Kinder, die Wohnung vollkommen zerstört, der Vater mit einem Messer im Bauch im Koma und die Mutter über alle Berge, entführt oder abgehauen, was weiß ich. Der Fall ging mir damals echt an die Nieren, vor allem, weil die Ermittlungen noch nichts ergeben hatten. Ich zweifelte an der Gerechtigkeit der Wirklichkeit, wie so oft, wenn ein Fall besonders widerlich ist – und dann frage ich mich meistens auch, warum ich diesen Job eigentlich mache. Die Sonne schien zur geöffneten Balkontür herein und der Wind bauschte unsere weißen Chiffonvorhänge, die Max tolerierte, weil ich ihm verklickert hatte, dass sie Leben in unsere Wohnung brächten, wenn der Wind sie wie Geister tanzen ließ … oder vielleicht auch, weil ich sagte, dass Frauen sie mochten. Die Blätter des Drachenbaums leuchteten grün vor dem Hintergrund der roten Dächer draußen, und wie so oft hatte ich das Gefühl, in Italien zu sein.

Max stellte mir einen Kaffee Latte hin, in dessen Schaum er kunstvoll die Umrisse einer Palme mit Kakaopulver gestreut hatte.

Er setzte seinen Kaffee zu mir an den Tisch, goss sich selbst nach seinen nächtlichen Eskapaden mehr auf den Stuhl, als dass er sich aufrecht hielt, doch schaute mich dann hellwach und aufmerksam an. „Warum fragst du mich das?“, fragte er, während er bereits die Tasse ansetzte und den Schaum wegschlürfte.

„Nimm zum Beispiel heute Nacht“, sagte ich. „Du vergnügst dich immer, du lebst dein Leben, wie es dir gefällt, und ich bin das genaue Gegenteil. Ich komme mir vor wie ein Hausdrache.“

Er schüttelte den Kopf. „Vielleicht in Äußerlichkeiten. Aber du tust auf deine Weise dasselbe wie ich: Leben bewahren.“

Ich schnaubte. „Ja, das haben wir ja gesehen, als wir am Dienstag die Kinder fanden.“

Er klopfte mir auf die Schulter. „Ja, aber du wirst den Täter schnappen, Frau Kommissarin. Und alles, woran dir liegt, ist, ein Leben zu bewahren. Im Gegensatz zu mir musst du nur aufpassen, dass du es nicht auf Kosten deines eigenen tust.“

„Weil du im Gegensatz zu mir so überaus lebenserfahren bist“, sagte ich mit einem Zwinkern.

Er lachte, denn seine vierundzwanzig Jahre hatte ich schon vor acht in die Tasche gesteckt. Und obwohl er mir oft wie mein kleiner Bruder vorkam, hatte ich versucht, mir von seiner Art zu leben etwas abzugucken. Maximilian hatten ihn seine Eltern genannt, aber ich glaube, sie wussten schon, warum – aus allem versuchte er, das Maximum herauszuholen, und einmal hat er es mir sogar mit dieser Analogie erklärt.

„Aber zum Leben gehören immer zwei Teile. Du weißt schon, Ying und Yang, gut und böse, lustig und ernst. Du bist der eine, ich der andere Teil. Darum wohnen wir zusammen. Darum müssen wir zusammen wohnen. Wir müssen voneinander lernen.“

Ich bewunderte seine Offenheit in diesem Moment sehr und nahm mir vor, weniger ernst durch die Welt zu marschieren. Vielleicht ein bisschen mehr zu tänzeln oder Slalom zu laufen, so hätte er das wahrscheinlich ausgedrückt.

„Und glaube mir, in zwei Jahren, wenn ich mein Studium beende, dann werde ich sehr viel von deiner Disziplin lernen. Weil ich so überaus vielseitig und lernversessen bin!“ Er zwinkerte mir zu und unterließ es, vielleicht wegen des ernsten Themas, seine gespielte Arroganz wie üblich tatkräftig zu betonen.

Das war das einzige Mal, dass ich ihn wirklich ernst erlebt habe. Doch nein – am Abend, als er starb, da war er auch ernst, auf eine viel ruhigere und unheimlichere Weise. Er war blass und sein übliches „Hallo, bist du zuhause?“ kam gepresst, nicht erwartungsvoll wie sonst.

Ich trat aus der Küchentür, dicht gefolgt vom roten Duft der Bolognese. „Alles in Ordnung?“, fragte ich ihn.

Er hängte gerade seine Jacke an der Garderobe auf und fuhr zusammen. „Was?“ Verspätet kam meine Frage zwischen dem Chaos an Gedanken an, die sich offensichtlich in seinem Kopf abspielten. Er rang sich ein Lächeln ab, von dem ich wusste, dass es nicht echt war, und nickte. „Jaja, alles bestens. Ich …“

„Mh-hm“, sagte ich gedehnt.

Er hatte sich schon zu seinem Zimmer gewandt und drehte sich noch einmal zu mir herum. „Ich … habe nur gerade etwas erfahren, weil ich so überaus beliebt bin, verdammte Scheiße.“

Ich hatte ihn diese Ausdrucksweise noch nie im Zusammenhang mit einer negativen Eigenschaft sagen hören, darum stutzte ich und fragte nicht nach. Vielleicht, wenn ich das getan hätte, wäre er heute noch am Leben. Das frage ich mich oft.

Aber ich tat es nicht, registrierte nur, während ich mir am Spaghettiwasser die Finger verbrannte, wie er mir in die Küche folgte und abwesend die Zahnstocher durchblätterte, die auf dem Küchentisch standen.

„Ich … ich muss dich morgen mal was fragen“, sagte er und ich nickte nur, da ich im Kampf mit dem Soßenvulkan gerade all meine Konzentration benötigte.

Als ich mich umdrehte, war er verschwunden, und mir fiel ein, dass ich vage das Knarren seiner Zimmertür und dann das Geräusch der zufallenden Tür zur Terrasse wahrgenommen hatte. Ich füllte mir einen Teller auf und verzog mich in mein Zimmer, weil ich meine Ruhe haben wollte. Als ich eine Stunde später hinausging, um abzuwaschen und mir anschließend die Zähne zu putzen, merkte ich, dass die Tür noch immer angelehnt war und dass seine Jacke noch an der Garderobe hing. Weil er so seltsam gewesen war, ergriff ich sie, um sie ihm nach oben zu bringen. Was wusste ich, vielleicht war er betrunken und hatte die Freundin eines anderen gevögelt, und nun zum ersten Mal gelernt, dass man nicht jeden Tag oder jede Nacht einfach genießen konnte, wie sie war.

„Max?“, rief ich die Treppe hinauf, obwohl das Knarren der Stufen mich schon mehr als unauffällig angekündigt hatte. Alles heute Abend sah ihm gar nicht ähnlich, und so dachte ich mir, dass ich auch in mir ganz unähnlicher Weise ihm bemutternd seine Jacke hinaufbringen konnte.

Als ich oben die Tür öffnete, sah ich ihn am Boden liegen. Er bebte heftig und als ich neben ihm kniete, wurde mir schlecht beim Anblick der drei Einschusslöcher, eins in der Magengegend, eins im Unterleib, und ein Geschoss hatte ihn in die Brust getroffen, nachdem es den tönernen Blumenkasten meiner Mutter durchschlagen hatte. Ich holte einmal tief Luft, um mich zu sammeln, wälzte ihn auf die Seite, damit er nicht an seinem eigenen Blut ertrank, und breitete seine Jacke über ihn. Rannte hinunter, wühlte mit zitternden Fingern mein Handy aus meiner Jackentasche, stürmte die Stufen hinauf zum Dach, während es in der Leitung tutete. Wieder neben ihm fühlte ich seinen Puls, der kaum noch vorhanden war, als sich endlich jemand am anderen Ende meldete und ich den Notarzt rufen konnte. Als der eintraf, hatte Max schon aufgehört zu zittern. Er starb, bevor sie das Krankenhaus überhaupt erreichen konnten.

Die Trauerfeier war grauenvoll, weil alle schwarz trugen und ich die ganze Zeit daran denken musste, dass ihm das ganz bestimmt nicht gefallen hätte. Er hätte sich gewünscht, da bin ich mir sicher, dass wir viel trinken und essen und vielleicht eine Liveband spielt. Oder zwei, eine gemäßigte zum Essen und eine, um erst wild und dann engumschlungen zu tanzen und hinterher eine Person mit nach Hause zu nehmen, sodass man sich gegenseitig Trost und Ablenkung verschaffen konnte. Alle bedauerten mich, weil ich ihn gefunden hatte, und ich konnte mit dem riesigen Kloß im Hals nicht sprechen, und wenn, dann hätte ich ihnen trotzdem nicht sagen können, was sie hören wollten, weil ich mich die ganze Zeit nur fragte: Warum war Max ermordet worden?

 

„Komm mir nicht wieder mit dieser Scheiße, Fred!“ Ich stand müde und im Morgenmantel in der Küche, während Beamte durch den Flur stapften, die Treppe hinauf.

„Du weißt doch –“

„Ja, ich kenne die beknackten Vorschriften, und ich habe dir schon gesagt, dass ich nicht nach dem Schützen geschaut habe! Herrgott, er hat noch gelebt, ich war damit beschäftigt, nach ihm zu sehen, nicht nach dem Täter!“

„Aber hättest du nicht –“

Ich konnte ihn auf einmal einfach nur ansehen. Ja, hätte ich nicht? Nein, verfluchte Scheiße! Und es hätte nichts gebracht, es hätte Max nicht geholfen, zu überleben, wenn ich mich in diesem Moment nach dem Schützen umgesehen hätte. Ja, ich würde den Täter finden, das hatte ich mir geschworen, aber noch konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Vor sechs Tagen war Max ermordet worden und ich hatte wirklich Mühe, mich in der Wohnung aufzuhalten, ganz zu schweigen davon, logische Ermittlungen zu führen. Aber jetzt war mein Zorn verraucht, ganz plötzlich, und ich legte die Hände auf die Stuhllehne, weil ich eine Stütze brauchte. „Nein, hätte ich nicht. Es ist was ganz anderes, wenn es dich persönlich betrifft.“ Meine Augen brannten, aber es war mir egal, wenn Fred mich weinen sah. Herrgott, wie egal mir das war. „Diese verdammten Filme“, fluchte ich.

Fred zwang mich auf den Stuhl, dann machte er sich an der Kaffeemühle zu schaffen. „Was meinst du?“

„Ach!“ Ich rammte meine Faust in den Tisch, bevor ich mich beherrschen konnte, sodass die Vase mit vertrockneten Gänseblümchen klirrend einen Satz machte. „Da werden immer Leute angeschossen und ihre Angehörigen, Partner, sonst irgendwelche Polizisten rennen immer den Tätern hinterher, um sie auch ja zu schnappen, anstatt sich um die Verletzten zu kümmern und zu schauen, ob sie vielleicht erstmal Hilfe brauchen. Das ist nicht wie in der Realität!“

Er hatte den Kaffee aufgesetzt und ließ sich ebenfalls auf einen Stuhl fallen. Einige Momente sah er mich nur an, dann fingerte er eine Schachtel Zigaretten aus seiner Jackentasche und legte sie zusammen mit einem Feuerzeug auf den Tisch.

Ich war in diesem Moment wirklich dankbar über den Schnullerersatz, wie Max das nennt, nahm mir eine Zigarette und zündete sie an. „Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.“ Ich blies den Rauch in die Luft und beobachtete den Qualm, der sich in bläulichen Kringeln gen Decke verlor.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich rauche nicht.“ Er stand auf, als der Kaffee brodelte, schenkte erst mir, dann sich selbst welchen ein und setzte sich wieder zu mir.

Sievers erschien in der Tür. „Wir sind jetzt fertig.“

Fred zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Nichts gefunden.“

Fred nickte. „Ich habe Feierabend, Sie müssen ohne mich zum Präsidium zurück.“

Sievers nickte und verließ mit Lübbersmann im Schlepptau die Wohnung.

„Dann geh heim, Fred“, sagte ich. Ich wollte eigentlich allein sein, allein sein und rauchen und trinken und hoffen, dass ich möglichst schnell einschlief und nicht von Max träumte. Aber andererseits wollte ich gern, dass Fred blieb, und sagen würde ich ihm das bestimmt nicht.

Fred wandte sich zu mir um und lächelte. Ich kam mir sehr albern vor. „Ich bin nicht zum Arbeiten mitgekommen, Gerda … oder nein, zumindest nicht nur.“

Ich rang mir ein Lächeln ab. „Danke.“ Ich nahm abermals einen tiefen Zug von der Zigarette und als sich die Glut daraufhin bedenklich dem Filter näherte, zündete ich mir daran noch eine an. „Weißt du, was außerdem nicht ist wie in der Realität?“

Fred schüttelte den Kopf und sah mich aufmerksam über den Rand seiner Tasse an.

„Die Mörder werden immer gefasst.“

Er legte eine Hand auf meinen Arm. „Das ist aber in der Realität genauso. Aber nicht nach einer knappen Woche. Und weißt du, was helfen würde?“ Er zwinkerte mir zu. „Wenn du dich mal in den Arsch treten, deinen Urlaub beenden und endlich mit eigenen Ermittlungen beginnen würdest.“

Ich muss ihn ziemlich schockiert angesehen haben, weil er genau den richtigen Nerv getroffen hatte, und weil er zum ersten Mal seit Max’ Tod vor sechs Tagen meinem Gesicht ein ehrliches Lächeln abtrotzen konnte. Es reichte dann nur für ein einfaches Danke, aber mehr hatte er wohl auch nicht erwartet.

Er nickte. „Gern geschehen. Das ist mein Job, Frau Kommissarin. Also, wo wir gerade bei Job sind: Wir gehen nach diesem Kaffee zusammen in sein Zimmer und suchen. Du kanntest ihn gut, dir wird etwas Ungewöhnliches auffallen, wenn es dort etwas zu finden gibt.“

 

Am Dienstag, eine Woche nach Max’ Tod und einen Tag, nachdem Fred und ich Max’ Zimmer gründlich unter die Lupe genommen hatten – und dabei auf seltsame Weise in meinem Bett gelandet waren –, frühstückten Fred und ich in unserer … in meiner Küche.

Ich war müde, denn nachdem Fred und ich miteinander geschlafen hatten, hatte ich in seinen Armen geweint und er hatte mich einfach nur festgehalten und mein Haar gestreichelt. Wir hatten nichts gefunden. Natürlich hatten wir nichts gefunden. Kein rot blinkendes Schild, auf dem Name und Adresse des Mörders standen, oder gar der Mörder, der auf Max’ Schreibtisch saß und heulend und bereuend seine Hände in die Handschellen steckte. In Max’ Zimmer war nur sein unordentliches Bett und die vielen Postkarten, die er von seiner Schwester und seinen überall in der Welt verstreuten Freunden ständig bekam. Auf dem Schreibtisch ein paar Ausdrucke und Bücher aus der Bibliothek, und einige Zettel und Visitenkarten an seiner Pinnwand, wie immer. Zuoberst die seines Anwalts, die mich zum Weinen gebracht hatte, weil er nun nie wieder einen brauchen würde.

Ungefähr um sieben Uhr morgens stand Fred auf und rief erst Gunter an, dass auch er heute nicht auf die Wache käme, und dann rief er auf der Wache an, um sich krank zu melden. Ich beobachtete ihn von der Küche aus, wo ich neben dem Herd stand und auf das Zischeln der Espressokanne wartete, wie er in Boxershorts im Flur stand und telefonierte. Ich hatte keinen Nerv, mir auch noch Gedanken darüber zu machen, was das heute Nacht gewesen war, denn eigentlich war ich nur ziemlich froh, dass Fred da und ich nicht allein war in dieser Wohnung, in der ich sonst schon allein war, seit Max tot war. Während er telefonierte, fragte ich mich, wie ich das in den letzten Nächten ausgehalten hatte, und vor allem, wie ich das künftig tun sollte. Ich musste mich schnell um einen neuen Mitbewohner kümmern. Das ist so eine Sache bei mir mit dem Alleinsein. Ich rede eigentlich nicht gern, und ich rede vor allem nicht gern viel, und in Gegenwart der meisten Menschen wird das meinem Gegenüber oder mir schnell unangenehm. Max hatte das nichts ausgemacht. Wenn ich nicht redete, dann redete er, erzählte mir seine Anekdoten, von denen ich oft gar nicht unbedingt wusste, ob sie aus einem Buch stammten oder die Geschichte oder Entstehung eines Bildes beschrieben, die er im Studium behandelt hatte. Oder ob er es selbst erlebt hatte. Es war mir auch egal, denn welches der drei auch immer es war – an seiner Begeisterung konnte man es nicht festmachen, die blieb anhaltend auf hundert Prozent. Und so war es vollkommen in Ordnung, wenn ich nicht allein sein, aber trotzdem nichts reden wollte. Ja, das ist so eine Sache mit mir und dem Alleinsein. Ich habe das nicht so gut vertragen, als ich mit sechsundzwanzig in die Schulter geschossen wurde, weil irgendein Irrer auf einer Party im Backstage gemeint hatte, er müsse randalieren und sich nicht durch zureden beruhigen lassen. Ich habe, nachdem sie die Kugel rausgeholt hatten, ein paar Tage nicht geschlafen, weil ich so Schmerzen hatte – und weil ich schon gesehen habe, was Drogen anrichten können, und vor Schmerzen wohl so neben mir war, wollte ich lieber nicht schlafen, als mich mit Morphium zudröhnen zu lassen –, und bald habe ich komische Dinge gesehen, nachts, wenn die anderen Leute schliefen und ich durch die Gänge wanderte und Bilder betrachtete, die sich wegen meiner Müdigkeit zu bewegen schienen. Und allerhand gruslige Halluzinationen ausspuckten. Ich habe gern Bilder in der Wohnung, umso mehr, seit ich Max kenne, aber nachts grusle ich mich davor und bin dann nicht gern allein. Weil man nie weiß, welche Geschichten aus diesen Bildern kommen … letztlich sind es Bilder, die meine Lebensgeschichte ausmachen. Und das neuste Bild ist das von Max blutüberströmt auf der Terrasse.

Fred setzte sich zu mir in die Küche, die an diesem Oktobermorgen inzwischen gemütlich aufgeheizt war, nicht zuletzt durch den Ofen, in dem ich Brötchen aufgebacken hatte. Fred hatte vor der Tür die Zeitung aufgelesen, die er jetzt auf den Tisch knallte, bevor er zum Kühlschrank ging und alles Essbare auf den Küchentisch stellte. Was allerdings nicht sehr viel war, ich war in den letzten Tagen eigentlich nicht einkaufen gewesen. Da war noch Butter und ein Rest Marmelade, und mich meiner Randaufgabe der Gastgeberin entsinnend, stellte ich noch ein Glas Honig aus dem Vorratsschrank auf den Tisch. Fred allerdings hatte schon den Karton Eier entdeckt und hielt ihn mir mit fragendem Blick hin. Ich nickte und machte Platz am Herd, wo er gekonnt eine Zwiebel in die Pfanne schnippelte, Eier hineinschlug und schnell und heftig würzte. Wir aßen schweigend, aber es war ein angenehmes Schweigen und die Stille in der Wohnung war eine angenehme Stille.

Irgendwann nahm Fred, als sei er allein bei sich zuhause, die Zeitung zur Hand und las. Das heißt, so stellte ich es mir in diesem Moment vor, dass er so allein in seiner Wohnung säße, lesend, nur in Shorts. Ich mochte es, ihm beim Lesen zuzusehen und dabei meinen Kaffee zu trinken, und er störte sich nicht daran, dass ich nichts sagte, sondern las, trank seinen Kaffee und lächelte mich ab und zu freundlich an. Ich war froh, dass er nichts sagte, aber als er irgendwann den Kopf schüttelte und schnaubte, war ich doch neugierig.

„Dieser Diebstahl im Museum“, sagte er und ließ die Zeitung auf den Tisch sinken, sodass ich die Abbildung eines Diadems erkennen konnte.

Ich erinnerte mich, dass Max vor zwei Wochen davon gesprochen hatte. Irgendeine stinkreiche Familie mit russischen Wurzeln und Verbindung zum Zarenhof hatte Schmuck, aus massivem Gold mit riesigen Aquamarinen, für eine Ausstellung zur Verfügung gestellt, und prompt waren die Stücke – Kette, Ringe, Ohrringe und das abgebildete Diadem – gestohlen worden. Museum pleite, reiche Familie persönlich beleidigt, Polizei alarmiert, Max fasziniert. Und ich hatte den Fall blöd gefunden, ich mag keinen Schmuck, er macht Frauen käuflich in meinen Augen. Max allerdings hatte mir aus Sicht des Kunsthistorikers – und auch der seines Dozenten, mit dem sie just zwei Tage vorher die Ausstellung besucht hatten – begeistert die Geschichte um die Schmuckstücke erzählt, die von der alten Besitzerin zu Kriegszeiten veräußert und erst nach und nach wieder von ihren Nachkommen zusammengesammelt worden waren. Die Geschichte wiederum hatte mir gefallen, sie hatte etwas Verruchtes und Geheimnisvolles und klang so vollkommen irreal. Es lebe der Eskapismus.

„Was schreiben die?“, fragte ich.

Fred sah auf. „Ich weiß nicht, ob ich dir das vorlesen sollte. Du hast gestern so arg gehadert. Das sind nur reiche Fatzkes, die keine Probleme haben, drum machen sie sich welche und bedienen gleichzeitig noch ihre Öffentlichkeitsgeilheit. Würde mich gar nicht wundern, wenn die den Dieb selber angeheuert hätten.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Gestern hätte ich das nicht vertragen, aber heute fände ich die Ablenkung angenehm“, sagte ich ungewohnt offen, aber da war es schon heraus, bevor ich mich fragen konnte, ob er das hören wollte.

Fred blätterte kommentarlos eine Seite zurück, trank geräuschvoll einen Schluck seines Kaffees und fixierte den Text. „Noch immer keine Spur der Juwelendiebe. Die Polizei – um nicht zu sagen: Gunter“, fügte er hinzu und ich musste unwillkürlich schmunzeln, „– suchte bisher vergeblich. Prof. Dr. Johann Fatzke von Fatzkenhausen –“

„Fred!“

Er sah auf und lächelte. Grinsend suchte er seine Zeile. „Professor Leonhard … ist untröstlich … Erinnerung an die Familie, mehr wert als der bloße Wert des Schmucks … blabla … unbezahlbar … Museum auf Schadensersatz verklagt … Die Schmuckstücke … Die würden dir übrigens stehen, auch wenn du keinen Schmuck magst. Die würden gut zu deinen Augen passen.“

„Woher weißt du, dass ich keinen Schmuck mag?“

„Du trägst nie welchen“, sagte er und es tat in diesem Moment unglaublich gut, dass jemand auf die Dinge achtete, die ich tat, ohne dass ich etwas sagen musste. Ein bisschen wie Max, aber Fred war neununddreißig und mir nicht wie ein Bruder.

„Jedenfalls wärst du dann vielleicht auch mal hingegangen und hättest auch mal was gemacht, was Frauen so tun, anstatt immer nur zu arbeiten.“

Als ich ihn gegen das Schienbein trat und genau traf, fuhr er zusammen und stieß die Zahnstocherdose um, die vom Tisch rollte, bevor ich sie erwischte, und zerbarst.

„Die Rache folgt auf dem Fuß … oder auf den Tritt“, grinste er mit immer noch schmerzverzerrtem Gesicht. Aber als ich aufstehen wollte, bedeutete er mir, sitzen zu bleiben. „So ist das ja auch nicht“, sagte er und kniete sich nieder.

Sein graumelierter Rotschopf verschwand unter dem Tisch und ich lauschte dem Klimpern der Scherben, während ich den Kaffee trank. Ich hätte ewig so sitzen können, reglos, und Kaffee und Klimpern um mich.

Aber es dauerte sicher keine zehn Sekunden, bis Fred scharf die Luft einsog. Ich beugte mich unter den Tisch. „Geschnitten?“

Fred sah hoch, schüttelte wie benommen den Kopf und griff in die Scherben. Ich richtete mich wieder auf und er kam unter dem Tisch hervor und setzte sich neben mich. Seine Faust ruhte einen Moment auf dem Tisch, dann öffnete er sie, etwas fiel auf die Platte und er nahm die Hand zurück.

Da lag er. Ein daumennagelgroßer Aquamarin. An einer Ecke abgesplittert statt fein geschliffen.

„Oh“, sagte ich.

Fred sah mich lange an, bis ich endlich den Blick hob. Er hingegen hob nur die Augenbrauen. „Du bist also genauso überrascht. Dann hat Max ihn da reingetan?“

Ich nickte nur und erinnerte mich dumpf daran, wie er die Zahnstocher durchgeblättert hatte.

„Er hat ihn gestohlen vom ersten Dieb und wurde dafür umgebracht“, kam von Fred wie aus der Pistole geschossen. Es tat auch fast genauso weh.

Ich schüttelte langsam den Kopf.

„Er hat Kunst studiert, er wusste, wie wertvoll das Zeug ist“, marterte er mich weiter.

Ich sah wieder auf den Stein, dann wieder zu Fred, und versuchte, schneller zu denken. Was keine Kunst sein sollte, immerhin dachte ich gerade im Tempo einer langsamen Schnecke im Vergleich zu Lichtgeschwindigkeit. Aber die Schnecke hatte sich überlegt, in ihrem Schleim die Orientierung zu verlieren.

„Er wusste, wo man sowas loswerden konnte und für wie teuer, und er kannte sich sicher auch mit dem Museum aus.“

Ich schüttelte wieder den Kopf und drängte die scharfen Worte zurück, die Fred da zielsicher verschoss.

„Hör auf“, flüsterte ich.

Er verzog keine Miene und sah mich nur an.

Ich fand endlich meine Sprache wieder. „Wir haben viele Agentenfilme zusammen geschaut und er war fasziniert von der Polizeiarbeit … wir haben oft über die dämlichen Opfer oder die noch dämlicheren Täter gelästert, die Beweise immer an total auffälligen Stellen verstecken. In Verstecken zum Beispiel, wo quasi ein Leuchtpfeil draufzeigt. Und wir haben auch über die schlaueren Leute gesprochen, die belastende Beweise so offensichtlich liegen ließen, dass man sie übersah, weil man in den Verstecken suchte – Max hat gemeint, die wären auch dumm, weil man früher oder später darauf kommt. Wenn sie auf dem Tisch in der Obstschale liegen, ist eben irgendwann das Obst leer. Er wusste, dass ich den Stein da früher oder später finden würde. Er wusste, dass ihm etwas passieren würde. Und er hat vorgesorgt, dass ich den Stein finde, falls er recht hat, und dass ich ihn nicht sofort finde, falls er unrecht hat.“

Fred sah mich schweigend an, dann nickte er und stand auf. Schenkte mir Kaffee nach und küsste mich aufs Haar. „Wenn du glaubst, er war es nicht, glaube ich das auch. Ich wollte es nur wissen.“

„Wir müssen die Fatzkes mal befragen“, flüsterte ich.

Fred fuhr ungerührt mit Lesen fort, wahrscheinlich, um mich abzulenken. „Der Anwalt der Familie, Dr. Klaus-Wilhelm Fuchs –“

„Was?“, unterbrach ich ihn.

„Was denn?“

„Der Anwalt? Der Name?“

Er nahm die Zeitung zur Hand und suchte nach der Zeile. „Ja … da, Klaus-Wilhelm Fuchs. Was ist mit dem?“

Ich war schon aufgesprungen und in Max’ Zimmer gelaufen, durchwühlte seine Visitenkartensammlung wie ein Todgeweihter die Ampullen mit dem Gegengift, und fand endlich die Karte mit Name und Adresse von Dr. Bertram Wink, Max’ Anwalt, den er sich genommen hatte, als er vor drei Jahren auf der Wiesn einem an einer Wurst erstickenden Fettsack das Leben gerettet hatte und, weil er dem Mann bei der Aktion ein paar blaue Flecken verursacht hatte, der Vollpfosten nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als Max zu verklagen. Auf die Rückseite der Karte war mit Max’ Handschrift Dr. K.-W. Fuchs, Internationales Recht, Dienstag 17–18 Uhr geschrieben, und dazu das Datum von Max’ Todestag, dem fünfzehnten Oktober, und eine Adresse, wahrscheinlich die der Kanzlei. Ich drehte die Karte wieder um und sah, dass es dieselbe war wie die von Wink.

Ich starrte darauf und grub in meiner Erinnerung wie eben auf seinem Schreibtisch. Da war doch kürzlich diese Sache in Singapur gewesen, wo er die letzten Semesterferien verbracht hatte … Max hatte nach einer der durchzechten Nächte eine Packung Kaugummi von einem Straßenverkäufer gekauft. Aber da die Leute in Singapur überaus strafrechtsversessen sind, wie Max behauptete, ist dort Kaugummi verkaufen ein Verbrechen, und als er schon wieder in Deutschland war, trudelte ein Brief ein, der ihm unterschwellig Mittäterschaft vorwarf und ihn vorlud. Er hatte gemeint, er wolle deswegen zu einem Anwalt, weil er unmöglich wieder dorthin konnte, aber auch nicht wegen Missachtung der Vorladung in Gewahrsam genommen werden wollte, wenn er dort wieder einmal Urlaub machte. Ich hatte ihn gar nicht wirklich gefragt, was eigentlich aus der Sache geworden war, und nun war es zu spät. Wieder musste ich Tränen niederkämpfen, aber ich wusste auch, dass ich unbedingt mal mit diesem Wink reden musste. Wink, haha … vielleicht hatte er ja einen Wink mit dem Zaunpfahl für mich.

Fred stand plötzlich hinter mir. „Hast du etwas gefunden, Gerda?“

Ich stand auf und er umarmte mich wortlos und ich wollte nicht wissen, wie deutlich man mir alles am Gesicht ansah. Er wischte über meine Wange und ich sagte nichts, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt war, nicht auch noch zu schluchzen wie ein Weibchen in den Armen eines großen starken Mannes.

„Nun?“

Ich schniefte. „Auf der Visitenkarte mit seinem Anwalt steht ein Termin, den Max an seinem Todestag mit diesem Fuchs hätte haben sollen. Ich gehe morgen den Anwalt fragen, warum er Max an den verwiesen hat. Derselbe Name und das mit dem Schmuck …“

„Hast recht. Ist unwahrscheinlich, dass das Zufall ist.“

 

„Ah, die Kommissare Kabisch und Wöstendieck“, begrüßte uns die Sekretärin. Es war ein ziemliches Hin und Her gewesen, bis wir endlich einen Termin bei Fuchs bekommen hatten, sicher hatte er gerade besonders viel zu tun – nun ja, kein Wunder, wenn er den Schatz der Familie Leonhard verloren hatte. War wahnsinnig schlecht für seinen Anwaltsruf, würde ich meinen – ob seine Karriere jetzt im Eimer war?

Ich machte anscheinend ein finsteres Gesicht, weil ich Höflichkeitsfloskeln nicht leiden kann und, da ich nicht als Erste den Raum betreten hatte, auch nicht als Erste begrüßt werden wollte. Fred, der sich zu mir umgedreht hatte, forderte mich auf subtile Weise mit seinem Ellbogen auf, mir nichts anmerken zu lassen, und ich beherrschte mich, denn die zierliche Sekretärin konnte auch nichts dafür, dass ich mich in der Kanzlei von zwei feinen Pinkeln – und das waren Wink und Fuchs definitiv, denn welcher normale Mensch hängt sich schon ausgestopfte Raubvögel, Marder und Füchse, kurz: seine Jagdtrophäen, ins Büro? – nicht wohl fühlte. Wie sollte sie auch? Natürlich tat sie nur, was sie in ihrer Sekretärinnenausbildung gelernt hatte und tun sollte – höflich sein, alle einseitigen Aufgaben in der Kanzlei erledigen, ein bisschen mit spitzen Fingern tippen und sich die Nägel lackieren. Pink, wie ich bemerkte. Diese Farbe gab es tatsächlich noch? Sie war noch nicht der natürlichen Selektion anheimgefallen?

Die Sekretärin wies uns einen Platz auf dem Sofa im Warteraum zu, dann hörten wir sie klopfen und kurze Zeit später kam sie zu uns und zeigte uns den Weg zu Fuchs’ Büro.

Der Anwalt saß an seinem Schreibtisch und hing am Telefon. Sein Lächeln in Richtung des Hörers schien mir genauso falsch wie seine Haare, die mit etwa einer Tonne Haarfestiger in perfekter Form gehalten wurden – damit sie den ganzen Tag zum Rest seines anzugtragenden perfekten Äußeren passten und man etwaige Menschlichkeiten bloß nicht erkennen konnte. Er winkte uns, einzutreten, und Fred und ich setzten uns auf die Stühle vor seinem Tisch. Ich sah mich im Raum um, während ich aus meiner Tasche ein Foto von Max hervorkramte. Auf dem Boden lag ein dicker dunkelgrüner Teppich, sehr flauschig, wahrscheinlich als Rasenersatz, damit man bei Langeweile darauf realistisch Golf spielen konnte. Oder seine Sekretärin vögeln, die war so dünn, die hätte sich sicherlich blaue Flecken auf dem Boden geholt. Andererseits, der Schreibtisch war ja aus Eichenholz, das war sicherlich auch nicht angenehm für ihr feines rosa Popöchen. Optisch passte der Tisch wiederum in perfekter Farbabstimmung zu den Schränken, einer Kommode mit Anrichte und den spießigen Omavorhängen, die schwer und trüb die Fenster blockierten. Eigentlich hasse ich Vorhänge, ganz besonders solche, durch die man nicht schauen kann. Unsere Geister in der Küche mag ich, aber sie sind eher zur Zier als dazu, das Fenster zu verstecken.

Als Fuchs auflegte, knallte ich ihm das Foto von Max auf den Tisch. „Wir ermitteln im Mordfall Sonnemann“, begann ich.

Fuchs nahm sich das Bild und betrachtete es. „Wie kann ich Ihnen da weiterhelfen?“

„Das ist Herr Sonnemann. Kennen Sie ihn?“

Fuchs schüttelte den Kopf. „Nie gesehen.“

„Herr Sonnemann hatte einen Termin mit Ihnen am Abend seiner Ermordung. Worum ging es?“, fragte Fred.

Fuchs legte das Foto beiseite und schlug seinen Kalender auf. Echtleder. Zum Wegwerfen, wenn das Jahr vorbei war. „Ja, das hatte er, wie ich hier sehe“, sagte er. „Allerdings ist er nicht erschienen. Mein Kollege Dr. Wink hat ihn an mich verwiesen, bei dem Termin sollte es um ein Problem die singapurischen Behörden betreffend gehen. Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen, da er wie gesagt nicht zum Termin erschienen ist.“

„Kann jemand hier im Büro das bestätigen?“, fragte ich.

Fuchs schüttelte bedauernd den Kopf. „Mein Kollege und seine Sekretärin haben gerade Urlaub, und Frau Mirwitzki arbeitet nur halbtags. Weiß man schon etwas über die Täter? Wie ist der Mord passiert?“

„Das Opfer wurde erschossen“, antwortete Fred, bevor ich herumdrucksen konnte. „Sie sind auch leidenschaftlicher Schütze, wie ich sehe?“, fügte er hinzu und deutete mit dem Kopf in Richtung eines Hirschgeweihs, das über der Anrichte hing.

Ich wusste, was Fred wissen wollte. Ob Fuchs in der Lage war, einen Menschen zu erschießen. Psychisch – nun ja, man ist bei Tätern manchmal erstaunt, zu was sie unter bestimmten Umständen fähig sind, und kann eigentlich nie ausklammern, dass jemand zu so etwas fähig ist. Aber physisch – ja, ein Sportschütze hätte auf ein gegenüberliegendes Dach klettern und Max treffen können, und auch die Ausrüstung hätte Fuchs gehabt. Nun, es würde passen. Er konnte es gewesen sein. Natürlich war die Waffe anhand ihres Kalibers überprüft worden und auf irgendeinen Typ zugelassen, der eh schon seine Strafe absaß … seine Waffen waren beschlagnahmt worden und dann irgendwie weggekommen. Seltsame Sache, klar, aber die Diebe waren nie gefunden worden und es hätte quasi jeder sein können. Und natürlich hatte ich den Mann trotzdem überprüft, aber keinen Hinweis auf eine Verbindung zu Max gefunden. Und ich wusste genau, dass auch Fuchs’ Name niemals in diesem Zusammenhang genannt worden war. Punkt. Aber trotzdem … nun, vielleicht wollte ich in dem Moment, dass Fuchs der Schuldige war, einfach nur, um einen Schuldigen zu haben, jemanden, an dem ich meine ganze Wut, meine ganze Trauer um Max auslassen konnte … oder wenigstens ein Gesicht für meine Fantasien.

Fuchs musterte ihn. „Ich bitte Sie, Herr Wöstendieck. Sicherlich, wenn das Opfer so jung ist, dann bleibt man bestimmt nicht unbeteiligt, das lobe ich mir – wenn alle Polizisten so sehr mit dem Herz bei der Sache wären, dann gäbe es sicherlich viel weniger Verbrechen auf der Welt.“ Er lehnte sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und schlug ein Bein über das andere, als sei er Psychologe und Fred sein Patient, den er analysierte. „Aber ich überhöre gern Ihre implizierte Anschuldigung, die Sie sicherlich nicht wiederholen wollen. Verleumdung ist schließlich keine angenehme Sache, und wie die Terminproblematik Ihnen klargemacht hat, muss ich derzeit ganz besonders geflissentlich auf meinen Ruf achten.“

„Wo wir gerade dabei sind“, fragte Fred ungerührt, „wie ist eigentlich dieser Juwelendiebstahl passiert? Haben die Kollegen schon Fortschritte gemacht?“

Fuchs schüttelte den Kopf. „Ich kann mir das nicht erklären. Die Schmuckstücke waren in einer Vitrine und natürlich durch Alarm gesichert, und Zugang hatten nur die Leonhards, die Museumsleute und ich – natürlich wurden alle vernommen, aber natürlich hatten alle ein Alibi. Und die Leonhards haben natürlich nicht ihren eigenen Schmuck entwendet.“

Natürlich nicht. Sie hätten ihn einfach zurückgefordert. Und die Museumsleute – nun ja, das waren so verschrobene Leute, die würden wahrscheinlich noch ein ganzes Leben davon zehren, dass sie einmal sowas in ihrem Museum gehabt hatten. Die würden es nicht wagen, den Schmuck zu klauen, geschweige denn, ihn nicht nur ehrfürchtig zu bestaunen, sondern gar anzufassen. Oh nein. Das hatten die Kollegen schon richtig beurteilt.

„Aber darüber habe ich Ihren Kollegen alles gesagt, was es meinerseits zu sagen gab. Auch die Tatsache, dass die Leonhards mir den Auftrag entzogen haben, diese Angelegenheit der Ausstellung sowie die Aushändigung an sie zu verwalten … Da muss ich sagen, ich wünschte, ich wäre der Dieb, dann müsste ich mir jetzt keine Sorgen um meinen Ruf machen“, lachte er, was ich angesichts der Situation mehr als unpassend fand. Immerhin waren wir in einem Mordfall zu ihm gekommen. Andererseits – wenn er es nicht gewesen war oder wenn er es gewesen war, Max interessierte ihn in keinem Fall.

„Aber leider ist der Schmuck entwendet worden, ohne dass ich weiß, von wem, und im Fall Sonnemann kann ich Ihnen ebenso wenig weiterhelfen.“

Ich wusste, dass er es gewesen war. Ich wusste es einfach. Da war kein Bedauern in seinem Blick und … nun, es war so ein Bauchgefühl. Und das hatte mich noch nie getrogen. Wahrscheinlich hatte er den Schmuck entwendet und hierher gebracht, und Max hatte ihn irgendwie zufällig entdeckt, als er eben doch dagewesen war. Wahrscheinlich war der Klunker, den Max gefunden hatte, abgesplittert und hatte hier herumgelegen, ohne dass Fuchs es bemerkt hatte. Und als Max weg war, hatte Fuchs seine Diebesbeute überprüft, den herausgebrochenen Stein entdeckt und seine Schlüsse gezogen. So nervös, wie Max am Abend seiner Ermordung gewesen war – das hatte er vor Fuchs sicher nicht restlos verbergen können. Und ja, Fuchs nahm in Kauf, dass seine Karriere im Eimer war, aber wenn er den Schmuck für mehrere Millionen auf dem Schwarzmarkt im tiefsten Russland verkaufte, was würde ihn dann seine Karriere noch kümmern? Doch Geldgier war eine Sache … Mord, um den Diebstahl zu vertuschen, eine ganz andere.

„Wie weit sind Sie denn in Ihren Ermittlungen, was den Mordfall betrifft?“, schleimte Fuchs. „Das ist ja wirklich eine schlimme Geschichte, und dann noch ein so junges Opfer … das muss ja auch wirklich schlimm sein für die Eltern.“

Jaja. Das würde schlimm werden für seine Eltern, wenn ich ihn vor Gericht brachte, nicht nur wegen Diebstahls, sondern wegen Mordes. Aber wie sollte ich das anstellen?

„Also ich muss jetzt weiterarbeiten. Wenn ich Ihnen nochmals behilflich sein kann, bitte vereinbaren Sie gern einen Termin mit meiner Sekretärin. Ich möchte alles Menschenmögliche tun, um Ihnen bei der Aufklärung dieses Falls zu helfen.“

Eine Welle von Übelkeit stieg in mir auf. Fuchs wusste, wie wenig wir in der Hand hatten. Unser Wort gegen seines – wir brauchten es gar nicht erst versuchen. Aber das hätte ich ihm gern auf seinen blankpolierten Tisch gekotzt, oder besser noch auf seine geleckte Krawatte.

Der Anwalt erhob sich und geleitete uns mit einem Lächeln hinaus. Ich hätte ihm am liebsten sein gebrochenes Nasenbein von unten in seine schmierige Frisur gerammt.

An der Tür drehten wir uns noch einmal um. Fred merkte, dass ich mich kaum beherrschen konnte, ergriff Fuchs’ Hand und schüttelte sie förmlich.

„Es tut mir wirklich leid, dass ich Ihnen in dem Mordfall nicht weiterhelfen kann. Der arme Junge … aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen, dass die Jugend heutzutage sich durchaus mit schlimmen Burschen einlässt, ohne vorher nachzudenken.“

„Danke für Ihre Kooperation“, presste Fred heraus, der nun ebenso Mühe hatte, höflich zu bleiben.

„Aber wenn sich Neuigkeiten ergeben sollten, so stehe ich stets zu Ihrer Verfügung. Wir wollen ja alle, dass dieser Fall aufgeklärt wird. Nun muss ich jedoch schleunigst zurück an den Schreibtisch, weil ich bei meinen Klienten so überaus beliebt bin.“

Ich spürte meine Hand am eiskalten Griff meiner Waffe und nahm wie in einem bösen Traum wahr, wie sich mein Gesicht zu einem Lächeln verzerrte. Er kannte Max nicht? Aber hatte seine exakte Wortwahl übernommen? Genau das hatte ich gewollt und ich musste mich sehr beherrschen, mich nicht auf dieses Arschloch zu stürzen, mich weiterhin vernünftig und gesetzestreu zu verhalten. Aber ich merkte mir dieses Bild, als ich aufsah.

Fuchs war blass geworden, seine wächserne Haut passte nun sehr gut zu der Frisur genannten Schmiererei auf seinem Kopf, und sein linkes Auge zuckte unruhig, als wolle es platzen. Er würde sich wünschen, dass es nur sein Auge war, das platzte – und nicht mein Kragen.

 

Noch heute, sechs Jahre, nachdem Max ermordet wurde, vermisse ich ihn. Gestern wäre sein dreißigster Geburtstag gewesen. Ich habe mir eine Flasche Sekt gekauft und auf dem Dach mit Fred angestoßen. Und insgeheim war ich sogar ein bisschen dankbar, denn wäre Max nicht gestorben, wären Fred und ich uns niemals nahegekommen.

Für seine Eltern ist es schwer, und mir wird es zunehmend unangenehmer, sie an seinem Todestag auf dem Friedhof zu treffen und danach mit ihnen, Ella und ein paar von Max’ engsten Freunden essen zu gehen. Ich werde Max nie vergessen, aber ich glaube, irgendwann wird sich das mit seinen Eltern verlaufen. Ich hoffe es, denn immer wenn ich mich mit ihnen treffe, muss ich zurückschauen, und das ist nicht, was ich will, und es wäre nicht gewesen, was Max gewollt hätte. Er hätte sicher nicht gewollt, dass ich ihn vergesse, aber das werde ich nicht. Das werde ich nie. Denn oft höre ich in Situationen seine spöttische Stimme in meinem Kopf, die etwas überaus komisch findet oder es überaus geistreich kommentiert, und dann muss ich schmunzeln und mir überlegen, ob ich mein Gegenüber mit der Antwort überaus aus dem Konzept bringe oder doch lieber für mich behalte, dass ich der Situation etwas überaus Positives abgewinnen kann.

Fuchs hat damals gelogen, als er leugnete, Max zu kennen, und als er Max’ Wortwahl benutzte, war auch klar, dass es nur einen Grund geben konnte für diese Lüge und dass wir den irgendwann aus ihm herauskitzeln würden. Er hat die Höchststrafe bekommen, obwohl die paar Jahre „lebenslänglich“ meiner Meinung nach seine Schuld nicht begleichen werden – immerhin wurde eine besondere Schwere der Schuld festgestellt, das heißt, es ist fraglich, wann genau er wieder rauskommt. Er hat gestanden, dass Max den abgesplitterten Klunker bei ihm gefunden hat und er ihn deswegen erschossen hat – ein Fuchs, der Jäger spielte. Konnte ja nicht gutgehen. Und manchmal, wenn es ganz schlimm ist – wie gestern –, dann besuche ich ihn, schaue schweigend durch die Glaswand. Er starrt zurück. Er kann nicht fassen, dass er so arrogant war, seine Wachsamkeit so überrumpeln zu lassen von einem simplen Satz, den er wohl während unseres Gesprächs immer dachte – ein Spiel mit dem Feuer, das Leute wie er wahrscheinlich brauchen, um überhaupt zu leben. Wenn sie Leuten wie Max das Leben genommen haben. Aber gestern war ich seit langem mal wieder im Gefängnis, und sein Anblick verschaffte mir die einzige Genugtuung, die ich noch brauche, was diesen Fall angeht. Wie gern hätte ich damals seinem Gehirn gezeigt, wie hart meine Faust und wie spitz seine zersplitterten Zähne sein können. Aber heute bin ich froh, dass ich mir das erspart habe, denn ihn eingesperrt zu sehen, ohne jede Möglichkeit, seine Pläne zu verwirklichen oder überhaupt noch etwas mit seinem Leben anzufangen, das lindert den Schmerz. Max hätte gesagt, dass es nicht so schlimm ist, weil er immer noch lebt, immer noch die Sonne sehen kann, essen kann, lachen kann, und dass es nichts Schlimmeres als den Tod gibt. Aber ich bin nicht Max, Max ist tot, und mir hilft es, dass dieser Widerling die schlimmste Strafe bekommen hat, die ich mir vorstellen kann. Und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass Max auf der großen Partyinsel im Himmel sitzt und sich nicht drum schert, wie es Fuchs geht … aber vielleicht ein bisschen, wie es mir geht. Und dann bin ich ebenso froh, dass Fuchs nicht auch dort gelandet ist, sondern hier jede Strafe bekommen hat, für die ich sorgen konnte.

Manchmal – wie jetzt, da ich diese Zeilen schreibe und Max’ Tod schon so lang her ist – habe ich das Gefühl, es war nur ein Traum. Das Gefühl, dass Max eine erfundene Figur im Roman meines Lebens ist, eine Verkörperung der Lebenslust, deren einzige Aufgabe es war, mir ein bisschen von seiner Art beizubringen. Mir beizubringen, dass einem die Zukunft nichts bringen kann, wenn man die Gegenwart nicht nutzt. Und es kommt mir seltsam vor, dass ein lebender Mensch wirken kann, als sei er konstruiert. Die alberne Sache mit seinem Namen, der wie vorhergesehen zu ihm passte wie … nun, wäre er ein Marmeladenglas gewesen, mit Pflaumenmarmelade mit Vanille und Zimt, und hätte auf seinem Etikett Pflaume (Zimt & Vanille) gestanden, es hätte nicht passender sein können. Ich finde Trost in der Vorstellung, dass er sein Leben nicht verschwendet hat und dass ich alles dafür getan habe, um auch sein Ende nicht zu verschwenden, um die Mörder zu schnappen und … nun, wie er damals in der Küche sagte, ein weiteres Leben zu bewahren. Meines.

Alles läuft wie gewohnt, und wenn etwas nicht klappt, denke ich an Max. Fred ist zufrieden, unsere Arbeit läuft gut, und seit Jahren hatten wir keinen wirklich nervenaufreibenden Fall mehr.

Und ich?

Ich weiß, warum ich meine Arbeit mache, und ich habe mir vorgenommen, das Leben davor und das danach ein bisschen mehr zu genießen.

Weil ich so überaus lernfähig bin.