Leseprobe Lügen haben Eheringe

Kapitel 1

»Na, ist das nicht nett?«

Ich sah meine Mutter an, um ein halbwegs natürliches Lächeln bemüht. Sie hatte natürlich recht; es war alles sehr nett. Mir gegenüber am Tisch saßen meine Mutter und Chester, ihr Verlobter und mein wichtigster Kunde, und an meiner Seite befand sich Max, mein Gatte. Es war alles zum Schreien nett.

Ich schloss kurz die Augen und umklammerte mit schweißnasser Hand mein Handy. Die SMS war vor wenigen Momenten angekommen: Danke, Süße, wusste doch, dass auf dich Verlass ist. Ich melde mich. Als ich sie gelesen hatte, war mir der kalte Schweiß ausgebrochen.

Die Nachricht stammte von Hugh Barter, der mich wohl nie in Ruhe lassen würde.

»Ist alles in Ordnung, Schatz? Du siehst so komisch aus«, bemerkte meine Mutter.

»Komisch?« Mühsam brachte ich ein weiteres, ziemlich verkrampftes Lächeln zustande. »Entschuldige, ich hab nur grade … an etwas gedacht.«

»Nun, es ist ausgesprochen unhöflich, an etwas anderes zu denken als an deine Gäste«, sagte meine Mutter pikiert. »Und an deinen Mann natürlich.«

Mein Mann.

Ich hatte mich noch immer nicht richtig daran gewöhnt, verheiratet zu sein – obwohl das nun schon seit einem Jahr der Fall war –, und fand es immer noch total aufregend, wenn ich Max mit den Worten »das ist mein Mann« vorstellte. Max zwinkerte mir dann immer zu, als sei das einer unserer intimen Scherze, von denen wir im Laufe der Jahre noch viele haben würden. »Meine Frau und ich freuen uns, dass du vorbeigeschaut hast«, pflegte er gerne, mit leuchtenden Augen zu sagen, auch wenn es sich bei dem Besuch nur um meine Freundin Helen handelte, die uns unangekündigt beim Abendessen überfiel, sich auf der Couch häuslich einrichtete und uns über die neuesten Ereignisse ihres dramatischen Liebeslebens informierte.

»Sehr nett. Wobei das Wort ›nett‹ eigentlich nicht ausreicht«, sagte Max in diesem Tonfall, bei dem man nie sicher sein konnte, ob er ernst gemeint oder scherzhaft war.

Ich zog fragend eine Augenbraue hoch, und er blickte mich unschuldig an. »Was? Es ist doch wirklich alles sehr nett. Und das Essen ist auch lecker.«

»Das sagst du doch nur, weil du selbst gekocht hast«, erwiderte ich und bemühte mich, das Hier und Jetzt im Blick zu behalten, anstatt an die Forderungen dieser miesen Ratte zu denken: zehntausend Pfund. So viel wollte Hugh Barter diesmal haben. Davor waren es fünftausend gewesen. Eine Starthilfe für den Neuanfang, hatte er behauptet. Und selbstverständlich nur leihweise. Seine Weltreise hatte sich dann aber leider nicht so gut angelassen, wie er gehofft hatte, und so hatte er beschlossen, nach Großbritannien zurückzukehren. Das war vor drei Monaten gewesen, und ich hatte geglaubt, die fünftausend Pfund würden ausreichen, um ihn vorerst über Wasser zu halten, während er sich nach Arbeit umschaute. Eine nette Geste, hatte er gesagt. Gemeint hatte er aber: Eine nette Geste im Gegenzug für seine nette Geste, Max nicht zu erzählen, dass ich bereit gewesen war, mich auf Hugh einzulassen, obwohl ich bereits mit Max verlobt war. Gott, ich hatte mich damals so blöde angestellt …

»Ich hab nur gekocht, weil du gedroht hast, sonst was beim Lieferservice zu bestellen«, entgegnete Max.

»Tja, na ja, Kochen gehört nicht zu meinen Stärken«, räumte ich ein und zwang mich zu einem weiteren Lächeln. Das Kochthema war einer unserer ältesten Scherze; Max pflegte mich nämlich, als die schlechteste Köchin unter der Sonne zu bezeichnen – womit er durchaus recht hatte. Ich versuchte zwar immer wieder, Rezepte nachzukochen, verlor aber regelmäßig den Überblick und konnte mir hinterher nicht erklären, weshalb die Speisen grundsätzlich angebrannt oder verwürzt waren oder bei falscher Temperatur im Ofen landeten. In einem Anfall von gutem Willen hatte ich einmal Fischauflauf zubereitet – Max’ Leibspeise –, nur um dann festzustellen, dass der Fisch noch quasi roh war, als ich das Ganze servierte. Das kriegte ich seither von Max immer wieder vorgehalten; er hatte sich damals eine geschlagene Stunde darüber amüsiert, ungeachtet meines Protests und der Drohung, künftig nicht einmal mehr Wasser zu kochen.

»Das ist ja auch nicht mehr nötig«, merkte meine Mutter an – die ebenfalls nicht kochen konnte. »Eine Frau gehört heutzutage nicht mehr an den Herd, Schatz.«

»Ganz recht«, pflichtete ich ihr bei. »Nicht wahr, Max?«

Er warf mir einen resignierten Blick zu.

»Nein«, sagte er dann trocken. »Dein Glück.«

Ich boxte ihn an den Arm und brachte ein kleines Lachen zuwege, aber mir war ganz übel dabei; ich fühlte mich schon schmutzig, weil ich nur diese SMS von Hugh bekommen hatte. Am liebsten hätte ich sie sofort gelöscht, mein Handy davon gereinigt, aber das musste nun warten. Die Lage war schon übel genug; es würde alles nur noch schlimmer machen, wenn ich mich jetzt, während ich doch mit Max glücklich sein sollte, in Gedanken mit Hugh abgab. »Na ja«, sagte ich, »du fällst ja auch keine Bäume oder baust Blockhütten.«

Ich trank einen Schluck Wein. Als ich aufschaute, betrachtete mich Chester mit leicht verwirrter Miene.

»Bäume schlagen?«, fragte er.

»Na ja, du weißt doch, die traditionelle Männerrolle«, erklärte ich. »Die Frau bleibt zu Hause und kocht, und der Mann zieht los, erlegt Tiere und baut Hütten. Wenn ihr Männer das nicht mehr macht, müssen wir Frauen auch nicht mehr kochen und putzen, stimmt’s oder hab ich recht?«

»Mag sein«, erwiderte Chester. »Ich koche jedenfalls gerne. Finde ich sehr entspannend.«

»Entspannend?« Meine Mutter verdrehte die Augen.

»Wie kann Kochen denn entspannend sein? Da muss man doch so viele Vorschriften beachten!«

»Ganz genau«, bestätigte ich. »Der reinste Albtraum.«

»Aha«, sagte Max und blickte mich verschmitzt an.

»Du kochst also nicht. Wie gesagt: Damit hab ich kein Problem. Ich erwarte das gar nicht von dir. Es würde mich sogar nachhaltig beunruhigen, ja, geradezu verstören, wenn du dich auch nur an überbackenem Toast versuchen würdest. Die Frage ist nur: Was bleibt dann?«

Ich runzelte die Stirn. »Wie meinst du das? Du kochst, wir lassen uns was liefern oder kaufen Tiefkühl…«

»Nein, so meine ich das nicht«, erwiderte Max mit liebevollem Lächeln. »Ich meine, wenn ich keine Bäume fälle oder wilde Tiere töte und du nicht kochst – was sind dann unsere spezifischen Aufgabenbereiche? Was betrachtet man heutzutage als perfekte Ehefrau? Und als perfekten Ehemann?«

Ich warf ihm einen unsicheren Blick zu. »Ich versteh dich immer noch nicht richtig.« Meine Stimme hatte einen gereizten Unterton, als müsse ich mich verteidigen. Ich rief mich zur Ordnung und sagte mir, dass Max nur witzelte. Das machte er immer. Er wusste nichts. Es ging hier nicht um Hugh. Tatsächlich fühlte ich mich aber, als müsse ich mich verteidigen

»Er meint, was heute eine tolle Ehe ausmacht«, warf Chester ein und beugte sich vor. »Und das, liebe Freunde, kann ich euch genau