Leseprobe Lost in Pain – Zurück zu dir

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Sedona Arizona, Juni 2015

Catlin saß auf einem Drehhocker an der Bar. Sie trug ein rotes Kleid mit tiefem Dekolleté, das ihre prallen Brüste perfekt in Szene setzte. Lasziv sog sie am Strohhalm ihres Tequila Sunrise und warf immer wieder einen Blick an den Nebentisch.

Schon länger beobachtete sie den attraktiven Kerl, der nur zwei Meter weiter entfernt saß und seit gut einer halben Stunde intensiv am Laptop arbeitete. Seine Breitling am rechten Handgelenk sowie der dunkelgraue Armani-Anzug, den er trug, waren Anzeichen dafür, dass er nicht nur ein Faible für extrem geschmackvolle, sondern auch für teure Sachen hatte. Demnach würde der Inhalt seiner Geldbörse vermutlich nicht weniger als zweihundert Dollar betragen — perfekt. Außerdem war er wirklich sexy mit seinem dunkelbraunen, kurz geschnittenen Haar, der schlanken, durchtrainierten Figur und den markanten Gesichtszügen.

Catlin drehte sich um, winkte den Kellner heran und bezahlte ihren Drink. Dann glitt sie elegant von ihrem Barhocker. Sie griff unauffällig in ihre schwarze Clutch und holte das Cartierarmband heraus, das sie für diese Zwecke immer in der Tasche bei sich trug. Anschließend lief sie in Richtung Ausgang. Ihr Weg führte dabei wie zufällig an Mister Armanis Tisch vorbei.

Mit ihrem hellblonden Haar, das ihr bis zur Hüfte reichte, und dem Kleid, das ihre schlanke Figur umschmeichelte, war sie ein echter Blickfang. Das wusste sie. Deswegen erstaunte es sie auch nicht, dass der Typ den Blick hob, als sie elegant auf ihren High Heels an seinem Tisch vorbei stolzierte. Beiläufig ließ sie im Vorbeilaufen ihr Armband los. Es fiel rasselnd vor seinen Füßen zu Boden.

„Warten Sie“, rief er prompt. „Sie haben etwas verloren.“

Ein Schmunzeln stahl sich auf ihr Gesicht. Na, das lief doch wie am Schnürchen. Abrupt blieb sie stehen und blickte über ihre Schulter zurück. Sie bemühte sich, einen fragenden Ausdruck in ihr Gesicht zu legen.

Der Armani-Anzug kam geradewegs auf sie zu und hielt ihr das goldene Schmuckstück hin. Es baumelte demonstrativ vor ihrer Nase. „Ihr Armband. Das wäre wirklich ärgerlich. Ich schätze, es hat circa einen Wert von fünfhundert Dollar?“ Sein umwerfendes Lächeln ließ ihr Herz kurz hüpfen.

Gespielt erstaunt riss Catlin die Augen auf. „Oh mein Gott, Sie haben recht, das ist tatsächlich meins.“ Hastig griff sie danach und schüttelte den Kopf. „Es ist ein Geschenk meines Verlobten, müssen Sie wissen. Wenn ich das verloren hätte … oh je.“

Sie lachte verlegen auf und strich sich aufreizend das Haar auf den Rücken. „Da wäre der Ärger vorprogrammiert, verstehen Sie?“

Ihr Gegenüber nickte. „Das kenne ich nur zu gut.“

Catlin senkte nun den Kopf und betrachtete eingehend den Verschluss des Armbandes. „Ich glaube, da ist was nicht in Ordnung. Gestern habe ich es auch schon mal verloren, aber zum Glück hing es dann noch mit dem Haken an meiner Handtasche dran.“

„Zeigen Sie mal her.“ Mister Armani hielt die Hand auf. „Ich bin Juwelier. Wenn daran etwas nicht in Ordnung ist, werde ich es sicherlich erkennen.“

Nur mit Mühe konnte sie einen kleinen Jauchzer unterdrücken.

Juweliere waren der absolute Jackpot. Die hatten meist mehr als zweihundert Dollar dabei. Sie hatte gehofft, dass heute ein guter Tag werden würde, denn sie brauchte dringend Geld.

Er nahm das Armband erneut an sich und prüfte mit flinken Fingern den Verschluss. Seine Hände waren schlank. Feingliedrig. Die Fingernägel kurz geschnitten, sauber und sogar gefeilt. Catlin mochte Männer mit gepflegten Händen. ER hatte immer abgefressene, dreckige Nägel gehabt. Männer, deren Hände sie an IHN erinnerten, konnte sie nicht an sich heranlassen.

Mister Armani hob den Blick. „Es sieht so aus, als sei da mal was abgebrochen. Das könnte ich in einer meiner Filialen löten lassen, wenn Sie möchten.“

Es hatte Catlin drei Stunden Fummelarbeit gekostet, den Verschluss so zu manipulieren, dass er nicht mehr hielt. Deshalb würde sie es nicht zulassen, dass er es reparierte. „Oh, nein nein nein, das kann ich nicht annehmen. Ich werde es einfach hier bei uns im Ort zur Reparatur bringen.“

Er hob die Augenbrauen. „Sind Sie sich sicher? Es ist kein Problem für mich. Ich werde einen meiner Mitarbeiter anweisen, es fertigzumachen. Kostenlos versteht sich.“

Catlin lächelte. „Das ist wirklich sehr nett, Mister …?“

„Cunningham, Will Cunningham“, stellte der Kerl sich vor und hielt ihr die Hand hin.

Sie schüttelte sie. „Danke für das Angebot, Mister Cunningham. Aber machen Sie sich keine Umstände. Ich werde es einfach selbst reparieren lassen.“

Er nickte. „Gut, wie Sie möchten. Einer schönen Frau wie Ihnen kann ich einfach nichts abschlagen.“ Er schmunzelte und gab ihr das Kettchen zurück.

Lachend steckte Catlin es zurück in ihre Tasche, wo das Schmuckstück für solche Fälle stets auf seinen Einsatz wartete. „Trotzdem nochmals vielen Dank, Mr. Cunningham, wenn Sie nicht gewesen wären …“

Die restlichen Worte ließ sie ungesagt im Raum schweben. Dabei beugte sie sich nach vorne, damit er in ihr Dekolleté sehen konnte. Wie gehofft warf Mister Armani auch gleich einen schnellen Blick hinein. Er lockerte räuspernd seinen Krawattenknoten.

Männer waren doch so etwas von berechenbar. Ein bisschen nackte Haut, der Ansatz zweier Brüste und schon hatte man sie an der Angel. Vermutlich stellte Cunningham sich gerade vor, wie sie unter dem roten Kleid aussehen würde. So wie Gott sie geschaffen hatte. Somit zappelte der Fisch doch längst am Haken. Aber um ihn ordentlich ausweiden zu können, musste sie ihn erst noch aus dem Wasser holen.

Catlin lächelte verführerisch und legte vorsichtig eine Hand auf seinen Arm. „Mister Cunningham, dürfte ich Sie auf einen Drink einladen? Immerhin haben Sie mich vor dem Verlust meines Lieblingsarmbandes bewahrt.“

 

***

 

Nicht ganz zwei Stunden später saß Catlin rücklings auf Wills Schoß. Immer wieder ließ sie rhythmisch ihre Hüfte ein Stück weit nach vorne rutschen und fühlte, wie sein Penis in ihrem Inneren hart an den Wänden rieb.

„Oh Baby, das ist so geil“, keuchte er. „Komm her, ich will dich jetzt endlich von hinten ficken.“ Mit einem Ruck warf er sie herum, umfasste mit beiden Händen ihre Hüfte und zog sie wieder hoch. Dann drang er in sie ein. Hart und ungestüm.

Sie genoss es sogar. Sein Schwanz war lang und dick, Will überdurchschnittlich attraktiv und was das Beste war — tausendachthundert Dollar schwer. In einer günstigen Minute, als er kurz auf der Toilette gewesen war, hatte sie seine Börse abgecheckt. Somit hatte einem guten One-Night-Stand mit Cunningham nun wirklich nichts mehr im Wege gestanden. Und als sie ihm noch in der Bar von den Beziehungsproblemen mit ihrem Verlobten berichtet hatte, wollte Will es sich nicht nehmen lassen, gleich als Tröster einzuspringen.

Immer wieder stieß er kraftvoll zu. Catlin stöhnte und bewegte sich im Rhythmus mit. Das war fantastisch. Die Finger seiner rechten Hand glitten plötzlich zwischen ihre Schamlippen und begannen, ihre feuchte Klitoris mit sanftem Druck zu massieren. Er wusste, was er tat. Sein Fingerspitzengefühl war der Wahnsinn. Die Kerle, die sie sonst finanziell abzog, waren eher klein, dick, kahlköpfig und ungeschickt, und wenn sie notgedrungen einen von ihnen an sich ranlassen musste, dann ratterten diese für zwei Minuten wie eine Nähmaschine auf ihr herum, um nach dem Abspritzen direkt zuckend wieder herunterzurutschen und einzuschlafen. Aber Will war anders. Er war ein richtiger Kerl. Er wusste, wie er sein Geschlechtsteil einsetzen musste, um Catlin zu befriedigen.

Catlin fühlte, wie sich gerade alles in ihrem Unterleib schmerzhaft zusammenzog, was ein eindeutiges Zeichen war. Sie war kurz davor. „Fester“, feuerte sie ihn an. „Los, stoß fester zu Will!“ Eine Hitzewelle überrollte sie. Sie warf stöhnend ihren Kopf zurück, während das süße Ziehen in ihrem Unterleib sich in den Bauch und von da aus in ihre Herzgegend ausbreitete. „Noch fester.“ Sie drängte sich ihm weiter entgegen. Seine Bewegungen wurden rabiater und mit den Händen krallte er sich in das Fleisch an ihrer Hüfte, was ihr eine neue Erregungswelle bescherte. „Bitte, hör nicht auf, Will, ich komme gleich!“

Immer wieder glitt er vor und zurück. Catlin hielt es kaum noch aus.

„Baby, ich komm auch gleich“, ächzte er und griff unvermittelt in ihr Haar. Mit einem Ruck riss er ihren Kopf zurück, sodass Catlins Halswirbel leise knackten.

Damit war all ihre Erregung auf einen Schlag verschwunden. Zurück blieb lediglich das beklemmende Gefühl in ihrem Hals, das ihr die Luft zum Atmen nahm. Wie zwei eiskalte Hände, die immer weiter zudrückten. „Lass sofort meine Haare los“, ächzte sie und haute ihm dabei auf den Oberschenkel.

Doch in seiner Leidenschaft schien er sie nicht zu hören. Immer wieder stieß er zu, riss schmerzhaft an ihrer blonden Mähne und stöhnte lauter.

Catlin bäumte sich auf. „Verdammt, Will, lass meine Haare los!“ Sie griff zu seiner Hand an ihrem Hinterkopf und versuchte, sie zu lösen. Aber sein Griff war fest, wie der einer Schraubzwinge. Das Gefühl in ihrem Hals wurde von Sekunde zu Sekunde stärker. Sie bekam keine Luft mehr und begann schließlich zu japsen. Ihr Herz raste. Ihr Magen schlug kleine Salti, doch Catlin biss die Zähne zusammen. Sie bemühte sich, nicht loszuheulen und die Enge in ihrem Hals zu ignorieren. Gleich wäre alles vorbei. Gleich.

Sekunden später ergoss er sich mit einem geächzten „Ich … oh … ja jetzt … Ohgott“.

Als er sie endlich losließ und aus ihr herausglitt, drehte sie sich abrupt von ihm weg. Mit der letzten Luft in ihren Lungen zischte sie ihm zu: „Verdammt, was hatte ich dir gesagt, nicht blasen und nicht an den Haaren ziehen.“ Ihr Herz pochte wild von innen gegen ihre Rippen, die Beine zitterten, ihrem Magen war nach Umstülpen zumute. Catlin rückte zitternd ein Stück von ihm ab.

„Tut mir leid“, japste er, „… im Eifer des Gefechtes hab ich das glatt vergessen.“ Er zuckte mit den Schultern und sah zerknirscht drein. Seine Entschuldigung konnte sie jedoch nicht besänftigen. Er hatte sich einfach nicht an ihre Abmachung gehalten.

Wütend sprang sie aus dem Bett. „Vergessen? Was bist du, ein Dummkopf?“

Will Cunningham sah sie überrascht an. Doch plötzlich zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Seine Miene wurde unergründlich für sie. „Dummkopf? Wohl kaum, sonst hätte ich wohl keine eigene Geschäftskette, oder?“ In ihrem Gespräch in der Bar hatte er ihr verraten, dass er der Eigentümer von Cunningham Jewels war, einer bekannten Schmuckladenkette in ganz USA.

Er zog das Gummi ab, verknotete es und stand behände aus dem Bett auf. Seine Erektion hing auf halbmast. „Aber vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst. Morgen früh habe ich einige wichtige Termine und dazu muss ich fit sein.“ Das Gummi ließ er in den Papierkorb neben dem Bett fallen. „Lass mir doch deine Nummer da, dann ruf ich dich an, wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin.“

Catlin schwieg. Den Teufel würde sie tun. Auch wenn er ein richtig dicker Fisch war, bei dem sicher noch mehr zu holen war als nur die tausendachthundert Dollar. Sie würde ihm gleich das Portemonnaie ausräumen und zusehen, dass sie auf Nimmerwiedersehen verschwand.

Hastig sprang sie auf und raffte wütend ihre Sachen zusammen, um sich anzuziehen. Will dagegen lief in Richtung Badezimmer. An der Tür drehte er sich noch mal zu ihr um. „Sorry wegen der Haare, wirklich.“ Dann verschwand er einfach.

Ihr entfuhr ein entrüstetes Schnaufen. Am liebsten hätte sie dem arroganten Kerl etwas Passendes hinterhergeschleudert, aber sie wollte ihr Vorhaben nicht durch einen Disput mit ihm gefährden.

Sie schlüpfte hastig in Slip, Kleid und High Heels und griff zu ihrer Tasche, die auf dem Nachttisch lag.

Als sie hörte, wie das Wasser in der Dusche losprasselte, huschte sie zur angelehnten Badezimmertür und warf vorsichtig einen Blick hindurch. Will stand unter dem Wasserstrahl. Er seifte sich ein.

Catlin schlich zu der Anzugjacke zurück, die über einen Sessel in der Nähe des Bettes hing. Mit flinken Fingern zog sie Wills Geldbörse aus der Innentasche, nahm die Geldscheine an sich und steckte sie in ihre Clutch. Ein zweites Mal griff sie in die Innentasche des Jacketts, da ihre Finger vorhin noch etwas anderes ertastet hatten. Es war hart und viereckig. Sie zog es hervor — eine kleine schwarze Schmuckschatulle.

Catlin klappte den Deckel hoch und riss erstaunt die Augen auf. Das Kästchen enthielt einen Ring, dessen Diamant einfach riesig war. Wie viel Karat genau, vermochte sie zwar nicht zu sagen, aber das er eine Menge Geld bringen würde, war ihr auf Anhieb klar. Aber sollte sie das tun? Sollte sie den Ring wirklich mitnehmen?

In ihrem Magen zog es unangenehm. Bisher hatte sie immer nur Geld genommen und nie etwas anderes. Trotz allem empfand sie das, was sie tat als unrecht, aber sie brauchte das Geld für Lebensmittel und die Miete im Motel. Aber Schmuck?

Schnell ließ sie den Ring zurück in die Innentasche gleiten und lief zur Zimmertür. Doch das fröhliche Pfeifen unter der Dusche klang in ihren Ohren völlig unangebracht. Es ärgerte sie maßlos. Wieder flammte die Wut in ihr auf. Sie hatte Will vor dem Fick klipp und klar gesagt: Nicht blasen und schon gar nicht an den Haaren ziehen. Eine Abmachung, die sie beide vorher getroffen hatten. So wie er darauf bestanden hatte, sie eben nicht küssen zu wollen. Sie hatte sich daran gehalten, aber was war mit ihm? Im Eifer des Gefechtes habe ich nicht daran gedacht …

Unvermittelt stieg ein Bild aus der Vergangenheit in ihr auf. Und sie schaffte es nicht, es zu verdrängen, so wie sonst. Gequält schloss sie die Augen, doch auch das half nichts. Dieses Bild überrollte sie förmlich.

 

Sie sitzt auf einer Holzkiste. Ihre Hände sind auf dem Rücken mit Kabelbinder festgezurrt. SEINE Hände sind schmerzhaft verkrallt in ihren Haaren, ihr Magen ist der Revolte nahe. Mit einem gutturalen Laut ergießt ER sich in ihren Mund. Sie kann SEIN Sperma schmecken. Es schmeckt widerlich. Schon alleine, weil es von IHM ist. Tränen schießen ihr in die Augen und sie fragt sich, womit sie das verdient hat. Was sie im Leben falsch gemacht hat, um so bestraft zu werden. Noch im selben Moment, wo sie nach einer Antwort sucht, fühlt sie, wie sich brennend die Magensäure ihren Weg an die Oberfläche sucht. Als ER sich keuchend aus ihr zurückzieht, erbricht sie schwallartig neben sich.

 

Catlin riss die Augen auf und keuchte. Sie hatte sich damals vorgenommen, sich nie wieder so benutzen, von anderen Menschen rumschubsen oder wie Vieh missbrauchen zu lassen. Nein. Eher würde sie den Spieß umdrehen und Andere fortan benutzen. Warum also jetzt nicht den Ring nehmen? Hatte sie ihn sich nicht redlich verdient? Hätte Will sich an die Abmachung gehalten, würde es ihr jetzt nicht so schlecht gehen. Also stand ihr doch eine Entschädigung zu, oder etwa nicht?

Trotz des nagenden Gefühls von Unrecht in ihrem Bauch, das sich gerade zu allen anderen Gefühlen gesellte, trieb es sie zurück zu dem Sessel. Sie griff in die Innentasche seines Anzuges und ließ die Schatulle rasch in ihrem Täschchen verschwinden. Bevor Will Cunningham von Cunningham Jewels etwas davon mitbekam, hatte Catlin bereits lautlos das Hotelzimmer verlassen, mitsamt seinem Geld, seinem Ring und schlechtem Gewissen im Gepäck.

 

***

 

Der Shuttle Bus zum Arroyo Pinion Motel war noch nicht ganz hundert Meter weit gefahren, als Catlin bereits spürte, wie sich langsam ihr Hals zuzog. Seit IHM hatte sie Angst vor geschlossenen Räumen, die sich immer wie zwei kalte Hände um ihren Hals legte und Catlin langsam aber sicher die Luft abdrückte. Und je weniger Luft sie bekam, desto mehr rebellierte ihr Magen. Wie auch jetzt wurde ihr dann schlecht. Es gab Momente, in denen die Übelkeit überhand gewann und sie sich in einem Schwall erbrach. Aber es gab auch Momente, in denen sie stark genug war und sie erfolgreich zurückzudrängen vermochte.

Deshalb versuchte sie, sich auf die am Fenster vorbeiziehende Wüste außerhalb des Busses zu konzentrieren. Heute half es jedoch nichts. Ihre Nerven beruhigten sich einfach nicht. Vielleicht lag es auch an dem Diebesgut. Dem Ring.

Mittlerweile bereute sie es, ihn mitgenommen zu haben. Der Ring würde sicher einiges an Ärger bedeuten. Vor allem, wenn er wirklich so viel wert war, wie sie vermutete. Und das konnte sie absolut nicht gebrauchen. In den letzten Jahren hatte sie doch immer ungestört ihrer nicht ganz legalen Tätigkeit hier rund um Sedona nachgehen können. Aber was, wenn Will Cunningham nach dem Ring suchen würde?

Sie dachte angestrengt nach. Cunningham war der Besitzer einer riesigen Schmuckkette, die zusammen mit Swarovski auch edlen Modeschmuck anbot. Womöglich war der Ring gar nicht echt. Manchmal sah Modeschmuck echtem Schmuck doch täuschend ähnlich. Und mal ganz ehrlich, selbst wenn der Ring echt wäre, konnte Will dann das verlorene Geld nicht einfach als Auslage verbuchen? Mit seiner Kette musste er Millionen im Jahr verdienen. Eigentlich schade, dass ihr Date so geendet war. Wer weiß, was sie sonst noch hätte aus ihm herausholen können.

Catlin wurde schlecht. Sie hatte das Gefühl, das Dach des Busses würde immer näher kommen und sie erdrücken. Abrupt stand sie auf und griff japsend zu ihrer Tasche. Keine Sekunde länger hielt sie es hier drinnen mehr aus. Sie gab dem Fahrer ein Zeichen mit der Hand, woraufhin er den Shuttlebus am Straßenrand anhielt. Die letzten paar Meter würde sie laufen und sich unter freiem Himmel überlegen, wie sie den vermaledeiten Ring gefahrlos zu Geld machen könnte.

Und ganz plötzlich drängte sich ein Gedanke an all den anderen vorbei, schlängelte sich durch die Angst und Traurigkeit hindurch. Ein Gedanke, der ihr stets half, das Ganze durchzustehen. Der ihr Trost spendete. Es war der Gedanke an einen ganz besonderen Menschen. Einen Menschen, der ihr viel bedeutet hatte und ohne den sie mit der Situation im Waisenhaus wesentlich schlechter zurechtgekommen wäre — Nick Thornton.

 

***

 

Mit einer ruckartigen Handbewegung warf Catlin ihre Clutch zusammen mit dem Zimmerschlüssel aufs Bett und zog sich aus. Ihr Kleid stank bestialisch nach Rauch und Alkohol. Morgen würde sie es mit den anderen Sachen zur Reinigung in die City bringen und auf dem Weg dahin könnte sie dann auch gleich die paar Kilometer weiter nach Flagstaff fahren, um den Ring dort in einem Pfandhaus zu versetzen. Den Ring hier in Sedona zu Geld zu machen, war ihr zu heiß. Da nahm sie lieber ihre Klaustrophobie in Kauf und fuhr ein paar Kilometer weiter in das nächste Dorf.

Im Bad streifte Catlin sich die Unterwäsche ab und schlüpfte unter die Dusche. Wenige Sekunden später rann heißes Wasser über ihren Körper. Für einen Moment blieb sie einfach nur so stehen und genoss die Wärme. Anschließend griff sie zum Apfelshampoo, um sich die Haare zu waschen.

Die Dusche nach dem Sex mit ihren „Kunden“ war ein wichtiges Ritual für sie. Ein Akt der Reinigung, weil sie sich, trotz allem was sie tat, immer schmutzig und benutzt fühlte. Wenn sie jemals die Wahl gehabt hätte, hätte sie etwas anderes gemacht. Ihr Geld auf ehrliche Art und Weise verdient. Doch das Schicksal hatte ihr keine Wahl gelassen. Die Fesseln ihrer Vergangenheit ließen sie nicht los. Auch nach zehn Jahren nicht.

Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag war sie aus dem Jugendheim Childrens Hope geflohen, ohne zu wissen, wo sie zukünftig unterkommen oder sich über Wasser halten würde. Sie wollte damals nur noch raus aus der Hölle. Weg von IHM.

Eine Zeit lang war sie anschließend mit einigen Jugendlichen unterwegs gewesen, die auf der Straße in Phoenix lebten. Von ihnen hatte sie gelernt, wo man sicher schlafen konnte, wie man bettelte oder wie man klaute. Irgendwann war es jedoch zu einem Streit zwischen ihr und einem der Mädchen gekommen. Daraufhin hatte sie die Gruppe notgedrungen verlassen müssen.

Als sie schließlich verzweifelt in einem Diner ihr letztes erbetteltes Geld für einen heißen Kaffee ausgegeben hatte, lief ihr der erste Kerl über den Weg, der ihr für einen schnellen Fick Geld bot. Viel Geld. Ganze zwanzig Dollar. So viel hatte sie an drei Tagen nicht zusammenbetteln können. Und da kam ihr plötzlich die Idee, die Geilheit der Männer zu ihren Gunsten zu nutzen. Was anderes blieb ihr schließlich nicht übrig. Eine Ausbildung konnte sie damals nicht vorweisen, geschweige denn einen Schulabschluss, echten Job oder festen Wohnsitz. Zudem stand der Winter vor der Tür, vor dem sie wirklich Angst gehabt hatte.

Somit hatte Catlin die Zähne zusammengebissen und sich von dem Kerl aus dem Coffeeshop für zwanzig Dollar zwischen den Mülltonnen notgedrungen durchvögeln lassen. Auch wenn ihr dabei beinahe der Kaffee wieder hochgekommen war. Doch die Zähne zusammenbeißen konnte sie. Das hatte sie im Waisenhaus gelernt. Bei IHM hatte sie mehr als einmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Und der Kerl, der sie im schäbigen Hinterhof durchgevögelt hatte, war noch relativ nett zu ihr gewesen.

Allerdings hatte der eine Kerl nicht ausgereicht. Es waren noch einige weitere „Kunden“ nötig, bis sie endlich so viel Geld zusammen hatte, dass sie sich ein billiges Motelzimmer hatte leisten können. Dort hatte sie sich zuallererst stundenlang geduscht, um sich von dem Geruch der Kerle, der noch an ihr klebte, reinzuwaschen. Dann hatte sie sich rasiert, die Haare geschnitten und aufgehellt, und war am Abend darauf bewaffnet mit High Heels, einem schicken Etuikleid aus dem Second-Hand-Laden in der Tylerstreet und einem falschen Personalausweis in eine exklusive Nachtbar gestöckelt. An dem Abend hatte sie sich den ersten notgeilen Kerl gegriffen, dem sie in einem günstigen Augenblick das Geld aus der Tasche geklaut hatte, ohne sich von ihm ficken zu lassen. Es waren weit mehr als zwanzig Dollar gewesen und konnten ihr die nächsten Nächte im Motel sichern.

Seitdem ließ sie meist nur noch ausgewählte Kerle an sich ran, mit denen sie sich Sex auch wirklich vorstellen konnte. Alle anderen hatte sie nur abgewimmelt und dabei geschickt um ihr Geld erleichtert. Dennoch war das Gefühl benutzt worden zu sein stetig geblieben. Heute war es sogar ganz besonders schlimm, weil Will sie an den Haaren gezogen hatte, so wie ER.

Catlin trat aus der Dusche, trocknete sich ab und lief zurück ins Zimmer. Sie schlüpfte in frische Unterwäsche und ein Big-Shirt, das sie aus ihrem Trolli zog. All ihre Klamotten passten in einen Rollkoffer von 115 Liter Fassungsvermögen. Für andere Frauen eigentlich undenkbar, für sie der normale Zustand. Sie verfügte über keinen festen Wohnsitz. Meist wohnte sie nur für ein paar Tage in Motels. Danach sah sie zu, dass sie wieder wegkam und sich woanders einquartierte. Ihre Art an Geld zu kommen war ja illegal, weswegen sie auch nie dieselben Bars zweimal hintereinander besuchte. Außerdem trug sie seit dem Waisenhaus diese innere Unruhe mit sich, die es ihr nicht leichtmachte, irgendwo länger als ein paar Tage zu bleiben. Einzig und allein Mr. Xu aus der Reinigung in Sedona City war eine Konstante in ihrem Leben. Schon allein, weil er ihr die Waschmaschine, die Familie und den Therapeuten ersetzte. Deswegen passte ihr ganzes Hab und Gut in diesen einen Koffer.

Ein weiteres Mal griff Catlin in das Gepäckstück und beförderte den kleinen Skizzenblock hervor, den sie immer dabei hatte. Sie setzte sich aufs Bett, zog die Knie an und schlug den Block auf. Mit dem Bleistift begann sie, das angefangene Bild von gestern weiterzumalen. Es zeigte ein Baby auf dem Arm einer jungen Frau. Catlin widmete sich wieder dem Gesicht der jungen Mutter. Es sollte eigentlich einen liebevollen Ausdruck tragen, aber sie tat sich schwer. Das Gesicht, beziehungsweise der Ausdruck in dem Gesicht der Mutter, wollte ihr nicht recht gelingen. Vermutlich, weil sie sich nicht vorstellen konnte, wie eine Mutter ihr Baby liebevoll betrachtete. Sie war als Baby ja von ihrer Mutter verlassen worden. Zumindest war es das, was ER ihr immer erzählt hatte.

Wieder und wieder radierte Catlin das Skizzierte weg. Irgendwann riss sie wütend das ganze Blatt ab, zerknüllte es und warf es in den Mülleimer neben dem Fenster. Dann begann sie plötzlich ein anderes Gesicht zu zeichnen. Aus ihrer Erinnerung. Es war Nicks Gesicht. Doch auch das gelang ihr nicht. Denn sie hatte es viel zu lang nicht mehr gesehen. Ganze zehn Jahre, um genau zu sein. Also wer weiß, wie ihr ehemals bester Freund heute aussah.