Leseprobe London Love – Herz über Kopf

1

Das Erste, was Sarina an diesem Morgen spürte, war das leise Dröhnen in ihrem Kopf, welches davon zeugte, dass es gestern ein paar Gläser zu viel gewesen waren. Doch noch etwas durchdrang die wattigwollige Schlaftrunkenheit und kitzelte ihre Nase: Es war der Duft seines Parfums. Sie streckte sich, wagte aber nicht, die Augen zu öffnen, aus Angst, es könnte alles nur ein Traum gewesen sein. Sie fühlte sich angenehm matt und wider Erwarten kopfschmerzfrei. Das mussten die Endorphine sein. Eine Flut von Bildern strömte durch ihr noch immer cocktailtrunkenes Hirn, und unwillkürlich musste sie lächeln. Eine wundervolle Nacht! Fast zu schön, um wahr zu sein. Sie und er. Sarina und Leo, ihr perfekter Traummann. Der, den sie vor rund zehn Jahren bereits beim Universum bestellt hatte. Und er lag hier in ihrem WG-Zimmer, in ihrem Bett.

Sarina rollte sich auf die Seite, streckte den Arm aus und ertastete: nichts. Die Matratze neben ihr fühlte sich kühl an. Ungläubig blinzelte sie ins Halbdunkel ihres Schlafzimmers. Die andere Bettseite war leer.

Sarina setzte sich ruckartig auf, was ihr Magen ihr für einen Moment übelnahm. Sie atmete ein paar Mal tief durch die Nase ein und aus, und das flaue Gefühl legte sich wieder. Hatte sie vielleicht doch nur geträumt? Ihr verschwommener Blick schweifte durch den Raum und suchte nach Hinweisen. Ohne ihre Kontaktlinsen sah sie zwar nicht besonders gut, aber ihre Klamotten von gestern Abend lagen tatsächlich wild verstreut auf dem Boden, und wenn sie nicht alles täuschte, baumelte ihr neuer roter Push-up-BH von der Schreibtischlampe. Nein, sie hatte eindeutig nicht geträumt. Während sie noch darüber nachdachte, ob er sich klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte, fiel ihr auf, dass nebenan im Bad die Dusche rauschte. Sie lächelte, schlüpfte aus dem Bett, zog sich einen Slip und ein T-Shirt an und lief in den Flur. Als sie vor der Badezimmertür stand, hörte sie, wie die Dusche abgestellt wurde. Kurz darauf ertönte das metallische Klirren der Duschvorhangringe.

Fast zärtlich klopfte sie mit dem Fingerknöchel an die Tür.

„Leo? Ich setze Kaffee auf. Möchtest du auch einen?“

Drinnen war das Rascheln eines Handtuchs zu hören. Dann öffnete sich die Tür und der Kopf ihrer Mitbewohnerin Kathi erschien, deren Haare zu einem pinkfarbenen Frotteeturban aufgeschlungen waren.

„Ich heiße zwar nicht Leo, aber einen Kaffee nehme ich gerne“, sagte Kathi grinsend.

„Haha, sehr lustig, Kathi!“

Sarina gab einen Grunzlaut von sich und verschwand in Richtung Küche. Auf dem Weg streifte ihr Blick eine neonpinkfarbene Haftnotiz an der Haustür. Sarina zupfte das Zettelchen ab und las:

Ich musste los. Sei mir nicht böse. Wir sehen uns! Leo

Sarina zog die Nase kraus und las noch einmal. Wir sehen uns? Was hatte das nun zu bedeuten? Hieß das, dass er sie wiedersehen wollte, oder war das nur eine höfliche Umschreibung für „Vielen Dank für den One-Night-Stand – bis irgendwann mal“? Während sie noch über Leos Notiz grübelte, tauchte Kathi im Flur auf.

„Dann war Leo noch mit hier? Wann wart ihr denn zu Hause?“ Sie schaute sich um. „Und wo steckt er?“

Wortlos hielt Sarina ihrer Freundin Leos Zettel unter die Nase.

Kathi runzelte die Stirn. „Okayyy …“, sagte sie gedehnt. „Heißt das jetzt, das war eine einmalige Sache?“

Sarina zuckte mit den Schultern. „Keinen Schimmer. Das wüsste ich ja auch gerne.“

„Warum rufst du ihn nicht an?“, schlug Kathi vor.

„Du bist lustig. Ich habe doch seine Nummer gar nicht.“ Sarina zerknüllte die Notiz in der Hand und betrat die Küche.

„Ich brauche jetzt erst einmal einen Kaffee.“

Missmutig starrte Sarina in ihre Tasse, während sie das zusammengeknüllte Post-it wie einen Fußball mit dem Finger auf dem Tisch hin und her schnippte.

„Warum hab ich ihn denn nicht nach seiner Nummer gefragt?“

„Na ja, sieh es positiv!“ Kathi grinste. Ihr gelang es meistens, den Dingen noch eine heitere Seite abzugewinnen. „Du bist schon erheblich weiter als die meisten anderen, die nach einer Party mit jemandem im Bett landen. Immerhin kennst du seinen Namen.“

„Sehr witzig, Kathi.“ Ärgerlich schnippte Sarina das Papierbällchen gegen Kathis Kaffeetasse. „Ich könnte ausflippen. Jetzt hatte ich überhaupt keine Chance, ihm zu sagen, was ich für ihn empfinde.“

„Das ist auch so etwas.“ Kathi nippte an ihrem Kaffee. „Warum bist du dir eigentlich so sicher, dass Leo der Mann deines Lebens ist? Genau genommen kennst du ihn doch so gut wie gar nicht und hast kaum mehr als ein paar Worte mit ihm gewechselt.“

Sarina stieß einen langen Seufzer aus und nahm ebenfalls einen Schluck Kaffee.

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Schieß los, ich hab Zeit.“ Kathi deutete mit dem Kinn in Richtung Kühlschrank. „Der Putzplan sagt, dass ich heute mit dem Bad dran bin. Jede Ausrede, die mir hilft, mich davor zu drücken, ist willkommen.“

Sie wackelte mit den Augenbrauen, womit sie Sarina ein kleines Lächeln entlockte.

„Sag mal, hast du eigentlich irgendwann auch mal schlechte Laune?“

„Nö.“ Kathi schüttelte vehement den Kopf. Der Handtuchturban, der bis dahin immer noch auf ihrem Kopf gethront hatte, glitt zu Boden und ihre schwarzen Locken fielen ihr auf die Schultern. „Das Leben ist zu kurz, um es mit mieser Laune zu verschwenden. Also los, erzähl.“

Sie angelte mit den bloßen Füßen nach dem Handtuch, bekam es mit den Zehen zu fassen und grinste triumphierend, als sie es mit einer geschickten Verrenkung in ihre Hand befördert hatte.

„Ich fürchte, da muss ich ein bisschen ausholen“, begann Sarina ihre Erzählung.

Sarina war dreizehn Jahre alt und schrecklich verliebt in Nils. Er war toll: groß, sportlich, lässig, selbstbewusst, hatte wunderschöne, meergrüne Augen und dunkle Locken. Im Basketball war er unschlagbar und er war der Leadgitarrist der Schulband. Nils war von vorne bis hinten ein Traum, und Sarina liebte ihn mit jeder Faser ihres jugendlichen Herzens – doch leider vergebens. Die beginnende Pubertät hatte ihr übel mitgespielt. Sarina kämpfte noch mit dem Babyspeck, da bescherten ihr die Hormone auch schon Pickel. Immer genau dann, wenn es besonders ungünstig war, und immer an prominenten Stellen. Mal am Kinn, mal auf der Nase, mal auf der Stirn oder, wie an dem Tag, als das Klassenfoto gemacht wurde, an allen drei Stellen gleichzeitig. Sie hatte sich von einem ambitionierten Friseur zu einem Pixie-Cut überreden lassen, der ihr leider überhaupt nicht stand, und mit dem sie aussah wie ein Junge. Und als hätte das nicht vollkommen gereicht, bekam sie noch Brille und Zahnspange verpasst. Kurzum, sie sah aus wie ein kleiner, pummeliger Junge mit Brille und Zahnspange. Und Nils – ein typischer Vierzehnjähriger – hatte das Konzept der inneren Werte noch nicht verstanden. Er flog auf die langen blonden Locken und den bereits deutlich erkennbaren Busen von Janina.

Sarina hatte schreckliche Angst gehabt, für immer ungeküsst zu bleiben. Also hatte sie sich auf Sandra Adamczyks Karnevalsfeier erbarmt und Dennis geküsst, den etwas zu kurz geratenen Klassenclown. Immerhin hatte er hübsche braune Augen und einen tollen Sinn für Humor. Das hatte sich Sarina zumindest gesagt, als sie ihn geküsst hatte. Es war nass gewesen. Nass und schlabberig. So, als hätte man eine Nacktschnecke abgelutscht. Eine Nacktschnecke, die nach einer aparten Mischung aus Erdnussflips und Juicy-Fruit-Kaugummi schmeckte. Bis zum heutigen Tag machte Sarina einen weiten Bogen um beides.

Und an jenem Abend hatte sie sich geschworen, nie wieder Kompromisse einzugehen, was die Liebe anging. War er nicht perfekt, war er nicht für sie.

Am nächsten Tag hatte sie sich hingesetzt und eine Postercollage von ihrem perfekten Traumprinzen gebastelt. Aus Mädchenzeitschriften ausgeschnitten, mit den Eigenschaften ihrer Lieblings-Buchhelden versehen, die sie in Stichpunkten auf dem Bild notiert hatte. Ihr perfekter Mann war groß, hatte dunkle Locken und grüne Augen – genau wie Nils. Er war natürlich sportlich. Nach Möglichkeit war er ein Prinz – oder wenigstens adelig. Zur Not auch Schauspieler oder Popstar. Modisch gekleidet musste er sein, ein strahlendes Lächeln haben und schöne Zähne. Pianistenhände! Jedenfalls keine Pranken, keine ungepflegten Nägel oder schwitzigen Handflächen. Er würde mehrere Fremdsprachen sprechen. Und selbstverständlich war er auch nicht arm. Er musste Bücher lieben, intelligent sein, romantisch und Nichtraucher. Und natürlich musste er küssen können. Küssen und dabei weder nach Erdnussflips noch nach Fruchtkaugummi schmecken! Gut riechen sollte er auch. Weder nach Schweiß oder sonstigen Ausdünstungen, noch nebelte er sich mit aufdringlichen Düften ein. Ein guter Tänzer musste er sein, höflich und respektvoll. Er würde niemals ungeniert oder zur Unterhaltung anderer rülpsen, pupsen oder popeln. Sein Verständnis von Humor wäre es auch nicht, Furzgeräusche mit der Achselhöhle zu erzeugen. Stil und Klasse würde er haben, einfach … rundum perfekt sein! Sarina besprühte ihr Machwerk noch mit ein paar Spritzern der Parfumprobe, die ihr Vater neulich in der Drogerie bekommen hatte und die wahnsinnig gut roch. Anschließend verstaute sie den Papier-Traummann feierlich in einem Karton, den sie bemalte und mit Glitzer bestreute. Dann hatte sie ihre Wunschbox unter dem Bett verstaut und sich darauf gefreut, dass ihr das Universum bald den bestellten Traumprinzen liefern würde.

Mit den Jahren waren Sarinas Haare gewachsen, Pickel und Babyspeck hatten sich verflüchtigt, die Zahnspange war entfernt worden und Sarina hatte ihre Mutter überreden können, die Brille durch Kontaktlinsen zu ersetzen, als sie in den Schwimmverein eingetreten war. Mittlerweile war Sarina beim männlichen Geschlecht deutlich im Kurs gestiegen. Ihr honigblondes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern, ihre langen, schlanken Beine machten sowohl in Jeans als auch im Minirock Eindruck, und ihre graugrünen, nunmehr brillenlosen Augen leuchteten unter dichten, dunklen Wimpern.

Sarina hatte sich nach Kräften bemüht, ihre Ansprüche in Sachen Traummann hochzuhalten, wenn sie auch über die Jahre einige ihrer Forderungen als optional – da unrealistisch – eingestuft hatte. Etwa die Sache mit dem Prinzen, Rockstar oder Schauspieler.

Dennoch hatte sie stets Abstriche machen müssen. Den strengen Traummann-Kriterien ihres dreizehnjährigen Selbst hatte bisher niemand in allen Punkten standhalten können. Ob das der Grund dafür war, dass ihre Beziehungen nie von langer Dauer und pauschal betrachtet enttäuschend waren, konnte Sarina nicht sagen.

Schließlich lernte sie zu Beginn ihres Studiums auf einer Party Joachim kennen. Er war der Freund eines ihrer Mitbewohner. Damals hatte sie noch in ihrer ersten Studenten-WG gewohnt. Joachim schien wie für sie gemacht. Bis auf die Haarfarbe erfüllte er so gut wie alle Kriterien auf ihrer Liste. Doch nach ein paar Monaten hatte sie feststellen müssen, dass nichts von dem, was er ihr über sich erzählt hatte, stimmte. Offenbar hatte er in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt, war auf ihre Wunschkiste gestoßen und hatte ihr den perfekten Traumprinzen vorgespielt. Daraufhin hatte sie die Kiste in eine spinnenverseuchte Ecke auf dem Dachboden ihres Elternhauses verbannt.

Sarina fürchtete fast, sie habe sich mit der Traummann-Wunschkiste unbeabsichtigt selbst mit einer Art Fluch belegt. Gib acht, was du dir wünschst – hieß es doch. Doch wie wurde man so einen Fluch wieder los? Sarina war überzeugt, es gebe nur einen Weg: Sie musste den Wunschkisten-Traummann finden. Dann erst würde sich ihr Liebesschicksal zum Guten wenden.

Schon hatte sie sich als verbitterte alte Jungfer enden sehen, als unverhofft Leo in ihr Leben gestolpert war – und zwar wörtlich, über ihre ausgestreckten Beine im überfüllten Seminarraum. Sie hatte ihm geholfen, seine verstreuten Siebensachen aufzuheben – unter anderem eine spanische Taschenbuchausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez (gleich zwei Haken auf der Traummann-Liste: Bücher und Fremdsprachen). Der Blick aus seinen wundervollen, graugrünen Augen hatte Sarina wie der Blitz getroffen, und ein leiser Hauch eines Duftwassers, das genauso roch wie ihr Traummann-Duft, hatte ihre Nase gekitzelt. So dezent und leicht, dass sie sich am liebsten an seine Brust geworfen und ihre Nase in seinem Hemd vergraben hätte, um den Duft aufzusaugen. Seine schwarzbraunen Locken waren ihm neckisch in die Stirn gefallen, als er sich mit einem strahlenden Lächeln und einem warmen, trockenen Händedruck bedankt und auf einem freien Stuhl zwei Plätze weiter niedergelassen hatte. Natürlich hatte Sarina gleich auf der Anwesenheitsliste nachgesehen und wusste seither, wie er hieß: Leo. Leo von Wietersheim. Wenn schon kein Prinz, so klang sein Nachname wenigstens adelig. Und dann hatte sie auf einem Plakat im Mensa-Foyer entdeckt, dass Leo in der Theatergruppe „The Bard’s Players“ den Hamlet gab. O Gott! Auch noch Schauspieler! Seither hatte sie ihn intensiv beobachtet und ihn – zu ihrem Entzücken – auch noch nie mit einer Zigarette oder beim Popeln erwischt. Leo war wahrhaftig der fleischgewordene Wunschkisten-Mann. Aus diesem Grund sehnte Sarina die Mittwochnachmittage herbei wie andere das Wochenende. Mit verträumtem Blick saß sie jeden Mittwoch im Seminar für Mediengeschichte und Medienästhetik und brachte die neunzig Minuten damit herum, jede seiner Bewegungen zu beobachten, während sie Blümchenranken und Herzchen in ihren Collegeblock kritzelte. Die perfekte Blaupause ihrer Träume war unerwartet über ihre Beine gestolpert. Es musste einfach Schicksal sein.

Leider hatte die Sache zwei kleine Schönheitsfehler. Einer davon war Sarinas notorische Schüchternheit, was Männer anging. Sie hatte sich schon so oft vorgenommen, ihn anzusprechen und zu fragen, ob er mit ihr in die Mensa oder in die Cafeteria gehen wollte. Aber sie hatte jedes Mal gekniffen.

Die einzigen Worte, die sie bislang mit ihm gewechselt hatte, waren ein paar launige Kommentare vor dem Seminar gewesen, wenn sie noch in Grüppchen zusammenstanden und auf den Dozenten warteten.

Sicher hätte sie sich eines Tages ein Herz gefasst und ihn angesprochen, wäre da nicht Schönheitsfehler Nummer zwei gewesen. Merle, die attraktive Brünette, die ihn immer nach dem Seminar abholte. Seine Freundin. Sarina kannte sie flüchtig aus der Ringvorlesung „Positionen der Medienwissenschaft“. Sie war total nett und taugte noch nicht einmal zum Feindbild. Doch gestern auf der Semesterabschlussparty der Medienwissenschaftler hatte sich das Blatt gewendet.

Sarina hatte mit Kathi und Inga schon während des Stylings ordentlich mit Hugo vorgeglüht, und so waren sie bester Laune und etwas übermütig auf der Party eingetroffen, wo sie sich gleich eine Runde Cocktails gönnten und die Tanzfläche unsicher machten.

„Puh! Ich brauche eine Pause!“, stöhnte Sarina, und die drei Freundinnen suchten sich ein ruhiges Eckchen am anderen Ende der Tanzfläche, um eine Weile zu verschnaufen und das Feld zu sondieren.

„Ist das da drüben nicht dein Leo?“

Inga deutete zur Bar, bei der Leo mit ein paar Kommilitonen stand.

„Er ist nicht mein Leo. Er ist Merles Leo“, seufzte Sarina.

„Sie scheint aber heute nicht dabei zu sein“, sagte Kathi und schaute sich um.

„Und ich finde, er sieht irgendwie traurig aus“, sinnierte Inga.

„Wunschdenken!“, wehrte Sarina ab. „Hört bloß auf, mir falsche Hoffnungen zu machen. Vielleicht hatte sie keine Lust auf die Party oder sie ist bloß kurz auf der Toilette.“

„Papperlapapp!“ Kathi wedelte ungelenk mit der Hand in der Luft herum. Ihre Wangen hatten schon dieses verräterische Glühen, das sie immer annahmen, wenn Kathi etwas zu tief ins Glas geschaut hatte. „Was hast du schon zu verlieren? Schlimmstenfalls holst du dir einen Korb. Es nützt doch nichts, wenn du ihn bloß aus der Ferne anschmachtest.“

Inga nickte und sah Sarina herausfordernd an. „Also, irgendwie hat Kathi ja recht. Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?“ Sie knuffte Sarina in die Seite. „Na, komm schon. Worauf wartest du?“

„Ich weiß nicht …“ Sarina verschränkte die Arme vor der Brust. „Was soll ich denn sagen? ,Hallo, ich bin die Sarina und du bist der Mann meines Lebens‘?“

„Quark. Für den Anfang reicht es, wenn du ihn einfach fragst, ob er Lust hat, mit dir zu tanzen“, meinte Inga grinsend.

Sarina schien kurz zu überlegen. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Das ist doch total aufdringlich.“

„Jetzt oder nie!“, platzte es etwas zu laut aus Kathi heraus und noch bevor Sarina sie festhalten konnte, war sie losgelaufen und quer über die Tanzfläche auf Leo zugestolpert.

„Ach du Scheiße! Bitte nicht!“, entfuhr es Sarina. Sie wagte es kaum, hinzusehen, als Leo den Blick hob und sie prüfend über Kathis Schulter hinweg taxierte. Ein amüsiertes Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Verdammt, ist das peinlich! Inga! Ich muss hier raus!“, stieß Sarina hervor.

„Zu spät. Er kommt rüber“, kicherte Inga und stieß ihr den Ellenbogen in die Seite.

„Na toll!“, schimpfte Sarina. „Ihr findet das natürlich ungemein witzig.“

Sie wünschte sich im Augenblick nichts sehnlicher, als dass sich der Boden auftun und sie verschlucken möge.

Leo hielt breit grinsend auf sie zu. Er legte ihr leicht die Hand auf die Schulter und beugte sich zu ihr herunter.

„Hi! Ich bin Leo“, raunte er in ihr Ohr. Sein Atem kitzelte angenehm. „Ich habe gehört, hier wird noch ein Tanzpartner gesucht?“

„Ich bin Sarina. Gott, das ist mir so peinlich!“, stöhnte Sarina. „Meine Freundin ist schon ziemlich betrunken. Ich hoffe, du denkst nicht …“

„Ach, Quatsch“, unterbrach Leo sie und lächelte schelmisch. „Das Denken hab ich nach dem zweiten Cocktail für heute Abend vorläufig eingestellt. Außerdem fand ich es irgendwie süß! Was ist nun? Wollen wir?“ Er zwinkerte, reichte ihr die Hand und deutete mit der anderen auf die Tanzfläche.

„Ach, was soll’s?“, murmelte Sarina und ließ sich von Leo mitziehen.

Sie drängelten sich zwischen die Tanzenden und ließen sich vom Rhythmus der Musik anstecken. Sarina war froh, nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sie fühlte sich angenehm enthemmt und würde ihre Gesichtsfarbe auf den Alkohol und die Wärme schieben können. Sie grinste verlegen, ließ die Zunge aus dem Mund hängen und zupfte mit zwei Fingern an ihrem Top, als müsste sie sich selbst Luft zufächeln.

„Ganz schön warm hier!“, brüllte sie über die Musik hinweg.

Leo griff nach ihrer Hand und wirbelte sie herum, so dass sie rücklings in seinen Armen landete.

„Ich würde sogar fast sagen … heiß!“

Sein Mund war dabei so nah an ihrem Ohr, dass ihr ein Kribbeln über die Haut lief. Abermals drehte er sie, stieß sie sanft von sich, ließ sie aber nicht los. Er lachte und drückte ihre Hand. Leo war ein guter Tänzer, bewegte sich fließend und im Rhythmus der Musik. Die meisten Typen traten vollkommen hüftsteif auf der Stelle von einem Fuß auf den anderen und bewegten höchstens leichte den Kopf. Leo war anders. Er hatte Rhythmusgefühl und konnte sich bewegen. Wieder ein Haken auf Sarinas Liste.

Sie tanzte näher an ihn heran, wiegte die Hüften und ließ ihre honigblonde Mähne herumwirbeln. Leo fasste sie sanft an den Hüften und wiegte sich mit ihr, seine grünen Augen waren fest auf sie geheftet. Genau in diesem Moment endete das Musikstück und es setzte eine langsamere Nummer ein. Der Augenblick war absolut perfekt. Sarina kam La Boum in den Sinn – die Szene, in der Mathieu Vic die Kopfhörer aufsetzt und mit ihr Klammerblues tanzt, während eigentlich eine schnelle Rock’n’Roll-Nummer gespielt wird. Sarina schmiegte sich in Leos Arme und konnte ihr Glück kaum fassen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte das langsame Stück ewig dauern können, doch es war viel zu kurz.

Lächelnd griff Leo nach ihrer Hand.

„Kommst du mit raus? Ein bisschen frische Luft schnappen?“

Sie setzten sich auf die Treppenstufen vor dem Gebäude. Es war eine laue Juninacht, die Sterne funkelten über ihren Köpfen, eine angenehme Brise streichelte ihre erhitzte Haut. Über der Wiese tanzten Glühwürmchen.

„Man glaubt gar nicht, dass es nachts zwischen diesen Betonklötzen so schön sein kann“, brach Leo das Schweigen.

Sarina lächelte. „Das stimmt. Tagsüber sollen wir ja auch fleißig studieren.“

„Du, es gibt da etwas, das ich dir sagen muss“, begann Leo und sah Sarina unverwandt an. Verflixt! Sarina wappnete sich innerlich. Jetzt würde er den schönen Traum zerstören, indem er das Gespräch auf seine Freundin Merle brachte.

„Also, das klingt jetzt wahrscheinlich ein bisschen doof. Ich hoffe, du denkst nicht schlecht von mir“, sagte Leo und wuschelte sich verlegen durch die dunklen Locken. „Ich habe mich total gefreut, als deine Freundin mich eben angesprochen hat. Du bist mir nämlich schon im Seminar aufgefallen, bloß …“

Sarina schluckte. Jetzt würde unweigerlich die Seifenblase platzen.

„Also, na ja, da war ich noch mit meiner Ex zusammen.“

Sarina hatte das Gefühl, ihr Herz habe einen Schlag übersprungen. Seine Ex? Bedeutete das etwa, er war nicht mehr mit Merle zusammen? Sie gab sich größte Mühe, nicht allzu erfreut auszusehen.

„Es lief schon eine Zeit lang einiges schief“, erklärte Leo. „Und vor zwei Wochen hat sie dann die Konsequenzen gezogen.“

„Oh. Das tut mir leid“, log Sarina.

Leo schüttelte den Kopf. „War definitiv besser so. Ich wusste schon länger, dass es vorne und hinten nicht mehr passte, aber ich habe mich vor der Entscheidung gedrückt. Ich glaube, ihr Frauen habt mehr Mumm als wir, was so etwas angeht.“

Sie schwiegen eine Weile und sahen den Glühwürmchen bei ihrem Tanz zu.

„Ich hätte richtig Lust, barfuß über die Wiese zu laufen“, sagte Sarina in die Stille.

„Warum tust du es nicht?“ Leo legte den Kopf schräg und sah sie herausfordernd an. „Wer als letzter seine Schuhe ausgezogen hat, muss dem Gewinner nachher einen Cocktail spendieren!“

„Tja … Pech! Das bist dann wohl du!“ Sarina lachte, kickte ihre Pumps von den Füßen und lief los. Leo schlüpfte hastig aus seinen Sneakers und lief hinter ihr her.

„Na warte! Ich krieg dich!“

Das Gras kitzelte unter Sarinas Fußsohlen, über ihr funkelten die Sterne und Glühwürmchen umschwirrten sie wie kleine Lampions. Perfekter hätte es nicht sein können. Sarina lief absichtlich langsamer, um Leo aufholen zu lassen. Er erwischte ihren Arm und sie ließ sich ins Gras fallen. Leo plumpste neben sie. Lachend schnappten sie nach Luft. Plötzlich schwebte Leos Gesicht nur wenige Zentimeter über ihrem. Seine Lippen näherten sich. Sarina schloss die Augen. Der Kuss war unbeschreiblich. Süß und fordernd, ein Versprechen auf den Lippen, das angenehm nach Erdbeeren und einem Hauch Salz schmeckte – was vermutlich an der Strawberry Margarita lag, die er zuvor getrunken hatte. Auf jeden Fall weit angenehmer als Erdnussflips und Fruchtkaugummi. Leo schmeckte nach Leidenschaft, nach Freiheit, Urlaub und nach mehr.

Sie hatten sich lange und leidenschaftlich geküsst. Schließlich waren sie noch einmal auf die Party gegangen, hatten sich an der Bar noch einige Cocktails gegönnt, getanzt, geknutscht und gefummelt, bis sie offenbar beschlossen hatten, das Ganze bei Sarina zu Hause fortzusetzen. Der Rest des Abends war eine Folge recht verschwommener Erinnerungen an deren Ende dieser Morgen stand, an dem Sarina nackt in einem Bett aufgewacht war, das nach Leo duftete, während ihr Push-up-BH als stummer Zeuge an der Schreibtischlampe baumelte.

Soweit also die Vorgeschichte. So perfekt der Abend gewesen war, so wenig entsprach sein Ende Sarinas Vorstellungen. Endlich hatte sie ihn gefunden, den Wunschkisten-Mann, hatte ihn geküsst, hatte eine zauberhafte Nacht mit ihm verbracht – doch sie hatte nie die Gelegenheit erhalten, ihm zu sagen, was sie für ihn empfand. Noch hatte diese Liebe keine echte Chance bekommen. Und ehrlich gesagt, in diesem Augenblick sah es dafür auch reichlich mau aus.

Allerdings stand eines für Sarina fest: Sie hatte nicht über zehn lange Jahre auf Leo gewartet, um ihn nun ohne Kampf wieder vom Haken zu lassen. Auch in den romantischsten Filmen war oft nicht beiden von Anfang an klar, dass sie füreinander bestimmt waren, eine Schicksalsliebe hatte immer Hindernisse zu überwinden. Sarina weigerte sich, zu akzeptieren, dass das schon alles gewesen sein sollte. Wahrscheinlich war sie für Leo nur eine Ablenkung gewesen, ein Trostpflaster für die Wunden, die seine Trennung von Merle gerissen hatte. Womöglich hatte sie auch die falschen Signale ausgesendet. Vielleicht hatte sie es zu sehr darauf angelegt, ihn ins Bett zu kriegen, so dass er einen falschen Eindruck von ihr gewonnen hatte. Hieß es nicht immer, man solle nicht gleich beim ersten Date mit einem Mann ins Bett gehen? Wahrscheinlich hatte er geglaubt, sie sei nur auf einen One-Night-Stand aus. Woher sollte er auch ahnen, dass er ihre große Liebe war? Derjenige, auf den sie so lange gewartet hatte, ihr Schicksal, ihr Seelenpartner? All das hatte sie ihm nicht sagen können.

Sie musste dringend mit ihm sprechen. Wenigstens wüsste sie dann, woran sie war. Das war sie sich und ihrer Selbstachtung schuldig. Außerdem war sie sicher, dass das letzte Kapitel zu ihrer Leo-Lovestory noch lange nicht geschrieben war. Es passte alles so perfekt – es musste einfach Schicksal sein! Das, oder das Schicksal hatte einen äußerst schrägen Sinn für Humor. Doch wie, wenn sie seine Telefonnummer nicht hatte, geschweige denn wusste, wo er wohnte? Google und Cyberstalking förderten keine brauchbaren Ergebnisse zutage. Er schien nicht einmal auf Facebook zu sein – jedenfalls nicht unter seinem Klarnamen.

2

Suchend blickte sich Sarina im Seminarraum um. Vielleicht hatte sie ihn bloß übersehen. Nein, nichts. Sie schaute auf die Uhr. Auch das akademische Viertel war schon längst verstrichen, und langsam gab Sarina die Hoffnung auf, dass Leo noch auftauchen würde. Verflucht! Warum hatte sie Samstagnacht nicht mehr daran gedacht, sich seine Nummer geben zu lassen? Allerdings hatte sie zugegebenermaßen auch nicht damit gerechnet, dass er sich am Morgen so schnell aus dem Staub machen würde. Man konnte nicht gerade behaupten, dass die Sache mit Leo so gelaufen war, wie Sarina es sich vorgestellt hatte. Heute war auch noch die letzte Seminarsitzung vor den Semesterferien. Wenn er ihr nicht zufällig auf dem Campus über den Weg lief, hatte sie keine Chance mehr, mit ihm zu sprechen.

Sarina stützte den Kopf in die Hände und versuchte, sich auf das Seminar zu konzentrieren, um sich von den Gedanken an Leo abzulenken. Ihr graute vor der Seminararbeit, die sie in den Semesterferien würde anfertigen müssen. Schließlich hatte sie – Leo sei Dank – von der Veranstaltung herzlich wenig mitbekommen. Sie sollte sich dringend von einem der Kommilitonen die Mitschriften kopieren. Natürlich! Die Semesterarbeit! Sarinas Herz klopfte aufgeregt, als sie sich daran erinnerte, dass sie ihre Adressen auf der Liste hatten eintragen müssen. Das bedeutete, dass Dr. Hörstrup wusste, wo Leo wohnte. Sie würde sich nur eine plausible Story überlegen müssen, warum sie die Anschrift dringend benötigte.

Mit klopfendem Herzen lauerte Sarina Dr. Hörstrup später im Flur auf. „Äh, entschuldigen Sie bitte, Dr. Hörstrup. Ich hätte da eine Bitte.“

Der Dozent klemmte seine Mappe unter den Arm und blieb stehen. „Ja?“

„Ja, also … Die Sache ist die … Ein Kommilitone hat letzte Woche seine Unterlagen liegen lassen. Ich habe sie mitgenommen, damit sie nicht abhandenkommen. Leider war er heute nicht im Seminar und ich habe seine Adresse und Telefonnummer nicht. Vielleicht könnten Sie …“

„Da müssen Sie sich an meine Hilfskraft wenden“, unterbrach Dr. Hörstrup sie unwirsch. „Für derlei Firlefanz habe ich keine Zeit.“

„Ja, dann, äh … nichts für ungut. Dann werde ich wohl mal da nachfragen. Danke.“

Sarina beeilte sich, zum Aufzug zu kommen, um die Hilfskraft noch im Büro anzutreffen. Vor der Tür zögerte Sarina kurz. Hoffentlich lauerte dahinter kein grantiger Vorzimmer-Drachen, der die Anschrift nicht rausrücken würde.

Sie klopfte an und wurde hereingebeten. Die Hilfskraft stand mit dem Rücken zu ihr auf der anderen Seite des Schreibtischs und sortierte einen Packen Unterlagen in eine Hängeregistratur.

„Einen Augenblick, bitte.“

Ihre Stimme klang jung und freundlich. Auch ihre langen Haare, die schlanke Figur und die legere Kleidung ließen vermuten, dass es eine studentische Hilfskraft war. Sarina schöpfte Hoffnung, dass sie bei einer Kommilitonin mit ihrem Anliegen auf Verständnis stoßen müsste.

„So, fertig.“ Die Frau schloss den Aktenschrank und drehte sich um. Sarina rutschte das Herz in die Hose. Das konnte doch wohl nicht wahr sein!

„Merle?“ Sarina hätte sich am liebsten einfach umgedreht und die Tür hinter sich zugeschlagen.

Merle zog kurz die Stirn kraus. Dann huschte ein Ausdruck des Erkennens über ihr Gesicht. „Sarina, richtig? Ich glaube, wir saßen ein paar Mal zusammen in der Ringvorlesung, stimmt’s?“

Sarina nickte. „Was machst du denn hier?“

Im gleichen Moment wurde ihr bewusst, dass die Frage ziemlich dämlich war. Merle lachte. „Na, ich arbeite hier. Ich bin seit drei Semestern Hilfskraft bei Dr. Hörstrup.“ Sie senkte die Stimme und beugte sich zu Sarina herüber. „Ein ziemlicher Choleriker, aber das Geld kann ich echt gut gebrauchen.“

Sarina versuchte sich an einem wissenden Grinsen, war aber immer noch viel zu perplex, um ihre Gesichtszüge vollkommen unter Kontrolle zu haben.

„Was kann ich denn für dich tun?“ Merle lächelte freundlich.

„Ich … ähm …“

Tja. Was konnte Merle nur für sie tun? Das war eine verdammt gute Frage. Sarina überlegte fieberhaft. Schließlich konnte sie Leos Ex schlecht nach dessen Adresse fragen. Ihr Blick huschte über den Schreibtisch, auf dem sich Hefter, Papiere und braune Umschläge stapelten. Was konnte sie nur wollen? Ihr Blick blieb auf einem Stapel bunter Plastikhefter hängen, vermutlich Seminararbeiten. Daneben lag ein Stoß zusammengehefteter Papiere mit einem farbigen Deckblatt. Zum Glück kam ihr in diesem Moment ein rettender Geistesblitz.

„Es ist mir ein bisschen peinlich“, sagte sie schließlich. „Ich muss noch meine Seminararbeit für das Seminar ‚Mediengeschichte und Medienästhetik‘ schreiben, aber ich kann meinen Reader einfach nicht mehr finden. Zu Hause habe ich schon alles auf den Kopf gestellt. Ich fürchte, ich muss ihn irgendwo in der Cafeteria oder in der Mensa liegen gelassen haben. Habt ihr vielleicht noch ein paar von den Readern für den Kurs?“

Merle blätterte durch den Stapel auf dem Tisch. „Das muss dir doch nicht peinlich sein. Das kann schließlich jedem passieren. Hm, hier liegt keiner mehr. Aber ich meine, ich hätte im Kopierraum noch einen Karton gesehen. Das waren die Reader mit dem blauen Deckblatt, oder?“

Sarina gab ihrem Gesicht einen erfreuten Ausdruck. „Ja! Ganz genau. Wenn ihr da noch einen für mich hättet, das wäre einfach super!“

„Ich gehe schnell runter und schaue nach. Ich bin ziemlich sicher, dass da noch welche waren. Leider muss ich dir dann noch einmal die fünf Euro Kopiergeld abknöpfen. Kannst du solange hier die Stellung halten?“

„Na klar“, versprach Sarina. „Das ist unheimlich lieb von dir, Merle.“

„Ach, kein Problem. Jeder Gang macht schlank. Ich bin gleich wieder da.“

Merle lächelte und verschwand durch die Tür in den Flur. Sarina seufzte erleichtert auf. Wie gut, dass ihr noch rechtzeitig eine plausible Ausrede eingefallen war, weswegen sie hier war. Merle war unglaublich nett. Warum es mit ihr und Leo wohl nicht gepasst hatte? Sarina runzelte die Stirn. Nein, darüber wollte sie lieber gar nicht nachdenken. Wichtig war, dass Leo wieder frei war. Vielleicht hatte es einfach nicht sollen sein und das Schicksal hatte ihn gerade im richtigen Augenblick für sie freigegeben. Sarina verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Schreibtischkante.

Zu spät merkte sie, wie die obersten Plastikhefter auf dem Stapel ins Rutschen kamen und zu Boden glitten. Mist. Sarina bückte sich, um sie aufzuheben. Dabei fiel ihr Blick auf eine gelbe Haftnotiz, die auf einem der Ordner klebte:

Seminararbeiten MG&MÄ – WS 17/18

Sarinas Herz begann zu pochen. Wintersemester 17/18. Das war ihr Kurs. Ob wohl …? Hektisch blätterte sie durch den Stapel bunter Kunststoffordner, bis sie schließlich einen blauen aus dem Stapel zog. Leo von Wietersheim. Mit zittrigen Fingern schlug Sarina das Deckblatt auf. Sie hätte am liebsten laut aufgejuchzt. Na also! Perfekter hätte es doch gar nicht laufen können. Sarina musste lächeln. Wer hätte gedacht, dass er zu den Leuten gehörte, die ihre Seminararbeit nicht auf den letzten Drücker anfertigten, sondern sogar noch vor den Semesterferien abgegeben hatten? Streber! Sie grinste und steckte den Hefter hastig wieder zwischen die anderen, als sie Schritte auf dem Gang hörte. Mit Unschuldsmiene ließ sie sich auf einem Stuhl in der Ecke nieder und lächelte zufrieden vor sich hin.

Die fünf Euro für den Reader waren auf jeden Fall sinnvoll investiert.