Leseprobe Last Wish

Becky

April

Sie liebte das Kochen. Sie liebte den Duft, den das Essen verströmte, wenn es in der Pfanne brutzelte, und die nahezu meditative Ruhe, die sie beim Schneiden der Zutaten empfand. Aber noch mehr liebte Becky Walker den Moment, wenn sich die ganze Familie am Esstisch versammelte, um gemeinsam zu essen und zu lachen. Sie erinnerte sich an die seltenen, dafür besonderen Restaurantbesuche, an all die Köstlichkeiten, die sie selbst liebevoll aufgetischt hatte, sowie an ausgelassene Feiern – und davon hatte es viele gegeben. Geburtstage, Hochzeitstage, College-Abschlussfeiern, Barbecues und Weihnachtsfeste. All diese Augenblicke hatten Becky einen Entschluss fassen lassen.

Sie griff nach dem Kugelschreiber und beschriftete einen der Aufkleber, die sie normalerweise für selbst eingekochte Marmelade verwendete. Diesen jedoch befestigte sie sorgfältig auf dem Deckel einer großen Tupperdose. Kurz hielt sie inne und zum ersten Mal seit Stunden gönnte sie sich einen Moment, um durchzuatmen. Erst jetzt registrierte sie das beruhigende Ticken der Küchenuhr, die über der Tür hing, und musste lächeln, als ihr Blick auf das drollige Gänsepaar fiel, welches das Ziffernblatt zierte. Tick, tack, tick, tack.

In Gedanken versunken saß Becky einfach da, bis sie die Stille nicht mehr ertragen konnte. Das unaufhaltsame Fortschreiten des Zeigers erinnerte sie an ihre eigene Vergänglichkeit und die Zeit, die ihr mit jeder Sekunde entglitt.

Schnell straffte sie die Schultern, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen und griff nach der Gefrierdose, in der sich das letzte von fünf eigens vorgekochten Gerichten befand. Dann marschierte sie zum Kühlschrank.

Kurz schloss sie die Augen, um sich zu sammeln, ehe sie die Tür öffnete und das Gefäß neben die anderen Behältnisse stellte – gefüllt mit Mahlzeiten, die nicht mehr für sie bestimmt waren. Beckys Tage waren gezählt. Vielleicht blieben ihr noch zwei volle Monate, wenn es gut lief.

Bei dem Gedanken an jenen niederschmetternden Arztbesuch vor einem halben Jahr lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie war immer gesund gewesen, hatte jeden Vorsorgetermin gewissenhaft wahrgenommen. Dennoch hatte sich der Krebs in ihr unbemerkt ausgebreitet und bereits zu weit gestreut. Und was hatte sie nach der Diagnose getan? Statt Trübsal zu blasen, hatte sie wie immer gekocht.

Seitdem kreisten ihre Gedanken unaufhörlich um ihren Mann Joseph und ihren Sohn Luke. Wie würden die beiden ihren „letzten Wunsch“ wohl aufnehmen? Schließlich war es Becky in den letzten drei Jahren nicht ein Mal gelungen, dass sich die beiden Sturköpfe zu einer Aussprache trafen – nun blieb ihr nur noch dieser eine Versuch.

Becky faltete den dreiseitigen Brief, den sie in den vergangenen Tagen verfasst hatte und der ihren letzten Wunsch festhielt. Dann öffnete sie die oberste Schublade der altmodischen Küchenvitrine, die Joseph erst im vorigen Jahr geweißelt hatte. Mit einem wehmütigen Lächeln nahm sie ein mit Zitronen bedrucktes Notizbuch heraus, in dem sich all ihre Kochrezepte befanden, und legte das für sie so wichtige Schreiben sorgsam hinein. Sie hatte es endlich geschafft und ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Jetzt konnte sie nur darauf vertrauen, dass ihr Plan auch aufging.

1

Einen Monat später

Als Luke das Ortseingangsschild von Gainesville, Pennsylvania, passierte, schien es fast so, als ob er nie von zu Hause fortgewesen wäre. Bis auf kleinere Schönheitsreparaturen oder einen frischen Anstrich hier und da bemerkte er auf den ersten Blick kaum Veränderungen. Vor dem historischen Rathaus blühten wie eh und je üppige violette Hortensienbüsche und hießen jeden Besucher herzlich willkommen. Auch Luke hatte sich dem Anschein nach zumindest rein äußerlich kaum verändert. Er fuhr immer noch seinen hellblauen Chevy Pick-up und hörte während der Fahrt am liebsten Countrymusik.

Sein Gesicht verdüsterte sich. Sogar deswegen hatte er sich damals mit seinem Dad gestritten. Sein alter Herr verstand einfach nicht, warum Luke sein Geld für eine Rostlaube ausgab, die mittlerweile über fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte. Aber er hatte sich als Teenager auf den ersten Blick in Roberta, wie er sein Auto liebevoll nannte, verliebt. Er hatte damals etwas Besonderes gewollt, ein Relikt aus vergangenen Zeiten, auch wenn die alte Lady ab und an launisch war. Für seinen Vater jedoch zählten nur Gegenstände mit praktischem Nutzen.

Genauso wenig Verständnis zeigte Joseph Walker für Musik oder dafür, dass sein einziger Sohn viel lieber seine Westerngitarre bearbeitete als das weitläufige Feld hinter ihrem Haus. Aber das war Luke egal. Sein Dad musste sich damit abfinden, dass aus Luke kein Farmer mehr wurde, der Mais und Kartoffeln anbaute oder jede Viehausstellung im ganzen County besuchte. Doch es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er sich Hoffnungen gemacht, das wusste Luke. Als er sich wie jeder kleine Junge für Traktoren interessiert oder sich um das Vieh gekümmert hatte. Allerdings war diese Zeit längst vorbei, eine wage Erinnerung, die immer mehr verblasste, genauso wie der Lack seines Pick-ups.

Luke drehte das Radio leiser, als ihn plötzlich eine tiefe Traurigkeit überfiel. Er war zum ersten Mal seit Langem wieder in Gainesville und anstelle von Bluejeans und lässigem Shirt trug er heute eine dunkle Hose und ein schwarzes Hemd. Er konnte immer noch nicht glauben, wie schnell sich der Zustand seiner Mom verschlechtert hatte, und die Schuldgefühle, dass er nicht eher gekommen war, fraßen ihn beinahe auf.

Obwohl auf der Hauptstraße keine Menschenseele zu sehen war, setzte Luke den Blinker, um auf die Straße abzubiegen, die zum Friedhof führte. Der geschotterte Weg war so trocken, dass das Auto eine dicke Staubwolke aufwirbelte, die ihm für einen Moment die Sicht nahm. Schnell drosselte er das Tempo und bremste abrupt ab, als ein tiefes Schlagloch vor ihm auftauchte, das er erst in letzter Minute bemerkte. Nachdem er einen leisen Fluch ausgestoßen hatte, atmete er erleichtert aus. Auf verbogene Felgen oder aufgeschlitzte Reifen konnte er getrost verzichten!

Langsam setzte sich der alte Chevy wieder in Bewegung und tuckerte nun nur noch in Schrittgeschwindigkeit weiter. Lukes Blick schweifte währenddessen über das weitläufige Weizenfeld, das sich bis zum Horizont ausbreitete und unter der Mittagssonne golden schimmerte. Er war wieder daheim. Ein Gefühl der Geborgenheit, das er lange Zeit nicht mehr gespürt hatte, durchflutete seinen ganzen Körper.

Automatisch kurbelte er die Scheibe runter, lehnte sich zurück und ließ seinen Arm aus dem Fenster baumeln. Der leichte Fahrtwind streifte sanft seinen Unterarm, während das Blech unter seiner Hand die Wärme der Sonne abgab. Er konnte den nahenden Sommer beinahe schmecken, als warme Luft ins Wageninnere strömte. Das Knirschen der Reifen auf Kies vermischte sich mit dem sonoren Summen der Insekten, die das Feld bevölkerten, und das laute Zirpen der Grillen weckte in ihm schlagartig Erinnerungen an laue Sommernächte.

Sein Blick wanderte zu dem tiefblauen Himmel und sein Herz zog sich schmerzvoll zusammen. Heute war kein Tag für eine Beerdigung.

*** 

Als Luke den Chevy vor der kniehohen Friedhofsmauer zum Stehen brachte, griff er intuitiv nach seinem Cowboyhut, legte ihn jedoch wieder zurück auf den Beifahrersitz. Sein Blick fiel auf die kleine Kapelle, die einige Meter von ihm entfernt aufragte, und für einen kurzen Moment senkte er die Lider. Die Erkenntnis, dass er heute alle möglichen Menschen außer seine Mom treffen würde, trieb ihm sofort Tränen in die Augen. Er hatte sie so sehr geliebt. Sie war der Gegenpol zu seinem Dad gewesen, gutmütig und liebevoll. Selbst wenn Luke als Teenager etwas angestellt hatte, war sie nie wirklich böse auf ihn geworden. Im Gegenteil, gerade in schwierigen Zeiten oder wenn er sich selbst nicht hatte leiden können, war sie nicht von seiner Seite gewichen. Wie gerne würde er mit ihr noch einmal an ihrem gemütlichen Küchentisch sitzen und ihr beim Backen zusehen, um dann als Erster von den Leckereien zu naschen. Irgendwie hatte seine Mom immer ein wenig nach Plätzchenteig gerochen.

Einen Moment noch hing er seinen Gedanken nach, dann sammelte Luke sich, stieß die Autotür auf und stieg aus dem Wagen. Im selben Moment trat eine brünette Frau in einem schwarzen Kleid aus der Kapelle. Ihre ganze Körperhaltung strahlte Trauer aus, ihr Kopf war gesenkt.

Er erstarrte.

Charlotte.

Wie oft hatte er in den letzten drei Jahren an sie gedacht und überlegt, ob es richtig gewesen war, die Zelte in Gainesville abzubrechen, um seinen Traum zu leben. Er hatte seine Beziehung für eine ungewisse Karriere geopfert und sich mitten in der Nacht einfach aus dem Staub gemacht. Aber sie hatte ihm keine Wahl gelassen. Sogar jetzt noch stieß ihm ihre mangelnde Unterstützung von damals bitter auf.

Auf den ersten Blick sah seine Exfreundin unverändert aus. Ihr Haar umschmeichelte wie früher in leichten Wellen ihre Schultern, ihr Teint war makellos und leicht gebräunt. Allerdings schien sie nicht mehr so unbeschwert wie damals – sie wirkte müde.

Luke zwang sich, sie nicht weiter anzustarren. Hastig ließ er die Autotür ins Schloss fallen und machte sich, ihren Blick vermeidend, auf in Richtung Kapelle.

„Luke, mein herzliches Beileid.“ Langsam kam Charlotte auf ihn zu und knetete dabei unruhig ihre Hände. „Es tut mir so leid.“

Ihre Worte waren nicht mehr als ein Flüstern und doch lag in ihnen so viel Bedauern. Für einen Moment wirkte es, als wollte sie ihn umarmen, doch sein abschätziger Gesichtsausdruck und seine ablehnende Körperhaltung schienen ihr deutlich zu machen, es zu unterlassen. Schnell ließ Charlotte die Arme sinken und trat einen Schritt zurück.

Ohne etwas zu erwidern, ging Luke mit einem knappen Kopfnicken und fest zusammengepressten Lippen an ihr vorbei, denn vor dem Eingang der Kapelle wartete bereits eine junge blonde Frau auf ihn, die kurz nach Charlotte aus dem Gebäude getreten war.

Als er die Treppen hinaufging, breitete sich ein liebevolles Lächeln auf seinem Gesicht aus, dann schloss er seine Schwester stürmisch in die Arme. „Hey, Schwesterchen“, flüsterte er liebevoll.

„Luke, endlich bist du da!“ Ihr ganzer Körper bebte unter ihren Schluchzern. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen.

Beschützend strich Luke ihr über den Rücken und redete beruhigend auf sie ein. „Ach, Josie … Glaub mir, ich weiß genau, wie du dich fühlst.“ Seine kleine Schwester wirkte in diesem Moment so hilflos und verloren, dass ihm das Herz brach.

„Dad geht es furchtbar. Er steht total neben sich“, fuhr Josie nach einem Augenblick zwischen zwei Schniefern fort. Wenigstens eine Sache, die er mit seinem alten Herrn teilte.

Luke atmete hörbar aus und erwiderte dann aufmunternd, ehe er seine Schwester aus der Umarmung entließ: „Komm, lass uns zu ihm gehen. Er braucht uns heute.“

Josie wischte sich kurz die Tränen von den Wangen, griff anschließend nach seiner Hand und zog ihn mit in die Kapelle.

Im Vorraum angekommen, spürte Luke sofort die Blicke der anwesenden Trauergäste. Eigentlich hatte er so wenig Aufsehen wie möglich erregen wollen. Es gab schon genug Gerede und er konnte sich nur zu gut vorstellen, um was es ging. Der verlorene Sohn war zurück.

Als er sich umschaute, stellte er fest, dass der kleine Saal zum Bersten voll war. Nur die erste Bank war, bis auf seinen Dad, unbesetzt.

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er weiter ins Innere des kühlen Gebäudes trat. Draußen herrschte das blühende Leben, hier drinnen jedoch fühlte er sich wie in einer feuchten Gruft. Nur vereinzelt drangen gedämpfte Stimmen zu ihm durch, während er wie in Trance Hände schüttelte.

Sein Blick streifte ein gerahmtes Portrait seiner Mutter, das auf einem Holzständer stand, und blieb daran hängen. Für einen Moment betrachtete er ihr liebevolles Gesicht, wandte sich aber wieder abrupt ab, als ihn die Trauer übermannte. Seine Augen füllten sich mit Tränen, sein Hals war wie zugeschnürt. Luke schluckte fest, doch der Knoten in seinem Hals wollte sich nicht lösen.

Kurz nickte er einigen bekannten Gesichtern zu und ging dann zu seinem Dad, um ihn zu begrüßen. Dieser starrte jedoch wie gebannt auf die Blumenkränze vor sich – in sich gesunken, die Mimik vollends versteinert. Lukes Magen zog sich zusammen. All die Jahre hatte er nur Wut gespürt, aber ihn so zu sehen, zog im fast die Füße weg.

Auf einmal sah sein Vater auf und wandte sich überrascht um.

„Dad“, fing Luke zögerlich an, verstummte allerdings sofort, als er Josephs vorwurfsvollen Blick bemerkte. Er war noch immer wütend. Wie hatte er nur auf die Idee kommen können, zwischen ihnen hätte sich irgendetwas geändert?

Luke starrte seinen Vater noch einige Augenblicke an, dann drehte er sich wortlos um und nahm am anderen Ende der Bank Platz. Auf die Missbilligung seines Vaters konnte er heute gut verzichten. Er hatte schon genug daran zu knabbern, dass er seine Mom für eine viel zu lange Zeit nicht besucht hatte. Einen Fehler, den er nie wiedergutmachen konnte. Alles, was ihm noch blieb, war, sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Er wollte einfach nur trauern und sich an seine Mom erinnern. Ein weiterer Streit mit seinem Vater war das Letzte, was sie auf ihrer Beerdigung verdient hatte.

Erst als die Orgelmusik einsetzte und Luke seinen Kopf hob, bemerkte er, dass seine Schwester und Charlotte zwischenzeitlich neben seinem Vater Platz genommen hatten. Ehe er sich fragen konnte, warum Charlotte bei der Familie saß, wurde eine Flügeltür im vorderen Bereich der Kapelle geöffnet und der Sarg hineingeschoben. Nur wenige Zentimeter vor der ersten Stuhlreihe kam er zum Stehen. Luke hatte das Gefühl, dass sich die Gemäuer der kleinen Kapelle immer näher auf ihn zubewegten. Kein Wunder, er konnte sich nicht erinnern, dass es hier jemals so voll gewesen wäre.

Unbewusst fasste er sich an den Hemdkragen, widerstand jedoch dem Drang, den ersten Knopf zu öffnen. Ihm war abwechselnd heiß und kalt, seine Brust war wie zugeschnürt und sein Atem ging schwer.

Sein Blick wanderte zurück zum Porträt seiner Mutter und er fühlte, wie der Druck auf seiner Brust verschwand. Es war ein sehr gelungenes Foto und jetzt konnte er sich auch wieder erinnern, wann es aufgenommen worden war – an ihrem letzten gemeinsamen Weihnachtsfest. Es zeigte Becky kurz nach der Bescherung mit ihren neuen Ohrringen. Luke erinnerte sich noch an die Überraschung und die darauffolgende Freude in ihrem Gesicht; es war schließlich nicht oft vorgekommen, dass Joseph Walker seiner Frau romantische Geschenke gemacht hatte.

Dann begann der Pastor seine Ansprache. Die Worte, die er wählte, waren schön. Sie erzählten vom Leben einer wunderbaren Ehefrau und Mutter und lockten Lukes Gedanken fort von dem Bild.

***

Nach der Trauerfeier hatten sich die Familie und der Großteil der Bekannten und Freunde im Farmhaus der Walkers eingefunden, um dort eine kleine Mahlzeit einzunehmen und Becky zu gedenken. Mittlerweile waren jedoch mehrere Stunden vergangen und Luke brauchte einen Moment für sich allein.

Genervt warf er den Rest seines angebissenen Crackers in den Mülleimer unter der Küchenspüle. Kurz fragte er sich nach dem Sinn eines Leichenschmauses und dem des mittlerweile fünften Auflaufs, den eine Freundin seiner Mutter zum Buffet beigesteuert hatte – ihre Spezialität, wie sie es stolz genannt hatte. Bei dem Gedanken an die sogenannten „Beerdigungskartoffeln“, eine Kombination aus Käse, geschmolzener Butter und einer Schicht Cornflakes, wurde ihm beinahe übel. Wer bitte kam auf so einen makabren Namen? Und wie konnte man heute überhaupt einen Bissen herunterbekommen?

Aus dem Wohnzimmer drangen gedämpfte Stimmen und das leise Klappern von Besteck zu ihm durch, während Luke in Erinnerungen an längst vergangene Zeiten schwelgte, als seine Schwester und er Kinder gewesen waren und sich zum Frühstück Moms Pancakes hatten schmecken lassen. Luke hatte den süßlichen Duft von Ahornsirup förmlich in der Nase. Kurz musste er lächeln, als er an Josie dachte. Seine kleine Schwester hatte es mit dem klebrigen Sirup fast jedes Mal übertrieben.

Sein Blick schweifte durch den großen, lichtdurchfluteten Raum und Luke rechnete jeden Moment damit, dass seine Mom um die Ecke kommen würde. Es hatte sich nichts verändert in der gemütlichen Küche. Der maßgefertigte Esstisch war immer noch derselbe und bis auf ein paar Kerben im Holz hatte er die Zeit gut überstanden.

Dann blieben seine Augen an der zerschlissenen Küchenschürze hängen, die wie all die Jahre zuvor an dem Haken hinter der Tür befestigt war. Langsam ging er darauf zu und griff nach dem Stoff. Kurz musste er schmunzeln. Obwohl seine Mom eine riesige Auswahl an Schürzen im Vitrinenschrank gehortet hatte, hatte sie immer nur diese eine getragen.

Luke schluckte den Kloß, der sich ein weiteres Mal in seinem Hals bildete, hinunter und wischte sich erneut verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Warum nur war er nicht eher nach Hause gekommen, verdammt noch mal?

Schnell ließ er die Schürze los, als er Schritte hörte und Charlotte kurz darauf die Küche betrat, die Platte mit den Überresten der Frischkäse-Cracker in der Hand.

Kurz schien sie ebenso überrascht wie er. Dann fasste sie sich jedoch, ging ohne ein Wort zum Mülleimer, um die Reste hineinzukippen, und ließ anschließend heißes Wasser über die Porzellanplatte laufen.

Luke beobachtete, wie sie ausdruckslos etwas Spülmittel auftrug und mit der Bürste die letzten Spuren entfernte. Ihre Bewegungen wirkten routiniert und gleichzeitig roboterhaft. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass sie schon seit Stunden hin und her lief, Teller abräumte, Gläser einsammelte und Auflaufformen auftischte.

„Danke, Charlotte. Für alles“, bemerkte Luke mit einem schiefen Lächeln. Er war seiner Exfreundin tatsächlich dankbar, dass sie seiner Familie ungeachtet ihrer unschönen Vergangenheit bei der Ausrichtung der Trauerfeier zur Seite stand.

Mitten in der Bewegung hielt sie inne und nickte stumm, ohne sich nach ihm umzudrehen. Dann fuhr sie damit fort, imaginäre Flecken von der Platte zu waschen.

Langsam trat Luke näher und griff nach dem Geschirrtuch, das auf der Arbeitsplatte lag. Ihm war nicht entgangen, dass Charlottes Augen nach wie vor gerötet waren. Sie hatte in der Kapelle geweint, ebenso wie Josie, während sein Vater und er stumm dagesessen hatten, darauf bedacht, die Fassung zu bewahren. Er wusste, dass Charlotte und seine Mom trotz ihrer Trennung vor drei Jahren eng befreundet gewesen waren. Beinahe beneidete er sie um diese Zeit.

„Und danke, dass du für Mom da warst.“ Lukes Stimme klang belegt, als er ihr die Platte aus der Hand nahm und sie gedankenverloren abtrocknete.

Dann antwortete sie plötzlich. „Ich kann es immer noch nicht glauben …“ Charlottes Stimme brach und ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie das Geschirr losließ und sich am Rand des Spülbeckens abstützte. „Sie hatte so viele Pläne, so viele Träume. Sie wollte dich besuchen kommen.“

Luke sah Charlotte überrascht an, als ihm klar wurde, was das bedeutete. Seine Mom wäre hinter das Geheimnis gekommen, das er seit einem halben Jahr vor ihnen allen hütete. Schlagartig überkam ihn tiefes Bedauern, da er realisierte, dass es jetzt zu spät dafür war. Er konnte seiner Mutter nicht mehr zeigen, was er sich in Lancaster aufgebaut hatte.

Etwas zu schwungvoll stellte er die Platte auf dem Küchentisch ab, wo sie dumpf aufschlug. Sein Verstand wollte immer noch nicht begreifen, was geschehen war. Es schien ihm alles nur wie ein schlimmer Traum, aus dem er einfach nicht erwachte.

„Ich war so oft in der Nähe und habe es nicht ein einziges Mal fertiggebracht, sie zu besuchen – nur weil ich Dad nicht über den Weg laufen wollte!“ Lukes Faust sauste auf die Tischplatte herab und verfehlte nur knapp das Porzellan. Charlotte zuckte bei diesem Schlag, der vermutlich im ganzen Erdgeschoss zu hören war, zusammen. Schnell griff sie nach dem zerbrechlichen Gegenstand und drückte ihn an sich.

„Kein Grund, das Geschirr deiner Mutter zu zerstören!“, zischte sie ihm zu und drehte den Kopf hektisch zur Küchentür. „Was werden die Leute nur von dir denken?“

Ein abschätziges Schnauben entwich ihm. „Mir ist schon lange egal, wer was von mir denkt“, erwiderte Luke trotzig und sah Charlotte herausfordernd an. „Ich kann an einer Hand abzählen, wie viele von denen da draußen wirklich trauern. Die anderen sind doch nur aus Neugierde gekommen.“

Charlotte räumte die Platte in die Vitrine und drehte sich wieder zu Luke. Erneut schimmerten Tränen in ihren Augen, als sie Halt am Küchentisch suchte und mit aller Kraft versuchte, das Beben in ihrem Körper zu unterdrücken. „Ich kann nicht glauben, dass du das wirklich denkst! Deine Mom war eine großartige Person. Sie wurde so sehr geliebt … und ihr Tod hinterlässt bei uns allen eine große Lücke.“

„Glaub mir, ich kenne diese Art Menschen. Mir sind in den letzten drei Jahren genug ‚Freunde‘ untergekommen!“, entgegnete Luke mit einem zynischen Lächeln. „Spätestens nach der zweiten Runde Auflauf haben sie vergessen, warum sie hier sind.“

Wie um sich selbst zu beweisen, dass seine letzten Worte richtig waren, verließ Luke die Küche – genau in dem Moment, als sich sein Magen mit einem leisen Grummeln bemerkbar machte. Vielleicht sollte er langsam doch etwas essen. Er hatte seit dem Frühstück – bis auf den halben Cracker – nichts mehr zu sich genommen.

Als er das Wohnzimmer betrat, nahm ihm die abgestandene Luft jedoch den Atem. Der süßliche Duft von Rosen vermischte sich mit Schweiß und geschmolzenem Käse. Unbewusst hielt Luke die Luft an, als er zu dem Buffet lief, das vor dem Wohnzimmerschrank aufgebaut worden war. Angewidert verzog er das Gesicht. Das Essen wirkte, als wäre eine Meute wilder Tiere darüber hergefallen, und nach einem Blick auf den fettigen Hackbraten war ihm der Appetit trotz Hunger eindeutig vergangen.

Schnell wandte er sich ab – er musste unbedingt an die frische Luft. Doch bevor er auch nur einen Schritt in Richtung Haustür unternehmen konnte, wurde er aufgehalten.

„Luke? Ach du meine Güte, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

Eine hagere Frau mit perfekt frisierter Dauerwelle und offensichtlich aufgespritzten Lippen schaute ihn fragend an, dabei lächelte sie. Für einen Moment war Luke irritiert, weil er die Frau nirgends einordnen konnte.

Sie musste seinen irritierten Blick richtig gedeutet haben, denn schon fragte sie pikiert: „Sag bloß, du erkennst mich nicht mehr. Ich bin’s, Carol, Timmys Mom. Ihr wart zusammen im Kindergarten.“

„Ja, natürlich“, antwortete Luke abwesend und zuckte automatisch zusammen, als Carol ihn herzlich an sich drückte.

Nur fern erinnerte er sich an Timmy, den kleinen Tyrannen, den er seit ihrer ersten Begegnung gefressen hatte. Kein Wunder, schließlich hatte es sich dieser während ihrer Zeit in der Junior High zum Ziel gesetzt, einen Keil zwischen Luke und seinen besten Freund Scott zu treiben. Und nicht nur das, Timmy hatte auch außerordentliche Freude daran gehabt, Schwächere zu quälen. Irgendwann war die Familie weggezogen und es war Ruhe eingekehrt.

Endlich ließ Carol ihn wieder los, die schon weiterredete. „Mmh, köstlich, dieser Auflauf. Hat deine Schwester ihn zubereitet? Josie, stimmt’s?“

Carol schob sich eine volle Gabel des Kartoffel-Käse-Butter-Gemischs in den rot bemalten Mund. Ohne Lukes Antwort abzuwarten, setzte sie ihre Befragung fort. „Wann kommt denn dein nächstes Album raus? Ich kann’s immer noch nicht glauben, dass aus unserem kleinen Luke so eine Berühmtheit geworden ist! Würdest du mir später noch diese CD signieren?“ Sie stellte den Teller auf einem der kleinen Tische ab, die für die Gesellschaft aufgebaut worden waren, und kramte eine Ausgabe seines letzten Albums aus ihrer Handtasche.

In Luke brodelte es gewaltig. Er konnte kaum glauben, wie pietätlos und dreist diese Frau war. Am liebsten hätte er Timmys Mom samt Teller nach draußen befördert. Stattdessen atmete er tief durch und zwang sich zur Ruhe. Er wollte auf der Beerdigungsfeier seiner Mutter nicht für Unruhe sorgen.

Sein Blick fiel, als er sich kurz in dem großen Raum umschaute, automatisch auf Josie, die wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa saß, während Charlotte ihr Gesellschaft leistete. Seinen Dad konnte er nirgends entdecken.

Als er mit einem besorgten „Luke?“ aus den Gedanken gerissen wurde, wandte er sich mit einem aufgesetzten Lächeln wieder an Carol. „Tut mir leid, aber heute nicht. Das verstehen Sie doch sicher?“

Für einen kurzen Moment rechnete er mit Protest, dann registrierte er voller Genugtuung die Enttäuschung in ihrem Gesicht. Widerwillig ließ sie die CD wieder verschwinden.

„Ach und, Carol? Denken Sie nicht mal im Traum daran, heimlich ein Foto von mir zu schießen“, setzte er sicherheitshalber nach. Mit diesen Worten verschwand Luke in der Diele, schnappte sich seinen Stetson und trat hinaus ins Freie. Es war ihm egal, ob die Gute ihn jetzt für arrogant oder unverschämt hielt. Sie gehörte eindeutig nicht zu den Freundinnen seiner Mutter, so viel war klar, auch wenn er einige Zeit von zu Hause fortgewesen war.

***

Völlig erledigt zog sich Charlotte abends das schwarze Kleid aus und warf es in den Wäschekorb, aus dem mehrere bunt bedruckte Superhelden-T-Shirts hervorlugten. Ihr kleiner Held schlummerte bereits seit einer halben Stunde selig in seinem Bett und sie hoffte, dass er nicht ausgerechnet jetzt, wenn sie kurz unter der Dusche verschwand, wach werden würde. Aber so wie es aussah, war ihr Engel nach dem aufregenden Tag mit Abigail völlig erledigt. Und ihre beste Freundin war es mit Sicherheit auch.

Leise stieg Charlotte in die Dusche und versuchte, so wenig Lärm wie möglich zu machen, während sie die Brause aufdrehte. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen, als das warme Wasser über ihr Gesicht prasselte. Sie wollte sich endlich die Tränen aus dem Gesicht waschen und sich ausruhen. Sie hatte schon seit Tagen zu wenig geschlafen und konnte sich seit dem Morgen kaum noch auf den Beinen halten. Während der Trauerfeier hatte sie befürchtet, jeden Moment zusammenzubrechen.

Luke war sie nach der Begegnung in der Küche den ganzen Nachmittag, soweit es ging, aus dem Weg gegangen. Der Schmerz und die ungesagten Worte von damals saßen noch immer zu tief. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass sie einst unzertrennlich gewesen waren.

Charlotte griff nach dem Duschgel und verteilte es auf ihrem Körper. Sie liebte den fruchtig-frischen Duft von Limonen, den es verströmte, und das belebende Gefühl auf ihrer Haut. Mit ruhigen Atemzügen sog sie das Aroma ein, bevor sie sich wenige Augenblicke später wieder abduschte und aus der Kabine stieg. Rasch trocknete sie sich ab und schlüpfte anschließend in ein Nachthemd. Doch obwohl sie wusste, dass sie lieber schlafen gehen sollte, kam sie einfach nicht zur Ruhe. Die Vergangenheit hatte sie nun doch eingeholt und hielt sie auf den Beinen.

Leise schlich sie in die Küche, füllte den Wasserkocher, um sich einen Tee zu machen, und klappte den Laptop auf. Bis jetzt hatte sie der Versuchung widerstanden, nach ihrem Ex zu googeln. In einer Kleinstadt wie Gainesville kam man auch ohne das Internet an genug Informationen – ob man wollte oder nicht. Hin und wieder hatte sogar Becky etwas erwähnt.

Mit angehaltenem Atem drückte Charlotte die Entertaste, nachdem sie „Luke Walker“ in das Suchfeld eingetippt hatte, und fiel beinahe vom Stuhl, als die Suchmaschine über fünf Millionen Ergebnisse ausspuckte. Ganz oben wurde Lukes Homepage angezeigt, mit einer Auflistung seiner nächsten Konzerte, danach erschienen ein Eintrag auf Wikipedia und mehrere YouTube-Videos.

Charlotte blieb an einem der Fotos hängen, die ihr unter dem Reiter „Bilder“ angezeigt wurden und das Luke mit jeder Menge weiblicher Fans in Nashville zeigte. Es war unschwer zu erkennen, dass er die Aufmerksamkeit der jungen Frauen genoss. Sie verspürte einen Stich im Herzen. Wie viele Frauen hatte er nach ihr wohl gehabt?

Es folgten einige Fotos, auf denen Luke – ganz in Cowboymanier – mit einem Pferd posierte. Kurz fragte sie sich, ob ihr Ex überhaupt reiten konnte. Soweit sie sich erinnerte, hatten die Walkers nie Pferde gehalten.

Auf dem nächsten Bild saß er lässig auf einem weißen Lattenzaun und blickte verträumt in die Ferne. Zuletzt folgten etliche Fotos, die ihn auf der Bühne zeigten. Sie konnte sich so ein Künstlerleben nicht vorstellen. Ihr Alltag drehte sich ausschließlich um ihren Sohn Cody und wie sie die Doppelschichten im Diner in ihrem Terminkalender unterbrachte.

Charlotte kehrte zurück zu den allgemeinen Suchergebnissen, scrollte weiter – mittlerweile fühlte sie sich wie ein Stalker – und blieb bei einem Zeitungsartikel mit der Schlagzeile „Die Luft ist raus – Karriereaus?“ hängen.

Der Wasserkocher schaltete sich mit einem Klicken aus, gerade als sie auf den Link drücken wollte, und Charlotte erhob sich nur widerwillig, um den Tee aufzugießen. Warum juckte es sie plötzlich so sehr in den Fingern, mehr über Lukes Leben zu erfahren? Sie konnte es sich nicht erklären, aber aufhören konnte sie ebenso wenig.

Mit der Tasse kehrte sie zum Tresen zurück und klickte endlich den Beitrag an. Unwillkürlich musste sie auflachen, denn das Foto, das neben dem Artikel aufleuchtete, hätte nicht treffender sein können. Luke wirkte verkatert, blass und seine Klamotten zerknittert. Wie zur Bestätigung ihrer Vermutung ploppte auf einmal eine Werbeanzeige von Bud Light auf. Charlotte konnte sich nicht helfen, als sie plötzlich einen Lachanfall bekam. Das Timing der Werbeeinblendung war wieder einmal perfekt.

Schnell stellte sie die Tasse ab und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie fragte sich, wie Luke wohl mit solcher Publicity umging. Aus einer Mücke und dem passenden Foto wurde nur zu gern ein Elefant gemacht.

Charlotte überflog den Artikel. So wie es aussah, gönnte sich Luke lediglich eine kleine Schaffenspause. Und hatte nicht auch Becky vor Kurzem erwähnt, dass er sich gerade in Lancaster, seinem neuen Zuhause, aufhielt?

Bei dem Gedanken an ihre verstorbene Freundin kamen ihr erneut die Tränen. Sie vermisste nicht nur ihre einzige Vertraute schmerzlich, sondern auch deren einzigartigen Humor. Lukes Mom hätte bei diesem Beitrag mit Sicherheit ebenfalls Tränen gelacht.

Charlottes Blick fiel wie von selbst auf den blütenweißen Briefumschlag, der wie ein Mahnmal auf dem Frühstückstresen lag. Durch den Schleier ihrer Tränen schimmerte das rote Wachssiegel wie Blut.

Ein seltsames Gefühl beschlich Charlotte, als sie nun an den morgigen Notartermin dachte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum auch sie dort erscheinen sollte. Sie wollte Luke ehrlich gesagt nicht noch einmal gegenübertreten, zu groß war die Angst, dass sich plötzlich alles verändern könnte. Es war für alle Beteiligten am besten, wenn er Gainesville so schnell wie möglich wieder verließ – so wie er es schon einmal getan hatte.