Leseprobe Lachen, liken, lieben

Am Anfang war ein Liebesbrief

Nein! Quatsch! Am Anfang war Jayden. Ich habe ihn gesehen und war verloren wie Gretel im Wald. Durch meinen Bauch flogen Flugzeuge, ich schlief nicht, ich riss an Mamas Blumen auf unserem Balkon die Blütenblätter ab: Liebte er mich, liebte er mich nicht? … Bescheuerte Fragen. Warum sollte Jayden mich lieben? Ich war Luft für ihn.

Die Gedanken an Jayden halfen mir aber, Felix aus meinem Kopf zu verdrängen. Ich schrieb an Jayden einen Liebesbrief. Klar traute ich mich nicht, ihm den Brief zukommen zu lassen. An jedem Abend, schon im Bett, las ich ihn und musste heulen – so traurig war mein Brief. Lia, das hast du wunderschön geschrieben!, flüsterte ich und weinte weiter. Das Heulen hatte ich wegen Felix gut drauf.

Eines nachmittags hockte ich mit meiner besten Freundin Emma in der San Francisco Coffee Company. Jede einen gut gezuckerten Gingerbread Caffe Latte vor sich auf dem Tisch. Emma und ich haben keine Geheimnisse voreinander. Sie versteht mich, ich verstehe sie. Ich holte aus meinem Rucksack den Liebesbrief hervor. Das Papier schon voll mit Wasserschäden.

Auch jetzt beim Vorlesen musste ich mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Immer wieder hob ich den Blick vom Blatt, guckte Emma an, ob sie auch schon weinte. Doch Emma presste ganz komisch die Lippen zusammen. Als ob ihr die Zunge davonlaufen mochte und sie es mit aller Kraft verhindern wollte.

Und plötzlich, etwa nach zwei Dritteln meines wundertraurigen Briefs, explodierte Emma. Sie heulte vor Lachen. Hey! Was machte sie da? Vor Lachen war ihr Körper nach vorne geschnellt, sie kringelte sich wie ein Baby im Bauch und stieß an den Tisch. In letzter Sekunde ließ ich den Brief fallen und nahm schnell die Tassen hoch, um unsere dicksüßen Gingerbread Caffe Lattes zu retten.

„Was soll das?“, sagte ich. „Du lachst mich aus?“

„Sorry, Sweety!“, keuchte Emma und kreischte wieder auf vor Lachen. Zum ersten Mal seit einem Dreivierteljahr. Nach dem Unfall von Felix haben wir nicht mehr gelacht. Vielleicht brauchte Emma das. Warum nicht? War am Ende dieser erste Lachanfall der Schmetterling, der mit seinem Flügelschlag diese ganze Geschichte in Gang setzte?

„Jayden kannst du vergessen“, sagte Emma, als sie auslachte. „Zu große Konkurrenz.“

Da hatte sie recht. Hinter Jayden waren alle Mädchen unserer Schule her. Trotzdem lief ich in der großen Pause im Schulhof ganz unauffällig vor ihm und seiner Clique hin und her. Wie in Gedanken versunken. Den Schnürsenkel an meinem linken Nike aufgeschnürt. Tagträumend. Gleich würde Jayden rufen: „Lia! Dein Schnürsenkel ist auf.“ Und SCHWUPP! Ein lockeres Gespräch und schon war die romantischste Liebesgeschichte aller Zeiten angebandelt: Jayden und Lia.

Doch nur unser Klassenlehrer Blume ging mir in die Falle. „Lia! Ist das jetzt eine neue Mode, oder was?“

„Häää?“

„Du hast ständig den linken Schnürsenkel auf.“

„Könnten Sie mir den zubinden?“, fragte ich Blume kokett.

„Waaas?“

„Äääh, nichts … ja, das trägt man jetzt so.“

Hanna aus der Fünften hatte es mitbekommen. Nächste Woche trugen alle Mädels aus der Fünften am linken Schuh den Schnürsenkel offen.

Das Rennen um Jayden hatte schließlich Annika gemacht. Unser YouTube-Star. Klar himmelte ich Jayden weiter an. So wie die anderen Mädchen in der Schule. Aber aus Entfernung. Ich musste einfach akzeptieren: So wie ich aussah, hatte ich bei Jayden keine Chance.

Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass ich mit Jayden bald ein Spiel auf Leben und Tod Spielen würde. Noch in diesem Schuljahr.

Von Torten und Tränen

Die große Schokotorte mit den siebzehn brennenden Kerzen machte einen halben Salto. Und landete auf dem Teppich: PATSCH! Torten fallen immer auf die leckere Seite. So wie Brote auf die Marmeladeseite.

„Ich wusste, dass das passieren würde“, jammerte meine Mutter. Sie stand mit dem leeren Tablett am Tisch. Die Torte hockte auf dem braunen Teppich wie ein Maulwurfhügel.

„Uns geht’s nicht gut“, klagte Papa. „Uns geht’s überhaupt nicht gut!“

Das stimmte. Wir heulten uns nur an. Vor einem Dreivierteljahr war beim Skaten mein kleiner Bruder Felix umgekommen. Es tat immer noch weh. Verdammt weh. So weh, dass wir uns ein Leben ohne diesen Schmerz nicht mehr vorstellen konnten. Mama versalzte ständig ihre Suppen, sicher mit Tränen.

Die Wohnzimmertür flog auf: Tante Rosa. Sie sah meine Mutter an, die Torte auf dem Boden, und explodierte vor Lachen. Wie Emma vor drei Monaten, als ich ihr meinen Liebesbrief an Jayden vorlas. Die Lachanfälle in meiner Umgebung mehrten sich.

Emmas Lachanfall hatte mich noch durcheinandergebracht. Tante Rosa beneidete ich aber darum. Felix hatte doch so gern gelacht. Wär’s nicht für uns alle besser, lachend um ihn zu trauern? Worüber sollte ich aber lachen? Geburtstagstorten schmiss meine Mutter höchstens einmal im Jahr auf den Boden. Als Felix noch lebte, zweimal.

Ich kniete mich hin und gabelte vom Teppich ein ordentliches Stück Schoko auf meinen Teller. „Alles Gute zu deinem siebzehnten Geburtstag, Lia“, sagte ich laut zu mir selbst.

„Aber Lia!“, sagte meine Mutter. Ich sah auf. Meine Eltern starrten mich verdutzt an. Und auf einmal musste ich auch lachen. Zum ersten Mal nach fast einem Jahr. Zusammen mit Rosa. Das tat gut!

 

***

 

„Wie bringe ich mich zum Lachen?“, tippte ich am Abend bei Google ein.

„Mit Humor!“, antwortete Google. Idiot!

Doch in einem Blog erfuhr ich etwas Wichtiges: künstliches Lächeln macht uns gesünder und glücklicher als keins. Dieses Erste meiner Lachgebote meißelte ich sofort auf Lias Lachtafel in meinem Kopf:

 

Das erste Lachgebot

 

Lache, auch wenn’s nichts zum Lachen gibt!

 

Zehn Lachgebote müssten es schon werden. Das Erste übte ich sofort ein. Ich stellte mich vor den Spiegel und versuchte, mein schönstes Lächeln hervorzuzaubern. Das Lächeln musste zu meinem langen hellblonden Haar passen und durfte nicht meine kleine Nase großmachen: GRINS, GRINS.

 

***

 

Hübsch bin ich nicht, eher der untere Rand vom Durchschnitt. So dachte ich. Ich hatte auch Gründe dafür. Noch jetzt mit siebzehn erinnerte ich mich gut an mein Erlebnis im Kaufmarkt – als frischgebackene Abc-Schützin.

 

***

 

Damals stand ich mit Mama an der Kasse. Unser Einkaufswagen voll. Wenn ich jetzt die Augen zumachte, sah ich immer noch die braune Kakaopackung von Van Houten, die aus Mamas Warenberg ragte wie der Wilde Kaiser aus dem Kaisergebirge. Dorthin fuhren wir jedes Jahr zum Skifahren.

Meine Mama hatte mir in der ersten Klasse sehr kurzes Haar verordnet. Warum? Im Kindergarten hatte ich mir alle zwei Wochen Läuse eingefangen. Mama stöhnte immer, wenn sie mein Haar dursuchte: „Du hast wieder Läuse, Lia!“

Sie musste mein Haar mit einem Spezialshampoo behandeln, mich stundenlang kämmen und nach Nissen suchen. Ich freute mich auf das Kämmen – ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als wenn jemand dein langes Haar kämmt. Doch Mama jammerte, dass die Läuse ihre ganze Freizeit fressen würden. In den Ferien vor der ersten Klasse hatte sie mich überredet, mir die Haare schneiden zu lassen.

Damals im Kaufmarkt stand eine Frau vor uns in der Schlange. Ungefähr so alt wie meine Mama, nur hässlich – ein Gesicht ohne Lächeln. Die Frau starrte mich lange an. Musterte meinen Igelschnitt.

„Wie heißt der Junge?“, fragte sie.

„Das ist kein Junge!“, sagte Mama. „Lia ist ein Mädchen. Das sieht doch jeder!“

Da lachte die Frau. Gerade als ich mich zu heulen anschickte. Bis dahin hatte ich solches Lachen nur in Zeichentrickfilmen erlebt. Wenn die böse Hexe Hänsel mästete wie ein Ferkel, lachte sie genau so.

„He, he, he … so sieht doch kein Mädchen aus!“ Sie drehte sich zu den anderen Leuten in der Schlange. „Schauen Sie!“ Sie zeigte mit ihrem langen Zeigefinger auf mich, der mir wie eine Kralle vorkam. „Ist das kein Junge?“ Ich heulte doch nicht, starrte die ganze Zeit auf die Kakao-Packung.

Im Auto erklärte Mama mir die ganze Fahrt hindurch, dass es auf der Welt auch kranke Menschen gäbe. „Die Frau wollte nur verletzten. Weil sie sicher selbst Probleme hat.“ Ich nickte nur. Meine Augen brannten, weinen würde ich aber nicht. Das nahm ich mir damals vor.

Seitdem hatte ich mir das Haar nicht mehr kurz schneiden lassen. Zum Glück hat es in der Grundschule keine Läuse mehr gegeben.

 

***

 

Jetzt mit siebzehn hielt mich niemand mehr für einen Jungen. Trotzdem wusste ich, besonders hübsch war ich nicht. Auch wenn Emma mir öfter sagte, ich sei hübsch. Kannst du das aber deiner besten Freundin glauben? Nö! So wie ich Emma kenne, würde sie mir nie sagen, ich sei nicht schön.

Ich konzentrierte mich wieder auf den Spiegel, und plötzlich tauchte dort mein hübschestes Lächeln auf: die erste Blume, die den Frühling ankündigte. Auch wenn man mich einmal für einen Jungen gehalten hatte, dieses Lächeln war ganz hübsch. Das wusste ich. Ab jetzt würde ich dieses Lächeln immer tragen – wie meine Sommersprossen.

Im Bett suchte ich im Tablet nach weiteren Lachgeboten, fand aber nur noch den Schlaf.

Mein größter Feind

Beim Frühstück grinste ich Mama so lange an, bis sie auch zurückgrinste. Kann aber sein, dass sie nur eine gequälte Miene schnitt. Zwischen Lachen und Heulen sind die Grenzen fließend. Große Gefühle!

 

***

 

PIEP! Meine Freundin Emma schrieb mich per WhatsApp an: „Bist du schon wach, Sweety? 15 Uhr am Chinesischen Turm, okay?“ Dabei ein Foto ihrer Beine in knallroten langen Strümpfen, wie sie in der Luft ein V machten. Ein Bein-Selfie! O Gott! Aber sie hat hübsche Beine! Sicher vom Stretchen und Kicken. Emma macht Thai-Boxen. Ich jogge. Ja, ich weiß: Zu jung zum Joggen. Doch zu alt zum Rumtoben auf dem Spielplatz. Ich fühle mich immer gut, nachdem ich gejoggt bin. Deswegen jogge ich.

Ich guckte bei Instagram nach – klar hatte Emma das Bild auch dort gepostet. Ein „V“ aus rot bestrümpften Beinen – das Victory-Zeichen für das heutige Spiel. Die Jungs aus unserer Klasse sollten im Englischen Garten gegen die Parallelklasse 11b kicken, die NAWI-Klasse. Aber erst um 15 Uhr.

Sollte ich bis dahin in unserer Wohnung rumsitzen? In der lachfreien Zone? Keine Lust! Gleich nach dem Mittagessen radelte ich aus Haidhausen entlang der Isar Richtung Norden. Die Sonne lachte. Ich lächelte. Künstlich, aber von ganzem Herzen – ich wollte glauben, dass das Lächeln was brachte.

Im Englischen Garten fuhr ich Slalom zwischen den Joggern. Vor allem Frauen. So viele Jogger wie heute hatten mich noch nie angelächelt. Aha! Die joggenden Frauen lächelten einfach zurück – weil ich lächelte. Und so erfand ich das zweite Lachgebot:

 

Das zweite Lachgebot

 

Lächle, und es wird zurückgelächelt!

 

Noch acht Lachgebote. Ich war neugierig, wie’s weiterging.

 

***

 

Im Englischen Garten hockte ich mich auf eine Bank unter einem großen Laubbaum am Fußgängerweg zum Chinesischen Turm. Die Sonne spazierte über den Rasen. Goldglitzer tobte in der Baumkrone über mir. Nicht lustig, aber schön.

Sollte ich etwas lesen? Nööö … Zu viele Gedanken im Kopf. Lieber guckte ich mir bei YouTube lustige Videos an:

Bei dem Shampooing People Prank duschst du dich unter einer offenen Dusche an einem Strand oder wo auch immer, tust dir etwas Shampoo ins Haar, reibst es hinein. Das Shampoo schäumt, Wasser prasselt dir auf den Kopf. Wenn das Shampoo ausgespült ist, schleicht sich jemand von hinten an dich heran und spritzt dir eine zusätzliche Ladung Shampoo ins Haar. Selbstverständlich von dir unbeobachtet. Und immer wieder. Obwohl du schon seit einer Ewigkeit unter der Dusche stehst und spülst, schäumt das Haar. Bis du ausflippst. Die Pranker lachen sich über dich schlapp. Und dann bei YouTube die ganze Welt. Der Prank wurde mit einer versteckten Kamera festgehalten.

War das wirklich echt? Wussten die Duschenden nichts davon?

Ach, egal! Echt oder nicht. Hauptsache, ich musste lachen. Waren YouTuber ständig auf der Jagd nach lustigen Geschichten? Wäre das auch etwas für mich?

Hin und wieder blickte ich vom Tablet auf. Vielleicht würden die Mädels auch früher kommen. Ich machte WhatsApp auf und tippte an Emma: „Bin schon im Englischen Garten, Süße!“

Emma meldete sich aber nicht. Auch keine meiner anderen Freundinnen tauchte im Park auf, nur mein Erzfeind – der einzige Junge in der Schule, wegen dem ich vor einem Jahr nur noch hatte sterben wollen: Louis!

 

***

 

In der Zehnten hatte Louis mich vor der ganzen Schule lächerlich gemacht. Damals waren wir noch in derselben Klasse.

In der Pause war er zu meiner Bank gekommen. „Hey, Lia! Ein Fernsehteam möchte eine Schülerin für eine Serie casten. Das Ding soll auf den Kanarischen Inseln gedreht werden. Der Schulleiter hat dich empfohlen. Du sollst ins Lehrerzimmer kommen.

Klar bin ich blöde Nuss ins Lehrerzimmer gelaufen. Die Lehrer dort starrten mich nur dumm an, als ich nach dem Fernsehteam und den Kanarischen Inseln fragte. Auch einige Schüler waren dabei. Wochenlang hat die ganze Schule über mich gelacht.

Vor allem die Jungs hatten mich mit ihren Sprüchen verfolgt. Ich fragte mich nur, warum? Warum machten sie mich so fertig? Den Grund dafür sollte ich erst ein Jahr später erfahren. Im Laufe dieser Geschichte. Komisch, wie unwissend wir manchmal durchs Leben gehen.

Damals habe ich meine Eltern angefleht, mich in eine andere Schule zu stecken. Drei Monate später war Felix gestorben, und meine Mitschüler hörten auf, über mich zu lachen.

Die lustige Seite der Dinge

Louis mochte ich immer noch nicht. Zum Glück wechselte er nach der Zehnten in die naturwissenschaftliche Klasse, war jetzt also in der 11b, während ich in der 11a saß. Wenn ich nur daran dachte, ich und Louis wären in derselben Klasse, bekam ich Herzrasen.

Jetzt radelte Louis langsam auf meine Bank zu. Freihändig. Hellbraunes Haar, wuschelig. Manche Frisuren der Jungs schauten wie Torten aus. Voll kompakt. Vor allem früher, als die Jungs sich Gel ins Haar geschmiert hatten. Männer haben kein richtiges Gespür für Mengen. Das wusste ich schon von meinem Vater. Zum Glück verwendeten die meisten Jungs jetzt Haarwachs. Aber auch mit Haarwachs konnte man’s übertreiben. Bei Louis sah die Frisur natürlich aus, das musste ich zugeben, auch wenn ich ihn hasste. UPPS! Sicher würde er bei mir anhalten. Keine Chance, Junge! Mit dir rede ich nicht!

Schnell drehte ich mich um. Wo konnte ich mich vor ihm verstecken? Blöd. Kein Busch in der Nähe. Doch plötzlich tauchte meine Erlösung auf – ein Segelschiff auf Rädern: Eine Frau auf dem Fahrrad mit einem weiten Poncho und einem langen breiten Schal, der im Sommerwind hinter ihr flatterte wie ein Segel.

Ich schielte zu Louis. Seine Augen weiteten sich vor Angst. Mit beiden Händen fasste er den Fahrradlenker. Jetzt hatte er nur noch Augen für die Frau im Poncho. Immer näher kam sie. Ihr Schal und der Poncho nahmen die ganze Wegbreite in Beschlag. Wie würde Louis sich daran vorbeimogeln? „O Gott!“, betete ich. „Watsche ihn mit dem Schal der Frau aus! Für alles, was mir der Fiesling angetan hat.“

Doch Gott hat seinen eigenen Kopf. Plötzlich drehte sich der Wind und schlug der Ponchofrau den breiten Schal direkt ins Gesicht. Jetzt voll vermummt. Mit der Linken ließ sie den Lenker los und versuchte, den Schal runter zu reißen. Dabei änderte sie ihre Richtung und steuerte frontal auf Louis zu.

In letzter Sekunde wich er aus, fuhr in eine Rinne am Wegrand, sein Vorderrad verdrehte sich um 180 Grad und Louis vollführte einen Salto über den Lenker. So wie meine Geburtstagstorte, nur viel höher. Nicht mal einen QUIK hat er gemacht, so schnell ging das. Auch mit der Marmeladeseite auf dem Boden gelandet – mit dem Bauch und dem Gesicht. HUI! Doch nicht! Kurz vor der Landung streckte Louis die Hände zum Boden und federte sich ab. Schade! Ich hätte ihm eine härtere Landung gewünscht.

Die Frau im Poncho hat das nicht mitbekommen. Sie radelte weiter, ihre Segel jetzt wieder hinter sich und nicht mehr im Gesicht.

Louis sprang auf. Unverletzt. Vielleicht übte er zu Hause Saltos … Er machte den Mund breit auf. Sicher, um der Frau ein paar wüste Beschimpfungen nachzubrüllen. In Beschimpfungen sind die Jungs unserer Schule Experten.

Gerade wollte ich mir die Ohren mit den Fingern verstopfen, als Louis einen Lachanfall bekam. Er kreischte vor Lachen. Wirklich! Nicht gelogen! Er musste sich zu seinem verknäulten Fahrrad auf den Boden setzen, sonst hätte das Lachen ihn umgehauen. Obwohl er sich hier noch vor kurzem hätte schwer verletzen können.

Aha! Kurz hatte ich vergessen, dass ich ihn nicht mochte. Neugier trieb mich. Mit offenem Mund kam ich zu ihm und sprach ihn zum ersten Mal nach einem Jahr an. „Wie kannst du nach einem solchen Unfall lachen?“

„Äääh …“, fing er an zu stottern. „Li… Lia?“

„Nö! Darth Vader!“

„Waaas?“

„Nur ein Scherz!“, sagte ich. „Wie kannst du nach einem solchen Unfall lachen?“

„Das war doch lustig!“, sagte er und zeigte zu dem wehenden Poncho, der langsam in der letzten Kurve vor dem Chinesischen Turm verschwand.

„Lustig? Du hättest dich doch verletzen …“ Und plötzlich hatte ich eine kleine Erleuchtung. Mein Erzfeind Louis hatte mir das dritte Lachgebot geschenkt. Mein Wichtigstes:

 

Das dritte Lachgebot

 

Jede noch so traurige Sache hat ihre lustige Seite. Du musst sie nur finden.

 

Louis starrte mich an. Ich wusste auch nicht, was ich ihm noch sagen sollte. Ich mochte ihn ja nicht. Mich hat nur sein Lachen interessiert, nichts Anderes. Sagen würde er sowieso nur etwas Dummes. Als unser Klassenlehrer in der Achten fragte, wie man sich im Dunkeln in einem Wald orientieren könne, hatte Louis geantwortet: „Im Dunkeln hilft nur die Glühbirne!“

 

***

 

In der Grundschule konntest du mit den Jungs noch normal sprechen. In der Sechsten war in ihnen aber eine Bombe explodiert, die alles Vernünftige wegfegte: BUMM! Seitdem führten sie in den sozialen Netzwerken solche Gespräche:

 

Gatulant: hey alts haus ich wünsche dir alles gute zu deinem geburtstag. feier schön und habe viel spaß lass die sau raus

Geburtstagskind: Ja du Spako

Der Gratulant likt das und schreibt: du feige sau sagst nicht mal danke

Das Geburtstagskind likt das und schreibt: Gefällt mir

Der Gratulant likt das und schreibt: du vollspast

Das Geburtstagskind likt das

 

 

In der Grundschule hatte ich mit Louis viel gespielt. Am Ende der Vierten war seine Mama aber an Krebs gestorben. Seit ihrem Tod hat er nur noch wenig gespielt, ein ganz ernster Junge war er geworden. In der Fünften ging er von unserer Schule weg. Wohnte bei seinem Opa in Taufkirchen. Sein Vater war damals viel auf Reisen – Musiker.

Louis’ Opa war ein Zauberer und ziemlich schräg. In der Sechsten tauchte Louis aber wieder bei uns auf. Sein Vater hatte aufgehört zu musizieren und eine Arbeit in München gefunden. Louis war wie verwandelt. Nur am Spaßmachen.

 

***

 

„Lia!“, sagte Louis. „Ich möchte mich entschuldigen, dass ich dir damals den Streich mit den Kanaren gespielt habe.“

„Ist schon gut!“, sagte ich, obwohl’s nicht stimmte. Vor Louis würde ich immer auf der Hut sein.

„Ciao!“, sagte ich, und drehte mich um.

Und dann kam von Louis der Satz, der mich gestern noch in ein trauriges Kopfkino versetzt hätte: „Tut mir leid wegen deines Bruders. Felix war lustig. Ich hab ihn gemocht.“

Ich drehte meinen hellblonden Kopf schnell zurück, sodass mir mein langes Haar ins Gesicht klatschte, sagte: „Danke!“ und TAPP, TAPP. Nichts wie weg hier!

Zum Glück musste ich nicht mehr an meine Trauer denken. Felix tauchte jetzt nur lachend in meinem Kopf auf. So wie Louis eigentlich sagte: Felix war lustig. Plötzlich fragte ich mich, ob Felix und Louis sich in ihrer Art etwas ähnelten? Beide wollten viel Spaß haben und beide haben’s hin und wieder etwas übertrieben …

Ohne ein Lächeln hatte ich Louis noch nie gesehen, oder? Hat er am Ende auch seine Lachgebote? Lächelte er wirklich ständig? Hundertprozentig konnte ich das nicht wissen – ich hab ihn letztes Jahr gemieden, wo ich nur konnte. Felix hatte aber auch die ganze Zeit gelächelt. Nein, Felix war nicht wie Louis – auf keinen Fall!

Um diese dummen Gedanken loszuwerden, dachte ich an mein drittes Lachgebot. Auch bei Gedanken an Felix sollte ich nur an die schönen, spaßigen Zeiten mit ihm denken. Ab jetzt lachst du dir die Welt schön, Lia, nahm ich mir vor. Ohne zu ahnen, dass das Lachen auch tödlich sein kann.