Leseprobe Kalter Verrat

Kapitel 1

Mitten in der Nacht erwachte Reed mit staubtrockenem Mund. Ihm war speiübel. Stöhnend fasste er sich an die Stirn. Hinter seinen Schläfen hämmerte es wie verrückt.

Er konnte Alkohol nicht ausstehen und rührte nur selten welchen an, höchstens bei besonderen Anlässen. Reed mochte die Auswirkungen nicht – die Bewusstseinsveränderung, den Verlust von klaren Gedanken und der Kontrolle über seinen Körper. Gestern hatte er eine Ausnahme gemacht und mit Mary auf ihre gemeinsame Verlobung angestoßen. Zwei Gläser Wein, vielleicht drei. Seinem Kater nach zu urteilen, hatte er es übertrieben. Benommen sank er zurück aufs Kissen und zermarterte sich das Hirn über den vergangenen Abend. Aber da war nichts. Nichts außer Schwärze und Kopfschmerzen.

»Fuck«, murmelte er und massierte sich die Schläfen. Seine Finger waren feucht. Jetzt merkte er auch, dass die Luft von einem schweren Geruch erfüllt war, den er sonst nur von Tatorten kannte.

Mühsam öffnete er die Augen. Sie schmerzten und fühlten sich an, als hätte er Sand unter den Lidern. Kein Licht drang durch die Vorhänge des Schlafzimmers. Er tastete nach der Lampe, die auf dem Nachttisch stand, und schaltete sie ein. Stöhnend blinzelte er. Erst dann nahm er die klebrige Feuchtigkeit auf dem Bettlaken wahr.

Reeds Blick klärte sich, und die Details um ihn herum fügten sich zu einem grausamen Bild zusammen. Der Schock ließ seinen Herzschlag kurzzeitig aussetzen. Eine böse Vorahnung erfasste ihn. Wie in Trance starrte er auf die andere Bettseite. Der Anblick, der sich ihm bot, verstärkte Reeds Übelkeit.

Die weiße Bettdecke – blutgetränkt.

Seine zitternden Hände – blutig.

Seine zukünftige Frau – blutverschmiert und mit leblosen Augen, anklagend zur Decke gerichtet.

Reed zerrte die Bettdecke von sich, hastete ins Bad und übergab sich in die Toilettenschüssel. Sein Kopf war voller rotierender Gedanken und gleichzeitig wie leer gefegt. Was war passiert? Wieso hatte er nichts mitbekommen?

Was für ein gottverdammter Albtraum!

Es war nicht die erste Leiche, die er zu sehen bekam. Als Detective beim Philadelphia Police Department, kurz PPD, im Bereich Criminal Investigation, hatte er beinahe täglich mit derartigen Verbrechen zu tun. Doch es war etwas völlig anderes, selbst emotional involviert zu sein und seine Verlobte tot neben sich im Bett vorzufinden. Reed spülte sich den Mund aus und fixierte sich im Spiegel. Sein blasses Gesicht war voller Blut. Marys Blut. So gut wie möglich wusch er es sich ab und ging zögernd zurück ins Schlafzimmer. Er atmete tief durch und versuchte, sich nicht von seinen Gefühlen leiten zu lassen. Langsam näherte er sich dem Bett und wich der dunklen Lache auf dem Boden aus, die sich unter Marys herunterhängendem Arm gebildet hatte. Die erneut aufsteigende Übelkeit schluckte er hinunter und tastete, aller augenscheinlicher Beweise zum Trotz, nach ihrem Puls. Seine Hände zitterten, der Druck in seinem Magen nahm zu. Nichts, kein Leben war mehr in Mary. Eine einzelne Träne tropfte aufs Laken. Er kniete sich neben das Bett, nahm ihre Hand und lehnte die Stirn gegen ihre miteinander verbundenen Finger. Ihre sonst so weiche Haut fühlte sich wie Plastik an und war seltsam unelastisch.

Unvermittelt richtete er sich auf und sah ins angrenzende Wohnzimmer. Reed legte Marys Hand sanft auf dem Bett ab. Hielt sich der Mörder noch in der Wohnung auf? Er holte seine Dienstwaffe aus dem Tresor und suchte jeden Raum einzeln ab. Als er sicher war, allein zu sein, kehrte er zurück zu Mary. Seine Kehle wurde eng. Die Wand hinter dem Bett war mit roten Spritzern übersät, genau wie die Nachttischlampe und der Schrank.

Da Mary zu jeder Jahreszeit nur mit einem Slip bekleidet schlief, konnte er genau erkennen, wo sich die Messereinstiche befanden. Reed presste die Lippen zusammen, als er die Wunden auf ihrem blutverschmierten Leib näher betrachtete. Sein Blick folgte den straffen Schenkeln nach oben zur sanften Kurve ihrer Taille und der Rundung ihrer Brüste. Was für ein Monster tat so etwas? Und warum? Mary war so verdammt liebenswert gewesen. Sie hatte nie etwas Unrechtes getan! Sie war aufrichtig und loyal gewesen, anders als Reed, der sie erst kürzlich derart hintergangen hatte.

Nachdem er sich von seiner Verlobten abgewandt hatte, zog ein Messer mit bauchiger Klinge seine Aufmerksamkeit auf sich, das halb versteckt unter dem Bett auf dem Fußboden lag. Er kniete sich hin und musterte die rostbraune Schneide. Anscheinend hatte er die Mordwaffe gefunden. Dass das Messer aus seiner eigenen Küche stammte, davon zeugten der abgeplatzte Griff und die auffällige königsblaue Farbe, die Mary so geliebt hatte.

Wut kochte in ihm hoch, und Reed schwor sich, das Monster zu finden und es seiner gerechten Strafe zuzuführen. Niemand vergriff sich ungestraft an den Menschen, die er liebte. Er ballte die Hände zu Fäusten und schrie. Er erkannte seine eigene Stimme kaum wieder, die am Ende brach und in ein Schluchzen überging.

Verflucht! Er hätte längst den Notruf wählen müssen, wollte sich jedoch nicht von Mary entfernen. Er hatte den Gedanken nicht zu Ende gebracht, da knallte die Wohnungstür gegen die Wand. Alarmiert sprang er auf und stellte sich verteidigend vors Bett. Eine Vase zerschellte am Boden. Stimmen brüllten durcheinander. Ein Sondereinsatzkommando stürmte vom Wohnzimmer in das angrenzende Schlafzimmer, dicht gefolgt von seinem langjährigen Freund und Kollegen Aaron Davies. Dessen fassungsloses Gesicht, nachdem er knapp den Raum in Augenschein genommen hatte, würde Reed auf ewig verfolgen.

»Aaron«, sagte er, nicht fähig weiterzusprechen.

»Auf die Knie und Hände hinter dem Nacken verschränken«, bellte ein mit Sturmhaube maskierter Cop und schnellte mit vorgehaltener Waffe auf ihn zu.

Sofort kam Reed der Aufforderung nach. Aus Erfahrung, weil er solche Einsätze unzählige Male selbst durchgeführt hatte, wusste er, dass dies die einzig vernünftige Lösung war. Trotzdem sträubte sich jede einzelne Faser seines Körpers gegen die Festnahme – die grobe Art, seine Hände auf den Rücken zu drehen, und die Handschellen, die viel zu stramm saßen. Aaron erklärte ihm auf dem Weg nach draußen seine Rechte.

Reed hielt den Kopf gesenkt, während sie an seinen Nachbarn vorbeikamen, die aufgebracht miteinander tuschelten. Sie taten gerade so, als hätte er seine Verlobte ermordet. Und das hatte er nicht, oder etwa doch?

 

***

 

Reed lockerte seine Nackenmuskulatur und schloss für einen Moment erschöpft die Augen. Sofort hatte er die leblose, blutüberströmte Mary vor sich. Das Dröhnen in seinen Ohren und die Übelkeit wollten nicht nachlassen. Und dieser verdammte Durst! Angestrengt atmete er aus und sah sich um. Der Raum war ihm so vertraut wie kein anderer. In Handschellen auf der Seite der mutmaßlichen Verbrecher zu sitzen, war hingegen ein völlig neues Gefühl für ihn. Er hasste es.

Wie er es auch drehte und wendete, er fand keine Erklärung für das, was in seinem Apartment geschehen war. Wie konnte jemand unbemerkt in seine eigenen vier Wände gelangen und Mary töten? Früher war er aufgewacht, wenn sich Mary nur auf die andere Seite gedreht hatte. Und dann sollte er es nicht merken, wenn neben ihm ein Mord verübt wurde? Das war schlichtweg unmöglich und ergab keinen Sinn. Zu allem Überfluss war er der Hauptverdächtige. Dabei würde er lieber die Kollegen bei der Suche nach dem wahren Täter unterstützen.

Er leckte sich über die rauen Lippen. Sein Organismus spielte verrückt – er schwitzte, war nervös und fror entsetzlich. Der zuständige Arzt hatte ihm Blut abgenommen. Es waren Spuren unter seinen Fingernägeln gesichert worden. Vor zwei Kollegen hatte er bei offener Tür in einen Becher pinkeln müssen, damit der Arzt eine Urinprobe erhielt. Er hatte nie etwas Demütigenderes erlebt.

Die Kamera in der oberen Ecke blinkte munter und schien ihn zusätzlich zu verhöhnen. Die Vorgehensweise, die seine Kollegen anwendeten, war ihm vertraut. Sie wollten ihn mürbe machen. Ihn jedoch seit einer geschlagenen Stunde warten zu lassen, war unverschämt. Wenigstens sein Freund Aaron könnte sich blicken lassen und ihm erklären, was genau hier ablief. Oder sein Vorgesetzter, Captain Sudano. Sie alle kannten Reed und mussten wissen, dass er zu solch einer Tat niemals fähig wäre. Er hatte Mary geliebt. Sie hatten heiraten wollen, verdammt! Reed versuchte erneut, den vergangenen Abend Revue passieren zu lassen. Aber je mehr er sich anstrengte, die Erinnerungen blieben aus. Stattdessen hüllte Dunkelheit seinen Geist ein.

Eine Sache ließ ihm keine Ruhe. Reed hatte keinerlei Einbruchspuren entdeckt und keinen Hinweis darauf, dass jemand in der Wohnung gewesen war. Wenn also niemand Fremdes dort gewesen war, wer hatte dann Mary ermordet? Konnte es möglich sein, dass er selbst es getan hatte?

Endlich öffnete sich die Tür. Herein kamen zwei ihm fremde Männer in dunklen Anzügen. Sie unterschieden sich nicht wesentlich voneinander, beide waren groß mit kurz geschnittenen Haaren und ernsten Zügen. Einer blond, der andere brünett. Müsste er raten, würde er auf Special Agents vom FBI tippen. Doch was sollten die von ihm wollen?

»Wie meine Anwälte seht ihr nicht aus«, begrüßte Reed die Anzugträger. »Habt ihr euch verlaufen?«

»Erstaunlich, dass Sie in Ihrer Lage noch zu Scherzen aufgelegt sind«, entgegnete der Blonde kühl, setzte sich Reed gegenüber und legte eine Akte auf den Tisch, der andere blieb an die Wand gelehnt stehen.

»Kann ich etwas zu trinken bekommen?« Seine Zunge klebte ihm am Gaumen.

Der Mann ihm gegenüber nickte seinem Partner zu. Der verließ den Raum und kehrte kurz darauf mit einem Becher zurück. Gierig stürzte Reed das Wasser herunter, während der Mann seinen Platz an der Wand wieder einnahm.

»Supervisory Special Agents Carter und Bryant. Wir arbeiten fürs FBI und wurden vom Captain des Reviers mit diesem Fall betraut.«

Reed zog die Brauen zusammen. Von seiner Verhaftung bis zum Eintreffen der Feds im Verhörraum waren nicht einmal drei Stunden vergangen. Wieso übernahm das FBI den Fall? Ausgerechnet jene Behörde, für die Mary tätig gewesen war? Seine Instinkte schlugen Alarm. Irgendetwas war entsetzlich faul an der Sache.

»Erzählen Sie mir, was gestern Abend zwischen Ihnen und Miss Armstrong vorgefallen ist.« Abwartend stützte der Agent seine Ellenbogen auf der Tischplatte ab.

»Haben Sie nicht etwas Wichtiges vergessen? Wie lange machen Sie den Job – eine Woche?«, fragte Reed und musterte die Männer spöttisch.

»Natürlich haben Sie das Recht, auf Ihren Anwalt zu warten. Doch je schneller Sie unsere Fragen beantworten, desto eher sind wir hier fertig.«

»Ich war es nicht«, sagte Reed und verzichtete vorerst auf einen Anwalt. Er hatte nach den vielen Stunden des Wartens das Bedürfnis sich zu rechtfertigen und zu verteidigen.

Agent Carter stieß hörbar Luft durch die Nase.

Bryant verzog keine Miene. »Hören wir öfter. Auch wenn Sie es abstreiten, die derzeit vorliegenden Beweise sprechen eindeutig gegen Ihre Unschuld. Also tun Sie uns allen einen Gefallen und erzählen, was gestern Abend geschehen ist, Mister Holloway.«

»Detective Holloway«, verbesserte er automatisch.

Agent Bryant lächelte boshaft. »Vorerst nicht. Sie müssen am besten wissen, wie ausweglos Ihre Situation ist. Also noch mal – was ist gestern geschehen?«

»Ich kann nicht sagen, was passiert ist, weil ich mich an nichts erinnere.« Das klang abgedroschen und fadenscheinig. Doch was sollte er machen? Es war die Wahrheit. Immerhin wusste er jetzt, wie sich Verdächtige fühlten, wenn sie verhört wurden. Wenn die ihm eine derartige Antwort lieferten, schenkte er ihnen ebenso wenig Glauben.

Erneutes Schnaufen von Agent Carter. »Ja«, er dehnte das Wort, »das hören wir ebenfalls öfter.«

Reed sah den Agent lange an. »Glauben Sie nicht, dass ich nach all den Jahren als Detective bei der Criminal Investigative cleverer vorgehen würde, als einen Gedächtnisverlust vorzutäuschen?«

Unbeeindruckt hob der Agent auf der anderen Tischseite die Schultern. »Sie sagten es gerade, Sie würden cleverer vorgehen, könnte demnach genauso gut Taktik sein. Sie ermorden Ihre Freundin und stellen es so dar, als versuche jemand, Ihnen die Tat in die Schuhe zu schieben.«

Reed reagierte nicht darauf. Die beiden hatten sich ihr Urteil längst gebildet.

»Haben Sie denn eine Theorie, die Sie mit uns teilen wollen?«, erkundigte sich Bryant spitz.

»Es ist absolut ausgeschlossen, dass ich der Mörder bin und auch, dass ich es nicht mitbekommen hätte, wenn meine Freundin neben mir ermordet wird. Wenn Sie also die Analyseergebnisse meiner Blut- und Urinprobe vorliegen haben, werden Sie feststellen, dass mir Betäubungsmittel eingeflößt worden sind. Entweder bereits im Restaurant oder in meinem Apartment.«

Die beiden Special Agents tauschten einen Blick, der so ziemlich alles bedeuten konnte.

Bryant erlöste ihn nach einer schier endlosen Zeit. »Das ist die schwammige Theorie, mit der Sie Ihre Unschuld beweisen wollen?«

 

Kapitel 2

Holly hatte es nie leiden können, wenn jemand zu nachtschlafender Zeit bei ihr anrief. Es weckte hässliche Erinnerungen an die Nacht, in der ihre Eltern tödlich verunglückt waren, und sorgte dafür, dass sie Herzrasen bekam und in Panik verfiel.

Als Reporterin musste sie 24/7 erreichbar sein, schließlich wartete eine gute Story nicht darauf, bis sie ausgeschlafen hatte. Gefallen musste es ihr trotzdem nicht. Obwohl bisher nie etwas wichtig genug gewesen war, wenn es mit ihrem Job zusammenhing, nahm sie nachts jedes Gespräch an. Als sie den Namen auf dem Display erkannte, bekam sie sofort Herzklopfen. Nicht weil er der Vorbote einer schlimmen Nachricht war, sondern weil sie sich ihrer Gefühle für den Anrufer nicht klar war und keinen Schimmer hatte, wie sie damit umgehen sollte. Hatte sie Gefühle für ihn, die über Freundschaft hinausgingen?

»Aaron«, seufzte sie ins Telefon und setzte sich auf. »Hast du wieder einen über den Durst getrunken?«

Eine Zeit lang hatte er sie angerufen, wenn er mit seinen Kollegen nach der Spätschicht noch ins Cheryl’s, eine Bar in unmittelbarer Nähe des Reviers, gegangen war.

Es war still in der Leitung, sodass sie fast annahm, er hätte wieder aufgelegt.

»Reed wurde verhaftet.«

»Deine Scherze waren auch mal besser. Bist du betrunken?« Sie verdrehte die Augen und unterdrückte ein Gähnen.

»Holly«, meinte Aaron in seinem speziellen ernsten Ton, den er privat nur selten anschlug. »Ich bin stocknüchtern und war bei seiner Festnahme dabei.«

»Was ist passiert?« Sie sprang aus dem Bett.

»Nicht am Telefon.«

»Alles klar, bin unterwegs.«

Sie unterbrach das Gespräch, bevor sie zu hören bekam, sie dürfte nicht kommen. Schnell machte sie sich frisch, kleidete sich an und verließ die Wohnung. Wieso war Reed verhaftet worden? Sie waren seit beinahe zwanzig Jahren befreundet, und in all der Zeit konnte sie sich nicht daran erinnern, dass er auch nur ein Mal bei Rot über die Straße gegangen wäre. Er liebte seinen Job als Detective und würde nichts tun, was diesen in irgendeiner Art und Weise gefährdete.

Der Morgen graute bereits. Vor dem Revier hatte sich eine Traube an Reportern gebildet, die gierig auf Neuigkeiten warteten. Demnach hatte sich Reeds Verhaftung schon herumgesprochen.

Mit einem »Darf ich mal vorbei?« quetschte sich Holly durch eine Lücke und betrat die Dienststelle von Reed und Aaron. Als langjährige Freundin der beiden und weil sie dafür sorgte, dass die Cops in ihren Artikeln gut wegkamen – schließlich war alles ein Geben und Nehmen –, genoss sie ein paar Privilegien. Der diensthabende Officer winkte sie durch und hielt die anderen Journalisten mit strenger Miene fern.

Auf dem Revier herrschte eine explosive Stimmung. Die anwesenden Cops liefen umher, wenn sie nicht in Gruppen beisammen standen oder in ihre Telefone brüllten. Eine festgenommene Prostituierte versuchte, einen Officer zu bezirzen, damit er sie gehen ließ. Was Holly nachdenklich stimmte, waren die Männer in Anzügen und FBI-Jacken, die Kartons durchs Revier schleppten und knappe Anweisungen gaben.

Aus den hinteren Fluren kam Aaron ihr entgegen und zog sie in eine tröstliche Umarmung. Das war sein Allheilmittel – Umarmungen und flüchtiger Körperkontakt, der zeigte, dass jemand da war, ohne aufdringlich zu sein. Damit unterschied er sich von Reed, der es nicht leiden konnte berührt zu werden. Erst recht nicht, wenn es nicht notwendig war. Sie erinnerte sich, dass seine Mutter einmal erwähnt hatte, dass er bereits als Kind nicht gerne gekuschelt oder hatte in den Arm genommen werden wollen.

Reed, Aaron und Holly verband eine langjährige Freundschaft, die in der Schule begonnen hatte. Sie hatten viel durchgestanden und waren immer füreinander da gewesen. Zuletzt, als Hollys Eltern tödlich verunglückt waren.

»Was ist passiert?«, wollte sie wissen.

Aaron schaute sie niedergeschlagen an. »Mary wurde in ihrer Wohnung tot aufgefunden – erstochen.«

Holly schwankte. Mary war ermordet worden? Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. »O Gott, wie geht es Reed? Weshalb wurde er verhaftet? Habt ihr Marys Mörder schon?«

Unbehaglich räusperte er sich. »Reed ist momentan unser Hauptverdächtiger.«

Sie schnappte nach Luft. »Dann habt ihr den wahren Täter noch nicht.« Aaron wollte etwas einwenden, sie unterbrach ihn jedoch sofort. »Reed ist kein Mörder, er hat Mary geliebt.« Ihr Herz raste. Die aufgeheizte Stimmung auf dem Revier hinterließ bei ihr Spuren. Sie packte Aaron an seiner Uniform und blickte ihn scharf an. »Sag mir bitte, dass du diesen Unsinn nicht eine Sekunde lang geglaubt hast!«

Aaron führte Holly in ein leeres Büro. »Hör zu, ich kann mir das nicht vorstellen, doch es ging ein Notruf ein, dass hysterische Schreie aus dem Apartment gedrungen sind. Und er war am Tatort, vollkommen mit ihrem Blut besudelt.«

»Das hat nichts zu bedeuten.« Sie verschränkte die Arme und musterte Aaron unnachgiebig.

»Holly«, seufzte er und lehnte seine Stirn an ihre. »Ich weiß, dass die bisherigen Indizien nicht ausreichend sind. Aber es sieht nicht gut für ihn aus.«

»Darf ich zu ihm? Er muss völlig fertig sein. Nicht nur, dass seine Freundin ermordet wurde, er sitzt auch zu Unrecht im Vernehmungszimmer.« Sie wollte Reed Trost spenden. Für ihn da sein.

Bedauernd schüttelte Aaron den Kopf. »Nein, du hast schon genug Informationen erhalten, für die ich meinen Job riskiere.«

»Er ist unser Freund.« Mit feuchten Augen sah sie zu ihm hoch.

»Ich weiß, und ich werde alle Hebel in Bewegung setzen, um ihn zu entlasten.«

Holly nickte an seiner Schulter und sog Aarons beruhigenden Geruch ein. »Kann ich irgendwas tun?«

»Halt dich einfach raus. Sobald sich etwas Neues ergibt, melde ich mich bei dir.«

Zum Abschied zog Aaron Holly fest an sich. Sie genoss den Trost, den ihr die Umarmung schenkte, und verlor sich für einen Moment in seinen starken Armen.

»Keine Alleingänge, hörst du? Ich möchte nicht, dass du dich in Gefahr begibst«, murmelte er in ihr Haar.

»Okay.« Holly musste unbedingt diese Nähe unterbrechen und nicht zu viel in seine Fürsorge hineininterpretieren. Sie räusperte sich, brachte Abstand zwischen sie beide und meinte im Gehen: »Du kennst mich.«

»Deshalb sage ich es ja«, rief er ihr hinterher.

 

***

 

Nachdenklich trommelte Holly mit den Fingern auf dem Lenkrad ihres alten Ford Mustang herum. Ihr war bewusst, dass sie sich nicht in die Ermittlungsarbeit der Polizei einmischen durfte. Doch als Reporterin war sie von Haus aus neugierig, und immerhin handelte es sich nicht um irgendwen, sondern um Reed. Er war kein Mörder, auch wenn angebliche Beweise etwas anderes behaupteten. Niemals hätte er seiner Mary etwas angetan.

Sie stieg aus dem Wagen, schloss ab und ging gemächlichen Schrittes auf das Gebäude zu. Sie verhielt sich völlig normal, als würde sie an diesen Ort gehören und nicht gerade versuchen, einen Tatort zu besichtigen, an dem sie nichts verloren hatte. Aus der Tasche holte sie den Ersatzschlüssel, den Reed ihr für Notfälle gegeben hatte, und öffnete die Haustür. Sie lief die Treppen in den zweiten Stock hoch und stand unschlüssig vor der aufgebrochenen Wohnungstür, das schwarz-gelbe Flatterband skeptisch musternd. Natürlich wusste sie, dass sie sich strafbar machte, wenn sie einen polizeilich abgesperrten Tatort betrat. Sie wollte nur einen kurzen Blick riskieren. Schauen, ob ihr irgendwelche Ungereimtheiten auffielen. Fünf Minuten, sagte sie sich. Schließlich war die Wahrscheinlichkeit verdammt hoch, dass die Polizei jeden Moment zurückkehrte, um den Tatort zu versiegeln.

»Furchtbar, was hier geschehen ist, nicht wahr, Schätzchen?«

Holly schreckte zusammen und sah die alte Lady an, die aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war. »Haben Sie mitbekommen, was passiert ist, Mrs. Perkins?«

Wenn jemand etwas wusste, dann diese Frau. Sie war über alle Bewohner im Haus informiert und kannte jedes noch so schmutzige Geheimnis.

Die Alte beugte sich zu Holly. »Ich habe ein Gespräch belauscht. Die Polizisten meinten, Mister Holloway steht unter dem Verdacht, Miss Armstrong ermordet zu haben. Aber wir zwei wissen, dass das großer Humbug ist. Ich habe die beiden zusammen gesehen. Außerdem ist er selbst ein Cop, das ist ein ehrenhafter Beruf. Mein Mann – Gott hab ihn selig – war ebenfalls Detective beim Philadelphia Police Department.« Es folgte ein langer Monolog über die herausragenden Leistungen ihres Ehemannes und darüber, dass er viel zu früh gestorben war. Diese Geschichte hörte Holly weder zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal.

»Ist Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Haben Sie etwas gehört? Vielleicht sogar jemanden gesehen, der hier nichts zu suchen hat?«, unterbrach Holly sie und lächelte charmant.

»Nein. Ich habe tief und fest geschlafen. Aber selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte ich nichts gehört.« Sie zeigte auf das Hörgerät in ihrem Ohr. »Das nehme ich zum Schlafen raus.«

»Wissen Sie zufällig, ob die Nachbarn etwas bemerkt haben?«

»Agnes hat die Wohnung direkt neben dem Paar, und sie hat nichts gehört.« Ein schelmischer Ausdruck trat auf das Gesicht der alten Lady. »Die Wände sind dünn. Agnes hat sonst wirklich alles mitbekommen, was dort vor sich gegangen ist.«

»Wenn nicht einmal die direkte Nachbarin etwas mitgekriegt hat, wer hat dann die Polizei alarmiert?«, überlegte Holly laut.

Mrs. Perkins wurde ernst. »Das weiß ich nicht. Zumindest niemand von den Mietern, mit denen ich bisher gesprochen habe. Wollen Sie ins Apartment?«

»Selbstverständlich nicht. Da ist ein Absperrband«, erklärte Holly überzeugt.

»Das war alles sehr aufwühlend. Ich werde jetzt eine Weile aus dem Fenster sehen, und sollte ich etwas Verdächtiges bemerken, klopfe ich einfach gegen die Heizung.« Die Frau schlich davon.

Holly grinste ihr hinterher. Da die Tür nur provisorisch angelehnt worden war, gab sie dem Holz einen Schubs mit dem Finger und warf einen Blick ins Innere. Sie vergewisserte sich, dass niemand mehr im Hausflur war, und lief unter dem Band hindurch in die Wohnung. Sicherheitshalber schloss sie die Tür so weit wie möglich.

Ihr Herzschlag erhöhte sich mit jeder Sekunde. Sie beging gerade wissentlich eine Straftat! Ihre Hände zitterten, Schweiß trat ihr auf die Stirn. Das konnte sie in Teufels Küche bringen. Aarons ermahnendes Gesicht tauchte vor ihr auf. Dann dachte sie an ihre Freunde Reed und Mary und atmete tief durch, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Im Wohnzimmer fand sie eine zerbrochene Vase auf dem Boden. Mitten in der verdunstenden Pfütze lagen traurig die Blumen. Sessel und Couch waren verschoben, der Tisch umgekippt, Schranktüren standen offen. Sie blickte nach rechts in Richtung Schlafzimmer. Die helle Bettwäsche war blutgetränkt. Auf wackligen Beinen ging sie auf den Raum zu.

»O Gott!« Sie schlug die Hand vor den Mund.

Matratze und Bettgestell waren mit Blut besudelt. Rote Spritzer waren an der Wand, an der Gardine, dem Nachtschrank und der Lampe zu sehen. Holly nahm ihr Smartphone aus der Tasche und machte etliche Aufnahmen. Erst oberflächlich, bevor sie sich auf Details konzentrierte – ein fast geleertes Glas und eine Flasche Wasser auf dem Nachttisch sowie eine braune Medizinflasche, die versteckt zwischen Schränkchen und Wand auf dem Fußboden lag. Selbst die getrocknete Blutlache vor dem Bett hielt sie fest und die Blutspuren, die am Bett hinuntergetropft waren.

Wieso hatte die Polizei die Beweismittel nicht in der Nacht mitgenommen? Das hätte das Erste sein sollen, was sie hätten tun müssen. Das erklärte zumindest, warum die Tür nicht versiegelt war. Sie sollte schleunigst verschwinden, bevor die Cops in der Wohnung standen und sie entdeckten. Ihre Neugier hielt sie davon ab, sofort zu gehen.

Das Bett sah aus, als hätte hier ein Massaker stattgefunden, der metallische Geruch in der Luft verursachte ihr Übelkeit.

Holly wollte gerade die Medizinflasche auf Inhalt und den ausgestellten Namen überprüfen, als es mehrfach gegen die Heizung klopfte. Sofort wurde sie panisch. Kamen die Kriminaltechniker zurück, um die restlichen Beweismittel abzuholen? Schweiß lief ihr den Rücken hinunter und durchnässte ihre dünne Bluse.

»Mist, verfluchter«, zischte sie und verließ das Apartment fluchtartig.

Niemand kam ihr entgegen. Im ersten Stock erlaubte sie sich ein erleichtertes Ausatmen und ging die letzten Stufen gemächlicher hinunter. Sie trat nach draußen.

»Manchmal glaube ich, du hast was an den Ohren.« Aaron lehnte mit verschränkten Armen an ihrem Wagen und schüttelte den Kopf.

»Was ist denn mit dir los? Ich war bei Mrs. Perkins.« Holly setzte eine unschuldige Miene auf.

»Und das soll ich dir glauben? Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, was passiert, wenn jemand erfährt, dass du an einem Tatort herumgeschnüffelt hast? Das wird Reed nicht im Mindesten helfen, Holly! Im Gegenteil. Alles, was du gefunden haben könntest, dürfte nicht zu seiner Entlastung verwendet werden.« Aaron redete sich so sehr in Rage, dass er immer lauter wurde. Die Ader am Hals pulsierte.

»Entspann dich, ich war nicht in Reeds Wohnung. Das ist ein abgesperrter Tatort, und ich würde mich wohl kaum freiwillig strafbar machen.«

»Komm mich bald mal wieder besuchen, Schätzchen«, rief Mrs. Perkins aus dem Fenster.

Holly winkte ihr und hätte die Frau küssen können. Offensichtlich hatte sie den Streit mit angehört und wollte ihr helfen. Aaron musterte die beiden skeptisch. Schließlich seufzte er und gab die Wagentür frei.

»Warst du schon bei Reed?« Holly entriegelte das Fahrzeug, stieg aber nicht ein.

»Von uns darf niemand zu ihm. Das FBI hat den Fall übernommen, er wird nach wie vor vernommen. Außerdem hast du ja selbst gesehen, dass sie sein Büro durchsucht und sein ganzes Zeug in Kartons herausgetragen haben.«

»Du scheinst nicht glücklich darüber zu sein, dass das FBI vor Ort ist.«

»Es ist nicht von Vorteil, wenn Kollegen von Mary ihren vermeintlichen Mörder verhören.« Aaron rieb sich über die Augen. Die Erschöpfung der letzten Stunden war ihm deutlich anzusehen.

Holly zog die Stirn in Falten. »Ich dachte, sie hätte dort nur als technische Analystin gearbeitet.«

»Kollege bleibt Kollege, das hat immer Vorrang vor allem anderen«, meinte er nach kurzem Zögern. »Ich fahre nach Hause, brauche dringend eine Mütze voll Schlaf.«

»Mach das.« Holly öffnete die Wagentür und drehte sich noch einmal zu Aaron um. »Du hältst mich auf dem Laufenden, oder?«

Er lächelte. »Natürlich.«

 

***

 

Holly druckte die Bilder vom Smartphone aus. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf: Wieso war Reed der Hauptverdächtige in Marys Mordfall?

Er hatte sie gestern Morgen darüber informiert, dass er Mary beim Abendessen einen Heiratsantrag hatte machen wollen. Reed änderte seine Meinung selten, deshalb ging sie davon aus, dass er tatsächlich um Marys Hand angehalten hatte. Er würde ihr kaum einen Antrag machen, um sie dann Stunden später zu töten.

Ihr krampfte sich der Magen zusammen, wenn sie an seine Worte dachte. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, er solle es nicht tun, aber wer war sie, seinem Glück im Weg zu stehen, nur weil ihre eigenen Gefühle verrückt spielten und sie in seiner Nähe Dinge empfand, die über Freundschaft weit hinausgingen?

Und dann fragte sie sich, ob es ein Mord aus Eifersucht gewesen war. Hatte Mary einen Ex-Freund, der nicht wollte, dass sie jemand anderes heiratete? Aber warum hatte der sie getötet und nicht Reed?

Was konnte das Motiv sein?

Holly notierte sich ein paar Stichpunkte, die sie unbedingt mit Reed besprechen musste. Es waren zu viele ungeklärte Fragen, auf die sie dringend eine Antwort brauchte. Ob es eine Möglichkeit gab, Einsicht in die Vernehmungsakte zu erhalten? Das Gespräch war garantiert aufgezeichnet worden. Auf Aarons Hilfe durfte sie nicht hoffen. Er hatte deutlich gemacht, dass sie sich heraushalten sollte. Sie musste sich also allein auf die Suche nach dem wahren Mörder begeben.

Kurz überlegte sie, die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch liegen zu lassen, damit sie immer griffbereit waren. Doch sollte Aaron unverhofft vorbeikommen, würde er sehen, dass sie ihn angelogen hatte und in Reeds Apartment gewesen war. Auf den Streit konnte sie verzichten. Außerdem würde er weitere Ergebnisse in dem Fall nicht mehr mit ihr teilen. Also packte sie alles zusammen in einen Umschlag.

Nachdem ihre Eltern vor knapp einem Jahr verunglückt waren, hatte Holly als einziges Kind alles geerbt. Unter anderem das Haus, in dem sie aufgewachsen war und jetzt lebte. Sie hatte es komplett renoviert und die Möbel ausgetauscht. Ihr ehemaliges Kinderzimmer hatte sie als Schlafzimmer hergerichtet. Sie hätte es nicht übers Herz gebracht, das ihrer Eltern zu benutzen.

Als Reed und sie Kinder gewesen waren, hatten sie sich oft versteckt und damit ihre Eltern zur Weißglut gebracht. Jede noch so kleine Ritze hatten sie genutzt. Irgendwann hatten Hollys Eltern genug davon gehabt und gemeint, sie sollten sich in den ehemaligen Kohlenkeller zurückziehen. Das war ungefährlich, und sie hatten sich den Ort gestalten können, wie sie wollten. Seitdem hatten sie jede freie Minute in ihrem neuen Unterschlupf verbracht. Nicht einmal Aaron hatten sie davon erzählt. Es war ihr geheimes Paradies gewesen.

Im Flur schob Holly einen runden Tisch beiseite, auf dem eine Blumenvase ihrer Urgroßmutter stand, zog den Läufer weg und öffnete die Bodenluke zum Kohlenkeller. Wie lange war sie nicht mehr hier unten gewesen? Flackernd schaltete sich die alte Lampe unter der Decke ein und beleuchtete den staubigen Raum. Es roch muffig, Holly rümpfte die Nase. Fenster gab es nicht, und die zweite Tür nach draußen in den Garten war mit Brettern vernagelt und von außen komplett mit Unkraut zugewuchert.

Rasch lief sie die wenigen Treppenstufen hinunter und legte die Akte auf dem verschlissenen Sofa ab. Fröstelnd eilte sie wieder nach oben. Den Läufer und den Tisch schob sie zurück an ihren Platz und achtete darauf, dass es genauso aussah wie zuvor.

Als Reporterin hatte Holly viele Freiheiten in der Redaktion, für die sie tätig war. Für ihre Chefin Claire Kennedy spielte Anwesenheit keine Rolle, solange die Artikel rechtzeitig in der Redaktion eingereicht wurden, gut recherchiert waren und dem Leser ein erschrockenes Keuchen entlockten. Claire bezahlte ihren Anwälten eine Menge Geld, damit sich der Philly Courier gegen die ständig eingehenden Verleumdungsklagen wehren konnte. Es schien eine Art Lebensaufgabe zu sein, den Reichen und Mächtigen auf diese Weise zu trotzen.

Ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht ins Büro musste, rief sie ihre Chefin an und erklärte, was geschehen war.

»Nehmen Sie sich den Rest der Woche frei, Holly. Wenn Sie etwas brauchen, geben Sie mir Bescheid.«

»Danke, Claire. Ich melde mich.« Sie zögerte und fragte schließlich: »Glauben Sie an Ermittlungsfehler?«

Claire lachte kühl. »Ich glaube daran, dass Menschen alles tun, um ihren eigenen Arsch zu retten. Haben Sie etwas gefunden?«

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Holly und dachte sofort daran, dass die Kriminaltechniker den Tatort verlassen hatten, ohne die restlichen Beweise mitzunehmen. »Aber ich werde der Sache nachgehen.«

 

Kapitel 3

Bei einer Tasse Kaffee überlegte Holly am nächsten Morgen, wie sie das Ganze am besten anpacken sollte. Sie schloss die Augen und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Bis auf Reed und Aaron hatte sie niemanden in ihrem Leben. Obwohl Holly immer offen und kontaktfreudig war, besaß sie keine tiefergehenden Freundschaften. Sie hatte Bekannte, mit denen sie feierte und Karaoke sang, das waren jedoch Menschen, denen sie niemals ihr Herz ausschütten konnte. Sie vertraute so schnell niemandem, dafür war sie zu oft enttäuscht worden. Holly könnte es nicht verkraften, wenn ihr auch noch Reed genommen werden würde. Ihr Herz brach bei dem Gedanken, ihn vielleicht nie wiederzusehen. Es musste doch etwas geben, was sie tun konnte! Wie ging sie vor, wenn sie sich an einen neuen Artikel setzte? Sie trug Informationen zusammen und begann mit ihren Nachforschungen, anschließend folgte eine Überprüfung.

Holly öffnete blinzelnd die Augen, trank den Kaffee aus und suchte ihre Sachen zusammen. Als Erstes würde sie aufs Revier fahren und Aaron ein paar Details entlocken. Wenn sie als Freundin und nicht als Reporterin dort auftauchte, hoffte sie, wäre er großzügiger mit der Erteilung von Auskünften. Sollte er sich weigern, würde sie mit ihrer aufdringlichen Art seine Kollegen nerven. Irgendjemand würde den Mund aufmachen – und wenn sie den Captain höchstpersönlich belästigen musste. Sie wollte sich in diesem besonderen Fall nicht an die Pressestelle wenden. Die Reporter erhielten alle die gleichen nichtssagenden Informationen. Holly hoffte auf mehr und ganz besonders auf Insiderwissen.

Mit neuem Elan verließ sie das Haus.

Die Fahrt zum Revier dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Rote Ampeln und volle Straßen verhinderten ein schnelles Vorankommen. In der Nähe des Reviers fand sie keinen Parkplatz und stellte ihren Wagen deswegen einige Querstraßen weiter ab. Auf dem langen Fußweg verlor sie ihren Enthusiasmus, und schließlich betrat sie völlig abgekämpft das Polizeigebäude. Eine angespannte Stimmung empfing sie im Inneren. Der diensthabende Cop musterte sie höflich. Holly schaute sich um. Uniformierte saßen hinter ihren Schreibtischen und telefonierten oder tippten auf ihren Tastaturen herum – außer Aaron, der stand mit seinen Kollegen Ron Morrison und Steven Noles neben dem Wasserspender und lachte ausgelassen über etwas. Holly hatte die beiden nie ausstehen können. Während Morrison bei jedem Zusammentreffen sexistische Sprüche klopfte, verließ Noles sofort den Raum, sobald eine Frau eintrat. Wie er auf die Art Vernehmungen durchführte, wusste sie nicht. Morrison stieß Aaron an und deutete mit dem Kinn Richtung Holly. Die drei nickten einander zu und lösten die Runde abrupt auf. Aaron kam mit großen Schritten auf sie zu.

Er gab dem diensthabenden Cop ein Zeichen. »Ich übernehme, Bob.«

»Alles klar«, entgegnete er und ließ den beiden etwas Raum.

»Was machst du hier?«, fragte Aaron anstelle einer Begrüßung.

»Hallo, Aaron, ich freue mich auch, dich zu sehen.«

Er lachte leise und zog sie an sich. Wieder einmal beschwor das ein undefinierbares Gefühl herauf, als sie die Arme um ihn legte und seinen Duft nach herbem Aftershave einsog.

»Holly«, seufzte er und ging auf Abstand. »Du solltest nicht immer hier aufkreuzen.«

»Du weißt doch gar nicht, warum ich da bin.«

Aaron bedachte sie mit einem strengen Blick. »Du willst wissen, ob es Neuigkeiten von Reed gibt.«

Sie schüttelte den Kopf und zeigte ihr schönstes Lächeln. »Nein, ich wollte fragen, ob du heute Abend zum Essen vorbeikommen möchtest. Aber wenn wir schon dabei sind, gibt es etwas Neues?«

»So was von durchschaubar«, brummte er. Und an Bob gewandt: »Ich nehme Miss Morgan mit.«

Der Cop vom Eingang lächelte höflich und widmete sich einem Telefonat.

Aaron suchte wieder nach einem leeren Büro und schloss die Tür hinter ihnen. Als Officer besaß er lediglich einen Schreibtisch im Großraumbüro – wo jeder sie hören konnte.

Holly holte ihr Notizbuch aus der Handtasche. »Also, was hast du für mich?«

Ihr Freund hob ratlos die Hände. »Ich kann dir keine Informationen geben. Du gefährdest damit die laufenden Ermittlungen.«

Irritiert hob sie die Schultern. »Das hat dich sonst auch nicht interessiert. Du hast mir immer erzählt, was los ist.«

»Das war etwas anderes. Jetzt geht es um Reed. Er wird des Mordes beschuldigt. Einen Artikel in der Zeitung können wir nicht gebrauchen.«

Holly schnaufte. »Als würde ich einen Artikel darüber schreiben und meinen Freund in den Dreck ziehen. Mir geht es einzig um Reeds Wohlergehen und darum, seine Unschuld zu beweisen.«

»Lass das FBI den Fall aufklären und halt dich raus«, forderte Aaron barsch.

Holly steckte den Block weg und sah ihn beschwörend an. »Ich will niemandem im Weg stehen, sondern helfen. Gib mir wenigstens einen Hinweis.«

»Der Captain hat bereits gefragt, warum du in der Nacht im Revier warst und nicht wie die anderen Reporter davor. Er wollte wissen, worüber wir uns unterhalten haben.«

Holly senkte den Blick. Sie wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen, wirklich nicht. Doch es ging um Reed, und sie wollte nur ein paar winzige Details von Aaron haben. »Bitte«, flehte sie daher. »Gib mir wenigstens ein bisschen, womit ich arbeiten kann.«

»Du willst Details?«, zischte er aufgebracht. »Na schön, aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Reed hat behauptet, mit Drogen betäubt worden zu sein. Ein Arzt hat eine Blut- und Urinprobe genommen und an zwei verschiedene Labors geschickt, um es auf Betäubungsmittel zu testen.«

Holly hielt die Luft an, als Aaron eine Pause einlegte.

»Das endgültige Ergebnis liegt noch nicht vor, der Schnelltest hat jedoch, bis auf eine geringe Dosis Alkohol, nichts nachgewiesen.«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Na und? Das sagt nichts über seinen Zustand aus. Schon mal darüber nachgedacht, dass die Drogen längst nicht mehr in seinem Blut waren? Sogar ich weiß, dass bestimmte Mittel nur ein paar Stunden nach Einnahme nachweisbar sind.«

Aufgebracht fuhr sich Aaron durch das kurze dunkelblonde Haar. »Holly«, er packte ihre Schultern, »das wäre das Einzige gewesen, um ihn zu entlasten und seine Unschuld zu beweisen! Er hat kein Alibi und wurde am Tatort festgenommen. Auf dem Messer sind seine Fingerabdrücke. Es sind keine Spuren von Betäubungsmittel in seinem Körper vorhanden. Die Alkoholmenge ist zu gering, da kann der Anwalt nicht einmal auf verminderte Schuldfähigkeit plädieren. Außerdem gab es keinerlei Einbruchspuren.«

Holly schwankte, der Raum drehte sich um sie herum. Sofort legte Aaron die Arme um sie. Mit Macht drängte sie die Tränen zurück. Immer wieder schüttelte sie den Kopf. »Das kann nicht sein.«

»Ich weiß, Holly, ich weiß«, murmelte er und drückte ihr einen Kuss auf den Haaransatz.

»Er hat kein Motiv«, sagte sie mehr zu sich selbst. Es war der verzweifelte Versuch, an Reeds Unschuld festzuhalten.

»Wir gehen davon aus, dass er keines hatte. Aber weißt du es mit Sicherheit? Vielleicht hatten sie einen Streit, und er hat im Affekt zugestochen.«

»Im Bett?«, fragte sie und zwang sich zur Ruhe. Ein Nervenzusammenbruch würde niemandem helfen. Sie musste klar im Kopf bleiben, nur so war sie eine Hilfe. »Hast du ein Messer an deinem Bett? Ich nicht.«

Er sprach mit ihr, als hätte er es mit einem kleinen Kind zu tun. »Er ist aufgestanden, hat das Messer geholt und zugestochen.«

»Versuchst du überhaupt im Ansatz, seine Unschuld zu beweisen?«

Verletzt wich er einen Schritt zurück und ließ sie los. »Natürlich, er ist genauso mein Freund wie deiner. Ich will dir nur vor Augen führen, was Anwälte aus einer derartigen Sache machen können. Die sind schnell damit, einen Tathergang zu konstruieren. Gerade in diesem scheinbar eindeutigen Fall: Der Mörder war noch vor Ort – inklusive Tatwaffe. Reed hatte ein Blackout, die Tat könnte ihn so geschockt haben, dass sein Gehirn ihn schützen will und das verdrängt.«

»Und im Anschluss hat er sich seelenruhig ins Bett gelegt und weitergeschlafen. Das glaubst du doch selber nicht.«

Aaron schien am Ende mit seiner Geduld. Er massierte sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenwurzel. »Es geht nicht darum, was ich glaube, sondern die Geschworenen. Im Moment sieht es nicht gut aus für Reed. Wenn Marys Mörder nicht in den nächsten Tagen bei uns auf dem Revier auftaucht, müssen wir uns der Realität stellen.«

»Die Realität ist scheiße, und ich glaube nicht daran, dass Reed Mary ermordet hat.« Holly deutete auf Aaron. »Solange er nicht wegen Mordes verurteilt wurde, werde ich alles dafür tun, den wahren Schuldigen zu finden. Du kannst mir helfen oder es lassen.«

»Selbstverständlich helfe ich dir. Ich glaube genauso wenig wie du, dass er ein Mörder ist. Doch wir müssen aufpassen, dass wir den Ermittlungen nicht im Weg sind oder, noch schlimmer, entlastende Beweise nicht zugelassen werden«, redete er ihr ins Gewissen.

Sie konnte Aarons Bedenken verstehen und wollte nicht, dass er seinen Job riskierte. Holly selbst würde ein paar Informationen einholen und nachforschen. Damit konnte sie wohl kaum irgendetwas gefährden.

»Hilf du ihm, indem du deinen Job machst, und ich mache meinen.«

Misstrauisch maß er sie von oben bis unten. »Und wie sieht dein Job aus, Holly?«

Sie lächelte. »Ich recherchiere.«

Da sie bereits auf dem Revier war, konnte sie mit der Informationsbeschaffung gleich anfangen. Vielleicht fand sie einen Cop, der etwas gesehen hatte oder bestätigen konnte, dass Reed bei der Vernehmung neben sich gestanden hatte.

Aaron öffnete die Tür. »Stell keinen Unsinn an.«

Was dachte er denn von ihr, und wieso sagte er das ständig? In den meisten Fällen war sie die Vernunft in Person.

Holly verließ ebenfalls das Büro und stand eine Weile unschlüssig im Flur. Sie beobachtete die Polizisten bei der Arbeit. Es sah alles ganz normal aus. Anzeigen wurden aufgenommen, Berichte geschrieben, telefoniert. Sie bemerkte die nervösen Blicke von Noles. Immer wieder schielte er am Monitor seines Computers vorbei in ihre Richtung. Die Entscheidung war gefallen. Sie witterte ihre Chance und marschierte selbstbewusst auf ihn zu. Da sie ihn nicht ausstehen konnte, provozierte sie ihn, indem sie sich vor ihm aufbaute.

Holly starrte auf den sitzenden Mann hinunter und wartete, bis er mit leiser, nervöser Stimme fragte: »Was kann ich für dich tun?«

»Warst du bei Reeds Verhaftung dabei?«, begann sie ohne Umschweife.

Ohne sie anzusehen, schüttelte er den Kopf.

»Warst du auf dem Revier, als er hergebracht wurde?«

Kopfnicken.

Ein dermaßen verunsicherter Mensch konnte kein guter Polizist sein. Natürlich war ihr klar, dass nicht alle Gesetzeshüter charmant wie Aaron und intelligent wie Reed sein konnten. Aber herrje, Noles schaffte es nicht einmal, ihr ins Gesicht zu schauen, geschweige denn vernünftig mit ihr zu kommunizieren.

»Ist dir bei seinem Eintreffen etwas aufgefallen?«

»Nein.«

»Glasiger, unfokussierter Blick? Zitternde Hände? Schwankender Gang?«

»Nein.«

»Was soll das? Was machst du hier?«, unterbrach Morrison ihre Fragerei.

»Ich stelle deinem Partner nur ein paar Fragen. Zu dir komme ich gleich noch.«

Selten hatte sie jemanden erlebt, der arroganter auftrat. Morrisons herablassende Art schürte in Holly eine Wut, die ihr selbst unerklärlich war. Der Mann hatte etwas an sich, das sie zutiefst anwiderte. Es war der Ausdruck seiner Augen – leblos und abgestumpft. Nicht auf die Art, dass er viele Verluste hatte hinnehmen müssen und dadurch keinen Sinn mehr in seinem Leben fand, vielmehr die Art, dass er Frauen abgrundtief hasste und in ihnen nicht mehr sah als Wesen, die seine Luft atmeten. Für sie gehörte er zu der Sorte Mann, der sie bedingungslos einen Mord an seiner Freundin zutraute. Es wunderte sie ohnehin, dass es auf dem Revier bisher keine Beschwerden über ihn gegeben hatte. Gut möglich, dass er einfach nur zu Holly so eklig war.

»Du bist hier fertig, Steven. Mach Pause«, wies Morrison seinen Partner an, ohne den Blick von Holly abzuwenden. Innerlich straffte sie sich.

Eifrig sprang Noles auf, riss dabei fast seinen Stuhl um und lief in einen der Flure. Er hatte also nicht nur Angst vor Frauen, sondern auch vor seinem Kumpel. Gut zu wissen.

»Wo warst du vorgestern Abend?«, fragte sie, bevor Morrison etwas sagen konnte.

Verdattert öffnete er den Mund und schloss ihn gleich wieder. »Wieso?«, presste er schließlich zwischen den Zähnen hervor.

Sie zuckte mit den Schultern. »Nur so, ich bin neugierig.«

Morrison beugte sich gefährlich nah vor. Sie roch abgestandenen Zigarettenqualm und rümpfte die Nase.

»Du begibst dich auf gefährliches Terrain, Mädchen. Was immer du zu entdecken glaubst, du wirst es nicht finden.«

Holly musterte den Mann herausfordernd. »Was glaubst du denn, was ich suche?«

»Antworten.«

»Sind wir nicht alle auf der Suche nach Antworten?«

»Du sollst die Tat allein als Antwort sehen, hat schon Dante Alighieri gewusst.«

Beinahe hätte sie laut aufgelacht. Stattdessen begnügte sie sich mit einem spöttischen Grinsen. »Na, das hast du dir ja gut zurechtgelegt.«

»Du willst Reed entlasten, schön. Doch das wird dir nicht gelingen. Er hat Mary ermordet, je eher du das einsiehst, desto besser ist das für alle Beteiligten.« In seiner Mimik war nichts zu erkennen, nicht die geringste Gefühlsregung.

Holly hob die Schultern. »Wenn du dir dessen so sicher bist, sollte es dich nicht stören, wenn ich mich weiter umhöre.«

Jetzt zuckte die Ader unter seinem linken Auge. Er beugte sich weiter vor. Sie spürte seinen Atem auf der Haut.

»Lass es nicht drauf ankommen. Die meisten sind nicht gut auf Reed zu sprechen. Wer für die Interne schnüffelt, hat schlechte Karten. Seit jeher.«

»Es reicht«, ging Aaron dazwischen.

Die Männer lieferten sich ein Blickduell. Keiner von ihnen wollte nachgeben. Schließlich knurrte Aaron leise und wandte sich ab, um seine Konzentration auf Holly zu richten. »Wir beide müssen uns ernsthaft unterhalten.«

»Ich habe noch einen Termin …«

»Sofort«, unterbrach er sie scharf und umfasste ihren Unterarm.

Genervt wegen seines harschen Befehlstons, folgte sie ihm abermals in das verwaiste Büro. Was war nur in ihn gefahren, dass er sich dermaßen idiotisch aufführte? Wütend und unbeherrscht kannte sie ihn nicht. Das war neu – und beunruhigend.

»Holly!« Aaron rang nach Worten und lief auf und ab.

»Ich …«

Er hob die Hand und unterbrach sie von Neuem. »Deine Schnüffelei hat ab sofort ein Ende. In meinem Revier wirst du keine Antworten finden. Schon gar nicht von meinen Kollegen, die nur ihre Arbeit tun.«

»Ich habe bereits welche erhalten«, gab sie zurück. »Interne Ermittlungen also. Reed hat nie ein Wort darüber verloren.«

»Du wusstest es nicht?« Aaron wirkte wieder ruhig und gefasst.

»Nein. Gegen wen hat er ermittelt und wieso? Übernehmen das sonst nicht immer Externe oder das FBI?«

»Spielt das eine Rolle?«

»Selbstverständlich. Ich muss wissen, warum Reeds Kollegen, die nie schlecht über ihn geredet und ihn immer ins Vertrauen gezogen haben, plötzlich der Ansicht sind, er könnte seine Freundin ermordet haben. Und was meinte Morrison damit, wer für die Interne schnüffelt, habe schlechte Karten?«

»Das war nur so dahergesagt«, beschwichtigte er sie, Holly nahm ihm das nicht ab. »Er hat gegen uns alle ermittelt, weil niemand direkt beschuldigt worden ist.«

»Selbst gegen dich?«, rief sie überrascht.

Er nickte grimmig.

»Das glaube ich nicht.«

»Musst du auch nicht. Trotzdem ist es die Wahrheit. Vor etwa drei Monaten hat er mit seinen Ermittlungen angefangen. Er hat mich unerlaubterweise vorab eingeweiht.«

»Wenn er es dir gesagt hat, wird er dich wohl kaum im Visier gehabt haben.«

Aaron hob unschlüssig die Schultern. »Ich wollte dich nicht anschreien, es tut mir leid. Allerdings stichst du in ein Wespennest. Meine Kollegen sind beunruhigt und wütend. Niemand weiß, wie intensiv Reeds Nachforschungen gewesen sind, was genau er an Informationen gesammelt oder wem er diese weitergegeben hat.«

»Moment«, sie hob irritiert die Hand, »du sagtest doch, er hätte dir davon erzählt.«

»Keine Einzelheiten. Nur dass sein Auftrag die gesamte Abteilung betrifft.«

»Hat er den Captain unterrichtet?«

»Gut möglich.« Aaron setzte sich auf einen Stuhl und stützte das Kinn in die Hände.

Holly hockte sich vor ihn. »Was verschweigst du mir?« Sie umfasste seine Unterarme und streichelte sie mit den Daumen.

»Du kennst mich viel zu gut.« Aaron lächelte schwach und wurde wieder ernst. »Bitte hör auf zu spionieren. Bring dich nicht in Gefahr.« Er lehnte seine Stirn an ihre.

Sie genoss diese vertraute Geste und schloss für einen Moment die Augen. Aber sie durfte sich nicht ablenken lassen. »Warum ist dir das so wichtig?«

Abrupt stand er auf, und Holly fiel durch die schnelle Bewegung nach hinten auf den Po.

»Ganz einfach, weil alle Beweise gegen Reed sprechen und ich Angst davor habe, dass du dich in etwas verrennst und unglücklich wirst. Das Letzte, was ich will, ist, dass du enttäuscht wirst, Holly.«

»Das klingt ja fast, als würdest du mich mögen«, neckte sie ihn, um die Stimmung aufzulockern. Und weil sie nicht zugeben wollte, dass er recht behalten konnte.

»Als wüsstest du das nicht«, sagte er leise und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich muss weiterarbeiten. Steht das Angebot mit dem Essen heute Abend noch?«

»Klar.«

 

Kapitel 4

Lange nach dem Gespräch gingen Holly Aarons Worte nicht aus dem Sinn. Sie saß in ihrem Wohnzimmer und kaute nachdenklich auf dem Ende eines Bleistifts herum. Hatte er recht und sie machte sich etwas vor, wenn sie annahm, Reed wäre unschuldig? War sie voreingenommen, weil sie seit ihrer Kindheit befreundet waren?

Dann wiederum dachte sie, warum hätte Reed ein Drogenscreening vorschlagen sollen, wenn er wusste, dass die Labortechniker nichts finden würden? Wieso hatte er auf dieser Untersuchung bestanden? Das ergab alles keinen Sinn! Außer, er wollte das FBI auf eine falsche Fährte locken, um am Ende als Unschuldslamm dazustehen.

O Gott, was dachte sie da bloß? Das war immer noch Reed. Ihr bester Freund, der stets für sie und alle anderen da gewesen war. Ihr Vertrauter! Der einzige Mann, der sie nie enttäuscht hatte und für den sie alles stehen und liegen lassen würde.

Holly zog ihre Notizen hervor und überflog die Hinweise, die sie bisher gesammelt hatte. Gegen wen hatte Reed ermittelt? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es das gesamte Revier betraf. Wie sahen die Vorwürfe im Detail aus? Auf was war er gestoßen?

Plötzlich kam Holly ein schrecklicher Gedanke. Wenn Reed pikante Details herausgefunden hätte, würde jemand ihn aus dem Weg räumen wollen, um die internen Ermittlungen einzustellen? Wer würde so weit gehen? Und wie passte Mary ins Bild?

Sie seufzte auf. Das waren zu viele unbeantwortete Fragen. Sie musste mit Reed reden.

Auf der Website der zuständigen Behörde des Justizministeriums fand sie das Gefängnis, in dem Reed als Untersuchungshäftling untergebracht war. Sie klickte auf die Seite der Einrichtung, um sich über die Besuchszeiten zu informieren. Sie überlegte, ob sie dort anrufen und sich anmelden sollte, doch es gab viele Beschwerden darüber, dass niemand ans Telefon gehen würde. Also beschloss sie, auf gut Glück hinzufahren.

Das Bundesgefängnis lag im Herzen von Philadelphia. Holly schaute an dem zwölfstöckigen Gebäude empor. Es hätte als Hotel durchgehen können, abgesehen von den schmalen Fenstern. Sie straffte die Schultern und ging auf den Eingang zu. Das triste Innere wirkte entmutigend, und sie wollte sich nicht ausmalen, wie es sein musste, hier in einer der Zellen auf die eigene Gerichtsverhandlung warten zu müssen. Der Mitarbeiter hinter dem mit Glas abgetrennten Empfangsbereich blickte ihr mäßig interessiert entgegen.

»Mein Name ist Holly Morgan. Ich möchte gerne Reed Holloway besuchen.« Zusätzlich legte sie ihren Führerschein in die Sicherheitsdurchreiche.

Ohne sie weiter zu beachten, tippte der Mitarbeiter etwas in seinen Computer. »Sie haben keinen Antrag auf Besuchserlaubnis gestellt und dürfen nicht zu ihm.«

Das wusste sie auch, hatte aber dennoch gehofft, dass sich vor Ort eine Regelung finden ließe. »Wir sind seit vielen Jahren befreundet.«

Gleichgültig hob der Mann die Schultern und wiederholte: »Sie haben keinen Antrag gestellt.«

»Könnte ich den jetzt ausfüllen und einreichen?« Vielleicht hatte er ja Erbarmen mit ihr und ließ sie im Anschluss zu Reed. Selbstverständlich war ihr klar, dass die Prüfung einer Genehmigung normalerweise mehrere Tage in Anspruch nahm.

»Natürlich.«

Nachdem sie den Antrag ausgefüllt hatte, wartete sie geduldig. Sie checkte auf dem Smartphone ihre E-Mails, las einen Teil der Nachrichten und blickte zur Uhr. Immer wieder sah der Mann hinter der Glasscheibe zu ihr herüber. Sie fühlte sich beobachtet und wurde nervös. Die beklemmende Atmosphäre des Ortes verstärkte ihr ungutes Gefühl.

Als sie es nicht mehr auf dem harten Plastikstuhl aushielt, sprang sie auf und tigerte auf dem grauen Boden auf und ab. Das Telefon am Empfang klingelte unablässig. In der Zwischenzeit waren zwei weitere Personen erschienen und hatten sich zu Holly gesellt. Auch sie wollten jemanden besuchen. Eine Justizbeamtin stand inzwischen neben ihrem Kollegen hinter der Glastrennscheibe. Nun begannen sie zu zweit, Holly misstrauisch in Augenschein zu nehmen. Sie würde verrückt werden, wenn sie noch länger warten musste! Die beiden Besucher, die nach ihr gekommen waren, wurden aufgerufen und durch eine Sicherheitstür begleitet. Warum dauerte es bei ihr so lange? So freundlich wie möglich lächelte sie den Justizbeamten in dem abgetrennten Bereich entgegen.

»Entschuldigen Sie?« Holly wartete, bis sie die volle Aufmerksamkeit besaß. »Ich warte seit einer Stunde. Wann kann ich zu Mister Holloway?«

»Wenn Ihr Antrag genehmigt wurde. Wann das sein wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Rufen Sie am besten vorher an.«

Sie beugte sich vor, soweit es das Sicherheitsglas zuließ. »Wollen Sie andeuten, dass ich völlig umsonst gewartet habe? Das hätten Sie mir sagen können, als ich Ihnen den Antrag gegeben habe.«

»Ob es umsonst war, kann ich nicht sagen. Jedoch macht es wenig Sinn, hier zu sitzen und zu warten. Heute wird der Antrag definitiv nicht mehr geprüft und genehmigt werden.«

Holly holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Zwischen zusammengebissenen Zähnen presste sie ein »Gut zu wissen« hervor.

Der Justizbeamte tippte auf seiner Tastatur herum. »Auch im Hinblick auf den morgigen Gerichtstermin um zehn Uhr.«

Überrascht riss sie den Kopf herum.

»Gern geschehen«, fügte er hinzu.

 

***

 

Mit quietschenden Reifen parkte Holly ihren Wagen in der einzigen freien Lücke vor dem Polizeirevier. Noch immer konnte sie nicht fassen, dass Reeds Verhandlung bereits morgen stattfinden sollte. Kaum zwei Tage, nachdem Mary ermordet aufgefunden worden war und Reed der Hauptverdächtige zu sein schien. War es nur eine Kautionsverhandlung oder Anhörung auf Klageerhebung?

»Wo ist Aaron?«, fragte sie den diensthabenden Cop.

»Der hat Feierabend.«

Sie nickte und war auf dem Weg nach draußen, als sich ihr der Captain in den Weg stellte.

»Captain Sudano, wie geht es Ihnen?«, fragte sie höflich.

»Den Umständen entsprechend. Haben Sie kurz Zeit?« Obwohl es wie eine Frage klingen sollte, war der Befehlston unmissverständlich.

Holly sah das boshafte Grinsen von Morrison, als sie dem Captain zu seinem Büro folgte, das im hinteren Bereich mit Aussicht auf einen kargen Hinterhof lag, und die Tür hinter sich schloss. Sie ließ sich auf dem Besucherstuhl vor dem Schreibtisch des Captains nieder.

Der Mann war die Ruhe in Person. Er schrie nie, machte seine Angestellten unnötig herunter oder beschimpfte sie. Sie hatte ihn immer als freundlich erlebt. Doch heute blitzte etwas in seinen Augen auf, was sie zur Vorsicht mahnte.

»Miss Morgan«, er schüttelte den Kopf und legte die Fingerspitzen aneinander, »was treiben Sie nur für einen Unsinn?«

»Sir?«

Sein Blick durchbohrte sie. Schließlich seufzte er. »Ich nehme an, Sie sind nicht in offizieller Funktion für den Philly Courier bei uns.«

»Nein. Aber das können wir ändern«, meinte sie und zog einen Notizblock aus ihrer Tasche sowie ein Aufnahmegerät.

»Der Rekorder bleibt aus. Sie haben zehn Minuten Zeit, um mir Fragen zum Fall von Detective Holloway zu stellen, die ich Ihnen beantworte, soweit es mir möglich ist. Danach lassen Sie meine Leute bitte in Ruhe arbeiten. Sehen Sie das als inoffizielles Statement des Reviers, das in der Presse nichts zu suchen hat.«

Das war eine großzügige Geste. »Gegen wen hat Reed ermittelt und mit welcher Begründung?«

Der Captain hob die buschigen Brauen. »Woher wissen Sie davon? Hat Detective Holloway Ihnen das erzählt?«

»Reed hat nicht ein Wort darüber verloren, Officer Morrison hat sich verplappert.«

Sudano presste die Lippen aufeinander. »Das gesamte Revier war involviert. Es ging hauptsächlich um Korruption – Cops, die sich bestechen lassen und wegsehen, Informationen verkaufen und Anzeigen verschwinden lassen. In einer Sache muss ich Sie allerdings korrigieren. Richtigerweise müsste es heißen, gegen wen haben Detective Holloway und Special Agent Armstrong ermittelt.«

Holly runzelte die Stirn. »Und ich dachte, Mary wäre technische Analystin beim FBI gewesen. Jetzt wird mir klar, warum Reed im Bundesgefängnis sitzt – wegen des Mordes an einer FBI-Agentin.«

»Richtig.«

»Wie ist es zur Aufnahme der internen Ermittlungen gekommen?«

»Ich habe dem FBI den Hinweis gegeben, dass sich einige meiner Leute verdächtig verhalten und mir vieles falsch erscheint«, gab Captain Sudano ohne Scham zu. »Natürlich behandeln wir diesen Aspekt unseres Gesprächs besonders vertraulich, richtig, Miss Morgan?«

»Selbstverständlich, Captain. Wieso Reed? Hätte er nicht wegen Befangenheit von den Ermittlungen ausgeschlossen werden müssen? Immerhin waren Mary und er ein Paar.«

»Das war die Idee von Special Agent Armstrong, nachdem ich vier Monate mit mir gerungen habe. Sie schlug vor, einen Mann aus dem Revier damit zu beauftragen. Die Wahl fiel auf Reed, weil wir der Meinung waren, er wäre der Beste dafür. Er hat einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, einen scharfen Verstand, und das Wichtigste: Die Kollegen vertrauen ihm. Dadurch konnte er viel besser an Informationen gelangen.«

»Das leuchtet mir ein.«

»Und von Befangenheit kann keine Rede sein. Special Agent Armstrong war absolut integer. Detective Holloway war unsere einzige Option.«

»Ist er denn an Informationen gekommen, Captain?«

»Nicht, soweit mir bekannt ist.« Sudano sah nachdenklich aus dem Fenster. »Wenn ich geahnt hätte, dass etwas derart Schreckliches passiert …«

»Glauben Sie, dass Reed den Mord begangen hat?«, wollte sie leise wissen.

Er wartete einen Moment, bevor er zu einer Antwort ansetzte. »Mein Bauchgefühl sagt mir, er war es nicht. Doch führen wir uns ein paar Aspekte des Falls vor Augen: Detective Holloway war am Tatort, auf seiner Kleidung und an den Händen befand sich das Blut des Opfers, es gab keine Spuren, die auf einen Einbruch hindeuteten, und mit rund fünfzehn Messerstichen in den oberen und unteren Bauchbereich war der Mord besonders grausam, was auf eine Beziehungstat schließen lässt.«

Holly ließ das Gehörte sacken. Sollte Reed diese schändliche Tat tatsächlich begangen haben? Sie wollte es nicht glauben, ein leiser Zweifel blieb jedoch bestehen. »Wenn Sie jemanden benennen sollten, wer vom Revier wäre korrupt?«

»Ich kann leider niemanden ausschließen außer mich selbst.«

»Danke für Ihre ehrlichen Worte, Captain Sudano.« Holly stand auf und wandte sich zur Tür.

»Miss Morgan?« Sie drehte sich zu dem Mann um. »Seien Sie vorsichtig. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie einige Menschen mit Ihren selbstständigen Ermittlungen aufgeschreckt haben. Halten Sie sich lieber zurück.«

»Danke, Sir.« Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. »Für morgen früh ist anscheinend eine Verhandlung für Reed angesetzt. Wussten Sie davon?«

Er wirkte ehrlich verwundert. »Nein. Das erscheint mir ungewöhnlich und ziemlich kurzfristig.«

Holly nickte. Der Gedanke war ihr auch schon gekommen. »Auf Wiedersehen.«