Leseprobe It has to be you

Zweites Kapitel

»Dieses Frauenzimmer ist doch wirklich eine echte Landplage.« Harriet stand auf und lief an Mrs. Stones Seite. Dort ließ sie sich neben der ausgestreckt daliegenden Haushälterin auf die Knie nieder. »Zum Glück hat sie meist ihr Riechsalz bei sich. Ach, da ist es ja.«

Harriet zog das winzige Fläschchen aus einer voluminösen Tasche von Mrs. Stones grauem Gewand. Sie hielt zu Gideon aufblickend inne, ehe sie der Frau das Riechsalz unter die Nase hielt. »Vielleicht wäre es besser, Sie stünden nicht direkt neben ihr, wenn sie zu sich kommt. Diesmal war es offensichtlich Ihr Anblick, der sie ohnmächtig werden ließ.«

Gideon starrte voller Ingrimm auf die Haushälterin hinunter. »Sie haben zweifellos recht. Ich werde mich empfehlen, Miss Pomeroy. Aber ehe ich gehe, wiederhole ich, was ich vorhin gesagt habe: Sie lassen sich in der Nähe der Klippen nicht blicken, bis ich die Sache mit den Dieben in Ordnung gebracht habe. Ist das klar?«

»Ganz klar«, sagte Harriet ungeduldig. »Aber nicht sehr praktisch. Ich muss Sie in die Höhlen begleiten, um Ihnen die spezielle Höhle zu zeigen, die als Lagerraum verwendet wird. Dass Sie sie auf eigene Faust entdecken, ist höchst unwahrscheinlich, auch wenn Sie jahrelang danach suchen sollten. Ich selbst bin erst vor Kurzem darauf gestoßen.«

»Miss Pomeroy …«

Sie sah das entschlossene Aufblitzen seiner braunen Augen und versuchte ihr gewinnendstes Lächeln, um gegen seinen Blick aufzukommen. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie sie früher mit ihrem Vater umgegangen war, und dies wiederum machte ihr bewusst, wie lange es her war, seitdem sie es im Haus mit einem Mann zu tun gehabt hatte. Männer können so stur sein, dachte sie. Und bei diesem Exemplar der Gattung schien die Anlage zur Sturheit noch ausgeprägter zu sein als bei den meisten anderen.

»So nehmen Sie doch Vernunft an, Sir«, sagte Harriet nun in beschwichtigendem Ton. »Tagsüber ist es am Strand völlig sicher. Die Diebe kommen und gehen nur in der Nacht, und das nur ein-, zweimal im Monat. Die Gezeiten, Sie wissen schon. Es ist also absolut nichts dabei, wenn ich Ihnen morgen die Höhle zeige.«

»Sie könnten mir einen Plan zeichnen«, gab Gideon kühl zurück.

Allmählich regte sich Ärger in Harriet. Glaubt er denn wirklich, ich würde ein Unternehmen dieser Tragweite ihm allein überlassen?, dachte sie. Immerhin standen ihre kostbaren Fossilien auf dem Spiel.

»Ich kann zwar ganz gut zeichnen, aber ich fürchte, dass es um meinen Orientierungssinn schlecht bestellt ist«, zog sie sich aus der Affäre. »Und jetzt zu meinem Plan: Ich werde morgen meinen gewohnten Vormittagsspaziergang entlang des Ufers unternehmen. Sie können es doch sicher einrichten, zur gleichen Zeit hinzukommen, oder?«

»Das ist nicht der Punkt.«

»Wir werden einander so zufällig begegnen, dass ein eventueller Beobachter sich nichts dabei denken wird. Ich werde Ihnen den Gang zeigen, der zu der von den Dieben benutzten Höhle führt. Dann können wir besprechen, wie man den Halunken am besten eine Falle stellt. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss nach Mrs. Stone sehen.« »Verdammtes Frauenzimmer!« Gideons schwarze Brauen zogen sich finster zusammen. »Auch wenn Sie es sich zur Gewohnheit gemacht haben, alle herumzukommandieren, so tun Sie gut daran, es mit mir nicht zu versuchen.«

Mrs. Stone stöhnte in diesem Moment wie bestellt auf. »Oooh … oooh … du lieber Himmel… wie elend mir ist.« Ihre Lider zuckten.

Harriet, die ihr den Riechsalzflakon wieder unter die Nase hielt, scheuchte zugleich den Viscount mit einer Handbewegung zur Tür. »Bitte, gehen Sie, Mylord«, sagte sie über die Schulter hinweg. »Ich muss leider darauf bestehen, Mrs. Stone bekommt sicher einen hysterischen Anfall, wenn sie zu sich kommt und sieht, dass Sie noch hier sind. Wir treffen uns morgen um zehn Uhr am Strand. Glauben Sie mir, es ist für Sie die einzige Möglichkeit, in die richtige Höhle zu gelangen.«

Gideon zögerte, sichtlich verärgert, dass er gezwungen war, sich in das Unvermeidliche zu fügen. Er kniff die braunen Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Nun gut. Morgen um zehn am Strand. Aber damit endet Ihr Engagement in dieser Sache, Miss Pomeroy. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

»Sehr klar, Mylord.«

Aus seinem abschätzenden Seitenblick sprach tiefer Argwohn. Vielleicht war mein beruhigendes Lächeln nicht ganz überzeugend, dachte Harriet, als er an ihr vorüber aus dem Arbeitszimmer hinaus in den Flur ging.

»Guten Tag, Miss Pomeroy.« Damit setzte er entschlossen den Hut auf.

»Guten Tag, Mylord«, rief sie ihm nach. »Vielen Dank, dass Sie so rasch auf meinen Brief reagiert haben. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie sich dieser Angelegenheit annehmen wollen. Sie werden Ihre Sache sehr gut machen.«

»Ich bin entzückt, dass Sie in mir einen passenden Kandidaten für jene Position gefunden haben, die es offensichtlich zu besetzen gilt«, knurrte er. »Wir werden sehen, wie weit Ihre Wertschätzung geht, wenn ich meine Aufgabe beendet habe und meinen Lohn fordere.«

Sein eiskalter Hohn ließ Harriet zusammenzucken. Nachdenklich blickte sie ihm nach, als er durch die offene Tür hinaus in den kalten Märzsonnenschein trat, ohne sich ein einziges Mal nach ihr umzudrehen.

Harriet konnte einen kurzen Blick auf einen riesigen rötlichbraunen Hengst werfen, der draußen wartete, ein gewaltiges Ross, in den Dimensionen seinem Begleiter nicht unähnlich, mit massiven Hufen, ausgeprägten Muskeln und eigensinniger Nasenwölbung. Dieses Pferd, das nichts Verfeinertes oder Elegantes an sich hatte, wirkte so stark und robust wie ein Schlachtross, imstande, einen Ritter in voller Rüstung in den Kampf zu tragen.

Als der Viscount den Klippenrand entlangsprengte, lauschte Harriet, die noch immer neben der ausgestreckt daliegenden Haushälterin kniete, dem Hufschlag nach. Wie angenehm geräumig der Flur nun wieder wirkte! St. Justins Anwesenheit hatte den Raum spürbar verkleinert.

Harriet registrierte mit leisem Erschrecken, wie intensiv sich St. Justins narbige, wüste Züge in ihrem Gedächtnis eingeprägt hatten. Einem Mann wie ihm war sie noch nie begegnet.

Er war unglaublich groß. Wie sein Pferd war auch er mächtig und solide gebaut und mit breiten, muskulösen Schultern und Schenkeln ausgestattet. Selbst Hände und Füße waren von ungewöhnlichem Format. Harriet fragte sich unwillkürlich, ob St. Justins Handschuhmacher und Schuster für das zusätzliche Material, das zur Anfertigung jedes einzelnen Paares notwendig war, einen Aufpreis berechneten.

Alles an St. Justin, der etwa Mitte dreißig sein mochte, war hart, stark und ungestüm.

Sein Antlitz erinnerte Harriet an den prächtigen Löwen, den sie vor drei Jahren in Mr. Peterhams Menagerie gesehen hatte. Sogar seine Augen riefen die Erinnerung an das wilde Tier wach. Was für wundervolle Augen, dachte Harriet, von goldbraunem Ton und von bezwingender Wachsamkeit und kühler Intelligenz.

St. Justins pechschwarzes Haar, seine breiten Wangenknochen, die kühne Nase und das markante Kinn trugen ebenfalls dazu bei, ihn löwenhaft aussehen zu lassen. Die Narbe erhöhte noch den Eindruck eines kraftstrotzenden Raubtieres, eines Geschöpfes, dem Gewalt nicht fremd war.

Harriet hätte zu gern gewusst, wo und wie St. Justin sich die bösartig aussehende Narbe zugezogen hatte, die sich in Längsrichtung über die ganze Wange bis zum Kinn hinzog, und aussah, als wäre sie ihm schon vor einigen Jahren zugefügt worden. Er konnte von Glück reden, dass er dabei nicht sein Auge verloren hatte.

Nun rührte sich Mrs. Stone wieder und stöhnte auf. Harriet zwang sich, ihre Aufmerksamkeit auf das vorliegende Problem zu konzentrieren. »Können Sie mich hören, Mrs. Stone?«, fragte sie, das Fläschchen unter der Nase der Frau schwenkend.

»Was? Ja, ja, ich kann Sie hören.« Mrs. Stone schlug die Augen auf und blickte in Harriets Gesicht. Nur mit Mühe brachte sie ein Stirnrunzeln zustande. »Was um alles in der Welt …? Du lieber Gott … jetzt weiß ich wieder alles. Er war hier, nicht wahr? Es war also kein Albtraum. Das Ungeheuer war hier. Wie es leibt und lebt.«

»Beruhigen Sie sich, Mrs. Stone. Er ist schon gegangen.«

Mrs. Stones Augen weiteten sich vor neuem Entsetzen. Sie umklammerte Harriets Handgelenk mit ihren knochigen Fingern fest wie ein Schraubstock. »Sind Sie wohlauf, Miss Harriet? Hat diese elende Ausgeburt der Hölle Sie etwa angerührt? Ich habe gesehen, dass er sich bedrohlich wie eine gewaltige, grässliche Giftschlange vor Ihnen aufrichtete.«

Harriet zügelte ihren Unmut. »Mrs. Stone, es liegt kein Grund zur Besorgnis vor. Er hat nur einen kurzen Augenblick seine Hand unter mein Kinn gelegt.«

»Der Herr schütze uns.« Mrs. Stones Lider senkten sich bebend.

In diesem Moment hörte Harriet Schritte auf den Eingangsstufen, gleich darauf wurde die Tür geöffnet, die der Viscount so fest hinter sich geschlossen hatte. Im Eingang erschienen Euphemia Pomeroy und Harriets zauberhafte Schwester Felicity.

Felicity galt in Upper Biddleton und Umgebung mit gutem Grund als sensationelle Schönheit, denn zu ihrem außerordentlichen Liebreiz gesellte sich ein angeborenes Gefühl für Stil und Eleganz, das auch unter den finanziell beengten Verhältnissen, in denen die Schwestern Pomeroy lebten, zur Geltung kam.

In ihrem rüschenbesetzten, grün-weiß gestreiften Laufkleid bot Felicity heute ein Bild bezaubernder jugendlicher Frische. Ein dunkelgrüner Umhang und ein grüner, federngeschmückter Hut ergänzten ihre Aufmachung. Sie hatte hellgrüne Augen und goldbraunes Haar, beides ein Erbteil ihrer Mutter. Der Schnitt ihres Kleides unterstrich einen weiteren Pluspunkt, den sie ihrer Mutter zu verdanken hatte, nämlich einen köstlich vollen Busen.

Euphemia Pomeroy Ashecombe, die als Erste eintrat, streifte ihre Handschuhe ab. Kurz vor dem Tod Reverend Pomeroys, ihres Bruders, war sie zur Witwe geworden. Sie hatte nicht lange gezögert und sich bei ihren Nichten häuslich eingerichtet. Die einst gefeierte Schönheit, die nun schon auf die Fünfzig zuging, war nach Harriets Ansicht noch immer sehr ansehnlich.

Als Tante Effie ihren Hut abnahm, wurde das Silber in ihrem einst dunklen Haar sichtbar. Das auffallende Türkisblau ihrer Augen stammte wie jenes Harriets von den Pomeroys.

Als Effies Blick auf die Haushälterin fiel, erschrak sie. »O Gott, nein, nicht schon wieder.« Felicity, die hinter ihrer Tante eintrat und die Tür schloss, sah auf den ersten Blick, was los war. »O Himmel … wieder eine Ohnmacht. Was ist diesmal die Ursache? Hoffentlich etwas Interessanteres als letztes Mal. Damals, glaube ich, genügte die Neuigkeit, dass Lady Barkers Älteste sich einen reichen Kaufmann als Ehemann geangelt hat, um Mrs. Stone niederzustrecken.«

»Nun ja, er war doch nur ein Händler«, rief Tante Effie ihr in Erinnerung. »Und du weißt sehr gut, dass Mrs. Stone große Stücke auf ein ausgeprägtes Standesbewusstsein hält. Annabelle Barker kommt aus einer sehr guten Familie. Mrs. Stone hatte also nicht unrecht, als sie ihrem Gefühl Luft machte, das Mädchen hätte etwas Besseres verdient als einen Krämer.«

»Wenn du mich fragst, hat Annabelle gar nichts Besseres tun können«, erklärte die praktisch veranlagte Felicity. »Ihr Mann betet sie an und stellt ihr unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Sie bewohnen ein vornehmes Haus in London, besitzen zwei Kutschen und Gott weiß wie viele Dienstboten. Annabelle hat fürs Leben ausgesorgt.«

Harriet konnte sich ein verstohlenes Lächeln nicht verkneifen, während sie Mrs. Stone wieder das Riechsalzfläschchen unter die Nase hielt. »Und es heißt außerdem, dass Annabelle in ihren reichen Kaufmann glühend verliebt ist. Felicity, ich gebe dir recht, sie hat es nicht schlecht getroffen. Aber du kannst nicht erwarten, dass Tante Effie und Mrs. Stone unseren Standpunkt teilen.«

»Diese Verbindung kann nichts Gutes bringen«, prophezeite Tante Effie. »Es macht sich nie bezahlt, wenn man zulässt, dass ein junges Mädchen seinem Herzen folgt. Schon gar nicht, wenn es damit die gesellschaftliche Stufenleiter hinunterfällt.«

»Das hast du uns schon oft gesagt, Tante Effie.« Felicity sah Mrs. Stone fragend an. »Also, was war es diesmal?«

Ehe Harriet antworten konnte, blinzelte Mrs. Stone und setzte sich unter schmerzlichen Mühen auf. »Das Ungeheuer von Blackthorne Hall ist zurückgekehrt«, stimmte sie ihr Klagelied an.

»Du liebe Güte«, äußerte Effie erstaunt. »Was redet sie da?«

»Der Dämon kehrt an den Schauplatz seines Verbrechens zurück«, fuhr Mrs. Stone fort.

»Wer um alles in der Welt ist das Ungeheuer von Blackthorne Hall?«, wollte Felicity wissen.

»St. Justin.« Mrs. Stone ließ ein Stöhnen hören. »Wie kann er es wagen? Wie kann er es wagen, zurückzukommen? Und wie kann er es wagen, Miss Harriet zu bedrohen?«

Felicity sah Harriet mit großen Augen an. Ihr Interesse hätte nicht größer sein können. »St. Justin war hier?«

»Ja«, gestand Harriet.

Tante Effie klappte der Mund vor Überraschung herunter. »Der Viscount war hier? Hier im Haus?«

»So ist es«, sagte Harriet. »Tante Effie, wenn du und Felicity eure Neugierde liebenswürdigerweise zügeln würdet, könnten wir vielleicht darangehen, Mrs. Stone wieder auf die Beine zu helfen.«

»Harriet, das will ich nicht glauben«, gab Tante Effie fassungslos von sich. »Willst du damit sagen, dass der größte Gutsbesitzer der Gegend, ein echter Viscount, der einmal den Grafentitel seines Vaters erben wird, uns besucht hat und von dir in diesem Aufzug empfangen wurde? In einer schmutzigen alten Schürze und dem hässlichen Kleid, das man schon vor Monaten frisch hätte färben müssen?«

»Er ist nur zufällig vorbeigekommen«, erklärte Harriet, um einen leichten Ton bemüht.

»Nur zufällig vorbeigekommen?« Felicity wollte sich ausschütten vor Lachen. »Also wirklich, Harriet, wenn ein Viscount oder seinesgleichen unser bescheidenes kleines Haus mit seinem Besuch beehrt, ist es nie zufällig.«

»Warum nicht?« Harriet war sichtlich verärgert. »Blackthorne Hall, sein Vaterhaus, liegt nicht weit von hier.«

»In den ganzen fünf Jahren, die wir hier wohnen, hat sich Viscount St. Justin nie bemüht, nach Upper Biddleton zu kommen, geschweige denn unserem Haus einen Besuch abzustatten. Papa hat gesagt, dass er St. Justins Vater, dem Earl, persönlich nur ein einziges Mal begegnet ist. Das war in London, als Hardcastle ihn zum Pfarrherrn ernannte und ihn mit dieser Pfarrei betraute.«

»Felicity, mein Wort darauf, St. Justin war hier. Es war ein ganz gewöhnlicher Besuch«, sagte Harriet mit Nachdruck. »Mir erscheint es ganz natürlich, dass er die Familienbesitzungen in dieser Gegend besucht.«

»Im Dorf heißt es, dass St. Justin nie nach Upper Biddleton kommt. Dass er den Ort hasst.« Tante Effie fächelte sich mit der Hand Kühlung zu. »Du lieber Himmel, ich glaube wirklich, mir wird auch ein wenig schwindlig. Ein Viscount hier im Haus. Man stelle sich das vor.«

»An Ihrer Stelle, Mrs. Ashecombe, würde ich mich nicht so geehrt fühlen.« Mrs. Stone sah Effie mit einem düsteren Blick, quasi von Frau zu Frau, an. »Er hat Hand an Miss Harriet gelegt, das habe ich selbst gesehen. Dem lieben Gott sei Dank, dass ich noch zur rechten Zeit eintrat.«

»Zur rechten Zeit wofür?« Felicitys Interesse meldete sich wieder.

»Miss Felicity, das geht Sie nichts an. Sie sind zu jung, um über dergleichen Dinge Bescheid zu wissen. Seien Sie bloß froh, dass ich diesmal nicht zu spät kam.«

»Zu spät wofür?«, fragte Felicity.

Harriet seufzte.

Tante Effie sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Harriet, Liebes, was hat sich zugetragen? Es ist doch nicht etwa der Tee ausgegangen oder etwas ähnlich Schreckliches?«

»Nein, Tee war vorhanden, obwohl ich gar nicht daran dachte, ihm eine Tasse anzubieten«, gab Harriet zu.

»Du hast ihm keinen Tee angeboten? Ein Viscount stattet diesem Haus einen Besuch ab, und du hast ihm keine Erfrischung angeboten?« Tante Effies Miene verriet tiefste Fassungslosigkeit. »Harriet, was soll ich nur mit dir machen? Hast du denn gar keine Manieren?«

»Ich möchte wissen, was passiert ist«, unterbrach Felicity sie rasch. »Was heißt das, dass der Mann Hand an dich gelegt hat, Harriet?«

»Nichts ist passiert, und es wäre auch weiterhin nichts passiert«, fuhr Harriet sie an. »Der Mann hat nicht Hand an mich gelegt.« Zu spät fiel ihr ein, dass ihr Kinn auf der Faust des Viscounts gelegen hatte. Sie sah den grimmigen Blick seiner goldbraunen Augen vor sich. »Nun, er mag Hand an mich gelegt haben, aber nur kurz. Nicht der Rede wert, mein Wort darauf.«

»Harriet.« Felicity war nun völlig gebannt. »Erzähle uns alles.«

Es war Mrs. Stone, die antwortete. »Unverschämt wie der Teufel, ja, das war er.« Ihre abgearbeiteten Hände verkrampften sich in die Falten ihrer Schürze, in ihren Augen blitzte ehrliche Entrüstung. »Der glaubt wohl, er könne sich alles erlauben. Dieses Ungeheuer kennt keine Scham.« Sie schniefte indigniert.

Harriet sah die Haushälterin an. »Mrs. Stone, bitte keine Tränen.«

»Tut mir leid, Miss Harriet.« Mrs. Stone, die wieder ein leises Schniefen hören ließ, wischte sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. »Aber das Wiedersehen nach so vielen Jahren ließ alle schrecklichen Erinnerungen wieder aufleben.«

»Welche Erinnerungen?«, fragte Felicity begierig.

»Erinnerungen an meine liebreizende kleine Miss Deirdre.« Mrs. Stone betupfte ihre Augen.

»Wer war Deirdre?«, wollte Tante Effie wissen. »Ihre Tochter?«

Mrs. Stone verschluckte ihre Tränen. »Nein, sie war nicht mit mir verwandt. Sie war viel zu vornehm, um mit so jemandem wie mir verwandt zu sein. Sie war Reverend Rushtons einziges Kind. Ich habe sie aufgezogen.«

»Rushton.« Tante Effie überlegte hastig. »Ach ja, der ehemalige Pfarrherr. Der Vorgänger meines lieben Bruders.«

Mrs. Stone nickte. Ihr schmaler Mund zuckte. »Miss Deirdre war das Einzige, was dem Reverend nach dem Tod ihrer teuren Mama geblieben war. Sie hat viel Freude und Sonnenschein in dieses Haus gebracht, bis dieses Ungeheuer ihr zum Untergang wurde.«

»Ungeheuer?« Felicitys Miene glich jener, die sie zur Schau trug, wenn sie sich der Lektüre von Schauerromanen, ihrer Lieblingsbeschäftigung, hingab. »Sie meinen Viscount St. Justin? Er war Deirdre Rushtons Untergang? Wie das?«

»Dieses lüsterne Ungeheuer«, murmelte Mrs. Stone und betupfte abermals ihre Augen.

»Allmächtiger.« Tante Effie war außer sich. »Der Viscount hat das Mädchen ruiniert? Also wirklich, Mrs. Stone, das ist unglaublich. Der Mann ist schließlich ein Gentleman, Erbe eines Grafentitels. Und sie war die Tochter des Pfarrers.«

»Er war kein Gentleman«, lautete Mrs. Stones Feststellung.

Harriets Geduld war am Ende. Barsch fuhr sie ihre Haushälterin an: »Mrs. Stone, für heute reichen uns Ihre dramatischen Enthüllungen. Sie dürfen in Ihr Küchenrevier zurückkehren.«

Mrs. Stones wässrige Augen blickten sie gequält an. »Es ist wahr, Miss Harriet. Dieser Mann hat meine kleine Miss Deirdre getötet, so sicher, als hätte er die Pistole selbst abgedrückt.«

»Pistole?« Harriet starrte sie an.

Einen Augenblick herrschte schockiertes Schweigen im Flur. Effie war sprachlos. Sogar Felicity brachte keine weitere Frage über die Lippen.

Harriets Mund war wie ausgedörrt. »Mrs. Stone«, setzte sie schließlich behutsam an, »wollen Sie damit sagen, dass Viscount St. Justin eine ehemalige Bewohnerin dieses Hauses getötet hat? Wenn ja, dann muss ich leider sagen, dass Sie hier nicht weiter arbeiten können, weil Sie so schreckliche Dinge behaupten.«

»Aber es ist die Wahrheit, Miss Harriet, das schwöre ich bei meinem Leben. Ja, alle nannten es Selbstmord. Gott schenke ihrer Seele Frieden, aber ich weiß, dass er sie dazu getrieben hat. Das Ungeheuer von Blackthorne Hall ist so schuldig wie die Sünde, wie jedermann im Dorf weiß.«

»Guter Gott«, hauchte Felicity.

»Das muss ein Irrtum sein«, flüsterte Tante Effie.

Aber Harriet, die in Mrs. Stones Augen sah, erkannte, dass die Frau die Wahrheit sprach, zumindest soweit sie davon Kenntnis hatte. Harriet wurde übel. »Wie um alles in der Welt hat St. Justin es geschafft, Deirdre Rushton in den Selbstmord zu treiben?«

»Sie waren verlobt«, sagte Mrs. Stone leise. »Das war, ehe er seinen Titel bekam. Gideon Westbrooks älterer Bruder Randal war noch am Leben, müssen Sie wissen. Damals war natürlich Randal der Erbe des alten Earls. Ein so feiner Herr … ein echter und vornehmer Erbe des Earls of Hardcastle. Ein Mann, der es wert war, in die Fußstapfen Seiner Lordschaft zu treten.«

»Anders als das Ungeheuer?«, fragte Felicity.

Mrs. Stone warf ihr einen merkwürdigen Blick zu und fuhr im Flüsterton fort: »Man munkelt sogar, Gideon Westbrook habe seinen eigenen Bruder getötet, um Titel und Besitz zu erben.«

»Faszinierend«, murmelte Felicity.

»Unglaublich.« Tante Effie war wie betäubt.

»Wenn Sie meine Meinung hören wollen … ich halte es für Humbug«, verkündete Harriet. Aber innerlich spürte sie, wie sich etwas Kaltes in ihrer Magengrube zusammenkrampfte. Mrs. Stone glaubte jedes Wort, das sie sagte. Die Frau hatte einen Hang zur Dramatik, aber Harriet kannte die Haushälterin lange genug, um sicher zu sein, dass sie im Grunde eine ehrliche Haut war.

»Es ist die reine Wahrheit«, sagte Mrs. Stone voll Ingrimm. »Mein Ehrenwort.«

»Weiter, Mrs. Stone. Sagen Sie uns, wie dieses Ungeheuer – ich meine, der Viscount – die Dame in den Selbstmord trieb«, drängte Felicity.

Harriet gab es auf, ihre Haushälterin am Erzählen zu hindern, und richtete sich auf. Es war immer besser, die Wahrheit zu kennen, tröstete sie sich. »Ja, Mrs. Stone, da Sie uns schon so viel verraten haben, können Sie uns gleich den Rest anvertrauen. Also, was ist Deirdre Rushton zugestoßen?«

Mrs. Stone ballte die Hände zu Fäusten. »Er hat ihr Gewalt angetan. Hat sie entehrt, ja, das hat er, diese Bestie. Hat sie seinen Gelüsten unterworfen. Aber anstatt nachher das Richtige zu tun und sie zu heiraten, hat er sie weggeworfen. Das war kein Geheimnis. Fragen Sie hier in der Gegend, wen Sie wollen.«

Tante Effie und Felicity waren vor Entsetzen verstummt.

»O mein Gott.« Harriet ließ sich unvermittelt auf eine schmale Polsterbank fallen. Sie spürte, dass sie die Hände zusammenkrampfte, bis es schmerzte. Dann zwang sie sich, ruhig durchzuatmen. »Sind Sie sicher, Mrs. Stone? Er hat mir nicht danach ausgesehen … Mir … mir hat er eigentlich gefallen.«

»Woher willst du wissen, wie ein Mann beschaffen sein muss, der so etwas tut?«, fragte Tante Effie mit unwiderlegbarer Logik. »Du hattest nie Gelegenheit, einen dieser Sorte kennenzulernen. Du hast ja nicht einmal eine Saison in London mitgemacht, weil mein Bruder, Gott hab ihn selig, für ein Debüt nicht genug Geld hinterließ. Wenn du in London gewesen wärst und mehr von der Welt wüsstest, dann hättest du auch mitbekommen, dass man diese Sorte Mann nicht immer auf den ersten Blick erkennt.«

»Tante Effie, du magst ganz recht haben.« Harriet musste zugeben, dass ihre Tante die reine Wahrheit sagte. Sie wusste tatsächlich nichts von jener Sorte Männer, die unschuldige junge Frauen entehrten und sie dann wegwarfen. »Natürlich hört man so mancherlei, aber das ist doch nicht dasselbe, als wenn man selbst Erfahrungen mit diesem Männertyp gemacht hat.«

»Du kannst dir doch nicht ernsthaft solche Erfahrungen wünschen«, stieß Felicity hervor. Sie wandte sich an Mrs. Stone. »Bitte, fahren Sie fort.«

»Ja«, sagte Harriet. »Erzählen Sie uns alles, Mrs. Stone.«

Mrs. Stone schob ihr Kinn vor und sah Harriet und Felicity mit feuchten Augen an. »Wie ich schon sagte, war Gideon Westbrook der zweite Sohn des Earls of Hardcastle.«

»Damals war er noch nicht Viscount«, murmelte Felicity.

»Natürlich nicht«, warf Tante Effie mit ihrer üblichen Autorität in diesen Dingen ein. »Als zweiter Sohn führte er damals keinen Titel. Sein älterer Bruder war Viscount.«

»Ich weiß, Tante Effie. Fahren Sie fort, Mrs. Stone.«

»Dieses Ungeheuer begehrte meine reizende Miss Deirdre von Anfang an … seit er sie bei ihrem Debüt in London kennengelernt hatte. Reverend Rushton hatte seinen letzten Penny zusammengekratzt, um ihr eine Saison zu ermöglichen, und Westbrook war der erste Bewerber, der sich ihr anbot.«

»Deshalb entschied Rushton wohl, es sei besser zuzugreifen?«, fragte Harriet.

Mrs. Stone funkelte sie an. »Der Reverend sagte zu Miss Deirdre, sie müsse den Antrag annehmen. Westbrook hatte zwar keinen Titel, dafür besaß er aber Geld und kam aus einer vornehmen Familie. Er sei eine blendende Partie, sagte der Reverend.«

»Alles in allem sah es wohl so aus«, murmelte Effie.

»Mit anderen Worten, sie wollte ihn seines Geldes wegen nehmen, und weil sie in eine vornehme Familie eingeheiratet hätte«, folgerte Harriet. »Meine Miss Deirdre war immer eine gute und gehorsame Tochter«, sagte Mrs. Stone wehmütig. »Sie gab den Wünschen ihres Papas nach, obwohl Westbrook nur ein zweiter Sohn war und dazu hässlich wie der Teufel. Sie hätte es noch besser treffen können, aber ihr Vater hatte Angst, länger zu warten. Er konnte es sich nicht leisten, sie über längere Zeit in London auszuhalten.«

Harriet blickte unwillig auf. »Mir ist er überhaupt nicht hässlich vorgekommen.«

Mrs. Stone schnitt eine Grimasse. »Ein großer, ungeschlachter Kerl. Und mit der schrecklichen Narbe sieht er aus wie ein Dämon aus der finstersten Hölle. So hat er immer schon ausgesehen, schon ehe sein Gesicht vollends ruiniert wurde. Sein Anblick jagte meiner armen Miss Deirdre Schauer über den Rücken. Aber sie kam ihrer Verpflichtung nach.«

»Und noch ein bisschen mehr, so wie es sich anhört«, murmelte Harriet.

Tante Effie schüttelte traurig den Kopf. »Diese jungen Dinger, die ihrem Herzen anstatt ihrem Kopf folgen. Welche Torheit. Wann werden sie je begreifen, dass sie, wollen sie einem schlimmen Schicksal entgehen, ihren Verstand und ihre Jungfräulichkeit bewahren müssen, bis sie sicher im Hafen der Ehe gelandet sind?«

»Miss Deirdre war ein gutes Kind«, erklärte die getreue Mrs. Stone. »Er hat sie entehrt, sage ich Ihnen. Sie war ein Unschuldslamm, das nichts von fleischlichen Dingen wusste, und er hat dies ausgenutzt. Und schließlich kam es zur Verlobung. Sie baute darauf, er würde das Richtige tun, als sie entdeckte … als sie das mit dem Kind entdeckte.«

»Zweifellos glaubte sie, ein echter Gentleman würde eine Verlobung nie lösen«, sagte Harriet nachdenklich.

»Nun, ein echter Gentleman hätte sie nicht gelöst«, erklärte Tante Effie spitz. »Aber eine Frau kann sich in einer solchen Situation nicht immer auf das Ehrgefühl eines Mannes verlassen. Deshalb muss sie darauf achten, erst gar nicht kompromittiert zu werden. Wenn wir dich nach London bringen, Felicity, tust du gut daran, dir diese traurige Geschichte vor Augen zu halten.«

»Ja, Tante Effie.«

Felicity sah Harriet mit verzweifelt verdrehten Augen an. Und Harriet verkniff sich ein mattes Lächeln. Es war nicht das erste Mal, dass sie und ihre Schwester die gut gemeinten Ratschläge ihrer Tante zu hören bekamen.

Was Fragen der Etikette und des Anstands anging, hielt Effie sich für die oberste Instanz im Pfarrhaus und hatte sich als Ratgeberin und Anstandsdame fest etabliert, obwohl Harriet ihr schon oft zu verstehen gegeben hatte, dass es in Upper Biddleton nichts gab, was den Anstand bedrohte.

»Wie gesagt, St. Justin ist kein Gentleman. Er ist eine grausame, herzlose, lüsterne Bestie.« Mrs. Stone fuhr sich mit ihrem knochigen roten Handrücken über die Augen. »Kurz bevor Miss Deirdre ihre Schwangerschaft entdeckte, kam der ältere Sohn des Earls ums Leben, als er die Klippen entlangritt. Ganz in der Nähe wurde er abgeworfen, fiel über den Klippenrand und stürzte in die Tiefe. Hat sich den Hals gebrochen. Ein Unfall, hieß es damals. Aber später tauchten Zweifel auf, als man sah, wie der neue Viscount Miss Deirdre behandelte.«

»Wie schrecklich.« Felicity hörte mit großen Augen zu.

»Als Gideon Westbrook wusste, dass er den Titel erben würde, löste er die Verlobung mit Miss Deirdre.«

»Ach, wirklich?« Felicitys Spannung wuchs.

Mrs. Stone nickte bekümmert. »Hat sie fallen gelassen, obwohl er wusste, dass sie sein Kind trug. Sagte zu ihr, dass er nun Viscount St. Justin sei und eines Tages Earl of Hardcastle sein würde und etwas Besseres bekommen könnte als die Tochter eines armen Geistlichen.«

»Du liebe Güte.« Harriet dachte an die berechnende Intelligenz in Gideons braunen Augen. Wenn sie es sich recht überlegte, musste sie sich eingestehen, dass man ihn sich schwer als einen Mann vorstellen konnte, der sich von sanfteren Gefühlen lenken ließ, zumindest nicht, wenn er andere Ziele vor Augen hatte. Er hatte durchaus etwas Unnachgiebiges an sich. Sie schauderte. »Sie sagen, er habe gewusst, dass Deirdre guter Hoffnung war?«

»Ja, verdammt sei seine Seele. Er hat es gewusst.« Mrs. Stones Hände ballten sich zu Fäusten und öffneten sich wieder. »An dem Abend, nachdem sie gemerkt hatte, dass sie schwanger war, blieb ich mit ihr auf. Ich hielt sie in den Armen, als sie die ganze Nacht weinte, und am Morgen, da ging sie zu ihm. Und als sie aus dem großen Haus zurückkam, konnte ich es ihr vom Gesicht ablesen, dass er sie verstoßen hatte.« Tränen traten in Mrs. Stones Augen und liefen ihr über die flächigen Wangen.

»Was geschah dann?«, fragte Felicity zaghaft.

»Miss Deirdre ging ins Arbeitszimmer, nahm die Pistole ihres Vaters von der Wand und erschoss sich. Reverend Rushton, der Ärmste, hat sie gefunden.«

»Das arme, unglückliche Kind«, flüsterte Tante Effie. »Wenn sie nur vorsichtiger gewesen wäre. Wenn sie nur an ihren Ruf gedacht und nicht einem Mann ihr Vertrauen geschenkt hätte. Du wirst in London hoffentlich an diese Geschichte denken, nicht wahr, Felicity, mein Liebes?«

»Ja, Tante Effie, ich werde sie nicht vergessen.« Felicity war von der schrecklichen Geschichte ehrlich beeindruckt.

»Mein Gott«, murmelte Harriet halblaut. »Das alles ist unglaublich.« Sie warf einen Blick in das mit Fossilien übersäte Arbeitszimmer und schluckte schwer, als sie sich in Erinnerung rief, wo St. Justin sich über den Schreibtisch gebeugt und ihr seine mächtige Hand unters Kinn geschoben hatte. »Mrs. Stone, sind Sie absolut sicher, dass dies alles der Wahrheit entspricht?«

»Absolut. Wäre Ihr Papa noch am Leben, er würde es bestätigen. Er wusste, was Reverend Rushtons Tochter zugestoßen war. Aber er behielt es für sich, weil er es nicht für richtig gefunden hätte, das Thema vor euch jungen Mädchen zu erörtern. Als er mir sagte, ich könne hier im Haus bleiben, ersuchte er mich, ich solle nicht davon sprechen, und ich habe geschwiegen. Aber jetzt nicht mehr.«

Tante Effie nickt beifällig. »Nein, natürlich nicht, Mrs. Stone. Nun, da St. Justin zurückgekehrt ist, müssen alle ehrbaren jungen Damen auf der Hut sein.«

»Entehrt und verlassen.« Felicity schüttelte den Kopf. »Man stelle sich das vor.«

»Schrecklich«, sagte Tante Effie. »Absolut schrecklich. Junge Damen müssen sehr, sehr vorsichtig sein. Felicity, du wirst mir nicht allein ausgehen, solange der Viscount sich hier in der Gegend aufhält. Hast du mich verstanden?«

»Ach, Unsinn.« Felicity wandte sich an Harriet. »Man kann mich nicht wie eine Gefangene im Haus halten, nur weil St. Justin zufällig hier im Ort war.«

Harriet runzelte die Stirn. »Nein, natürlich nicht.«

Tante Effie wurde streng. »Harriet, Felicity muss vorsichtig sein. Sicher siehst du das ein.«

Harriet blickte auf. »Felicity ist ein sehr besonnenes weibliches Wesen, Tante Effie. Sie wird schon keine Dummheiten machen. Stimmt's, Felicity?«

Felicity lächelte schalkhaft. »Und mir meine Chancen für eine Saison in London verderben? Harriet, du kannst sicher sein, dass ich nicht so dumm sein werde.«

Um Mrs. Stones Lippen legte sich ein verkniffener Zug. »St. Justin steht der Geschmack nach schönen jungen unschuldigen Mädchen … dieses unersättliche wilde Tier. Jetzt ist Ihr Papa nicht mehr da, um Sie zu beschützen, deshalb müssen Sie doppelt vorsichtig sein, Miss Felicity.«

»Ganz recht«, pflichtete Tante Effie ihr bei.

Harriet zog eine Braue hoch. »Ich nehme an, dass ihr euch um meinen Ruf längst nicht so sorgt wie um den Felicitys.«

Tante Effie zeigte sich gebührend zerknirscht. »Aber meine Liebe, du weißt, dass es nicht so ist. Aber du bist immerhin fast fünfundzwanzig. Und die Sorte unersättlicher Wüstlinge, von der Mrs. Stone spricht, hat nun mal eine Vorliebe für blutjunge Unschuldslämmer.«

»Und gehen alten Unschuldslämmern, wie ich eines bin, aus dem Weg«, murmelte Harriet, ohne Felicitys spitzbübisches Lächeln zu beachten. »Ja, ich glaube, du hast recht, Tante Effie. Mir droht wohl kaum Gefahr, von St. Justin entehrt zu werden.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich glaube, mich zu erinnern, dass ich mich in diesem Sinn eben zu ihm äußerte.«

»Was um alles in der Welt …?« Tante Effie starrte sie an.

»Schon gut, Tante Effie.« Harriet ging auf die offene Tür des Arbeitszimmers zu. »Sicher wird Felicity ihren Kopf und alles, was sonst an ihr wichtig ist, bewahren, sollte sie sich jemals in Gesellschaft St. Justins befinden. Sie ist ja nicht dumm. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss meine Arbeit zu Ende bringen.«

Harriet zwang sich, gemessen ihr kleines Refugium zu betreten, und schloss ruhig die Tür. Dann ließ sie sich mit einem aus tiefstem Herzen kommenden Seufzer auf ihren Stuhl fallen, stützte ihre Ellbogen auf den Schreibtisch und begrub ihr Gesicht in ihren Händen, während ihr Körper von Schauern geschüttelt wurde.

Nicht Felicity ist dumm, sondern ich bin es, dachte sie. Ja, sie, Harriet, war die Törin gewesen. Sie hatte das Ungeheuer von Blackthorne Hall zurück nach Upper Biddleton geholt.