Leseprobe Irish Love

Prolog

„Warum ausgerechnet Irland?“

Natürlich hatte Tamara nur darauf gewartet, dass Simon ihr diese Frage stellte. Nach so vielen gemeinsamen Jahren Beziehung fiel es leicht, den anderen einzuschätzen. Somit hatte sie die passenden Argumente parat. Da es um eine Reise anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums ging, hätte die Antwort einfach lauten können: Weil ich es mir wünsche. Aber sie kannte Simon und wusste, dass ihm das nicht genügte. Er brauchte schlagkräftige Argumente und – was noch viel wichtiger war – einen persönlichen Nutzen, den er daraus ziehen konnte. All das hatte sie in der Hinterhand.

„Wo soll ich anfangen? Weil es eines der wenigen Länder ist, die wir noch nicht gesehen haben?“ Und das war eine beachtliche Leistung. Sie beide arbeiteten für das Reisemagazin Traveler – er als Fotograf, sie als freie Autorin – und hatten mit ihren achtundzwanzig Jahren bereits die halbe Welt bereist. Das war auch der Grund, warum sie noch nie eine gemeinsame Wohnung besessen hatten. Oder zumindest einer der Gründe. Der andere machte die Reise nach Irland in Tamaras Augen zur obersten Priorität.

Die meiste Zeit lebten sie aus dem Koffer. Hielten sie sich doch einmal länger in Deutschland auf, wohnten sie im Haus von Simons Eltern in Frankfurt, wo sie die komplette obere Etage für sich hatten. Sehr zur Freude seiner Mutter Sonja, deren Ehe vor dem Ende stand und die alle Kraft aus den wenigen Momenten mit ihrem Sohn schöpfte. Meist buhlte sie in diesen Zeiten mit Tamara um Simons Aufmerksamkeit. Ein ewiges Streitthema. Wenn sie bei Simons Eltern wohnten, kam es Tamara manchmal vor, als wäre sie mit einem Teenager zusammen. Simon ließ sich von seiner Mutter verhätscheln, was Tamara, die ein sehr schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern hatte, extrem nervte. Und da waren noch die anderen Dinge. All die kleinen Sachen in einer Beziehung, die mit den Jahren immer mehr störten. Dass er das letzte Stück Kuchen aß und sie erst danach fragte, ob sie es hätte haben wollen. Dass er bei jedem Urlaub entschied, wohin es ging und was sie unternahmen. Dass er einfach voraussetzte, dass sie den Weg ging, den er ihr vorgab. Und dass sie zunehmend das Gefühl hatte, dass es nicht mehr der ihre war. Wenn sie unterwegs waren, konnte Tamara all das erfolgreich beiseiteschieben. Aber zurück in Deutschland kam es zusammen mit der angestauten Schmutzwäsche wieder und wieder zum Vorschein. Der Berg wurde immer größer. Und genau wie bei der Wäsche schien es Simon nicht aufzufallen. Oder nicht im Geringsten zu kümmern.

„Wie wäre es mit den Seychellen? Dort sind wir auch noch nicht gewesen“, weckte seine Stimme sie aus ihren Gedanken.

Am liebsten hätte sie genervt aufgestöhnt. Dieser Vorschlag war so typisch für Simon. Natürlich hatte sie so etwas erwartet. Und auch hier hatte sie das passende Argument parat. „Ein sonniges Strandsetting im typischen Urlaubsparadies. Das hatten wir schon oft. Februar war es Bali, letzten August Kuba. Der Traveler braucht mal etwas ganz anderes – unberührte Natur, singende Menschen in Pubs, verregnete Gassen, eine tragische Vergangenheit.“

Dem Funkeln in seinen braunen Augen entnahm sie, dass sein Interesse geweckt war. Aber er hatte viel zu gern die Hosen an, als dass er so schnell kleinbeigegeben hätte. „Ich weiß nicht. Irland – da denke ich an Regen und Schafe.“

Sie lachte auf, warf ihr langes schwarzes Haar in den Nacken und zog ihren Joker, indem sie ihr Tablet vom Tisch nahm und die Fotos aufrief, die nur darauf gewartet hatten, ihren vollen Glanz entfalten zu können. „Was sagst du hierzu?“ Das erste zeigte die Cliffs of Moher, über die ein Vorhang aus Nebel zog.

Er beugte sich zu ihr und sie sah, wie der Ehrgeiz des Fotografen in seinen Augen aufblitzte. Er griff nach dem Tablet, um sich das Foto näher anzusehen. Wie immer fiel Tamaras Blick auf das große Tattoo, was sich über seinen ganzen rechten Arm zog. Darauf zu sehen waren die Umrisse der philippinischen Inseln mit einem Flugzeug darüber. Und wie immer lächelte sie beim Anblick des Tattoos in Erinnerung an den wunderbaren, ersten gemeinsamen Urlaub.

„Wo hast du das her?“

„Von Andys Reiseblog. Er war vor einem Monat dort. Ist den gesamten Wild Atlantic Way abgefahren“, sagte sie und konnte ein Lächeln kaum unterdrücken.

Wie zu erwarten, verdunkelte sich bei der Erwähnung von Andys Namen seine Miene. Simon konnte ihren Kollegen auf den Tod nicht ausstehen, und Tamara gab ihm im Stillen Recht. Allerdings hatte Andy ihr gerade einen wertvollen Dienst erwiesen. Seit Jahren versuchten die beiden Männer, einander zu übertrumpfen, was ihre Reisen betraf. Der eine musste unbedingt mehr gesehen haben als der andere. Flog Andy in die USA und brachte es fertig, in drei Wochen sechs Staaten zu erkunden, so musste Simon unbedingt acht schaffen. Auf keinen Fall war es akzeptabel, dass Andy ein Land gesehen hatte, das Simon nur aus Filmen kannte.

„Vor einem Monat? Irland ist nicht gerade dafür bekannt, dass es im Februar besonders sonnig ist. Kein Wunder, dass die Fotos so dunkel sind. Und das hier wurde mit einem völlig falschen Winkel aufgenommen“, kommentierte er das Foto seines Kontrahenten. „Er hat gegen das Licht fotografiert. Wie kann ihm so ein grober Fehler passieren, wenn er schon so lange dabei ist?“

Tamara zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich ist das Fotografieren wegen der unbeständigen Wetterverhältnisse nicht so einfach wie an den Stränden, die wir sonst so sehen.“

Sie wusste, dass sie ihn hatte. An seinem verkniffenen Mund sah sie genau, dass er in Gedanken schon das Setting für das perfekte Foto erstellte. „So ein Unsinn. Man muss eben etwas improvisieren und Geduld haben. Angeber-Andy wird einfach nur wild drauflosgeknipst haben wie ein dahergelaufener Touri. Wäre ja nicht das erste Mal.“

„Glaubst du, dass du es besser hinbekommen würdest? Es ist erst März, aber trotzdem sollte es auf der Insel etwas sonniger sein.“

Er funkelte sie mit dem Feuer in den Augen an, in das sie sich verliebt hatte und das sie jetzt nur noch sehr selten zu sehen bekam. „Ich hätte es im Dezember besser hinbekommen als er. Ich werde es dir beweisen.“

Tamara verzog ihren Mund zu einem Lächeln.

Warum ausgerechnet Irland? Die Wahrheit lag hinter dem perfekten Foto. Weit ab von dem Argument eines unbekannten Settings. Fern von all dem oberflächlichen Zeug, das ihre Beziehung vermüllte. Sie versprach sich von dem Land Romantik und Einsamkeit. Seit Jahren rasten sie von einer Ablenkung zur nächsten. Tamara fühlte, dass sie sich dabei aus den Augen verloren. Simon sah beinahe nur noch durch seine Kamera Dinge von Interesse – Landschaften, Skulpturen, schöne Frauen.

Sie kannte niemanden, der ein solch turbulentes Leben führte wie sie. Und dennoch steckten sie fest. Mit Ende zwanzig waren sie lediglich zwei rastlose Reisende.

Simon hatte sie bisher nichts von ihren Gedanken erzählt. Sie wusste, dass sie in seinen Augen einen Traum lebten. Seinen Traum. Sie hatte über die Jahre geglaubt, er würde auch zu ihrem werden, aber mit Schrecken erkannte sie jeden Tag mehr, dass ihre Vorstellungen vom perfekten Leben so sehr auseinanderdrifteten wie Züge auf zwei Gleisen. Sie hoffte, dass sie fern von den turbulenten Großstädten mit ihren Leuchtreklamen, Sehenswürdigkeiten und Menschenmassen wieder zueinander finden würden.

Kapitel Eins

Drei Wochen später war es endlich so weit. Nach all den Reisen mit Simon konnte sich Tamara nicht erklären, warum sie dieses Mal so aufgeregt war. Vielleicht, weil es um so viel ging. Sie versprach sich von dieser Reise einen Neuanfang mit Simon. Sie würde all die Punkte ansprechen, die wie spitze Pfeile in ihrer Brust steckten und das Atmen zur Qual machten. Sie würden diese Dinge aus der Welt schaffen. Sie musste endlich den Mut haben, Simon zu sagen, dass sie nicht mehr das rastlose Mädchen von vor zehn Jahren war. Oder es zumindest nicht länger sein wollte.

Aber da war noch etwas anderes. Ein dunkler, wunder Punkt in ihr. Sie konnte es weder lokalisieren noch die genaue Materie bestimmen. Sie hatte Angst, dass es wachsen würde. Wachsen an den vielen Abenden, da Simon sich in seiner Arbeit vergrub und Stunde um Stunde Fotos bearbeitete. Wachsen an den Ablenkungen durch die immer häufiger wechselnden Orte. Manchmal hatte Tamara das Gefühl, dass sie für ihn nur noch jemand war, der ihm die Ausrüstung zurechtlegte oder ab und an die Lichtverhältnisse korrigierte. Sie fürchtete sich, dass er seine Kamera zur Geliebten genommen hatte und nicht merkte, wie ihre Beziehung daran zerbrach.

Also hatte sie beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und ihre Hoffnungen in Irland gesetzt. Irgendetwas zog sie dorthin. Etwas, das sie genauso wenig erklären konnte wie ihre Unzufriedenheit. Doch dort hätte sie endlich die Ruhe, mit Simon zu sprechen. Keine Sonja, keine ständig wechselnden Unterkünfte, kein ausufernder Partytourismus. Die Insel stellte für Tamara die Essenz dessen dar, was war und immer sein würde. So wollte sie auch ihre Liebe neu erfinden.

 

„Werte Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Shannon Airport. Es war uns eine Freude, Sie an Bord von Green Line begrüßen zu dürfen“, ertönte die Ansage der ständig lächelnden Flugbegleiterin mit dem flammend roten Haar und der grünen Uniform. Bei ihrem Anblick musste Tamara an die irischen Legenden über Kobolde und Feenhügel denken, auf die sie bei ihrer Recherche über das Land gestoßen war. Sofort überzog ein Lächeln ihr Gesicht. Grinsend wandte sie sich Simon zu, um ihn auf die feenhafte Stewardess aufmerksam zu machen, doch er schlief tief und fest, seit sie Frankfurt hinter sich gelassen hatten.

Das Flugzeug tauchte durch dichte, graue Wolken hinab wie ein Schwimmer, der sich lustvoll in dieses grüne Meer stürzte.

Tamara sah aus dem Fenster, und die Begeisterung packte sie sofort. Unter ihr breitete sich ein Teppich aus Grüntönen aus. Fifty Shades of Green. Die Weiden lagen so friedlich zwischen den sanften Hügeln eingebettet wie ein Neugeborenes in den Armen seiner Mutter.

Als sie landeten, goss es wie aus Kübeln. Der Regen zog wie ein schwerer, silberner Schleier über den Flughafen. Von der Erschütterung des Bodenkontakts aus dem Schlaf gerissen, sah Simon aus dem Fenster und zog die Brauen zusammen. „Was für ein Scheißwetter.“

Der Flughafen war klein, aber hübsch. Kein Vergleich zu Paris Charles de Gaulle oder London Heathrow, aber er hatte etwas, das Tamara auf Anhieb gefiel, während Simon beständig die Nase rümpfte. Sie sorgte sich nicht wegen seiner Laune, da sie viel zu sicher war, dass der Charme des Landes auch ihn früher oder später für sich einnehmen würde.

Ihr erster Weg führte sie zu der Autovermietung, bei der sie ihren Leihwagen abholten, und dann ging es Richtung der Halbinsel Dingle. Simon fluchte beständig über den Linksverkehr. Tamara ärgerte sich allmählich über seine schlechte Laune und sagte spitz: „Auf Jamaika hat dir der Linksverkehr nichts ausgemacht. Lag das daran, dass es eine von dir gebuchte Reise war?“

Sofort herrschte Ruhe. Sie wusste, dass Simon sie mit seinem Schweigen bestrafen wollte. Zuhause funktionierte das meist und sie entschuldigte sich schnell, da sie ein friedliebender Mensch war. Heute begrüßte sie die Stille und versank in den spektakulären Einblicken, die ihr die Natur auf der zweistündigen Fahrt eröffnete. Auf der Autobahn war kaum Verkehr, nichts im Vergleich zu den summenden Todesstraßen Deutschlands. Selbst Simon hätte die Schönheit der Natur bewundern können, hätte er ein Auge dafür gehabt. Tamara genoss die ruhige Fahrt und das prasselnde Geräusch des Regens auf dem Autodach.

Die Route führte sie durch Limerick, wo Tamara beim Anblick der alten Kirchengemäuer, umrahmt von farbenfrohen, kleinen Häusern, schwärmerische Seufzer ausstieß. Sie kamen auch durch Newcastle und Tralee, wo die Straßen praktisch mit Blumen in allen erdenklichen Farbnuancen gepflastert waren.

Als sie auf die Halbinsel Dingle fuhren, riss schlagartig der Himmel auf, als wollte er sie angemessen im Paradies begrüßen. Die dunkle Wolkendecke war so schnell verschwunden, als wäre sie lediglich Einbildung gewesen. An ihre Stelle trat ein babyblauer Himmel, über den sich gleich drei schillernde Regenbögen spannten. Der Anblick raubte Tamara den Atem. Endlich sah auch Simon die Schönheit der Insel. Er lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen der Küstenstraße. Dort stellte er den Motor ab und griff nach seiner Kamera. Keine fünf Gehminuten entfernt befand sich der kilometerlange, weiße Inch Beach. Zusammen mit dem Spalier aus Regenbögen war der Anblick der sanft heranrollenden Wellen so schön, dass man hätte weinen mögen.

„Das muss ich festhalten“, murmelte Simon und verließ fluchtartig den Wagen. Tamara seufzte und wünschte sich, dass er einen solchen Anblick einfach einmal zusammen mit ihr genießen könnte. Gleichzeitig verstand sie seinen Drang, diese Schönheit auf ewig bannen zu wollen.

Dennoch machte sie das Klicken seiner Kamera ruhelos, und so stieg sie aus und lief auf den Strand zu. Bald schlug ihr der würzige Duft des Meeres entgegen. Es war ein anderer, als sie ihn von Stränden mit ihrem Gemisch aus Sonnencreme, Salzwasser und Zuckerwatte gewöhnt war. Das hier war weitaus ursprünglicher. Sie nahm den scharfen Geruch der Algen und Wasserlebewesen wahr. Die vom Regen noch feuchte Luft benetzte ihre Haut. Im Sand fanden sich allerlei Spuren von Leben – Seesterne, Muscheln, Quallen. Nichts im Vergleich zu den klinisch sauberen Stränden auf Hawaii oder Sardinien. Und doch …

„Mara!“

Sie wandte sich um. Simon stapfte samt Kamera durch den Sand. Als er die Linse auf sie richtete, rief er: „Bitte lächeln!“

Und sie tat es, mit aller Hoffnung dieser Welt für sie beide im Herzen. Der Wind peitschte ihr das Haar aus dem Gesicht. Nie zuvor hatte sie sich so kühn und frei gefühlt.

 

Die Weiterfahrt war pure Wonne. Ihr Weg führte sie die Küstenstraße entlang mit dem Meer als stillem Begleiter, auf dessen wilden Wogen sich die Sonne spiegelte. Plötzlich war die Stimmung zwischen ihnen wieder so gelöst und spielerisch wie schon viel zu lange nicht mehr. Simon drehte das Radio laut auf, und sie amüsierten sich über die melancholischen Seefahrerlieder.

Nach einer weiteren Stunde mit zwei Fotostopps an besonders schönen Aussichtsbuchten erreichten sie ihr Bed and Breakfast. Tamara hatte sich aufgrund der Abgeschiedenheit bewusst für das Fishermans Farmhouse entschieden, für das sie sofort Feuer und Flamme gewesen war.

Bei Simon sorgte die Lage allerdings für neuerliche Irritation. „Hier ist ja nicht einmal ein Dorf. Das Haus steht mitten im Nirgendwo einfach am Straßenrand.“

Und herrscht auf einem kleinen Hang über das direkt angrenzende Meer, fügte Tamara in Gedanken hinzu. Trotzdem konnte sie Simon nicht widersprechen. Neben dem niedlichen Häuschen aus Naturstein, das sie für die nächsten drei Wochen bewohnen würden, war nur eine Handvoll Häuser auf dem sanft ansteigenden Hügel entlang der kaum befahrenen Küstenstraße verteilt.

„Ich dachte mir, es ist mal etwas anderes. Außerdem haben wir ja den Wagen“, erwiderte sie leicht verstimmt.

Über Simons Gesicht huschte ein Lächeln, als wäre der Gedanke an das Auto als Fluchtmöglichkeit für ihn der Silberstreif am Horizont. „Du hast recht.“

Sie bogen in die Einfahrt. Außer ihnen schien sich kein Gast im Bed and Breakfast zu befinden. „Sieht ziemlich ausgestorben aus. Ich hoffe, wir sind hier richtig“, sagte Tamara.

„Erkennst du es nicht von den Fotos wieder?“, fragte Simon ungeduldig.

„Es gab online nur ein einziges Foto, und zwar das von dem Strand da vorn“, erwiderte sie und ahnte die Reaktion, die prompt folgte. Simon stöhnte gereizt. Natürlich glaubte er, sie hätte schlicht vergessen, sich die Unterkunft vorher virtuell anzusehen.

In Wahrheit hatte sie sich überraschen lassen wollen. Sie war diese ständig durchgeplanten Reisen leid, auf denen es weder Platz für magische Momente noch für Impulsivität gab. Natürlich hätte Simon ihr sofort widersprochen, da er sich für die Spontaneität in Person hielt.

„Die Adresse stimmt“, sagte er, nachdem er die Daten auf dem Ausdruck mit den Buchungsinformationen noch einmal durchgegangen war.

„Klingeln wir doch einfach mal“, schlug Tamara vor.

Dazu kam es jedoch nicht. Als sie den gewundenen Weg zum Cottage hinaufgegangen waren, begrüßte sie ein Zettel an der Tür.

Liebe Tamara, lieber Simon,

herzlich willkommen im Fishermans Farmhouse! Es tut mir leid, dass ich euch nicht persönlich in Empfang nehmen kann, aber um diese Jahreszeit ist einiges für mich drüben in Dingle zu tun. Ich habe alles vorbereitet. Fühlt euch wie zuhause. Wenn etwas ist, ruft mich jederzeit an. Ich wohne gleich in dem kleinen Anbau am Haus. Wir sehen uns also bald.

Henrik McLegan.

Unter der Nachricht stand eine Telefonnummer. Neben dem Zettel hing unübersehbar der Schlüssel am Haken. Tamara und Simon sahen einander an. „Da hätte er die Tür genauso gut offenlassen können. Wenn das die irische Gastfreundschaft sein soll, würde ich sie durch das Wörtchen Dummheit ersetzen“, sagte Simon.

Tamara griff wortlos nach dem großen, alten Messingschlüssel und schloss die Tür auf. Drinnen schlug ihr eine Welle aus Behaglichkeit und Wärme entgegen – das Ergebnis einer Mischung liebevoller Kleinigkeiten. Auf dem nackten Steinboden lagen kleine Fransenteppiche. Im Kamin prasselte ein Feuer. Davor stand ein abgenutztes Sofa, auf dem eine weiche Decke lag, die dazu einlud, sich in ihr einzukuscheln. Darauf schlummerte eine rabenschwarze Katze tief und fest. Gleich neben der Eingangstür hatte ihr Gastgeber ein Gästebuch samt Informationsmaterial zu den Sehenswürdigkeiten der Insel sowie Ausflugstipps und Landkarten platziert. Auf einem Holztischchen standen Kannen mit Tee, Kakao und Kaffee bereit. Dazu ein Glas mit Mini-Marshmallows. Dort wartete eine weitere Botschaft von Henrik.

Lasst es euch schmecken!

„Ich glaube, das hier ist mit irischer Gastfreundschaft gemeint“, kommentierte Tamara gerührt die Eindrücke, die auf sie einströmten. Noch nie hatte sie sich ohne ein Wort – ja, ohne Anwesenheit des Gastgebers – derart willkommen gefühlt.

„Die Einrichtung ist ziemlich von gestern“, erwiderte Simon.

„Ich finde es perfekt“, entgegnete sie kühl. Seit der Landung in Shannon hatte er nahezu kein gutes Haar an der Insel gelassen.

Da er einen Streit zu wittern schien, lenkte er schnell ein. „Wo schlafen wir?“

Sie sah sich um. Von dem Raum gingen drei Türen ab. Zwei standen offen. Hinter einer erkannte sie eine altmodische Landhausküche. Die andere offenbarte einen kleinen, separaten Essbereich.

Sie deutete auf die geschlossene Tür. „Dort, würde ich mal vermuten.“

Sie durchquerte den Raum und drückte die Klinke nach unten: Es handelte sich um ein Schlafzimmer. Sie hielt den Atem an. Das Wort Zimmer schien unpassend und lapidar. Tamara taufte den Raum im Geiste Höhle der Romantik. Die Decke erstreckte sich in einer unregelmäßigen Abrundung – einer Höhle gleich – mindestens fünf Meter über ihren Köpfen. Sie umgab das Bett mit den schmiedeeisernen Pfosten wie einen Baldachin. Es thronte als Herzstück mitten im Raum, eingerahmt von zwei Nachttischen, auf denen einige Bücher und Kerzen liebevoll angeordnet waren. Wie schon im Vorraum waren die Wände aus grobem Naturstein. An dem kleinen Fenster befanden sich grüne Läden, wie Tamara sie nur aus alten Filmen kannte. Auf dem Fenstersims stand ein Topf voll frischer, lila blühender Heide.

Dieser Henrik scheint ein äußerst interessanter Mann zu sein, schoss es Tamara unweigerlich durch den Kopf.

Selbst Simon stieß einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne aus, dann sah er sich das angrenzende Badezimmer an.

„Basic“, kommentierte er und machte sich daran, den Raum zu verlassen. „Ich hole die Koffer.“

Tamara blieb zurück und beobachtete ihn durch das Fenster. Dieser Ort summte regelrecht vor Romantik und Magie. Das musste er doch ebenso spüren wie sie!

 

Die Wahrheit war – er spürte es nicht. Als Simon mit den Koffern zurückgekehrt war, hatte sie sich einladend aufs Bett gelegt, die Tagesdecke zurückgeschlagen und sagte: „Lass uns erst einmal richtig in unserem Liebesurlaub ankommen!“

Er musterte sie und lachte laut los, offenbar nicht ahnend, wie sehr er sie damit verletzte. Hätte er es nach zehn gemeinsamen Jahren nicht wissen oder zumindest in ihren Augen sehen müssen? Doch wie auch – er hatte sich sofort von ihr abgewandt. „Du weißt, dass ich immer zuerst auspacke.“

Stimmt, das wusste sie. Und hatte er in all den Jahren einmal danach gefragt, was sie gern zuerst getan hätte? Zum Beispiel alles stehen und liegen lassen und hinunter zu dem paradiesischen Strand gehen, von dem sie durch ihre Recherche via Google Maps wusste, dass er sich in unmittelbarer Nähe zum Haus befand. Vom Fenster aus konnte sie die Bucht sehen, hinter der er lag. Der Strand selbst blieb ihren Blicken verborgen, was sie seltsam rastlos und melancholisch werden ließ. Simons Reaktion auf ihre eindeutige Einladung hatte ihr Übriges zu dieser Stimmung beigetragen.

Die Traurigkeit ging tiefer, als es die Situation rechtfertigte. Und Tamara wusste auch warum. Sie hatte es lange schon bemerkt, diesen schleichenden Prozess vom feurigen Liebespaar zu – ja, zu was eigentlich? Seit Monaten versuchte sie sich einzureden, dass sich eine Beziehung nach zehn Jahren nun einmal so anfühlte. Aber selbst wenn das der Wahrheit entsprach, wollte sie nicht so fühlen. Tamara kam sich wie eine gelangweilte, zurückgewiesene Ehefrau vor, nur ohne Ring an ihrem Finger. War es dumm gewesen, all ihre Hoffnungen in diese Reise zu setzen?

Sie atmete tief durch. Sie dramatisierte. Es war gerade mal der erste Tag. Sie waren beide erschöpft. Sie drehte sich um und sah Simon auf dem Bett an seiner Kamera herumhantieren. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Am liebsten hätte sie ihm das Ding aus der Hand geschlagen. Was war los mit ihnen?

„Ich gehe unter die Dusche“, sagte sie durch zusammengepresste Zähne.

Er gab kein Zeichen von sich, ob er sie gehört hatte.

 

Trotz ihrer Müdigkeit hatte sie nur schwer in den Schlaf gefunden und wälzte sich die ganze Nacht von einer Seite auf die andere. Die Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Ihr Herz raste, und etwas schien sie aus der Dunkelheit zu beobachten. Ein lauernder Verfolger – wie eine Raubkatze bereit zum Sprung, die zuschlug, wenn sie eine Sekunde nicht wachsam genug war. Sie hatte ihn schon in Deutschland gespürt, aber nie hätte sie damit gerechnet, dass er sie bis hierher verfolgen würde. Nun hörte sie ihn sogar kratzen. Krallen, die über Holz fuhren. Eine Gänsehaut rann über Tamaras Körper. Schweißperlen bildeten sich trotz der kühlen Nacht auf ihrer Stirn.

„Simon“, wisperte sie. Er brummte. „Hörst du das?“

„Das wird die blöde Katze sein“, erwiderte er und zog sich die Decke über den Kopf, ein deutliches Zeichen, dass das Gespräch beendet war.

Tamara fielen unzählige Steine vom Herzen. Kurzerhand schlüpfte sie aus dem Bett und schlich durchs Zimmer. Der Boden war eiskalt, sie fröstelte. Als sie die Tür zum Vorraum öffnete, sauste etwas Kleines, Schwarzes an ihr vorbei ins Zimmer. Belustigt schloss sie die Tür und tastete sich durch das Halbdunkel bis zum Nachttisch, auf dem ihr Handy lag. Sie schaltete es ein und leuchtete in den Raum. Lange musste sie nicht suchen. Die Katze saß zufrieden auf ihrem Kopfkissen und sah sie aufmerksam an. Tamara unterdrückte ein Lachen.

„Na hör mal“, flüsterte sie. „So geht das nicht. Was, wenn dich dein Herrchen sucht?“

Das Tier starrte sie unbeeindruckt an. Unschlüssig blieb Tamara vor dem Bett stehen. Sie brachte es einfach nicht über sich, die Katze aus dem Zimmer zu werfen. Viel zu sehr freute sie sich über die Gesellschaft. „Okay. Wir machen einen Deal. Du machst Platz und darfst dafür bleiben.“

Vorsichtig nahm sie das warme Fellbündel vom Kissen, legte sich ins Bett und platzierte es an ihrem Bauch, wo es sich zufrieden schnurrend einkringelte. Tamara lächelte und schlief innerhalb weniger Sekunden ein.

Kapitel Zwei

Am nächsten Morgen wurde sie durch ein unsanftes Rütteln geweckt. „Mara! Mara! Kannst du mir mal sagen, was das Vieh hier macht?“

Träge öffnete sie die Augen. Zu mehr war sie nicht fähig, denn die Katze hatte sich auf ihrem Brustkorb ausgebreitet.

„Sie hat an der Tür gekratzt“, erwiderte sie verschlafen.

„Wer weiß, was die für Ungeziefer hat“, regte Simon sich auf.

Sie ignorierte ihn und streichelte lächelnd über das weiche Fell. Sie hatte sich schon immer eine Katze gewünscht, aber das ständige Verreisen hatte ihr stets einen Strich durch die Rechnung gemacht. Und Simon mochte Hunde lieber. „Du hast keine Flöhe, stimmt's, mein Schatz?“

„Du hast sie ja nicht mehr alle“, murmelte Simon, konnte sich aber ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Ich gehe uns Frühstück machen. Wenn du nicht rechtzeitig erscheinst, verputze ich alles ohne dich.“

Sie sah ihm lächelnd nach. Na bitte. Morgens sah die Welt meist anders aus. Ein neuer Tag, eine neue Hoffnung. „Und du, Miez? Wenn du nicht willst, dass ich dich mit unter die Dusche nehme, musst du von mir runtergehen.“

Das Tier streckte sich wohlig und schnurrte noch etwas lauter. Tamara seufzte. „Okay, noch fünf Minuten.“

 

„Von unserem Vermieter sieht und hört man nichts“, bemerkte Simon nach dem Frühstück, als sie das Geschirr in die Küche trugen.

„Aber er muss hier gewesen sein. Die Brötchen und das Obst haben gestern noch nicht da gelegen“, erwiderte Tamara.

„Nicht zu vergessen der selbstgemachte Joghurt von glücklichen Kühen“, ergänzte Simon, den Satz auf dem Joghurtglas zitierend.

Sie verzog genüsslich das Gesicht. „Wie könnte ich den vergessen!“

„Was meinst du, wo er sich die ganze Zeit herumtreibt?“

„In Dingle, steht doch auf seiner Nachricht.“

„Ja, aber wo auf Dingle?“, fragte Simon genervt und betonte die Präposition dabei absichtlich stark.

Doch der Irrtum war auf seiner Seite, weshalb sie herzlich auflachte. „Dingle ist eine Stadt auf der Halbinsel Dingle. Hast du noch nie etwas von Fungie gehört, dem berühmten Dingle-Delfin, der dort in der Bucht für Aufsehen sorgt?“

„Nein, wie sollte ich?“, gab er missmutig zurück. „Da ich keine Liste machen durfte, habe ich auch keinerlei Recherchen angestellt.“

Schon allein das Wort Liste war für Tamara ein rotes Tuch geworden. Simon hatte die Marotte, jeden Tag ihrer Reisen von morgens bis abends schon Monate vorher durchzuplanen. Natürlich verstand sie den praktischen Nutzen dahinter, gerade wenn sie mal wieder Rucksacktouristen waren. Sie sahen sehr viel vom Land, hatten meist schon alle Eintrittskarten parat, sparten erheblich viel Geld durch Frühbucherrabatte und nutzten die Zeit maximal aus.

Es gab nur zwei Probleme dabei. Erstens: Simon erstellte sie vorzugsweise allein, vertieft in akribische, wochenlange Internetrecherchen, bei denen er nicht gestört werden wollte. Wenn er mit der Planung fertig war, präsentierte er Tamara die Ergebnisse. Wenn sie es dann wagte, einen Punkt anzumerken, den sie hinzufügen oder weglassen wollte, beschwerte er sich über ihre Undankbarkeit. Und so hatte sie es sich zur Gewohnheit gemacht, selbst nicht mehr vor einer Reise zu recherchieren, weil sie dann nur enttäuscht darüber war, wenn sie eine Sehenswürdigkeit, auf die sie sich gefreut hatte, nicht auf seiner Liste fand. Das zweite und nicht unerhebliche Problem war, dass es keine Möglichkeit für Genuss und Spontaneität gab. Uhrzeiten mussten strikt eingehalten werden, um alles abarbeiten zu können. Das hatte zur Folge, dass er genervt war, wenn Tamara zur Toilette musste, oder dass er die Zelte abbrach, während sie sich einen atemberaubenden Sonnenuntergang ansehen wollte. Sie hatte des Öfteren versucht, ihm zu verstehen zu geben, dass Romantik und Ruhe auf der Strecke blieben. Und wieder hatte er ihr Undank vorgeworfen. Noch ein Grund, warum sie verstummt war.

Im Rückblick schien es ihr, als wäre sie in den vergangenen Jahren immer leiser geworden, um Simon nicht im Flow seines Lebens zu stören. Wieder begann es gefährlich in ihr zu brodeln. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, welch harter Kampf es gewesen war, ihm klarzumachen, dass sie diesen Urlaub in Irland als Liebesurlaub ansah. Zeit, die ihnen allein gehörte. Am liebsten hätte sie seine Kamera verbannt, doch das hatte sie nicht übers Herz gebracht. Schließlich hatte sie selbst Block und Stift mitgenommen.

Beides war neu und unbenutzt, seit mehr als fünf Jahren schon. Sie hatte den Traum, jenseits ihrer Artikel ein richtiges Buch zu schreiben. Der Traum war über die Jahre zu einem Drang geworden. Sie spürte die Geschichte in sich brodeln, doch noch war sie gesichtslos. Nichts Greifbares. Und so blieb der Stift, wo er war. Man hätte meinen können, jemand, der so viel von der Welt sah, müsse vor Ideen nur so platzen. Nun, das Gegenteil war der Fall. Tamara hatte das Gefühl, je mehr auf sie einstürmte, desto mehr drängte es das zurück, was da aus ihr ausbrechen wollte.

Und so hatte sie diesen Urlaub teils auch aus egoistischen Gründen geplant. Sie wollte ihre Gedanken ordnen und erforschen, was da in ihr schlummerte. Mit Schrecken erkannte sie nun allerdings, dass da nichts war außer Wut und Entsetzen über Simons Verhalten.

„Hallo? Jemand zuhause?“

Sie schreckte hoch und sah ihn schockiert an. Sie fühlte sich fahrig und erhitzt. Als wäre sie mitten in einer hitzigen Debatte. Nur, dass sie sich allein in ihr befand, da sie die Worte nicht aussprach, die sie immer mehr quälten. „Was hast du gesagt?“

Er seufzte ungeduldig. „Ich habe dich gefragt, was du heute vorhast.“

Wieder dieses Drängen, dieser Druck. Warum war er nur so rastlos? Es brauchte all ihre Stärke, diesem Druck standzuhalten. „Nichts“, sagte sie entschieden und beobachtete, wie sich Unmut auf seinem Gesicht breit machte.

„Meine Güte, wir sind doch noch keine achtzig. Willst du den lieben langen Tag hier auf der Couch hängen? Dann hätten wir genauso gut zuhause bleiben können.“

„Wir sind gestern erst angekommen. Wie wäre es, wenn wir die nähere Umgebung zu Fuß erkunden?“

Sie sah, dass es ihm nicht passte. Dass es ihm nicht genügte. Doch anscheinend spürte er, dass er mehr nicht bekommen würde, also setzte er ein Lächeln auf. „Also gut. Da ich Frühstück gemacht habe, bist du mit Spülen dran. Sag einfach, wann du so weit bist.“

Damit ließ er sie in der Küche zwischen dem schmutzigen Geschirr stehen. Noch eine Art, sie zu bestrafen. Nur schien all das hier nicht zu funktionieren. Sie machte sich mit einer Freude und Energie, die sie so nicht mehr von sich kannte, an die Arbeit. War es die Luft oder die wundervolle Umgebung? Egal, aber es fühlte sich verdammt gut an.

 

Tamara war sich sicher gewesen, dass die Spannungen zwischen ihnen auf dem Spaziergang durch die grünen Hügel verblassen würden. Stattdessen wurden sie immer stärker. Das Schweigen dehnte sich über die weite Landschaft und hallte über das tosende Meer hinaus. Die Kulisse war zum Weinen schön, aber Simon verlor kein Wort darüber, nahm nicht einmal seine Kamera zur Hand. Tamara kannte diesen kühlen Fremden neben sich nicht. Plötzlich nahm ihr seine Gegenwart den Atem. Etwas so Schweres drückte auf ihre Brust, dass sie meinte, ihre Lungen müssten zerquetscht werden. Was geschah hier nur?

„Ist es nicht wunderschön hier?“, fragte sie in die Stille hinein, im tapferen Versuch, sie zu durchbrechen. Dabei hörte sie selbst, wie zittrig ihre Stimme klang.

Simon antwortete nur mit einem knappen, kühlen: „Ja.“

Und sie hatte mit den Tränen zu kämpfen. Er hätte sie genauso gut schlagen können. Sie wollte so gern hinunter zu dem malerischen Strand, dessen Schönheit man von den hügeligen Feldern nur erahnen konnte. Aber da sie wusste, dass sie in dieser Stimmung den Anblick nicht würde genießen können, schlug sie es Simon gar nicht erst vor. Am liebsten hätte sie ihn wie ein bockiges Kind zurück aufs Zimmer geschickt.

Seit sie in Irland gelandet waren, hing diese dunkle Wolke über ihnen und rückte bedrohlich näher und näher. Je mehr Negativität sie umgab, desto mehr Situationen aus der Vergangenheit fielen Tamara ein, die sie stets beiseite gelächelt hatte. Oder in denen sie sich gefügt hatte. Auf was für ein Arrangement hatte sie sich da nur eingelassen? Warum sah sie erst jetzt, dass sie über die Jahre ihr Glück auf einem Kartenhaus aufgebaut hatte, das bei der leisesten Windbö unweigerlich in sich zusammenfallen musste? War Simon das ebenso bewusst geworden wie ihr?

Sie sah ihn von der Seite an. Seine braunen Augen, deren Blick in Wut und Liebe so intensiv sein konnte, waren stur nach vorn gerichtet. Simon schien weit weg zu sein. Beinahe spürte sie seine Sehnsucht nach einem anderen Ort und hätte vor Wut am liebsten aufgeschrien. Es gab keine Worte, die diese mächtige Stille zwischen ihnen überbrücken konnten.

Doch sie spürte noch etwas anders. Ein Gefühl wie ein sanfter Sonnenstrahl, der sich durch eine dicke Eisschicht Bahn brach. Irgendetwas machte dieser Ort mit ihr. War das die Magie, von der sie in all den Berichten über Irland gelesen hatte? Waren es unsichtbare Feen, die um sie herumtanzten und sie verhexten? Fühlte und verhielt sie sich darum so anders? Waren es Irrlichter und stumme Kobolde, die sie in einen Sumpf locken wollten, damit sie sich auf ewig in ihm verlor?

Sie sah wieder aufs Meer hinaus, das wie ein Saphir in der Sonne schimmerte – anziehend und gefährlich schön. Die saftigen, grünen Hügel eiferten mit ihm um die Wette für den ersten Platz des märchenhaftesten Anblicks. Das kleine Fishermans Farmhouse lag eingebettet zwischen ihnen. Der Anblick brachte etwas tief in ihr zum Klingen, und ihr drängte sich die Frage auf, wonach sie all die Jahre so verzweifelt gesucht hatte.

 

Nach dem entgleisten Spaziergang hatte sie sich von Simon zurückgezogen. Sie hatte das Gefühl, dass sie ihnen beiden den Freiraum geben musste. Und sie hatte keine Kraft mehr zum Kämpfen. Besser, sie lenkte sich ab. Dafür hatte sie ihr leeres Notizbuch und einen Stift aus ihrem Koffer gekramt und sich im Wohnzimmer auf die Couch vor dem Kamin zurückgezogen.

Doch als sie die weißen Seiten aufgeschlagen vor sich sah, den kühlen Stift in ihrer rechten Hand, überkam sie eine heiße Übelkeit. Da war nichts in ihr, was es wert gewesen wäre, aufgeschrieben zu werden. Nur ein paar hirnrissige Sätze über die Schönheit der Umgebung. Sie war Autorin für ein Reisemagazin, nicht mehr und nicht weniger. Wem machte sie etwas vor? Wie kam sie auf die Idee, mehr zustande bringen zu können als kleine, hübsche Artikel über die Länder, die sie bereiste?

Nur woher kam dieser Drang, mehr zu schreiben? Sie wünschte von ganzem Herzen, sie könnte den Wunsch einfach vergessen; sich sagen, dass sie es versucht hatte, und mit ihrem Leben fortfahren wie gewohnt. Wieder sah sie auf das Notizbuch in ihrem Schoß. Sie hätte den Stift vor einer Stunde schon beiseitelegen und den Anblick des Sonnenunterganges hinter dem Haus genießen sollen. Aber sie konnte es einfach nicht. Minute um Minute starrte sie die leeren Seiten an. Und diese starrten höhnisch zurück. Je mehr sie nach Worten suchte, desto mehr spielten sie Katz und Maus mit ihr. Der Drang, sie sich von der Seele zu schreiben, war mittlerweile so stark wie das Bedürfnis nach dem nächsten Atemzug. Schon spürte sie das Brennen in ihren Augen.

Es war Simon, der sie aus ihrer Verzweiflung holte. Zögerlich blieb er vor der Couch stehen und deutete auf das Notizbuch in ihrem Schoß. „Störe ich gerade?“

„Ich wünschte, es wäre so“, erwiderte sie seufzend und wartete auf die alte Diskussion über ihren Schreibdrang, die unweigerlich folgen musste.

Simon verstand nicht, warum sie sich seit Jahren derart mit etwas quälte, das ihr einfach nicht gelingen wollte. Wäre jeder zum Schriftsteller geboren, kämen wir aus dem Lesen nicht mehr heraus, waren meist seine Worte. Sie konnte ihm nicht erklären, warum dieser Wahn, eine Geschichte zu Papier zu bringen, sie nicht mehr losließ. Ganz einfach, weil sie es selbst nicht wusste.

Auch jetzt las sie all das in seinem Gesicht, aber offenbar wollte er keinen weiteren Streit provozieren, denn er ließ die Sache auf sich beruhen. Tamara wusste, was ihn dieses Schweigen kostete. Umso dankbarer war sie.

„Ich habe mich heute total blöd verhalten“, begann er. „Dabei wolltest du nur Zeit mit mir verbringen. Ganz in Ruhe. Das ist jetzt angekommen. Du weißt, wie ich bin. Ich halte es nie lange an einem Ort aus.“

Offensichtlich erschöpft von seinem Eingeständnis, ließ er sich neben sie auf die Couch sinken. Sie lächelte schief. „Nun, wir werden einen Weg finden müssen, unsere Vorstellungen von gemeinsamer Zeit in Einklang zu bringen.“

„Lass uns einfach jeden Tag sehen, wohin er uns treibt“, erwiderte er und legte einen Arm um ihre Schultern.

Wie automatisch bettete sie erleichtert ihren Kopf an seine Brust. Sie wollte keine Souvenirjagden mehr oder Sehenswürdigkeiten im Marathon abarbeiten. Sie wollte ankommen. Nicht nur hier, in diesem Urlaub, sondern auch in ihrem gemeinsamen Leben. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie ihm das begreiflich machen sollte.ätteH

 

Am Abend schliefen sie miteinander. Dabei zog Simon alle Register. Es war klassischer Versöhnungssex. Und er war großartig. Nach zehn gemeinsamen Jahren war eine derartige Ekstase im Liebesleben für Tamara etwas völlig Neues. Meist taten sie es fast schon automatisch; aus dem Pflichtgefühl heraus, dass sie es eben mal wieder tun sollten.

Jetzt lag sie erschöpft und zufrieden eingerollt wie eine Katze mitten auf dem Bett, während Simon sich aufsetzte und sanft begann, ihre Füße zu massieren. Tamara stöhnte wohlig auf.

„Das hätten wir gleich tun sollen. Am ersten Abend. Anstatt die blöden Koffer auszupacken.“

Schläfrig blinzelte sie ihn an. In diesem Moment war sie sich völlig sicher, dass alles wieder ins Lot kommen würde. „Was du nicht sagst.“

Er warf sich neben sie in die Kissen. Seine gebräunte Haut mit den zahllosen, bunten Tattoos bildete einen krassen Kontrast zu den weißen Laken. Tamara liebte diesen Anblick, gerade da sie mit sehr bleicher Haut gestraft war. Schneewittchen nannte er sie nicht zuletzt wegen ihres langen schwarzen Haares. „Was hältst du davon, wenn wir morgen nach Dublin fahren? Wir suchen uns für eine Nacht ein sündhaft teures Hotel und tauchen in die Stadt der Dichter und Denker ein. Das wäre doch etwas für dich, oder?“

Der Vorschlag kam so überraschend und war dermaßen hübsch verpackt, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als ja zu sagen. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto besser gefiel er ihr. Natürlich wollte sie nach Dublin. Die Stadt war das irische Mekka für Literaturbegeisterte. Angefangen beim Trinity College über das Book of Kells bis hin zum Writers Museum. „Ja, warum nicht?“

„Klasse! Von Dingle aus fährt ein Bus. Das ist günstiger als mit dem Wagen und ich kann während der Fahrt fotografieren“, erwiderte Simon euphorisch.

Tamara horchte auf. „Du bist ja bereits bestens informiert.“

Er grinste sie verschmitzt und ohne jeglichen Anflug eines schlechten Gewissens an. „Ich wusste, dass du ja sagen würdest.“

Sie starrte wortlos zur Decke. Ihre Freude hatte sich in Luft aufgelöst. Tat er das wirklich für sie oder war sie direkt in seine Falle gelaufen? Es ist kein Punkt auf einer Liste, sagte sie sich abermals, und sie würde den Teufel tun, einen daraus werden zu lassen.