Leseprobe Home Run zu dir

Kapitel 1

 

Jake Braker war ein glücklicher Mistkerl.

Das wussten alle.

„Jake, Jake! Inwiefern wird das Gerichtsurteil Ihr Spiel beeinträchtigen?“

Er arbeitete in seinem Traumjob, war stinkreich und hübscher als eine Blumenwiese im Sonnenschein.

„Mr. Braker, einen Kommentar bitte! Ihr Management streitet ab, dass Sie Drogen konsumieren – stimmt das?“

Jede Frau wollte in seinem Bett liegen. Und jede zweite Frau tat es auch.

„Jake! Warum gerade ein Kinderspielplatz? Wieso haben Sie nicht gleich die Liberty Bell zerstört?“

Zurzeit war er aber nicht glücklich. Zurzeit war er einfach nur ein Mistkerl. Und verdammt noch mal, er füllte die Rolle beschissen gut!

„Jake! Viele Experten behaupten, dass Sie mit Ihren Eskapaden den Einzug der Delphies in die World Series gefährden. Was ist Ihre Meinung zu diesem Thema?“

Jake biss die Zähne aufeinander, schirmte sich mit der Hand vor dem Blitzlichtgewitter ab und drängte sich weiter durch die Menge. Ihm juckte es in den Fingern, deswegen ballte er sie zu Fäusten und stopfte sie in die Hosentaschen. Die Reporter hatten doch keine Ahnung. Er gefährdete rein gar nichts. Die Delphies würden diese verdammte Saison gewinnen und wenn er dafür noch hundert weitere Spielplätze auseinandernehmen musste! Er würde das Team nicht ohne Sieg verlassen.

„Mr. Braker, haben Sie ein Alkoholproblem?“

Nein, aber wenn der Reporter weiterredete, hatte der bald ein Zahnproblem.

„Sag einfach nichts, Jake“, zischte Sam, der PR-Manager der Delphies, der vor ihm her, auf das schwarze Auto mit den getönten Scheiben zulief. „Egal, was du gerade loswerden willst: Behalte es für dich. Du würdest es nur schlimmer machen.“

Dass es noch schlimmer werden konnte, bezweifelte Jake. Aber er wollte sich keinen Muskel dabei zerren, einen schleimigen Reporter niederzuschlagen, deswegen schwieg er und zog sich die Kappe tiefer ins Gesicht.

Das hier war lächerlich! Sozialstunden. Was für ein Schwachsinn. Warum hatte er nicht einfach die fünfundzwanzigtausend Euro Geldbuße zahlen und die Sache vergessen können?

Aber die Richterin hatte es auf ihn abgesehen gehabt. Sie hatte in ihm einen reichen, arroganten Schnösel gesehen, der sich mit seinem Geld die Freiheit erkaufen wollte – und Jake war egal, dass das eine akkurate Beschreibung seiner Person war. Bis jetzt hatte sein Leben wunderbar auf diese Weise funktioniert.

Dass er sich daneben benahm, war doch ohnehin, was alle von ihm erwarteten. Und es war die einzige Erwartung, die er je hatte erfüllen können. Während er in allen anderen Bereichen grandios versagte.

„Jake, ein Statement, bitte! Wird Coach Thompson Sie für Spiele sperren?“

Sie hatten das Auto erreicht und ohne einen Blick zurückzuwerfen, duckte Jake sich hinter Sam in die Sicherheit des Wageninneren. Seufzend lockerte er die Krawatte und ließ die Schultern kreisen. Er hasste Anzüge. Genau genommen hasste er alles, was ihn in seiner Bewegungsfreiheit eingrenzte. Sei es eine zu enge Hose, eine Frau, die sich zu sehr an ihn klammerte, seine Familie, die ihn seit Jahren in eine Schublade pressen wollte oder das gerade beendete gerichtliche Verfahren, das weder sein Management, noch seine Mannschaft sonderlich lustig fanden.

Jake war es egal. Tatsache war nun einmal: Er konnte es sich leisten.

Sobald sich das Auto in Bewegung setzte, atmete Sam neben ihm tief durch. „Na, das lief doch besser als gedacht“, murmelte er und klopfte Jake auf die Schulter.

Ungläubig weitete er die Augen. „Besser als gedacht? Ich soll 140 Sozialstunden abarbeiten! In einem Kindergarten!“

Kinder! Jake sollte auf Kinder aufpassen. Gott, das einzige, was schlimmer war als Kinder, war ein gerissenes Kondom – denn das konnte zu eigenen führen!

„Na ja, die Richterin ist dem Thema eben treu geblieben“, meinte Sam achselzuckend. „Du hast nun einmal auf einem Kinderspielplatz randaliert. Mir erscheint es da nur fair, dass du zurückgibst, was du genommen hast.“

Jake schnaubte verächtlich. „Es sind drei Monate, in denen ich jede Woche einen Tag des Trainings verpasse, weil ich kleinen Hosenscheißern die Windel wechseln muss!“

Sam runzelte die Stirn. „Du hast keine Ahnung, was ein Kindergarten ist, oder? Du redest von einer Nursery School. Im Kindergarten sind die Kleinen so fünf oder sechs.“

Ihm doch egal! Kinder waren nervige, kleine Bazillenschleudern, die andauernd irgendeine Flüssigkeit aus irgendeiner Körperöffnung verloren. Mehr musste er nicht wissen.

„Es sind drei Monate, Sam“, knurrte er. „Wir haben Ende Juli. In drei Monaten werden wir in den verdammten World Series stehen. Ich habe keine Zeit dafür, Sozialstunden abzuarbeiten.“

„Das hättest du dir früher überlegen müssen, Jake“, sagte Sam unbekümmert. „Du hast die Scheiße gebaut, du musst sie auch auslöffeln.“

Genervt zog Jake sich die Kappe vom Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. In diesem Punkt schienen sich alle einig zu sein.

„Jake, ist dir eigentlich klar, wer deine Fans sind?“, fuhr Sam mit gesenkter Stimme fort, den Blick eisern auf sein Gesicht gerichtet. Als wollte er ihm die Schuldgefühle in den Rachen spucken. „Kinder! Lauter Jungen und Mädchen, die dich als ihr Vorbild auserkoren haben und zu dir aufsehen. Und was gibst du ihnen? Ein betrunkenes Arschloch, das ihnen die Rutsche und die Schaukel wegnimmt.“

„Ist es meine Schuld, dass Kinder so ein verdammt schlechtes Urteilsvermögen haben?“, fragte er schnaubend. „Das sieht man doch auf dem ersten Blick, dass ich nicht als Vorbild geeignet bin. Ich fahre Quad und schlafe jeden Tag mit einer anderen Frau. Man sollte den kleinen Furzgesichtern doch zutrauen können, zu erkennen, dass das keine guten Voraussetzungen sind, um mir nacheifern zu wollen.“

„Es sind Kinder! Sie sind nun einmal leicht zu beeinflussen.“

„Na, dafür gibt es dann ja noch ihre Eltern, oder?“, sagte Jake ungeduldig und tippte mit den Fingern nervös auf sein Bein. „Die sollten sie doch vor ihrem Unglück bewahren. Die Verantwortung kannst du wirklich nicht auf mich abwälzen.“

Ja, schön. Er war nicht stolz auf das, was er getan hatte. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, dann wäre er nicht betrunken auf den Spielplatz gegangen, um seine Wut an unschuldigen Plastikfiguren, Rutschen und Schaukeln auszulassen. Aber er hatte einen verdammt schlechten Tag gehabt und sich nicht anders zu helfen gewusst.

Ach, was sollte es. Passiert war passiert. Und jetzt würde er eben mit den Konsequenzen leben müssen. Liebe Güte, er hasste alles an diesem Satz. Am meisten das Wort Konsequenzen.

„Gott möge der armen Erzieherin beistehen, die sich mir dir herumschlagen muss“, murmelte Sam kopfschüttelnd. „Ich hoffe, sie hat eine Streitaxt und einen Elektroschocker in ihrer Handtasche.“

„Natürlich wird sie das. Sie arbeitet schließlich mit Kindern zu-“ Mitten im Satz brach Jake ab.

Moment. Erzieherin?

Er würde mit einem weiblichen Geschöpft zusammenarbeiten? Einer Frau, die den blöden Papierwisch unterschreiben musste, auf dem er seine Sozialstunden eintrug?

Seine Laune verbesserte sich schlagartig.

Baseball und Frauen. Das waren die zwei Dinge, die er verstand. Mit einer süßen, kleinen Erzieherin, die ihn in Ruhe ließ und möglicherweise hier und dort eine Stunde zu viel eintrug … ja, mit der konnte er arbeiten.

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und erleichtert ließ er sich in den Ledersitz zurücksinken. Möglicherweise würde die Sache mit den Sozialstunden doch kein allzu großes Problem werden.

„Warum lächelst du, Jake?“, fragte Sam alarmiert.

„Verbietest du mir jetzt auch schon, mich zu freuen?“

„Ja!“, rief Sam ohne zu zögern. „Denn dieses schäbige Lächeln ist abartig und ich will, dass du es sofort von deiner Visage wischst.“

Jakes Grinsen wurde nur noch breiter. „Du bist viel zu nervös, Sam. Ich habe mich nur gerade mit meinem Schicksal abgefunden. Ich meine, ein Haufen fünfjähriger Kinder – wie anstrengend können die schon sein?“ … wenn man sie nie zu Gesicht bekam.

Der PR-Manager schnaubte laut, die Augen skeptisch zu Schlitzen verengt. „Du hörst dich untypisch optimistisch an.“

Jake zuckte mit den Achseln. „Was soll ich sagen? Gott ist mir soeben erschienen und hat mir erzählt, dass alles gut werden wird.“

Sam verdrehte die Augen. „Einen Kerl, der dir zu fest mit einer Bibel auf den Kopf schlägt, hätte ich mitbekommen. Aber egal. Solange du keinen Blödsinn machst und dich ausnahmsweise mal zusammenreißt, werden wir kein Problem bekommen. Die Presse wartet nur auf einen weiteren Fehltritt, Jake. Also halt dich die nächsten Wochen einfach mal mit deinen Eskapaden zurück, okay?“

Jake hob spöttisch einen Mundwinkel. Für Sam war alles eine Eskapade.

Ein Dreier mit zwei Playmates? Eskapade.

Höschenweitwurf mit vier Cheerleadern im Stadion? Eskapade.

Sich betrinken und einen Spielplatz demolieren? Eskapade.

Wenn Sam ihn weiter so einschränkte, konnte er bald überhaupt nichts mehr tun, was Spaß machte.

„Weißt du, Sam“, sagte Jake im Plauderton und verschränkte die Hände in seinem Schoß. „Es ist ganz schön engstirnig von dir, mich so für meinen alternativen Lebensstil zu verurteilen. Mir wurde versichert, dass die Delphies ein Baseballteam aus Individualisten sind, die Raum für ihre kreative Entfaltung bekommen.“

„Entfalte dich, wie du willst“, sagte Sam trocken. „Werde von mir aus zum verdammten Origamischwan. Aber bleib unter dem Radar! Sonst muss Coach Thompson wirklich überlegen, dich für ein paar Spiele zu sperren.“

Jake presste die Lippen aufeinander und sah Sam düster an. Er war nicht dämlich. Er verstand eine Drohung, wenn er sie hörte. „Sam, ich will den Titel genauso gewinnen wie jeder andere Spieler“, sagte er gepresst. „Wenn nicht sogar mehr. Und mit Jimmy Rodriguez im Team haben wir die besten Chancen seit Jahren. Das ist mir klar. Ich werde nichts tun, was unseren Weg in die Playoffs und die World Series gefährdet.“

„Außer in den Sandkasten eines Spielplatzes zu pinkeln, meinst du?“

Jake machte eine wegwerfende Handbewegung. „Reitest du immer noch darauf rum? Das ist doch schon fast ein alter Hase.“

Eine neue Welle von Blitzlichtgewitter drang durch die Fenster und Jake verzog das Gesicht – sie hatten sein Haus also gleich erreicht. Gott sei Dank hatte er vor ein paar Monaten einen Zaun und ein Tor bauen lassen, die ihn vor unerwünschten Besuchern und Blicken schützten.

Er zog seinen Schlüssel aus der Tasche, öffnete das elektrische Tor, damit ihr Fahrer es passieren konnte, und lehnte sich dann mit geschlossenen Augen wieder zurück. An manchen Tagen genoss er es, im Rampenlicht zu stehen, eine Horde Paparazzi auf seinen Fersen zu haben, die ihm unmoralische Angebote hinterherschrien. Doch seit ein paar Monaten waren diese Tage immer seltener geworden. Wenn er ehrlich war, ging ihm der Medienrummel mittlerweile fast nur noch auf den Sack. Jeder wollte irgendetwas von ihm und er war es leid, zu springen, wenn jemand pfiff. Er wollte … Ruhe? Ja, vielleicht war es das. Vielleicht war es auch etwas anderes. Irgendetwas, das die Leere füllte, die sich abends klammheimlich in seine Brust stahl. Jake hatte versucht, es als Sodbrennen abzutun, doch so erfolgreich darin, sich selbst zu belügen, war er dann auch nicht.

Der Kies knirschte unter den Reifen, während sie die Auffahrt hochfuhren und schließlich vor seinem Haus hielten.

„Alles klar, für heute würde ich einfach drinnen bleiben“, schlug Sam vor. „Und morgen um acht hol‘ ich dich dann wieder hier ab.“

Belustigt hob Jake eine Augenbraue. „Abholen? Ich brauche keinen Aufpasser, Sam.“

„Das sieht Cole Panther anders. Ich werde dich zu deinem ersten Tag im Kindergarten begleiten.“ Sam grinste unschuldig. „Zumindest für die ersten zehn Minuten. Bis ich sehe, dass du dich eingewöhnt hast und dich mit den anderen Kindern verstehst.“

Jakes Kiefer knackte. Cole Panther war der Besitzer der Delphies, ein Freund, den Jake schon fast sein ganzes Leben lang kannte, und nicht zu vergessen eine riesige Nervensäge. Cole hasste es, wenn er Dinge nicht kontrollieren konnte – und Jake war eines dieser Dinge.

„Nimm’s nicht persönlich, aber fick dich, Sam“, sagte Jake leichthin und öffnete die Tür.

„Ich freu mich auch auf morgen“, rief der PR-Manager fröhlich, bevor Jake ihm die Tür ins Gesicht knallte.

Sie behandelten ihn wie ein verdammtes Kind! Als könne man ihn nicht allzu lange aus den Augen lassen, weil er sonst Chaos im Supermarkt veranstalten oder seiner Barbiepuppe die Haare abschneiden würde.

Er war sechsundzwanzig – und es reichte. Ja, die letzten Monate waren scheiße gewesen. Er wusste selbst, dass er … kompliziert gewesen war. Aber es war diese verdammte Stadt! Er hatte immer aus Philadelphia raus gewollt. So weit weg von seiner Familie wie nur möglich. Doch nachdem er zwei himmlische Jahre lang in Texas zum College gegangen war, hatten die Delphies ihn gedraftet – und was hätte er tun sollen? Seinen Traum, Profi-Baseballer zu werden, vergessen, weil er die Nähe seiner Mutter und seines Vaters nicht ertrug?

Sein Handy vibrierte und er zog es aus der Tasche, während er die drei Stufen zu dem weißen, viktorianischen Haus hochschritt, das mit dem weißen Balkon entfernt an eine Miniaturversion des Buckingham Palace‘ erinnerte.

Die Nachricht, die er bekommen hatte, bestand aus einem Satz:

 

Ihr Vater erwartet Sie heute Abend um sieben Uhr zum Dinner.

 

Jake schnaubte laut und steckte das Telefon zurück in die Tasche. Ja, das würde nicht passieren. Seine Laune hing ohnehin schon unter seinen Füßen. Da brauchte er nicht noch seinen alten Herrn, der genüsslich darauf herumtrampelte.
Genervt stieß er die Haustür auf und schälte sich aus seiner Anzugjacke, um sie an die Garderobe zu hängen. Er hatte Letztere für zehn Dollar bei Ikea erstanden und zusammen mit seinem Bett war sie das einzige Möbelstück, das Jake wirklich mochte.

Das Haus hatte er kurz nach seinem ersten Spiel bei den Delphies gekauft. Natürlich war es zu groß. Natürlich waren allein schon die Instandhaltungskosten absurd hoch. Natürlich war es komplett bescheuert, dass ein einzelner Mann dieses Haus bewohnte. Der Garten war größer als ein Baseballfeld und hatte einen verdammten See! Jake wusste das alles und wenn er ehrlich war, überlegte er schon seit Jahren umzuziehen. Es war zu leer. Zu einsam. Es fühlte sich an, als würde er in einem Museum leben.

Aber die Welt hatte von ihm erwartet, dass er genau so ein Haus kaufte. Und wenn man der Meinung der Welt widersprach, zog das unangenehme Fragen mit sich, die Jake sich einfach nicht hatte aufbürden wollen.
Außerdem hatte er sein Leben lang damit verbracht, die an ihn gestellten Erwartungen zu enttäuschen – war es da nicht mal eine nette Ausnahme, genau das zu tun, was die Leute von einem jungen, millionenschweren Baseballspieler dachten?
Nicht, dass ihm wichtig wäre, was die Leute von ihm hielten. Aber ihm war wichtig, dass die Leute ihm nicht auf den Sack gingen. Was im Moment viel zu viele taten.

Als wolle das Universum seinen letzten Gedanken unterstreichen, spazierte in diesem Moment Dexter O’Connor, Second Basemann der Delphies, aus seiner Küche. Einen Joghurtbecher in der Hand, barfuß.
„Hey, Jake“, grüßte er ihn mit vollem Mund. „Wusstest du, dass eine nackte Frau in deiner Küche steht?“

Mit leicht geöffneten Lippen sah Jake seinen Teamkollegen an. „Was?“, fragte er verwirrt.

„In deiner Küche steht eine Blondine und backt Muffins. Nackt“, stellte Dex klar. „Deine Haushaltshilfe?“

„Nein, die kommt immer montags, ich …“ Er blinzelte und schüttelte den Kopf. „Was zum Teufel tust du hier, Dex?“

„Du findest mich interessanter als die vollbusige Stripperbäckerin?“, hakte Dex mit verengten Augen nach. „Du solltest deine Prioritäten noch einmal überdenken.“

Stöhnend zog sich Jake die Schuhe aus und hängte seine Kappe zu seiner Jacke.

Während der letzten Monate hatte er einigen Leuten einen Schlüssel zu seinem Haus gegeben. Er konnte sich nur leider nicht ganz daran erinnern, wem.

Kaylie, seiner beste Freundin und Dexters Verlobten, auf jeden Fall. Dann George, dem Mann, den er zweimal die Woche fürs Putzen bezahlte. Harriet, einer Stewardess aus Boston, die ab und zu mal bei ihm vorbeischneite. Celine, einer Kellnerin aus der Sportsbar, die direkt gegenüber des Stadions lag … aber sonst? Sonst waren da nur verschwommene Gesichter.

Mhm. Vielleicht sollte er darüber nachdenken, weniger zu trinken. Und sein Türschloss auswechseln zu lassen.

„Keine Ahnung, wer das ist“, gab er schließlich zu und wollte schon selbst nachsehen, als eine Brünette aus seinem Wohnzimmer spazierte.

„Dachte ich mir doch, dass wir dich gehört haben“, sagte Kaylie lächelnd und blieb neben Dex stehen. „Sag mal, wusstest du, dass eine …“

„… nackte Frau in meiner Küche steht?“, ergänzte Jake seufzend. „Ja. Dein nerviges Anhängsel hat mich schon eingeweiht. Aber lieber eine nackte Frau in der Küche als im Schrank, oder?“

„Du hattest schon einmal eine nackte Frau im Schrank?“, wollte Dex interessiert wissen, während er weiter in Seelenruhe Jakes Joghurt auslöffelte.

„Du nicht?“, fragte Jake verwirrt. „Gott, ich habe mich zu Tode erschreckt, als sie zwischen meiner Kleidung rausgesprungen ist.“ Kopfschüttelnd lief er an seinen Freunden vorbei in Richtung Küche.

Kaylie schnaubte laut hörbar und folgte ihm. „Mich wundert es fast, dass du in deiner Wohnung noch keine Leuchtstreifen angebracht hast, die zum Ausgang führen. Damit deine Eroberungen nachts auch allein den Weg zur Tür finden.“

„Bitte, Kaylie. Ich bin ein Gentleman. Mein Chauffeur geleitet sie von meinem Schlafzimmer zum Auto.“

Richtig! Craig, seinem privaten Chauffeur, hatte er auch einen Schlüssel gegeben.

Kaylie schnipste ihm hart mit dem Finger gegen das Ohr. „Du bist ekelig, Jake!“

„Was denn?“, fragte er verärgert. „Die Frauen fühlen sich geehrt. Und was zum Teufel tut ihr überhaupt hier?“

Kaylie hob die Schultern und sah ihn ernst an. „Ich wollte nicht, dass du nach dem Gerichtstermin allein bist. Ich dachte, du freust dich vielleicht über Gesellschaft. Konnte ich ja nicht ahnen, dass du schon eine nackte Frau eingeladen hast.“

„Ich habe überhaupt niemanden eingeladen“, stellte Jake klar. „Und das ist sehr lieb, Kaylie, aber ich habe gerade absolut keine Lust darauf, zu reden.“ Sie würde ihn ja ohnehin nur danach fragen, was in letzter Zeit mit ihm los war. Und Jake war nicht bereit, ihr Antworten zu geben.

Er stieß die Küchentür auf und wurde von einem prallen, nackten Hintern begrüßt.

Ah, Silvana. Silvana stand in seiner Küche.

Von dem Geräusch überrascht, wandte sich sein Gast um. Mit strahlendem Lächeln sah sie Jake an, während sie Kaylie und Dex, die sie mit unverhohlener Neugier anstarrten, vollkommen ignorierte. „Da bist du ja“, sagte sie etwas außer Atem. Sie trug eine Schürze, die phänomenal darin versagte, ihre Brüste zu verpacken und so kurz war, dass sie wohl eher als Accessoire, nicht etwa als Kleidungsstück bezeichnet werden konnte. Abgesehen davon, dass sie hinten natürlich vollkommen offen war.

„Waren wir verabredet?“, fragte Jake stirnrunzelnd. Die Chance, dass er es einfach vergessen hatte, war relativ hoch.

„Oh, nein, nein“, meinte Silvana mit geröteten Wangen und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Aber du hast mir einen Schlüssel gegeben und gemeint, ich könne deine Küche nutzen, wann immer ich will, weil mein Herd doch kaputt ist. Und ich dachte, du freust dich vielleicht darüber, dass ich nackt bin, wenn du zurückkommst.“

Nun, auch wenn Jake die Geste zu schätzen wusste, er hatte da gerade absolut keinen Nerv zu. „Sorry Silvi, es ist gerade schlecht“, sagte er entschuldigend. „Wie du siehst, habe ich Freunde hier … könnest du ein andermal backen?“

Die Röte in ihren Wangen vertiefte sich und sie nickte hektisch. „Natürlich. Mir war nicht klar, dass du nicht allein sein würdest.“ Hastig machte sie ein paar Schritte nach vorne. „Die Muffins brauchen noch fünf Minuten, dann kannst du sie ja einfach aus dem Ofen holen.“

Im nächsten Moment flitzte sie an ihm vorbei und verschwand im Flur.

Das mochte Jake an seinen Freundinnen. Sie waren simpel gestrickt. Wenn er sagte, er wolle allein sein, verschwanden sie. Ohne zu meckern, ohne nachzufragen.

Von Kaylie konnte man das leider nicht behaupten.

Die Arme vor dem Körper verschränkt, sah sie zu ihm hoch. „Wir haben im Fernsehen gesehen, dass sie dich zu 140 Sozialstunden verdonnert haben“, bemerkte sie leise.

Jake hob eine Schulter. „Ja, passiert. Ich soll im Kindergarten arbeiten.“

Dexter schnaubte. „Passiert? Jake, so etwas passiert nicht einfach.“

Doch, in seinem Leben passierte so etwas einfach. „Meine Güte, wollt ihr mir jetzt auch noch eine Standpauke halten?“, fragte er angriffslustig. „Ich habe Mist gebaut. Geschenkt. Aber ich bin es langsam echt leid, dass mir deswegen alle auf den Geist gehen.“

„Ich mache mir nur Sorgen, Jake“, sagte Kaylie leise und berührte ihn sacht am Arm.

„Ach, ich mach mir keine allzu großen Gedanken“, meinte er unbekümmert. „Ein Kindergarten ist kein so schlechter Ort. Ich denke, ich kriege den Scheiß schon hin.“

„Das meinte ich nicht – auch wenn ich das bezweifle. Ich mache mir um dich Sorgen.“ Sie drückte seine Hand. „Du bist unglaublich rastlos und wütend in letzter Zeit. Und ich habe keine Ahnung, warum das so ist.“
Oh, Jake hatte da eine Vermutung. Vor vier Monaten war er das erste Mal seit Jahren wieder bei seinen Eltern zum Essen gewesen. Jahrelang hatte er nichts von seinem Vater gehört – und dann rief er an, um Jake zu erzählen, wie sehr sein kindisches Benehmen seinem Ruf schade. Sechsunddreißig beschissene Monate kein Wort – und dann das! Ja, das war so ziemlich der Anfang vom Ende gewesen. Jake hatte noch am selben Tag den Vertrag mit den Delphies gekündigt und seinem Agenten gesagt, dass er Ende der Saison wechseln wolle. Also: Natürlich war er rastlos. Denn er wollte verdammt noch mal nicht hier sein! Nicht in dieser Stadt, nicht in diesem Haus, nicht an diesem Punkt in seinem Leben, an dem nichts mehr von Wert zu sein schien.

„Mir geht es gut, Kaylie“, sagte er mit Nachdruck. „Ich bin im Moment einfach etwas … genervt von allem. Das ist alles. Es wird vorübergehen.“

Nicht überzeugt sah seine beste Freundin ihn an. „Du weißt, dass du immer mit mir reden kannst, oder? Mit Dex übrigens auch. Und mit Ryan und Grace und Ty und …“

„Ich weiß“, unterbrach er sie unruhig. Er fühlte sich nur nicht danach, seine lächerlichen Probleme auf fremden Schultern abzuladen. Der reiche, sorglose, gutaussehende Frauenheld mit der guten Bildung und dem perfekten Haus und dem riesigen Talent war unzufrieden mit seinem Leben. Buhu.

Kein Gespräch, das ihm sonderlich erstrebenswert erschien. Er hatte es nicht einmal verdient, unglücklich zu sein. Meine Güte, er hatte so viel mehr als neunzig Prozent der Bewohner dieses Landes. Er hatte nicht das Recht zu jammern. Also würde er sich zusammenreißen, die nächsten drei Monate überstehen und dann für immer verschwinden. Irgendwo neu anfangen. Neue Stadt, neues Leben, neue Wohnung … neue Freunde. Ja, das war vielleicht der einzige Wermutstropfen an der Sache. Aber ein Opfer, das er bereit war zu bringen.

„Kay, ich werde mich die nächsten Monate zurückhalten, okay? Weniger Mist bauen. Mich aufs Spiel konzentrieren. Ich will den beschissenen Pokal gewinnen und nichts wird mich davon abhalten, also …“ Er atmete tief durch und lächelte matt. „Wünsch mir einfach Glück mit dem Kindergarten morgen und geh mit deinem Lover hier nach Hause. Damit ihr Barbie und der Nussknacker gucken könnt – oder was immer Dex noch gerne so tut.“

Kaylie seufzte. „Schön. Und du bist sicher, dass du aus der Kindergartensache nicht rauskommst? Können sie dich nicht Müll am Straßenrand aufsammeln lassen?“

„Wieso sollten sie?“, fragte er verblüfft.

„Weil ein Kindergarten der verdammt falsche Ort für dich ist, Jake!“, stellte Kaylie lachend fest.

„Warum?“

„Nun, erstens: Du fluchst. Oft. Sehr oft. Andauernd. Das Wort Scheiße ist seit drei Jahren in Folge Gewinner deines Wortschatzes.“

„Na und? Die Kinder lernen die beschissenen Worte doch ohnehin irgendwann.“

„Ja, aber die Eltern wollen, dass sie sie nicht aus dem Kindergarten mitbringen! Also: Nicht vor den Kindern fluchen.“

„Jaja“, sagte er und winkte ab. So schwer konnte das wirklich nicht sein. „Ich komm klar.“

Er hatte ohnehin nicht vor, mehr als einmal hinzugehen. Danach würde er die Erzieherin sicher soweit haben, dass sie ihm einfach wöchentlich den Wisch unterschrieb und ihn seines Weges gehen ließ.

Er packte Kaylie an den Schultern, drehte sie um und schob sie aus der Küchentür den Flur hinab. Dexter folgte ihnen, diesmal ohne Joghurt. Den hatte er gerade aufgegessen.

„Lass dir von Kay nichts einreden“, sagte er kopfschüttelnd. „Du wirst einen guten Job machen.“ Er grinste knapp. „Und solange du weiter deine Homeruns schlägst, werden wir Jungs dir nicht allzu sehr damit auf die Nerven gehen, dass du überall Kinderrotz haben wirst.“ Gönnerisch schlug er Jake auf die Schulter, bevor er sich seine Schuhe anzog.

Jake verdrehte nur die Augen. „Mach dir darüber mal keine Sorgen. Bisher ist das die beste Saison meines Lebens und das wird sich in nächster Zeit nicht ändern.“

„Gute Einstellung.“ Dex nickte zufrieden und öffnete Kaylie die Tür. „Siehst du, Kay? Ich hab dir doch gesagt, er weiß noch, was wichtig ist.“

„Baseball ist nicht das Wichtigste“, sagte sie gereizt.

Doch, war es. Aber Jake wusste es besser, als die Worte laut auszusprechen. „Bis Sonntag beim Spiel, Kay“, verabschiedete er sie und drückte sie kurz an sich.

„Schön“, murrte sie. „Und wenn du doch noch reden willst …“

„Rufe ich dich an“, versprach er.

„Gut.“ Sie hob die Hand und im nächsten Moment verschwand sie mit Dexter aus der Tür.

Jake blieb in der riesigen Leere des anmaßend großen Hauses zurück. Schwer seufzend legte er den Kopf in den Nacken und starrte an die stuckverzierte Decke. Er wollte etwas ändern. Jetzt.

Aber er wusste nicht, was.

Alles war zu … gigantisch. Zu weit weg, um es genauer betrachten zu können. Und war das nicht seit jeher sein Problem gewesen?

Sein Leben war schon immer zu groß gewesen. Viel zu unhandlich. Die Fußstapfen vor ihm zu riesig. Die Messlatte zu hoch. Der einzige Bereich seines Lebens, in dem er die Anforderungen auch noch übertroffen hatte, war Baseball.

Das Stadion war seit jeher sein Zufluchtsort gewesen. Das Spiel das einzige, was ihn beruhigen konnte. Baseball war nun einmal sein Leben. Und Jake wollte es so. Hatte es immer so gewollt. Und er sollte verdammt sein, wenn er sich seine letzte Saison bei den Delphies von einem Haufen Kindergartenkindern kaputtmachen ließ!

 

 

Kapitel 2

 

„Sind Sie sich sicher?“

„Natürlich bin ich mir sicher.“

Die Kassiererin schürzte missbilligend die Lippen. „Sie sehen nicht sicher aus.“

Olivia Green zwang sich zu einem Lächeln und versuchte sich daran zu erinnern, dass sie ein guter Mensch war. „Soll ich mir vielleicht ein Ausrufezeichen auf die Stirn malen und ein Fahrradschloss um meinen Hals hängen, damit ich sicherer aussehe?“, fragte sie betont freundlich. „Es sind vier Packungen Spaghetti für zwei Dollar. Es ist Ihr Aktionspreis, sollten Sie da nicht besser informiert sein?“

„Mhm, ich weiß nicht. Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich übers Ohr hauen.“

Oh, Liv wollte sie hauen. Aber nicht übers Ohr. „Dann schauen Sie von mir aus selbst nach!“, fuhr sie gereizt auf und warf einen kurzen Blick auf ihre Handyuhr. Sie war spät dran. Ihrem Zeitplan nach sollte sie seit zwei Minuten in ihrem Auto auf dem Rückweg zur Wohnung sitzen, damit sie um sieben Uhr vierunddreißig ein Brot hinunterschlingen konnte, um sieben Uhr zweiundvierzig mit ihrer Nichte im Wagen sitzen und auf dem Weg zu Arbeit sein konnte.

„Janie!“, rief die Kassiererin laut über ihre Schulter zu einer Kollegin, die Preisschilder auf Dosenbohnen klebte. „Janie, sag mal, sind die Spaghetti gerade billiger? Die Kundin meint, vier Packungen würden nur zwei Dollar kosten?“

Ungeduldig tippe Liv mit dem Fuß auf den Boden, während die Menschen in der Schlange ihr genervte Blicke zuwarfen.

„Es sind fünfzig Cents, die Sie sparen“, zischte der Anzugträger hinter ihr ungehalten. „Können Sie nicht einfach darauf verzichten und gehen?“

Liv ließ ihren Blick flüchtig über seine Erscheinung wandern und schnaubte laut. Natürlich hielt der Mann, der Schuhe im Wert von zwei ihrer Monatsmieten trug, fünfzig Pence für eine lächerliche Summe. Aber Liv war sich sicher, dass er sich auch noch nie in seinem Leben zwei Wochen lang von Spaghetti ernährt hatte, damit er seiner Nichte ein neues Paar Schuhe kaufen konnte. Und bestimmt war er noch nie drei Meilen zur Arbeit und wieder zurückgelaufen, weil die Benzinkosten sein monatliches Budget überschritten hatten. Nein, er ließ sich für zweihundert Dollar die Haare schneiden, trug einen Anzug mit eingenähten Diamanten und eine Krawatte aus Seide. Kurzum: Er wusste einen Dreck darüber, was fünfzig Pence für einen Unterschied machten.

„Kümmern Sie sich um Ihr Geld, ich kümmere mich um meins, in Ordnung?“, sagte sie süßlich und wandte ihm demonstrativ den Rücken zu.

„Sind vier für zwei Dollar, Maddy!“, rief die zweite Verkäuferin zurück. „Ist ‘ne Wochenaktion.“

„Mhm, schön“, murrte die Kassiererin unzufrieden und tippte etwas in ihren Computer. „Das macht dann fünfundsechzig Dollar und fünfunddreißig Pence.“

Liv schluckte bei der Summe und zog ihre Kreditkarte durch das Gerät hinter dem Kassenband. Damit hatte sie noch … zweiundvierzig Dollar und vierzig Pence auf ihrem Konto. Für die nächsten fünf Tage. Sie bezweifelte, dass ihre Schwester Kristen mehr vorzuweisen hatte. Und sie musste noch tanken. Außerdem war am zweiten August die Miete fällig. Sie konnten nicht schon wieder zu spät zahlen, sonst würde ihr Vermieter platzen und Liv hatte nicht das Geld, um eine professionelle Reinigung zu zahlen und das Blut entfernen zu lassen.

Tief atmete sie durch, bedankte sich bei der Kassiererin für ihre Geduld – denn Höflichkeit kostete nichts – und packte ihre Einkäufe. Es war egal. Laney hatte neue Schuhe, die nicht auseinanderfielen, sobald man sie zu intensiv ansah, und für die nächste Woche hatten sie Essen im Haus. Das war doch auch schon einmal etwas wert. Liv hätte zwar lieber ein fliegendes Einhorn und eine Matratze im Bett, die nicht bis zum Boden hing, aber hey, man konnte nicht alles haben.

 

Vierzehn Minuten später parkte sie vor dem Plattenbau, in dem sie zusammen mit ihrer Schwester und ihrer Nichte wohnte, klemmte sich die Tüten unter die Arme und hastete zur Tür, die Gott sei Dank nur angelehnt war. Sie war sieben Minuten zu spät und würde wohl auf ihr Brot verzichten müssen, aber das war in Ordnung, im Kindergarten würde es Essen geben.

Sie sprintete die Treppen hoch und als hätte ihre Schwester die polternden Schritte gehört, öffnete sie die Wohnungstür, noch bevor Liv den letzten Absatz erreicht hatte.

„Du bist spät dran“, stellte sie fest und nahm ihr eine der Tüten ab. „Hast du dich wieder mit der Kassiererin angelegt?“

Liv zog eine Grimasse, streifte ihre Schuhe an der Fußmatte ab und trat in die Wohnung. „Ich genieße die genervten Blicke der anderen einfach zu sehr“, sagte sie und seufzte melancholisch. „Worauf sollte ich mich denn sonst beim allwöchentlichen Einkauf freuen?“

Kristen grinste und strich sich die hellblonden Haare in den Nacken. „Auf den süßen Kassierer von Kasse fünf natürlich.“

Stirnrunzelnd schloss Liv die Tür hinter sich. „Wer?“

„Na, der blonde Typ mit der grünen Schürze, der hinter der Kasse sitzt und dich immer anlächelt.“

„Mhm, keine Ahnung, wovon du redest“, meinte sie achselzuckend. „Ich habe keine Zeit, mir irgendwelche Kassierer anzusehen.“

Kristen verdrehte schmunzelnd die Augen. „Weißt du, dich könnte ein heißer, nackter Mann anspringen und Ich will dich rufen. Du würdest einfach ausweichen und weitergehen.“

„Natürlich würde ich das. Er hört sich nach einem ziemlichen Perversling an“, gab Liv zu bedenken. „Ich meine, wir befinden uns auf einer öffentlichen Straße. Ich würde die Polizei rufen.“

Sie schob die Tüte höher ihren Arm hinauf und ging in die Küche.

„Oli, Oli, guck mal!“, begrüßte ihre am Tisch sitzende Nichte sie aufgeregt und hielt etwas hoch, das sehr nach einem angeranzten Stück Salami aussah. Stolz schwang sie es durch die Luft. „Ich hab‘ einen Schmetterling aus Fleisch gebastelt.“

Livs Mundwinkel zuckten und fachmännisch betrachtete sie das Kunstwerk. „Sehr schick“, sagte sie, bevor sie Laney einen Kuss auf den Kopf gab.

„Laney, was habe ich dir dazu gesagt, mit deinem Essen zu spielen?“, tadelte Kristen ihre Tochter. „Ich hoffe, der Schmetterling fliegt auf direktem Wege in deinen Mund.“

Laney grinste breit, stopfte sich die Salami in die Backen und sprang vom Stuhl auf. „Fertig, ich zieh‘ mich an. Oli ist spät dran, aber ich nicht!“ Kopfschüttelnd hob sie den Zeigefinger in Livs Gesicht, bevor sie durch die Küche in Richtung des Zimmers rannte, das sie sich mit ihrer Mutter teilte.

Kristen lachte leise und fing an, die Tüten auszuräumen. „Du hast es gehört, Oli. Du beeilst dich besser.“

Liv verdrehte die Augen. Laney hatte irgendwann beschlossen, dass ihr Liv als Spitzname zu langweilig war. Und da sie eigentlich Olivia hieß, war die naheliegende Wahl Oli gewesen. „Ich gebe mein Bestes“, meinte Liv lächelnd. „Und sieh du lieber nach Laney, bevor sie wieder versucht, in ihrem Lieblingspyjama in den Kindergarten zu gehen. Ich weiß, Winnie Pooh ist zeitlos … aber die anderen Kinder werden neidisch.“

„Du hast recht. Außerdem kommt doch heute der heiße Baseballer das erste Mal, oder?“ Sie wackelte mit den Augenbrauen. „Da soll Laney gut aussehen.“

Liv verdrehte die Augen. „Er ist nicht heiß.“

Bestimmt richtete Kristen einen Zeigefinger auf sie. „Nimm das zurück. Jake Braker ist das Schönste, was die MLB zurzeit zu bieten hat.“ Verträumt legte sie eine Hand auf die Brust. „Gott, ich wette, seine Haare sind ultraweich. Kannst du das für mich mal testen?“

„Jake Braker ist ein Verbrecher und ein arrogantes Arschloch.“ Zumindest sagte Chloe, Livs beste Freundin, das immer. Und die wusste, wovon sie sprach. Sie umgab sich andauernd mit Baseballern. Außerdem: Wie nett konnte ein Typ, der mutwillig einen Kinderspielplatz zerstörte, schon sein? „Ich werde ihn nicht fragen, ob ich seine Haare mal berühren darf.“
„Nein, natürlich nicht. Das wäre auch komisch. Du tust einfach so, als hätte er eine Fluse im Haar und dann –“

Liv schnaubte laut und nickte zur Küchentür. „Geh Laney helfen!“

Wenn sie ehrlich war, war Jake Braker das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte. Für egomanische Männer hatte Liv nicht viel übrig. Doch ihr Chef war der Meinung gewesen, dass sie am besten dafür geeignet war, mit einem arroganten Sportler umzugehen. Außerdem bekam sie einen höheren Stundenlohn und irgendwie … ja, irgendwie war sie ja auch schuld daran, dass Mr. Braker Sozialstunden abarbeiten musste. Es erschien ihr also fast fair, dass sie sich mit ihm herumschlagen musste.

„Schön, schön“, sagte Kristen unschuldig und hob die Hände in die Höhe. „Ich sag‘ nichts mehr – wenn du zugibst, dass er heiß ist.“

„Er ist nicht hässlich. Zufrieden?“ Ein genaueres Urteil konnte Liv beim besten Willen nicht fällen, da sie ihn ehrlich gesagt nie allzu genau betrachtet hatte. Klar, sie war öfter mal im Fernsehen oder in der Zeitung über sein Bild gestolpert. Aber Baseball interessierte sie einfach nicht genug, als dass sie Jake Braker mehr Aufmerksamkeit schenken würde.

„Es ist ein Anfang“, sagte Kristen seufzend. „Übrigens …“ Unwohl kratzte sie sich an der Schläfe. „Ich hasse es, darüber zu reden, aber … ich muss mir für die Uni ein paar Medizinbücher kaufen und die sind scheiße teuer. Ich werde sie gebraucht nehmen, aber …“ Sie seufzte und Sorge trat in ihre Züge. „Es ist viel, Liv. Verdammt viel. Vielleicht sollte ich mit dem Studium pausieren. Nur für ein Jahr oder so. Geld sparen, und –“

„Nein, kommt überhaupt nicht in Frage“, unterbrach Liv ihre Schwester sofort. „Du wolltest schon immer Tierärztin werden! Seit du mit drei Jahren einen Regenwurm mit Klopapier umwickelt hast, weil er offensichtlich beide Beine verloren hatte. Es ist dein Traum – und den solltest du nicht auf Eis legen.“
Kristen lächelte schwach und tätschelte ihr die Schulter. „Aber du musst es ausbaden, Liv. Ich liebe dich dafür, dass du für mich da bist und mir mit Laney und der Uni hilfst – ohne dich wären wir aufgeschmissen. Aber ich möchte nicht der Grund dafür sein, warum du dein Leben auf Sparflamme lebst. Du arbeitest dich zu Tode. Du hast doch bestimmt auch Träume. Wünsche. Lust, mal wieder auf ein Date zu gehen.“

Wenn sie ehrlich war, fehlte Liv einfach die Zeit, um über triviale Dinge wie Wünsche, Träume und Dating nachzudenken, deswegen schüttelte sie den Kopf. Kristen war dreiundzwanzig. Sie hatte ihr Leben noch vor sich. Sie war unfassbar klug, schrecklich fleißig, studierte Tiermedizin, arbeitete und zog gleichzeitig noch eine Fünfjährige auf. Ihr eigener Vater hatte sie sitzen lassen, der One-Night-Stand, aus dem Laney stammte, hatte sie sitzen lassen – und Liv würde nicht dasselbe tun. Solange sie einander hatten, würden sie es schon irgendwie hinbekommen. Sobald Kristen mit dem Studium fertig war und ihr eigenes, gutes Leben finanzieren konnte, würde Liv sich auf sich selbst konzentrieren.

„Mach dir keine Gedanken, Krissy, wirklich“, murmelte sie und drückte sie an sich. „Wir kriegen das schon hin. Wir sind die drei Musketiere. Ich … ich werde das Ganze durchrechnen und dann noch mal mit dir reden. Leg mir dir Rechnung einfach aufs Bett.“

Kristen nickte und löste sich von ihr, bevor sie unwohl an ihrer Unterlippe zupfte. „Ich hab‘ dich lieb, Liv. Und da du ohnehin schon mies drauf bist … Mom hat angerufen.“

Augenblicklich presste Liv die Lippen zusammen. „Was will sie?“

„Dasselbe wie immer: Mit dir reden und um Verzeihung bitten.“

Liv schnaubte verächtlich. „Hast du ihr gesagt, dass das nicht passieren wird?“

„Nein … sie hat sich traurig angehört. Ich wollte ihr nicht das Herz brechen.“

Schwer seufzend wandte Liv sich ab und zog die Milch aus der Einkaufstüte.

Kristen war einfach zu weich. Sie hatte das größte Herz, das man sich vorstellen konnte, machte dort aber leider auch einer Menge Menschen Platz, die ihre Liebe überhaupt nicht verdient hatten.

Es war schon immer Livs Aufgabe gewesen, die harte, toughe und rational durchgreifende Schwester zu sein, während Kristen jedes halbtote Vögelchen vom Straßenrand aufgehoben hatte und den größten Arschlöchern nach nur einem Lächeln verzieh.

Sie glaubte daran, dass Menschen sich ändern konnten. Dass man ihnen nur eine zweite Chance geben musste. Aber Liv wusste es besser. Menschen waren selbstsüchtige, eigennützige Wesen, die ihre eigenen Kinder im Stich ließen, wenn es sich gerade anbot. Und ihre Mutter … ihre Mutter war vielleicht die Schlimmste von allen.

„Geh zu Laney, Kristen. Ich kümmere mich um den Rest, okay?“, sagte Liv bemüht fröhlich.

„In Ordnung … aber ich werde nur weiter studieren, wenn du demnächst mal wieder ausgehst! Dir einen Abend für dich nimmst.“

„Jaja, werde ich machen“, log sie und wedelte mit der Hand in Richtung ihrer Schwester. „Jetzt geh zu deiner Tochter, bevor sie sich mit ihrer Strumpfhose stranguliert.“

„Aye, Aye, Sir!“ Im nächsten Moment war Kristen verschwunden.

Liv räumte die Einkäufe aus und ließ sich schließlich auf den Stuhl am Küchentisch sinken. Sie war erschöpft, dabei war es nicht einmal acht Uhr. Seufzend vergrub sie das Gesicht in den Händen, sog tief Luft zwischen den Fingern ein, stieß sie wieder aus, sog sie wieder ein … so wie sie es täglich ungefähr dreimal machte, um sich selbst zu beruhigen. In ihrem Kopf tanzten die Zahlen durcheinander und egal, wie sie sie hin- und herschob – es reichte nicht.

Sie hatte ihren eigenen Studienkredit zu bezahlen. Sie hatten die Miete. Die Versicherung des Autos. Das Benzin. Das Essen. Die Kleidung. Die Kosten für Laney.

Der Berg an Dingen in ihrem Kopf, die sie zu erledigen hatte, die sie zu zahlen hatte, wurde immer größer, immer wackeliger … Schluss jetzt.

Abrupt richtete sie sich auf und biss die Zähne aufeinander. Sie hatte bisher noch immer eine Lösung gefunden! Das Geld, das sie zusätzlich bekommen würde, weil sie drei Monate lang Jake Braker babysittete, würde helfen. Und sie würde heute Nachmittag bei der Eventfirma anrufen, für die sie nebenbei kellnerte, und um mehr Jobs bitten. Sie würden eben noch etwas sparsamer leben müssen. Öfter zu Fuß laufen anstatt mit dem Auto zu fahren.
Gott, sie hätte die Schrottkarre ja schon längst verkauft, wenn ihr jemand mehr als zwei Dollar dafür gezahlt hätte.

Es war egal. Unterm Strich würden sie es schaffen – schlicht und ergreifend aus dem Grund, weil sie es schaffen mussten.

Sie richtete sich in dem Stuhl auf, atmete ein letztes Mal durch und sprang wieder auf die Füße. Sie war ohnehin schon spät dran, da konnte sie nicht noch Zeit damit verschwenden, sich selbst zu bemitleiden.

Meine Güte, sie war gerne der Fels in der Brandung. Sie war gerne diejenige, die die Lösung für alles fand. Aber manchmal … manchmal wünschte sie sich, in den Arm genommen zu werden, während ihr jemand erklärte, dass alles gut werden würde. Denn egal, wie oft sie sich das erzählte – es fiel ihr immer schwerer, sich selbst zu glauben.

 

 

Kapitel 3

 

Jake hatte gestern Abend auf den Alkohol verzichtet – und trotzdem klingelte es in seinen Ohren. Mit verengten Augen starrte er den dunkelhaarigen Jungen an, der ihm gegenüber an der Miniaturgarderobe saß und mit den Fingern ein Handy malträtierte, bei dem jemand vergessen hatte, die Tastentöne auszustellen. Während seine kleinen Patschehändchen das Telefon misshandelten, sah er grinsend zu Jake auf. So als würde er sich die Mühe nur machen, um ihn absichtlich zu nerven. Erfolgreich.

„Sam, komm“, sagte eine ungeduldige Stimme und Jake erkannte eine mollige Frau Ende dreißig mit müden Augen und ungekämmten Haaren und genauso patschigen Händen wie das Handymonster. Der Junge sprang auf und flitzte in die Richtung seiner – wie Jake vermutete – Mutter, bevor sie durch eine gläserne Tür in einen engen Flur verschwanden.

Sam. Ja, der Name erschien passend. Sams waren eindeutig die Personen, die Jake zurzeit am meisten auf den Sack gingen.

„Du wirst so viel Spaß haben, Jake“, sagte der große Sam in genau diesem Moment neben ihm. Jake musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er breit grinste. Er wollte schon den Mund öffnen, um etwas nicht sehr Nettes zu erwidern, als plötzlich schrilles Geschrei durch die Glastür drang, hinter der der kleine Sam gerade verschwunden war. Lautes, ohrenzerreißendes Gebrüll, das Jake zusammenzucken ließ.

Sam lachte leise. „Hört sich an, als gäbe es da ein paar unzufriedene Kinder.“

„Oder Affen“, murmelte Jake grimmig. Und er war sich nicht sicher, ob ihm Tiere nicht lieber wären.

„Weißt du, Jake, eine etwas optimistischere Einstellung könnte dir nicht schaden“, sagte Sam leichthin. „Chloe meinte gestern, dass das eine Chance für dich sein könnte, dich menschlich weiterzuentwickeln.“
Jake verengte die Augen. „Ich würde die Worte deiner Freundin ja ernst nehmen, aber Chloe hasst mich.“

Sam grinste. „Ja. Sehr. Aber nur, weil du mir das Leben schwer machst. Nimm es also nicht persönlich.“

Augenverdrehend lehnte Jake sich gegen die Wand zurück. Sams Freundin hatte sich nie für ihn erwärmen können und wurde nicht müde, seinen Frauenverschleiß zu kritisieren. Aber er machte ihr da keine Vorwürfe. Er wäre womöglich auch verbittert, wenn er mit Sam zusammenwohnen würde, der beruflich Spielverderber war.

„Nicht, dass ich diese anregende Unterhaltung nicht gerne mit dir weiterführen würde, Sammy“, sagte Jake gelangweilt. „Aber wieso sitzen wir hier eigentlich dumm rum?“
Der PR-Manager grinste. „Weil du abgeholt wirst, Jake. Ist doch klar. Deine Aufpasserin müsste jeden Moment kommen.“ Er stand auf und zupfte sich die Falten aus der Hose. „Ich geh‘ mal kurz zur Toilette. Also beweg dich nicht und belästige keine jungen Mütter, in Ordnung?“

Er verschwand in die entgegengesetzte Richtung der Glastür.

Seufzend fuhr Jake sich durch die Haare und streckte die langen Beine aus. Das alles hier fühlte sich wie die reinste Zeitverschwendung an. Er könnte gerade auf dem Feld stehen und Schlagübungen machen. Er könnte die nackte Silvana beim Muffinbacken beobachten. Er könnte sich die Spieltapes des letzten Jahres ansehen, seine Technik analysieren und verbessern.

Stattdessen saß er auf der ungemütlichen Holzbank, die für Schneewittchens sieben Zwerge geschaffen worden zu sein schien, und wartete auf die arme Erzieherin, der er gleich den Kopf verdrehen würde, damit er sie nach seinem Willen manipulieren konnte. Er hoffte inständig, dass sie wenigstens gut aussah.

Als hätte Gott seinen Gedanken gelauscht, ging in genau diesem Moment die Glastür auf. Jake fuhr herum und erkannte eine junge Frau, die zielstrebig auf ihn zulief. Abrupt sprang er von der Bank auf, setzte ein Lächeln auf und ließ den Blick über ihre Erscheinung schweifen.

Sie trug schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt und war so klein und schmal, dass sie eins der Kinder hätte sein können. Ihr Gesicht war nichtssagend. Sie hatte diese dreckigen blonden Haare, die gefärbt gehörten, eine kleine, mit Sommersprossen gesprenkelte gerade Nase, die viel zu hoch in die Luft gereckt war, und hellgrüne Augen, die ihn argwöhnisch betrachteten. Das Einzige, das interessant an ihr war, war ihr breiter Mund. Sie hatte dreist volle Lippen und wäre der Rest ihres Gesichtes nicht gewesen, hätte Jake sie vielleicht als sexy bezeichnen können. Leider zerstörte die kleine Person den Moment jeglichen anfänglichen Sex-Appeals, indem sie den Mund öffnete. „Hey. Du musst der Verbrecher sein.“

Jakes Augenbrauen flogen in die Höhe.

Okay. Offensichtlich war Aschenputtel auch nicht verzückt darüber, sich mit ihm herumzuschlagen. Aber das war in Ordnung, damit konnte er arbeiten. Sie war zwar nicht unbedingt hübsch, aber auch nicht hässlich und es war ja nicht so, dass Jake eine gute Herausforderung nicht zu schätzen wusste.

„Hey“, erwiderte er lächelnd und streckte die Hand aus. „Ich bevorzuge Jake. Verbrecher ist so unelegant.“

„Aha“, sagte sie trocken, ergriff seine Hand mit überraschend festem Griff und verengte die Augen. „Dann Jake. Ich bin Olivia und für die nächsten Monate dein Boss.“

Mann, was für eine äußerst sympathische Frau. „Sehr sexy. Frauen in Führungspositionen.“

„Ja, als Erzieherin ist das natürlich von äußerster Wichtigkeit“, erwiderte sie tonlos. „Wenn ich nicht sexy wäre, würden die Kinder mir auf der Nase herumtanzen.“

Jake lächelte, unsicher darüber, ob sie gerade einen Witz oder sich über ihn lustig gemacht hatte. Ihre Miene war das reinste Fort. Absolut unleserlich. Sie wirkte nicht einmal … interessiert an ihm. Sie war nicht einmal errötet, als sie ihn gesehen hatte. Ihr Blick war weder neugierig noch anerkennend. Sie sah ihn an, als wäre er der Typ, der einen Kratzer im Lack ihres Autos hinterlassen hatte. Leicht genervt, aber dennoch geduldig.

Was war los mit ihr? Er war Jake Braker! Er war berühmt. Mit sechsundzwanzig bereits eine Sportlerlegende. Er war letztes Jahr zum Sexiest Man Alive gewählt worden, Herrgott!

„Also, Jake“, fuhr sie sachlich fort. „Wie viel Erfahrung hast du im Umgang mit Kindern?“

Er kratzte sich das stoppelige Kinn, immer noch verwirrt über ihre Reaktion auf ihn, und zuckte schließlich mit den Schultern. „Nun, ich war selbst irgendwann mal eins und ich schicke einer Menge von ihnen unterschriebene Baseballkarten, also ...“

„Also gar keine“, beendete sie den Satz für ihn und seufzte laut. So als wäre er es, der ihre Zeit verschwendete und nicht andersherum. „Gut, pass auf, bevor wir gleich reingehen und ich dich den Kindern vorstelle, ist es vielleicht gut, wenn du ein paar Grundregeln verstehst.“ Sie hob einen Finger. „Erstens: Du fluchst nicht vor den Kleinen. Zweitens: Falls du jemals nach Alkohol riechen solltest, wenn du hier auftauchst, rufe ich die Richterin an. Drittens: Du bist immer pünktlich, wirst nicht laut vor den Kindern, triffst keine Entscheidung, ohne mich um Erlaubnis zu fragen und lässt dein aufgeblasenes Ego zu Hause, alles klar?“ Erwartungsvoll hob sie eine Augenbraue.

Jake starrte sie mit leicht geöffneten Lippen an. Sah in ihre versteinerte Miene, die keinen Widerspruch zuließ – und mit einem verrückten Gefühl von Verwunderung und Unverständnis musste er eine schockierende Tatsache anerkennen. „Du magst mich nicht“, sagte er schlicht und machte verdutzt einen Schritt zurück. „Du hältst mich für ein verantwortungsloses Arschloch. Du kennst mich nicht, aber … du findest mich jetzt schon zum Kotzen.“

Dass er in der Tat ein verantwortungsloses Arschloch war, tat jetzt nichts zur Sache.

Langsam verschränkte sein Gegenüber die Arme vor der flachen Brust, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. „Du hast betrunken einen Kinderspielplatz demoliert. Ich finde, das sagt eine Menge über einen Menschen aus.“

„Ach, bitte. Hast du noch nie betrunken etwas kaputtgemacht?“, fragte er gereizt.

„Nein“, sagte sie ohne mit der Wimper zu zucken.

Scheiße, er glaubte ihr. Sie sah so furchtbar langweilig aus, dass sie bestimmt auch noch nie Gras geraucht oder einen Stripclub besucht hatte. Wahrscheinlich verbrachte sie ihre Wochenenden damit, ihre Sockenschublade nach Farben zu sortieren.

„Hast du die Regeln verstanden?“, hakte sie nach einer Weile nach, als Jake noch immer nichts gesagt hatte. „Oder soll ich sie dir lieber aufschreiben? Der ganze Alkohol hat womöglich dein Erinnerungsvermögen beeinträchtigt. Und wie viele Baseballs hast du schon gegen den Kopf bekommen?“

Jake lachte trocken auf. Unglaublich.

Gespielt getroffen legte er sich eine Hand auf die Brust, das Gesicht zu einer Trauermiene verzogen. „Weißt du, ich bin aufgeschlossen und voller Reue hier aufgetaucht …“

War er nicht.

„Und innerhalb von zwei Sekunden unterstellst du mir, dass ich betrunken hier erscheinen und den Kindern meine Lieblingsschimpfwörter beibringen werde, während ich ihnen wahrscheinlich auch noch erzähle, dass Terrorismus toll ist. Du bist ganz schön verurteilend, Oleander.“

„Olivia oder Liv“, korrigierte sie ihn sofort und zu Jakes Genugtuung liefen ihre Wangen rosa an. Wenigstens hatte er es geschafft, dass sie sich unwohl fühlte. Das war zwar nicht seine bevorzugte körperliche Reaktion bei Frauen, aber besser als gar keine.

Tief atmete die kleine Blondine durch, bevor sie die Augen schloss und ihn schließlich mit festem Blick fixierte. „Okay, hör mal: Ich wollte dir überhaupt nichts unterstellen, aber dein Ruf eilt dir nun einmal voraus und –“

„Und?“, fragte Jake interessiert und wippte auf seine Fersen zurück. „Du siehst aus wie zwölf und ich wette, ein Fünfjähriger könnte dich mit einem Arm niederringen … aber zweifele ich deine Kompetenz als Kindergärtnerin an?“
„Die offizielle Bezeichnung ist Erzieherin und da mir vollkommen egal ist, was du von mir hältst: Tu dir keinen Zwang an. Kritisier mich ruhig.“ Sie winkte ab und ein unschuldiges Lächeln stahl sich auf ihre Züge. „Ich meine … ich bin es ja, die der Richterin mitteilen muss, ob du deine Arbeit hier ernst nimmst, nicht andersherum.“

Er schnaubte. Hatte sie ihm gerade gedroht?

„Sag mal“, fragte er interessiert und neigte den Kopf zur Seite. „Bist du zu jedem Typen so freundlich oder bin ich etwas Besonderes? Ah, lass mich raten … du bist Single und weißt einfach nicht warum?“

Zu seiner Überraschung entlockte dieser Kommentar der Blondine ein Lachen. Ein ehrliches, gelöstes Lachen, das Jake für einen Moment vergessen ließ, dass ihr Gesicht nicht nennenswert schön war.

„Dir passiert es wirklich nicht oft, dass Frauen dir keinen roten Teppich vor die Füße rollen, oder? Du bist ja total verunsichert. Das ist ja fast putzig.“

Verunsichert? Er? Das wurde ja immer besser! Langsam ernsthaft angepisst, machte er einen Schritt auf sie zu und sah grimmig auf sie hinab. „Hör mal, Oleander“, sagte er gepresst, „ich bekomme das Gefühl, dass dir deine von der Richterin erteilte Macht zu Kopf steigt. Aber ich werde über diese charakterliche Unzulänglichkeit hinwegsehen, wenn du dich für deine letzten Worte und deinen verurteilenden Blick entschuldigst.“ Er überragte sie um mehr als einen Kopf … doch sie rührte sich nicht von der Stelle.

Stattdessen tippte sie sich nachdenklich mit dem Zeigefinger auf die Unterlippe und kam ihm sogar noch einen Schritt entgegen. Ihre Fußspitzen stießen gegen seine und sie musste den Kopf in den Nacken legen, um ihn ansehen zu können.

„Ich heiße Olivia. Und versuchst du gerade, mir Angst einzujagen?“, fragte sie leise. „Wirst du mich mit Baseballs bewerfen, wenn ich gemein zu dir bin?“

Irgendwie verlief dieses Gespräch ganz anders als er es sich vorgestellt hatte. Misstrauisch verengte er die Augen. „Was genau ist dein Problem?“

„Ich bin mir noch nicht sicher. Ich kann mich nicht zwischen deinem falschen Lächeln oder deiner fraglichen Arbeitsmoral entscheiden.“ Sie seufzte laut auf und machte einen Schritt zurück. „Weißt du, Jake, wir werden die nächsten drei Monate eine Menge Zeit miteinander verbringen und ich hielt es einfach für sinnvoll, dir direkt zu Anfang klarzumachen, dass du hier überhaupt nichts zu sagen hast. Wir stehen nicht auf dem Spielfeld. Wir befinden uns im Kindergarten. Und hier gelten meine Regeln. Ich würde dir wirklich gerne auf Augenhöhe begegnen, aber das kann ich nur, wenn ich mir sicher bin, dass du das hier ernst nimmst.“

„Wir könnten einander nie auf Augenhöhe begegnen …“, sagte Jake entschuldigend. „Denn dafür müsstest du dir Stelzen besorgen.“

Wieder zog ein Lächeln an Olivias Lippen. „Das ist gar kein Problem. Mein Gleichgewichtssinn ist einwandfrei.“

Jake schnaubte und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch jemand kam ihm zuvor.

„Hey, Liv. Was machst du denn hier?“

Jake wandte sich um und erkannte den verdutzt aussehenden Sam, der offensichtlich endlich den Weg von der Toilette zurückgefunden hatte.

„Hey“, antwortete sie freundlich. „Schön, dich zu sehen. Ich arbeite hier. Jake wird mir bei meiner Kindergartengruppe helfen.“

„Nein!“ Sam fing laut an zu lachen. „Das ist ja fantastisch! Hätte ich das gewusst, hätte ich mir nur halb so viele Sorgen gemacht.“

Verwirrt sah Jake zwischen den beiden hin und her. Er wusste nicht, was hier gerade passierte, aber es gefiel ihm nicht. „Ihr kennt euch?“, wollte er schroff wissen.

Oleander hob eine Schulter. „Ich bin mit Chloe befreundet.“

„Fuck“, rutschte es ihm heraus. Das erklärte, warum sich Oleander bereits eine Meinung über ihn gebildet hatte, ohne ihn zu kennen. Er war sicher, dass Chloe das ein oder andere Wort über ihn verloren hatte.

„Scheibenkleister bitte“, sagte sie fröhlich und hob die Hand in Sams Richtung. „Wir sehen uns, Sam. Grüß Chloe von mir.“ Und dann fügte sie an Jake gewandt hinzu: „Kommst du? Oder brauchst du noch ein paar Minuten, um dich selbst zu bemitleiden?“ Im nächsten Moment verschwand sie hinter der Glastür.

Jake stöhnte leise und rieb sich mit der flachen Hand über die Stirn. Das würde eine Katastrophe werden. Er konnte keine Frau verführen, die so prüde und zugeschnürt wie ein heiliges Päckchen war. Oder?

Mhm. Stirnrunzelnd neigte er den Kopf zur Seite und sah Oleander nach.

Oder?

 

Zwei Stunden später konnte Jake drei Dinge mit Sicherheit sagen: Er mochte keine Kinder, schon gar nicht fünfzehn Stück auf einmal. Auf dem Boden zu sitzen, war scheiße. Und Oleander war die merkwürdigste, sturste und für seine Avancen unempfänglichste Frau, die er jemals getroffen hatte.

Vor drei Wochen, als er in der Sportsbar sein T-Shirt ausgezogen hatte, war eine vorbeigehende Kellnerin in Ohnmacht gefallen. Als Oleander ihn darum gebeten hatte, die Wachsmalstifte aus dem obersten Fach des Spielschrankes zu holen, war ihm das T-Shirt den Bauch hinaufgerutscht. Sie hatte nicht mit der Wimper gezuckt und ihn gefragt, ob er sich keine T-Shirts leisten könne, die ihm auch wirklich passten.

Die Kinder waren ähnlich unbeeindruckt von ihm. Zwei der Jungen der Gruppe hatten ihn erkannt und mit Baseballfragen gelöchert. Laney, ein blondes Mädchen, hatte wissen wollen, ob er gut jonglieren könne oder wozu er sonst so große Hände brauche. Sam, der Junge mit den Patschehändchen von draußen, hatte die letzte halbe Stunde ein Glockenspiel malträtiert. Als Jake ihm gesagt hatte, er solle das lassen, hatte Sam nur erwidert, dass Jakes Haare „blöd und dämlich“ aussähen und dass er ihm überhaupt nichts zu sagen habe.

Oleander hatte den Jungen nur mit einem strengen Blick bedacht und sofort war er verstummt. Als Jake ihr dankbar zugelächelt hatte, hatte sie nur die Augen verdreht.

Schön. Die Kindergärtnerin war offensichtlich sexuell gestört. Vielleicht war sie auch einfach lesbisch. Das machte nichts. Er konnte sie immer noch bestechen. Wie viel Geld würde er ihr wohl anbieten müssen?

„Ich mag Rot am liebsten, was magst du am liebsten?“

„Was?“ Jake schrak auf und blinzelte das blonde Mädchen neben sich an. Laney. Das war ihr Name.

„Rot“, erklärte sie langsam und hielt einen roten Filzstift vor sein Gesicht. „Das ist eine Farbe. Kennst du sie?“

Er nickte und versuchte seine Beine unter dem Mini-Tisch, an dem er saß, auszustrecken. Doch es war ein unmögliches Unterfangen. Sein Fuß allein war schon zu groß. „Rot ist mir bekannt, ja“, sagte er trocken.

Es war Malstunde und da Oleander der Meinung war, dass er sich heute erst einmal mit den Kindern anfreunden solle, hatte sie ihm ebenfalls ein Blatt Papier in die Hand gedrückt.

„Aber du benutzt nur schwarz“, sagte Laney missbilligend und deutete auf sein Bild. „Das ist hässlich.“

Jake fand das Strichmännchen am Galgen, das er zustande gebracht hatte, ziemlich ansehnlich, deswegen ließ er sich von der Fünfjährigen nicht verunsichern. „Du bist hässlich und Schwarz ist zeitlos“, belehrte er sie.

Laney machte große Augen und schüttelte den Kopf. „Ich bin wunderschön! Und Oli sagt immer, Schwarz ist traurig.“

„Na, dann hat Oli vielleicht keine verdammte Ahnung“, gab er zu bedenken, auch wenn er keinen Schimmer hatte, wer dieser Oli war.

Erneut schüttelte das Mädchen den Kopf. Diesmal so heftig, dass ihre blonden Locken wild umherflogen. „Oli weiß immer alles!“, sagte sie bestimmt. „Oli ist bärenstark und voll klug. Meine Mama sagt immer, dass Oli irgendwann die Welt regieren wird.“

Natürlich tat sie das. Ihre Mutter schlief wahrscheinlich mit Oli.

„Letztens war unser Vermieter bei uns an der Tür und wollte Geld haben. Er hat uns sogar ein bisschen gedroht. Meine Mama hat mir die Ohren zugehalten, aber ich bin voll gut im Zuhören.“ Sie schnappte flüchtig nach Luft. „Auf jeden Fall hat Oli richtig laute Dinge zurückgesagt und der Vermieter ist gegangen. Mama meint, er hat vielleicht sogar geweint.“

Jakes Mundwinkel zuckten. Dieses kleine Mädchen war so sichtlich stolz auf den Macker ihrer Mutter, dass es irgendwie fast … na ja, süß war.

„Und weißt du waaaaas?“, fuhr Laney fort, während sie mit dem roten Filzer etwas auf ihr Blatt malte, das entweder ein Segelschiff oder ein missratener Tintenklecks war. „Wir machen bald einen Zeltausflug.“ Wichtigtuerisch hob sie ihr Kinn. „Wie richtige Erwachsene. Wir alle zusammen.“ Sie breitete die Arme aus, als wolle sie den gesamten Raum umarmen.

Na, Jake hoffte doch sehr, dass er nicht in diesem Wir mitinbegriffen war.

„Oli hat es organisiert. Wir gehen auf einen Campingplatz in der Nähe und alle Eltern haben es schon erlaubt und dann werden wir Marshmallows braten und Stöcke zählen und sowas. Obwohl der Chef vom Kindergarten erst Nein gesagt hat. Aber Oli hat das geregelt.“ Ihr Gesicht leuchtete auf. „Oli ist so cool.“

Meine Güte, dieser Oli schien ja ein verdammt harter Kerl zu sein.

„Und weißt du noch was?“, plapperte Laney fröhlich weiter, bevor sie mit ihrem roten Filzstift auf Jakes Blatt herumkritzelte, sodass es jetzt aussah, als würde der erhängte Mann bluten. „Ich kann schon allein aufs Klo. Sogar groß“, sagte sie stolz.

Jake starrte sie mit offenem Mund an. Erwartete sie jetzt ein Lob?

„Ähm … herzlichen Glückwunsch?“

„Danke!“ Sie lächelte breit. „Ich habe dafür einen Sticker bekommen und alles. Er glitzert und es ist ein Einhorn drauf. Magst du Einhörner?“

Er zog eine Grimasse. „Nicht wirklich, nein.“

Wenn man ihn schon mit einem Pferd belästigen musste, dann doch bitte mit einem schwarzen Hengst, der seine Eier noch nicht abgegeben hatte. Nicht mit einem weißen Pussy-Pferd, das Regenbogen rülpste.

Das Mädchen machte große Augen. „Du magst keine Einhörner? Warum?“ Sie sah ihn an, als habe er verkündet, er würde die Tiere schlachten und dann essen.

„Sie sind einfach verdammt schei…“

„Er hat Angst vor ihnen“, unterbrach ihn eine Stimme von hinten.

Er wandte sich um und sah der schmallippigen Oleander in die Augen, die bedrohlich über ihm aufragte. Dabei war sie winzig! Er müsste ihr wahrscheinlich nur den kleinen Finger gegen die Stirn drücken und sie würde umkippen.

„Er fürchtet sich vor Pferden“, fuhr die Erzieherin seufzend fort. „Sie sind groß und so viel stärker als er. Außerdem …“, sie lächelte und lehnte sich verschwörerisch zu Laney herunter. „Außerdem ist er eifersüchtig, weil sie eine so viel schönere Mähne haben als er.“

Hallo? Was hatten denn alle nur mit seinen Haaren?

„Oh, okay“, sagte Laney und nickte verständnisvoll, bevor sie Jake tröstend mit der Hand auf die Schulter patschte. „Ich mag deine Haare. Sie sind schön blond. Wie die Haare einer Fee.“

Oh Gott! Jake öffnete den Mund, um dem kleinen Mädchen zu erklären, dass nichts an ihm feenähnlich war, da legte sich eine zweite Hand bestimmt auf seine Schulter. „Kann ich kurz mit dir reden, Jake?“, fragte Oleander geduldig.

„Ich bin gerade schwer beschäftigt“, sagte er entschuldigend und deutete auf sein Bild. „Vor dem Mittagessen möchte ich auf jeden Fall noch mein Kunstwerk fertigstellen.“

Oleanders Lächeln war so süß, dass Jake automatisch Zahnschmerzen bekam. „Das wird warten müssen“, meinte sie und zog an seinem Arm.

Es fühlte sich an, als würde ein Schmetterling Jakes Bizeps mit seinen Flügeln streicheln, aber er tat ihr den Gefallen und stand auf. Sonst tat sie sich noch ernsthaft weh.

Oleander nickte ruckartig in Richtung des Flurs und augenverdrehend kam Jake ihrer Geste nach.
„Wir sind nur kurz draußen, Kids“, rief sie lächelnd. „Und ich sehe alles, also stellt keinen Blödsinn an.“ Warnend deutete sie mit dem Finger auf Sam, der schuldbewusst die Schultern höher zog, bevor sie Jake nach draußen folgte, den Blick durch das gläserne Fenster auf die Kinder gerichtet, die weitermalten.

Schließlich atmete sie tief durch und wandte sich zu Jake um. „So kannst du nicht mit den Kindern reden“, sagte sie schließlich sachlich.

„Wie?“, fragte er interessiert nach.

„Wie mit deinen Teamkollegen.“

Jake schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Meine Güte, du glaubst auch jedem Klischee, oder? Als würden Baseballer hinter verschlossenen Türen nur fluchen und dreckige Witze austauschen.“ Ja, das kam ungefähr hin.

„Es ist mir egal, was du hinter verschlossenen Türen machst, solange du vor den Kleinen keine Schimpfwörter benutzt.“

Jake seufzte frustriert auf. Das war eine Tortur! Er hasste es, wenn andere Leute ihm Regeln auferlegen wollten. Und er würde sich von einem blonden Zwerg doch nicht sagen lassen, was er zu tun und zu lassen hatte.

„Hör mal, Oleander …“

„Olivia!“

„Sag ich doch, Lydia. Also, wir beide wissen, dass das hier nicht funktionieren wird.“ Er wedelte mit den Händen zwischen ihnen hin und her. „Du hältst mich für ein arrogantes Arschloch, ich dich für einen sexuell frustrierten Kampfzwerg – wir sind einfach nicht kompatibel. Ich halte es für das Beste, wenn wir dieses Experiment hier einfach abbrechen.“

Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. „Sexuell frustrierter Kampfzwerg?“, wiederholte sie trocken.

Er nickte und sah mit ernstem Gesicht auf sie hinab. „Ich habe extra Worte gewählt, die nicht allzu beleidigend sind.“

Gespielt nachdenklich neigte sie den Kopf zur Seite. „Jetzt bin ich neugierig. Ist jeder, der nicht jede Nacht mit einer anderen Frau schläft, gleich sexuell frustriert?“

Definitiv.

„Ah, also bist du tatsächlich lesbisch“, sagte Jake und nickte. „Das erklärt einiges. Die Art, wie du dich anziehst. Dass du mich nicht magst …“

Ungläubig sah Oleander ihn an. „Ich bin nicht lesbisch. Und was hat das mit irgendetwas zu tun?“

Ach, verdammt.

„Gar nichts“, sagte Jake hastig. „Ist auch egal. Kommen wir zum eigentlichen Thema zurück. Dieses Experiment: Es wird scheitern. Ich will nicht hier sein, du willst mich nicht hier haben, warum uns das Ganze antun? Ich habe gewisse Verpflichtungen. Mein Job ist sehr zeitaufwändig und es wäre das Beste für alle, wenn du mir einfach den Wisch unterschreiben und mir acht … oder am besten zehn Stunden notieren könntest – dann geh‘ ich nach Hause und komme nächste Woche für die nächste Unterschrift wieder. Gerne mit einem Hundert-Dollar-Schein in der Hand. Problem gelöst.“

Mit undurchdringlichen grünen Augen starrte sein Gegenüber ihn an und schwieg.

Hatte sie einen Anfall?

„Oleander?“

„Mein Name ist Olivia“, presste sie zwischen den Zähnen hindurch.

Er runzelte die Stirn. „Wenn du Olivia heißt, warum hast du mir dann gesagt, dein Name sei Oleander?“

Ihre grünen Augen verdüsterten sich schlagartig und jetzt stemmte sie die Hände in die Seiten und machte einen Schritt auf ihn zu. Es wäre vielleicht eindrucksvoll gewesen, hätte sie nicht die Größe eines Weihnachtselfs und würde nach einer Blumenwiese riechen.

„Ich sag‘ dir was“, meinte sie kühl. „Du nennst mich am besten einfach meine Gebieterin, denn mir ist nicht entgangen, dass deine geliebte Karriere – oder wie auch immer du es nennst, dass du in Strumpfhosen auf dem Bildschirm rumturnst – in meinen Händen liegt. Und ich gebe dir einen Rat, Eierkopf: Mach mich nicht wütend! Ich habe wahrlich andere Probleme in meinem Leben – und glaub mir, du willst keins davon werden. Also befolge einfach meine Regeln. Und, ach ja: Schieb dir dein Geld sonst wo hin. Du wirst jede einzelne deiner Stunden hier ableisten!“

„Eierkopf?“, fragte er verwirrt. Jetzt wurde sie wirklich beleidigend. Erst seine Haare, dann seine Kopfform kritisieren?

„Es sind Kinder anwesend!“, sagte sie zähneknirschend. „Ich kann dir nicht alle Beleidigungen an den Kopf werfen, die ich gerne loswerden will. Aber wenn du möchtest, kann ich sie aufschreiben und an dich schicken. Dann lernst du vielleicht auch mal ein paar Wörter und kannst deinen Wortschatz auffüllen. Obwohl es eine Schande wäre, das gute Porto an dich zu verschwenden.“

„Wow“, sagte er und hätte beinahe angefangen zu lachen. Oleander war … amüsant. Sie sagte lauter witzige Dinge. Außerdem war ihr Gesicht ganz rot geworden und sie biss sich angestrengt auf der vollen Unterlippe herum. Sie besaß Mumm und Leidenschaft – und das respektierte Jake. Was natürlich nicht bedeutete, dass er es auch tolerierte.

„Was, wow?“, hakte sie feindselig nach. „Hast du soeben verstanden, wie Briefe verschickt werden, weil du das bis jetzt nie selbst machen musstest?“

„Nein, das haben mir meine Lakaien bereits erklärt“, meinte er gelassen. „Ich meinte: Wow, was für ein Zufall, dass ich an die einzige Frau in der gesamten Stadt gerate, die mich nicht mag.“

Sie schnaubte laut und wäre sie größer gewesen, hätte er sicherlich ihre Spucketröpfchen auf seinem Gesicht gespürt. So aber konnte er nur beobachten, wie eine kleine, pochende Ader auf ihrer Stirn hervortrat.

„Erstens: Ich glaube, die meisten Frauen mögen dein Geld und nicht dich. Zweitens: Kein Zufall.“

Das machte ihn doch tatsächlich stutzig. Fragend zog er die Augenbrauen zusammen. „Was soll das denn heißen?“, fragte er misstrauisch.

Oleander lächelte. Ein süßes, unschuldiges Lächeln, das Jake eine Gänsehaut den Rücken hinunterlaufen ließ. „Es heißt lediglich, dass es kein Zufall war“, erklärte sie mit den Wimpern klimpernd.

„Warum?“, fragte er scharf.

„Weil ich es war, die dich angezeigt hat.“