Leseprobe Herzklopfen unterm Weihnachtsbaum

1.Kapitel

Tessa holte tief Luft. Endlich Feierabend. Sie fuhr den Computer runter, schloss ihren Schreibtisch ab und verließ das Büro. In ihrem Kopf hämmerte es. Sie brauchte dringend frische Luft. Sie ignorierte den Fahrstuhl und nahm die Treppe, denn die Kopfschmerzen ließen sich durch Bewegung sicher am besten vertreiben.

Schon am Mittag hatte sie eine Tablette genommen, die aber nur kurz gewirkt hatte, gerade so lange bis Herr und Frau Zimmer sich in der Besucherecke ihres Büros niedergelassen hatten, und an Tessas mühsam erstellten Vorschlägen zur Renovierung ihres Hauses herummäkelten.

Tessa war Innenarchitektin bei der Firma Mannsen & Brauer. Mannsen & Brauer bot einen Komplettservice für Wohn- und Geschäftshäuser an, der von Rohbau bis zur Inneneinrichtung reichte. Die Firma gehörte den Eltern von Tessas Freund Thomas Mannsen.

Tessa war eine von drei Innenarchitektinnen, die sich um die Kundenwünsche kümmerten. Das Ehepaar Zimmer hatte allerdings an Tessas Vorschlägen derart viel auszusetzen, dass sie letztendlich mit dem Paar übereinkam, alle Pläne noch einmal zu überarbeiten.

Eigentlich konnte Tessa gut damit leben, wenn sie Änderungen einarbeiten musste, schließlich wollte sie, dass die Leute zufrieden waren. Doch Adele und Kurt Zimmer hatten die Pläne schon mittlerweile zum dritten Mal umgeworfen, obwohl Tessa sich genau an die gewünschten Vorgaben gehalten hatte. Plötzlich hatte das Paar die Wünsche von zuvor wieder revidiert und Tessa ahnte, dass auch die vierte Version ihrer Pläne erneut von dem Paar als inakzeptabel verworfen werden würde. Die Leute wussten einfach nicht, was sie wollten.

Aufatmend kam Tessa im Parterre an, winkte dem Pförtner freundlich zu und lief nach draußen.

Es war dunkel und regnete in Strömen. Klar, das Ehepaar Zimmer hatte Tessa bis neunzehn Uhr beschäftigt, und war dann mit dem Wunsch abgezogen, dass Tessa die Pläne noch einmal komplett erneuern sollte.

Sekundenlang stand Tessa unterm Vordach und sah in den Regen hinaus. Das rechteckige Bürogebäude war fünfstöckig und verfügte über eine riesige Fensterfront zur Straße hin. Über dem gläsernen Rund des Eingangs war in riesigen Blockbuchstaben die Firmenbezeichnung angebracht, die bei Dunkelheit weithin leuchtete. Ihr Auto stand ganz hinten auf dem Parkplatz und im Bürohaus hinter ihr war es fast dunkel. Nur das Fenster im dritten Obergeschoss, im Büro von Toms Vater, war noch erleuchtet.

Tessa blickte nach oben. Der Regen rann an der Fensterfassade entlang bis hinunter zu den Pfützen am Boden. Trotz der frischen Luft hämmerte es noch immer in ihrem Kopf, als sei ein Bauarbeiter dabei, hunderte von Nägeln einzuschlagen. Plötzlich bewegten sich ihre Beine fast ungewollt vorwärts. Langsam und gemütlich ging sie über den Platz und genoss den Regen, der in Kürze ihren dünnen Mantel durchweichte. Als sie endlich vor ihrem Auto stand, lief das Wasser aus ihren Haaren, aber die heftigen Kopfschmerzen hatten sich ein klein wenig gebessert. Tessa zog den pitschnassen Mantel aus, warf ihn auf den Beifahrersitz und fuhr langsam los.

 

***

 

Die kleine Dreizimmerwohnung, die sie gemeinsam mit Tom bewohnte, lag im zweiten Stock eines Vierparteienhauses in einer von Bäumen bewachsenen Straße. Bei der Einrichtung hatten Tessa und Tom ganz auf weiße Möbel gesetzt. Mit bunten Drucken und hübschen Vorhängen hatte Tessa die vier Wände gemütlich eingerichtet. Froh endlich Feierabend zu haben, stürmte sie die Treppe hoch.

Tom wartete schon ungeduldig auf sie.

„Wo bleibst du denn?“, fuhr er sie im Flur ihres Appartements wenig liebevoll an und ergänzte grinsend, nach einem Blick auf ihre nassen Haare: „Oh, wolltest du beim Duschen Wasser sparen, oder was hat dieser pitschnasse Auftritt zu bedeuten?“

Tessa war nicht in der Laune für Scherze und giftete zurück: „Auf deine blöden Kommentare kann ich verzichten!“ Sie hängte ihren nassen Mantel auf einen Bügel an der Garderobe im Flur, legte ihre Tasche samt Schlüssel auf dem halbhohen, schmalen Tischchen neben dem Wandspiegel ab und wollte an Tom vorbei.

Doch er hielt sie am Arm fest und sah sie jetzt verärgert an. „Ach? Auch noch beleidigt!“, protestierte er. „Ich warte seit einer geschlagenen Stunde auf dich und du wirst auch noch frech!“

„Bedank dich doch bei den Zimmers. Die haben mich zwei Stunden lang beschlagnahmt.“ Tessa wollte nur noch ihre Ruhe und steuerte das Bad an, als ihr auffiel, dass Tom seinen Anzug trug. „Willst du noch weg?“

Tom riss die Augen auf. „Was meinst du wohl, warum ich hier auf dich warte? Wir sind bei meiner Schwester zum Abendessen eingeladen. Sie hat Geburtstag. Schon vergessen?“

„Oh, nein.“ Tessa stöhnte. „Ich hab Kopfschmerzen, bitte Tom, geh allein. Ich kann nicht!“

„Ach ne, damit kommst du jetzt!“ Tom schien echt sauer. „Und warum hast du mich nicht angerufen? Es ist gleich acht. Ella und Linus warten schon fast eine Stunde auf uns.“

„Ich hab’s vergessen. Bitte, Tom, geh allein. Ich kann jetzt nicht“, bat Tessa. „Sieh mal, wie ich aussehe.“

Tom runzelte die Stirn, sah sie wütend an, griff nach seinem Mantel, und stürmte wortlos zur Tür.

Tessa sah ihm gefrustet nach und ging ins Bad. Als sie herauskam, hatte sie ihr mittelblondes, schulterlanges Haar unter einem Turban versteckt, den sie aus einem Handtuch gedreht hatte, und das strenge Kostüm gegen einen kuscheligen Hausanzug getauscht. Tessa checkte ihre Handynachrichten durch und legte sich aufs Sofa.

Das Wohnzimmer war Tessas Lieblingsraum. Hier war sie von dem ansonsten schlichten, praktischen Stil der anderen Möbel abgewichen und hatte sich für verspielte, weiße Landhausmöbel entschieden. Da Tom ihr die Gestaltung zum großen Teil überlassen hatte, wandte sie ihre ganze Energie auf, um eine Oase der Ruhe zu schaffen. Mitten im Raum stand der Couchtisch mit den leicht gebogenen Füßen auf einem dunkelroten Teppich, der auf dem hellen Laminatboden einfach super wirkte. Gegenüber vom Fenster war eine weiße, schlichte Schrankkombination im Landhaus-Stil der Hingucker schlechthin. In der Mitte war ein Bücherregal, das beidseitig von je einem Glasschrank eingerahmt wurde. Die wie beim Tisch leicht gebogenen Füße wirkten nicht nur elegant, sondern waren auch hoch genug um darunter problemlos Staub zu wischen, was Tessa als großes Plus empfand, denn Tom betätigte sich äußerst selten an der Hausarbeit. Das bis zum Boden reichende Fenster wurde umrahmt von zarten, weißen Tüllgardinen mit einem Rosenmuster. Die gemütliche Sitzgruppe, die seitlich der Tür stand, passte farblich zum Teppich und bestand aus dem Sofa und zwei Armsesseln. Tessa hatte cremefarbene Kissen dazu gekauft und auch die Decke, in die sie sich nun kuschelte, war aus einem plüschigen Stoff in creme.

Ihre Gedanken wanderten zu Tom. Tessa kannte Tom schon seit Kindeszeiten. Sie hatten die gleiche Schule besucht, zur selben Zeit Abitur gemacht, wenn auch in verschiedenen Klassen, und beide hatten fast zeitgleich mit dem Studium begonnen. Tom hatte gezielt sein Studium im Bauwesen gemacht, weil er die Baufirma seines Vaters übernehmen wollte. Tessa hatte nach ihrer Tischlerinnenausbildung Innenarchitektur studiert und wollte ursprünglich erst ein paar Jahre ins Ausland, um sich dort ein wenig in ihrem Beruf umzusehen. Beim fünfjährigen Abiturtreff hatte sie plötzlich Tom gegenübergestanden.

Den ganzen Abend waren sie zusammen gewesen und später einträchtig zu Toms Wohnung gegangen. Seitdem waren sie ein Paar. So kam es, dass Tessa nach Anschluss des Studiums anstatt ins Ausland zu gehen, die Stelle bei Mannsen & Brauer antrat.

Tessa seufzte. Sie waren so verliebt gewesen die ersten Jahre, doch in letzter Zeit war irgendwie alles anders. Der Stress in der Firma, die drängenden Fragen von Toms Eltern nach einer Heirat und auch Tessas Wunsch, endlich doch noch ihre Auslandserfahrungen zu sammeln, hatten ihre Beziehung verändert.
Seit einem Jahr wohnten sie zusammen. Ausgerechnet in dieser Zeit war die Liebe irgendwo verlorengegangen. 

Genau wie vorhin, als Tom einfach gegangen war. Früher hätte er sie getröstet, ihr die Schultern massiert und wäre vielleicht sogar mit ihr zu Hause geblieben. Jetzt hatte er noch nicht einmal angerufen und gefragt, wie es ihr ging. Seufzend dachte sie an die zärtlichen Momente ihrer Beziehung, die nun schon so lange zurücklagen. Sie brauchten Urlaub. Alle beide.

Das war die Idee. Tessa holte ihren Laptop hervor und blätterte Reise-Angebote durch. Im Sommer hatten sie nur zwei Wochen Urlaub gemacht, denn Tom musste wegen des Geschäfts frühzeitig abreisen. Aber jetzt, Ende November, war es doch bestimmt möglich, für ein paar Tage dem Stress zu entfliehen und in die Sonne zu reisen. Gedacht, gebucht.

Tom würde Augen machen, wenn sie ihm die Tickets unter die Nase hielt. Fünf Tage Fuerteventura all inclusive im Tophotel. Tessa war so begeistert von ihrer Idee und davon, dass sie sofort über das Internet die Reisebestätigung bekam, dass sie überhaupt nicht daran dachte, sich mit Tom abzusprechen. Sie wusste, dass er das Meer und die Sonne liebte, und sie träumte von unvergesslichen Tagen am Strand.  Die Kopfschmerzen waren endlich weg. Nachdem sie die Reisebestätigung ausgedruckt hatte, legte sie sich auf das Sofa und kuschelte sich unter die Decke.

 

***

 

Ein wütender Fluch schreckte sie auf.

„Spinnst du?“ Breitbeinig und stand Tom vor ihr, ein Blatt Papier in der Hand.

Tessa rieb sich die Augen. „Was ist denn?“, fragte sie verschlafen.

„Was ist denn?“, wiederholte Tom höhnisch und warf ihr das Blatt zu. „Das frage ich dich! Bist du etwa nur zu Hause geblieben, um diese dusselige Reise zu buchen?“

„Ich, ich wollte …“, stotterte sie noch immer völlig perplex über seine heftige Reaktion.

Tom unterbrach sie harsch: „Diese Reise stornierst du sofort. Hast du verstanden?“

Tessa war endlich richtig wach und schluckte. „Ich wollte dir doch eine Freude machen.“

„Ein Freude? Sag mal, hast du immer noch nicht begriffen, worum es geht?“, brüllte Tom. „Ich will diese Firma führen, und wenn ich ständig Urlaub mache, wird das kaum klappen.“

„Aber deine Eltern …“

„Meine Eltern haben diese Firma aufgebaut und ich will sie voranbringen“, sagte er nun leise, aber nicht weniger wütend. „Bisher dachte ich, dass du dafür genau die richtige Partnerin bist, aber mittlerweile bekomme ich arge Zweifel. Nachdem ich gehört habe, wie lustlos du die Pläne des Ehepaars Zimmer erstellt hast.“

„Das Ehepaar Zimmer weiß nicht, was es will, von lustlos kann keine Rede sein“, verteidigte sich Tessa.

„Ach, und warum haben sich die Zimmers bei meiner Mutter beschwert?“, fragte Tom spöttisch. „Du brauchst dich nicht mehr mit ihnen herumschlagen. Meine Mutter erledigt das jetzt.“

Tessa sprang auf. „Ach so. Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr gut genug“, fauchte sie, warf ihm das Kissen an den Kopf, auf dem sie gerade noch geschlafen hatte, und stürmte ins Schlafzimmer.

Hastig holte sie den Koffer vom Schrank und warf wahllos Sachen hinein. „Was wird das denn jetzt?“ Tom stand in der Tür, ein Glas Brandy in der Hand.

Tessa gab keine Antwort.

Tom stellte das Glas ab und riss sie an den Schultern zu sich herum. „Pack sofort den Koffer wieder aus!“

Tessa schubste ihn aufs Bett und sagte leise: „Ich habe gedacht, du liebst mich. Da hab ich mich wohl geirrt.“

Tom starrte sie an. „Tessa, was soll denn das. Natürlich liebe ich dich.“

Tessa kämpfte mit den Tränen. Hastig schnappte sie sich ihren Koffer und verließ das Zimmer.

Im Wohnzimmer sah sie ihren Laptop dort liegen, steckte ihn in die Tasche und wollte gerade die Wohnung verlassen, als Tom wieder hereinkam. „Tessa, bitte bleib“, sagte er. „Es tut mir leid.“

Tessa sah ihn an, wie er da stand. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen und hätte sich an ihn gekuschelt, aber seine Worte brannten auf ihrer Seele und sie sagte leise: „Ich brauche ein paar Tage Urlaub, ich fühle mich nicht wohl.“ Das Letzte, was Tessa sah, war der entsetzte Ausdruck auf Toms Gesicht. Liebte er sie doch noch? 

 

***

 

Es regnete immer noch und die Scheinwerfer von Tessas Auto fraßen sich langsam durch den Regenschleier über die menschleeren, mitternächtlichen Straßen. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung, und während sie fuhr, musste sie immer wieder die Tränen abwischen, die ihr über das Gesicht rannen.

Ihr Wagen rollte wie selbstverständlich zum Haus ihrer Eltern, aber plötzlich stoppte sie. Sie wollte keine Fragen beantworten und auf die guten Ratschläge ihrer Mutter konnte sie auch verzichten. Sie seufzte, während sie an das schöne Zimmer im Obergeschoss dachte, das ihre Mutter immer für sie bereithielt. Am liebsten würde sie wortlos im Haus ihrer Eltern nach oben laufen, sich aufs Bett werfen und sich den ganzen Frust von der Seele weinen.

Minutenlang zögerte Tessa, dann wendete sie entschlossen das Auto und fuhr ein paar Straßen zurück. In einer Seitenstraße hatte ihre beste Freundin Anke Mertens eine Singlewohnung gemietet. Sie parkte unten vor dem Haus und sah hinauf. Das ganze Haus war dunkel, nur der Eingang war schwach beleuchtet wie immer in der Nacht.

Tessa stellte den Motor ab und blieb sitzen. Plötzlich kamen ihr Bedenken, ob es wirklich ratsam wäre, Anke mitten in der Nacht zu stören. Vielleicht hatte sie gerade Besuch. Und wenn sie gar nicht zu Hause war und bei ihrem Freund schlief?

Tessa wusste, dass Anke einen Freund hatte, sie erzählte allerdings nur wenig von ihm. Aber wenn sie bei ihm schlief, trafen sie sich in einem kleinen Hotel in der Nähe. Tessa hatte Anke schon mehrmals gefragt, aber die Freundin wich immer aus, wenn es ins Detail ging. Sie hatte nur verraten, dass der Mann verheiratet war, und sie sich deshalb nur heimlich trafen.

Tessa holte tief Luft und startete den Wagen wieder. Nein, so mitten in der Nacht wollte sie Anke nicht stören. Sie fuhr langsam an, als ihr auf der anderen Straßenseite eine Frau mit einem Regenschirm auffiel.

Tessa ließ die Scheibe herunter. „Anke, was machst du hier mitten in der Nacht?“

Der Schirm wurde zugeklappt. „Das Gleiche könnte ich dich fragen, Tessa.“

Tessa musste lachen, zum ersten Mal an diesem Abend. „Willst du nach Hause?“

„Warum sonst wohl steh ich hier und will rüber?“ Anke lachte jetzt auch, ein zaghaftes Lachen, in dem eine unendliche Traurigkeit lag.

Tessa stellte den Wagen wieder ab und stieg aus.

Anke kam herüber und fragte: „Wolltest du zu mir?“

Tessa nickte. Sie standen nun direkt unter der Laterne und Tessa sah die Tränenspuren in Ankes Gesicht. „Sollen wir gemeinsam unseren Frust begraben?“

Die Freundin nickte und sie gingen in Ankes Wohnung hinauf.

Die Wohnung lag direkt unterm Dach und hatte einen hübschen Balkon, der einen fantastischen Blick über die ganze Stadt bot. Die Wohnung war schick und modern eingerichtet.

Anke hatte die weißen Möbel mit einer hellbraunen, ledernen  Sitzgruppe ergänzt und die schlicht weißen Wände mit großen Drucken ihrer Urlaubsreisen farbig aufgepeppt. Immer wenn Tessa die Wohnung betrat, war sie ganz begeistert, wie wunderbar alles miteinander harmonierte. Anke war Designerin und arbeitete in der Werbeagentur eines großen Bekleidungskonzerns.

Tessa setzte sich auf das Sofa und fragte: „Könnte ich heute Nacht bei dir bleiben?“

„Meinetwegen“, antwortete Anke leise. „Mit Bernd ist es aus, der kommt sowieso nicht mehr.“ Sie schluchzte jetzt. „Dieser Mistkerl. Immer hat er gesagt, dass seine Frau sich scheiden lassen will, dass er nur noch mich liebt, und jetzt: Jetzt kriegt sie ein Kind. Von ihm. Von wegen Scheidung.“ Anke sank neben Tessa auf das Sofa und vergrub weinend den Kopf in ihren Händen.

Tessa strich ihr sanft über den Rücken.

„Vier Jahre. Alles vergeudet. Ich dumme Pute“, rief Anke wütend, sprang auf und wischte sich die Tränen ab. „Hätte ich nur auf meine Mutter gehört. Sie hat mir gleich gesagt, dass die Ehe ein starker Strick ist, den man nicht so leicht zerschneidet.“

„Vielleicht renkt sich alles wieder ein“, sagte Tessa tröstend.

„Nee, nee da renkt sich nix ein“, fauchte Anke. „Ich dränge mich doch nicht in eine Familie. Der Typ ist für mich gestorben.“ Sie trat an den Kühlschrank und holte eine Flasche Sekt heraus. „So, und jetzt trinken wir auf ein neues Leben ganz ohne Männer.“

Der Sekt perlte in den Gläsern und die beiden Freundinnen stießen miteinander an. „Ob das so gut ist für mich“, sagte Tessa und blickte zweifelnd auf das Glas in ihrer Hand. „Ich hab Tabletten genommen. Hoffentlich kommen meine Kopfschmerzen jetzt nicht wieder.“

Anke hatte ihr Glas schon leer, goss nach und sah Tessa betroffen an. „Jetzt hab ich dir die Ohren vollgeheult und weiß noch nicht einmal, warum du eigentlich gekommen bist.“

Tessa berichtete in kurzen Worten, was sich ereignet hatte, und plötzlich erschien es ihr angesichts des Dilemmas ihrer Freundin gar nicht mehr so schlimm. „Vielleicht habe ich auch völlig überreagiert“, sagte sie, als sie den Bericht beendet hatte. „Vielleicht hat Tom es ja auch gar nicht so gemeint.“

„Lass ihn ruhig ein wenig schmoren“, riet Anke. „Es sei denn, du liebst ihn nicht mehr.“

„Das weiß ich eben nicht“, jammerte Tessa und leerte jetzt ihr Champagnerglas auch in einem Rutsch. „Es ist einfach nicht mehr so wie zu Anfang.“

Anke holte tief Luft. „Es ist gleich zwei Uhr. Lass uns schlafen. Ich hol dir noch eine Decke und ein Kissen.“ 

 

2. Kapitel

Verschlafen riss Tessa die Augen auf und blickte auf ein großformatiges Foto mit der Skyline von Manhattan. Schlagartig fiel ihr der gestrige Abend ein und fast gleichzeitig hörte sie die Tür zum Bad zuklappen. Anke war schon wach. Tessa sah auf ihr Handy. Zehn nach sieben. Sechs Anrufe von Tom. Und eine Nachricht: „Bitte, komm zurück. Wir müssen reden.“

Tessa seufzte und sah an sich hinunter. Sie hatte in ihren Sachen geschlafen, weil sie ihren Koffer noch im Auto hatte, und wirkte alles andere als frisch.
Anke kam aus dem Bad. Ihr rotes Haar lag dicht und schwer auf ihren Schultern und glänzte wie frisch poliertes Kupferblech. „Ich fahr gleich los, Tessa. Um acht muss ich im Büro sein.“

„So früh?“

„Heute kommt ein wichtiger Kunde, da muss ich noch einiges vorbereiten“, sagte Anke und hastete in die Küche.

Tessa verschwand im Bad. Sie hielt sich nicht lange darin auf, schnappte sich ihre Tasche und verabschiedete sich von Anke.

„Wo willst du denn jetzt hin? Zu deinen Eltern?“

Tessa schüttelte den Kopf. „Ich fahr nach Hause. Ich bin Tom eine Erklärung schuldig.“

„Hast du dir das gut überlegt?“ Anke sah von ihrem Frühstück auf.

Tessa nickte. „Ich habe lange wachgelegen und bin zu dem Entschluss gekommen, noch einmal mit Tom zu reden.“ Sie seufzte. „Ich liebe ihn doch.“

 

***

 

Als Tessa den Schlüssel im Schloss drehte, wurde die Tür schon aufgerissen. „Wo warst du denn? Ich hab x-mal versucht dich anzurufen“, sagte Tom vorwurfsvoll, aber Tessa hörte auch die Sorge in seinen Worten, was sie sofort milder stimmte.

„Entschuldige. Ich war bei Anke“, sagte sie und wollte Tom umarmen.

Er aber schob sie zurück. „Ich hab die ganze Nacht kein Auge zugetan und mir schreckliche Sorgen gemacht, nachdem du nicht bei deinen Eltern warst.“

„Du hast bei meinen Eltern angerufen? Oh nein!“ Tessa holte tief Luft. „Musste das sein?“

„Das fragst du noch?“ Tom schrie jetzt. „Ich hab mir Sorgen gemacht! Kapierst du das nicht?“ Er riss Tessa an sich und küsste sie hart und verzweifelt.

Tessa machte sich langsam los. So kannte sie Tom gar nicht. „Ich hab doch gesagt, dass es mir leidtut. Lass uns heute Abend darüber reden“, sagte sie sanft.

„Bitte, Tom.“

„Schon gut.“ Tom drehte sich auf den Absatz um und ging in die Küche.

Tessa schleppte ihren Koffer ins Schlafzimmer und packte ihn wieder aus. Als sie anschließend unter der Dusche stand, hörte sie, wie Tom die Wohnungstür ins Schloss warf. 

 

***

 

Der Arbeitstag in der Firma begann hektisch und endete erst kurz nach sechs. Tessa war geschafft von der vorherigen Nacht und zudem völlig ausgepowert von all den Kundengesprächen, als sie gleichzeitig mit Tom zu Hause ankam. Schweigend betraten sie ihre Wohnung.

„Puh, war das ein Tag“, sagte sie stöhnend.

„Wie immer, voller Kunden und guter Geschäfte“, antwortete Tom.

Tessa rang sich ein Lächeln ab. „So kann man es auch sehen.“

„So musst du es sehen, wenn du eine Firma leiten willst“, sagte Tom. „Je mehr Kunden umso bessere Verdienste.“

„Heute hätte ich auf die Hälfte verzichten können“, sagte Tessa. Sie gähnte vernehmlich, öffnete den Kühlschrank und stieß entsetzt aus: „Oh nein, du wolltest doch einkaufen!“

Tom überhörte die letzten Worte und sagte: „Wenn du mit weniger zufrieden bist, wirst du nie eine gute Unternehmerin.“

„Das ist doch jetzt egal“, protestierte Tessa. „Sag mir lieber, was wir zu Abend essen sollen? Der Kühlschrank ist leer und diese Woche bist du mit einkaufen dran.“

Tom sah in den Kühlschrank und zuckte gleichmütig die Schultern. „Dann bestell ich eben ‘ne Pizza. Wo ist das Problem?“ Und schon telefonierte er mit dem Pizzaservice.

„Nie kaufst du richtig ein. Mir hängt die ewige Pizza schon zum Hals raus. Weißt du, wie oft wir die in den letzten Wochen gegessen haben?“ Tessa lief wütend ins Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Tom machte sich die Sache einfach zu leicht. Nie kaufte er genügend ein und bei der Hausarbeit hielt er sich auch spartanisch zurück.

„Bist du schon wieder beleidigt?“ Tom stand breitbeinig in der Tür. „Was ist eigentlich mit dir los?“

„Was los ist? Du hast vergessen einzukaufen, nicht ich. Abgemacht war, dass der Einkauf abwechselnd erfolgt. Aber immer, wirklich immer, bleibt alles an mir hängen. Und nicht nur das! Putzen oder Saubermachen ist für dich ein Fremdwort. Ich bin es langsam leid, dich zu betüddeln wie ein Kind.“

„Meine Mutter macht den Haushalt immer mit links und hat sich noch nie beschwert“, verteidigte sich Tom.

„Deine Mutter? Deine Mutter hat eine Putzfrau und eine Wirtschafterin, vergiss das nicht“, sagte Tessa leise aber nicht weniger vorwurfsvoll. „Außerdem arbeitet sie nur stundenweise im Betrieb.“

„Du bist ja übergeschnappt.“ Tom ging hinaus und warf die Tür zu. Im selben Moment klingelte der Pizzabote.

Seufzend ging Tessa in die Küche und setzte sich Tom gegenüber, der die Pizza schon ausgepackt hatte.

„Warum fahren wir nicht einfach demnächst zu meinen Eltern und essen dort zu Abend?“, schlug Tom kauend vor. „Meine Mutter hat uns das schon sooft angeboten.“

Tessa würgte hastig das Stück Pizza in ihrem Mund herunter. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“

„Wieso, was ist denn dabei?“ Tom sah sie verständnislos an. „Ich hab doch heute Mittag auch zu Hause gegessen.“

„Du hast was?“ Tessa sah Tom überrascht an. „Hast du das schon öfter gemacht?“

„Warum nicht?“ Tom zuckte lässig die Schultern und fuhr fort: „Gib’s doch zu, deine Kochkünste sind nicht gerade der Hammer.“

„Das ist doch wohl die Höhe“, fauchte Tessa wütend. „Deshalb kaufst du nie ein? Du willst wirklich, dass ich das Abendessen bei deinen Eltern einnehme.“

Am liebsten hätte sie noch mehr gesagt, aber sie steckte sich hastig ein weiteres Stück Pizza in den Mund, um die Stimmung nicht noch mehr aufzuheizen. Schweigend saßen sie nun einander gegenüber und Tessa blickte angespannt auf ihre Pizza.

Wie sollte sie Tom klarmachen, dass es so nicht weiterging? Sie wohnten nun seit einem Jahr zusammen und mit jedem Tag verblasste ihre Liebe ein Stückchen mehr.

Anfangs hatte sich Tessa richtig gefreut, als ihnen Toms Eltern diese Wohnung besorgt hatten, die ganz in der Nähe von Toms Elternhaus lag. Doch mittlerweile hatte sie bemerkt, dass es nicht die klügste Entscheidung gewesen war, denn Tom ließ sich viel zu viel von seinen Eltern vereinnahmen. Seine Mutter verwöhnte ihn wahrscheinlich mit den leckersten Gerichten und sie hatte gar keine Chance dagegen anzukommen. Deshalb hatte sie sich auch gleich angeboten, die Planungen für das Ehepaar Zimmer zu übernehmen. Das war ja ein richtiges Komplott gegen sie.

Tessa war der Appetit vergangen. Sie schob den Rest der Pizza beiseite und sagte: „Tom, ich möchte nicht, dass deine Mutter über unser Leben bestimmt.“

„Meine Mutter bestimmt doch nicht über unser Leben, bloß weil sie uns zum Abendessen einlädt“, knurrte Tom. „Du spinnst doch!“

„Du verstehst mich einfach nicht“, beschwor ihn Tessa. „Hör mir doch mal zu. Ich möchte, dass wir eine Familie werden. Wir beide.“

„Deine romantischen Vorstellungen in allen Ehren, aber zum Leben gehört nun mal mehr, Tessa.“ Tom stand auf. „Ich will die Firma meiner Eltern übernehmen, das ist ein Geschäft, dessen Sinn du anscheinend immer noch nicht erkannt hast. Davon leben wir. Auch dein Gehalt, wird davon bezahlt, vergiss das nicht!“

„Ich weiß sehr wohl, dass wir davon leben“, gab Tessa aufgewühlt zurück. „Das heißt aber nicht, dass wir vor lauter Geschäftemacherei uns selbst aufgeben.“

„Das Geschäft ist mein Leben, ich gebe mich nicht auf“, sagte Tom bestimmt. „Bisher habe ich gedacht, dass du das genauso siehst.“

„Ich sehe das doch auch so“, widersprach Tessa. „Ich will doch nur nicht, dass wir dabei auf der Strecke bleiben.“ Sie schluckte und setzte hinzu: „Wir unternehmen in letzter Zeit kaum noch was zusammen. Wir …!“

Tom unterbrach sie harsch. „Du kommst doch gar nicht mit. Wo warst du denn auf dem Geburtstag meiner Schwester?“

„Das ist doch was ganz anderes“, warf Tessa ein.

„Ach so“, sagte Tom gedehnt. „Madame will einen romantischen Abend bei Kerzenlicht.“ Er lachte verächtlich. „Vergiss es. Ich hasse solch ein Getue.“

Tessa sah ihn mit offenem Mund an. So war das also. Ihre Augen brannten und sie musste sich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Hastig schob sie die Pizzakartons ineinander und warf sie in den Mülleimer unter der Spüle.

„Tessa, bitte. Lass uns doch vernünftig sein“, sagte Tom jetzt, der wohl gemerkt hatte, dass er mit seiner Aussage zu weit gegangen war.

„Du hast recht, vergiss es“, presste Tessa heraus, lief ins Schlafzimmer und warf sich aufs Bett. Sie kämpfte mit den Tränen und hoffte inständig, dass Tom ihr nachkam. Aber Tom dachte wohl, dass sie allein sein wollte, denn kurz darauf hörte sie den Fernseher.

Tessa holte tief Luft und setzte sich im Bett auf. Da war sie extra wiedergekommen, um mit Tom über ihre Beziehung zu reden. Bedeutete sie ihm denn so wenig? War er wirklich überzeugt davon, dass alles in Ordnung war? Sie konnte es kaum glauben. Als Tessa sich beruhigt hatte, ging sie ins Wohnzimmer. Tom sah sich ein Fußballspiel an und hatte sich dazu ein Bier geholt. 

Tessa setzte sich neben ihn und er legte sofort besitzergreifend den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich.

Tessa wagte noch einmal einen Vorstoß. „Sollen wir nicht am Wochenende einfach mal irgendwohin fahren, so wie früher? Dann machen wir es uns zum ersten Advent so richtig gemütlich.“

„Jetzt am Wochenende? Da will ich mit meinen Kumpels nach München zum Bayernspiel, das weißt du doch“, sagte Tom und fragte: „Hast du dich nicht auch für dieses Seminar in Bielefeld angemeldet?“

„Das Seminar beginnt erst am Mittwoch.“

„Dann fahr doch schon am Freitag los und mach dir ein paar schöne Tage im Sauerland. Dort liegt schon Schnee“, schlug Tom vor. „Du kannst ja Anke fragen, ob sie mitfährt.“

Tessa nickte. „Keine schlechte Idee. Ich ruf sie gleich an.“ Vielleicht würde eine Woche Abwesenheit von Tom ihrer Beziehung neuen Schwung verleihen.

 

***

 

Schon am Donnerstagabend hatte Tessa gepackt und Tom war so liebevoll und aufmerksam, dass sie schon fast versucht war, einen Rückzieher zu machen.
Aber der Gedanke, dass Tom ja am Samstag nach München wollte, hielt sie davon ab. Anke konnte erst am Samstagmittag anreisen, weil sie beruflich momentan sehr viel zu tun hatte. Die beiden Freundinnen hatten sich auf ein Hotel in der Nähe von Winterberg geeinigt.

Der Freitag verging wie im Flug und gegen sechzehn Uhr verabschiedete sich Tessa von Tom und startete ins Wochenende. Da sie für die Strecke nur etwa eineinhalb Stunden benötigte, ließ sich Tessa Zeit. Unterwegs begann es leicht zu schneien, als sie auf die Bundesstraße Richtung Korbach fuhr.

Tessa fuhr sicher und umsichtig, doch je dichter der Schneefall wurde, umso schlechter kam sie vorwärts. Sie hatte Korbach schon hinter sich gelassen, als zu dem dichten Schnee auch heftiger Wind aufkam.

Tessa hatte das Radio eingeschaltet und hörte, dass es schon etliche Unfälle gegeben hatte und Schneeverwehungen die Straßen teils unpassierbar machten. Sie war froh, kaum mehr als eine halbe Stunde von ihrem Hotel entfernt zu sein, denn die Straße hatte sich in eine gefährliche Rutschbahn verwandelt.

Erleichtert verließ sie die Bundesstraße, als ihr Navigationsgerät den Wechsel auf die Landstraße ankündigte. Langsam steuerte sie das Auto über die Landstraße, die von hohen Tannenwäldern eingerahmt war, deren Bäume sich förmlich unter der Schneelast bogen.

Tessa war praktisch allein, denn von anderen Autos war nichts zu sehen, was wahrscheinlich auch daran lag, dass der Schneefall wie ein dichter Schleier den Blick auf wenige Meter beschränkte.

Tessa bekam langsam Panik. Nirgends war ein Schild. War sie überhaupt auf der richtigen Straße? Horrormeldungen von Navis, die den Fahrer in eine Schlucht lockten, tauchten in ihrem Hirn auf, und sie versuchte den Wagen zu stoppen. Die  Bremsen reagierten nicht und der Wagen schleuderte herum.  Noch bevor Tessa gegenlenken konnte, kippte das Auto seitlich weg und rutschte einen Hang hinunter. Der Hang war wohl nicht sehr steil, sonst hätte sich ihr Auto sicher überschlagen. Trotzdem klammerte sich Tessa entsetzt an das Lenkrad und schloss in Panik die Augen, als mit einem Knirschen der Wagen leicht auf die Fahrerseite kippte und liegenblieb. Gurgelnd erstarb der Motor und das Licht der Scheinwerfer beleuchtete den Schnee, der wie ein Vorhang dicht und undurchdringlich an der Frontscheibe vorbeigeweht wurde. 

Vorsichtig bewegte sich Tessa. Verletzt war sie offensichtlich nicht. Sie lag auf der Seite, der Beifahrersitz praktisch über ihr. Hektisch fasste sie an den Türgriff, aber die Tür war zu.

Erst jetzt begriff Tessa, dass das Auto auf die Fahrertür gekippt war. Wie sollte sie denn hier herauskommen? Sie würde wahrscheinlich erfrieren, wenn sie hier drinnen blieb, jetzt wo der Motor aus war. Sie versuchte den Wagen wieder zu starten, aber es gelang ihr nicht. Resigniert drehte sie erneut den Schlüssel um. Nichts. Sie versuchte es wieder, da erlosch auch das Scheinwerferlicht und alles war dunkel.

Mit zitternden Fingern kramte sie ihr Handy hervor und versuchte zu telefonieren. Kein Netz. Wie Hohn erschien ihr diese Mitteilung.

Plötzlich sackte der Wagen ein Stück nach unten und Tessa klammerte sich ängstlich mit beiden Händen an das Lenkrad.