Leseprobe Herz über Weihnacht

KAPITEL 1

Advent, Advent,
ein Lichtlein brennt!
Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann steht das Christkind vor der Tür.
Und wenn das fünfte Lichtlein brennt,
dann hast'e Weihnachten verpennt.

- Verfasser unbekannt -

MONA

Das Klingeln des Telefons klang wie ein Eindringling. Ich angelte nach dem Handy und nahm, noch während ich auf den Bildschirm meines PCs starrte, das Gespräch an. Die Stimme, die ich am anderen Ende hörte, ließ mich genervt aufseufzen, auch wenn ich sie nur noch selten hörte. Es war die Stimme meiner Schwester.

Herrgott noch mal! Wieso konnte meine Mutter eigentlich nicht akzeptieren, dass ich nicht mehr als nötig mit Lisa reden wollte?

Als habe meine Schwester meine Gedanken erraten, rief sie:

»Leg nicht gleich auf. Mama hat gesagt, ich soll dich anrufen und fragen, ob du vielleicht noch Hilfe brauchst.«

Ihre Aussage überraschte mich, weshalb ich nicht sofort wieder auflegte. Nicht die üblichen Spitzen über ihr fantastisches und mein planloses Leben.

»Hilfe? Wieso Hilfe? Wobei?« Ich klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr, während ich meinen Text überflog. Wenn ich mich beeilte, würde einer pünktlichen Abgabe des Manuskriptes nichts mehr im Wege stehen. Wenigstens dieses Mal!

Am anderen Ende der Leitung stöhnte Lisa leise auf. »Weil morgen Heiligabend ist, Mona. Deshalb! Oder hast du das etwa vergessen?«

Vor Schreck ließ ich beinahe das Telefon fallen. Heiligabend? Das konnte doch unmöglich schon morgen sein! Ich war doch erst vorgestern bei der Sparkasse gewesen, um die Miete zu überweisen, oder …?

Schnell warf ich einen Blick auf das Datum rechts unten im Bild. Es bestätigte die Aussage meiner kleinen Schwester: Morgen war tatsächlich Heiligabend und ich kein einziges Stück darauf vorbereitet. Und ausgerechnet dieses Jahr war ich an der Reihe das Fest für meine Familie auszurichten. Mist, Mist, verdammter Mist!

Gut, dies war ja nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte. Über die Arbeit an meinem neuen Liebesroman hatte ich völlig die Zeit vergessen. Immerhin hatte Lady Chatterley endlich ihr Herz für Lord Worthington geöffnet und sich ihm auf einer blühenden Sommerwiese hingegeben. Also warum sollte ich dann auf so etwas Schnödes wie Daten achten, wenn die Liebe in meiner Geschichte Einzug hielt und …

Kurz gesagt – Zeit und Raum gerieten für mich völlig in Vergessenheit, wenn es um das Fertigstellen meiner Manuskripte ging. Nur Pinot, mein Jack Russell Terrier, sprang zwischendurch mit der Leine im Maul auf den Schreibtisch, um mich zu einem Spaziergang aufzufordern. Ohne ihn würde ich das Haus vermutlich nur einmal im Monat verlassen, um den Kühlschrank aufzufüllen, die Post reinzuholen und die Rechnungen zu bezahlen. Wobei ich auch mittlerweile darüber nachdachte, mir nicht nur meine Lebensmittel nach Hause liefern zu lassen, sondern auch mein Konto auf Onlinebanking umzustellen. Jede Minute, die ich außerhalb meiner Wohnung verbrachte, bedeutete doch verlorene Zeit. Für mich. Meine Manuskripte. Meine Romanhelden. Meine Leser.

Allerdings graute es mir auch davor, meine Konto- und Kreditkartendaten der Internetkriminalität frei Haus zu liefern, indem ich sie selber in irgendwelche Formulare eintippte. Ich unterdrückte einen gurgelnden Laut.

Diesmal handelte es sich leider nicht einfach nur um den vergessenen Geburtstag von Opa oder Lisas Auftritt bei einer Modenschau, sondern um Weihnachten. Um die Geburt Jesu, das Fest der Familie, das Fest der Liebe, das Fest der Besinnlichkeit!

Besinnlich? Pah! Nur eine Störung meines kreativen Schaffens, eine erzwungene Unterbrechung, ein gesellschaftlicher Zwang, ein … Egal. Fakt war, ich hatte ein Problem: Ich war null vorbereitet. Mist!

»Hallo! Mona? Bist du noch dran?«, hörte ich plötzlich Lisa.

»Keine Sorge«, log ich kurzerhand und sprang vom Schreibtischstuhl auf. »Ich habe alles im Griff. Sogar die Geschenke sind schon eingepackt.«

»Echt? Alles schon fertig?« Lisa klang etwas ungläubig.

Ich fühlte, wie die Wut in mir hochkroch, langsam und bedrohlich, einer schwarzen, großen Spinne gleich. Wenn ich eines nicht gebrauchen konnte, dann eine Standpauke, die am Ende wieder auf die Diskussion hinaus lief, wie unorganisiert ich angeblich war. Ich war alles andere als unorganisiert!

Ich wusste immer, wo ich die vollgekritzelten Klebezettel mit den Charaktereigenschaften meiner Protagonisten hingeklebt hatte. Ich speicherte jede Version meiner Kapitel fein säuberlich nummeriert auf dem Rechner ab und wusste genau, in welchem Unterordner die einunddreißigste Version zu finden war. Für meine Steuer hatte ich mir sogar extra einen großen Umzugskarton angeschafft, in dem ich das ganze Jahr über alle Belege und Rechnungen sammelte. Ich räumte sogar regelmäßig alle zwei Monate abgelaufene Lebensmittel aus meinem Kühlschrank! Und ich sollte nicht organisiert sein?

»Und was bekommen wir dieses Jahr geschenkt? Wieder Last-Minute-Parfum-Duschgel-Socken?«

Diese Ziege! »Stell dir mal vor – es sind richtige Geschenke und weder Duschgel, noch Parfum«, gab ich extra schnippisch zurück. Wenn ich mich sputen würde, würde ich es vielleicht sogar heute noch schaffen, welche zu besorgen. Um alles andere könnte ich mich auch morgen früh noch kümmern.

Mit dem Handy am Ohr hastete ich die Treppe herunter und stolperte beinahe über den Hund, der im Halbdunkel auf dem Teppich in der Diele schlief. Erschrocken sprang Pinot auf. Er kläffte.

»Okay, wann sollen wir dann morgen bei dir sein? Gegen vier, wie immer?« Lisas Stimme klang völlig entspannt. Kein Wunder. So wie ich sie kannte, hatte sie ihre Weihnachts-To-do-Liste schon Ende September komplett abgearbeitet. Selbst ihre Reisetasche, wenn sie zum nächsten Fotoshooting musste, packte sie nach einem speziellen Checklisten-System, damit sie nie etwas vergaß.

»Äh … ja, vier klingt gut.« Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe.

»Sehe ich genauso«, stimmte sie mir zu. Sie klang immer noch ungläubig. Aber der würde ich es zeigen. »Wenn wir um halb acht fahren, reicht das locker um einen Parkplatz zu suchen und noch einen vernünftigen Platz weiter vorne zu bekommen.«

»Wieso willst du unbedingt vorne parken?« Immer ganz nach vorne als »First Face«, wahrscheinlich Berufskrankheit wie bei allen Models. Ich griff zur Handtasche, die auf dem Dielenschränkchen lag.

»Nein, die Sitzplätze. Du hast doch die Karten besorgt?«

Ich zuckte erneut zusammen. Verdammt! Das Weihnachtskonzert des Madrigalchores. Musik statt Mette. Unsere Familientradition.

»Um ehrlich zu sein …«, ich stockte. Wollte ich meiner Schwester wirklich die Genugtuung lassen, sich mal wieder bestätigt zu fühlen, dass ich nichts aber auch gar nichts auf die Reihe bekam? Für Lisa war Schreiben ja eine brotlose Kunst und ich die berufliche Versagerin, auch wenn ich mich ja eher als künstlerischen Freigeist bezeichnete. Nur weil sie ihr Leben mit durchgeplanten Sporteinheiten und peniblem Kalorienzählen verbrachte, hieß es ja nicht, dass ich es auch zu meinem Lebensmotto machen müsste. Aber weil ich genau das nicht tat, bekam ich aus ihrer Perspektive eben nichts auf die Reihe, weder im Job, obwohl ich immerhin vom Schreiben leben konnte, noch im Alltag noch in der Liebe. Bei Männern bekam ich ihrer Meinung nach sowieso nie was geregelt. Und wenn doch, dann suchte ich mir unter Garantie die Falschen aus – ihrer Meinung nach. Dabei war sie diejenige gewesen, die mir den Freund abspenstig gemacht hatte. Und wenn Mama nicht immer besänftigend intervenieren würde, würde ich vermutlich auch kein Wort mehr mit meiner Schwester wechseln. Ich war immer noch sauer auf sie. Und dazu hatte ich schließlich auch allen Grund. Und mir dann auch noch sagen lassen zu müssen, dass ich nichts auf die Reihe bekam, wo sie meine gesamte Lebensplanung über den Haufen geschmissen hatte?

Nein. Deshalb wollte ich nicht, dass meine Schwester dachte, ich sei unfähig fünf blöde Karten zu besorgen. Das wäre Grund genug für sie, wieder auf mir rumzuhacken, wie ein Specht auf einen morschen Baumstamm. Ich würde später anrufen und welche bestellen. Zur Not gab es ja auch noch Karten an der Abendkasse. Schließlich war die Kirche seit Jahren nur noch halbvoll.

»Also … lasst euch doch einfach mal überraschen«, improvisierte ich mit wild klopfendem Herzen. »So, außerdem muss ich noch ein bisschen was vorbereiten und die Wohnung putzen. Wir sehen uns dann morgen um vier!«

Lisa verstand ausnahmsweise den Wink mit dem Zaunpfahl und verabschiedete sich mit einem sarkastischen Unterton, wie gespannt sie doch auf den Tannenbaum sei. Ich malte mir aus, wie ich sie in selbigen schubste, während sich die Nadeln in ihren schmalen Salathintern pikten. Allerdings war dies noch ein Punkt, um den ich mich kümmern musste: für mehr als Salat auf den Hüften meiner Schwester und dem Rest der Familie sorgen. Und dafür blieben mir lediglich – ich warf schnell einen Blick auf die Uhr an der Küchenwand – dreiundzwanzig Stunden. Verdammt!

 

***

 

DAVID

»Hey Pops! Wann kommst du mich morgen abholen?«

Stumm verdrehte ich die Augen und biss mir in die Faust. Tausendmal hatte ich meiner Tochter gesagt, sie solle mich nicht so nennen. Sie tat es trotzdem. »Davina, bitte. Pops hört sich immer so an, als könnte man mich zum Frühstück essen oder als wäre ich ein uralter Papagei. Kannst du mich nicht einfach Papa nennen, so wie andere auch?«

Am anderen Ende der Telefonleitung kicherte es. »Pops, du bist doch uralt. Außerdem bist du mein Papa, da kann ich dich nennen, wie ich will.«

Was sollte ich dem noch entgegensetzen? Eigentlich hatte ich es auch bereits aufgegeben, meiner Tochter in diesem Punkt ins Gewissen reden zu wollen. Sie war mit ihren sechzehn Jahren ganz schön vorlaut – so wie ihre Mutter.

»Also wann kommst du … Pops?«, versuchte sie es erneut. Ihr leises Kichern war eindeutig.

Seufzend drückte ich den Hörer mit meiner Schulter am Ohr fest, griff zu dem Midi-Tower, den ein Kunde vorhin als defekt in Reparatur gegeben hatte und löste beiläufig die erste Schraube. »Gegen sechs. Ich lasse einmal auf deinem Handy durchbimmeln. Kommst du dann runter?«

Das Aufstöhnen war unmissverständlich. »Ganz ehrlich? Ich finde das echt uncool. Meinst du nicht, du kannst Mom wenigstens Hallo sagen?«

Das versetzte mir einen Stich, was ein eindeutiges Zeichen war: Ich war auch nach zwei Jahren immer noch nicht ganz über die Sache hinweg. Aber wie auch – wenn man belogen und betrogen worden war. Ich hatte Ina zwar schnell nicht mehr geliebt, aber wütend war ich immer noch auf sie.

»Davina, ich klingel durch und du kommst runter, verstanden?« Mein Tonfall war schärfer als beabsichtigt, was mir augenblicklich leidtat. Meine Tochter konnte schließlich nichts dafür, dass meine Ex ein Miststück war.

»Okay, Papa.« Sie klang kleinlaut. »Und wohin willst du dieses Jahr gehen? Wie immer in die Kirche?«

Ich schraubte flink die drei weiteren Schrauben los und nahm das Seitenteil ab. »Hier um die Ecke gibt es ein Gospelkonzert. Wäre das was für uns? Vorher könnten wir beim Chinesen essen.«

»Gebongt«, ertönte es prompt. »Chinesisch klingt super.«

Ein Seufzen entrang sich meiner Brust. Innen war der Rechner nicht nur verstaubt, sondern auch völlig verklebt. Die Flecken sahen schwer nach Kaffee aus. Kein Wunder, dass das Ding nicht mehr laufen wollte. Ich legte den Schraubenzieher weg und griff zu der Packung mit den Reinigungstüchern.

»So, Pops, und jetzt hätte ich gerne noch einen Tipp.«

Bei uns beiden war es zwar zur Tradition geworden, dem anderen im Vorfeld Tipps zum Weihnachtsgeschenk zu geben. Es war aber auch gang und gäbe von Davina mich mit ihren Tipps völlig in die Irre zu führen, weshalb ich mich dieses Jahr endlich rächen wollte. Mittlerweile war sie alt genug für väterliche Vergeltung.

»Es ist schwarz und lang, doch der Schornsteinfeger ist es nicht.«

Am anderen Ende gackerte meine Tochter los. »Pops, du brauchst endlich eine Freundin, du guckst definitiv zu oft Drei Haselnüsse für Aschenbrödel

KAPITEL 2

Das Christkind ist total verwirrt,
sieht was auf Erden jetzt passiert:
»Was ist nur mit den Menschen los
Was soll die ganze Hektik bloß?
Bis jetzt hab ich in der Heiligen Nacht
doch immer alle Geschenke gebracht!
Nie war ich mit den Nerven nieder –
und geklappt hat es trotzdem – alle Jahre wieder!«

- Verfasser unbekannt -

MONA

Natürlich waren die Geschäfte am Abend vor Heiligabend pickepackevoll. Menschenmassen drängelten sich um die letzten Sonderangebote in den Schütten und die Schlangen an den Kassen ließen erahnen, dass ich mich sicher bis Ladenschluss hier würde durchkämpfen müssen. Und das, wo ich mein Manuskript fertig korrigieren müsste!

Im Arm hielt ich zumindest meine Beute des Raubzuges durch die Schreibwarenabteilung. Für meine Mutter, die regelmäßig Tagebuch schrieb, hatte ich eine hübsche Notizkladde sowie einen ergonomisch geformten Tintenroller ergattert. Meinem Vater würde ich einfach Das Buch der 1000 Witze und eine CD von Heinz Erhardt schenken. Er gab ständig Kalauer zum Besten. Nur kannten wir leider schon alle Witze. Damit könnte er immerhin sein Repertoire erweitern.

Opa Günther würde sich sicher über das politische Buch von Thilo Sarrazin Deutschland braucht den Euro nicht und die warmen Wollsocken freuen. Er war ein klassisches Kriegskind, wo Weihnachten noch wirklich ein Fest der Liebe und nicht des Konsums gewesen war. Seine Geschichte der langersehnten Holzeisenbahn, die Urgroßvater damals eigenhändig geschnitzt hatte, ließ mich zumindest an Heiligabend noch eine Spur des Weihnachtsgedankens erahnen, der irgendwo zwischen der neunten Weihnachtsfeier und der zwölften Weihnachtskarte, die unbedingt pünktlich verschickt werden musste, verloren gegangen war. Weihnachten war wirklich nicht mehr das, was es mal war. Die Leute waren meist gestresst, wussten nicht, was sie schenken sollten und nahmen es in all der Hektik mit der Rücksicht und Nächstenliebe auch nicht mehr so genau. Ich wusste schon, warum mich der Geist von Weihnachten eher gruselte als erfreute. Schon allein der Gedanke, dass die Geschenke womöglich nicht den Erwartungen entsprachen …

Apropos Geschenk. Mir fehlte jetzt eigentlich nur noch ein passendes für Lisa, obwohl sie das alles andere als verdient hatte, aber des lieben Weihnachtsfriedens wegen … Nachdenklich schlich ich durch die Abteilung für Damenoberbekleidung und versuchte, etwas nach ihrem Geschmack zu finden, der meinem aber so gar nicht entsprach. Aber ich war hier wohl eh falsch. Dank ihres Modeljobs war sie klamottentechnisch gut ausgerüstet. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich gehörte eher zur Modefraktion »bequeme Jeans, Sweatshirt und Haarzopf«, während meine Schwester nur äußerst selten ungestylt aus dem Hause ging. Vielleicht sollte ich ihr doch lieber wieder ein teures Parfüm oder zur Abwechslung mal ein tolles Schmuckstück schenken. Ich drehte den Ständer mit dem Modeschmuck zum dritten Mal, als mein Handy plötzlich lossurrte. Das Geräusch ließ mich zusammenzucken. Dabei rutschte der Tintenroller von meinem Geschenkeberg herunter. Ich warf die restlichen Sachen schnell in eine Auslage mit Handschuhen, hob den Stift auf und angelte gleichzeitig in meiner Tasche nach dem Störenfried. Es war Vera, meine Agentin. Sicher wartete sie schon sehnlichst auf das fertige Manuskript, also eröffnete ich das Gespräch direkt mit den Worten: »Keine Sorge, ich brauche nur noch die Abschlusskorrektur machen und dann bin ich fertig.«

Vera lachte in den Hörer. Sie kannte mich schon seit zehn Jahren und wusste, wie perfektionistisch ich war. Deshalb reizte ich die vertraglich geregelten Deadlines oft auch aus. Selbst nach der dreißigsten Korrektur fand ich immer noch einen Kommafehler oder einen Satz, der umgestellt werden musste. Somit waren meine Deadlines oft Dead-Dead-Deadlines. Das gefiel den Verlagen aber nicht und damit Vera ebenso wenig.

»Alles klar. Ich habe nur gedacht, ich halte dich etwas an. Der 01.01. ist und bleibt Stichtag. Ich will mir nicht schon wieder was von dp DIGITAL PUBLISHERS anhören müssen.«

Während Vera sprach, ließ ich langsam meinen Blick über den Ständer mit den Accessoires hinten in der Ecke gleiten und da erblickte ich ihn – einen dezenten Seidenschal in schwarz-rot.

»Natürlich. Wie gesagt, ich bin auch fast fertig. Ich musste nur kurz unterbrechen, um noch etwas zu besorgen.«

Ich zögerte. Wenn er mir gefiel, konnte er Lisa dann überhaupt gefallen? Aber er war perfekt. Absolut.

»Ach Mona, ich habe selten einen so verpeilten Menschen wie dich kennengelernt. Hast du mal wieder keine Weihnachtsgeschenke besorgt?«

»Äh das auch. Ich habe aber auch vergessen, das Weihnachtsfest für meine Familie zu organisieren. Dieses Jahr bin ich leider dran.« Ich lachte verlegen auf und warf einen weiteren Blick auf den Schal. Er würde ihr gefallen. Ganz sicher. Und ich konnte mich auch nicht daran erinnern, jemals einen ähnlichen Schal an ihr gesehen zu haben. Zur Not behielte ich einfach den Kassenbon, damit Lisa ihn umtauschen könnte. Trotzdem: Ein Hauch von Vorfreude keimte in mir auf.

Vera lachte laut auf. »Das ist mal wieder typisch für dich. Herrje Mona, du lernst aber auch nicht dazu. Das Leben spielt sich auch außerhalb der fiktiven Welt ab.«

Natürlich musste ich Vera indirekt recht geben. Gerade in den letzten zwei Jahren hatte ich mich immer mehr zurückgezogen, was sicher auch damit zusammenhing, dass Lisa sich mir nichts dir nichts meinen Freund gekrallt hatte. Bevor diese Sache mit Lisa und Leon passiert war, war ich tatsächlich gesellschaftsfähiger gewesen.

»Ja ja, mal sehen. Vielleicht nehme ich mir als guten Vorsatz fürs nächste Jahr vor, mich wieder mehr in die reale Welt zu integrieren.«

Jemand rempelte mich von der Seite an. Eine junge Frau ungefähr in meinem Alter. Und sie lief geradewegs auf den Ständer mit dem Schal zu. Mit Lisas Schal. Mit nur Lisas Schal. Verdammt. Dort hing doch nur der eine! Außerdem hatte ich Lisa am Telefon bereits vorgegaukelt, dass es dieses Jahr kein Duschgel gab. Diese Lüge wollte ich auf keinen Fall auffliegen lassen – schon gar nicht vor Lisa.

Wieder lachte Vera auf. »Gut dann störe ich dich jetzt nicht länger. Aber denk dran. Der erste Januar ist schneller da, als dir lieb ist.«

Die junge Frau näherte sich gefährlich dem Ständer mit dem Schal. »Bis dann Vera«, würgte ich meine Agentin ab und verstaute das Handy hastig in meiner Handtasche. Dann beschleunigte ich meinen Schritt. Um jeden Preis musste ich verhindern, dass mir jemand mein tolles Geschenk direkt vor der Nase wegschnappte. Die junge Frau sah skeptisch über die Schulter zu mir herüber. Mein Blick huschte unwillkürlich zu dem Schal und wieder zurück zu der Frau. Sie runzelte die Stirn. Das Aufflackern in den Augen meiner Kontrahentin war eindeutig: Sie wollte ihn auch.

Ich rannte los, meine Konkurrentin ebenfalls. Nur Sekunden später erreichte ich den Ständer und griff flugs zu dem Schal, um ihn an mich zu reißen.

Doch sie hielt ihn bereits fest umklammert. »Lass los, du blöde Kuh! Das ist meiner«, keifte sie mich sofort an.

Ich schnappte nach Luft. Was bildete sich diese Zicke eigentlich ein?

»Steht da irgendwo Ihr Name drauf? Ich habe ihn viel eher gesehen als Sie!« Ich versuchte, den Schal zu mir zu ziehen, doch die Ziege hielt kräftig dagegen. Für einen Moment glaubte ich sogar, die Nähte des Tüllstoffes reißen zu hören.

»Hier gilt aber nicht wer zuerst gesehen, sondern wer zuerst zugegriffen hat, bekommt’s.« Der Stoff riss schmerzhaft an meiner Haut. Erstaunlich, was der dünne Seidenschal für Zugkräfte aushalten konnte. Damit könnte ich wahrscheinlich sogar mein Auto abschleppen.

»Hören Sie, meine Schwester ist Model. Da ist es verdammt schwierig, ein tolles Geschenk zu Weihnachten zu finden.« Ich versuchte, an das Mitgefühl der jungen Frau zu appellieren.

Ein höhnisches Grinsen tauchte in ihrem Gesicht auf. Mitgefühl war für sie anscheinend ein Fremdwort. »Erzähl das deinem Friseur oder Kosmetiker, Schätzchen, denn die hättest du beide bitternötig. Deine Schwester ist Model? Bist du adoptiert? Und jetzt lass endlich den verdammten Schal los.«

Schockiert ließ ich los. Kein Geschenk der Welt könnte so perfekt sein, als dass ich mich auf das Niveau dieser Frau herablassen würde. Sollte sie den Schal haben und glücklich damit werden. Auch wenn ich für Lisa jetzt etwas anderes finden musste. Aber meine Schwester hatte es definitiv nicht verdient, dass ich mich im Kampf um modischen Schnickschnack für sie aufs Übelste beleidigen lassen musste.

Herrgott. Warum ist Weihnachten denn bloß so ein blöder kalendarischer Imperativ? Wer bitte braucht schon Weihnachten oder eine linke Schwester, die einfach mit dem Freund ihrer Schwester ins Bett hüpft? Niemand. Und ich schon gar nicht.

Genervt lief ich zurück zu der Auslage und sammelte meine restlichen Geschenke wieder ein.

Alle Jahre wieder …

… der gleiche doofe Weihnachtsmist.

 

***

 

DAVID

Im Kaufhaus steuerte ich direkt die Damenabteilung an. Ich wollte für Davina noch eine Kleinigkeit besorgen, in Schwarz, damit ich sie mit ihrem Geschenk etwas foppen konnte. Vorhin hatte ich ihr bei unserem Telefonat ja schon den Tipp gegeben, dass ihr Geschenk schwarz sei. Was natürlich nicht stimmte. Aber wenn ich ihr dann an Heiligabend zuerst ein paar schwarze Socken oder eine langweilige schwarze Mütze in die Hand drücken würde, wäre das sicher ein Heidenspaß für mich und ihre Freude über das neue Smartphone doppelt so groß.

Ich steuerte zunächst eine Auslage an, in der heruntergesetzte Handschuhe zu finden waren. Während ich in der Schütte nach einem altmodischen schwarzen Paar aus dicker, kratziger Wolle suchte, hörte ich zwei Frauen lautstark neben mir streiten.

»Lass los, du blöde Kuh! Das ist meiner«, schrie die große Blonde. Beide Frauen hielten jeweils die Enden eines schwarz-roten Schals umklammert und zogen wie wild daran herum. Tauziehen für Weihnachtsgestresste. Was für ein Zickenterror.

Die Kleinere von beiden hielt kräftig dagegen. »Steht da irgendwo Ihr Name drauf? Ich habe ihn viel eher gesehen als Sie!« Sie versuchte, das gute Stück nun zu sich zu ziehen, sodass sogar die Nähte knirschten. Ich würde den Schal jetzt definitiv nicht mehr kaufen.

Die beiden keiften sich weiter an. Der Gesichtsausdruck der Blonden war furchterregend. Sie hatte die Augen zusammengekniffen und die Mundwinkel wie Lefzen zurückgezogen, womit ihre Zähne gefährlich aufblitzen. Also mit dem Pitbull würde ich mich auch nicht anlegen wollen.

»Hören Sie, meine Schwester ist Model«, jammerte die Kleine. Ich musterte sie genauer. Sie hatte ihr dunkelblondes Haar zu einem dicken Zopf geflochten, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten. Ihre Wangen waren gerötet. Der Ausdruck in ihren Augen hatte etwas Bittendes. Sie war mindestens anderthalb Köpfe kleiner als der blonde Pitbull. Kaum vorzustellen, dass sie eine Schwester in Modelgröße hatte. Irgendwie tat sie mir leid. Gegen den Pitbull hatte sie in meinen Augen keine Chance.

»Erzähl das doch einfach deinem Friseur oder Kosmetiker, Schätzchen, denn die hättest du beide bitternötig. Deine Schwester ist Model? Bist du adoptiert? Und jetzt lass endlich den verdammten Schal los.«

In diesem Moment wallte Wut in mir auf. Wut auf die gehässige Blonde mit dem Pitbullausdruck. Sicherlich war die Kleine keine gestylte Heidi Klum, aber sie war trotzdem hübsch. Auf eine verhaltene, nicht so offensive Art und Weise. Ihre dunkelbraunen Augen blickten trotz der verfahrenen Situation sanftmütig drein, ihre sommerbesprosste Nase war wirklich süß und ihre vollen Lippen zu einem verzweifelten Ausdruck verzogen. Für mich war sie eine natürliche Schönheit, die weder Schminke noch dieses Schickimicki-Teil, um das sie sich da stritten, nötig hatte. Sie wirkte auch ohne jeglichen Schnickschnack anziehend. Plötzlich ließ die Hübsche los und verlor das Kleidungsstück. Doch im selben Augenblick gewann sie auch etwas. Nämlich meinen Respekt. Die Klügere gibt eben nach.

 

***

 

MONA

Neunundzwanzig Kunden hatte ich vor mir in der Schlange an der Kasse gezählt. Seit geschlagenen fünfzehn Minuten stand ich bereits hier und war nur drei Plätze weiter aufgerückt.

Himmelherrgott noch mal, konnten die Leute ihre Geschenke eigentlich nicht mehr selber einpacken? Jeder Zweite ließ hier an der Kasse sein Geschenk in pompöses blaues oder rotes Papier mit noch pompöseren silbernen oder goldenen Monsterschleifen einwickeln. Und den beiden Mädels an der Kasse konnte man beim Arbeiten gleichzeitig die Schuhe neu besohlen. Wenn das so weiter ging, würde ich morgen früh noch hier stehen.

Ich spürte wieder dieses Brennen in mir aufsteigen, was ich immer bekam, wenn ich mich extrem gestresst fühlte. In der Zeit, in der ich hier wartete, hätte ich locker die ersten zehn Kapitel Korrektur lesen können. Immerhin hatte ich Vera versprochen diesmal pünktlich fertig zu sein. Und sie hatte recht. Bis Neujahr waren es ja nur noch wenige Tage.

Gerade nahm ein junger Mann sein eingepacktes Geschenk entgegen, während eine ältere Frau einen großen Plüschbären auf die Theke legte. »Kann ich den auch mit Kleingeld bezahlen?«, fragte sie und kippte, nachdem die Kassiererin beipflichtend genickt hatte, ihr Portemonnaie aus. Laut scheppernd fielen die Münzen auf die Kleingeldablage aus Plastik. Zur Krönung musste der Plüschbär nach dem Abzählen der Münzen natürlich auch unbedingt in blaues Papier verpackt und mit einer goldenen Schleife versehen werden, was die Einpackhilfe allerdings vor ein Problem stellte: Alle Papierbögen waren zu klein für den Bären.

Ich seufzte laut auf und trat unruhig von einem Bein aufs andere. Kurz bevor Lisa mich angerufen hatte, hatte ich einen Kaffee getrunken, der jetzt offensichtlich unbedingt wieder raus wollte.

Die Durchsage, der Laden schließe in fünfzehn Minuten, ließ mich daher erschrocken zusammenzucken. Was war denn mit den Kunden, die bis dahin nicht abkassiert waren?

»Tschuldigung?« Ich tippte dem älteren Herrn mit dem Hut direkt vor mir auf die Schulter.

Er drehte sich abrupt um und blaffte mich an. »Ja, wat is?« Seine aggressive Miene ließ mich stocken. Ich lächelte entschuldigend. »Äh, nichts, alles gut.«

 

***

 

DAVID

Nur Minuten später stand die Hübsche tatsächlich vor mir an der Kasse. Für einen Moment hatte ich mir überlegt, ihr hinterherzulaufen. In der Schütte mit den Handschuhen hatte ich tatsächlich den gleichen Schal gefunden, um den sich die beiden Mädels gestritten hatten. Eigentlich wollte ich ihn ihr bringen, doch irgendwie war ich mir doof dabei vorgekommen, und hatte ihn einfach dort liegen lassen. Mit den schwarzen Handschuhen für mein Töchterchen war ich dann Richtung Kasse marschiert.

Und nun stand sie direkt vor mir. Ungeduldig. Immer von einem aufs andere Bein tretend, den Kopf stur Richtung Kasse gedreht. Zwischendurch stöhnte sie leise auf.

Ob ihre Schwester wirklich Model war? Wenn ja, war es sicher auch nicht ganz einfach, immer in deren Schatten zu stehen. Verstohlen lugte ich über ihre Schulter, ob ich an ihrer Hand vielleicht einen Ring entdecken konnte. Doch ihre Rechte war unter dem Berg Sachen vergraben, den sie vor ihre Brust gepresst hielt. An der linken Hand trug sie keinen.

Wir rückten gerade in der Schlange auf, als eine Durchsage ertönte, der Laden schließe gleich. Dies versetzte mir wiederum einen Stich. In einer Viertelstunde würde ich sie vermutlich nie wieder sehen. Es sei denn …

KAPITEL 3

Lieber guter Weihnachtsmann,
fragst mich, warum ich dich nicht leiden kann.
Die Antwort darauf ganz einfach ist,
mich nervt dein ganzer Weihnachtsmist …

- Verfasser unbekannt -

MONA

Zehn Minuten später stand ich immer noch auf dem gleichen Fleck und der Bär war immer noch nicht verpackt. Mir taten die Beine weh, mein Kreuz schmerzte, aber schlimmer noch, ich musste jetzt wirklich dringend mal wohin. Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl beobachtet zu werden, aber bei diesen Menschenmassen vielleicht auch keiner Wunder. Ich blickte nach rechts und links, aber das einzig Verdächtige war das dämlich grinsende Rentier gegenüber der Kasse, das bei jedem vorbeilaufenden Kunden »Ho, ho, ho merry Christmas« schmetterte. Am liebsten hätte ich das Vieh ja am Geweih gepackt, auf den Boden geworfen und mit Wonne darauf herumgetrampelt, bis das es keinen Laut mehr von sich gegeben hätte. Doch ich tat es natürlich nicht, sondern sah mich stattdessen genervt um. Nicht mal eine Toilette war irgendwo in Sicht. Aber wenn ich nun wegen so etwas Lapidarem wie meiner vollen Blase aus der Reihe tanzen würde, wären meine Geschenke sowieso verloren. Endgültig. Und das konnte ich definitiv nicht zulassen.

 

***

 

DAVID

Sollte ich oder sollte ich nicht? Herrgott. Ich konnte doch nicht einfach eine wildfremde Frau in einem Kaufhaus ansprechen, oder? Ich wusste ja nicht einmal, ob sie nicht womöglich verheiratet war, oder sogar Kinder hatte. Vielleicht sollte ich sie einfach auf den Schal ansprechen, der sicher immer noch in der Auslage mit den Handschuhen lag. Das wäre zumindest unverfänglich.

Plötzlich hatte ich Davinas Stimme in den Ohren. »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, Pops. Du weißt doch, wer runter fällt, soll schnell wieder aufs Pferd steigen.« Doch ich konnte dem Spruch nichts abgewinnen. Mittlerweile war ich schon zwei Jahre wieder solo, eines davon offiziell geschieden. Aber den Verrat meiner Ex hatte ich immer noch nicht ganz verwunden.

Ich schüttelte die unangenehmen Gedanken ab und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Hübsche vor mir. Sie hibbelte ziemlich rum. Geduld war wohl nicht gerade ihre Stärke. Sollte ich oder sollte ich nicht?

 

***

 

MONA

Die Geschäftsführung teilte den Kunden gerade über eine Durchsage mit, dass die Verkäuferinnen nun alles per Hand aufschreiben und abrechnen müssten. Das Kassensystem war angeblich ausgefallen. Das war der Moment, an dem ich tatsächlich notgedrungen aus der Reihe tanzte, weil meine Blase kurz vor der Sprengung stand. Die Geschenke ließ ich wehmütig in einer Weihnachtsschütte mit Parfüm und Duschgelangeboten für Späteinkäufer wie mich zurück und nahm mir vor, einfach später alles zu Hause online zu bestellen. Per Expresslieferung. Hätte ich eigentlich auch gleich drauf kommen können. Duschgel gibt’s schließlich auch im Internet.

 

***

 

DAVID

Plötzlich war sie weg. Hatte einfach ihre Sachen in eine Auslage geworfen und das Weite gesucht. Konnte ich sogar verstehen. Ich hatte auch keine Lust mehr, mir hier an der Kasse die Beine in den Bauch zu stehen. Warum musste auch ausgerechnet kurz vor Feierabend noch das Kassensystem ausfallen? Vielleicht sollte ich denen mal ein Angebot über absturzsichere Software unterbreiten.

Na ja, sicher war es besser so, dass die Hübsche weg war. Nachher hätte ich mich noch blamiert. Schließlich hatte ich seit zwanzig Jahren kein Mädchen mehr angesprochen. Ina hatte ich in der Schule kennengelernt und mir schon damals einen abgebrochen, sie zu fragen, ob wir mal zusammen ins Kino gehen würden. Jetzt war ich zwar erfahrener und älter, doch die Angst sich zu blamieren ist nach wie vor geblieben. Also was, wenn die Hübsche mir womöglich einen Korb gegeben hätte – wegen ihres Mannes?

Ich seufzte leise auf und rückte in der Schlange ein Stück vor. Trotzdem schade. Sie war verdammt süß.