Leseprobe Heart and Sea

1. Kapitel – In letzter Sekunde

Ein kräftiger Ruck riss Emily aus dem Schlaf. Das kleine Schlauchboot schwankte gefährlich in den immer höher schlagenden Wellen des Teldameers. Der Sturm trieb das leichtgewichtige Bötchen vor sich her. 

„Oh mein Gott, was ist das denn?“, kreischte sie und klammerte sich verzweifelt am Bootsrand fest, um nicht in die tosende See geschleudert zu werden. Sie musste eingeschlafen sein! Weit und breit erkannte sie nichts als den Schaum des sich brechenden Salzwassers. Ihr Herz hämmerte wild und nasse Haarsträhnen peitschten ihr ins Gesicht.

Als sie vor zwei Stunden losgerudert war, hatte nichts auf einen solch krassen Wetterwechsel hingedeutet. Es sollte ein schöner Ausflug am Sonntagnachmittag werden, wie sie ihn schon unzählige Male gemacht hatte. Sich sanft durch die Wellen schaukeln und die Seele baumeln lassen …

„Verdammte Scheiße!“ Keuchend zog sie sich mit beiden Händen an dem dünnen Seil hoch, das durch die Ösen um den Bootsrand gezogen war. Wo waren die Ruder? Hektisch schaute sie sich um. 

Sie löste die Hand nur für einen Moment vom Seil. Gerade in dieser Sekunde traf eine hohe Welle das Schlauchboot mit voller Wucht. Ein Ruck ging durch das Boot, Emily verlor den Halt und fiel schreiend in die tobenden Fluten des Teldameers. 

Sofort sank sie immer tiefer, obwohl sie wie eine Verrückte mit den Beinen strampelte. Mit aller Kraft versuchte sie, an die Oberfläche zu gelangen. Bis sie die Kraft verließ. Sie wollte atmen, schluckte nur Wasser, hustete, schluckte wieder Wasser. Sie kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Urgewalt des Meers. Ihre Lunge schrie nach Sauerstoff … Dann verlor sie das Bewusstsein und schwebte lautlos in die Tiefe.

„Hey, komm schon. Atme …“ 

Wie von weither bahnte sich eine Stimme den Weg in Emilys Bewusstsein. Erst dumpf, dann immer klarer. Ihr Brustkorb schmerzte, die Speiseröhre brannte wie Feuer. Krampfhaft zog sich ihr Magen zusammen und bevor sie auch nur Luft holen konnte, schoss ein Schwall salzigen Wassers aus ihr heraus. Darauf folgte ein Hustenanfall, der ihr wie tausend Messer in Brust und Kehle stach. Sie stöhnte vor Schmerz.

„Ganz ruhig. Atme ganz langsam.“ 

Die sanfte Stimme beruhigte sie. Etwas Kühles legte sich auf ihren Brustkorb und sie versuchte, ihre Atmung dem Rhythmus des Sprechers anzupassen. Jemand strich ihr vorsichtig die Haare aus dem Gesicht. Sie wollte die Augen öffnen, doch ihre Lider brannten wie Feuer. Mühsam blinzelte sie, öffnete nur ein Auge zu einem schmalen Schlitz. Für einen Moment nahm sie ein nebulöses Gesicht über sich wahr, umrandet von etwas Schwarzem … 

So war er also, der Tod. Gar nicht so anders als das Leben. Der Übergang war nicht ganz so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatte. Kein bequemes Hinübergleiten. Ihre Brust schmerzte noch immer und das Salzwasser brannte höllisch in ihrer Kehle. 

Moment. Salzwasser? 

Schlagartig kehrte die Erinnerung zurück. Sie war ertrunken. Irgendwo im Teldameer. 

Sie spürte, wie etwas über ihre Lider strich. Sanft wie ein Windhauch.

„Hey. Komm schon, mach die Augen auf. Versuch’s noch mal.“ 

Da war sie wieder, die Stimme. Liebevoll. Dunkel. Sanft. Zu wem mochte sie gehören? Einem Engel? Waren Engel nicht weiß, leuchtend und hatten Flügel? Dieser war schwarz umrandet. Ein schlechtes Zeichen? Sie hatte eher mit ihrer Großmutter oder ihrem Hund Buffy gerechnet. Diese Stimme war ihr gänzlich unbekannt.

Wieder strich etwas über ihre Stirn, glitt ihr Gesicht hinab und blieb auf ihrem Hals liegen.

„Komm schon, sieh mich an!“

Emily strengte sich an. Sie kämpfte gegen die Übelkeit, den stechenden Schmerz in ihrer Brust und den Drang, einfach einzuschlafen. Dann schlug sie die Augen auf.

„Endlich. Da bist du ja. Wie fühlst du dich?“, fragte das Gesicht über ihr. Leuchtend grüne Augen strahlten sie an. Die darunter liegenden Lippen waren zu einem erleichterten Lächeln verzogen.

„Hi“, krächzte sie. Sofort fuhr sie sich mit der Hand an die Kehle. Der Schmerz war noch da.

„Kannst du dich aufsetzen? Komm, ich helfe dir.“

Mühelos zog der Mann mit den strahlenden Augen sie in eine sitzende Position. Wie ein nasser Sack lag sie schwer an seinen Schienbeinen. Emily stöhnte leise, als ihr schwindelig wurde.

„Alles okay?“, fragte er besorgt. Vorsichtig versuchte sie, sich zu räuspern.

„Oh Mann, mir tut alles weh. Was ist passiert?“, fragte sie und wiegte den Kopf hin und her. „Ich bin am Strand. Wie …?“

„Wieso bist du bei so einem Wetter mit einem Schlauchboot auf das Meer rausgerudert? Wolltest du dich umbringen?“, unterbrach er sie, jetzt mit einem ärgerlichen Unterton in der Stimme.

Emilys Kopf schoss in den Nacken, sodass sie in sein vornübergebeugtes Gesicht sehen konnte. „Natürlich nicht“, zischte sie. „Ich bin doch nicht blöd!“ Mit einem Stöhnen fuhr ihre Hand in den Nacken. „Verdammter Schwindel.“

„Warum bist du dann so weit rausgefahren?“

Der Typ stellte aber auch Fragen. „Ich … bin wohl eingeschlafen. Das Wetter war so schön …“ 

„Mach das nie wieder! Hörst du? Versprich es mir!“

Verwundert sah sie ihn an. So langsam dämmerte es ihr, dass sie nur knapp mit dem Leben davongekommen war.

„Hast du mich gerettet?“, fragte sie verunsichert. „Wer bist du überhaupt? Ich hab dich hier noch nie gesehen.“

Er räusperte sich umständlich. Mit den Händen fuhr er durch sein langes, schwarzes Haar, fasste es zu einem Zopf zusammen, sah über das Meer und ließ die Haare wieder los. „Ich, ähm … bin Dathan. Und ja … ich hab dich gerettet.“

„Okay. Hi, Dathan. Ich bin Emily. Danke fürs Retten.“

Er nickte. „Keine Ursache. Kannst du aufstehen? Der Wind ist kalt und du bist klitschnass. Wir sollten uns irgendwo unterstellen.“

Er beugte sich zu ihr hinunter, fasste beherzt unter ihre Arme und half ihr beim Aufstehen. Er tat dies mit einer Leichtigkeit, als sei sie eine Feder.

„Da vorn“, sagte sie und zeigte auf eine blau gestrichene, verwitterte Holzhütte. „Das war mal ein Fischimbiss. Dort sind wir zumindest vor Wind und Regen geschützt.“

Vorsichtig versuchte sie einen Schritt, doch ihre Beine fühlten sich an wie Pudding und wollten einfach nicht den Befehlen ihres Gehirns gehorchen. Sie strauchelte und sackte in seinen Armen zusammen. Stumm hob er sie hoch und trug sie die paar Schritte bis zur Hütte. Ohne weiter darüber nachzudenken, schlang sie die Arme um seinen Hals und legte ihren Kopf an seine Schulter. Er roch nach Meer und Wind.

Auch als sie die Hütte erreichten und er sie auf der alten Bank davor absetzte, rückte sie nicht von ihm ab. 

„Du zitterst ja.“ Wie selbstverständlich zog er sie an sich. „Komm in meinen Arm. Vielleicht wird dir dann wärmer.“ Seine Stimme klang sanft und gleichzeitig besorgt. Bereitwillig ließ sie sich von ihm umarmen.

Verwundert erkannte Emily, dass er lediglich eine Badehose trug und trotzdem nicht den Eindruck machte, als wäre ihm kalt. Seine Haut fühlte sich seltsam an. Kühl und fest. Wieder nahm sie das frische Meeresaroma wahr, das ihn umgab. Kein Wunder, dachte sie, er hat mich ja aus dem Meer gerettet, also riecht er auch danach.

„Ich sollte dich nach Hause bringen. Wo wohnst du?“, fragte er, als sie nach einer Weile nicht mehr zitterte.

„Gleich hinter den Dünen“, antwortete sie und zeigte hinter sich.

„Kannst du gehen? Oder muss ich dich tragen?“ Er zog den rechten Mundwinkel leicht nach oben, was sie ziemlich süß fand.

„Ich glaube, ich kann gehen …“

Schwankend, aber auf eigenen Füßen, stand Emily auf und stapfte über die Dünen. Dathan ging neben ihr, einen Arm beschützend hinter ihr ausgestreckt, bereit, sie jederzeit aufzufangen, falls sie wieder stolpern sollte.

Ihr Haus lag keine hundert Meter entfernt. An der Tür blieb sie stehen und überlegte kurz, was sie tun sollte. Ihm war bestimmt kalt und nach der Rettungsaktion hatte er vielleicht Hunger. Sie könnte ihm einen Kaffee anbieten oder irgendwas zu essen. Einen Müsliriegel oder die Plätzchen, die ihre Eltern immer auf Vorrat kauften. Das war das Mindeste, was er verdient hatte. Außerdem fand sie ihn ziemlich süß und wollte gerne mehr über ihn erfahren. 

„Willst du reinkommen?“, bot sie also an. „Etwas zum Aufwärmen trinken?“

Abwehrend hob er die Hand und schüttelte den Kopf. „In diesem Aufzug gehe ich sicher nicht mit dir in dein Haus. Vielleicht ein anderes Mal.“

„Schade“, murmelte sie, bevor ihr auffiel, dass das ziemlich unhöflich war. „Ich meine, okay. Aber wir sehen wieder, oder?“

„Ja. Wir sehen uns sicher noch mal“, antwortete er.

„Wo wohnst du denn?“

Er betrachtete sie einen Moment lang, als müsste er über die Antwort nachdenken. „Ich muss jetzt gehen“, sagte er dann. „Geh rein und wärm dich auf, sonst wirst du krank.“

Mit diesen Worten drehte er sich um und lief mit ausladenden Schritten über die Dünen davon. Kopfschüttelnd blickte sie ihm nach. 

„Seltsamer Typ“, murmelte sie, bevor sie die Haustür schloss.

***

Dathan holte tief Luft, um sein aufgewühltes Inneres zu beruhigen. Er saß an der Stelle, an der er Emily aus dem Wasser gezogen hatte, und hatte nur ihr Gesicht vor Augen. Dieses Mädchen … Emily. Sie hatte in ihm etwas ausgelöst, von dem er bis heute nur gehört hatte. 

Es regnete in Strömen und der Wind peitschte die Wellen über seinen Oberkörper. Doch das störte ihn nicht. Das Wasser war sein Element.

Kopfschüttelnd sah er auf die wilde Oberfläche. Es war kaum eine Stunde her, dass seine Schwester Sasana die ertrinkende Emily unter Wasser geortet und ihn informiert hatte. 

„Dathan! Ein Mensch ist in Gefahr! Schnell, sie ertrinkt!“

Sofort waren sie an die Stelle gehetzt, an der Emilys Körper in die Tiefe glitt. Bei diesem Anblick hatte sein Herz schneller zu schlagen begonnen und ein seltsames Gefühl seine Bauchmitte erfüllt.

„Ich bringe sie an Land. Du kannst wieder zurück!“, hatte er Sasana zugerufen. 

„Bist du dir sicher?“

„Ja. Ich bin sicher!“

„Denk daran: Du musst gehen, bevor sie die Augen öffnet!“

Daran hätte sie ihn eigentlich nicht einmal erinnern müssen.

Er hatte nie zuvor einen Menschen berührt. Die Geschichten, die man sich in seinem Volk erzählte, waren so unterschiedlich wie der Geschmack von Himpfschwänzen und Breitseitlingen.

Emily hatte sich weich und warm angefühlt. Ganz anders als seine Schwester. Der Geruch … süß und verlockend. Menschlich. Er wusste, dass er einen Fehler begangen hatte. Aber er hatte sich nicht von diesem wunderbaren Wesen lösen können. Ein Blick ihrer himmelblauen Augen, und schon war es zu spät gewesen. 

Als er sie im Arm hielt, war es leicht gewesen, die aufkommenden Gefühle zu unterdrücken. Er handelte instinktiv und blockierte die tief in ihm lodernden Bedürfnisse. 

Doch jetzt überkam ihn der Drang mit voller Wucht. Er verengte die Augen zu Schlitzen, die Farbe wechselte von Smaragdgrün zu einem funkelnden Türkis. Sein Atem gewann an Tempo, spitze Stacheln bohrten sich durch seine Fingerspitzen und gleichzeitig ergriff ein unbändiges, unbekanntes Verlangen von ihm Besitz.

Aufgewühlt sprang er auf und rannte ins Wasser.

2. Kapitel – Annäherung

Emily war Dathans Rat gefolgt und hatte am vorigen Abend ein heißes Bad genommen. Die Wärme hatte ihr gutgetan und ihre Gedanken waren zur Ruhe gekommen.

Was ist eigentlich genau passiert?, hatte sie sich während des Badens gefragt. Sie war ins Meer geschleudert worden. Das Nächste, an das sie sich erinnerte, waren Dathans Stimme und seine sanften Berührungen. Wieder und wieder ging sie das alles durch, bis ihr beinahe die Augen zufielen. 

Als sie an diesem Morgen aufwachte, fühlte sie sich wie neugeboren. Energiegeladen sprang sie aus dem Bett und stürmte ins Bad. Eine fröhliche Melodie vor sich hin summend versuchte sie vergeblich, ihr krauses, rotes Haar zu bändigen. Schließlich teilte sie die Mähne in der Mitte, band um jede Seite einen Haargummi und streifte ein langes T-Shirt über, das ihr bis an die Knie reichte. 

Erst als sie die Zähne putzte, kam die Erinnerung an den gestrigen Tag zurück. Das Schlauchboot, der Sturm, die hohen Wellen, Dathan … 

Ihre Hand fuhr an ihre Kehle, die gestern wie Feuer gebrannt hatte. Nichts. Sie räusperte sich, erst verhalten, dann intensiver. Kein Schmerz. Alles schien in Ordnung zu sein. Auch das Stechen in der Brust war verschwunden. Im Spiegel inspizierte sie ihre Augen, die gestern rot und geschwollen gewesen waren. Die Schwellung war verschwunden und die Bindehaut wieder weiß.

Dathan … Ihr Herz tat einen Extraschlag, als sie an den süßen Typen dachte, der sie gestern aus dem Meer gezogen hatte. Sie erinnerte sich an seinen Geruch. An die langen, schwarzen Haare, die sein schönes Gesicht umrandeten, und die smaragdgrünen Augen …

„Jetzt reiß dich zusammen!“, rief sie sich zur Ordnung. Vielleicht würde sie ihn nie wiedersehen. Sie wusste ja noch nicht mal, wo er wohnte oder ob er hier nur seinen Urlaub verbrachte. Obwohl seit einigen Jahren kaum noch jemand zum Urlaubmachen nach Dünensee kam. 

„Hoffentlich hat er sich nicht erkältet in der dünnen Badehose“, murmelte sie. 

„Emy“, johlte ihr kleiner Bruder Marc durch das Haus, als sie gerade aus dem Bad kam. 

„Jahaaa!“ Emily sprang die Stufen hinunter und flog ihrem Bruder um den Hals. „Guten Morgen, Brüderchen.“ 

Marcs kurze feuerrote Haare standen in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab und ein schelmisches Grinsen lag auf seinem von Sommersprossen übersäten Gesicht. „Frühstücken wir zusammen?“

„Klar. Holst du Brötchen?“

„Mach ich, bin schon weg.“

Schon schlug die Haustür zu. Marc war sechzehn und genoss – wie sie selbst – die Schulferien ohne die elterliche Aufsicht. Eigentlich hatte er zu Onkel Tim und Tante Anna fahren sollen, aber nach tagelangem Betteln und Emilys Zusicherung, gut auf ihren Bruder aufzupassen, hatten ihre Eltern eingewilligt, dass er zu Hause bleiben durfte. Vier himmlische, elternlose Wochen lagen vor ihnen. 

„Und gleich am ersten Tag baust du die Scheiße deines Lebens“, grummelte sie und schauderte bei dem Gedanken an die gestrigen Ereignisse.

Sie kochte Kaffee für sich, für Marc einen Kakao, und deckte den Frühstückstisch. Kurz darauf stand sie mit ihrer Tasse in der Hand am Fenster und sah Marc schon von Weitem mit seinem Fahrrad wiederkommen. Sie öffnete die Haustür und er stürmte hinein.

„Wo warst du eigentlich gestern, Emy? Hab dich nachmittags vermisst. Du bist auch nicht ans Handy gegangen“, fragte er und warf die Brötchentüte mit elegantem Schwung auf den Tisch.

„Ich … äh …“ Unsicher trank sie einen Schluck. „Na ja, ich war am Strand. Mein Handy hab ich vergessen.“

„Ah, okay.“ Er schaute sie verschmitzt lächelnd an. „Gib’s zu! Du hast einen Jungen kennengelernt.“

Emily wurde heiß und kalt zugleich. Hatte er gestern etwas bemerkt? Vorsichtig tastete sie sich vor. „Wieso fragst du?“

„Na ja, du warst eine ganze Weile verschwunden und nicht zu erreichen. Und heute strahlst du wie ein Honigkuchenpferd.“ 

„Du spinnst ein bisschen. Ich bin am Strand eingeschlafen. Mehr nicht.“

„Emy! Für wie blöd hältst du mich? Es hat wie aus Eimern geschüttet und gestürmt und dabei schläfst du am Strand? Ist klar.“

„Ich … war in der alten Fischbude und hab gelesen. Dabei bin ich eben eingeschlafen“, verteidigte sie sich vehement.

Marc winkte ab. „Ist auch egal. Du bist erwachsen und kannst machen, was du willst.“ 

Damit war für ihren Bruder das Thema erledigt. Sie atmete erleichtert auf. Von Dathan brauchte er vorerst nichts zu wissen und vor allem nicht von der Katastrophe, in die sie sich gestern hineinmanövriert hatte. Ansonsten hätte sie keine ruhige Minute mehr vor ihm. Er war zwar jünger als sie, spielte sich jedoch gern als ihr Beschützer auf. Das nervte sie ziemlich.

„Was machst du heute?“, fragte er und steckte sich das letzte Stück seines Brötchens in den Mund.

„Weiß noch nicht. Und du?“

„Ich treff mich mit Sven zum Zocken. Bleib auch über Nacht da, wenn das okay ist.“

„Mach ruhig, kein Problem. Wir schreiben?“

„Okay. Ich helf dir noch beim Aufräumen, dann bin ich weg.“

Als Marc aus dem Haus war, duschte sie ausgiebig, flocht ihre widerspenstigen Haare zu zwei Zöpfen und stand danach lange vor dem Kleiderschrank. Unschlüssig, was sie anziehen sollte, zog sie sämtliche Kleidungsstücke aus den Regalen und schmiss sie aufs Bett. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, mal wieder auszumisten, dachte sie.

Nach einer Stunde brauchte man in ihrem Schrank keinen Kompass mehr, um etwas zu finden. Geordnet nach Winter, Sommer und Übergang lagen die Sachen, die sie behalten wollte, ordentlich im Schrank. Wenn das ihre Mutter sehen könnte …

Trotz der ausgiebigen Sortieraktion hatte sie immer noch nichts Passendes für eine eventuelle Begegnung mit Dathan gefunden. Ihr Herz klopfte heftig in ihrer Brust und in ihrem Magen kribbelte es gewaltig, wenn sie an ihn dachte. Ihr Blick fiel zum Fenster. Die Sonne malte Muster durch die Gardinen und versprach einen warmen Sommertag. 

Schließlich entschied sie sich für eine weiße Bermudajeans, ein ärmelloses, gelbes Top und eine hellgraue Sweatjacke, die sie sich um die Hüfte band. 

Was hatte sie Marc erzählt? Fischbude – lesen. Diese Idee fand sie für heute gar nicht so schlecht … und falls Dathan an den Strand kommen sollte, würde er sie finden. 

Sie warf ein Strandtuch, Sonnenmilch, ihr Buch, eine Flasche Wasser und eine Packung Haferplätzchen in die Strandtasche und machte sich auf den Weg. Das Handy steckte sie in die Hosentasche. Marc würde sich garantiert bald melden. 

Vor dem verwitterten Schuppen schob sie zwei der Holzbänke zusammen und breitete ihr Strandtuch darauf aus. Hinter der Bude fand sie einen kleinen Holztisch, an dem vor vielen Jahren noch Touristen gesessen und nach einem Urlaubstag das abendliche Fischessen genossen hatten. Genau richtig, dachte sie, zog ihn um die Bude herum und platzierte ihn neben den Bänken.

Heute war das Teldameer ruhig. Kleine Wellenausläufer glitten verspielt über den Sand. Nichts erinnerte an den Sturm von gestern. 

Emily nahm das Buch und wurde sofort wieder von der Handlung mitgerissen. Die Zeit verging, ohne dass sie es bemerkte. Sobald sie ihre Nase in ein gutes Buch steckte, tauchte sie in die Welt der Geschichte ein und vergaß alles um sich herum. Sie sah erst auf, als sich neben ihr jemand räusperte – und sah direkt in Dathans schönes Gesicht.

„Hey“, sagte er und strich sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Hey …“ Sein Anblick löste auf der Stelle heftiges Herzklopfen aus. „Hab dich gar nicht kommen hören. Schleichst du dich immer so an?“

Dathan vorzog die Lippen zu einem Grinsen. Dabei bildeten sich neben den Wangen zwei Grübchen, die Emily fasziniert anstarrte. „Ich hab mich nicht angeschlichen. Du scheinst in einer anderen Welt gewesen zu sein“, gab er zurück.

Sie lachte. „Ja, das stimmt. Wenn ich lese, passiert das schon mal.“

„Wie geht’s dir? Noch irgendwelche unangenehmen Nachwirkungen?“

„Nein, keine. Mir geht’s blendend“, antwortete sie nachdenklich. „Merkwürdigerweise beinahe noch besser als gestern.“

„Das klingt gut.“

Emily ließ ihren Blick an Dathans Körper hinabwandern. „Du hast ja schon wieder nur eine Badehose an. Hast du nichts anderes zum Anziehen?“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“

„Ernsthaft?“

„Nein.“

Irritiert sah sie ihn an. „Moment – was jetzt?“

„Na klar habe ich was anderes zum Anziehen“, antwortete er grinsend. „Aber es ist warm heute und wir sind am Meer. Ich will schwimmen, das mache ich gewöhnlich in Badehose. Kommst du mit ins Wasser?“

Sie legte das Buch zur Seite und wiegte den Kopf hin und her. „Ja, ich glaube, wenn du dabei bist, kann ich es wagen.“

Er grinste spitzbübisch, sagte aber nichts. 

„Übrigens, danke für gestern“, fügte sie noch hinzu.

„Keine Ursache.“ Dathan senkte den Kopf und seine langen Haare verdeckten für einem Moment sein Gesicht. Er räusperte sich leise, hob dann den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. „Kommst du?“

„Ich muss mich erst umziehen. Geh schon vor.“

„Okay. Bis gleich.“

Sie betrachtete ihn, als er das kurze Stück zum Wasser ging. Seine langen, schwarzen Haare hatte er zu einem Zopf zusammengebunden und die breiten Schultern fielen ihr besonders auf. Schwimmerschultern. Bestimmt war er ein exzellenter Schwimmer. Ach, natürlich war er das! Sonst hätte er sie nicht retten können. 

„Wo bleibst du?“, rief er.

„Moment noch!“

Schnell zog sie Hose und Shirt aus. Den Badeanzug trug sie zum Glück schon drunter. 

Der Sand unter ihren Füßen fühlte sich angenehm warm an. Als die erste Welle ihre Füße umspülte, sog sie hörbar die Luft ein. Das Wasser war noch kalt, der Sommer würde es erst im Laufe der Wochen immer mehr aufwärmen. 

„Komm schon“, forderte Dathan lächelnd. Er stand schon bis zur Brust im Meer. „Es ist perfekt.“

„Es ist kalt.“ Zögernd ging sie weiter, bis das Wasser ihre Oberschenkel umspülte. „Verdammt! Ein Wunder, dass ich gestern nicht erfroren bin.“

„Es wird besser, wenn du drin bist und dich bewegst. Jetzt komm schon.“ Er kraulte auf sie zu und bespritzte sie absichtlich mit dem kühlen Wasser.

„Hey, lass das! Oder …“

„Oder was?“, rief er und machte Anstalten, sie erneut mit einem Schwall Wasser zu bespritzen. 

Bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, tauchte sie blitzschnell unter. Prustend kam sie an die Oberfläche und strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Haha! Zu spät.“

„Warte ab, mir fällt schon noch was ein. Jetzt lass uns schwimmen.“

 

„Ich liebe das Meer“, keuchte Emily und schaute sich um. Sie waren eine Weile nebeneinander durch die leichten Wellen des Teldameers gekrault. Dathan schien kein bisschen außer Atem zu sein. „Oh, verdammt, wir sind ganz schön weit rausgeschwommen“, prustete sie und schnappte nach Luft. „Bin nicht sicher, ob ich den Rückweg schaffe. Ich glaube, das von gestern steckt mir noch in den Knochen.“

Dathan schwamm näher zu ihr. „Halt dich an meinen Schultern fest“, bot er an. „Ich ziehe dich ein Stück.“

Gern gab sie es nicht zu, aber sie war froh über sein Angebot. Sie hätte es nach gestern besser wissen müssen, doch sie hatte sich so voller Energie gefühlt. Wo zum Teufel war ihre Vernunft geblieben? 

Dathan schwamm mit ihr im Schlepptau scheinbar mühelos ans Ufer.

„Woher nimmst du die ganze Kraft?“, fragte sie kopfschüttelnd. „Ich kann von mir behaupten, eine richtig gute Schwimmerin zu sein. Aber du …“

„Ständiges Training“, erwiderte er grinsend.

„Kaum zu glauben. Wie oft …“

„Komm“, unterbrach er sie und griff nach ihrer Hand. „Legen wir uns in die Sonne. Warte, ich hole dein Handtuch.“

„Okay.“ Emily quetschte mit beiden Händen das Wasser aus den Zöpfen und beobachtete ihn. Seine Haare faszinierten sie am meisten. Sie waren ungewöhnlich lang für einen Mann, gingen ihm fast bis zur Mitte des Rückens. Dann sah sie auf die muskulösen Beine. Bei jedem Schritt zeichneten sich die Konturen unter der straffen Haut deutlich ab.

„Wow“, flüsterte sie. „Knackig, knackig.“

In diesem Moment drehte er sich um und grinste über beide Ohren. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Hatte er sie etwa gehört? Unmöglich!