Leseprobe Gefährliche Liebe

Prolog

Hamburg, Januar 2011

Am Morgen haucht eine zarte Brise den Duft von Poleiminze in mein Schlafzimmer. Sonnenstrahlen liebkosen meine Haut. Ein perfekter Tag kündigt sich an, denn selbst die Perlen schimmern sanft in der Muschelschale auf meinem Nachtschränkchen und sind zum Greifen nah. Ich strecke verträumt die Hand nach ihnen aus und … wache auf, öffne die Augen.

Mein Blick fällt durch die große Fensterfront auf meinen Garten. Kein griechisches Gortis, kein Peloponnes. Kein Crescendo der Farben. Keine Berge und Täler, keine Blumen, kein Thymian, Salbei und Minze. Keine Perlen. Nur das Spiel der winterlichen Morgensonne, die durch die seidenen Vorhänge in mein Schlafzimmer dringt.

Eine kurze Nacht liegt hinter mir, in der ich wieder einmal von Griechenland und von Konstantin geträumt habe. Im Traum hält er meine Hand und schlendert mit mir durch die lichtdurchflutete Landschaft Peloponnes. Ein schöner Traum, meine ich. Ein Traum, in dem der Geschmack und der Duft der Liebe und die Farben lebendig werden.

Aber nicht immer enden meine Träume so wundervoll. In manchen Nächten höre ich die Winde geheimnisvoll flüstern und Wolken verfinstern den strahlend blauen Himmel. Alles ist dunkel und trist. Dann wache ich auf und frage mich, warum die Natur sich mit aller Kraft gegen mich aufbäumt, warum ihre Farben verblassen, warum der Himmel über Peloponnes ergraut und die Luft bitter schmeckt.

Ich stehe auf und schiebe meine Erinnerungen beiseite. Los! Duschen, Anziehen!, meldet sich meine innere Stimme.

Ich gehorche diesem schlecht gelaunten Etwas in meinem Kopf.

In der Küche öffne ich das Fenster, lehne mich hinaus und bestaune die weiße Landschaft. Mein Atem verliert sich weiß in der klaren Winterluft. Es hat die ganze Nacht geschneit und der Schnee liegt zentimeterdick auf der Fensterbank wie ein riesiger Wattebausch.

Mein Blick erfasst das Panorama vor dem Fenster: den wunderbaren Segelboothafen und die Landschaft entlang der Außenalster. Die Äste der Tannen im Garten biegen sich unter der Last des Schnees, den das Sonnenlicht wie Diamantsplitter glitzern lässt. Es ist ein berauschendes und erholsames Bild. Ist es immer gewesen, würde mein verstorbener Vater sagen.

Meine Gedanken schweifen einen Moment ab. Während meiner Kindheit war mein Vater immer für mich da. Er wollte mit seiner kleinen Tochter sehen, fühlen und spüren, wie sie die Welt entdeckt. Ich bin bedürfnisorientiert aufgewachsen. Mein Bedürfnis nach Zeit und Nähe haben meine Eltern stets erfüllt und deshalb vermisse ich sie sehr, selbst heute, zehn Jahre nach ihrem tödlichen Unfall.

Der glitzernde Schnee weckt auch Erinnerungen an eine Vergangenheit voller Geheimnisse, Unheil und Schmerz, aber auch an die sprudelnde Vielfalt des Glücks und den Zauber der Liebe.

Ich fürchte mich nicht vor dieser Vergangenheit. Sie war und ist Liebe und deshalb ewig. Ein gesagtes Wort ist gesagt, ein geschriebenes Wort geschrieben. Und die Zukunft? „Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, denn sie offenbart sich mir erst jetzt in der Gegenwart.“

Ich war an einem Ort, in einer Höhle, in der Vergangenheit und Gegenwart an wenigen Tagen im Jahr für einen flüchtigen Moment als leuchtendes Chaos verschmelzen, sobald die Stürme aufkamen. Alles schimmerte dann dort wie der glitzernde Schnee vor meinem Fenster.

Niemand weiß, warum das so ist, und niemand kann sich selbst heute dort der Magie entziehen. Manche Menschen glauben, die Höhle sei verzaubert, andere wiederum behaupten, sie sei verflucht. Zauber und Fluch liegen nun mal in der Welt der Gefühle dicht beieinander.

Obwohl es nicht ungefährlich ist, die Höhle an trüben Tagen zu betreten, verspüre ich den Wunsch, in diesem Moment, beim Betrachten des funkelnden Spektakels vor meinem Fenster. Vielleicht, weil ich noch immer auf der Suche bin – nach dem wahren Gefühl, das ich zum ersten Mal in der Höhle erfahren habe. Ich werde mich immer nach dieser Liebe sehnen – solange ich atme.

Das Klingeln an der Haustür holt mich aus meiner Gedankenwelt. Mir ist kalt. Ich hole tief Luft, schließe das Fenster und werfe einen Blick auf meine Armbanduhr: Neun Uhr. Nanu! Pauline kann das nicht sein. Meine Tochter bewohnt in der Nähe ein kleines Appartement. Wir haben uns erst für den Abend verabredet. Vielleicht will sie ja doch mit mir frühstücken. Auf dem Weg zur Tür werfe ich einen prüfenden Blick in den Spiegel und sehe eine Frau Mitte 40, schlank, mit sportlicher Figur. Ich lege schnell ein wenig Lippenstift auf, fahre mir durch die schulterlangen, blonden Locken und zwinkere mir mit meinen blauen Augen zu, als erwarte ich einen Liebhaber.

Ich öffne die Tür und mustere den gut aussehenden Mann, der mir gegenübersteht. „Ja, bitte?“

„Catherine Evans?“

Ich nicke.

Der Mann zeigt mir seinen Ausweis mit Dienstmarke und Passbild. „Mein Name ist Noel Bretagne. Ich arbeite als Ermittler für das Ägyptische Museum in Kairo und …“, er lächelt freundlich. Ein schönes Lächeln. „… ich bin Hannahs Ehemann. Ich würde mich gern mal mit Ihnen unterhalten, Frau Evans.“

Hannahs Ehemann? Das ist eine Überraschung. Ich gehe einen Schritt zur Seite. „Kommen Sie doch bitte herein!“

Er folgt meiner Aufforderung.

Ich gehe voraus in die Bibliothek und deute auf vier Ledersessel, die in dezentem Blau, Rot, Weiß und Gold schimmern und um einen Glastisch vor dem hohen Fenster, das fast von der Decke bis zum Boden reicht, gruppiert sind. „Nehmen Sie doch bitte Platz, Herr Bretagne!“

Noel Bretagne setzt sich und schlägt seine langen Beine übereinander. Seine Augen streifen kurz die zarten Aquarelle an den Wänden, ein Mitbringsel aus Griechenland.

Rasch lege ich ein paar Scheite im Kamin nach, dessen Feuer ich bereits nach dem Aufstehen entfacht habe, und setze mich ebenfalls.

Bretagne wirft einen kurzen Blick nach draußen. „Schön haben Sie es hier, Frau Evans. Alles ist so hell, so freundlich.“

„Finde ich auch. Sie sind also Hannahs Ehemann. Als wir uns das letzte Mal in Kairo gesehen haben, war Hannah noch eine Winter. Aber das ist viele Jahre her. Arbeitet sie immer noch als Paläografin im Ägyptischen Museum?“

„Ja, und zwar mit zunehmender Begeisterung. Wir haben uns auch dort kennengelernt und vor einigen Jahren geheiratet. Und wir sind Eltern einer bezaubernden, zweiundzwanzigjährigen Adoptivtochter. Nadja macht uns viel Freude.“

„Das freut mich sehr. Hannah und ich haben oft über Kinder gesprochen. Wie geht es ihr denn? Ich kann es immer noch nicht fassen. Hannah, verheiratet und Mutter. Sie war eine absolute Verfechterin der Ehegemeinschaft!“

Noel Bretagne lacht laut auf. „Sie müssten sie heute noch manchmal hören.“

Ich grinse. „Kann ich mir gut vorstellen.“

Das Feuer im Kamin flackert und strahlt eine behagliche Wärme aus. Holzscheite knistern und der Duft von Harz erfüllt den Raum.

„Hannah weiß von meinem Besuch bei Ihnen“, fährt Bretagne fort. „Sie hätte mich gerne begleitet, schon allein, um mal wieder mit Ihnen zu plaudern und über die Arbeit zu diskutieren.“

„Das wäre schön. Hannahs Berufswahl nach dem Studium war allerdings nichts für mich. Brrr … Paläografin – alte staubige Papiere und Schriften entziffern.“

Er lächelt. „Das hat Hannah erwähnt.“

Ich mustere den gut aussehenden Mann mit dem schwarzen Haar. Er ist groß und schlank. Vermutlich weiß er um seine Wirkung auf Frauen. Seine Augen schimmern golden und seine olivfarbene Haut betont die ebenmäßigen Züge. Sein sinnlicher Mund zieht meinen Blick magisch an und seine leicht geschwungene Nase verrät seine französische Abstammung.

„Ich wollte gerade frühstücken. Darf ich Sie dazu einladen?“

„Gern, wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht. Und nennen Sie mich bitte Noel.“

„Gern. Und Sie mich bitte Catherine.“ Rasch lege ich ein zweites Gedeck auf und gehe in die Küche, wo ich das Frühstück vorbereite und alles auf ein Tablett stelle.

Wieder in der Bibliothek serviere ich meinem Gast Brötchen, Butter, Schinken und Käse und gieße ihm eine Tasse Tee ein. „Möchten Sie Milch in Ihren Tee?“

„Nein, danke. Ich nehme nur ein Stück Zucker.“

Ich schenke mir ebenfalls ein und setze mich Noel Bretagne gegenüber. „Ich habe mit meinem Ex-Mann viele Jahre in England gelebt und konnte mich bis heute nicht daran gewöhnen, den Tee mit Milch zu trinken. Was kann ich denn für Sie tun, Noel? Ich gehe davon aus, dass Sie mich nicht zum Teetrinken aufgesucht haben. Wenn ich Ihren Beruf richtig interpretiere, ermitteln Sie gegen Kunstdiebe, Hehler oder sagt man Schmuggler?“

Noel beugt sich ein wenig vor. „Stimmt. Ich bin Kunstdetektiv. In der Regel fahnde ich weltweit nach Leuten, die Kunstgegenstände aus dem Land stehlen, damit handeln oder sie schmuggeln.“ Bretagne neigt leicht den Kopf. „Ich brauche Ihre Hilfe, Catherine. Wir sind immer noch hinter ihm her!“

Ich sehe Noel irritiert an. „Ihm? Sie sprechen in Rätseln. Wen meinen Sie mit ihm? Vielleicht kann ich Ihnen ja bei der Verbrecherjagd helfen.“

Er rührt ein wenig gedankenverloren in seiner Tasse, dann blickt er auf und sieht mir direkt in die Augen. „Edwin Cousteau.“

Stille. Ich wende kurz den Blick ab. Mir wird leicht übel. Mein Herzschlag verdoppelt sich. Mein Blutdruck steigt. Starre. Entsetzen. Ich wollte diesen Mann und seinen Namen für immer aus meinem Leben verbannen, ihm, Edwin Cousteau, entkommen. Ich will aufstehen, aber ein Schmerz beherrscht meinen ganzen Körper. Mein Herz flattert in meiner Brust.

Noel bricht das Schweigen. „Es tut mir leid, dass ich Sie damit behelligen muss. Ich weiß, was Cousteau Ihnen und meiner Hannah angetan hat.“

Ich löse mich aus meiner Starre. „Ich … Dann … Dann wissen Sie auch, dass dieser Mann die Bezeichnung Mensch gar nicht verdient. Er ist eine Bestie.“

Wieder ein Nicken. „Ich habe Ihre Akte und das Protokoll Ihrer Aussage gelesen, Catherine.“

Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt, weil ein mir wildfremder Mann mir gegenübersitzt und die Einzelheiten einer fragwürdigen Akte kennt. Egal, ich muss mich nicht schämen! „Richtig. Ich habe alle Einzelheiten bei der griechischen Polizei schon hundertmal zu Protokoll gegeben.“

„Das weiß ich, Catherine. Ich bin Ihre Aussage immer wieder durchgegangen und habe dabei den Eindruck gewonnen, dass da ein wichtiges Puzzleteil fehlt.“

Ich kräusele meine Stirn. „Warum glauben Sie das?“

„Wir beide kennen Edwin Cousteau. Er ist ein vermögender Ägypter, der sich aufgrund seines Reichtums und seiner Macht alles kaufen kann, was seine schwarze Seele begehrt. Ich muss im Auftrag des Museums bezüglich seiner Person einem Verdacht nachgehen.“

Ich schließe kurz die Augen. „Hat dieser Mistkerl wieder wertvolle Kunstgegenstände außer Landes geschmuggelt?“

„Nicht außer Landes, Catherine. Ich würde eher sagen hinein.“ Bretagne verzieht die Lippen zu einem spöttischen Lächeln.

„Wie … hineingeschmuggelt?“ Ich überlege kurz. „Nein, das ist nicht sein Stil.“

„Was ist denn sein Stil, Catherine?“

Ich räuspere mich. „Ach, ich habe nur laut gedacht. Mit solchen Kleinigkeiten gibt Edwin Cousteau sich nicht zufrieden. Ihn interessiert nur der illegale Handel mit außergewöhnlichen Raritäten. Das füllt seine Kassen.“

„Ich habe erfahren, dass Cousteau Ihren Ex-Mann, John Evans, kannte. Woher eigentlich?“

„Keine Ahnung!“, erwidere ich leicht genervt. „Cousteau hat sich mal mit John in seinem Büro in London getroffen. Was hat denn mein Ex-Mann mit Cousteaus krummen Geschäften zu tun?“

Noel Bretagne legt seinen Zeigefinger an die Lippen. „Ihr Mann arbeitet für die britische Regierung. In der Regel unterliegen seine Projekte der höchsten Geheimhaltungsstufe. Aber vielleicht gibt es da ja eine Verbindung, von der wir nichts wissen. Cousteaus Kontakte reichen bis zu dem mächtigen arabischen Königshaus. Mit König Salman ibn Abd al-Aziz und seinen Söhnen ist er sogar eng befreundet. Wer weiß, wo er überall seine Finger drin hat. Ich kann das zumindest nicht ausschließen.“

Ich nippe an meinem Tee. „Ich habe John während des Studiums kennengelernt, als er sich anlässlich einer Studie über die Militärforschung zu friedlichen Zwecken in Hamburg aufhielt, und verliebte mich Hals über Kopf in ihn. Da er einen Lehrstuhl an der Metropolitan University in London innehatte, ging ich mit ihm nach unserer Heirat nach England. Es wurde eine glückliche Ehe. Pauline kam zur Welt und ich habe damals immer geglaubt, dass nichts unsere kleine Familie zerstören könnte. Als Pauline den Kindergarten besuchte, nahm ich meine Arbeit als Archäologin wieder auf. Erst im Institut, später an den Ausgrabungsstätten. Ich war damals oft für längere Zeit unterwegs, und das ist unserer Ehe nicht bekommen. Als John eine Freundin hatte, trennten sich unsere Wege. Wir gingen als Freunde auseinander und trafen uns manchmal noch in London, wenn ich mich dort beruflich aufhielt.“

Bretagne räuspert sich. Vermutlich hat er nicht mit meiner Offenheit gerechnet.

Ich zucke mit den Schultern. „Über Johns Arbeit bin und war ich niemals informiert. John war immer der Meinung, je weniger ich darüber wüsste, desto besser wäre es für mich. Also, glauben Sie immer noch, dass ich Ihnen helfen kann, Noel?“

„Ich würde gern mehr über Ihre Geschichte erfahren, Catherine. Und zwar von Anfang an. Vielleicht gibt es darin einen versteckten Hinweis, etwas, das Ihnen nicht bewusst ist. Ihr erster Kontakt mit Edwin Cousteau fand ja in Israel statt, der zweite in Griechenland.“ Bretagne seufzt. „Darf ich offen sein, Catherine?“
Ich nicke, blicke in seine goldenen Augen.

„Sie sind unser einziger Anhaltspunkt, unsere einzige Spur. Deshalb bitte ich Sie …, erzählen Sie mir, was in Griechenland vorgefallen ist. Sie waren plötzlich wie vom Erdboden verschwunden und die Behörden haben seinerzeit sehr lange und intensiv nach Ihnen gesucht. Selbst Ihre Tochter wusste nicht, wo Sie sich aufgehalten haben.“ Er schüttelt den Kopf. „Wo haben Sie bloß die ganze Zeit gesteckt?“

Pauline hat gewusst, wo ich war. Ich überlege kurz und treffe eine Entscheidung. Ich möchte Hannahs Ehemann von Konstantin und mir erzählen, auch wenn das Aufleben meiner Erinnerung alte Wunden aufreißt. Ich habe bis heute mit niemandem über meine Erlebnisse gesprochen. Nicht einmal meine Tochter kennt die ganze Wahrheit. Aber einiges werde ich für mich behalten.

„Haben Sie Zeit mitgebracht, Noel?“

„So viel Sie wollen, Catherine.“

Wieder blicke ich in den Garten. Die Sonnenstrahlen lassen den Schnee funkeln. Ich hole meine Erinnerung in meine Gegenwart. Seit meiner Rückkehr ist viel Zeit vergangen und doch erfüllt mich der Gedanke an Konstantin heute noch mit Trauer und unendlicher Sehnsucht. Manchmal gelingt es mir tatsächlich, zu vergessen. Wenn ich aber an dem Werbeplakat des Reisebüros vorbeigehe, sind die Geister der Vergangenheit wieder da. Genießen Sie Ihren Urlaub in Griechenland auf dem schönen Peloponnes, steht in großen Lettern auf dem Foto. Die Sonne scheint vom azurblauen Himmel auf das Dorf Gortis und lässt die weißen Häuser erstrahlen, im Hintergrund das berühmte Asklepios-Heiligtum und hoch in den Bergen, umrahmt von hohen Zypressen und Tannen, das Prodhromos Kloster mit seiner sagenumwitterten Gebetshöhle. Keiner von uns hatte eine Ahnung davon, was in dieser Höhle vor sich ging. Niemand, außer mir.
Ich lehne mich in dem Ledersessel zurück und sehe Noel Bretagne an.

„Alles begann, als ich nach vielen Wochen des Wartens die Erlaubnis zu den Ausgrabungsarbeiten am Asklepios Heiligtum in Gortis erhielt …“

 

Kapitel 1

Hamburg, Februar 2005

„Mom! Es hat geklingelt“, ruft Pauline. Sie öffnet die Badezimmertür und streckt ihren nassen Strubbelkopf durch den schmalen Spalt. „Machst du bitte auf?“

Schon ist meine Tochter wieder verschwunden.

„Mach ich!“ Ich gehe rasch die Treppe hinunter und spähe durch das Guckloch. Der Postbote. Schnell öffne ich die Tür.

„Guten Morgen, Frau Evans.“

„Hallo Thomas! Schon so früh heute?“

Thomas ist seit Jahren der Briefträger in diesem Bezirk. Er reicht mir einen großen Umschlag. „Aus Griechenland, die Marken hab ich noch nicht.“

Ich betrachte das Kuvert mit gemischten Gefühlen – freudige Erwartung und ein wenig Angst, dass es eine Ablehnung sein wird. „Keine Sorge, Thomas. Ich hebe die Briefmarken wieder für Sie auf“, sage ich geistesabwesend und schließe die Tür.

In der Küche lege ich den großen braunen Umschlag auf die Tischplatte und bemühe mich, meine Gefühle so lange zu verbergen. Mit den Fingerspitzen streiche ich über den Umschlag, starre ihn an, als könnte ich die Worte darin verändern. Ich wünsche mir ein Ja und keine Enttäuschung. Mit zitternden Fingern und klopfendem Herzen öffne ich schließlich den Umschlag.

Pauline kommt die Treppe herunter und betritt die Küche. „War das der Postbote, Mom? Mannomann, ich platze vor Neugier.“

Ich halte das Kuvert hoch. „Gleich werden wir es wissen. Das ist bestimmt die Antwort auf unsere Anfrage in Griechenland.“ Ich nehme den weißen Briefbogen heraus.

„Und? Was steht drin?“, fragt Pauline ungeduldig. „Hat es geklappt, Mom?“

„Grabungserlaubnis am Asklepios-Heiligtum in Gortis“, lese ich vor und dann fällt mir ein Stein vom Herzen. Monatelang habe ich um diese Zusage gekämpft. Jetzt ist es endlich so weit.

„Super!“ Pauline tanzt wie eine wild gewordene Hummel um den Küchentisch. „Also, wann geht’s los?“

„Moment … hier ist noch eine Notiz von Mark Phidias. Er schreibt, dass wir uns am 18. März in Stemnitsa treffen, in Dimitris’ Taverne auf dem Platz des peloponnesischen Rates. Doktor Lukas Andronikos, ein junger Kollege, den ich von früheren Ausgrabungen wohl noch kennen würde, gehört ebenfalls zum Team. Er schreibt weiter, dass Dimitri ein hervorragender Koch ist, und während der Ausgrabungszeit im Camp zur Verfügung steht.“

„Mark Phidias, ist das nicht der dünne, schlaksige Typ, der immer den Eindruck eines zerstreuten Professors macht?“, fragt Pauline und beißt in ihr Frühstücksbrötchen.

„Genau!“

„Lukas Andronikos ist der supercoole Typ mit dem wirren Lockenkopf? Wow! Ich kann es kaum noch abwarten“, grinst Pauline, rückt ihren Stuhl vom Tisch und stürmt wie ein Wirbelwind aus der Küche.

„Hey, Pauline! Willst du nicht zu Ende frühstücken?“

„Nein, keine Zeit“, ruft sie. „Ich muss sofort zu Britta und ihr die Neuigkeit mitteilen. Sie wird enttäuscht sein, dass in diesem Jahr unser gemeinsamer Urlaub ins Wasser fällt. Ich fliege mit dir nach Griechenland, Mom!“

Ich nehme den Umschlag noch einmal zur Hand und kann es noch immer nicht glauben, aber da steht tatsächlich Catherine Evans. Ich seufze zufrieden, lehne mich in dem Stuhl zurück, trinke meinen Tee und erinnere mich an meine erste Expedition. Damals war ich genauso aufgeregt, wie Pauline heute.
Mein Vater war es, der mich seit frühester Kindheit für die Archäologie begeistern konnte. Er erzählte mir von Pausanias, einem antiken Historiker, der schrieb, dass der Göttervater Zeus nach seiner Geburt in Lykeon im Lousiostal gebadet wurde. Da das Wasser Zeus guttat, musste es auch für die Sterblichen gut sein. In Gortis wurde ein Heilbad errichtet und Asklepios, dem Heilgott, gewidmet.

Mein erster Urlaub hat mich vor vielen Jahren zu dem Heiligtum geführt und später habe ich dort zum ersten Mal meine Arbeit als Archäologin aufgenommen. Das Wasser des Lousios ist noch heute so kalt wie zu Pausanias Zeiten. Von den antiken Gebäuden sind nur noch die Fundamente des großen Tempels und die Badeanlage des unteren Asklepios-Heiligtums erhalten und fast freigelegt worden. Dort wollen meine Kollegen und ich nun viele Jahre später die Grabungen wieder aufnehmen.

Meine Freude auf ein Wiedersehen mit Mark Phidias und Lukas Andronikos wird nur durch eine seltsame Empfindung getrübt. Ich kann sie kaum in Worte fassen. Es ist eine Angst, die ich seit meiner Kindheit verspüre: die Angst vor der Zukunft. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Griechenland nicht nur auf bedeutungsvolle archäologische Funde stoßen werden, sondern dass uns dort viel mehr erwartet. Ich wittere seit meiner Kindheit gewisse Strömungen wie drohende Gefahren, Unheil, Leben und Tod, aber ich erkenne auch das herbeieilende Glück und die Sehnsüchte der Menschen nach Liebe. Mein Vater hat diese Gabe immer als Hirngespinst von sich gewiesen und dem keine Bedeutung beigemessen.

Ich hingegen nicht. Meine Vorahnungen haben sich in der Vergangenheit immer als wahr erwiesen.