Leseprobe Gefährliche Geheimnisse

1

Paris, 1993

Novembernebel hing über der Seine. Tiefhängende Wolken verschluckten die Spitze des Eiffelturms und verliehen den prachtvollen alten Gebäuden ein düsteres Aussehen. Nur die goldene Kuppel des Invalidendoms glänzte trotz des grauen Wetters wie von einem Heiligenschein umgeben.

Dominique Demesy schlenderte durch den nicht abreißenden Strom geschäftiger Menschen, den Kragen seiner dunkelblauen Wolljacke hochgeschlagen und die Hände in den Taschen vergraben. Seine Stimmung war so trübe wie das Wetter. Seit über zwei Monaten lebte er wieder in Paris, fühlte sich in seiner eigenen Heimat aber noch immer wie ein Fremder. Er vermisste die Wärme und die geruhsamere Lebensart Indiens, die Freundlichkeit der Einheimischen und den netten Kreis aus Kollegen und Bekannten. In der Anonymität der französischen Hauptstadt war es schwer, Freundschaften zu schließen, und er fühlte sich einsam. 

Seine Ex-Frau Cathérine hatte ihm klargemacht, dass er zwar bei ihr wohnen durfte, bis er eine eigene Wohnung gefunden hätte, dass er jedoch in ihrem Bett nichts zu suchen hatte. Ihre Affäre in Sri Lanka sei ein Ausrutscher gewesen. So teilten sich Mutter und Tochter das große Schlafzimmer, während Dominique sich in Jennifers Zimmer einquartiert hatte.

Insgeheim hatte Dominique gehofft, bei seinen Eltern unterkommen zu können, doch diese hatten vor einigen Monaten ihr Haus an seinen Bruder Pierre und dessen Frau Sonja verkauft, die im Dezember ihr zweites Kind erwarteten. Madeleine und Gilbert Demesy hatten die Pariser Hektik und schlechte Luft satt und waren in die Bretagne gezogen. Und natürlich konnte keine Rede davon sein, dass er zu Sonja und Pierre zog. Hin und wieder traf er sich mit Sonja auf einen Kaffee, aber schon ihre fortgeschrittene Schwangerschaft verbot, dass sie ihre Affäre von vor zwei Jahren wieder aufnahmen.

Jennifer besuchte seit September eine einjährige Vorbereitungsklasse für die Ausbildung an der Polizeiakademie und hatte sich mit Eifer in die Arbeit gestürzt. Dominique dagegen war noch immer ohne Beschäftigung. Privatermittler schienen nicht allzu gesucht zu sein. Kaufhäuser stellten lieber schwarze oder arabischstämmige Detektive an, um den bei Festnahmen möglichen Rassismus-Vorwürfen entgegenzuwirken. Um eine eigene Detektei zu eröffnen, fehlte Dominique das nötige Kapital, und er mochte weder Cathérine noch seine Eltern um Geld bitten. Auch seine guten Englischkenntnisse brachten ihn nicht weiter. Da er einst aus dem Armeedienst ausgeschieden war, war ihm eine Rückkehr nicht mehr möglich, schon gar nicht bei seiner schlechten körperlichen Verfassung. Er begann zu bereuen, Indien verlassen zu haben. Frankreich empfing ihn kühl und ungastlich.

Doch an diesem Morgen hatte er eine vielversprechende Anzeige in der Zeitung gesehen: „Privatdetektiv sucht Assistentin / Assistenten.“ Er hatte angerufen und vereinbart, seine Bewerbungsunterlagen persönlich vorbeizubringen. Eine freundliche junge Dame hatte ihm die Adresse genannt, zu der er nun unterwegs war. Sie befand sich im Quartier Latin, einem lebhaften Studentenviertel mit zahlreichen Kinos und preiswerten kleinen Restaurants. 

Die Detektei lag im vierten Stock des Gebäudes, und der Aufzug war außer Betrieb. Auch das noch. Langsam, um nicht völlig außer Puste oben anzukommen, stieg er die Treppen hinauf. Dennoch rang er ab dem zweiten Stockwerk nach Luft, und ab dem dritten schmerzte seine Lunge, wie immer bei Anstrengung. An der Tür im vierten Stock war ein kleines goldenes Schild befestigt: Michel Dalmont, Privatdetektiv. Der Name kam Dominique bekannt vor, aber er wusste nicht, wo er ihn einordnen sollte. Er hatte früher ein gutes Namensgedächtnis gehabt, aber die vor einem halben Jahr erlittene Amnesie hatte einige Dinge aus seiner Erinnerung entfernt. 

Nach seinem Klingeln wurde die Tür von einem schlanken, sportlich gekleideten Mann geöffnet, der etwa im gleichen Alter war wie Dominique. Sein offenes, sympathisches Gesicht mit den klugen braunen Augen, der großen Nase und dem breiten Mund wirkte vertraut. Wo verdammt noch mal …

„Dominique, du bist es wirklich!“, rief der Mann erfreut. „Als meine Assistentin mir deinen Nachnamen sagte, hatte ich eine Vorahnung, aber so selten ist der Name Demesy schließlich nicht, und den Vornamen hat sie nicht notiert.“ Er schüttelte ihm herzlich die Hand.

„Hilf meinem Gedächtnis auf die Sprünge“, bat Dominique.

„Senegal 1977 bis ’78. Tagsüber Revolten und Massaker, nachts Poker und Daiquiri im Blauen Kakadu. Das kannst du doch nicht vergessen haben.“

Dominique schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Natürlich! Mon Dieu, Michel! Dein Name und dein Gesicht sagten mir was, aber … das ist so verdammt lange her, und es ist so viel passiert seitdem.“

„Wem sagst du das“, bestätigte sein Gegenüber, ein ehemaliger Unteroffizier der französischen Armee. „Komm rein, wir müssen ja nicht zwischen Tür und Angel Wiedersehen feiern.“

Dominique folgte dem Detektiv in ein behaglich eingerichtetes Büro, in dem zwei Schreibtische unter unordentlich aufgehäuften Papieren verschwanden und Akten auf dem Boden verstreut lagen.

Stacy hätte eine Krise gekriegt, wenn eines unserer Büros so ausgesehen hätte, dachte Dominique amüsiert. Er hatte sich gut mit dem Leiter der Detektivagentur in New Delhi verstanden, aber William Stacy war nicht gerade ein entspannter Vorgesetzter gewesen.

Dominique zog seine Jacke aus, setzte sich auf den Besucherstuhl vor dem Schreibtisch und musterte seinen früheren Armeekameraden verstohlen. Michels kurzgeschnittenes, leicht gewelltes braunes Haar war an den Schläfen ergraut, seine Haut nicht so gebräunt wie in Afrikatagen, aber dafür von mehr Fältchen durchzogen. Abgesehen davon hatte er sich nicht sehr verändert.

„Du hast also auch die Uniform an den Nagel gehängt“, stellte Dominique fest.

„Ja. Ich hatte es satt. Detektiv zu sein ist zwar auch nicht so spannend, wie ich mir das vorgestellt hatte, aber wenigstens bin ich selbstständig.“

„Na, ich konnte mich über fehlende Spannung und mangelnde Abwechslung in meinem alten Job nicht beklagen. Wenn das hier ein ruhiger Job ist – umso besser.“

„Wo hast du in der letzten Zeit gearbeitet? Sicher nicht mehr bei der Gendarmerie?“

„Nein. 1985 habe ich als Privatermittler bei der der Detektivagentur Stacy & Langmaster in New Delhi angefangen. Das ist die indische Zweigstelle des Londoner Ermittlungsbüros.“ Dominique zog seine Bewerbungsmappe aus seiner schmalen Aktentasche und reichte sie Michel.

„Von denen habe ich gehört. Haben einen ausgezeichneten Ruf.“

„Ja, das Büro in Indien ebenfalls. Die Polizei ist dort sehr schlecht angesehen, und davon profitieren die Privaten. Ich hatte oft recht interessante Fälle, die Auftraggeber waren Botschafter, Regierungsvertreter, Wirtschaftsbosse, Maharadschas und die restliche High Society Indiens.“

„Chapeau. Und was hast du da so gemacht?“

„Neben den üblichen Routineaufträgen wie zum Beispiel Beschattungen bei Verdacht auf Ehebruch oder kleinkriminelle Delikte, habe ich gestohlene Kunstobjekte und verschiedenste Wertgegenstände zurückbeschafft, habe herausgefunden, wer meinen prominenten Klienten nach dem Leben trachtet oder sie erpresst, war manchmal im Auftrag des Drogendezernats Undercover, und ich habe im Auftrag der Regierung den Kurier für brisante Dokumente gemacht.“

Michel Dalmont hob die Augenbrauen. „Und da willst du einen Job als Assistent? Dafür bist du völlig überqualifiziert, Junge!“

„Ich habe nicht gerade die größte Auswahl“, gestand Dominique. „Ich will ehrlich zu dir sein, ich bin etwas gehandicapt: Im Mai bin ich in Istanbul angeschossen worden, als ich eine Meisterdiebin überführen wollte. Meine Lunge hat sich davon noch nicht wieder erholt und ich bin nicht mehr so fit wie früher. Und bei dem Job, den ich bisher gemacht habe, war körperliche Fitness natürlich unabdingbar.“ 

Michel musterte seinen früheren Armeekameraden, der mit seinen dunklen Haaren und den blaugrünen Augen noch immer ein sehr attraktiver Mann war, auch wenn die Jahre an ihm nicht spurlos vorbeigegangen waren. „Siehst aber noch recht sportlich aus. Musstest du den Posten deswegen aufgeben?“

„Nein, gekündigt hatte ich bereits kurz vorher. Das Leben in Indien hat mir nicht mehr gefallen. Aber nach zwanzig Jahren Abwesenheit in Frankreich wieder Fuß zu fassen, ist auch nicht leicht. Ich bin seit September wieder hier, aber einen Job habe ich noch nicht gefunden.“

„Ist in unserer Branche schwierig. Aber wenn man so wie ich händeringend einen guten Mitarbeiter sucht, ist es auch nicht leicht, den Passenden zu finden. Mit deinem Handicap könnte ich leben, denke ich. James-Bond-mäßige Einsätze kann ich dir nämlich sowieso nicht bieten, und das Einzige, was du an körperlicher Fitness benötigen würdest, wäre eine schnellere Gangart, wenn du jemanden zu Fuß beschattest, der etwas Tempo vorlegt. Aber mir kommt es sowieso vor allem auf die geistige Geschwindigkeit an.“ Er tippte sich an die Schläfe.

„Die habe ich“, versicherte Dominique hastig.  „Natürlich sollst du mich nicht aus Mitleid anstellen. Aber ich gebe zu, dass du mir damit einen Gefallen tun würdest.“

„Ich werde dich einstellen. Nicht aus Mitleid, sondern weil wir alte Freunde sind und ich davon überzeugt bin, dass du ein guter Detektiv bist. Allerdings ist das Gehalt, das ich dir zahlen kann, nicht gerade enorm.“

Dominique atmete erleichtert auf. „Enorm oder nicht: es wird mehr sein als das, was ich jetzt zur Verfügung habe.“

„Wovon lebst du überhaupt, wenn die Frage nicht zu indiskret ist?“

„Von Sozialhilfe und auf Kosten meiner Ex-Frau, bei der ich derzeit wohne. Und das ist ein Zustand, der mir absolut nicht gefällt.“

„Verständlich. Hör zu, Dominique: du kannst sofort anfangen. Wie du an dem Chaos hier siehst, brauche ich ganz dringend Verstärkung.“

„War das nicht deine Assistentin, die ich am Telefon hatte? Hört sie auf?“

„Audrey kümmert sich zwar gelegentlich um die Büroangelegenheiten, aber sie studiert eigentlich Kunst. Und findet immer weniger Zeit für die Detektei. Sie ist meine Lebensgefährtin.“

„Hast du dich von deiner Frau getrennt?“

Michels Gesicht nahm einen Augenblick lang einen bekümmerten Ausdruck an. „Marie-Lynn ist vor fünf Jahren an Krebs gestorben.“

„Das tut mir leid“, sagte Dominique betroffen und versuchte vergeblich, sich an Michels Frau zu erinnern. „Meine Lebensgefährtin ist auch tot. Sie wurde letztes Jahr im Herbst umgebracht.“

„Umgebracht? Mein Beileid, das ist ja furchtbar. Von wem?“

„Von einem Wirtschaftskriminellen, gegen den sie ermittelt hat. Jaclyn war ebenfalls Detektivin bei Stacy & Langmaster.“

„Dann hast du ja auch Einiges hinter dir.“

„Mehr als du ahnst.“

„Kannst du morgen anfangen?“

„Kann ich.“ Dominique streckte dem anderen die Hand hin. 

Michel schlug ein. „Herzlich willkommen. Ich werde mir Mühe geben, dich wie einen Partner und nicht wie einen Assistenten zu behandeln.“

„Du bist großartig, Michel.“

„Ach was. Ich versuche nur, das Beste für meine Detektei zu tun. Ich muss jetzt außer Haus, aber ich werde Audrey bitten, dich in ein paar Sachen zu unterweisen. Hast du noch ein bisschen Zeit?“

„Ja. Ich kann gleich hierbleiben, wenn du willst.“

„Warte kurz.“ Michel verließ das Büro und öffnete eine Tür, die den Großteil der Wohnung von der Detektei trennte und ein Schild mit der Aufschrift „Privat“ trug. 

„Audrey? Kannst du bitte mal kurz kommen?“, rief er und kehrte zu Dominique zurück.

„Wohnst du hier auch?“, erkundigte sich dieser.

„Ja. Das ist recht praktisch. Manchmal stehe ich nachts auf und blättere in den Unterlagen von Aufträgen, wenn mir gerade ein Geistesblitz gekommen ist. Und ich gehöre zu dem verschwindend geringen Prozentsatz der Pariser, die weniger als fünf Minuten zu ihrer Arbeitsstelle brauchen.“ Er grinste.

Dann betrat eine zierliche junge Frau in Jeans und Pulli das Büro. Sie hatte halblange schwarze Haare und ein hübsches Gesicht mit großen, dunklen Augen.

„Audrey, wir können die Suche nach dem Assistenten einstellen. Ich habe mich entschieden. Monsieur Demesy ist ein alter Freund aus Armeetagen. Er fängt morgen an.“

„Wie schön. Hallo.“ Sie schüttelte Dominique lächelnd die Hand.

„Ich muss gleich los. Audrey, bringst du noch ein bisschen Ordnung in den Papierkram? Und zeig Dominique dabei gleich ein paar Unterlagen – die laufenden Fälle, die allgemeine Ablage. Ich komme in ungefähr zwei Stunden zurück.“

Audrey nickte. „Gegen fünf muss ich zur Uni, aber bis dahin werden wir das schon schaffen. Möchten Sie etwas trinken, Monsieur Demesy?“

„Wenn es keine Umstände macht, einen Kaffee, bitte.“

„Macht es nicht. Wie trinken Sie ihn?“

„Schwarz.“

„Bin gleich wieder da.“ Sie verließ den Raum. 

Michel schlüpfte in einen sportlichen Blouson. „Bis später, Dominique. Falls ich noch nicht zurück bin, wenn Audrey wegmuss, mach es dir im Wohnzimmer bequem. Gehen wir nachher was zusammen trinken?“

„Klar. Wir haben schließlich fünfzehn Jahre aufzuholen.“

 

Audrey kehrte kurz darauf mit zwei Tassen Kaffee ins Büro zurück, als Dominique gerade ein gerahmtes Ölgemälde betrachtete, das an der Wand hing. Es zeigte eine karge, aber dennoch schöne Landschaft mit schroffen roten Bergen, spärlichem Grün und hier und dort ein paar Lehmhütten.

„Wo ist das?“, fragte er interessiert.

„In Marokko.“

„War Michel in Marokko?“

„Nur kurz. Ich war etwas länger dort.“ Sie stellte die Tassen auf dem Schreibtisch ab.

„Ein hübsches Urlaubssouvenir“, sagte Dominique.

„Ich war dort nicht im Urlaub, und dieses Bild ist nicht direkt ein Souvenir.“

Er sah sie fragend an.

„Ich habe ein halbes Jahr dort studiert. Das Bild gehört einer Freundin. Ich bewahre es für sie auf, könnte man sagen.“

„Sie sprechen in Rätseln.“ Fast bedauernd wandte er sich von dem Bild ab und setzte sich wieder auf den Besucherstuhl.

Audrey zuckte mit den Schultern. „Na ja, ein Geheimnis ist es auch nicht gerade. Die Freundin, der das Bild gehört, hat auch in Marokko gelebt. Sehr viel länger als ich. Wir haben uns dort kennengelernt. Sie ist vor einiger Zeit nach Paris gezogen, aber da, wo sie jetzt untergekommen ist, will sie es nicht aufhängen. Deswegen hat sie es mir geliehen.“

„Ach so.“

„Sie sehen: kein großes Ding.“

„Scheinbar nicht.“ Dominique hatte das Gefühl, dass sich wesentlich mehr hinter dieser banalen Geschichte verbarg, aber er wollte nicht aufdringlich sein.

Audrey warf einen Blick zur Uhr. „Ich muss mich ranhalten, wenn ich diesen Papierkram noch in Ordnung bringen soll, bevor ich zur Uni muss. Gucken Sie sich so lange schon mal die Akten da rechts auf dem Schreibtisch an. Das sind die aktuellen Vorgänge."

Dominique zog den Stapel Papphefter zu sich heran, holte die Lesebrille, die er seit Kurzem benötigte, aus seiner Jackentasche und vertiefte sich in die Notizen und Berichte der laufenden Aufträge.

 

2

Michel und Audrey betraten mit Tüten beladen ihre Wohnung. Michel feierte am nächsten Tag seinen vierundvierzigsten Geburtstag und wollte eine Party geben.

„Ich hoffe, wir haben jetzt endlich alles“, stöhnte Audrey und setzte die prall gefüllten Tüten in der Diele ab, um sich ihren Mantel auszuziehen.

„Zum Glück haben wir rechtzeitig einen neuen Mitarbeiter gefunden, sonst hätte ich keine Zeit gefunden, das alles zu organisieren.“ Dominique arbeitete nun seit zehn Tagen in der Detektei.

„Ich werde ihn mal fragen, ob er auch einen Kaffee möchte.“ Audrey betrat das Büro und stieß einen Schrei aus.

„Was ist?“ Alarmiert eilte Michel zu ihr.

Mit zitternder Hand deutete sie auf den Boden zwischen den beiden Schreibtischen. Dort lag Dominique mit auf dem Rücken gefesselten Händen und versuchte gerade mühsam, sich aufzurichten. 

Michel war sofort bei ihm. „Mein Gott, was ist passiert?“ Er holte sein Taschenmesser hervor und zerschnitt das Paketband, das Dominiques Handgelenke fesselte.

„Ich weiß es nicht genau“, murmelte Dominique. „Ich bin gerade erst zu mir gekommen.“

Michel untersuchte vorsichtig seinen Kopf. „Zumindest blutest du nicht. Tut dir was weh?“

„Ja, hier oben. Das wird wohl eine Beule.“ Er tastete nach einer empfindlichen Stelle unter seinen Haaren.

„Vielleicht hat dir jemand einen Schlag auf den Kopf gegeben. Oder du bist im Fallen gegen den Schreibtisch geprallt. Kannst du dich nicht erinnern?“

„Warte mal … Da kam ein Mann in die Agentur. Ich dachte, er wäre ein Klient und du hättest vielleicht vergessen, ihn mir anzukündigen. Außerdem kommen manche ja auch ohne Termin. Ich meine mich zu erinnern, dass er was von einem Auftrag für uns gesagt hat. Er stand hinter mir hier im Büro und dann war ich auf einmal weg. Er muss mich mit einem gezielten Schlag ausgeknockt haben.“

„Einfach so?“

„Er hat mich irgendwas gefragt, wir haben kurz geredet, aber ich weiß es nicht mehr. Ich habe ein Blackout. Aber ich erinnere mich dunkel an einen Schlag in den Nacken unmittelbar zuvor.“ Dominique massierte sich vorsichtig die seitliche Partie des Nackens. 

„War das jemand, den du von früher kanntest und der was gegen dich hat?“

„Ich glaube nicht. Er kam mir nicht bekannt vor und schien mich auch nicht zu kennen.“

„Wie sah er aus?“

„Dunkel …“

„Ein Schwarzer?“

„Nein. Aber dunkle Augen, dunkle Haare, schwarz gekleidet. Ein dichter, kurzgeschnittener Vollbart.“

„Ein Franzose?“

„Er hat Französisch gesprochen, aber es könnte auch jemand aus dem Maghreb gewesen sein. Ich glaube, er hatte einen leichten Akzent.“

Michel blickte sich um. Die große Schublade, in der die Hängehefter mit den laufenden Fällen aufbewahrt wurden, stand noch halb offen und er sah sofort, dass auch sein Schreibtisch durchgewühlt worden war.

„Michel, komm schnell her!“, hörte er Audrey erschreckt rufen, die inzwischen zum privaten Teil der Wohnung gegangen war.

„Warte, Dominique, bin sofort zurück.“ Er lief zu ihr und sah sofort, was los war. „Auch durchgewühlt, verdammt. Irgendwer hat hier was gesucht.“ Erleichtert stellte er fest, dass Fernseher, Videorekorder und Stereoanlage noch da waren. „Aber gewöhnliche Einbrecher waren das nicht.“ 

Er folgte Audrey ins Schlafzimmer, das unversehrt wirkte. Sie öffnete ihr Schmuckkästchen und atmete auf. „Ich glaube, es ist nichts gestohlen worden. Vielleicht das Bargeld?“

Michel prüfte den kleinen Bargeldvorrat, den sie in einer Kaffeedose in der Küche aufbewahrten. „Ich weiß zwar nicht mehr auf hundert Francs genau, wie viel da war, aber auf den ersten Blick scheint sich niemand bedient zu haben. Trotzdem, ich werde die Polizei rufen. Immerhin ist Dominique niedergeschlagen und gefesselt worden.“

Er kehrte zu seinem Assistenten zurück, der sich inzwischen auf seinen Bürostuhl gesetzt hatte und sich noch etwas benommen die Stirn rieb.

„Ist er in die Wohnung eingebrochen?“

„Ja. Er hat das Wohnzimmer durchwühlt, aber es scheint nichts zu fehlen.“

„Das war jemand, der etwas Bestimmtes gesucht hat.“ Dominique beugte sich über die Registratur und versuchte festzustellen, ob ein Hefter fehlte. „Vielleicht geht es um Beweisstücke in einem der laufenden Fälle?“

„Gut möglich.“ Michel blätterte die Papiere auf seinem Schreibtisch durch. „Aber die Fotos und Unterlagen, die mir spontan irgendwie brisant erscheinen, sind alle noch da. Trotzdem, ich rufe jetzt die Polizei.“ Er nahm den Hörer auf, wählte und schilderte den Vorfall. „Sie schicken gleich ein paar Beamte vorbei. Und dann fahre ich dich ins Krankenhaus.“

Audrey kam mit einer Kühlkompresse ins Büro und hielt sie Dominique hin. „Willst du die Beule kühlen?“

„Kann nicht schaden.“ Er hielt die Kompresse an die schmerzende Stelle. „Aber ins Krankenhaus muss ich nicht.“

„Wenn du dich nicht mehr erinnern kannst, ist die Verletzung vielleicht doch schwerer als du denkst“, widersprach Michel.

„Vielleicht hast du recht. Könnte eine Gehirnerschütterung sein, und daher das Blackout. Aber wenn mir nur fünf Minuten Erinnerung fehlen, bin ich schon ganz dankbar“, scherzte Dominique. „Beim letzten Mal haben mir zwanzig Jahre gefehlt.“

„Ach, hast du mich deswegen am ersten Tag nicht sofort erkannt?“

„Mag sein. Eigentlich ist meine Erinnerung in den Wochen nach der Schussverletzung nach und nach zurückgekommen, aber ich glaube, mir fehlen immer noch einzelne Gesichter oder Erlebnisse.“

„Nachdem du bei der Polizei deine Aussage gemacht hast, fahre ich mit dir in die Notaufnahme“, ordnete Michel an. „Mit Kopfverletzungen und Bewusstlosigkeit ist nicht zu spaßen.“

„Ja, Chef“, brummte Dominique.

„Hoffentlich kannst du morgen trotzdem zu unserer Party kommen“, sagte Audrey.

„Ach ja, eure Party. An die habe ich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr gedacht … Kann ich Jennifer mitbringen? Sie wollte eigentlich an diesem Samstag unbedingt mit mir ins Kino und wäre sauer, wenn ich ihr ganz absage.“

„Natürlich kannst du sie mitbringen. Ich freue mich darauf, sie kennenzulernen. Tut mir leid, wenn wir eure Pläne durchkreuzen.“

„Keine Ursache. Ich bin froh, dass ich ums Kino herumkomme. Sie wollte einen Liebesfilm sehen.“ Dominique schnitt eine kleine Grimasse.

Michel lachte. „Ihr geht echt miteinander ins Kino? Thomas würde mir was husten, wenn ich das vorschlagen würde.“

„Und ich bin neidisch – mein Vater hat nie sowas mit mir unternommen“, sagte Audrey wehmütig.

„Nun ja, über zwei Jahre lang haben Jenni und ich in Indien miteinander gelebt und gearbeitet, in der Zeit haben wir uns recht nahegestanden. Aber jetzt ist sie sauer auf mich, weil ich nach Paris zurückwollte, und außerdem …“ Er unterbrach sich. Alles Weitere war zu privat, selbst für einen alten Freund wie Michel. 

Das Klingeln an der Tür erlöste ihn. Er gab den Polizisten seine Aussage zu Protokoll, und ließ sich von Michel in die Notaufnahme eines nahegelegenen Krankenhauses fahren. Er musste die Nacht vorsichtshalber zur Beobachtung dortbleiben, die Untersuchungen ergaben jedoch, dass er keine gefährliche Verletzung davongetragen hatte.

 

3

Am Samstagabend trafen Dominique und Jennifer mit einiger Verspätung bei Michel ein. Die Party war bereits in vollem Gange.

In einer Ecke des geräumigen Wohn- und Esszimmers befand sich die Hausbar, mit Tresen, Barhockern und mit Flaschen gefüllten Regalen. Sie erinnerte Dominique an Giulianas Hausbar in Istanbul.

Giuliana …

Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht an sie dachte, und das nicht nur, weil er ihr die häufig schmerzende Lunge zu verdanken hatte.

Sein Blick blieb an der jungen Frau hängen, die hinter der Bar stand und Cocktails mixte. Zwar hatte sie mit Giuliana keine Ähnlichkeit, aber sie besaß genauso viel Sexappeal. Sie war schlank und hatte Kurven an den richtigen Stellen, die von der engen schwarzen Hose und der tief ausgeschnittenen, weißen Bluse vorteilhaft betont wurden. Ihr langes, dunkelblondes Haar war vorne von hellen Strähnen durchzogen und fiel in wilden Wellen um ihr ausdrucksvolles Gesicht.

„Wer ist die schöne Blonde hinter der Bar?“, fragte Dominique Audrey leise, nachdem sie mit Michel auf seinen Geburtstag angestoßen hatten. Jennifer unterhielt sich noch mit dem Gastgeber.

„Das ist Julie, eine Freundin von mir. Die, der das Bild aus Marokko gehört. Sie hat sich bereit erklärt, heute Abend die Barkeeperin zu machen. Komm, ich stelle sie dir vor.“

Sie schlenderten durch die kleinen Grüppchen plaudernder Gäste auf die Bar zu.

„Hallo, wie läuft’s?“, fragte Audrey und schwang sich auf einen der freien Barhocker. Dominique setzte sich neben sie.

„Ich kann mich über mangelnde Arbeit nicht beklagen“, sagte die Barkeeperin. „Die Leute stürzen sich nur so auf die Cocktails.“

„Ich möchte dir jemanden vorstellen, Julie. Das ist Dominique, Michels neuer Mitarbeiter und früherer Armeefreund. Er hat bis vor drei Monaten in Indien gelebt. Dominique, das ist Julie. Sie hat als Kind auch mal in Indien gelebt, und dann etliche Jahre in Marokko. Sie ist auch erst seit Kurzem wieder in Frankreich. Zumindest das habt also schon mal gemeinsam.“

Dominique und Julie lächelten einander an.

„Was möchten Sie trinken?“, fragte sie.

„Einen Orangensaft, bitte.“ Er versuchte Alkohol zu vermeiden, wenn es ging. Da er nach dem Schuss in die Lunge das Rauchen hatte aufgeben müssen, hatte ihm die Verletzung zumindest einen gesünderen Lebenswandel beschert.

Sie schenkte Saft in ein hohes Glas ein und reichte es ihm. „Und du, Audrey?“

„Wenn du mich so fragst, mix mir bitte diesen Drink, den wir in Casablanca getrunken haben, den mit Malibu, Cognac und Orangensaft.“

„Du meinst den Gold Coconut. Kann ich nur, wenn du mir ein rohes Ei aus der Küche holst.“

Audrey winkte ab. „Lass das mit dem Eiweiß. Er schmeckt auch ohne.“

Eine Dame trat an den Tresen und bat um eine White Lady.

Julie hantierte mit Flaschen, Eiswürfelzange, Cocktailshaker und Gläsern. Edelstahl und Glas funkelten und blitzten.

„Was haben Sie in Marokko gemacht?“, erkundigte sich Dominique, als sie die Gläser vor Audrey und der anderen Dame abgestellt hatte. 

„Ich habe in Luxushotels gearbeitet.“

„Muss interessant gewesen sein, dort zu leben. Audrey schwärmt ja von Marokko.“

Audrey nahm einen großen Schluck von ihrem Cocktail und stellte dann das Glas ab. „Entschuldigt mich. Ich will mal nachsehen, ob das Büffet nachgefüllt werden muss.“ Sie verschwand in Richtung Küche.

Neue Gäste kamen mit Getränkewünschen an den Tresen. Dominique beobachtete Julie, die Manhattan Dry, Margarita und Cosmopolitan so selbstverständlich zubereitete, als tue sie den ganzen Tag nichts anderes. Die dünnen Armreifen, die ihre schmalen Handgelenke zierten, klimperten dabei.

Verstohlen studierte er ihr ovales Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen und den vollen Lippen. Sie besaß längliche Augen in dunklem Grünbraun. Ihre Nase war nicht unbedingt zierlich, aber hübsch geformt, und ihre Haut war leicht bräunlich. Er schätzte sie auf Anfang bis Mitte Dreißig. Auffällige, orientalische Ohrringe baumelten bis zu ihren Schultern, und ihr Dekolleté wurde von einem weiteren, großen Anhänger geschmückt.

Fasziniert ließ Dominique seinen Blick von ihrem Gesicht zurück zu ihren schlanken Händen gleiten. Falls Julie sich von ihm beobachtet fühlte, ließ sie es sich nicht anmerken. Als sie fertig war und einen Moment lang keine weiteren Getränkewünsche bekam, setzte sie sich zu Dominique.

„Sie stammen nicht aus Paris, oder?“, erkundigte er sich.

„Nein. Aus Grenoble. Aber aufgewachsen bin ich auf Ibiza.“

„Traumhaft. Und Sie haben in Indien gelebt? Wo da?“

„In Goa. Aber nur kurz als Kind.“

„Warum haben Sie Ibiza verlassen? Und Marokko?“

„Warum haben Sie Indien verlassen?“, fragte sie zurück. 

„Das frage ich mich langsam auch. Es ist nicht leicht, wieder in Frankreich Fuß zu fassen.“

Sie seufzte. „Wem sagen Sie das …“

Dominique stutzte. „Sind Leute aus dem Hotelgewerbe in Paris nicht gesucht?“

„Möglich, aber ich habe keine Ahnung vom Hotelgewerbe. Wie kommen Sie darauf?“

„Sie sagten vorhin, dass Sie in Marokko in Hotels gearbeitet haben. Und da Sie Cocktails mixen wie eine Profi-Barkeeperin, habe ich vermutet, dass Sie das gelernt haben.“

„Ach so, nein. Ich bin als Sängerin in Hotels und Clubs aufgetreten.“

„Als Sängerin?“, wiederholte Dominique überrascht.

„Ja. Ich habe davon in Marokko ganz gut gelebt. Ich war sogar recht bekannt.“ Sie lächelte schüchtern.

„Und in Frankreich? Sitze ich neben einem Star, ohne es zu wissen?“ Forschend betrachtete er sie.

„Nein, hier ist das nicht das Gleiche. Aber wir arbeiten daran, uns Beziehungen aufzubauen.“

„Wir?“

„Ich singe in einer Band“, erklärte sie. „Wir treten drei bis viermal die Woche in Pubs und Nachtclubs auf. Der Leader unserer Band ist dabei, Kontakte zum Fernsehen zu knüpfen.“

„Was singen Sie? Jazz?“

„Ja, das auch. Aber wir sind auf Raï spezialisiert.“ Sie nippte an ihrem Mineralwasser.

„Raï? Was ist das denn?“

Julie hob die Augenbrauen. „Sie wissen nicht, was Raï ist? Sie hören wohl bloß France Inter und Klassik Radio, was? Ach so, Sie leben ja erst seit Kurzem hier. Raï ist Musik mit orientalischen Wurzeln und modernen Einflüssen aus Pop und Rap. Ist in Frankreich gerade groß im Kommen, vor allem, weil sie den Geschmack der Jugendlichen trifft.“

„Ah ja, ich glaube, diese Musik habe ich schon gehört. Singen Sie Arabisch?“

„Es ist eine Mischung aus Französisch und Arabisch, wenn man so will, eine Verschmelzung beider Kulturen und Sprachen. Das trifft das Gefühl der Jugendlichen aus dem Maghreb, die in Frankreich aufgewachsen sind und sich zwischen beiden Kulturen hin- und hergerissen fühlen.“

„Und Sie?“, fragte Dominique. „Fühlen Sie sich auch zwischen beiden Kulturen hin- und hergerissen?“

„Nein. Ich liebe orientalische Musik und Kunstgegenstände, orientalischen Tanz, Schmuck und so was. Aber damit hat es sich. Ich war in Marokko immer bloß zu Gast. Und wenn ich etwas dort hasse, ist es die Stellung der Frau und all die damit verbundenen Ungerechtigkeiten.“

„Waren Sie mit einem Marokkaner verheiratet?“

„Sie sind ganz schön neugierig, Monsieur“, gab Julie zurück und sah ihm fordernd in die Augen.

„Deswegen bin ich Detektiv geworden“, sagte er lächelnd. „Verzeihung, falls ich zu aufdringlich bin. Und bitte nennen Sie mich Dominique. Ich werde Ihnen eine Verschnaufpause von meiner Fragerei gönnen und mir was zu Essen holen.“

„Falls Sie danach wiederkommen, werde ich Sie ausfragen“, sagte Julie.

Er zwinkerte ihr zu. „Ich werde wiederkommen.“

Dominique ging in die Küche und bediente sich am kalten Büffet. Mit seinem Teller in der Hand kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Während er aß, gesellte sich Jennifer zu ihm. „Hast du endlich mal wieder eine Eroberung gemacht? Wer ist denn die Blonde?“, fragte sie mit ätzendem, missgünstigen Unterton.

Dominique atmete geräuschvoll aus. „Bist du mal wieder eifersüchtig?“

„Quatsch. Aber ich frage mich, warum du mich mitgeschleift hast. Nur alte Leute hier.“

„Sieh dich um. Michels Sohn ist neunzehn, also zwei Jahre jünger als du. Und Audrey ist auch erst siebenundzwanzig. Außerdem hast du dich in Indien auch nicht daran gestört, wenn Leute deutlich älter waren als du.“

Seit Jennifer eine Psychotherapie begonnen hatte, war ihr Verhältnis zueinander noch angespannter als in jenen letzten Wochen in New Delhi und Istanbul. Die Therapie förderte verdrängte Aggressionen aus ihrer Kindheit und Jugend zutage, die sich jetzt in ihrem angriffslustigen Verhalten äußerten. Ein völlig normaler Prozess, hatte der Therapeut Dominique versichert, als er ihn vor einigen Wochen zu einem Gespräch in seine Praxis gebeten hatte. Es sei ganz natürlich, dass sie anfangs nicht wisse, wohin mit ihren Emotionen und dass diese zuweilen ungefiltert hervorbrachen. Doch er solle sich keine Sorgen machen, es würde ihr bald besser gehen.

Aber dass sie jetzt erneut zusammenlebten, erschwerte die Sache. Jennifer war Dominique gegenüber frostig oder aggressiv, und es war, als hätte es ihr freundschaftliches Verhältnis in Indien nie gegeben. Um sie zu besänftigen, hatte er an diesem Abend mit ihr ausgehen wollen. Er wusste, dass sie verletzt war, weil er sie der Party wegen auf ein anderes Mal vertröstet hatte. Er wollte ihr etwas Nettes sagen, aber sie hatte sich bereits abgewandt.

Dominique brachte seinen leeren Teller in die Küche und setzte sich wieder an die Bar. Nun war ihm doch nach Alkohol. „Mixen Sie mir einen Ihrer fabelhaften Cocktails“, bat er Julie.

„Was möchten Sie trinken?“

„Suchen Sie was aus. Nur nicht zu süß.“

„Was für ein Sternzeichen sind Sie?“

„Skorpion.“

„Dann werde ich Ihnen einen Drink mixen, der Scorpion heißt.“

Sie mischte weißen Rum mit Cognac, Orangen- und Zitronensaft. „Normalerweise kommt da noch ein Schuss Mandelmilchsirup rein, und das Glas wird mit der Blüte einer Gardenie dekoriert, aber ich habe weder das eine noch das andere“, entschuldigte sie sich und reichte ihm das Glas.

„Raus mit der Sprache – wieso beherrschen Sie all diese Cocktails?“

„In meiner Anfangszeit habe ich manchmal als Barkeeperin gearbeitet, weil ich nur vom Singen allein nicht leben konnte. Und natürlich habe ich in dieser Zeit gelernt, Cocktails zuzubereiten.“ Julie lächelte ihr reserviertes, etwas misstrauisches Lächeln. „Und Sie, wie haben Sie sich in Frankreich eingelebt?“

„Dank Michel fängt es langsam an, besser zu laufen. Noch zwei Monate, dann habe ich endlich drei Gehaltszettel und kann versuchen, eine Wohnung zu finden.“

„Das Problem kenne ich.“ Sie seufzte.

„Wie haben Sie es geschafft, eine Bleibe zu finden?“ Er nippte an seinem Glas.

„Durch Beziehungen“, sagte sie ausweichend, und Dominique hatte den Eindruck, dass sie nur ungern über sich selbst sprach.

„Wieso sind Sie eigentlich nach Marokko gegangen?“ 

„Wieso nicht? Wenn man auf Ibiza aufgewachsen ist, erscheint einem Nordafrika nicht so abwegig. Weniger als zum Beispiel Indien“, konterte sie.

„Eins zu null für Sie.“ Er gab sich geschlagen, aber seine Neugier war geweckt. Versuchte Julie, etwas vor ihm zu verbergen? 

„Hallo, ihr zwei.“ Audrey war neben Dominique aufgetaucht. 

Julie warf einen Blick auf ihre silberne Armbanduhr. „Ich muss gehen. Wir treten um Mitternacht auf.“

„Soll ich dir ein Taxi rufen?“, bot Audrey an.

„Nein, ich will noch ein bisschen frische Luft schnappen gehen. Es ist nicht weit von hier.“

„Darf ich Sie begleiten?“, fragte Dominique und leerte sein Glas.

„Wenn Sie möchten.“ Sie schlüpfte in einen kurzen silbergrauen Blazer, der hinter der Bar gelegen hatte.

Er ging zu Jennifer, die sich nun tatsächlich mit Michels Sohn Thomas unterhielt, und beugte sich zu ihr hinunter. „Jenni, ich gehe spazieren. Falls ich noch nicht zurück bin, wenn du gehen möchtest, warte nicht auf mich, sondern nimm dir ein Taxi.“

Sie hob die Augenbrauen. „Spazieren? Jetzt?“

Er zwinkerte ihr zu. „Lungenrekonvaleszenten brauchen viel frische Luft.“

Thomas sah Julie hinter Dominique auftauchen und grinste. „Ja, spazieren gehen kann auch um diese Zeit sehr reizvoll sein.“

Sie verabschiedeten sich und gingen durch die noch immer belebten Straßen des Quartier Latin. Trotz der Kälte saßen Nachtschwärmer auf den beheizten Terrassen der Cafés, aus denen Licht und Musik drangen. Dominique atmete tief die kalte klare Luft ein. „Tut gut nach dem Qualm und dem Stimmengewirr.“

„Ja. Ich habe Qualm und Stimmengewirr allerdings noch ein paar Stunden lang um mich. Lassen Sie uns einen kleinen Umweg machen, wir haben noch ein bisschen Zeit.“

Schweigend schlenderten sie nebeneinander her zur nahegelegenen Seine. Die prachtvollen, alten Gebäude zu beiden Seiten des Ufers wurden von weichem, honigfarbenem Licht angestrahlt. Das dunkle Wasser der Seine glitzerte im Schein der Laternen. Auf dem Pont Neuf blieben sie stehen und betrachteten die massiven Mauern und Türme der Conciergerie, in der vor allem während der Französischen Revolution Menschen unter unwürdigen Bedingungen gefangen gehalten worden waren. Der Eiffelturm, der durch die nächtliche Beleuchtung noch eindrucksvoller aussah, leuchtete vor dem Hintergrund des dunklen Himmels.

„Was für eine schöne Stadt.“ Julie ließ ihren Blick schweifen. Paris war seit einigen Tagen weihnachtlich geschmückt und sah noch eleganter aus als sonst.

Dominique warf ihr einen Seitenblick zu. „Vermissen Sie Ibiza oder Marokko?“

„Teils, teils.“

„Warum sind Sie denn nun nach Marokko gezogen? Sicher nicht, um zu singen, oder?“

„Hat sich so ergeben. Mein Bruder ist dort hingezogen, ich bin ihm gefolgt.“ Sie hüllte sich wieder in Schweigen.

„Sie wollen nicht darüber reden …“

Julie schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt. Vielleicht ein anderes Mal.“

„Heißt das, dass Sie mich wiedersehen wollen?“

Sie lächelte, antwortete aber nicht. Stattdessen fröstelte sie. „Wenn ich mich an eines nicht gewöhnen kann, ist es die Kälte hier. Seit ich fünf bin, habe ich immer in warmen Regionen gelebt.“ Sie zog ihren Schal höher ins Gesicht.

Er hätte sie gerne wärmend in die Arme genommen, wagte es aber nicht. 

Sie kehrten zum Ufer zurück und erreichten kurz darauf den Pub, in dem Julies Band auftrat.

„Ich würde Sie gern mal singen hören“, sagte Dominique.

„Dann kommen Sie doch mit. Der Eintritt ist frei, nur die Getränke sind ziemlich teuer – das bezahlt meine Gage.“ Julie lächelte, nahm ihn am Arm und zog ihn auf den Eingang zu.

Der kleine Pub lag in einem Kellergewölbe, wie so viele Pariser Musikclubs. Das Licht war gedämpft, die Einrichtung rustikal, der Andrang groß, und Dominique hatte Mühe, einen freien Platz zu finden. Julie verschwand in der Garderobe.

Die Band, die aus jungen Nordafrikanern in schwarzen Jeans und weißen Hemden bestand, begann ihre Instrumente zu stimmen. Während sie eine Melodie mit leicht arabischem Einschlag anstimmten, trat Julie auf die kleine Bühne. Da Julie von orientalischer Musik gesprochen hatte, hatte Dominique gehofft, sie in einem Kostüm aus tausendundeiner Nacht auftreten zu sehen, aber er wurde enttäuscht. Sie trug noch immer ihre enge schwarze Stretch-Hose und die geschnürten Lederstiefeletten. Sie hatte lediglich ihren silbergrauen Blazer ausgezogen und die Enden ihrer weißen Bluse unter der Brust verknotet, so dass ihr flacher Bauch entblößt war. Einziges Zugeständnis an die arabische Kultur war ihr klimpernder Schmuck und der glitzernde rote Stein, den sie im Bauchnabel trug.

Beifall ertönte, als sie begann, einen bekannten französischen Schlager zu singen, dem ihre Band orientalische Töne beimischte. Sie besaß eine schöne, klangvolle Altstimme und das Timbre einer Jazzsängerin. Dominique lauschte gebannt. Obwohl die kleine Bühne so dicht beim Publikum lag, dass nur wenige Schritte sie trennten, wirkte Julie weit entfernt, versunken in einer für ihn scheinbar unerreichbaren Welt. 

Nach zwei Liedern trat sie zu dem jungen Mann am Synthesizer und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte und stimmte die ersten Takte von Strangers in the Night an.

Dominique hatte das gute, alte Strangers in the Night schon in vielen Hotelbars dieser Welt gehört, in allen möglichen Versionen und musikalischen Genres. Aber noch nie hatte er es so schön gefunden wie jetzt, von Julie mit ihrem leichten Akzent gesungen.

Während sie von einladenden Blicken und aufregendem Lächeln sang, sah sie Dominique oft in die Augen, und es kam ihm vor, als singe sie dieses Lied speziell für ihn. Es passte so gut auf sie beide: zwei Fremde, die sich begegneten, einsam waren in einer großen Stadt und die sich zueinander hingezogen fühlten …

Als die Band eine Pause einlegte, trat Julie zu Dominique an den Tisch. „Also, mögen Sie Raï?“

„Ja, es gefällt mir. Sie haben eine schöne Stimme. Aber noch besser hat mir Ihr Strangers in the Night gefallen.“

„Es gehört nicht zu unserem Standardprogramm. Ich habe es für Sie gesungen. Es erschien mir passend.“ Sie lächelte ihn an.

„Ich bin geschmeichelt. Es ist das erste Mal, dass jemand für mich singt. Danke. Möchten Sie was trinken?“

„Danke, nein. Schonen Sie Ihr Portemonnaie, ich kann hinter der Bühne kostenlos trinken.“

„Oh, das ist doch kein Problem“, murmelte Dominique, obgleich es sehr wohl eines war. Die Preise in diesem Laden waren unverschämt. „Treten Sie regelmäßig hier auf?“

„Nein, nur hin und wieder.“

„Und wo singen Sie noch?“

„In diversen Clubs in Paris und Umgebung“, erwiderte sie vage.

„Wo kann ich Sie wiedersehen?“

In diesem Moment trat ein dunkelhaariger junger Mann neben Julie und zog sie in die Arme. „Salut, Habibti.“ Er küsste sie.

„Marco, was machst du hier?“ Julie wirkte erschrocken. „Du wolltest doch heute nicht kommen.“

„Ich habe es mir anders überlegt.“ Betont besitzergreifend ließ er seinen Arm auf Julies nackter Taille weilen und blickte Dominique misstrauisch an. „Bonsoir.“

„Bonsoir.“ Dominique beäugte seinen unerwarteten Nebenbuhler mit dem gleichen Misstrauen. 

Er sah gut aus, dieser Marco. Anfang oder Mitte dreißig, hochgewachsen, schlank und kräftig, mit großen glänzenden, dunklen Augen und einem edel geschnittenen, südländischen Gesicht. Vielleicht Sizilianer, dachte Dominique. Würde auch zum Vornamen passen. Aber er hatte Julie „Habibti“ genannt, das bedeutete seines Wissens nach „Liebling“ auf Arabisch. Nun, wie auch immer, offensichtlich war sie nicht frei. Das hätte er sich ja denken können.

Julie hatte anscheinend nicht die Absicht, die beiden Männer einander vorzustellen. Sie warf Dominique stattdessen einen warnenden Blick zu. Er verstand. Sie wollte diesen Marco nicht merken lassen, dass sie bereits nähere Bekanntschaft geschlossen hatten.

„Ich freue mich, dass Ihnen unsere Musik gefällt, Monsieur“, sagte sie hastig. „Ich muss gleich wieder auftreten. Einen schönen Abend noch.“

Dominique war enttäuscht. Sollte das alles gewesen sein?

In diesem Moment wurde Marco von einem Mitglied der Band angesprochen. Sie begrüßten sich freudestrahlend, klopften sich auf die Schultern, und Marco entfernte sich mit dem anderen einige Schritte, bis er außer Hörweite war. Julie jedoch stand noch immer vor Dominiques Tisch.

„Ich würde Sie gerne wiedersehen, aber das geht wohl nicht?“, fragte er bedauernd.

„Morgen Nachmittag, wo immer Sie wollen“, sagte sie eilig. „Nur nicht im 1. Arrondissement.“

Er dachte kurz nach. „Kennen Sie das Café Select in Montparnasse?“

„Ja. Um fünfzehn Uhr?“

„Abgemacht.“

„Gute Nacht. Bitte bleiben Sie nicht mehr so lange, das könnte Komplikationen geben“, sagte sie und wandte sich ab.

Dominique fühlte sich wie ein Verschwörer in diesem hastig arrangierten und heimlichen Rendezvous. Die Vorstellung, einen sehr eifersüchtigen Sizilianer oder Araber als Rivalen zu haben, verlieh der Sache einen zusätzlichen Reiz. Genau was er brauchte, um wieder etwas Schwung in sein langweilig gewordenes Leben zu bringen.