Leseprobe Für immer und Chaos

Kapitel 1

»Na, ist das nicht nett?«

Ich sah meine Mutter an, um ein halbwegs natürliches Lächeln bemüht. Sie hatte natürlich recht; es war alles sehr nett. Mir gegenüber am Tisch saßen meine Mutter und Chester, ihr Verlobter und mein wichtigster Kunde, und an meiner Seite befand sich Max, mein Gatte. Es war alles zum Schreien nett.

Ich schloss kurz die Augen und umklammerte mit schweißnasser Hand mein Handy. Die SMS war vor wenigen Momenten angekommen: Danke, Süße, wusste doch, dass auf dich Verlass ist. Ich melde mich. Als ich sie gelesen hatte, war mir der kalte Schweiß ausgebrochen.

Die Nachricht stammte von Hugh Barter, der mich wohl nie in Ruhe lassen würde.

»Ist alles in Ordnung, Schatz? Du siehst so komisch aus«, bemerkte meine Mutter.

»Komisch?« Mühsam brachte ich ein weiteres, ziemlich verkrampftes Lächeln zustande. »Entschuldige, ich hab nur grade … an etwas gedacht.«

»Nun, es ist ausgesprochen unhöflich, an etwas anderes zu denken als an deine Gäste«, sagte meine Mutter pikiert. »Und an deinen Mann natürlich.«

Mein Mann.

Ich hatte mich noch immer nicht richtig daran gewöhnt, verheiratet zu sein – obwohl das nun schon seit einem Jahr der Fall war –, und fand es immer noch total aufregend, wenn ich Max mit den Worten »das ist mein Mann« vorstellte. Max zwinkerte mir dann immer zu, als sei das einer unserer intimen Scherze, von denen wir im Laufe der Jahre noch viele haben würden. »Meine Frau und ich freuen uns, dass du vorbeigeschaut hast«, pflegte er gerne, mit leuchtenden Augen zu sagen, auch wenn es sich bei dem Besuch nur um meine Freundin Helen handelte, die uns unangekündigt beim Abendessen überfiel, sich auf der Couch häuslich einrichtete und uns über die neuesten Ereignisse ihres dramatischen Liebeslebens informierte.

»Sehr nett. Wobei das Wort ›nett‹ eigentlich nicht ausreicht«, sagte Max in diesem Tonfall, bei dem man nie sicher sein konnte, ob er ernst gemeint oder scherzhaft war.

Ich zog fragend eine Augenbraue hoch, und er blickte mich unschuldig an. »Was? Es ist doch wirklich alles sehr nett. Und das Essen ist auch lecker.«

»Das sagst du doch nur, weil du selbst gekocht hast«, erwiderte ich und bemühte mich, das Hier und Jetzt im Blick zu behalten, anstatt an die Forderungen dieser miesen Ratte zu denken: zehntausend Pfund. So viel wollte Hugh Barter diesmal haben. Davor waren es fünftausend gewesen. Eine Starthilfe für den Neuanfang, hatte er behauptet. Und selbstverständlich nur leihweise. Seine Weltreise hatte sich dann aber leider nicht so gut angelassen, wie er gehofft hatte, und so hatte er beschlossen, nach Großbritannien zurückzukehren. Das war vor drei Monaten gewesen, und ich hatte geglaubt, die fünftausend Pfund würden ausreichen, um ihn vorerst über Wasser zu halten, während er sich nach Arbeit umschaute. Eine nette Geste, hatte er gesagt. Gemeint hatte er aber: Eine nette Geste im Gegenzug für seine nette Geste, Max nicht zu erzählen, dass ich bereit gewesen war, mich auf Hugh einzulassen, obwohl ich bereits mit Max verlobt war. Gott, ich hatte mich damals so blöde angestellt …

»Ich hab nur gekocht, weil du gedroht hast, sonst was beim Lieferservice zu bestellen«, entgegnete Max.

»Tja, na ja, Kochen gehört nicht zu meinen Stärken«, räumte ich ein und zwang mich zu einem weiteren Lächeln. Das Kochthema war einer unserer ältesten Scherze; Max pflegte mich nämlich, als die schlechteste Köchin unter der Sonne zu bezeichnen – womit er durchaus recht hatte. Ich versuchte zwar immer wieder, Rezepte nachzukochen, verlor aber regelmäßig den Überblick und konnte mir hinterher nicht erklären, weshalb die Speisen grundsätzlich angebrannt oder verwürzt waren oder bei falscher Temperatur im Ofen landeten. In einem Anfall von gutem Willen hatte ich einmal Fischauflauf zubereitet – Max’ Leibspeise –, nur um dann festzustellen, dass der Fisch noch quasi roh war, als ich das Ganze servierte. Das kriegte ich seither von Max immer wieder vorgehalten; er hatte sich damals eine geschlagene Stunde darüber amüsiert, ungeachtet meines Protests und der Drohung, künftig nicht einmal mehr Wasser zu kochen.

»Das ist ja auch nicht mehr nötig«, merkte meine Mutter an – die ebenfalls nicht kochen konnte. »Eine Frau gehört heutzutage nicht mehr an den Herd, Schatz.«

»Ganz recht«, pflichtete ich ihr bei. »Nicht wahr, Max?«

Er warf mir einen resignierten Blick zu.

»Nein«, sagte er dann trocken. »Dein Glück.«

Ich boxte ihn an den Arm und brachte ein kleines Lachen zuwege, aber mir war ganz übel dabei; ich fühlte mich schon schmutzig, weil ich nur diese SMS von Hugh bekommen hatte. Am liebsten hätte ich sie sofort gelöscht, mein Handy davon gereinigt, aber das musste nun warten. Die Lage war schon übel genug; es würde alles nur noch schlimmer machen, wenn ich mich jetzt, während ich doch mit Max glücklich sein sollte, in Gedanken mit Hugh abgab. »Na ja«, sagte ich, »du fällst ja auch keine Bäume oder baust Blockhütten.«

Ich trank einen Schluck Wein. Als ich aufschaute, betrachtete mich Chester mit leicht verwirrter Miene.

»Bäume schlagen?«, fragte er.

»Na ja, du weißt doch, die traditionelle Männerrolle«, erklärte ich. »Die Frau bleibt zu Hause und kocht, und der Mann zieht los, erlegt Tiere und baut Hütten. Wenn ihr Männer das nicht mehr macht, müssen wir Frauen auch nicht mehr kochen und putzen, stimmt’s oder hab ich recht?«

»Mag sein«, erwiderte Chester. »Ich koche jedenfalls gerne. Finde ich sehr entspannend.«

»Entspannend?« Meine Mutter verdrehte die Augen.

»Wie kann Kochen denn entspannend sein? Da muss man doch so viele Vorschriften beachten!«

»Ganz genau«, bestätigte ich. »Der reinste Albtraum.«

»Aha«, sagte Max und blickte mich verschmitzt an.

»Du kochst also nicht. Wie gesagt: Damit hab ich kein Problem. Ich erwarte das gar nicht von dir. Es würde mich sogar nachhaltig beunruhigen, ja, geradezu verstören, wenn du dich auch nur an überbackenem Toast versuchen würdest. Die Frage ist nur: Was bleibt dann?«

Ich runzelte die Stirn. »Wie meinst du das? Du kochst, wir lassen uns was liefern oder kaufen Tiefkühl…«

»Nein, so meine ich das nicht«, erwiderte Max mit liebevollem Lächeln. »Ich meine, wenn ich keine Bäume fälle oder wilde Tiere töte und du nicht kochst – was sind dann unsere spezifischen Aufgabenbereiche? Was betrachtet man heutzutage als perfekte Ehefrau? Und als perfekten Ehemann?«

Ich warf ihm einen unsicheren Blick zu. »Ich versteh dich immer noch nicht richtig.« Meine Stimme hatte einen gereizten Unterton, als müsse ich mich verteidigen. Ich rief mich zur Ordnung und sagte mir, dass Max nur witzelte. Das machte er immer. Er wusste nichts. Es ging hier nicht um Hugh. Tatsächlich fühlte ich mich aber, als müsse ich mich verteidigen.

»Er meint, was heute eine tolle Ehe ausmacht«, warf Chester ein und beugte sich vor. »Und das, liebe Freunde, kann ich euch genau erklären.«

»Ach ja? Da bin ich ja beeindruckt.« Max grinste.

»Also, raus mit der Sprache: Worin liegt das Geheimnis?«

»Es gibt kein Geheimnis«, antwortete Chester im Brustton der Überzeugung. »Der perfekte Ehemann sorgt für seine Frau. Achtet darauf, dass sie alles hat, was sie braucht und sich wünscht. Sagt ihr, dass er sie liebt, und achtet darauf, es ihr auch zu zeigen.«

»Und die perfekte Ehefrau?«, fragte Max.

»Tut dasselbe«, sagte Chester. »Sie sorgt für ihren Mann, achtet darauf, dass er morgens immer ein gebügeltes Hemd hat und ein gutes Essen kriegt, wenn er von der Arbeit kommt. Sie hört ihm zu, gibt ihm Ratschläge, wenn nötig, und ist immer zur Stelle, wenn er sie braucht.«

»Ein gebügeltes Hemd und ein gutes Essen?« Meine Mutter starrte Chester entsetzt an. »Das ist die deprimierendste Aussage, die mir je zu Ohren gekommen ist. Und für den Fall, dass du das vergessen haben solltest: Ich kann weder kochen noch bügeln.«

Chester legte den Arm um sie und grinste. »Und ich liebe dich trotzdem.«

Als meine Mutter merkte, dass er das mit der Rollenverteilung nicht ernst gemeint hatte, verdrehte sie ärgerlich die Augen, rückte aber nicht von ihm ab.

»Obwohl man als Mann natürlich schon viel übrighat für ein schönes frisches Hemd am Morgen«, bemerkte Chester nun etwas niederträchtig. »Hab ich recht, Max?« Max warf mir einen Blick zu. »Vollkommen«, erwiderte er mit Pokerface, griff nach meiner Hand und drückte sie. Ich hatte einmal versucht, eines seiner Hemden zu bügeln. Es war nie mehr im Schrank gelandet, weil es so verbrannt war, dass man es nicht einmal mehr als Putzlappen benutzen konnte. »Aber wir können andere Leute für die Erledigung dieser Aufgaben bezahlen, und an der Beziehung ändert sich nichts. Was unsere Rollendefinition angeht, sind wir also keinen Deut weiter.«

Chester zuckte mit den Achseln. »Ich finde schon, dass ich es auf den Punkt gebracht habe – vom Bügeln und Kochen jetzt mal abgesehen. Füreinander da sein. Das ist doch das Wichtigste, oder?«

»Aber reicht das aus?«, sinnierte Max. »Verlässlichkeit?«

»Der perfekte Ehemann, Max«, äußerte meine Mutter leichthin, »sollte seine Frau vergöttern und nicht davor zurückscheuen, ihr das auch zu zeigen. Und damit meine ich nicht Blumen und Geschenke, so schön das auch alles sein mag –, sondern dass er viel Zeit mit ihr verbringt und dafür notfalls auch Opfer bringt, anstatt tagtäglich bis um neun Uhr abends zu arbeiten.«

Chester pfiff durch die Zähne. »Da haben wir’s wieder«, seufzte er und wandte sich meiner Mutter mit ernster Miene zu. »Esther, Liebste, ich bin verrückt nach dir. Aber ich bin auch Direktor einer großen Privatbank. Manchmal muss ich eben länger arbeiten, ab und an auch bis spätnachts. Das bringt meine Arbeit so mit sich.«

»Das Leben besteht aber nicht nur aus Arbeit«, wandte Mam ein.

»Damit hast du natürlich völlig recht«, pflichtete Chester ihr bei. »Aber Unternehmen funktionieren nicht auf Autopilot. Außerdem habe ich keine Kontrolle über meinen Terminkalender. Der wird von meiner Assistentin geführt.«

»Dann nimm dir eine neue Assistentin«, erwiderte meine Mutter verdrossen. »Eine, die auch mal Nein sagen kann. Du sagst doch selbst, dass du dich immer wieder in irgendwelchen Sitzungen wiederfindest, an denen du gar nicht teilnehmen müsstest.«

»Ich weiß«, Chester seufzte erneut, »aber so einfach ist das nicht. Ich muss schließlich auf dem Laufenden bleiben.«

»Du musst lernen, mehr zu delegieren«, sagte meine Mutter streng. »Jess macht das ständig, nicht wahr, Jess?« Chester blickte mich erwartungsvoll an, und ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ja, schon, aber das ist etwas anderes. Ich meine, ich bin schließlich keine Bankdirektorin …«

»Nein. Aber wenn du delegieren kannst, dann kann es der Boss doch wohl erst recht«, sagte meine Mutter.

»Bleib auf dem Boden, Esther«, entgegnete Chester aufgebracht. »Du musst lernen, in der Realität zu leben, so schwer dir das auch fallen mag. Und in der Realität dreht sich eben nicht immer alles um dich und deine Launen.«

»Chester, glaub mir, ich kenne mich mit der Realität ganz gut aus«, sagte meine Mutter gereizt. »Und ich habe weder Launen, noch erwarte ich, dass sich die Welt ausschließlich um mich dreht. Das weißt du auch. Jedenfalls finde ich, dass ein perfekter Ehemann so etwas nicht sagen würde, und schon gar nicht in Anwesenheit Dritter.« Max und ich warfen uns einen Blick zu; die beiden schienen sich über das Thema nicht zum ersten Mal zu streiten.

Chester sah meine Mutter an und nickte. »Du hast recht«, sagte er entschuldigend. »Du hast vollkommen recht.« Er nahm ihre Hand. »Entschuldige bitte. Ich bin aggressiv geworden. Ich müsste wirklich ein bisschen kürzertreten, aber das ist nicht so einfach.«

»Ich weiß«, erwiderte meine Mutter, ein wenig besänftigt. »Aber du musst auch verstehen, dass es nicht leicht für mich ist, so viel allein zu sein. Ich bin nicht wie Jess. Ich fühle mich dann einsam.«

Ich runzelte die Stirn. »Hey, ich bin auch nicht gern allein«, sagte ich. »Ich meine, ab und an mal, aber …«

»Doch, du magst das. Du bist eine von diesen unabhängigen Frauen«, widersprach Mam und schaute mich an, als sei ich ihr in den Rücken gefallen.

»Unabhängig zu sein, ist doch völlig in Ordnung«, warf Chester herzlich ein. »Und tu nur nicht so, als seist du nicht sehr stolz auf deine Tochter, Esther. Dazu hast du nämlich wirklich allen Grund. Du hast da eine tolle Frau an deiner Seite, Max. Eine, die ich mit großem Stolz als meine Stieftochter bezeichnen werde.«

Ich schaute Chester an und merkte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Der Tag, an dem ich Chester, den mächtigen amerikanischen Direktor einer großen Bank, kennenlernte, war mir noch genau in Erinnerung. Er hörte sich eine Präsentation von mir an, die von meinem damaligen Chef miserabel vorbereitet worden war – er hatte mich vollkommen hängen lassen. Irgendwie war es mir dann aber doch gelungen, etwas aus dem Hut zu zaubern und den Auftrag zu bekommen. Seit damals war Chester eine feste Größe in meinem Leben: mein wichtigster Kunde und inzwischen auch der Verlobte meiner Mutter. Allein die Vorstellung, dass er stolz auf mich sein könnte, war überwältigend für mich.

»Danke, Chester«, brachte ich hervor. »Das bedeutet mir sehr viel.«

»Eigentlich abscheulich, oder?«, warf Max grinsend ein. »Perfekte Ehefrau und perfekte Stieftochter.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, das bin ich wirklich nicht«, sagte ich nervös.

»Da muss ich dir widersprechen«, beharrte Max. »Du könntest perfekter nicht sein. Erzähl uns doch mal, wie deine Vorstellung von der perfekten Ehefrau aussieht.«

»Ach, ich weiß nicht«, sagte ich unbehaglich. Andere Männer zu küssen, gehörte gewiss nicht dazu. Ganz bestimmt jedenfalls nicht, Geschäftskonkurrenten zu küssen und dabei vertrauliche Informationen preiszugeben. Und dann die eigene Mutter die Verantwortung für das eigene Fehlverhalten übernehmen zu lassen – nun, damit war wohl jeglicher Anspruch auf Perfektion verwirkt und das in jeder Hinsicht. »Ich glaube, Perfektion gibt es nicht«, äußerte ich schließlich zögernd. »Oder? Ich meine, haben wir nicht alle unsere Schwächen?«

»Sogar ich?«, fragte Max grinsend.

»Nein, du natürlich nicht«, antwortete ich hastig und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend ungezwungen.

»Du bist die Perfektion in Person.« Ist er wirklich, dachte ich. Jedenfalls für mich. Ich liebte Max so sehr – und ich war noch nie so glücklich gewesen. Deshalb durfte ich auch nicht zulassen, dass irgendetwas dieses Glück trübte.

Es war nämlich so, dass ich nicht damit gerechnet hatte, jemals zu heiraten. Oder mich wirklich zu verlieben. Ich war von einer Großmutter aufgezogen worden, die mir beigebracht hatte, dass Liebe eine Schimäre sei und dass Männer einen immer sitzen ließen. Sollte ich vorhaben, mich zu verlieben, prophezeite sie mir, würde ich garantiert enden wie meine Mutter. Damals glaubte ich noch, meine Mutter sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen, weil sie ein wildes Leben geführt und zu kurze Röcke getragen hatte. Deshalb hatte ich mich lieber auf mein Studium konzentriert, fleißig gelernt und schließlich zu meiner großen Freude eine Stelle in der Werbeagentur Milton Advertising bekommen. Wo Max Wainwright damals stellvertretender Leiter war. Ich konnte es immer noch kaum fassen, dass er sich mehr als nur interessiert an mir gezeigt hatte; er hatte sich allen Ernstes in mich verliebt, und dass das auf Gegenseitigkeit beruhte, hatte ich gerade noch rechtzeitig gemerkt.

»Das ist keine zufriedenstellende Antwort«, sagte Chester und zog eine Augenbraue hoch. »Komm schon, Jess. Du verdienst dein Geld damit, Konzepte zu erarbeiten. Es kann doch nicht so schwer sein, den perfekten Ehepartner zu definieren, oder?«

Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Ihr wollt mich wohl nicht vom Haken lassen, wie?«, fragte ich. Chester und Max schüttelten den Kopf.

»Unter keinen Umständen«, ergänzte Max vergnügt.

»Na gut«, gab ich nach und errötete. »Ich glaube, dass einzig und allein die Liebe zählt. Ich meine, wenn man jemanden aufrichtig liebt, wird man im Zweifelsfall die Fehler und Schwächen des anderen einfach übersehen.«

Ich blickte hoffnungsvoll auf.

Max sah ernst aus. »Du hast keine Fehler und Schwächen, Jess«, sagte er. »Deshalb liebe ich dich ja so sehr. Du magst vielleicht nicht an die Perfektion glauben – ich tue das aber, denn ich habe sie ja an meiner Seite.«

»Ach, ist das schön«, sagte Chester herzlich; ihm schien viel daran zu liegen, sich eher über mich als über seinen vollgestopften Terminkalender zu unterhalten.

»Und Max hat auch recht. Perfekte Ehefrau, perfekte Etatdirektorin. Meine Güte, ich habe allmählich den Eindruck, dass du vielleicht sogar etwas zu perfekt bist. Irgendwo müssen sich doch ein paar Schwächen bei dir verstecken, oder?«

Ich warf ihm einen warnenden Blick zu; Chester war voll und ganz im Bilde über meine Fehler und Schwächen.

»Stimmt, eine fällt mir ein«, sagte Max unvermittelt, und ich blickte ihn panisch an.

»Ach ja? Welche denn?«, fragte ich unruhig.

»Du könntest mir eindeutig mehr Komplimente machen«, antwortete Max ernsthaft. »Ich hatte nämlich gehofft, dass du bei deiner Beschreibung des perfekten Ehemanns einen makellosen Körper und überragende Intelligenz aufführen würdest. Mitsamt des Hinweises, dass ich über beides verfüge.«

Seine Augen funkelten schelmisch, und ich grinste erleichtert. »Du hast auch nicht gesagt, dass ich Ähnlichkeit mit Kate Moss habe«, erwiderte ich und verdrängte jegliche Gedanken an Hugh Barter kategorisch aus meinem Kopf.

»Mit gutem Grund«, sagte Max. »Die ist mir nämlich viel zu dürr.«

Ich zog eine Augenbraue hoch, und Max lachte. »Du willst also sagen, dass John Lennon immer schon recht hatte?«

»John Lennon?«, fragte meine Mutter.

»All you need is love«, antwortete Max. »Er war das Genie, das diesen Gedanken in Musik umgesetzt hat.«

»Ach so«, sagte meine Mutter. »Na ja, ich muss zugeben, dass ich noch nie ein großer Beatles-Fan war. Ich persönlich hab diese ganze Hippie-Geschichte nicht mitgemacht.«

»Aber du denkst das auch, oder?«, fragte Chester und sah dabei nicht wie ein hochkarätiger Wirtschaftsboss, sondern eher wie ein liebeskranker Teenager aus. »Liebe ist das Einzige, was zählt, oder?«

»Ja, Liebe ist das Einzige, was zählt«, bestätigte meine Mutter. »Liebe und ein Dach über dem Kopf. Geld in der Tasche. Und ein Ehemann, der nicht jeden Abend spät nach Hause kommt.«

Sie schaute Chester mit durchtriebenem Blick an, und er lächelte.

»Schon komisch, wisst ihr«, sagte er dann, »dass wir dieses Gespräch führen.«

»Wieso?«, fragte Max.

»Na ja, ich habe nachgedacht«, antwortete Chester.

»Nicht über Perfektion in Beziehungen, sondern … ich habe mich gefragt, was die Qualität eines Unternehmens ausmacht.«

»Arbeit, Arbeit und wieder Arbeit«, stöhnte meine Mutter entnervt.

»Na, das ist doch leicht zu beantworten«, sagte Max.

»Gute Führungskräfte, gute Angestellte und viel Glück.« Chester nickte. »Stimmt. Und was das Glück angeht …«

Wir anderen warfen uns verstohlene Blicke zu. Chester war Direktor von Jarvis Private Banking, und gegenwärtig waren Banken allgemein nicht wohlgelitten in der Welt, da man sie für die katastrophalen Wirtschaftskrisen, die Streichung von Arbeitsplätzen und den persönlichen Verzicht auf Urlaub im Ausland verantwortlich machte.

»Ich muss zugeben, dass davon grade keine Unmengen im Umlauf sind«, sagte Max leise. Auch bei unserem Unternehmen, Milton Advertising, sah es derzeit nicht rosig aus: Kunden meldeten Konkurs an und zahlten nicht, andere kürzten ihre Werbeetats. Max versuchte, so zu tun, als mache er sich keine Sorgen, aber mir war nicht entgangen, dass er in letzter Zeit sehr müde wirkte. Bislang hatten wir noch keine Mitarbeiter entlassen müssen, aber bei jeder neuen Rechnung, die in die Agentur flatterte, sah Max beunruhigter aus.

»Ja, die Zeiten sind nicht grade rosig«, sagte Chester sorgenvoll. »Und Jarvis ist nun mal eine Investmentbank, das heißt, wir gehören zu den Bösen. Außerdem haben wir grade eine Internetbank aufgekauft. Denen trauen die Leute heutzutage auch nicht mehr über den Weg.«

Ich nagte an meiner Lippe und überlegte, ob ich Chester beipflichten oder ihm irgendwie Mut zusprechen sollte.

»Nicht wirklich«, gab ich zu. »Offen gestanden, glaube ich, dass die Leute derzeit mehr Vertrauen zu ihren Sparstrümpfen haben als zu Banken.« Es entsprach nun mal der Wahrheit: Seit Banken auf der ganzen Welt ihre Regierungen um Unterstützung baten, galten sie auch bei ihren letzten Fürsprechern als die Schurken in dem großen Finanzspiel. Zuerst hatte man sie wegen der faulen Kredite gehasst, dann hasste man sie, weil sie nicht genügend Kredite vergaben und den Immobilienmarkt zum Einsturz brachten. Und nun hasste man sie, weil sie sich selbst hohe Boni bezahlten, während alle anderen den Gürtel enger schnallen mussten. Über Banken etwas Gutes zu äußern, war derzeit ein schwieriges Unterfangen und machte einen nicht unbedingt beliebter bei seinem Gesprächspartner.

»Ganz genau!«, rief Chester aus und klatschte in die Hände. »Jess, du hast wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Leute haben mehr Vertrauen zu ihren Sparstrümpfen als zu ihren Banken. Und was können wir dagegen unternehmen? Hast du einen Vorschlag?«

»Eine Hetzkampagne gegen Sparstrümpfe anleiern?«, schlug ich mit einem kleinen Lächeln vor. Chester war unser Kunde – unser wichtigster Kunde. Milton Advertising war für den gesamten Werbeauftritt von Jarvis Private Banking zuständig. Ohne diesen Kunden wäre die Agentur arm dran.

Chester schüttelte den Kopf. »Nein, lieber nicht, Jess. Wir räumen besser in den eigenen Reihen auf. Und dann zeigen wir der Welt, wie vertrauenswürdig wir sind.«

»Gute Idee«, meinte Max und nickte nachdenklich, wie er es zurzeit im Gespräch mit Chester oft tat. Früher hatte er häufiger widersprochen. Aber früher hatte die Agentur auch mehr Kunden gehabt. »Möchtest du, dass wir ein paar Anzeigen schalten? Wir könnten eine Imagekampagne entwerfen, die euch als die Bank mit dem größten Verantwortungsbewusstsein ihren Anlegern gegenüber und absoluter Vertrauenswürdigkeit präsentiert …«

»Nein«, erwiderte Chester mit leuchtenden Augen.

»Ich hab eine bessere Idee.«

»Welche denn?«, fragte Max interessiert.

»Ein internes Ethik-Audit«, verkündete Chester triumphierend. »Bei dem jeder einzelne Angestellte von Jarvis Private Banking befragt wird. Und jeder Angestellte unserer Partnerunternehmen ebenfalls. Inklusive euch. Was hältst du davon? Das ist doch toll, oder? Ich sehe schon den Slogan: ›Wir stellen sicher, dass wir unseren Mitarbeitern vertrauen können – deshalb können Sie uns vertrauen‹.« Er bemerkte Max’ Blick und grinste verlegen.

»Oder, na ja, irgendwas in der Art, aber eben kürzer. Ich arbeite vermutlich aus gutem Grund nicht in der Werbebranche, wie?«

Max’ Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Hältst du das wirklich für eine gute Idee? So ein Audit kostet viel Geld. Und wie werden sich deine Angestellten fühlen, wenn sie so auf Herz und Nieren überprüft werden?«

»Die kommen schon damit klar«, antwortete Chester leichthin. »Wir machen gerade eine schwierige Phase durch und müssen alle Register ziehen. Na gut, dann kostet es eben viel Geld. Man muss Geld ausgeben, um Geld zu verdienen, sage ich immer.«

Max räusperte sich. »Das ist grundsätzlich ein guter Ansatz, wie alle Ideen von dir, Chester. Aber vielleicht sollten wir jetzt nichts übereilen«, sagte er behutsam.

»Lass uns deinen Vorschlag in Ruhe durchdenken und dann eine Imagekampagne ausarbeiten, die dein Unternehmen und deine Ziele für die nächsten Jahre darstellt und …«

»Weißt du was?«, fiel Chester ihm ins Wort. »Ich habe umfassende Strategien satt. Ich kann dieses Wirtschaftsgeplauder nicht mehr hören. Als ich damals als Investmentmanager anfing, hab ich mich ausschließlich auf mein Bauchgefühl verlassen – und mein Bauchgefühl hat mich dorthin gebracht, wo ich heute bin. Und was mache ich jetzt? Ich befolge ständig irgendwelche Strategien.«

»Die dich davor bewahrt haben, in das ganze Bankenkollapsdesaster zu schlittern«, stellte Max klar.

»Sicher, ja.« Chester nickte. »Aber wir reden ja hier nicht von einer Rieseninvestition, sondern lediglich von einem Audit. Wir sind ein anständiges Unternehmen und wollen das der Welt zeigen.« Er lehnte sich zufrieden zurück. »Für mich fühlt sich das sehr gut an.«

»Nun, wenn sich das für dich gut anfühlt, freuen wir uns, wenn wir daran teilhaben dürfen«, äußerte Max diplomatisch.

»Na prima«, sagte meine Mutter trocken. »Die perfekte Ehefrau hätten wir schon einmal, und nun werden wir auch noch das perfekte Unternehmen kriegen. Aber vielleicht könnten wir uns jetzt wieder auf das Hier und Jetzt konzentrieren und versuchen, einen perfekten Abend zu verleben. Was heißt, dass wir nicht mehr über Arbeit reden. Könntest du vielleicht den Nachtisch servieren, Max? Ich rieche doch irgendwas Köstliches aus der Küche.« Max strahlte. »Du hast völlig recht. Schluss mit Arbeit. Und was den köstlichen Duft angeht: Den verdanken wir meiner perfekten Frau«, sagte er und trank einen Schluck Wein. »Sie tut vielleicht so, als könne sie nicht kochen, aber sie hat heute Nachmittag einen Apfelkuchen gebacken.«

Ich sah ihn entsetzt an. »Au Scheiße«, rief ich aus, sprang auf und sprintete zur Tür. Ich hatte den Kuchen natürlich nicht selbst gemacht, sondern in einem Feinkostladen um die Ecke erstanden, wo er als »selbstgebacken« verkauft worden war. Irgendwas musste Max da falsch verstanden haben. Jetzt allerdings hatte ich es wohl geschafft, auch noch diesen Kuchen zu ruinieren. »Ich hab ihn schon vor Ewigkeiten in den Ofen geschoben«, sagte ich verzweifelt. »Jetzt ist er bestimmt verbrannt … Ich hab doch gesagt, dass ich nicht kochen kann, Max.« Ich warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wieso hast du mich das machen lassen? Wir wissen doch beide, dass es Blödsinn ist.«

»Ich hab den Ofen vor einer halben Stunde ausgeschaltet«, erwiderte Max beruhigend. »Der Kuchen müsste jetzt gerade richtig sein. Und die Eiscreme hab ich auch schon mal rausgestellt, damit sie nicht so hart ist.«

»Im Ernst?« Ich sah ihn mit großen Augen an – überrascht, dankbar und liebevoll. Dann rannte ich zum Tisch zurück und schlang die Arme um ihn. »Ich hab doch gesagt, dass du perfekt bist«, sagte ich. »Du bist der Beste überhaupt.«

»Ich bin perfekt, weil ich den Ofen ausgeschaltet habe?«, fragte Max treuherzig. »Na, das hör ich doch gerne. Wenn du nicht mehr verlangst, werd ich ja wohl ein leichtes Leben als perfekter Ehemann haben.«

Kapitel 2

Max hält mich für perfekt.

Die ganze Nacht hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, wie man Perfektion definierte und wie man sie erreichen konnte. Und je länger ich darüber nachdachte, desto bewusster wurde mir, wie weit ich von jeder Form von Perfektion entfernt war. Ich war tatsächlich so wenig perfekt, dass es schon zum Lachen war. Oder wohl eher zum Heulen. Wenn man mich mal genauer betrachtete – was ich getan hatte –, war nicht zu übersehen, dass ich eine absolut schrottige Ehefrau war. Eine Katastrophe. Nachdem mir das klar geworden war, hatte ich auch begriffen, dass Max eigentlich gar nicht mich liebte – sondern die Person, für die er mich hielt. Eine perfekte Person. Eines Tages, wenn er dahinterkommen würde, dass ich diese Person gar nicht wirklich war, würde er mich garantiert nicht mehr lieben. Diese Vorstellung wiederum war zu grauenhaft, um sie ertragen zu können.

»Perfekt?« Helen rümpfte die Nase. Wir saßen in einem Café um die Ecke von ihrer Wohnung, in der wir früher zusammen gewohnt hatten. »Na super. Glaubst du, da liegt mein Problem mit John? Dass ich nicht gut genug bin für ihn?«

Helen war meine beste Freundin und einstige Mitbewohnerin. Wir hatten uns an der Uni kennengelernt und waren trotz unserer Unterschiede (sie war ein klassisches Partygirl, ich dagegen hatte meine Nächte lieber am Laptop verbracht und fürs Studium gebüffelt) seit damals dick befreundet. »Nee«, sagte ich hastig. »Gott, nein, ich hab damit nicht John und dich gemeint.«

»Ach so«, erwiderte Helen leicht gekränkt. Sie hatte mich während der letzten Stunde über jede Einzelheit ihrer jüngsten Beziehung unterrichtet und schien die Aussicht auf einen Themenwechsel nicht verlockend zu finden.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich dachte, wir hätten alles besprochen wegen John. Du hast ihn also gestern Abend angerufen?«

Helen zog eine Augenbraue hoch. »Genau. Und er hat gesagt, er würde mich wirklich gern sehen, müsste aber total viel arbeiten. Und den Gedanken, dass er mir nicht genug Aufmerksamkeit widmen könnte, fände er unterträglich. Meinst du, er ist also vielleicht doch verheiratet? Oder glaubst du, dass er einfach nur ein netter, aufrichtiger Kerl ist?«

Ich runzelte die Stirn. John war Helens neuester Schwarm; sie hatte ihn bei der Arbeit kennengelernt, und bislang hatte er insofern einen perfekten Eindruck gemacht, als er jedes Mal anrief, wenn er es versprochen hatte, offenbar nirgendwo eine Ehefrau verbarg und sowohl äußerlich attraktiv als auch finanziell unabhängig war. Aber Helen wäre nicht Helen gewesen, wenn sie nicht doch irgendwo einen Haken gewittert hätte.

»Keine Ahnung, Hel. Ich hab den Typ ja noch nicht getroffen. Ist er denn wirklich so nett?«

»Natürlich, du Blödel, sonst würd ich ja wohl nicht mit ihm ausgehen. Aber der Wolf aus ›Rotkäppchen‹ schien auf den ersten Blick auch ganz nett zu sein, oder?«

Das war ein Argument. »Dann schau doch ein bisschen genauer hin«, riet ich Helen. »Hat er vielleicht besonders große Zähne?«

Helen verdrehte die Augen. »Das ist doch wohl nicht dein Ernst. Was ist überhaupt los mit dir? Du siehst irgendwie komisch aus. Als ob du irgendwie Kummer hättest.«

Ich schüttelte den Kopf. »Hab ich aber nicht«, log ich.

»Aber …?«, hakte Helen nach.

»Nichts. Es ist nur …«

»Was denn?«, fragte Helen ungeduldig. »Nun spuck’s schon aus, Jess.«

Ich seufzte. »Es ist nur, dass Chester und Mam gestern Abend zum Essen bei uns waren und wir darüber geredet haben, wie perfekte Ehepartner beschaffen sein müssen.«

»Aha«, sagte Helen zögernd. »Und?«

»Und Max sagte, dass er mich perfekt findet.«

»Das ist ja entsetzlich«, verkündete Helen mit Pokerface. «Ach du meine Güte. Der Mann hält seine Ehefrau für perfekt. Das absolute Grauen! Es wundert mich, dass sich die Zeitungen nicht auf diese Story gestürzt haben.«

Ich warf ihr einen grimmigen Blick zu. »Ich hab Hugh Barter noch mehr Geld geschickt.«

»Oh«, sagte Helen, nun ernster. »Wieso?«

»Ich hatte keine andere Wahl.« Ich seufzte wieder. »Na ja, vielleicht schon, aber …«

»Aber nicht wirklich«, sagte Helen. »Wie viel diesmal?«

»Zehn Riesen. Nur geliehen, wie er sagte.«

Helen pfiff durch die Zähne. »Und was willst du jetzt machen?«

»Keine Ahnung«, sagte ich müde. »Es Max erzählen. Aber der ist grade so gestresst von der Arbeit. Und als er mit dieser Perfekte-Ehefrau-Geschichte anfing …«

»Du willst seine Illusionen nicht zerstören, stimmt’s?«, mutmaßte Helen.

»Ich will nicht, dass er merkt, wie absolut unperfekt ich bin«, antwortete ich niedergeschlagen. »Er soll nicht merken, was für einen Fehler er begangen hat, als er mich geheiratet hat.«

»Ach, nun sei bloß nicht so melodramatisch«, entgegnete Helen. »Niemand ist perfekt. Max hat das nur gesagt, weil er so ein netter Kerl ist.«

»Doch, es gibt perfekte Menschen«, insistierte ich.

»Und Max ist so einer.«

»Im Ernst?«, fragte Helen zweifelnd.

»Ja. Er ist lieb, umsichtig und stark, er sieht gut aus, arbeitet hart, ist erfolgreich und kann sogar kochen.«

»Das mit dem Kochen stimmt jedenfalls«, pflichtete Helen mir bei. »Sein Bœuf Bourguignon neulich war köstlich.«

»Ich sollte eigentlich auch kochen können«, sagte ich.

»Ich sollte wenigstens ab und an mal ein leckeres Essen machen können.«

»Jess?« Helen betrachtete mich prüfend. »Was ist los mit dir?«

Ich zuckte mit den Achseln. »Ich glaube, ich bin nicht gut genug für ihn«, sagte ich leise. »Ich wünschte, ich wäre toller. Jemand, der Max wirklich verdient hat.«

»Du hast ihn total verdient«, sagte Helen wie aus der Pistole geschossen. »Du kannst vielleicht nicht kochen, aber du bist stinkreich, hast du das vergessen? Also lass euch was Gutes liefern und Punkt.«

»Das ist aber nicht dasselbe«, beharrte ich. »Es geht ja gerade darum, dass ich mir Mühe gebe. Ich bügle nicht mal seine Hemden.«

»Nein, und du lebst auch nicht mehr in den Fünfzigerjahren«, erwiderte Helen und verdrehte die Augen. »Hast du schon mal davon gehört, dass Leute sich eine Putzfrau leisten? Oder Sachen in die Wäscherei bringen? Ist dir der Begriff ›Frauenemanzipation‹ schon mal untergekommen?«

»Jaja. Ich will ja auch nicht zu diesen Aufgaben gezwungen werden. Es wäre nur schön, wenn … ich sie beherrschen und wenigstens ab und an machen könnte.«

»Dann lern es doch einfach«, sagte Helen ergeben.

»Aber du weißt schon, dass diese Krise hier absolut nichts mit Haushaltsführung zu tun hat, oder?«

»Ja, sicher«, antwortete ich und nagte an meiner Lippe. »Was soll ich also mit Hugh machen? Er wird immer wieder ankommen, ich weiß es.«

Helen nickte zögernd. »Ja, das stimmt wohl. Aber überstürz jetzt bloß nichts. Weißt du noch, als Max einen Moment lang glaubte, du hättest ihn betrogen?«

Ich schauderte. Das war eine furchtbare Szene gewesen. Etwa einen Monat vor unserer Hochzeit wurde Max plötzlich so ausweichend, und ich kam dahinter, dass er sich mit einer Frau traf. Und zwar mit einer sehr attraktiven Frau. Ich zählte zwei und zwei zusammen, kam dabei auf fünf und ertränkte meinen Kummer in einer Bar. Wo dann Hugh Barter ins Spiel kam.

Hugh hatte früher für Max gearbeitet und mittlerweile zu einer Konkurrenzfirma gewechselt; er ist ein schrecklicher Typ – intrigant, selbstgefällig, eingebildet. Als ich ihm allerdings an diesem Abend in der Bar begegnete, war ich zu betrunken, um klar denken zu können, und als er mich zu sich nach Hause einlud, willigte ich ein.

Dass die attraktive Frau kein Seitensprung von Max war, sondern meine totgeglaubte Mutter, die zurückgekehrt war, um nach mir zu suchen, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und eh ich michs versah, hatte Hugh mich erpresst und Milton Advertising in die Knie gezwungen, indem er Chester einen großen Deal verdarb. Was wiederum Max zum Kollabieren brachte.

Es folgte eine schlimme Szene, in der ich Max ganz schnörkellos die Wahrheit sagte. Seinen Blick würde ich nie vergessen, diese völlige Verzweiflung in seinen Augen, die erst wieder verschwand, als Mam hereingestürzt kam und behauptete, ich habe nur versucht, sie zu schützen. Sie sei es gewesen, die mit Hugh geschlafen und ihm betrunken Geschäftsgeheimnisse anvertraut hatte, sagte sie. Die Erinnerung an Max’ maßlos erleichtertes Gesicht hatte mich immer dann, wenn ich versucht gewesen war, ihm nachträglich doch noch die Wahrheit zu sagen, zurückgehalten. Ich wusste, dass ich mir mein Verhalten niemals verzeihen konnte. Und auch Max würde dazu nicht imstande sein, wenn er die Wahrheit erfahren würde – dass ich Hugh nur geküsst hatte, dass er ohnehin schwul war und das Ganze nur eingefädelt hatte, um Max zu schaden, wäre dann auch schon egal.

»Soll ich also den Rest meines Lebens auf glühenden Kohlen sitzen und darauf warten, dass Hugh alles verlangt, wonach ihm gerade der Sinn steht?«, fragte ich kläglich. »Max wird so oder so irgendwann die Wahrheit erfahren: dass ich ihn verraten habe und dass ich eine schreckliche Ehefrau bin.«

»Nein, das bist du nicht«, widersprach Helen. »Das war doch keine große Sache damals – nur eine kleine Indiskretion in einem schwachen Moment. Und wenn man es präzise betrachtet, warst du schlimmstenfalls eine schlechte Verlobte. Seit du seine Ehefrau bist, hast du dir ja nichts mehr zuschulden kommen lassen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Ich glaube nicht, dass man das so betrachten kann, Hel.«

»Aber sicher doch«, entgegnete sie leichthin. »Außerdem wird Perfektion eindeutig überschätzt. Jeder hat irgendwelche Leichen im Keller.«

»Max nicht«, erwiderte ich bedrückt.

Helen schaute mich streng an. »Da bin ich mir aber ganz sicher. Und selbst wenn nicht: Du kannst dieser Hugh-Geschichte nicht mehr Platz in deinem Kopf einräumen, als sie verdient. Max braucht nichts davon zu wissen. Es wird nichts Gutes dabei rauskommen, wenn du es ihm sagst. Also lass es, und hör auf, dich mit Selbstvorwürfen zu quälen.«

»Du hast gut reden«, entgegnete ich.

»Glaubst du wirklich, irgendwas wird besser, wenn du es Max sagst?«, fragte Helen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Gut, dann wäre das ja auch geklärt«, sagte sie sarkastisch. »Können wir dann freundlicherweise wieder das Thema wechseln? Darf ich dir weiter von John erzählen?«

»Ja«, sagte ich entschlossen. »Mach das bitte. Er hat also gesagt, er müsse am Wochenende arbeiten?«

Helen nickte. »Und zwar das ganze Wochenende. Das ist doch komisch, oder? Niemand arbeitet das ganze Wochenende.«

Als sie meinen Blick bemerkte, errötete sie leicht. »Na ja, außer dir und Max«, fügte sie rasch hinzu. Max und ich hatten uns bei der Arbeit verliebt, an einem Wochenende; wir waren beide Workoholics und hatten keinerlei Interesse daran, um die Häuser zu ziehen.

»Es mag dir vielleicht komisch vorkommen«, sagte ich vorsichtig. »Aber möglicherweise hat er grade wirklich viel zu tun.«

»Schon möglich«, erwiderte Helen und legte die Stirn in Falten. »Aber wenn er mich nur abwimmeln wollte?«

Ich zuckte hilflos mit den Achseln. »Du weißt doch, dass ich nicht viel Erfahrung mit Männern habe, Hel.«

»Du bist aber verheiratet«, sagte Helen.

»Ja, aber …«

»Und du warst zweimal verlobt.«

»Stimmt, aber …«

»Und du hast einen supertollen, sehr begehrten Mann innerhalb von fünfzig Tagen dazu gekriegt, dich zu heiraten.« Helen zog die Augenbrauen hoch und lehnte sich zurück, als wolle sie sagen »und fertig ist die Laube«.

Das entsprach zwar im Großen und Ganzen der Wahrheit, aber Helens Darstellung war nicht ganz zutreffend. Angefangen hatte alles mit Grace. Sie war eine Freundin und die Zimmernachbarin meiner Großmutter im Altersheim. Ich hatte nicht gewusst, dass Grace reich war, sondern hatte sie nur als reizende alte Dame wahrgenommen, die ich mit irgendwelchen Geschichten unterhielt, um sie aufzuheitern. Am besten gefiel ihr die Geschichte über meinen Geliebten. Dass sie komplett frei erfunden war und dass mein Fantasiefreund die Züge meines Chefs, Anthony Milton, trug, in den ich damals heimlich verknallt war, verschwieg ich ihr wohlweislich. Und weil Grace immer so ungeduldig nach der Fortsetzung meiner Romanze fragte, wurde im Lauf der Zeit aus dem Geliebten ein Verlobter und schließlich sogar ein Ehemann. Ich weiß, das klingt ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber Grace bekam immer leuchtende Augen, wenn ich ihr von meiner angeblichen Romanze erzählte. Und als Grace dann gestorben war, bekam ich den Schock meines Lebens: Sie hatte mir ihr gesamtes Vermögen und ein fantastisches Haus auf dem Land hinterlassen. Allerdings nicht mir direkt, sondern mir in meiner Eigenschaft als Mrs. Anthony Milton. Ich müsse ihrem Anwalt nur die Heiratsurkunde vorlegen, und schon käme ich in den Genuss des Erbes, hatte sie in ihrem Testament verfügt. Weshalb Helen und ich Projekt Hochzeit ausheckten, damit Anthony mich tatsächlich heiraten würde. Es funktionierte sogar. Beinahe jedenfalls. Es gab nämlich noch ein paar unerwartete Wendungen in der Geschichte. Zum Beispiel, dass Anthony Grace’ Sohn war; sie hatten zwar keinen Kontakt mehr zueinander, aber Grace wollte ihren Sohn nach ihrem Ableben trotzdem gut versorgt wissen. Weil sie meine Geschichte durchschaut hatte, fädelte sie die Sache mit der Erbschaft so ein, dass ich gar nicht drum herumkam, Anthony zu heiraten – womit ich mich ja indirekt auch dazu verpflichtete, gut auf ihn aufzupassen.

Zum Glück fiel mir in letzter Sekunde – kurz vor dem Jawort – dann doch noch auf, dass ich mich nicht auf diese Ehe einlassen konnte. Nicht für Grace und nicht für alles Geld der Welt. Weil ich Max liebte und mit niemandem außer ihm verheiratet sein wollte. Hätte Grace noch gelebt, wäre sie vielleicht enttäuscht gewesen, aber ich stelle mir immer noch gerne vor, dass die Romantikerin in ihr sich am Ende doch über diese unerwartete Wendung gefreut hätte. Denn schließlich hatte ich ja geheiratet und mein Happy End bekommen.

»Anthony hat mich gebeten, ihn zu heiraten, weil er scharf war auf die Hälfte von Grace’ Erbe«, sagte ich entschieden. »Das war alles. Und nach allem, was ich angestellt habe, bin ich doch bestimmt die Letzte, die du in Beziehungsdingen um Rat fragen möchtest.«

»Die Letzte nun auch nicht«, erwiderte Helen mit einem kleinen Lächeln. »Aber vielleicht hast du recht. Du bist wahrscheinlich nicht die Idealbesetzung für solche Fragen. Da aber niemand anderer hier ist, muss ich mit dir vorliebnehmen. Meinst du also, dass ich John vertrauen sollte oder eher nicht?«

»Weiß nicht«, antwortete ich mit einem Seufzer. »Ich hab den Mann doch noch nicht mal zu Gesicht bekommen, Hel. Was sagt denn dein Bauch?«

Mein Bauch hatte mir damals geraten, kein Vertrauen zu Hugh zu haben. Zumindest anfänglich nicht. Und dieses Gefühl hatte sich bestätigt.

»Der Bauch meint, dass John wahrscheinlich die Wahrheit sagt«, antwortete Helen und lehnte sich mit einem Seufzer zurück.

»Und weshalb siehst du dann so geknickt aus?«, erkundigte ich mich. »Man könnte ja meinen, ein dunkles Geheimnis wär dir lieber.«

»Nein!« Helen schüttelte entschieden den Kopf. »Keinesfalls, nein.«

Ich betrachtete sie einen Moment prüfend und trank einen Schluck Kaffee. »Na gut. Was meinst du denn, was einen perfekten Ehepartner ausmacht?«

Helen runzelte die Stirn. »Mir ist die ganze Vorstellung von Ehe ein bisschen unheimlich«, sagte sie und schauderte.

»Also gut, dann nennen wir ihn eben ›den perfekten Freund‹«, sagte ich. »Wenn du den perfekten Partner entwerfen dürftest – wie würde der sein?«

»Weiß der Himmel.«

»Mach doch mal einen Versuch. Wenn du weißt, was du willst, kannst du vielleicht klarer erkennen, ob John der Richtige ist.«

Helen nickte nachdenklich. »Da mag was dran sein. Aber ich möchte noch mal klarstellen, dass ich grundsätzlich nicht an die Existenz von Perfektion glaube. Wenn es sie nämlich gäbe, würden wir nicht mehr danach streben, weil keiner von uns sie auch nur annähernd erreichen kann. Okay, nun lass mich überlegen. Auf jeden Fall müsste er natürlich total verliebt in mich sein«, sagte sie und dachte kurz nach. »Ja, vollkommen vernarrt in mich. Und er müsste umwerfend gut aussehen. Groß auf alle Fälle. Reich müsste er auch sein. Er würde einen Sportwagen fahren. Und vielleicht einen Privatjet haben. Wenn ich bei der Arbeit einen blöden Tag hatte, würde er mal eben mit mir nach Barbados fliegen. Ich müsste natürlich eigentlich gar nicht arbeiten … ja, wieso überhaupt? Er wäre ja stinkreich.«

Ich schüttelte entnervt den Kopf. »Das ist alles? Du willst einen Mann, der reich ist und gut aussieht und ein Flugzeug besitzt?«

»Und der verrückt nach mir ist«, rief Helen mir in Erinnerung. »Das ist das entscheidende Puzzlestück. Völlig verrückt nach mir.«

Ich lachte. »Das kann ich nachvollziehen.«

»Apropos verrückt«, sagte Helen und beugte sich unvermittelt vor, »hast du in letzter Zeit mal von Ivana gehört?«

Ivana war eine Freundin von uns. Eigentlich war sie mehr Helens Freundin, aber ich hatte sie während des Projekts Hochzeit genauer kennengelernt, als Ivana mich in der Kunst des Flirtens unterwies. Ivana war eine Art Stripteasetänzerin – wir wussten nicht genau, womit sie ihr Geld verdiente, und wollten es eigentlich auch lieber nicht wissen. Sie war Russin, auf ihre Art durchaus schön – wenn man üppige Frauen in Lederkleidung schön fand –, ausgesprochen dominant und mit Sean verheiratet, einem Mann aus Manchester, der sie vergötterte. Helen hatte Ivana vor einigen Jahren bei der Arbeit an einer Fernsehreportage über Stripclubs kennengelernt und war seither mit ihr befreundet.

Jüngst allerdings hatte sich einiges geändert.

»Nicht, seit …«, sagte ich zögernd.

»Das Baby auf der Welt ist?«, vollendete Helen meinen Satz amüsiert. »Weißt du, ich hab sie vor einer Woche besucht – und musste im Flur die Schuhe ausziehen.«

Ich starrte Helen verwirrt an. »Was?«

»Ivana sagte, ich dürfe keine Bazillen ins Haus schleppen.«

»Ivana? Das hat Ivana gesagt?«

Ich war bislang nur einmal in Ivanas Atelierwohnung in der Old Compton Street in Soho gewesen; damals hatte es nach allerlei Körpersäften und schwerem Parfum gerochen und nicht so ausgesehen, als ob die Räume jemals mit Putzmitteln in Berührung gekommen wären.

»Und Giorgio durfte ich auch nicht sehen. Er schlief, und sie meinte, er solle nicht in seinem Rhythmus gestört werden.«

»Giorgio?«

»Nach Giorgio Armani. Jedenfalls sieht der Kleine ihr wohl verblüffend ähnlich.«

Ich sah Helen an und kicherte. »Im Ernst?«

Helen kicherte auch, hielt dabei aber dezent die Hand vor den Mund. »Hat Sean jedenfalls behauptet.«

Ich nickte so ernsthaft wie möglich und versuchte dabei angestrengt, die Vorstellung eines Säuglings mit Lederwindelhose und dickem schwarzem Lidstrich aus meinem Kopf zu vertreiben. Aber es wollte mir nicht gelingen, und ich gluckste leise vor mich hin.

»Wir sollten sie mal zusammen besuchen«, äußerte Helen unvermittelt und beugte sich vor. »Diese Woche noch.«

»Gute Idee«, pflichtete ich ihr bei.

»Schön.« Helen lehnte sich wieder zurück. »Und meinst du nun, ich sollte John anrufen und die Überrumpelungstaktik fahren oder lieber abwarten, bis er sich meldet?«

»Ich würde mal ein, zwei Tage abwarten«, antwortete ich.

»Stimmt, gute Idee. Okay, ich lass dann jetzt locker und entspanne mich einfach. Versuche, gar nicht daran zu denken.«

»Genau«, sagte ich. »Meinst du, du kriegst das hin?« Helen nickte eifrig, dann schüttelte sie grinsend den Kopf. »Nie und nimmer. Aber ich will’s wenigstens mal versuchen.«

Kapitel 3

Am Montagmorgen ertappte ich mich dabei, wie ich Max eingehend betrachtete, als er rechts blinkte und auf den Parkplatz von Milton Advertising fuhr. Er sieht so toll aus, dachte ich. Er ist so ein wunderbarer Mensch, lieb und klug und witzig …

»Alles okay?«, fragte Max. »Du bist so schweigsam.« Ich nickte. »Ja, alles okay.«

Jemand, der so toll war, verdiente eine bessere Partnerin als mich. Eine Partnerin, die wirklich perfekt war.

»Jess?« Max schaute mich besorgt an.

Ich rief mich zur Ordnung und zwang mich zu einem Lächeln. »Es ist wirklich alles okay«, versicherte ich ihm.

»Ganz ehrlich.« Und eine Partnerin, die außerdem nicht ständig lügt, fügte ich in Gedanken noch hinzu.

»Na gut«, sagte Max und stieg aus dem Wagen. »Wenn du meinst.«

»Ja«, murmelte ich und folgte ihm mit hängenden Schultern. Hatte Helen recht? Sollte ich Max tatsächlich niemals von Hugh erzählen? Aber war ich Hugh dann nicht bis in alle Ewigkeit ausgeliefert? Und wenn dem so wäre – bedeutete das dann nicht, dass meine Ehe im Grunde eine verlogene Angelegenheit war?

Ich seufzte bedrückt. Es gab keinen Ausweg – jedenfalls keinen guten. Wenn nur … Ich runzelte die Stirn, als mir plötzlich ein Gedanke kam.

»Jess?« Ich schaute auf. Max blickte mich erwartungsvoll an.

»Entschuldige«, sagte ich. »Ich hab … nur gerade über was nachgedacht.«

»Das war nicht zu übersehen«, erwiderte Max mit hochgezogener Augenbraue. »Hör mal, erinnerst du dich noch an Chesters Idee, dieses Ethik-Audit?«

Ich nickte vage. »Ja. Und?«

»Das wird jetzt tatsächlich stattfinden. Und die gute Nachricht ist: Milton Advertising kommt als Erstes dran. Chester meinte, wir seien die erste Testreihe.«

Seinem Tonfall nach zu schließen, fand Max diese Nachricht alles andere als erfreulich.

»Aber er meinte doch, es sei eine gute Gelegenheit, unsere Stärken zu demonstrieren«, sagte ich.

Max seufzte. »Ja, aber in Wirklichkeit wird es uns endlos Zeit rauben, unsere Angestellten brüskieren und nur unnötig Energie verschleißen.«

»Dann sag das Chester doch«, schlug ich stirnrunzelnd vor. »Sag ihm, dass wir dieses Audit nicht machen wollen.«

Max blieb stehen. »Und das Risiko eingehen, ihn als Kunden zu verlieren?« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass Chester dein Stiefvater wird und dass er ein netter Typ ist, aber er ist auch ein mächtiger Manager, der gerne seinen Kopf durchsetzt. Als seine Werbeagentur – und noch dazu eine, die seine Aufträge in diesen schwierigen Zeiten zum Überleben braucht – können wir es uns nicht erlauben, ihn zu behindern oder ihm etwas abzuschlagen. Erinnerst du dich an die Redensart, dass der Kunde König ist?«

»Aber wir sind auch dazu da, ihn zu beraten«, wandte ich ein. »Wenn du das Ethik-Audit für eine schlechte Idee hältst, kannst du ihn doch entsprechend beraten.«

»Ich halte es ja nicht grundsätzlich für eine schlechte Idee«, erwiderte Max resigniert. »Der Ansatz ist durchaus überzeugend. Ich sehe nur einen Haufen Probleme auf uns zukommen, wenn wir uns darauf einlassen. Probleme, auf die wir gut verzichten könnten. Aber es ist nun mal sein Steckenpferd, und er ist der Kunde.«

»Aber heißt das wirklich, dass wir immer nach seiner Pfeife tanzen müssen?«, gab ich zu bedenken. Ich mochte Chester wirklich gerne, aber ich liebte Max, und es tat mir weh, dass er so bedrückt war.

»Bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage – ja«, antwortete Max tonlos. »Wir können es uns nicht leisten, Chester zu verlieren. Mehr gibt es zu dem Thema nicht zu sagen.«

Ich nickte nachdenklich. »Wenn du das Audit ablehnen möchtest«, sagte ich behutsam, »und wenn Chester daraufhin wirklich bei uns aussteigt, könnten wir uns mit meinem Geld auf jeden Fall eine Weile über Wasser halten. Ich meine, ich hab immer noch fast vier Millionen Pfund auf der Bank …«

»Nein«, erwiderte Max kategorisch – was ich nicht anders erwartet hatte. »Dein Geld gehört dir, Jess. Ich will keine Geldspritzen, sondern ein florierendes Unternehmen. Wir werden uns also mit diesem Auditor arrangieren, uns alle gut benehmen und die Daumen drücken, dass alles reibungslos abläuft. Okay? So, ich muss los. Ich hab noch einen Haufen Zeug zu erledigen, bevor dieser Typ auftaucht.«

Den Blackberry gezückt, marschierte er zu seinem Büro; ich wandte mich meinem Schreibtisch zu, wo mich Caroline schon erwartete und mir eifrig zuwinkte. Caroline war meine Assistentin. Oder eigentlich weit mehr als meine Assistentin: Als wegen Hugh und seiner Intrige alles verloren schien, hatte Caroline sich als Vertraute und Fels in der Brandung erwiesen. Darüber hinaus schien sie mit sämtlichen wichtigen Leuten in London bekannt zu sein, ob es nun nicht ganz so bekannte VIPs, berühmte Popstars oder sogar Angehörige der königlichen Familie waren. Doch im Moment gelang es nicht einmal ihr, meine Laune zu verbessern.

»Hallo, Caroline«, sagte ich düster. »Wie geht’s? Schönes Wochenende gehabt?«

»Oh mein Gott«, sagte sie, reichte mir einen Kaffee und wedelte mit der freien Hand in der Luft herum. »Du wirst niemals glauben, was grade passiert ist.«

Ich nahm den Kaffee dankbar in Empfang. »Ähm, Prinz William will mit dir ausgehen?«, bemühte ich mich um einen heiteren Tonfall.

Caroline runzelte verwirrt die Stirn. »Nein!«, rief sie aus. »Gott, das wäre ja schrecklich. Ich meine, Kate ist doch super. Warum sollte …« Dann merkte sie, dass ich mir einen Scherz erlaubt hatte, und lief dunkelrot an.

»Ach so. Das sollte ein Witz sein.«

Ich gluckste. »Na, komm schon, was ist denn nun?« Ihre Augen leuchteten wieder.

»Jemand hat für meine Chloe-Tasche geboten. Zweihundert Pfund! Und das ist das Eröffnungsgebot!«

»Deine was?«, fragte ich verständnislos.

»Meine Chloe-Tasche! Ich verkaufe sie bei eBay.«

»Ach so«, sagte ich, als der Groschen fiel. »Aber warum denn? Das ist doch eine zauberhafte Tasche. Ich meine, du magst die doch total gerne, oder nicht?«

Caroline nickte ernsthaft. »Ja, aber ich brauche sie nicht wirklich, oder?«

»Vermutlich nicht«, pflichtete ich ihr bei, schaltete meinen Computer an und klickte auf das Projektplanungs-Icon. »Ich vermute, das hat immer noch mit diesem Buch zu tun?«

Besagtes Buch war einige Wochen zuvor zum ersten Mal auf Carolines Schreibtisch aufgetaucht. Brauchst du das? von Jerome D. Rutter war ein Ratgeber, der laut Rückseitentext garantierte, dass jeder nach der Lektüre fähig wäre, sein Leben zu entrümpeln, sich von jeglichem Konsumzwang zu befreien, Liebe und Erfüllung zu finden und ganz allgemein unendlich viel glücklicher zu sein. Es war auf der Bestsellerliste gelandet, weil die Leute seit dem Bankencrash ihre Ausgaben und ihre Finanzlage überdenken müssten. Caroline allerdings sah das Werk noch in einem ganz anderen Licht. Sie hatte jedes Wort gelesen und am nächsten Tag verkündet, dieses Buch spräche etwas in ihrem tiefsten Inneren an und berühre sie sogar auf einer spirituellen Ebene. Ihr sei klar geworden, teilte sie mir bedeutungsvoll mit, dass ihr Leben zu vollgestopft sei und sie ohne radikale Veränderungen niemals imstande sein würde, zenmäßige Ruhe zu finden. Und sie nahm das Buch wirklich beim Wort. Jede Woche landete nun offenbar ein anderer Teil ihrer Garderobe – Schuhe, Tücher, Röcke, Hosen, Tops, Kleider, Mäntel, diverse Accessoires und Handtaschen – in großen schwarzen Säcken, die sie Secondhandshops für wohltätige Zwecke spendete. Freunden, die sie – laut Buch – als »giftige Beziehungen« klassifizierte, teilte Caroline in klaren Worten mit, dass sie vorläufig – und vielleicht auch dauerhaft – kein Interesse mehr am Kontakt mit ihnen hätte. Und all die armen Kerle, die Caroline unentwegt anriefen und mit ihr ausgehen wollten, bekamen ein höfliches, aber entschiedenes »Nein« zu hören.

»Man muss nämlich reinen Tisch machen, wenn man sich selbst finden will«, hatte Caroline mir ernsthaft erklärt.

»Natürlich hat das immer noch mit dem Buch zu tun«, sagte Caroline nun, offenbar verwundert über die Frage.

»Das ist nicht nur eine Laune von mir, Jess. Es geht hier um eine Lebensform. Du solltest es echt mal ausprobieren.«

Ich lächelte. »Dieses Buch ist doch eine einzige Ansammlung von Plattitüden.«

»Oh nein«, seufzte Caroline. »Es ist ungemein weise. Du kannst das nur nicht erkennen, weil dein Leben bereits vollständig ist. Du musst nirgendwo entrümpeln.«

»Entrümpeln? Wer entrümpelt?« Ich wandte mich rasch um und erblickte Anthony im Anmarsch. Anthony, den ich um ein Haar geheiratet hätte. Anthony, der Max die Agentur übergeben hatte, um durch die Welt zu jetten, und der dann als Bittsteller wieder aufgetaucht war, nachdem er sein Geld verpulvert hatte. Er hatte Max überredet, ihm sein altes Büro wiederzugeben, aber soweit ich mitbekam, rührte Anthony hier keinen Finger.

»Du entledigst dich doch wohl nicht des armen Maxy, oder, Jess?«, fragte er grinsend.

Ich verengte die Augen. »Wenn ich entrümpeln würde, wäre Max gewiss nicht davon betroffen, Anthony«, sagte ich ruhig. »Du dagegen …«

»Ah, touché.« Anthony zwinkerte Caroline zu. »Entschuldige das Geplänkel, Caro. Jess ist einfach nie über die Sache mit mir hinweggekommen.«

»Soweit ich mich entsinnen kann, Anthony, war ich nie …«

»Von mir flachgelegt worden?« Anthonys Grinsen geriet noch breiter, und ich lief dunkelrot an.

»In dich verliebt«, vollendete ich den Satz, um Fassung bemüht. »Oder überhaupt jemals wirklich an dir interessiert.«

»Das verletzt mich zutiefst«, erwiderte Anthony mit gespielter Betroffenheit und wandte sich dann erneut Caroline zu.

»Und, was machst du grade so, Caro? Ah, du bist bei eBay. Versuchst sicher, an deren Ausschreibung teilzunehmen, wie? Ich wusste selbst gar nicht, dass da eine läuft. Du musst ja tolle Quellen haben.«

Caroline schaute ihn beunruhigt an. »Nein, ich meine … Ich verkaufe grade was. Und, ganz ehrlich, ich hab aber nur kurz reingeschaut. Also, nicht dass du denkst, ich hätte auf Kosten der Agentur … Ich meine, ich …«

»Lass sie zufrieden«, sagte ich streng zu Anthony. »Caroline kann bei eBay reinschauen, wann immer sie Lust dazu hat.«

»Aber sicher doch«, erwiderte Anthony und legte ihr väterlich den Arm um die Schultern. »Ich hab ja nur Spaß gemacht.«

Ich verdrehte die Augen. Für Anthonys Albereien hatte ich jetzt beim besten Willen keine Zeit. Im Auto war mir nämlich eine Idee gekommen. Eine Idee, die mich und meine Ehe vielleicht retten konnte. Nun wollte ich nur noch eines: in Ruhe darüber nachdenken. Unerquicklicherweise machte Anthony aber keinerlei Anstalten zu verschwinden. »Anthony, hast du irgendein konkretes Anliegen, oder lungerst du nur hier herum, weil du nichts Besseres zu tun hast?«, fragte ich gereizt.

Anthony zog die Augenbrauen hoch. »Du meine Güte, kann ich mich nicht mal mit zwei Kolleginnen unterhalten, ohne dass mir Zeitdiebstahl vorgeworfen wird?«, fragte er und schüttelte betrübt den Kopf.

Ich öffnete mein Projektplanungsprogramm und merkte, dass mein Herz höherschlug. Diesmal nicht aus Angst, sondern aus freudiger Aufregung.

Projekt Perfekte Ehefrau.

Ich konnte gar nicht fassen, dass ich diesen Einfall nicht schon früher gehabt hatte. Max hielt mich zwar für perfekt, ich dagegen wusste, dass es sich anders verhielt. Dass ich alles andere als perfekt war. Und deshalb würde ich mich nun perfekt machen. Ich würde kochen lernen, in Suppenküchen arbeiten, der umsichtigste, fürsorglichste, hingebungsvollste Mensch der ganzen Welt werden. Und wenn es mir tatsächlich gelänge, in all diesen Bereichen perfekt zu sein, dann würde dieser abscheuliche Vorfall mit Hugh angesichts so viel Perfektion vielleicht gar nicht mehr ins Gewicht fallen. Der wäre dann lediglich so etwas wie ein Gifttropfen in einem ganzen See voll klaren Wassers, er würde sich auflösen und einfach nicht mehr wahrnehmbar sein. Sollte ich Max dann doch davon erzählen, wäre Hugh für ihn auch nicht mehr von Bedeutung.

Je länger ich darüber nachdachte, desto überzeugter war ich, dass dies der richtige Weg war. Das war ich Max und uns beiden als Paar schuldig. Und ich kannte mich schließlich aus mit Selbstverbesserungsprojekten; ich hatte schon einmal daran gearbeitet, mich neu zu erfinden. Zu dem Zeitpunkt, als ich glaubte, meine einzige Zukunftsoption sei, Anthony Milton zu heiraten, war ich eine höchst ungeeignete Kandidatin für diesen Plan gewesen: eine unscheinbare Person, die nur ihre Arbeit im Kopf und ebenso wenig Erfahrung mit Männern wie Interesse an ihnen hatte. Helen und Ivana hatten mich dann zu einer ziemlich heißen Maus zurechtgebastelt, die schicke Sachen trug, eine angesagte Frisur hatte und die vor allem flirten konnte. Der Einzige, den meine Verwandlung völlig unberührt gelassen hatte, war Max gewesen, und das war einer der Gründe, warum ich ihn so liebte: Er mochte mich nämlich schon vor meiner wundersamen Wandlung und nicht, weil ich irgendwelchen Zinnober mit meinen Haaren veranstaltete. Aber darum ging es jetzt nicht. Jetzt war der Gedanke entscheidend, dass ich mich damals binnen drei Tagen von einer unscheinbaren Graumaus in einen scharfen Vamp verwandelt hatte. Auf demselben Wege sollte es doch auch möglich sein, mich zur perfekten Ehefrau zu verwandeln, kombinierte ich. Eigentlich müsste das sogar noch einfacher sein, da ich es ja selbst wollte. Diesmal würde ich diesen Prozess für den Menschen durchlaufen, den ich so sehr liebte wie nichts anderes auf der ganzen weiten Welt.

»Du weißt aber schon, Jess«, bemerkte Anthony und spähte auf meinen Bildschirm, »dass der Aufbau von tragfähigen Beziehungen ebenso wichtig für die kreative Arbeitsatmosphäre ist wie Projektplaner?«

»An Projektplanern ist nichts auszusetzen«, erwiderte ich und drehte meinen Bildschirm so, dass er nicht mehr draufschauen konnte. »Die sind eine gute Organisationshilfe.«

»Hast du auch was übrig für Projektplaner, Caro?«, fragte Anthony und beugte sich über Caro wie eine Boa Constrictor, die ihre Beute in Augenschein nahm.

»Ja, ich …«, begann Caroline, aber Anthony hörte ihr gar nicht erst zu.

»Ich versteh diese Programme ja nicht«, verkündete er, »aber wenn man wirklich kreativ ist, empfindet man Projektplaner nur als Einengung. Ich würde sogar behaupten, dass sie die schöpferische Freiheit beschränken.«

Ich zählte innerlich bis zehn. »Kreative Menschen benutzen sie auch«, äußerte ich dann knapp.

»Ach ja?«, sagte Anthony und betrachtete mich mit unschuldigem Blick. »Gehe ich recht in der Annahme, dass du gerade von dir selbst sprichst? Du hältst dich also für kreativ? Ganz im Ernst?«

»Jess ist ausgesprochen kreativ«, sagte Caroline wie aus der Pistole geschossen.

»So kann man es auch nennen«, erwiderte Anthony mit heuchlerischer Sanftmut.

Ich starrte ihn ungehalten an. »Anthony, hast du irgendein konkretes Anliegen? Falls nicht, würde ich es begrüßen, wenn du dich verziehst.«

Er lachte. »Doch, hab ich tatsächlich. Ist dir irgendwas von einem Ethik-Audit zu Ohren gekommen? Max hat vorhin was davon geschwafelt, und ich muss zugeben, dass ich nicht richtig zugehört habe – du weißt ja, wie er ist, wenn er erst mal in Fahrt kommt …«

Ich blickte Anthony mit steinerner Miene an.

»Na ja, vielleicht weißt du’s auch nicht«, fuhr er fort und grinste. »Jedenfalls hab ich nicht alles mitbekommen und hoffe, dass du mir das erklären kannst. Er will zwar noch eine Sitzung zu diesem Thema einberufen, aber ich kann es wirklich nicht ertragen, mir das alles noch mal anzuhören.«

»Solltest du aber«, erwiderte ich und wandte mich erneut meinem Computer zu, genervt durch die Erwähnung des Audits. »Du könntest nämlich Stress damit kriegen. Chester will seine Bank als perfektes Unternehmen voller perfekter Mitarbeiter vermarkten. Die Partnerunternehmen wie uns eingeschlossen. Bei uns soll hausintern also auch ein Audit stattfinden. Er möchte sicherstellen, dass jeder, der für ihn arbeitet, eine blütenweiße Weste hat. Mit anderen Worten: dass jeder Mitarbeiter hundertprozentig vertrauenswürdig ist.« Ich schaute ihn bedeutungsvoll an und sagte mir dabei, dass der Auditor wohl weniger an Küssen in Bars als an wichtigen Dingen wie Betrug und Unterschlagung interessiert sein würde. Abgesehen davon, hielt ich Anthony für noch viel schlimmer als mich. Der wusste ja nicht mal, was »ethisch« bedeutete. »An deiner Stelle würde ich mich nach einer anderen Agentur zum Rumfaulenzen umschauen«, giftete ich. »Es geht bei dieser Sache nämlich darum, makellose Unternehmen zu präsentieren.«

»Makellos?« Anthony zog eine Augenbraue hoch. »Das klingt entsetzlich öde.«

»Ich finde, es klingt total eindrucksvoll«, warf Caroline mit großen Augen ein. »Jerome D. Rutter hält Vertrauen für das Fundament von allem. Er meint, wenn man sich auf die elementaren Werte besinnt, merkt man, wem man vertrauen kann und wem nicht.«

»Da hörst du’s«, sagte ich.

»Um mich müsst ihr euch keine Sorgen machen«, verkündete Anthony mit funkelnden Augen und richtete sich auf. »Es wird sich vermutlich um einen Fragebogen handeln. In Fragebögen bin ich Spitze. Wenn ich meinen fertig habe, werden sie mich für den Nobelpreis nominieren. Oder mir zumindest eine Belobigung aussprechen.«

»Sicher doch«, erwiderte ich und verdrehte die Augen. Anthonys Selbstbewusstsein war erschütternd.

Er zwinkerte mir zu. »Wart’s nur ab«, sagte er noch über die Schulter, bevor er zu seinem Büro zurückspazierte.

»Stimmt das wirklich, dass die Kunden Anthony mögen?«, fragte Caroline, sobald er außer Hörweite war.

Ich zuckte mit den Achseln. Max behauptete das immer. Und da war auch tatsächlich etwas dran: Anthony konnte mit seinem Charme noch den erbittertsten Zyniker davon überzeugen, Milton Advertising einen Auftrag zu geben. Dennoch brachte der Mann mich regelmäßig auf die Palme. »Na ja, sagen wir es mal so: Er wird im Grunde fürs Flirten bezahlt«, sagte ich mit einem Seufzer. »Während die anderen die Arbeit erledigen dürfen.«

Ich wandte mich wieder meinem Computer zu. Endlich Ruhe. Nun an die Arbeit.

»Schatz?«

Ich runzelte die Stirn. Das war doch die Stimme …

»Schatz! Du solltest nicht so krumm sitzen vor deinem Computer.«

»Mam?«, sagte ich ungläubig. »Was machst du denn hier? Ich muss arbeiten. Und du solltest doch in Wiltshire sein.«

Meine Mutter wohnte in dem Haus in Wiltshire, das Grace mir vermacht hatte. Chester hatte sie schon mehrmals gefragt, ob sie nicht bei ihm einziehen wolle, doch sie hatte jedes Mal abgelehnt mit der Begründung, »ihre eigenen Räume« zu brauchen, wobei ihr nicht aufzufallen schien, dass diese Räume ihr gar nicht gehörten. Was mir aber nichts ausmachte; auf diese Art und Weise wurde mein hübsches Haus wenigstens genutzt.

»Ich mache mich jetzt dran, die Geschenkeliste zusammenzustellen«, antwortete meine Mutter. »Eigentlich sollte Chester mich ja begleiten, aber er muss natürlich wieder arbeiten. Wenn ihm das Tafelservice dann nicht gefällt, kann ich es auch nicht ändern. Dann muss er eben damit leben.«

»Wissen Sie«, äußerte Caroline und beugte sich vor,

»Jerome D. Rutter sagt, dass Geschenkelisten eine ganz negative Energie haben. Weil man nämlich meint, dann alle Hochzeitsgeschenke behalten zu müssen, obwohl man möglicherweise irgendwann seinen Lebensstil und Geschmack ändert. Er ist der Ansicht, dass man die Leute stattdessen lieber bitten soll, für wohltätige Zwecke zu spenden. Auf diese Art tut man der Welt etwas Gutes und belastet sich selbst nicht.«

Meine Mutter schaute Caroline an und lächelte pikiert.

»Nun, Jerome D. Rutter hat gewiss das Tafelservice von Royal Doulton nicht gesehen, das ich ins Auge gefasst habe«, erwiderte sie.

»Hör mal, Mam, ich habe hier zu tun. Wolltest du irgendwas Bestimmtes?«

Meine Mutter runzelte die Stirn. »Weißt du, ich bin eigens von Wiltshire hierhergefahren. Ich erwarte ja keine Willkommensparty. Aber anständige Manieren schon, Schatz.«

»Entschuldige«, sagte ich beschämt. »Es ist eben einfach Montagmorgen. Du weißt schon. Möchtest du einen Tee?«

»Tee wäre schön, danke, Schatz«, antwortete Mam etwas besänftigt. »Mit einem Stück Zucker, wenn es nicht zu viel Mühe macht.«

»Ich übernehm das gerne«, erbot sich Caroline sofort, aber ich winkte ab; ich wollte ein paar Minuten für mich alleine, um mich mit meiner Idee zu befassen, bevor ich vor lauter Gerede keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Max glaubt an Perfektion, dachte ich, als ich in die kleine Büroküche wanderte und mich nach einem halbwegs sauberen Becher umsah. Er hielt mich für die perfekte Frau und Gattin. Ich dagegen wusste, dass ich das nicht war. Es gab hier also eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Wäre die naheliegende Lösung also nicht, diese Lücke zu schließen? So weit wie möglich wenigstens, wenn es vielleicht auch nicht vollständig gelingen würde?

Ich nahm einen Teebeutel aus der Packung und schaltete den Wasserkessel ein. Und wenn es Perfektion nun gar nicht gab? Dann schadete es dennoch nicht, sich ein hohes Ziel zu stecken. So wie Chester mit seinem Audit. Er wollte sein Unternehmen als das Ideal etablieren, an dem sich alle anderen messen mussten; weshalb sollte ich mir dann nicht auch vornehmen, die perfekte Ehefrau sein zu wollen?

Als der Tee fertig war, kehrte ich zu meinem Schreibtisch zurück und reichte meiner Mutter den Becher. Sie hatte sich neben Caroline niedergelassen und starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm. »Und da kann man Sachen einfach so kaufen?«

Caroline nickte. »Man gibt ein Gebot ab. Es ist eine Auktion.«

Sie lächelte mir zu. »Deine Mutter interessiert sich für eBay«, erklärte sie.

»Das ist ja fantastisch«, sagte Mam. »Ich hatte schon davon gehört, aber es noch nie … Was gibt es denn da noch im Internet? Chester hat mir nämlich einen Computer gekauft, weil er meint, es würde mir bei den Hochzeitsvorbereitungen helfen. Was ist das mit diesen Netzwerken? Im Computer sind doch alle miteinander vernetzt, oder?«

Ich musste lachen. »Du hörst dich echt an wie ein Dino, Mam. Warst du wirklich noch nie bei eBay?«

Mam blickte mich streng an. »Wenn dieser Meteorit nicht auf die Erde gestürzt wäre, gäbe es die Dinosaurier immer noch«, sagte sie. »Und außerdem habe ich noch nie einen Computer besessen. Aber jetzt habe ich Verbindung zum World Wide Web. Also erklären Sie mir doch mal, Caroline: Wie vernetze ich mich denn nun?«

Caroline schaute mich ratlos an. »Ich weiß nicht. Ähm, Facebook vielleicht?«

»Facebook?« Mam schaute sie fragend an. »Gibt es da Gesichter zu sehen?«

»In gewisser Weise, ja«, antwortete Caroline. »Schauen Sie, ich zeige es Ihnen.«

»Bist du deshalb hier?«, fragte ich. »Wegen des Internets?«

»Ja, Schatz«, sagte meine Mutter leichthin. »Aber lass dich nicht bei deiner Arbeit stören. Caroline und ich machen das schon. Nicht wahr, Caroline?«

Caroline lächelte liebreizend. Ich verdrehte die Augen und wandte mich meinem Computer zu.

 

PROJEKT PERFEKTE EHEFRAU

Ziel: die perfekte Ehefrau werden

Einzelschritte

Ich runzelte die Stirn und versuchte, mich zu erinnern, was Max, Chester, Mam und Helen zu dem Thema geäußert hatten.

1. Ehrlich sein

Mir wurde etwas mulmig beim Gedanken an Hugh. So ehrlich wie möglich sein, korrigierte ich.

2. Lernen, hervorragend zu kochen. Jeden Tag. An einigen Abenden. Gelegentlich eine richtig schöne Mahlzeit zubereiten.

Max hatte zwar gesagt, es mache ihm nichts aus, dass ich nicht kochen konnte, aber schließlich freute sich doch jeder Mann, wenn seine Frau sich ins Zeug legte und etwas Leckeres auftischte. Nein, ich würde auf jeden Fall kochen lernen, und zwar in Kürze. Max würde sich umschauen. Ich überlegte. Was noch? Dann fiel mir Chesters Äußerung wieder ein.

3. Dafür sorgen, dass Max immer gereinigte Hemden hat.

Ich runzelte die Stirn. Mussten Hemden gereinigt werden? Das kam mir irgendwie komisch vor. Oder vielmehr schön gewaschene und gebügelte Hemden.

4. Bügeln lernen.

Ich las die Liste noch einmal durch und seufzte. Erbärmlich! Kochen und Bügeln? Wollte ich die perfekte Ehefrau werden oder Haushälterin? Ich wollte die Punkte schon wieder löschen, überlegte es mir aber dann anders. Diese Fähigkeiten waren ja als solche nicht schlecht; sie reichten nur nicht aus. Ich dachte darüber nach, was ich an Max so liebte, und wodurch er mich so glücklich machte. Warum er mir das Gefühl gab, jemand ganz Besonderes zu sein. Dann schrieb ich weiter.

5. Max immer gut zuhören; heraushören, was er wirklich sagt, und nicht, was ich mir einbilde oder – schlimmer noch – was ich gerne hören würde.

6. Ganz allgemein ein besserer Mensch sein. Etwas für meine Mitmenschen tun. Vielleicht in der Suppenküche arbeiten?

7. Dafür sorgen, dass Max es gut hat. Nicht mit jedem Problem zu ihm rennen und erwarten, dass er es für mich löst.

8. Ihm jeden Tag kleine Komplimente machen, damit er sich geliebt fühlt.

9. Fürsorglich und hilfreich sein. Immer und bedingungslos. Ihm in jeder Lage zur Seite stehen.

10. ???

»Jess? Jess, was machst du denn?« Ich schaute auf und errötete, als ich Max mit erstaunter Miene auf mich zukommen sah. »Hast du meine E-Mail nicht bekommen? Oh, hallo, Esther. Ich wusste gar nicht, dass du heute vorbeikommen wolltest.«

»Nur eine kurze Stippvisite«, sagte Mam und stand auf.

»Und ich muss jetzt auch los. Ich hab noch einen Termin bei Harrods. War aber sehr schön, dich zu sehen. Und, Caroline: Vielen Dank. Heute Abend werd ich selbst mal zu Facebook gehen. Und dann ruf ich deine Seite auf, ja?«

»Unbedingt.« Caroline strahlte, während ich mit schlechtem Gewissen meinen Projektplaner zumachte. Und tatsächlich, als ich meine E-Mail-Eingänge anschaute, entdeckte ich drei neue Mails von Max.

»Der Partner von dem Audit-Unternehmen ist hier«, erklärte Max. »Er will uns ein Briefing geben.«

»Oh, prima!« Ich stand hastig auf und schaffte es dabei, den Rest meines inzwischen vergessenen Kaffees auf meinem Schreibtisch zu verteilen. Caroline kam sofort angelaufen und tupfte die Lache mit Taschentüchern auf.

»Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist, Jess?«, fragte Max. »Irgendwie bist du heute so merkwürdig.«

»Ich? Nein, alles in Ordnung. Mir geht’s bestens«, verkündete ich so schwungvoll wie möglich. »Dann schauen wir uns doch die Audit-Leute mal an.«

»Ja«, sagte Max in zweifelndem Tonfall. »Schauen wir sie uns mal an.«

Der Mann vom Audit-Unternehmen wartete in Max’ Büro und lächelte freundlich, als wir hereinkamen.

»Ich heiße Joshua«, sagte er. »Hoffentlich halte ich Sie jetzt nicht von wichtigen Sachen ab.«

Ich lächelte strahlend. »Nein, nein, gar nicht.«

»Prima. Na, wie ich schon zu Max sagte: Das hier ist nur eine Formalität, ein kurzes Gespräch, um den Vorgang zu erklären.«

»Ja«, sagte Max förmlich. »Natürlich. Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie sich die Zeit dafür nehmen. Also …«

»Also«, wiederholte Joshua und brachte einen Hefter zum Vorschein, »hier ist alles drin, was Sie brauchen. Der Knabe, der das Audit machen wird, heißt Eric. Eric Sandler. Ab Dienstag wird er eine Woche hier sein. Er braucht vielleicht Unterstützung beim Erstellen seines Terminplans für die Einzelgespräche, und er wird Einsicht in Akten haben wollen, aber ansonsten werden Sie kaum merken, dass er hier ist.«

»Einzelgespräche«, sagte ich ernst. »Wird er … mit jedem von uns so ein Gespräch führen?«

Joshua lächelte aufmunternd. »Wahrscheinlich nicht. Er sucht sich vermutlich nur nach dem Zufallsprinzip ein paar Namen von der Personalliste aus. Und er wird seine eigenen Nachforschungen betreiben. Jeder Auditor hat seinen eigenen Stil, wobei Eric einer unserer gewissenhaftesten ist. Chester will ja, dass alles genau unter die Lupe genommen wird.«

»Gewissenhaft«, wiederholte ich, um einen erfreuten Tonfall bemüht. »Das ist ja sehr gut. Nicht wahr, Max?« Max blickte mich zweifelnd an. »Unbedingt. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Vorgespräch genommen haben.«

»Keine Ursache. Hier sind die umfassenden Informationen. Und hier ist meine Karte – wenn es Fragen gibt, rufen Sie mich einfach an. Aber Sie müssen sich wirklich keinen Kopf machen – grundsätzlich wollen wir ja mit Ihnen zusammenarbeiten, alles beleuchten, was wir für wichtig halten, und dann Chester Bericht erstatten.«

Ich nickte. »Klingt toll«, sagte ich matt. »Ich bin sicher, alle werden, na ja, ganz aufgeregt sein.«

»Hoffen wir’s«, erwiderte Josh. »Manche Leute werden bei Audits ziemlich komisch. Die denken dann, wir wollen sie bei irgendwas ertappen.«

»Ich glaube nicht, dass hier irgendwer bei etwas ertappt werden kann«, sagte Max fest. »Ich kenne mein Team – wir arbeiten hart und haben einen guten Zusammenhalt. Ich muss mir noch was einfallen lassen, wie ich ihnen die Sache verkaufe, aber ich bin mir sicher, dass wir mit Glanz und Gloria abschneiden werden.«

»Das höre ich gern«, sagte Josh. »Ich will Sie jetzt auch nicht länger aufhalten. War schön, Sie beide kennenzulernen, und ich freue mich auf den Audit-Bericht!«

»Ebenso«, erwiderte Max und schüttelte Josh die Hand, bevor er ihn zur Tür geleitete. »Und vielen Dank noch mal.«

»Ja, besten Dank«, äußerte ich unbehaglich und rief mir in Erinnerung, dass ich das Atmen nicht vergessen sollte. Alles würde gut gehen. Außerdem hatte ich ja ein Vorhaben. Projekt Perfekte Ehefrau. Schon komplett durchgeplant. Jetzt musste ich nur noch eine Suppenküche suchen. Und kochen lernen. Am besten natürlich Suppe. Und fürsorglich sein. Und bügeln lernen. Und …