Leseprobe Engel, Punsch und Weihnachtsküsse

9

Montag, neunter Dezember

„Ah, da ist ja unser Engelchen endlich!“ Tamara Schöne prostet Miriam von Weitem zu, als sie durch den schweren Vorhang ins Metropolis schlüpft. Um diese Zeit einen Parkplatz in der Neustadt, dem lebhaften, quirligen Dresdner Kneipenviertel zu finden, ist fast so wahrscheinlich wie Schnee im Sommer. Sie hat das Auto zu Hause stehen lassen und die Straßenbahn genommen.

Miriam schüttelt die Schneeflocken aus ihren Haaren, hängt ihren Mantel auf und setzt die beschlagene Brille ab. „Puh, bei dem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. Ich sehe aus wie ein begossener Pudel.“

„Besser spät als nie“, kommentiert Verena trocken.

Miriam lässt sich neben ihr auf das pompöse, rote Samtsofa fallen. Aus den Lautsprechern swingt Michael Bublé White Christmas. Miriam lehnt sich behaglich zurück.
„Ich komme gerade von einem Termin mit diesem neuen Krimiautor, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass ich über sein neues Buch berichte.“

„Ach, ein mörderisches Date mit einem Krimiautor, wie aufregend“, säuselt Tamara.

Miriam lacht und rollt mit den Augen. „Kein Date, Tamara. Nur ein Termin, und ich lebe noch“, sagt sie, während sie ihre Brille mit dem Ärmel ihrer Strickjacke putzt.

Tamara ist Feuer und Flamme. „Und? Wirst du ihm seinen sehnlichsten Wunsch erfüllen?“, haucht sie und schaut Miriam dabei tief in die Augen. Jasmin und Verena lachen sich schlapp.

„Das entscheide ich, wenn ich das Buch gelesen habe“, antwortet Miriam grinsend.

Jasmin wiegt sich verträumt zu dem White-Christmas-Song. Miriam hat immer noch ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. „Tut mir leid, Jasmin. Ich war dir keine gute Vertretung zur Weihnachtsmarkteröffnung. Du hättest das viel besser hinbekommen“, sagt sie zerknirscht. Jasmin winkt ab. „Kein Thema. Obwohl mich ja schon interessieren würde, was dich so aus der Spur gebracht hat. Erzähl mal!“

„Da gibt es nichts zu erzählen“, sagt sie, doch es klingt nicht überzeugend.

„Das würde uns tatsächlich brennend interessieren“, meint Tamara mit verschränkten Armen und forscht prüfend in ihrem Gesicht. „Du machst dich ganz schön rar in letzter Zeit.“

Miriam setzt ein fröhliches Gesicht auf. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Davon lässt sich Tamara nicht abspeisen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass die vierzigjährige Blondine eine Frau ist, die sich niemals abspeisen lässt. „Ach, komm schon. Wo ist die alte Miriam? Du bist überhaupt nicht wiederzuerkennen. Ziehst seit Tagen ein Gesicht wie ein verschmorter Gänsebraten und verschmähst letzten Freitag sogar den Glühweinbummel mit den Kollegen auf dem Striezelmarkt.“ Striezelmarkt. Peng! Da war es wieder.

Der Kellner, ein junges Bürschchen mit stylischer Wuschelfrisur und Hufeisenbart, kommt ihr unbewusst zu Hilfe, als er an den Tisch tritt und die Bestellung aufnimmt. Miriam atmet innerlich auf.

Mit dem bordeauxroten Teppich, den dunklen Tischen und der in Gold und Schwarz gehaltenen Bar in der Mitte, über der ein glanzvoller Kronleuchter prangt, erinnert das Metropolis an ein stilvolles Tanzlokal der Zwanzigerjahre.

„Wie immer: Burlesque für alle“, ordert die schöne Tamara. Miriam hofft, dass die Kolleginnen das Thema fallenlassen.

Tamaras knallrot geschminkte Lippen umspielt ein zufriedenes Lächeln, als sich der Blick des Kellners kurz in ihr üppiges Dekolleté verirrt, bevor der Mann hinter der Bar verschwindet. Fast wie Pearl, wenn sie meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit genießt, denkt Miriam grinsend. Jasmin hüstelt demonstrativ und raunt hinter vorgehaltener Hand: „Du kannst es nicht lassen, oder, Tamara? Also, ich will ja nicht indiskret sein, aber, ähm … er könnte dein Sohn sein!“ Jasmin Breuer, in der Redaktion verantwortlich für den Bereich FAMILIE UND FREIZEIT, ist eine hoffnungslose Romantikerin. Die Zweiunddreißigjährige wirkt mit ihrer zierlichen Figur, den verspielten Locken und ihrer Vorliebe für pastellfarbene Blusen und Kleider eher wie Mitte zwanzig.

„Wir sind schon ein ulkiger Haufen“, stellt Miriam schmunzelnd fest. Vier grundverschiedene Frauen, die sich trotzdem blendend verstehen. Im Gegensatz zu Tamaras offenherzigem Stil und der romantischen Verspieltheit von Jasmin mag es Miriam sportlich-elegant. Sie schminkt sich eher dezent und fühlt sich in Jeans und schicken Blazern wohl. Feixend nimmt Verena die schöne Tamara in Schutz. „Sie kann doch nichts dafür, dass sie auf junges, zartes Fleisch steht.“

Miriam kennt keine andere Frau, die wandlungsfähiger ist als Verena aus dem GASTRONOMIE-Ressort. Tagsüber nimmt sie seriös gekleidet in Streifenbluse und Bleistiftrock Dresdner Restaurants und Kneipen für ELBFLAIR kritisch unter die Lupe. Nach Feierabend streift sie diese Sachen ab wie einen Kokon. Dann löst sie den straffen, glatten Zopf, schüttelt die schwarzen Haare zu einer wilden Mähne und zum Vorschein kommt ihr wahrer Look. Manche nennen sie Rockerin, andere Heavy-Metal-Biest. Verena selbst sieht sich als nichts davon und lächelt nur müde über die Tatsache, dass so viele Menschen unbedingt alles und jeden in Schubladen stecken müssen, am besten noch säuberlich beschriftet, in ihrem Fall mit Achtung: bissiges Rockerbiest!

Miriam nippt an ihrem zuckerumrandeten Glas. Eine fruchtig-herbe Mischung aus Limette und Erdbeere vereinigt mit Wodka, Prosecco und was auch immer – das Stammgetränk der vier Frauen. Sie genießt die wohlige Wärme in dem Lokal, streckt die Beine unter dem Tisch aus und lehnt sich zurück.

Später laufen die Gespräche auf ein unvermeidliches Ereignis hinaus: Weihnachten. Dazu kann sie nicht viel beitragen. Sie wird immer stiller. Jasmin hat das Fest der Liebe bis ins kleinste Detail geplant und plappert voller Vorfreude: „Es wird perfekt! Meine Eltern kommen schon am Nachmittag. Wir gehen gemeinsam in die Kirche, danach kommen meine Schwiegereltern und Daniels Schwester mit Familie. Mein Schwiegervater macht den Weihnachtsmann für die Kinder und mein Schwager spielt am Klavier. Hach, ich liebe Heiligabend!“ Sie klatscht in die Hände. Miriam würde sich am liebsten die Ohren zuhalten.

Tamara leckt über den Zuckerrand ihres Glases und haucht lasziv: „Ich auch, aber nur, wenn der Weihnachtsmann bei meiner Bescherung die Hüllen fallen lässt.“ Jasmin starrt sie entgeistert an und Verena haut sich lachend auf die Schenkel. Miriam wird immer unwohler. Sie betrachtet das Adventsgesteck auf dem Tisch und berührt mit dem Zeigefinger die Spitzen der Tannennadeln.

„Wir fliegen diesmal wahrscheinlich spontan irgendwohin, wo nichts als Sonne ist“, fährt Verena fort, als sie sich von ihrem Lachanfall beruhigt hat. „Dann ersparen wir uns die spießige Feier mit meinen Schwiegereltern. Die darf gern ohne mich stattfinden. Und du?“ Ihre Frage geht an Miriam.

„Ich? Nun, ich werde mich in meiner Wohnung verschanzen, mich aufs Sofa kuscheln und drei Tage lang von Pizza, Rotwein und Schokolade ernähren und mir dabei Netflix-Serien in Dauerschleife reinziehen. Weihnachtsfreie Serien wohlgemerkt!“ Die anderen starren sie ungläubig an.

„Das tust du nicht“, kommentiert Tamara, die Miriams Aussage für einen schlechten Scherz hält.

Miriam, die die Angelegenheit lieber nicht vertiefen will, möchte sich am liebsten unter einem fadenscheinigen Grund verabschieden. Aber das würde komisch aussehen und die anderen nur noch mehr anstacheln.

„Weihnachten bedeutet mir eben nichts. Ist schließlich kein Verbrechen“, versucht sie zu erklären. Sie überlegt, wie sie das Thema wechseln kann.

„Das nicht“, meint Jasmin, „und nach der Trennung von Philipp im letzten Jahr hattest du vielleicht noch einen einigermaßen plausiblen Grund, Weihnachten zu boykottieren, aber diesmal? Willst du das etwa bis an dein Lebensende durchziehen?“

Miriam zuckt die Schultern. Die vier Frauen kennen sich zwar ganz gut, aber so gut nun auch wieder nicht, dass eine von ihnen über Miriams wahre Beweggründe Bescheid wüsste. Außerdem hatte sie bis letzte Woche nicht das kleinste Problem damit. Ihre Weihnachtsignoranz war nie ein Thema gewesen.

„Hast du nicht sogar an Heiligabend Geburtstag?“, fragt Verena, während sie an ihrer Limettenscheibe schlürft.

„Ja, hab ich. Und jetzt lasst es gut sein, okay?“

Miriams Gesicht wird undurchdringlich, was Jasmin, Tamara und Verena zu noch mehr Spekulationen anspornt.

„Vielleicht hat der Weihnachtsmann die kleine Miriam früher in den Geschenkesack gesteckt, weil sie nicht artig war, ohne zu ahnen, dass das zu einem lebenslangen Weihnachtsmanntrauma führt“, vermutet Jasmin kichernd. Miriam wünschte, ihre lieben Kolleginnen würden endlich aufhören. Aber kann sie es ihnen verübeln? Es ist schon ungewöhnlich, wenn jemand Weihnachten derart ablehnt wie sie, das kann selbst sie nicht abstreiten. Ihre Kolleginnen stecken die Köpfe zusammen und sehen aus, als versuchten sie der Story des Jahres auf den Grund zu gehen. Sie sind wie im Rausch, Miriams Unbehagen entgeht ihnen komplett. Egal, einfach ignorieren. Das kannst du doch gut.

Verena meint augenzwinkernd: „Nein, ich glaube eher an eine Überdosis aus Lebkuchen, Glühwein und gebrannten Mandeln auf dem Striezelmarkt. Lebensmittel- oder Alkoholvergiftung oder so was.“

Wenn ihr wüsstet, dass ich diesen Markt meide wie der Teufel das Weihwasser!

Miriam lacht gezwungen, doch ihr Gesichtsausdruck gefriert mehr und mehr zu Eis. Sie sollte die spaßig gemeinten Sticheleien einfach weglächeln, aber es gelingt ihr nicht.
Tamara äußert eine andere Theorie: „Oder hat dein Ex dir irgendwann mal eine Küchenwaage oder ein Topfset zu Weihnachten geschenkt anstatt eines funkelnden Brillantringes und dich damit bis an dein Lebensende verärgert?“

Bei dem schallenden Gelächter, das darauf folgt, verkrampfen sich Miriams Finger um ihr Glas.

Wenn ihr wüsstet, was ich alles verloren habe. Wenn ihr wüsstet, wie froh ich war, als ich endlich alles hinter mir lassen konnte. Wenn ihr wüsstet …

Etwas braut sich in ihr zusammen und kämpft sich brodelnd an die Oberfläche. Sie atmet schneller, kann nichts dagegen tun, dass ihre mühsam aufrecht gehaltene Fassade einstürzt wie ein gesprengtes Gebäude, während die anderen sie erwartungsvoll ansehen.

Ihre Antwort platzt heftiger, als beabsichtigt heraus. „Ihr liegt absolut daneben mit euren dämlichen Vermutungen. Ich hatte eines Tages NUR mit der unwesentlichen Tatsache zu kämpfen, dass meine Mutter am ersten Feiertag tot umfiel. Einfach so, mitten in den Partyvorbereitungen zu meinem achtzehnten Geburtstag. Plötzlich lag sie auf dem Boden und quer über ihr die Girlande, die sie gerade anbringen wollte. So! Zufrieden? Jetzt wisst ihr Bescheid.“

Provozierend schaut sie in die betroffenen Gesichter der anderen, dann zieht sie den Kopf ein. Mist! Musste das sein? Hättest du nicht einfach den Mund halten können, dumme Pute? Sie schlägt die Augen nieder und greift nach ihrem Glas. „Ich hätte nicht davon anfangen sollen.“ Sie nimmt einen tiefen Schluck, obwohl ihr übel ist. Am liebsten würde sie alles zurücknehmen, aber dafür ist es zu spät. Schweigen breitet sich am Tisch aus. Ihre Aussage hat die ausgelassene Stimmung durchtrennt wie ein Schwert, das ein Seidentuch in der Luft teilt. Während Michael Bublé gefühlvoll I’ll Be Home for Christmas zum Besten gibt, ebbt Miriams Wut allmählich ab und geht über in Verlegenheit. Sie kann den anderen kaum in die Augen schauen.

Jasmin findet als Erste ihre Sprache wieder, nachdem sie sich erschrocken die Hand vor den Mund geschlagen hatte. „O  Gott … wie furchtbar“, stammelt sie hilflos.
Tamara murmelt nicht minder betreten: „Sorry, Schätzchen, ich hatte ja keine Ahnung.“

„Ja, wie auch?“, fragt Miriam mit einer ungewissen Handbewegung und wiederholt: „Es tut mir leid, ihr Lieben, das war fehl am Platz. Ich will uns schließlich nicht den Abend verderben.“ Sie zieht bedauernd die Schultern hoch.

Verena sieht sie überrascht von der Seite an. „Wieso hast du nie davon erzählt?“

„Weil mir eure originellen Kommentare lieber sind, als euer Mitleid“, scherzt Miriam halbherzig, aber keine der anderen lacht.

„Sicher stand dir dein Vater in dieser schweren Zeit zur Seite“, sagt Jasmin und sieht Miriam hoffend an, weil alles andere in ihren Augen einfach nicht sein kann.

Miriam schnaubt. „Irrtum. Er hatte es vorgezogen, drei Jahre vorher mit einer anderen Frau durchzubrennen. Ich stand gottverlassen da und wusste im ersten Moment gar nichts mehr.“

Jasmins Schultern sinken nach unten, als würde ihr romantisches Weltbild untergehen.

„Aber was soll’s“, sagt Miriam munter und winkt ab. Sie strafft die Schultern und streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Das ist so lange her und ich bin trotzdem ein großes Mädchen geworden, auch ohne ihn. Seht mich an. Show must go on.“ Das meint sie wirklich so. Sie hat ihren Vater nicht gebraucht seit dieser schlimmen Sache. Umso unverständlicher kommen ihr nun ihre eigenen Empfindungen nach all den Jahren vor.

„Show must go on? Du spinnst ja wohl.“ Tamara beugt sich zu ihr rüber und umarmt Miriam schniefend. Die sonst so eloquente Reporterin ringt um Worte, was äußerst selten vorkommt. Verena schaut Miriam überlegend an. „Und du hast in all den Jahren nichts mehr von deinem Vater gehört oder gesehen?“

„Nein. Das heißt, ja. Zuletzt auf der Beerdigung meiner Mutter, aber ich habe all seine Gesprächsversuche abgeblockt.“ Bei der Erinnerung an ihre ohnmächtige Wut damals beißt sie sich auf die Innenseite ihrer Wange, bis sie Blut schmeckt. „Es war zwecklos. Ich entschied, dass ich in meinem ganzen Leben nie wieder etwas mit ihm zu tun haben wollte. Ich weiß nicht mal, wo er wohnt und ob er noch lebt.“

Tamara hebt skeptisch den Kopf. „Du weißt nicht, wo er wohnt und ob er noch lebt? Schätzchen, du bist Reporterin und Dresden ist nicht Bangkok!“

„Richtig. Und hätte ich es gewollt, wäre es bestimmt ein Leichtes gewesen, das herauszufinden. Aber ich hatte nun mal nie das Bedürfnis danach“, beharrt Miriam. Das hatte sie tatsächlich nicht. Ihr Leben ist gut so wie es ist. Schaudernd denkt sie daran, wie sie ihre Mutter im Flur liegend fand, vor Schreck unfähig sich zu bewegen. Wie sie vorsichtig an ihrer Schulter rüttelte und ihr Kopf zur Seite fiel. Wie sie zum Telefon griff und den Notruf wählte. Alles wie in Zeitlupe, mechanisch und ohne klar denken zu können. Wie ihre Mutter abtransportiert wurde, beobachtet von neugierigen Nachbarn hinter wackelnden Gardinen.

Die Zeit danach war grausam. Sie hatte nicht geahnt, welche körperlichen Schmerzen Trauer verursachen konnte, aber sie schaffte es aus dem Loch heraus. Selbst wenn ihr Vater noch lebte, für Miriam war er zusammen mit ihrer Mutter gestorben. Auch wenn er natürlich nichts für den Tod seiner Ex-Frau konnte, irgendwie hatte Miriam nie ganz damit aufgehört, ihm innerlich die Schuld oder zumindest eine Teilschuld dafür zu geben.

Jasmin befürchtet, Miriams Finger könnten ihr Glas zerquetschen. Sie legt ihr beruhigend die Hand auf den Arm. Verena ist immer noch erstaunt. „Warte mal, ich krieg es gerade nicht ganz auf die Reihe. Heißt das, du musstest dich mit gerade mal achtzehn Jahren ganz allein um die Beerdigung, den Nachlass und das ganze Zeug kümmern? In dem Alter hatte ich ausschließlich drei Dinge im Kopf: Klamotten, Partys und Jungs.“

Miriam schüttelt lächelnd den Kopf. „Ganz allein war ich nicht. Tante Ira, Mamas Schwester, kam aus Berlin und blieb die erste Zeit bei mir. Ich hätte auch zu ihr nach Berlin ziehen können, aber das wollte ich nicht. Außerdem war Karos Familie für mich da.“

Obwohl Miriam diese Offenbarung ganz und gar nicht geplant hatte, realisiert sie erleichtert, wie ein Stück der Last von ihr abfällt.

„Puh“, macht Tamara und atmet langgezogen aus. „Das muss echt hart gewesen sein.“

Miriam nickt fest. „Ja, aber ich hab es überlebt. Kommt jetzt bloß nicht auf die Idee, mich zu bemitleiden, Mädels.“ Das wäre ja noch schöner.

„Und jetzt Prost!“

Sie hebt ihr Glas als Zeichen, dass alles gesagt ist und stößt mit den anderen an. In ihr breitet sich eine Leichtigkeit aus, von der sie nicht genau sagen kann, ob sie von dem prickelnden Cocktail oder von diesem Gespräch oder von beidem herrührt.

 

11

Mittwoch, elfter Dezember

„Jetzt hör aber auf, Mona. Also wirklich!“ Langsam wird er ungeduldig. „Das muss ich mir echt nicht antun. Diese ganzen stillen Vorwürfe in jedem Blick, jeder Geste. Unmöglich ist das!“ Vincent Rombach trommelt mit einem Lineal auf seinem Schreibtisch herum, während er den Telefonhörer fester umklammert. Dass Mona einfach nicht lockerlassen kann.

„Jetzt übertreibst du aber, Brüderchen, meinst du nicht?“  Seine Schwester hört sich an wie seine Mutter und Vincent bereut fast, ans Telefon gegangen zu sein.

„Nein, meine ich nicht“, brummt er. „Ich will mir nicht ständig ein schlechtes Gewissen für meine Berufswahl einreden lassen. Aber wie könntest du das auch verstehen, bei dir haben sie andere Maßstäbe angesetzt.“ Sogleich bereut er seinen harten Tonfall. Seine Schwester kann nichts für den Konflikt, der sich in der Familie Rombach in letzter Zeit immer mehr zugespitzt hat.

„Sorry …“

„Ich finde deine Haltung ziemlich egoistisch“, bemerkt Mona leicht eingeschnappt.

„Egoistisch?“ Seine Faust kracht auf den Schreibtisch und ein Stapel technischer Zeichnungen und Pläne segelt auf den Fußboden. Am anderen Ende ist es kurz still. Eigentlich ist er nicht der Typ, der mit der Faust auf den Tisch haut, aber langsam reicht es ihm.

Monas Stimme nimmt einen beschwörenden Klang an. „Vincent. Überlege es dir bitte noch mal. Die Kinder würden ihren Onkel so gern wiedersehen. Wir haben Weihnachten doch immer zusammen bei unseren Eltern gefeiert. Du brichst Mutter sonst das Herz.“

„Du weißt schon, dass man das Erpressung nennt? Nein, im Ernst. Wir sehen uns bald wieder, versprochen. Aber nicht zu Weihnachten.“

Er muss jetzt hart bleiben, denn er hat das sichere Gefühl, dass der kalte Krieg mit seinem Vater zu Weihnachten eskalieren könnte. Und das würde niemandem etwas bringen. Weder Mona und Jörg, noch seiner Nichte oder seinem Neffen und ebenso wenig seiner Mutter.

„Und wie willst du stattdessen Weihnachten verbringen, du sturer Esel?“, will Mona wissen.

„Hab ich mir noch nicht überlegt“, weicht Vincent aus, während er die Blätter vom Boden aufsammelt. „Es ist ja auch noch viel Zeit bis dahin. Vielleicht besuche ich Matthis in New York. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen.“

„Matthis?“ Jetzt klingt Monas Stimme halb belustigt, halb schwärmerisch. „Den fand ich damals so süß. Und wie enttäuscht ich war, als ich feststellte, dass er nicht auf mich stand.“

„Deine Enttäuschung ließ erst nach, als du herausgefunden hast, dass er auf überhaupt kein Mädchen stand“, sagt Vincent.

Seine Schwester lacht glucksend in den Hörer. Vincent hört die Glocke an der Tür ihres Blumenladens läuten.

„Stimmt“, sagt sie mit gesenkter Stimme. „So, ich muss aufhören und weiter Weihnachtskränze binden, die Kundschaft wartet. Versprich mir, dass du es dir überlegst, ja?“

„Bis bald, mach’s gut“, sagt Vincent und legt mit einem Seufzer auf.

 

13


Freitag, dreizehnter Dezember

„Ein Meeting an einem Freitag, dem dreizehnten“, murmelt Jasmin unheilvoll.

„Also wenn ihr mich fragt … Wer sich von so dämlichem Aberglauben beeinflussen lässt, ist selbst schuld, wenn ihm an so einem Tag tatsächlich etwas Schlimmes zustößt“, kommentiert Hendrik, der Pfau, selbstgefällig und rückt seine Krawatte zurecht.

„Dich fragt aber keiner“, knurrt Verena.

Er kann einfach nicht anders, denkt Miriam. Nacheinander versammeln sich die Redakteure im Konferenzraum. Regentropfen rinnen in dünnen Fäden an den raumhohen Fensterscheiben herunter. Der Goldene Reiter, das berühmte Dresdner Wahrzeichen, das August den Starken zeigt, sieht winzig aus von hier oben. Miriam steuert einen freien Platz zwischen Verena und Jasmin an. Daneben sitzen Johanna, Robert und ihnen gegenüber die schöne Tamara, Hendrik sowie sechs weitere Mitarbeiter der Redaktion.

„Wie war die Premiere gestern?“, will Verena wissen. Miriam nickt begeistert und flüstert: „Beeindruckend. Ich erzähle dir später davon.“

Der Raum ist erfüllt von murmelnden Gesprächen, dem Geräusch raschelnder Unterlagen, Kaffeeduft, der aus dampfenden Tassen strömt und einer erwartungsvollen Atmosphäre. Tamara knipst auf ihrem Kugelschreiber herum, Hendrik schaut zum dritten Mal auf seine Armbanduhr und Robert fragt nach drei weiteren Minuten in die immer lauter werdenden Gespräche: „Wo bleibt eigentlich Patricia?“

„Ja, wo ist sie?“ Fragende Blicke gehen zur Tür, aber von der Chefredakteurin ist seltsamerweise nichts zu sehen.

„Das sieht ihr gar nicht ähnlich, zu einem Meeting, das sie selbst eingerührt hat, zu spät zu kommen“, witzelt Verena hinter vorgehaltener Hand.

Miriam nimmt einen großen Schluck Kaffee, während sie in Gedanken ihren Bericht zu Apocalypsis formuliert, als sie mitten in der Bewegung erstarrt und zur Tür schaut. Die Gespräche und Geräusche verstummen. Alle Blicke sind zur Tür gerichtet, durch die Patricia Flemming in einer ungewohnten, fast schon grotesken Haltung tritt. Wobei treten der falsche Ausdruck ist, sie humpelt an Krücken! Robert fasst sich als Erster. Er schluckt die Reste seines Sandwichs herunter und eilt ihr zu Hilfe.

„Danke, nicht nötig!“ Ihr Gesichtsausdruck ist unbewegt wie immer, als sie sich umständlich auf den Stuhl an der Stirnseite des Tisches setzt, darauf bedacht, sich keinen Schmerz anmerken zu lassen. Vorsichtig streckt sie ihr rechtes Bein aus, das bis unters Knie eingegipst ist.

Autsch …, denkt Miriam mitfühlend.

Patricia verzichtet auf ein „Guten Morgen“ und nickt nur knapp in die Runde. „Bevor hier sinnfreie Spekulationen aufkommen … das da ist eine Schienbeinfraktur. Ein kleiner Joggingunfall gestern auf einem vereisten Waldweg, nichts Weltbewegendes“, wiegelt sie ab. „Wir können also direkt zum Wesentlichen kommen.“

Bevor einer der Anwesenden etwas sagen kann, geht Patricia Flemming, in ihren Unterlagen blätternd, zur Tagesordnung über. Typisch Patty Power, denkt Miriam und weiß nicht, ob sie die Chefredakteurin für ihre offensichtliche Härte bewundern oder darüber den Kopf schütteln soll.

„Das neue Gourmetrestaurant am Blauen Wunder … Verena, du gehst bitte zur Eröffnung nächsten Dienstag. Der Bericht kommt in die zweite Januarausgabe.“

Verena nickt kurz und notiert sich den Termin. Die Chefin verteilt knappe Anweisungen an die Mitarbeiter.

„Ach ja, die Silvestertipps für Familien“, sagt sie in Jasmins Richtung. „Hier gibt es eine Planänderung. Das kommt schon in die Vorweihnachtsausgabe, nicht in die letzte zum Jahresende. Bitte bis heute Nachmittag auf meinen Tisch!“ Jasmin öffnet den Mund und schließt ihn wieder, als sie Patricias eisigem Blick begegnet.

Ungerührt fährt die Chefredakteurin fort: „Tamara, du triffst dich heute zum Mittagessen mit der Schirmherrin des Vereines für bedürftige Kinder. Ich will alles über diese Charity-Versteigerung am zweiundzwanzigsten Dezember wissen. Daraus machen wir was Großes. Emotional und mitten ins Herz der Leser.“

„Aber mein Termin 13 Uhr mit dem neuen Fußballtrainer?“, hält Tamara dagegen.

Patricia zuckt mit den Schultern. „Verschiebe ihn oder schick eine Vertretung hin.“

Tamara macht einen Schmollmund, als Patricia sich wieder ihren Unterlagen widmet. Miriam tippt unter dem Tisch mit der Fußspitze an Tamaras hochhackige Pumps, die die gleiche kirschrote Farbe haben wie ihre Lippen. Sie wechseln einen Blick, der sagen soll: Die hat sie doch nicht mehr alle.

Als hätte die Chefredakteurin das mitbekommen, pfeffert sie ihren nächsten Befehl durch den Raum. „Der Apocalypsis-Premierenbericht kommt ebenfalls in die Vorweihnachtsausgabe, ich brauche ihn heute Nachmittag. Das ist doch kein Problem, Miriam?“

„Ganz und gar nicht“, erwidert sie und beißt sich auf die Zunge, damit ihr nicht noch eine ironische Bemerkung hinterherrutscht. Miriam ist froh, dass der Bericht zumindest in ihrem Kopf schon ziemlich ausgereift ist. Es wirkt beinahe so, als würde Patty Power absichtlich nach Lust und Laune die Deadlines vorziehen, um ihre Mitarbeiter kurz vor Weihnachten zu ärgern oder einfach nur um zu beweisen, dass sie es kann. Nicht, dass es Miriam etwas ausmachen würde, sie hat ja ohnehin nicht vor, das Fest in irgendeiner Art zu feiern. Aber andere Leute schon. Sie beobachtet, wie Jasmin hektisch unter dem Tisch eine Nachricht in ihr Smartphone tippt, vermutlich um ihre Eltern zum hundertsten Mal zu bitten, ihr Kind aus der Kita abzuholen, weil es bei ihr mal wieder später wird.

„Wie weit ist die Ankündigung zum Skiweltcup an der Elbe?“

„Liegt schon auf deinem Schreibtisch“, erwidert Hendrik voller Ehrerbietung. Dieser Schleimer! Patricia nickt wohlwollend.

„Okay“, sagt sie schließlich und klappt ihre Mappe zu. „Das dürfte es gewesen sein.“

Ihr scheint noch etwas einzufallen, denn sie hebt ihren Zeigefinger. „Eine Kleinigkeit noch, Miriam.“

Miriam zuckt zusammen. Sie war in Gedanken schon bei ihrem Bericht, der nun früher fertig werden muss.

„Ja?“, fragt sie und versucht, sich ihren Argwohn nicht anmerken zu lassen.

Patricia zeigt auf ihr Gipsbein und seufzt fast unhörbar. „Ungünstigerweise muss das in ein paar Tagen operiert werden, was bedeutet, dass ich bedauerlicherweise nicht nach New York fliegen kann.“

Miriam nickt. Natürlich geht das nicht mit dem Bein, denkt sie. Dann muss sie das eben im Januar nachholen, wenn sie so scharf darauf ist, den Boss persönlich zu treffen. Oder per Videokonferenz oder was auch immer lösen. Aber was hat das mit mir zu tun?

Patricia teilt Miriam ohne Umschweife mit: „Du wirst an meiner Stelle fliegen.“

Erstaunte Blicke wechseln zwischen Patricia und Miriam hin und her wie bei den Zuschauern eines Tennismatchs.

Miriam traut ihren Ohren nicht. Ihr Herzschlag setzt kurz aus und ihr Kugelschreiber fällt scheppernd auf die Tischplatte.

„Äh, wie bitte?“, fragt sie und schiebt ihre Brille, die ein Stück die Nase heruntergerutscht ist, wieder hoch. Was hat sie da gesagt? Bestimmt hab ich mich verhört. Das kann sie unmöglich ernst gemeint haben.

„Du fliegst nach New York und hast die ehrenvolle Aufgabe, Christoph Berger an meiner Stelle am achtzehnten Dezember den Jahresbericht darzulegen und“, sie weist mit einer feierlichen Geste nach links zu dem Regal, in dem der Medienpreis steht, „ihm den Preis zu überreichen. Wenn du willst, kannst du meinen geplanten Urlaub auch komplett übernehmen und über die Feiertage bleiben. Sieh es als kleine Entschädigung an“, meint sie gönnerhaft und steckt ihre Unterlagen in eine Mappe. „Das alles zu stornieren oder umzubuchen, wäre mir im Moment viel zu viel Aufwand.“

„Nach New York“, wiederholt Miriam. „Aber …“

Patricia atmet seufzend aus und erklärt Miriam, als wäre sie begriffsstutzig: „Du bist die Einzige hier, die ich damit beauftragen kann. Fast alle anderen Mitarbeiter habe ich terminlich bis Weihnachten fest verplant. Und denjenigen, die Familie oder gar Kinder haben, kann ich das schlecht zumuten, oder? Ich bin ja kein Unmensch, obwohl mir klar ist, dass das viele anders sehen.“

Sie lacht über ihre eigenen Worte. „Und da du ohnehin nicht viel von Weihnachten hältst, wie wir alle wissen, bist du bestens für diese Aufgabe geeignet.“

Für sie ist damit alles gesagt. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl und stützt sich auf ihre Krücke. „Den Jahresbericht gehen wir am kommenden Montag gemeinsam durch, damit du im Bilde bist. Christoph mag es nicht, wenn Leute nicht aussagefähig sind.“

Aha.

Mehr kann Miriam nicht denken, als sie im Pulk der Kollegen aus dem Konferenzraum gedrängt wird. Tamara boxt sie spaßhaft in die Seite und sieht aus, als hätte sie sich in einen funkelnden Diamanten im Schaufenster eines Juweliers verliebt. „Mensch, Miriam, New York! Du bist so ein Glückspilz! Wenn ich dich nicht so mögen würde, würde ich dich spätestens jetzt vor Neid hassen.“

Miriam sackt auf ihren Schreibtischstuhl und stützt den Kopf auf die Hand. New York …

„Bitte nimm mich mit“, fleht Verena händeringend quer durchs Büro.

Hendrik schüttelt den Kopf, als könne er es nicht fassen. „Wenn das mal nicht eine Nummer zu groß für dich ist! Die Chefin muss ganz schön verzweifelt sein, wenn sie jemanden wie dich zu Berger abkommandiert.“

Miriam muss angesichts dieser Unverschämtheit schlucken. Was hat sie denn erwartet? Dass sich Schwarzbach seit ihrer Begegnung auf dem Eis plötzlich in einen netten, umgänglichen Menschen verwandelt hat? Nein, er mag vielleicht noch eine andere Seite haben, aber im Grunde wird er immer ein arrogantes Großmaul bleiben.

„So sprachlos würde ich mich ihm allerdings nicht zeigen, sonst schickt er dich postwendend wieder zurück“, packt er noch eins drauf. Miriam hört nicht mehr hin, weil ihr Patricias Verkündung, die sie Kleinigkeit genannt hatte, noch in den Ohren klingelt. Obwohl sie sich kaum konzentrieren kann, zwingt sie sich, den Premierenbericht zu beenden und mailt ihn an Patricia, die sich nach dem Meeting ins Homeoffice verabschiedet hat. Dann schaltet sie ihren Computer aus und verlässt immer noch verwirrt und mit mulmigem Gefühl im Bauch die Redaktion. New York … Warum eigentlich nicht?