Leseprobe Eisblaue Versuchung

Auf ins Abenteuer!

Ich ziehe den Koffer hinter mir her und trete durch die Glastür des Ankunftsterminals. Ein wenig Herzklopfen habe ich jetzt doch. Ich habe es tatsächlich durchgezogen. Vielleicht war es ein wenig feige, Lucas vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch je mehr die Erkenntnis bei mir durchsickert, dass für mich ein neuer, aufregender Abschnitt meines Lebens beginnt, desto befreiter fühle ich mich. Natürlich haben meine Eltern recht. Es war übereilt und planlos und ich bin in der Tat etwas nervös, was mich erwartet, doch ich verwirkliche mir einen Traum.

Ein Jahr Schottland!

Ich kann noch gar nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Der Druck, der auf mir lastete und in den vergangenen Monaten immer stärker wurde, fällt plötzlich von mir ab und ich fühle mich seltsam gelöst. Nach dem Examen schien alles so vorherbestimmt. Referendariat – natürlich nur, wenn Lucas eine Stelle in der Nähe gefunden hätte. Zweites Staatsexamen, feste Stelle und dann … Verlobung, Heirat, Kinder? Die Schienen waren gelegt, die Weichen gestellt und ich? Ich saß in diesem Zug, der ohne mein Zutun dahinraste, während die Landschaft an mir vorbeiflog. Soll das wirklich mein Leben sein? Will ich das?

Ein wenig tut es weh, an Lucas zu denken, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich mich befreit fühle. Womöglich war er der Richtige. Womöglich werde ich diese Entscheidung später bereuen. Doch gleichzeitig ist da das Gefühl, etwas zu verpassen, nicht genug erlebt zu haben, um mich jetzt schon auf Jahre oder Jahrzehnte festzulegen. Ich habe mich unglaublich alt gefühlt. Mit fünfundzwanzig Jahren! Und wenn ich mich später dafür in den Hintern beiße, ich muss diese Erfahrung machen, den Kopf freibekommen, mir klarwerden, was ich vom Leben will. Einmal noch etwas Unvernünftiges tun. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Jetzt bin ich aber erst einmal verdammt gespannt auf meinen Arbeitgeber. Ich schaue mich um. Ob er die Kleine gleich mitgebracht hat? Hinter der Absperrung entdecke ich ein Pappschild mit meinem Namen. Mein Herz klopft schneller, während ich auf das Schild und den großen, braunhaarigen Mann in dem kurzärmligen blauen Hemd zusteuere, der es hält. Na, der sieht doch ganz nett aus. Ein wenig jung vielleicht für den Vater einer vierjährigen Tochter. Er lächelt mich an. Mit der großen, schwarzgerahmten Brille sieht er ein wenig aus wie der Klassenstreber, aber nett.

»Mr Carlyle?«, frage ich hoffnungsvoll. Der Mann lacht und schüttelt den Kopf.

»Ich dachte nur, weil Sie …« Ich deute auf das Schild in seiner Hand. Eine zweite Julia Blumberg wird es hier doch wohl nicht geben.

»Sie sind Ms Blumberg?« Der Mann mustert mich mit unverhohlener Neugier. Ich nicke. Jetzt bin ich verunsichert.

»Ich bin Craig. Mr Carlyles persönlicher Fahrer. Darf ich Ihr Gepäck nehmen?«

Persönlicher Fahrer? Jetzt bin ich baff. Das kann ja interessant werden. Davon war in den Unterlagen keine Rede gewesen. Ich habe das Angebot so kurzentschlossen angenommen, dass ich bisher nur mit der Dame von der Agentur telefoniert habe. Ich weiß, dass die Familie mit Nachnamen Carlyle heißt, dass ich für die Betreuung ihrer vierjährigen Tochter Edyth zuständig sein soll und dass sie etwas außerhalb von Aberdeen wohnt. Das ist aber auch schon alles. Ich habe nicht einmal versucht, die Familie zu googlen. Bei dem häufigen Nachnamen hätte das vermutlich auch keinen Sinn gehabt. Dass dieser Mr Carlyle offenbar so wohlhabend ist, dass er einen eigenen Chauffeur hat, ist mir neu. Doch ich werde mich sicher nicht darüber beschweren.

Craig nimmt meinen Koffer und ich trotte hinter ihm her zum Parkplatz, wo er auf ein ziemlich nobel aussehendes anthrazitfarbenes Auto zusteuert. Ich stutze. Nicht, dass ich etwas von Autos verstehen würde, aber diese langgezogene, eckige Schnauze, den Kühlergrill, die geflügelte Dame auf der Motorhaube, das erkenne ja sogar ich.

»Ist … ist das etwa ein Rolls-Royce?«, entfährt es mir.

Craig lacht und schüttelt amüsiert den Kopf.

»Ein 2016 Rolls-Royce Phantom, um genau zu sein. Gefällt er Ihnen?«

Mir hat es die Sprache verschlagen – was nicht häufig vorkommt. Ich nicke nur stumm und lasse mich von Craig in den Fond des Wagens bugsieren, während er das Gepäck einlädt. Der Innenraum ist nicht minder elegant und ich mache mir Sorgen, meine brandneue Dark-Denim-Jeans könne auf die hellgrauen Ledersitze abfärben. Craig klettert auf den Fahrersitz – rechts natürlich – und startet den Wagen.

Während wir durch die Landschaft rollen, schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf, von meiner völlig unangemessenen Studentinnengarderobe über Horrorszenarien von einem Jahr mit einem völlig verzogenen Rotzgör in Gucci und Armani bis zu Fantasien von einem Jahr Luxus mit Poolbar und Butler. Was ist dieser Carlyle für ein Typ? Ich überlege kurz, ob ich mein Handy zücken und meinen Arbeitgeber noch einmal versuchen soll zu googlen, aber dazu müsste ich seinen Vornamen oder einen weiteren Anhaltspunkt haben. Oder sollte ich Craig fragen? Nein. Es wäre mir peinlich zuzugeben, wie unvorbereitet ich in diese Sache hineingestolpert bin.

Die Gegend draußen wird immer ländlicher. In den Unterlagen der Agentur stand »etwas außerhalb von Aberdeen«. Nun, »etwas« ist wohl relativ. Craig biegt auf eine rechts und links von Schafweiden gesäumte Straße ein, die kaum breiter als ein Feldweg ist. Hinter der nächsten Biegung passieren wir zwei massive Steinpfeiler, die den Weg auf eine, von knorrigen Kastanien gesäumte Allee freigeben. Dann kommt das Haus in Sicht. Ich schlucke. Haus ist vielleicht nicht das richtige Wort. Anwesen trifft es wohl eher. Ein riesiges, graues Gebäude im neugotischen Stil mit lauter Erkern und Türmchen, das aussieht, als gebe es dort versteckte Zimmer hinter Tapetentüren, ein geheimes Verlies im Keller oder mindestens ein bis zwei Gespenster.

Berühmt und berüchtigt

»Wir sind da. Willkommen auf Dewberry Hall.« Es ist offensichtlich, dass Craig – nach meiner Reaktion auf den Rolls – nur darauf wartet, dass ich in Ehrfurcht erstarre. Er grinst mich herausfordernd an, doch ich beschließe, nicht zu liefern.

»Hübsch«, sage ich knapp und löse den Gurt. Craig springt aus dem Wagen, um mir die Tür zu öffnen.

»Ihren Koffer werde ich gleich aufs Zimmer bringen. Am besten, ich stelle Sie erst einmal Mrs Pemberton vor.«

Mrs Pemberton? Wer ist das nun wieder? Ich verkneife mir die Frage und folge Craig. Wir lassen das große Hauptportal rechts liegen und gehen links um das Haus herum durch einen Seiteneingang.

»Mrs Pemberton?«, ruft Craig in den langen Flur zu unserer Rechten und ich erwarte fast eine gestrenge Erscheinung mit Dutt, gestärkter Schürze und Häubchen. Aus dem Flur taucht eine ältere Dame mit einem jugendlich wirkenden Kurzhaarschnitt auf. Sie trägt einen dunkelblauen, knielangen Rock und ein schlichtes Oberteil in einem ähnlichen Farbton, dazu eine Kette aus großen, goldenen Perlen, die mich entfernt an Oliven erinnern.

Entgegen meiner Erwartung hat Mrs Pemberton ein offenes, freundliches Gesicht mit vielen kleinen Lachfältchen. Zur Begrüßung ergreift sie meine Hand mit beiden Händen und drückt sie herzlich.

»Ms Blumberg. Wie schön, Sie hier zu haben. Edie ist schon ganz aufgeregt. Sie war gestern kaum ins Bett zu bekommen. Derzeit ist sie noch mit der Nanny unterwegs, aber sie werden sicher gleich zurückkommen, dann können Sie die Kleine kennenlernen.«

»Die Nanny?«, frage ich verwirrt. »Ich dachte, ich …«

»Gemma ist schon seit Edies Geburt bei uns. Sie wird sich auch weiter um Edyth kümmern, sie morgens wecken, anziehen, ihr Frühstück machen und sie abends ins Bett bringen. Ihre Aufgabe, Ms Blumberg, wird es sein, tagsüber mit der Kleinen Zeit zu verbringen und Deutsch mit ihr zu sprechen. Mr Carlyle legt Wert darauf, dass sie es nicht verlernt. Ihre Mutter war … ist Schweizerin, wissen Sie? Unternehmen Sie etwas Nettes mit ihr, fahren Sie an den Strand, zu Doonies Farm, gehen Sie spazieren oder spielen Sie mit ihr. Wichtig ist, dass Sie dabei ausschließlich Deutsch mit ihr sprechen. Sie wird schnell versuchen, auf Englisch auszuweichen, weil es für sie bequemer ist. Da müssen Sie stur bleiben.« Sie lacht. »Die Kleine hat ihren eigenen Kopf, aber keine Angst, sonst ist sie ein kleines Engelchen.«

Ich bin einigermaßen geplättet. Zusammengefasst gesagt, werde ich ein Jahr lang in einem riesigen Haus wohnen, in dem es offenbar Personal für alles Mögliche gibt und bekomme ein Taschengeld von neunzig Pfund pro Woche allein dafür, dass ich mit einem kleinen Mädchen Ausflüge mache und spiele? Nun denn, es hätte mich schlimmer treffen können. Ich folge Mrs Pemberton den Flur entlang.

»Hier waren früher die Dienstbotenquartiere. Aber heute wohnt hier niemand mehr. Wir gehen alle am Ende des Arbeitstages heim zu unseren Familien.« Sie zwinkert mir zu. »Das Gebäude mag aus dem späten 18. Jahrhundert stammen, aber nicht unsere Arbeitsverträge. Heute haben der Verwalter und ich hier unsere Büros. Gemmas Zimmer befindet sich im Obergeschoss direkt neben Edies. Sie werden im Aprikosenzimmer wohnen.«

»Aprikosenzimmer?«

»Nun«, Mrs Pemberton lächelt. »Alle Gästezimmer haben unterschiedliche Farbkonzepte. In Ihrem dominiert die Farbe Apricot, deswegen nennen wir es so. Es ist hübsch und freundlich. Es wird Ihnen gefallen.«

Das tut es in der Tat. Die Einrichtung liegt irgendwo zwischen modern und klassisch-elegant. Mein Herz jubelt beim Anblick des kleinen Betthimmels aus hellem, aprikosenfarbenem Stoff am Kopfende des Bettes. Ich werde mich fühlen wie eine Prinzessin. Das Fenster zeigt zum Garten hinaus – ein Traum von einem englischen Garten mit ordentlich gestutzten, symmetrisch angelegten Rasenflächen, üppigen Blumenrabatten und einem mit Blauregen überrankten Wandelgang. Ich blinzle. Also, mit so etwas hatte ich nun weiß Gott nicht gerechnet.

Aus dem Flur sind aufgeregte Stimmen und das Gepolter flinker Kinderfüße zu hören.

»Warte, Edyth!«

Die Tür fliegt auf und ein kleines Mädchen mit einem wirren dunklen Lockenkopf und von Aufregung geröteten Wangen platzt herein.

»Bist du Julia?«, fragt sie in fast akzentfreiem Deutsch. Ihre runden, erstaunlich blauen Augen mustern mich neugierig.

Ich gehe in die Hocke und strecke die Hand aus.

»Ja. Genau. Und du bist Edyth? Schön, dich kennenzulernen, Edyth.«

»Du kannst Edie zu mir sagen. Alle meine Freunde nennen mich so.«

Eine junge, rothaarige Frau mit einem freundlichen runden Gesicht kommt hinter Edie ins Zimmer und schüttelt lachend den Kopf. Das wird sicher Gemma sein, das Kindermädchen.

»Gut, Edie. Ich freue mich schon sehr darauf, mit dir zu spielen.«

Das kleine Mädchen strahlt mich an und nickt.

»Dad sagt, du fährst mit mir zu Codonas. Da gibt es eine Achterbahn, die sieht aus wie eine Raupe. Und ein gaaanz großes Riesenrad.«

»Natürlich. Bestimmt. Wenn du das gerne möchtest.«

»Edie, Ms Blumberg ist gerade erst angekommen. Lass sie sich bitte erst einmal einrichten, ja?« Die junge Frau streckt mir die Hand hin. »Ich bin Gemma, Edies Nanny.«

»Julia.«

»Komm, Edie. Wir spielen noch ein bisschen mit deinem Kaufladen. Du siehst Julia später beim Abendessen. Sie muss ja erst einmal auspacken und mit deinem Dad sprechen.«

Die Kleine zieht eine Schippe und verschränkt die Arme, folgt Gemma aber trotzdem aus dem Raum. Im Flur dreht sie sich noch einmal um und winkt mir.

»Ciao, Julia. Bis später!«

Ich winke ihr zurück.

»Craig kommt sicher gleich mit dem Koffer. Richten Sie sich erst einmal in Ruhe ein. Ich komme in einer Stunde wieder und bringe Sie dann direkt zu Mr Carlyle«, verabschiedet sich Mrs Pemberton. 

Craig bringt mir nicht nur mein Gepäck, er verrät mir dankenswerterweise auch das W-LAN-Passwort. Ich rufe zunächst meine Eltern an, um ihnen Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen bin. Dann packe ich aus und mache mich frisch. Auf dem kleinen Sekretär finde ich eine lederne Briefpapiermappe, wie sie oft in Hotelzimmern zu finden sind. Isaac Carlyle – Carlyle International Hotels steht dort in goldener Prägeschrift. Ha! Endlich ein Anhaltspunkt, um meinem mysteriösen neuen Arbeitgeber einmal auf den Zahn zu fühlen, bevor ich ihn gleich persönlich kennenlerne. Rasch klappe ich den Laptop auf, wähle mich ein und starte eine Suche. Seine Tochter kann er schon einmal nicht verleugnen, denke ich, als mir ein dunkelhaariger Mann mit ernstem Blick aus der Bildersuche entgegenstarrt. Er hat dieselben stechend blauen Augen wie Edie. Streng und forschend blicken sie in die Kamera. Die gewölbten schwarzen Augenbrauen lassen seinen Blick leicht ironisch wirken. Sein scharf geschnittenes Gesicht, die leichten Geheimratsecken, die gerade Nase mit der steilen Zornesfalte darüber und die schmale Oberlippe verleihen seinen Gesichtszügen eine Härte, die nur das leichte Lächeln, die tiefen Grübchen in den Wangen und der ausgeprägte Amorbogen seiner Lippe etwas abzumildern vermögen. Puh! Verdammt attraktiv der Kerl. Aber anlegen möchte ich mich nicht mit ihm. Er sieht aus wie jemand, der es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Ich rufe die Websuche auf. Wow! So viele Artikel. Hauptsächlich auf Webseiten diverser Klatschblätter und Hochglanzmagazine. Neugierig klicke ich mich durch die Seiten. Isaac Carlyle, 45, alleiniger Erbe einer großen internationalen Hotelkette. Wurde als einer der begehrtesten Junggesellen Großbritanniens gehandelt. Jetzt ärgere ich mich darüber, dass ich gar nicht erst versucht habe, ihn zu googlen. Doch wer hätte ahnen können, dass sich hinter diesem Allerweltsnachnamen eine Jetsetgröße mit hunderten von Interneteinträgen verbirgt? Partys, Gerüchte über Sex- und Drogenexzesse, Affären, zuletzt mit dem Schweizer Model und It-Girl Valerie Gerber. Valerie, ihrerseits Armschmuck einer Reihe wechselnder mächtiger und reicher Männer: Politiker, Topmanager, Fußballer und Firmenbosse. Überraschende Verlobung, schließlich Geburt der Tochter Edyth Louise vor vier Jahren. Streit, Trennungsgerüchte, Versöhnung. Ich runzle die Stirn. Vor eineinhalb Jahren verschwindet Valerie Gerber urplötzlich während eines Party-Wochenendes bei einem befreundeten Ehepaar an der Côte d‘Azur. Vermisstenmeldung, großangelegte Suche, Valerie bleibt verschwunden. Gerüchte, Carlyle könnte mit dem plötzlichen Verschwinden seiner Verlobten etwas zu tun haben, können von der Polizei nicht bestätigt werden. Na wunderbar! Womöglich hat der Typ seine Verlobte um die Ecke gebracht und ich werde ein Jahr unter einem Dach mit ihm leben. Erste Zweifel beschleichen mich, ob das alles wirklich so eine gute Idee war.