Leseprobe Einmal Menü mit Kuss, bitte

1

Die Sonne stand Ende Juni im Südtiroler Land hoch am Himmel. Die charakteristischen Berge und Täler der beliebten Reiseregion Trentino in Norditalien zeigten sich von ihrer schönsten Seite. Lediglich ein paar dünne Schleierwolken durchbrachen das strahlende Blau des Äthers.

Abgeschieden vom restlichen Ortskern des Städtchens Terlan, unweit von Bozen, schmiegte sich die im typisch alpenländischen Stil erbaute Villa Randoni in die reizvolle Lage, zu der zwischen Weinhängen und Apfelbaumplantagen ein schmaler Privatweg führte.

Unbeeindruckt von der traumhaften Natur seiner Heimat bereitete Alois Maximilian Hofer wie jeden Mittag das Menü für seinen Chef und dessen Familie zu. Dass er das an diesem Tag ein letztes Mal tun würde, konnte er in dem Moment, als er den Vorspeisensalat ins Esszimmer trug, noch nicht ahnen. Dabei arbeitete er gerade erst drei Monate in dem Privathaushalt des reichen Geschäftsmannes aus Udine, der sein Domizil in dem idyllischen Weinanbaugebiet an der Etsch unterhielt. Alois, der sich inzwischen zu einem hervorragenden Koch hochgearbeitet hatte, verkaufte sein berufliches Können damit weit unter seinem Niveau. Üblicherweise stellte er seine Kochkünste in Fünf-Sterne-Lokalen oder auf Kreuzfahrtschiffen der Luxusklasse unter Beweis, doch die Krankheit seiner Mutter zwang ihn dazu, einen Zwischenstopp in seiner Heimat einzulegen. Er wollte – so lange, bis sie wieder gesund war – vor Ort sein, gleichzeitig aber weiter Geld verdienen, denn noch hatte er sein Ziel, Chef im eigenen Restaurant zu sein, nicht erreicht. Dafür sparte er jeden Cent.

Durch eine Kleinanzeige in der hiesigen Tageszeitung war Alois auf die Stelle im Privathaushalt Randoni gestoßen. Er könne sofort anfangen, hatte es geheißen und dass er nur für kurze Zeit bleiben wolle, stelle dabei kein Hindernis dar. Dankbar über diese Lösung hatte er die Stellung angenommen.

Die Möglichkeit bei seinem älteren Bruder Sepp und dessen Frau Rosel in deren Almgaststätte auszuhelfen, hatte er erst gar nicht in Erwägung gezogen. Rosel kochte noch genauso wie vor fünfzig Jahren. Nicht nur, dass sie für Neuerungen keinen Sinn hatte, auch mochte sie es nicht, wenn man ihr Anregungen gab. Egal wie freundlich oder diplomatisch man sie unterbreitete, sie lehnte jede Veränderung ab. Mit so viel Ignoranz kam Alois nicht klar.

Er betrat das Esszimmer seines Arbeitgebers. Hier, wie im ganzen Haus, bestand die Einrichtung aus hochwertigen Antiquitäten, edlen Lampen und kostbaren Teppichen. Jeder Quadratzentimeter strahlte Reichtum aus.

Antonio Randoni, seine Frau Lucia sowie die zwanzigjährige Tochter Pamela saßen gemeinsam um den eingedeckten Tisch. Alois servierte dem Hausherrn routinemäßig zuletzt den Vorspeisensalat. Außerdem befand sich Pepe, die rechte Hand Randonis, noch im Raum. Der stets wie aus dem Ei gepellte Süditaliener stand neben einer Anrichte, auf der Gläser und Getränke bereitstanden, und rührte sich nicht vom Fleck. Alois wunderte sich nicht, dass Pamela ihn mit herausfordernden Blicken durchbohrte. Er wusste, dass sie ihn reizen wollte – nicht das erste Mal – doch an diesem Tag trug sie eine besonders großzügig ausgeschnittene Bluse. Für einen Moment irritierte ihn das, weshalb er beim Abstellen des Tellers – ausgerechnet vor seinem Chef – unglücklicherweise das gut gefüllte Rotweinglas streifte. Antonio griff geistesgegenwärtig zu und verhinderte damit, dass sich der Wein über das weiße Damasttischtuch ergoss. Doch dafür schwamm nun der Salat darin.

„Entschuldigen Sie bitte!“

„Madonna mio! Passen Sie doch auf!“

„Ich bereite Ihnen sofort einen neuen zu“, beeilte sich Alois zu sagen.

„Avanti!“

Randoni hasste es, wenn nicht alle gleichzeitig ihr Essen bekamen.

Ohne ein Wort zu sagen, verschwand Alois durch die Schwingtür in die Küche – dicht gefolgt von Pepe. Derartige Hektik brachte ihn nicht aus dem Konzept. In einer Großküche gehörte das zur Tagesordnung, weshalb er Randonis Gezeter gelassen nahm. Für ihn nicht der Rede wert, obwohl seine Schwester Maria darüber ganz anders dachte. Sie wurde nicht müde, ihn vor Familie Randoni zu warnen. Konkrete Gründe konnte sie allerdings nicht nennen. Nur, dass die Leute im Ort mit vorgehaltener Hand tuschelten. Alois hatte das mit einem Achselzucken abgetan. Er hatte nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen. Lediglich die Zeit zu überbrücken, bis es seiner Mutter wieder besserging.

Wenn er das Bedienstetenzimmer in der Villa nicht nutzte, wohnte er bei Maria. Sie war das Älteste von fünf Kindern und bewohnte mit ihrem Mann und den beiden Töchtern das ehemalige Elternhaus, in dem auch ihre Mutter noch ihren Wohnsitz in Anspruch nahm.

Verwundert über die eigene Tollpatschigkeit schüttelte Alois den Kopf, denn er konnte sich nicht erinnern, wann ihm je so ein Ungeschick passiert wäre. Selbst während der Ausbildung nicht. Man kannte ihn für seine besonnene Arbeitsweise und die stoische Ruhe, die er ausstrahlte, wenn er sich auf seine Aufgaben besann. Und er war konzentriert gewesen. Pamela interessierte ihn nicht, weshalb sie ihn auch nicht aus dem Konzept bringen konnte. Genervt darüber, dass Randonis Assistent wie ein Schatten an seinen Fersen hing, schob Alois den Teller mit der missglückten Vorspeise achtlos auf den vorderen Rand der mit Küchengeräten überfüllten Arbeitsplatte. Zu spät bemerkte er, dass er anstatt des festen Untergrunds, den Stiel eines Kochlöffels traf, weshalb der Teller kippte und sich der Wein über den Rand ergoss und am Schrank herunterlief.

Verdammt nochmal! Was war denn heute los?

Alois fuhr selten aus der Haut, aber jetzt stand er kurz davor. Wütend holte er einen neuen Teller aus dem Schrank und versuchte, Pepe zu ignorieren.

„Wenn du was brauchst, musst du dich gedulden“, fühlte er sich genötigt zu sagen und bereitete eilig einen zweiten Salat für den Chef zu. So bemerkte er auch erst kurz darauf, wie Pepe den im Wein schwimmenden Salat begutachtete, als müsste er ein Referat über die Zutaten halten. Mit einer in Falten gelegten Stirn starrte er wie hypnotisiert auf den Teller und dann wieder auf den Boden, wo der Wein bereits eine ordentliche Pfütze gebildet hatte. Mit spitzen Fingern schob er sogar einzelne Rucolaranken zur Seite und zog dabei ein angewidertes Gesicht, was Alois besonders in Rage brachte.

Vielleicht sollte man ihm die Lupe reichen? Das konnte er gerade leiden, wenn man ihm bei der Arbeit zu dicht auf die Pelle rückte. Alois presste die Lippen zusammen. Besser er sagte nicht, was er dachte.

„Gib her!“ Pepe riss ihm den fertigen Salat regelrecht aus der Hand. „Es ist besser, ich bringe Signor Randoni den Salat, bevor noch mal etwas schiefgeht.“

Na, jetzt drehte der aber völlig durch!

Doch Alois ließ sich seine Gedanken nicht anmerken, sondern zuckte lediglich gleichmütig mit den Schultern. Er wusste nicht viel über den aalglatten, undurchsichtigen Pepe, auch nicht, ob das sein richtiger Name war, doch er hatte schnell durchschaut, dass die rechte Hand des Chefs es liebte, sich dramatisch in Szene zu setzen. Wichtigtuer! Außerdem trat er nach unten und buckelte nach oben. Genau deshalb verachtete Alois ihn.

Schluss jetzt! Er wollte sich nicht länger mit Pepe beschäftigen. Dafür blieb keine Zeit. Schnell den Wein vom Boden wischen und dann …

Alois erstarrte in der Bewegung, als er registrierte, was da im Wein auf dem Boden schwamm.

Körner! Wo kamen die denn her?

Der Fußboden – bis eben hätte man noch davon essen können. Er hob nacheinander seine Füße und nahm seine Schuhsohlen in Augenschein. Nichts! Ihm ging ein Licht auf. Deswegen hatte der Wichtigtuer so ein Gesicht gezogen.

Mit zwei Schritten war Alois mit dem Teller bei der Spüle. Das musste er sich näher ansehen. So gut es ging, schüttete er den restlichen Rotwein in den Ausguss und inspizierte den Salat genauer. Neben Rucola, Gurkenscheiben und Tomatenspalten lagen noch Oliven und rote Zwiebelstückchen auf dem Teller. So weit – so bekannt. Doch wo kamen die winzigen Klümpchen her? Bei genauerer Betrachtung entpuppten sie sich als seltsam aussehende Samenkörner. Wie kleine Käfer sah das eklige Zeug aus. Alois runzelte die Stirn. Wie kam das in seine, mit Liebe zubereitete Salatvorspeise? Mit Sicherheit ließ sich nur sagen, dass er keine Getreidekörner in den Salat getan hatte. Ein leises, blubberndes Geräusch holte ihn aus seiner Grübelei und ließ ihn aufschrecken.

Die Suppe.

Himmel Herrgott! Was für ein Tag.

Schnell entsorgte er den verdorbenen Salat und ging zum Herd, um die Zucchinicremesuppe mit einem Schuss Sahne und frischen Kräutern abzuschmecken.

Während er seine Hände an der Kochschürze abwischte, warf er noch einen Blick in den Backofen und atmete hörbar aus. Wenigstens war der Auflauf zur Hauptspeise nicht in Gefahr. Er richtete ein Tablett mit drei vorgewärmten Suppentassen an und sah auf die Uhr. Er hatte noch einen Moment, bis er den nächsten Gang servieren musste. Auch dafür gab es hier ein klares Ritual. Erst wenn der Herr des Hauses mit einem kleinen Glöckchen läutete, durfte er den Tisch abräumen.

Die Küchentür klappte leise. Als Alois sich umdrehte und in Pepes wachsame Augen blickte, runzelte er die Stirn. Was wollte der denn jetzt schon wieder? Es kam äußerst selten vor, dass sich Signor Etepetete in die Küche verirrte, einen Bereich, wo man Gefahr lief, schmutzige Kleidung zu bekommen. Und dann gleich zweimal hintereinander. Alois verstand die Welt nicht mehr. Pepe beäugte ihn mit Argusaugen.

„Hast du was vergessen?“

„Nein“, Pepe schüttelte den Kopf und ging ohne ein weiteres Wort wieder hinaus.

 

Der Garten der Villa lag an einem nach Süden ausgerichteten Hang, von wo aus man einen weiten Blick über das Etschtal hatte. Am Nachmittag sammelte Alois im mit Obstbäumen und Sträuchern dichtbewachsenen Nutzgarten der Villa Rosmarin, Kerbel, Zitronenmelisse und Borretsch. Kräuter, die er brauchte, um sein beliebtes Salatöl neu anzusetzen. Am Abend hatte er dienstfrei, weshalb er das noch vorher erledigen wollte.

Er war bereits auf dem Rückweg zur Küche, als er unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs zwischen Pepe und seinem Cousin Franco wurde. Zuerst hörte er nur ein Murmeln. Die beiden Männer kamen vom Gärtner Franz Leitner, einem versierten Botaniker der Region. Der leidenschaftliche Gärtner wohnte in einem einzeln stehenden Haus am Rande des Gartens auf einem eigenen Grundstück. Auch er gehörte zum erweiterten Mitarbeiterstab Randonis. Er betreute das Gartenpersonal mit Rat und Tat. Es war also nicht sonderlich spektakulär, dass Pepe und Franco Leitner einen Besuch abgestattet hatten. Vielleicht nur die Tatsache, dass Franco seine Mittagspause nicht zu einem Nickerchen nutzte. Das machte Alois stutzig. Normalerweise lief er um diese Uhrzeit nicht durch den Garten, schon gar nicht mit seinem Cousin Pepe, mit dem er überdies wenig gemein hatte. Alois kannte Franco nur als bärbeißigen, verschlossenen Mann. Man wurde aus ihm nicht schlau. Einerseits wirkte er einfältig und andererseits verschlagen.

Als die beiden Männer näherkamen und der Name Loui fiel – so wurde Alois von vielen gerufen – horchte er auf und duckte sich hinter die üppigen Ziersträucher. „Und? Was hab ich dir gesagt? Verstehst du jetzt, warum ich dich dabeihaben wollte?“, hörte Alois Pepe sagen.

„Tja, schon klar“, nickte Franco. „Hm, so viel Raffinesse hätte ich unserem kleinen Loui gar nicht zugetraut. Rizin? Vorher noch nie was von gehört. Und das Zeug ist wirklich so giftig?“

Alois lugte zwischen den Blättern hindurch. Wovon redeten die eigentlich? Er sah, wie Pepe heftig mit dem Kopf nickte und erklärte.

„Innerhalb weniger Stunden bist du hin und es kann dir keiner mehr helfen. Täusch dich nicht in unserem Kleinen. So grün ist der nicht mehr hinter den Ohren. Überleg mal, wo der schon alles in der Welt rumgekommen ist. Da hast du noch nicht hingespuckt.“

Franco strich sich fahrig mit der Hand über die hohe Stirn.

„Wir müssen was unternehmen“, raunte Pepe und redete weiter auf seinen Cousin ein, „bevor er Lunte riecht und abhaut.“

„Aber warum hat er dem Alten dann den Wein drübergekippt?“, runzelte Franco verständnislos die Stirn.

„Weil er noch frisch im Geschäft ist. Du hättest sehen müssen, wie nervös der war. Das war sein erstes großes Ding.“

„Aber für wen arbeitet er? Soweit ich weiß, hat der Boss sich die gesamte Konkurrenz vom Hals geschafft.“

Alois bewegte seine verkrampften Gliedmaßen, die in der unnatürlich gebückten Haltung zu schmerzen begannen, und blinzelte durch das Laub. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich hinhockte. Dabei versuchte er, den Atem so flach wie möglich zu halten, um weiterhin alles verstehen zu können. Sie hielten sich jetzt genau vor dem Busch auf, unter dem er saß. Das, was er da hören musste, machte für ihn allerdings überhaupt keinen Sinn. Wieso sollte er abhauen? Und von welcher Konkurrenz redeten die beiden? Als er die Stelle vor drei Monaten angenommen hatte, hatte es außer ihm keine weiteren Bewerber gegeben. So zumindest die Aussage von Lucia Randoni, die ihn eingestellt hatte. Nein, das konnte es also nicht sein, worüber die beiden sprachen. Unmöglich.

Franco sah Pepe jetzt mit einem fiesen Ausdruck in den Augen an. „Da gibt’s nur eine Lösung. Ich …“, er machte eine bedeutungsvolle Pause und tippte sich energisch auf die Brust, um das Gesagte zu unterstreichen, „… ich bin verantwortlich, dass unserem Boss nichts passiert. Noch mal mache ich nicht denselben Fehler. Damals bei der Sache mit den Rumänen habe ich zu lange gewartet. Und …“, er verzog seine vernarbte Visage zu einer erbarmungswürdigen Miene und holte tief Luft, „… wenn Randoni nicht so großzügig gewesen wäre … dann würde ich heute nicht mehr hier stehen.“

Pepes Gesichtsausdruck, mit dem er in den Himmel sah, stand Francos in nichts nach. „Gut, aber da konnte doch auch gar nichts passieren, nachdem Gregori sich eingeschaltet hatte. Deswegen wundert’s mich auch nicht, dass du mit einem blauen Auge davongekommen bist. Trotzdem, wir müssen auf jeden Fall zuerst mit dem Boss reden. Ich mache auch nichts ohne sein Okay! Er will wissen, wer für ihn arbeitet.“

„Aber dann …“, knurrte Franco und fuhr sich mit der flachgestreckten Hand schnell am Hals entlang, um zu demonstrieren, was dann geschehen würde.

Alois erstarrte. Es war nicht schwer zu begreifen, welche Pläne Franco und Pepe schmiedeten. Und wenn an Marias Unkenrufen doch etwas dran war? Irgendwann war sogar mal das böse Wort Mafia gefallen, als er sich mit ihr über seinen Arbeitgeber unterhalten hatte. Und die war bekannt für diskrete Lösungen. Außer seiner Familie würde ihn niemand vermissen, dafür war er in den letzten Jahren zu oft fernab seiner Heimat gewesen.

Die Stimmen der beiden wurden leiser. Sie entfernten sich in Richtung Villa. Zwar begriff Alois nicht im Geringsten, worüber sie gesprochen hatten, doch das, was er deutlich verstand, war die Botschaft, dass sie ihm, aus welchen Gründen auch immer, nach dem Leben trachteten. Aber wieso?

Alois hielt die Luft an. Der Salat!

Er ließ den Atem langsam wieder ausströmen. Es musste etwas mit den seltsamen Körnern darin zu tun haben. Was hatte Pepe eben gesagt? Alois hatte nur das Wort Rizin aufgeschnappt und dass dieses Zeug, das wie kleine Käfer ausgesehen hatte, hochgiftig sei. Etwas anderes konnte es nicht sein, denn alle anderen Zutaten hatten in den Salat gehört.

Die Gedanken rasten durch sein Hirn und überschlugen sich.

Der Anschlag hatte Randoni gegolten! Ganz klar. Er war in der Reihenfolge bei Tisch dran gewesen. So wie der Ablauf Tag für Tag, immer und immer wieder, war. Kein Geheimnis. Das wussten viele.

Aber wie konnte das Zeug in den Salat gekommen sein, wenn er es nicht hineingetan hatte? Und wo war es untergemischt worden? In der Küche? Unmöglich. Er war doch die ganze Zeit dagewesen.

Viel wichtiger war doch die Frage: Wer hatte ein Interesse daran, dass Randoni starb und warum?

Alois lugte zwischen den Sträuchern hindurch. Die beiden Männer waren fort. In seinem Magen machte sich ein mulmiges Gefühl breit, während er noch immer wie erstarrt unter dem Strauch hockte. Sein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Er wusste, wenn ihm sein Leben lieb war, konnte er keine Sekunde länger in der Villa bleiben. Zwar rebellierte sein Verstand gegen diese vorschnelle Reaktion, doch seine Intuition drängte ihn zum Handeln.

Er ließ die gesammelten Kräuter fallen, sah sich um und lief unauffällig zu seinem Zimmer. Das lag im Souterrain des Gebäudes. In rasender Geschwindigkeit zog er sich um und warf seine wenigen Sachen in die Reisetasche. Obendrauf verstaute er den wertvollen Messerkoffer, den er nie irgendwo zurückließ.

So, als wollte er einen Spaziergang machen, verließ er das imposante Anwesen, ohne sich noch mal umzusehen. Tausend Dinge gingen ihm dabei durch den Kopf, wobei ihm zuerst sein veraltetes Mobiltelefon einfiel, das er nur im Notfall nutzte. Durch die ständigen Aufenthalte im Ausland, insbesondere wenn er mit dem Schiff unterwegs war, sah er keine Notwendigkeit für die Anschaffung eines modernen Gerätes. Schnellentschlossen zertrat er das einfache Modell, für das es keinen Vertrag gab und entsorgte es im Müll. Bevor er das Grundstück verließ, sah er sich noch einmal um, doch weder in der Zufahrt noch im Vorgarten war eine Menschenseele zu sehen.

Glück gehabt.

2

„So, jetzt will ich aber wirklich los, sonst muss ich mir am Ende noch ein Zimmer für die Nacht bei Ihnen mieten“, lachte Lena Maschke und erhob sich.

Uiuiui, trotz des guten Essens waren ihr die zwei Obstbrände zu Kopf gestiegen. Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte ihren Kreislauf zu stabilisieren, dem das lange Sitzen samt leckerem Essen und Alkohol offensichtlich nicht so gut bekam. Aber wahrscheinlicher schien, dass ihr Körper streikte, weil sie sich in letzter Zeit wenig Ruhe gönnte. Sie griff nach ihrer Tasche. Franz Pichler richtete sich ebenfalls auf, schob den Stuhl zurück und reichte ihr die Hand.

„Für mich kein Problem, nur wenn Sie morgen früh abfahren wollen, ist es besser, Sie kommen zeitig zur Ruhe.“

„Ja“, Lena ließ seine Hand los und lächelte den freundlichen Biobauern an, „ich war ja nicht das letzte Mal da. Hierher zu kommen – wenn auch nur wegen der Einkäufe – ist wie Kurzurlaub für mich. Fühlen sich die Einheimischen nicht immer wie in den Ferien?“

Franz Pichler zeigte sich erfreut über das Lob für seine Heimat.

„Ja, ein bisschen wahrscheinlich schon, aber wie das halt überall so ist: Auch das Schöne wird selbstverständlich. Und Sorgen und Nöte haben die Menschen auf der ganzen Welt.“

Lena nickte und wandte sich zur Tür. Sie ließ ihren Blick durch den gemütlichen Hofladen wandern, der aufgrund der geschickten Einrichtung und Gestaltung längst nicht so groß wirkte, wie er tatsächlich war. Ein Grund dafür waren die vielen Produkte, die in Körben, Holzkisten und auf Tischen im Raum standen und so die Fläche in einzelne Bereiche teilten, in denen Biofleisch, Käse, Obst, Kartoffeln und Nudeln verkauft wurden. Wenn sie nicht schon Kunde gewesen wäre, wäre sie’s gern geworden, so ansprechend präsentierte Familie Pichler ihre Waren. Ein Sinnbild fürs Schlaraffenland hätte nicht besser aussehen können. Selbstgebrannte Schnäpse, Weine und Liköre aus der Region rundeten das Sortiment ab.

Lena ging über den gepflasterten Hof nach draußen zu ihrem roten Kleinbus. In geschwungener gelber Schrift prangte quer über den fensterlosen Seitenflächen „Im Brunnenhof“. Dagegen konnte man durch die Heckscheibe auf die mit Kartons und Päckchen vollbepackte Ladefläche sehen, in denen die Delikatessen vom Pichlerhof standen.

„Gute Fahrt morgen“, rief ihr der Biobauer nach, als sie mit offenem Fenster und einem Winken davonfuhr.

Langsam rollte sie die wenig befahrene Bergstraße hinunter. Eine höhere Geschwindigkeit wäre bei dem Panorama eine Sünde, fand Lena. Die warmen Strahlen der Abendsonne tünchten die beeindruckende Aussicht der Südtiroler Berglandschaft in ein romantisches Licht. Sie konnte sich einfach nicht daran sattsehen. Gern wäre sie länger geblieben. Unmöglich, angesichts des straffen Zeitplans für die nächsten zwei Wochen. Der Gedanke an all die Dinge, die bis zur Neueröffnung ihres kleinen Restaurants und dem dazugehörigen Feinkostladen noch erledigt werden mussten, ließen keine Muße zu. Doch wirklich Sorgen machte ihr das nicht. Bisher war es ihr noch immer gelungen, gesetzte Ziele zu erreichen. Zumindest, was die beruflichen Belange in ihrem Leben betraf, konnte sie das behaupten. Mit Ellen Jäger und Uschi Stölzer hatte sie außerdem Personal im Rücken, auf das sie sich absolut verlassen konnte. Lena musste grinsen. Die drei Weiber vom Brunnenhof. So schnell brachte die nichts aus dem Konzept. Erst vor einer Stunde, während der Verkostung mit Bauer Pichler, war ein Anruf von Ellen gekommen, die ihr auf die Schnelle hatte berichten wollen, was schon alles erledigt war.

Lenas Küchenchefin Ellen, Ende vierzig und ein Gourmet vor dem Herrn, konnte sich getrost eine begnadete Köchin nennen. Am Herd und in der Speisekammer des Brunnenhofes hatte sie jetzt das Zepter in der Hand. Das galt ebenfalls für die Menükarte, für die sie verantwortlich war, während Lena sich mehr um das Sortiment des Ladens kümmerte und den Service des Restaurants betreute. Dabei hatte Ellen einen ganz anderen Beruf erlernt, nämlich Buchhalterin. Doch den übte sie schon viele Jahre nicht mehr aus, sondern widmete sich vielmehr mit ganzer Leidenschaft dem Kochen. Lena beherrschte dagegen alles andere, was zu einem guten Gastronomiebetrieb gehörte, womit die beiden ein unschlagbares Team bildeten. Das Hotelfach hatte sie von der Pike auf gelernt. Zuerst im heimischen Betrieb bei der Mutter und dann durch eine solide Ausbildung in einem angesehenen Hotel in München.

Lena presste die Lippen aufeinander und schluckte. Ihre Augen wurden feucht. Wie immer kamen die Trauerattacken von einer Sekunde auf die andere. Sie versuchte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Obwohl der plötzliche Unfalltod ihrer Mutter nun dreizehn Monate zurücklag, überfielen sie wie aus dem Nichts noch immer Wehmut und Jammer. Es verging kein einziger Tag, an dem sie ihre Mutter nicht vermisste. Der Anblick der atemberaubend schönen Berge im Abendlicht machte den Moment der Trauer noch intensiver. Wie gern hätte sie gerade so etwas, wie diese Einkäufe bei Bauer Pichler gemeinsam mit ihr erlebt. Heike hatte Südtirol geliebt. So sehr, dass sie jedes Jahr ein paar Tage Urlaub hier verbracht hatte. Von den Kontakten profitierte Lena nun. Ohne die familiären Verpflichtungen hätte Heike damals Nordhessen sicherlich für immer den Rücken gekehrt, um nach Südtirol zu ziehen. Doch das elterliche Erbe hatte eine so große Bürde dargestellt, der sich Heike als Einzelkind nicht einfach so hatte entziehen können.

Nach dem Tod der Großeltern vor vier Jahren begannen Mutter und Tochter, Pläne zur Umgestaltung des Gastbetriebes zu machen. Aus dem alteingesessenen Gasthof mit landwirtschaftlichen Gebäuden sollte ein Gourmetrestaurant mit Feinkostladen werden. Mitten in der Umsetzungsphase war der Unfall passiert. Von einem auf den anderen Tag hatte sich Lenas Leben um hundertachtzig Grad verändert. Unwiderruflich. Lena, damals gerade mal 25 Jahre alt, hatte plötzlich alles allein entscheiden und verantworten müssen. Ihr Vater, der bereits damals die meiste Zeit des Jahres auf Mallorca lebte, hatte ihr dabei nicht wesentlich helfen können. Seine gastronomischen Kenntnisse waren kaum der Rede wert. Wohl war er ein guter Geschäftsmann. Zahlen und Fakten beherrschte er aus dem Effeff. Und natürlich unterstützte er seine Tochter, wo er nur konnte. Außerdem hätte Heike gewollt, dass Lena die gemeinsamen Vorhaben wie geplant durchführte.

So in Gedanken versunken bemerkte Lena den im Graben liegenden Mann erst, als sie fast an ihm vorbeigefahren war. Auf der abschüssigen Straßenseite, die nach Süden gerichtet war, standen Bäume und Büsche in unterschiedlichen Höhen und verbargen dahinter eine Obstplantage. Auf der anderen ragte ein Abhang, nur durch eine breite Furche mit Grünstreifen von der Fahrbahn getrennt, in die Höhe. Die Straße zog sich an der Stelle in einem sanften Bogen bergab, als sie ihn wegen seines weißen T-Shirts aus den Augenwinkeln im Gebüsch bemerkte. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kauerte er zusammengesunken neben einer Reisetasche und hielt sich den Arm.

Im Bruchteil einer Sekunde entschied Lena zu helfen. Ruckartig trat sie aufs Bremspedal, lenkte den Wagen geistesgegenwärtig auf den Grünstreifen und brachte ihn zum Stehen. Vor lauter Aufregung vergaß sie, die Kupplung zu treten, um den Gang herauszunehmen. Der Kleinbus machte einen Satz und ging mit einem ächzenden Geräusch aus. Aufgeregt zog sie die Handbremse an, löste den Gurt und sprang aus der Tür.

Das Erste, was ihr an dem Mann auffiel, waren seine braunen Augen, die sie überrascht und auch erschrocken ansahen. Er war jung, schätzungsweise genauso alt wie sie, und wirkte verstört. Das schulterlange dicke, fast schwarze Haar trug er zu einem Zopf gebunden, aus dem sich einige Strähnen gelöst hatten. Ein gepflegter dichter Vollbart verdeckte die untere Hälfte seines schmalen Gesichts, wodurch er verwegen wie ein Rocker aussah. Automatisch ging ihr Blick zu seinen kräftigen Armen, die unbedeckt unter dem Halbarmshirt hervorlugten. Doch eine Tätowierung fand sie nicht. Lena hatte im Lauf ihrer Berufsjahre einen Blick für Menschen entwickelt. Eine Art Scanner-System, mit dem sie ihr Gegenüber zuordnete. In der Gastronomie und besonders als Frau in dieser Branche, war das kein Zeitvertreib, sondern eher ein notwendiges Muss. Auch jetzt registrierte sie in kürzester Zeit, wen sie vor sich hatte. Sein von Natur aus dunkler Teint wirkte blass und ließ darauf schließen, dass er die meiste Zeit in Räumen verbrachte. Das passte auch zu seinen Händen, die nicht so aussahen, als seien sie grobe Arbeit gewohnt. Ihr Blick blieb an einer Kratzwunde an der Stirn hängen, aus der Blut tropfte. Er presste ein Taschentuch auf seinen linken Ellenbogen und versuchte, damit eine große Schürfwunde notdürftig abzutupfen. Die Jeans zeigte einen langen Riss und war genau wie das T-Shirt mit Erd- und Grasflecken übersät. Überall, in den Haaren und auf der Kleidung, hingen die Reste von Moos, Blättern und kleinen Ästen. Seine Füße steckten in Turnschuhen, weshalb er kaum von einer Wanderung kommen konnte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, rief Lena besorgt. „Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren?“

Noch im selben Moment wusste sie, dass das nicht möglich war. Sie konnte sich glücklich schätzen, wenn sie unbehelligt zurück in ihre Ferienwohnung kam. Bei der Verkostung waren es nicht nur die zwei Obstbrände gewesen. Dazu hatte sie noch mindestens vier verschiedene Weine probiert. Zwar nur ganz wenig, aber immerhin. Lena hatte es einfach nicht fertiggebracht, die guten Tropfen wieder auszuspucken. Wie hätte sie auch ahnen können, in welche Situation sie an diesem Tag noch kommen würde?

„Nein“, hörte sie ihn zu ihrer Erleichterung mit angenehm tiefer Stimme sagen, „das ist nicht nötig. Wenn Sie mich nur mit in den Ort nehmen würden.“ Er bemühte sich, hochdeutsch zu sprechen, doch der Einschlag des hiesigen Dialekts ließ sich nicht leugnen.

„Natürlich. Aber vorher verarzte ich Ihre Wunden.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie rasch zum Wagen. „Ich habe alles, was wir brauchen, im Verbandskasten.“

Der Fremde betrachtete skeptisch seine offene Schramme.

„Danke, das ist nett. Aber es sieht schlimmer aus, als es ist.“ Er verzog den Mund zu einem Lächeln. „Es muss nur aufhören zu bluten“.

Wow, dachte Lena und ihr Herz machte einen Hüpfer. Was ein Lächeln doch ausmachen konnte … Weiße, gerade Zähne, die zwischen vollen Lippen aufblitzten, ließen seinen Charme pfeilartig in die Höhe schießen.

„Trotzdem. Das muss sein.“

Wie oft kam es im Restaurant und in der Küche vor, dass sich jemand verletzte. Schnittwunden und Verbrennungen waren keine Seltenheit. Da gab’s nichts zu überlegen. Da musste man handeln.

Ohne Scheu strich sie ihm vorsichtig die losen Strähnen aus der Stirn, was er reglos über sich ergehen ließ. Dabei kam sie ihm zwangsläufig so nahe, dass sie feststellen konnte, dass er nach Seife roch. Angenehm männlich und anziehend. In Lenas Kopf blinkte eine Warnleuchte auf. Nein, stopp! Falscher Zeitpunkt und falscher Gedanke. Sofort konzentrierte sie sich wieder auf seine Wunden. Zügig tupfte sie ihm das Blut ab, reinigte die Wunde und legte Pflaster auf.

„Fertig.“

„Danke“, murmelte er und wirkte etwas verlegen.

Beide wichen dem Blick des anderen aus. Lena räusperte sich und trug das Verbandszeug zum Auto. Er griff nach seiner Reisetasche, die neben ihm im Graben lag, und richtete sich geschmeidig zu voller Größe auf. Lena schluckte, als sie sah, was für ein beeindruckendes Mannsbild da vor ihr stand. Drahtig, mit schmalen Hüften und breiten Schultern, wirkte er wie aus einer Werbung für … ihr fiel nichts Konkretes ein. Auf jeden Fall irgendetwas, was Männern Spaß machte: Bäume fällen, Bagger fahren, irgend so was eben. Sie musste den Kopf leicht anheben, um ihm in die braunen Augen sehen zu können. Dabei war sie mit ihren 1,70 auch nicht gerade klein. Seine Lider flatterten, als es im Gebüsch hinter ihm knackte und raschelte. Ein Vogel scharrte mit dem Schnabel im Unterholz. Nervös drehte er sich nach allen Seiten, bevor er Lena wieder ansah.

„Steigen Sie ein.“ Sie deutete auf die Beifahrertür und ging um den Kleinbus herum, um sich hinters Steuer zu setzen. Als er sich neben sie auf den Beifahrersitz setzte, bemerkte sie, wie seine Hände zitterten. Bestimmt stand er noch immer unter Schock, weil er den Hang runtergepurzelt war.

 

Vor der Ferienwohnung am Stadtrand von Bozen angekommen parkte Lena den Wagen und sah ihn besorgt an. Während der Fahrt hatte er keinen Ton gesagt.

„Sind Sie sicher, dass ich nicht doch noch etwas für Sie tun kann?“

Er presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. „Nein. Danke. Sie haben mir schon sehr geholfen, weil Sie mich mitgenommen haben. Ich komm schon klar.“

Er öffnete die Tür, nahm seine Tasche und stieg aus dem Bus. Unschlüssig umschlang er das Gepäck, bevor er Lena noch einmal ansah.

„Soll ich helfen, die Sachen ins Haus zu tragen?“

Jetzt schüttelte Lena den Kopf.

„Nein. Ich fahre morgen früh zurück nach Deutschland. Heute Abend brauche ich davon nichts. Es wäre also sinnlos. Aber danke fürs Angebot.“

Das einzeln stehende kleine Haus im bäuerlichen Stil, in dem Lena sich eingemietet hatte, besaß einen Garten und eine Terrasse, welche man mitbenutzen konnte. Es lag inmitten einer Ansiedlung von Häusern, die alle gleich aussahen. Die meisten davon wurden als Ferienhäuser genutzt. Natürlich war es für sie allein viel zu groß. Doch so lange sie denken konnte, war dieses Häuschen ihr Domizil in Südtirol gewesen und so sollte es auch bleiben.

Während sie zur Eingangstür ging, sah sie sich noch einmal besorgt nach dem Fremden um. Doch er kehrte ihr bereits den Rücken zu.

Mehr als ihm Hilfe anbieten, konnte sie nicht. Und wenn er das nicht wollte … dann eben nicht.

Sie dachte an die Aufgaben, die vor ihr lagen, und beschloss, sich nicht weiter um ihn zu kümmern.

 

Orientierungslos lief Alois durch die schmalen Straßen der Ferienhaussiedlung. Sein Kopf schmerzte, die Haut am Oberarm brannte und sein Hintern fühlte sich an, als wäre er ohne Schlitten den Berg hinuntergerodelt. Aber am schlimmsten fand er das Chaos, das in seinem Kopf herrschte. Immer wieder liefen die letzten Stunden vor seinem inneren Auge ab. Und mit jeder Minute, die er länger darüber nachdachte, wurde ihm die Situation unverständlicher. Fest stand nur, dass es etwas mit dem Salat vom Chef zu tun gehabt haben musste. Ganz besonders jedoch mit dem, was er darin entdeckt hatte. Alois furchte die Stirn. Was war an diesem Mittag anders gewesen als sonst? Der Weinhändler hatte während der Mittagszeit eine Nachlieferung gebracht. Das machte er sonst nie, weil er genau wusste, dass Randoni Störungen zu den Mahlzeiten nicht wünschte.

Wie jeden Tag hatte Alois das Essen in derselben Ordnung serviert. Zuerst bekamen Lucia und Pamela aufgetragen. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Randoni, das hatte er schnell kapiert, war ein Pedant und dazu ein Perfektionist. Als Letzter in der Runde bekam der Chef serviert. So hatte sein Vorspeisenteller noch auf der Anrichte im Esszimmer gestanden, als Alois das Auftragen für den Lieferanten hatte unterbrechen müssen. Außer ihm hatte sich nur noch Pepe im Raum befunden. Auch nichts Ungewöhnliches. Pepe leistete der Familie oft Gesellschaft und aß dann auch meistens mit. Doch heute hatte er mit der Begründung abgelehnt, unter einer Magenverstimmung zu leiden, als Lucia ihn zu Tisch gebeten hatte. Der Salat war so für einen Moment unbeaufsichtigt geblieben, weil Alois die Weinlieferung entgegengenommen und den Lieferschein hatte quittieren müssen. Nicht einmal fünf Minuten konnte das gedauert haben. Randoni hasste es, zu warten.

Woher verdammt, war also das verfluchte Rizin gekommen? Harmlos konnte das Zeug nicht sein. Sonst wären Pepe und Franco nicht beim Gärtner gewesen. Giftig sei es, hatte Pepe Franco im Garten erklärt oder Franco Pepe. Aber das war ja jetzt auch egal. Auf jeden Fall lebensbedrohlich giftig. Franz Leitner kannte sich mit allem, was wuchs, aus. Der Mann war ein angesehener Botaniker. Schon interessant, sinnierte Alois, mit welch gut ausgebildeten Kräften Randoni Kontakte pflegte. Wieder musste er an das denken, was ihm seine Schwester Maria erzählt hatte. Ob Randoni tatsächlich zur Mafia gehörte? In diesen Kreisen gab man sich jedenfalls nicht mit Stümpern ab. Das Wort Fehler existierte in deren Wortschatz nicht und wenn ja, wurden diese Missstände umgehend und endgültig behoben. Alois liebte Krimis und hatte schon einige gelesen, in denen es um die Mafia-Szene ging. Auch ohne dieses Halbwissen wusste er, dass er sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen musste. Aber wohin? Und wie sollte er irgendetwas zur Klärung herausfinden, wenn er sich nirgends mehr blicken lassen durfte? Zu seiner Schwester konnte er nicht zurück. Damit würde er sie unnötig in die Bredouille bringen. Denn auch, wenn er keine Beweise für seine Theorien hatte und außerdem sowieso noch gar nichts verstand … dass er sich in Gefahr befand, und zwar in Lebensgefahr, daran bestand für Alois Maximilian Hofer kein Zweifel mehr. Reine Intuition.

Er blieb stehen. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Tatsache, dass er keine Unterkunft hatte, drang ihm ins Bewusstsein. Aber wo sollte er bleiben? Es müsste nur ein Ort sein, an dem er etwas Schutz finden würde, um sich bis zum Morgengrauen zurückziehen zu können. Vorher ließ sich sowieso keine Entscheidung treffen.

Ohne genau zu wissen warum, drehte er sich um und lief zurück zu dem Haus, in dem sich die junge Frau eingemietet hatte. Er ging am Zaun entlang, sah den Kleintransporter in der Einfahrt stehen und versuchte im schummrigen Licht der Laterne herauszufinden, ob es dort eine Möglichkeit gab, sich zu verstecken.

Er ging näher und entdeckte einen Weg zwischen Einfahrt und Haus, der zum Garten dahinter führte. Zur Straßenseite hin waren alle Fenster dunkel. Er sah sich um. Zwei Häuser weiter brannte Licht im Wohnzimmer, doch die beiden rechts und links direkt danebenliegenden Gebäude schienen unbewohnt zu sein. Weder brannte Licht noch stand ein Fahrzeug davor. Er schlich sich an dem roten Kleinbus vorbei, tastete sich an der Hausmauer entlang und blieb vor einem hölzernen Gartentor stehen. Der eiserne Riegel, den er durch den schwachen Schein der Straßenlaterne erkennen konnte, ließ sich mühelos aufziehen. Quietschend öffnete sich das Tor.

Alois atmete langsam aus. Schwein gehabt. Vorsichtig schloss er die Tür und tastete sich wie ein Blinder weiter vor. Der grelle Lichtschein, der die Terrasse und den kleinen Garten dahinter erleuchtete, kam so überraschend für ihn, dass er sich die Hand vor die Augen halten musste. Das Licht drang durch die geschlossenen Scheiben der Verandatüren, die zum Freisitz führten. Alois ging im Lichtschatten weiter und hoffte, dass er irgendeine brauchbare Unterlage finden würde. Und natürlich darauf, nicht von seiner Retterin entdeckt zu werden.

An der Grenze zum Nachbargarten machte er einen hölzernen Unterstand aus. Im schwachen Lichtschein des Hauses fand er neben Gartenmöbeln und Blumenkübeln eine Truhe und – Alois konnte sein Glück kaum fassen – eine Sonnenliege. So leise wie möglich kramte er das Metallgestänge aus der Dunkelheit und zog es auseinander. Im Schutz des Halbdaches stellte er das wackelige, mit Segeltuch bespannte Gestell auf. Wenn er jetzt noch mehr Dusel hatte, würde sich in der Truhe auch noch eine Polsterauflage ausfindig machen lassen. Und so war es! Wenn das kein gutes Omen an diesem schrecklichen Tag war.

Immer auf der Hut behielt er das Zimmer, aus dem das Licht kam, im Auge. Drinnen, hinter der gardinenlosen Fensterscheibe, lief seine Retterin hin und her. Alois blinzelte, als er registrierte, welchen Anblick die Lady bot. Ganz ohne Zweifel entschädigte ihn diese Aussicht ein wenig für das, was ihm an diesem Tag widerfahren war. In BH und Höschen räumte sie Päckchen in einen Korb, verstaute Kleidung in einer Reisetasche und schrieb Notizen auf einen Zettel. Nebenher nippte sie immer mal wieder an einem Glas Rotwein. Alois ertappte sich dabei, dass er sie wie ein Voyeur anstarrte, was glücklicherweise im Schutz der Dunkelheit keiner sehen konnte. Das deutsche Fräulein konnte man getrost als eine echte Augenweide bezeichnen. Sie war schlank, dabei aber nicht zu dünn. Genau richtig, mit guten Proportionen ausgestattet. Sexy dachte er, als sie sich ihm jetzt von der Seite zeigte und er ihre Rundungen abschätzen konnte. Doch erst ihr Gesicht, das ihm sicher in Erinnerung bleiben würde, weil die wachen, seegrünen Augen darin so beeindruckend leuchteten, machten sie zu einer wirklich begehrenswerten Frau. Und die Art, wie sie ihn gemustert hatte – durchdringend – spürte er noch jetzt auf der Haut. Aber besonders die klaren Gesichtszüge und die winzigen Sommersprossen gefielen ihm richtig gut. Das volle rostrote Haar trug sie noch immer zu einem Knoten gesteckt, der ihren Nacken berührte. Wie es wohl aussah, wenn es ihr offen über die Schultern fiel?

Alois schüttelte missbilligend den Kopf.

War er eigentlich noch ganz bei Trost? Als ob er keine anderen Sorgen hätte!

Jetzt galt es erst mal, die eigene Haut zu retten. Er wandte sich ab. Weg vom faszinierenden Anblick seiner rothaarigen Retterin breitete er die Auflage aus, zog sich eine Jacke über und stellte dann die Tasche unter die Liege. Vorsichtig ließ er sich darauf nieder und versuchte zu schlafen.