Leseprobe Eine ungezähmte Braut

Kapitel 1

Blackburn Castle, im Jahre unseres Herrn 1519

„Ihr müsst mich heiraten, Lady Shona. Ihr müsst.“ James’ bernsteinfarbene Augen sahen erbittert drein und sein Ausdruck war ernst, während er fest die Hand seiner Geliebten hielt und von der althergebrachten Position auf einem Knie zu ihr heraufsah. „Sagt, dass Ihr es tut.“

„Ihr wisst, dass ich nicht kann.“ Shona sah nervös in Richtung der Zuschauer, die sie umgaben. Sie hätte viel dafür gegeben, James diese Szene zu ersparen, denn eines Tages würde sein Stolz wegen einer so öffentlichen Vorführung verletzt werden. Es würde sicher Anlass zu Gerede geben. Verschiedene Versionen dieses Moments würde an tausend Herdfeuern berichtet und nacherzählt werden, aber die unvergessliche Tatsache würde bleiben; King James der Fünfte, oberster Herrscher von ganz Schottland, hatte ein einfaches Mädel aus den Highlands auf Knien angebettelt, ihn zu heiraten.

Allein der Gedanke daran ließ Shona nichts mehr wollen, als dieses ganze Spektakel zu umgehen. Aber sie wusste, das durfte sie nicht, denn ihre Pläne würden ohne einen solch dramatischen, öffentlichen Abschied empfindlich geschwächt werden.

„Ihr wisst, dass ich Euch nicht heiraten kann“, murmelte Shona. „Lord Tremayne würde es niemals erlauben. Er war schon gekränkt genug, als wir uns am letzten Mittsommerabend nur für ein paar Stunden aus Edinburgh Castle wegschlichen. Und es hat der Sache nicht geholfen, dass wir Euren Arm verletzten.“

„Das war nicht mehr als ein Kratzer, und nicht Eure Schuld.“

Sie schenkte ihm ein Lächeln, für seine rasche Verteidigung und weil sie sich daran erinnerte, wie er sich als Bauer verkleidet hatte und sie sich als Bursche. James war direkt unter Tremaynes Blick vorbeigegangen, ohne dass es ihm aufgefallen war, aber es hatte Konsequenzen gegeben. Fürwahr, Tremayne hatte getobt wegen ihrer Neigung, „den König auf gefährliche Gedanken zu bringen“. Er war sogar so weit gegangen, sie anzuklagen, aus eigenen, verschlagenen Gründen ein Komplott gegen den Thron zu planen. Was würde er erst tun, wenn er von ihren aktuellen Plänen wüsste? Sie wagte nicht, darüber nachzudenken. „Ihr wisst, ich würde alles für Euch tun, James. Aber wenn es Eure anderen Berater nicht gegeben hätte, hätte ich meinen Kopf nur für meinen gottlosen Einfluss auf Euch verloren. Was würde Tremayne tun, wenn er wüsste, dass Ihr mich zu heiraten wünscht?“ Sie grinste. „Manche sagen, ich wäre Eurem herrschaftlichem Titel gegenüber mehr als respektlos gewesen.“

„Einige warzengesichtige, alte Männer, die Euch vom ersten Moment an ablehnten“, sagte James.

„Wie dem auch sei, ich wage es nicht, Tremayne erneut zu hintergehen oder–“

James stand mit einem Ruck auf, seine Stirn vor Aufregung in Falten, sein Mund auf mürrische Weise verzogen, wie immer, wenn er schmollte. „Tremayne bestimmt nicht über mein Leben. Ihr könnt mich heiraten. Fürwahr, ich bestehe darauf, dass Ihr es tut.“

„Ihr besteht darauf?“ Sie lächelte ihn an. Wahrlich, sie fühlte sich mit einem beharrlichen James wohler als mit einem melancholischen. „Auch wenn Ihr wisst, dass es Schottland nicht zum Vorteil gereicht?“

Er blickte finster drein, während er über ihre Worte nachdachte.

„Ich denke nicht, Eure Majestät. Denn Ihr seid gut und weise, und Ihr werdet heiraten und dabei an Schottlands Zukunft denken.“

„Schottland könnte es mit Euch als Königin nicht besser ergehen“, schwor er ernst.

„Mir?“ Sie lachte und ließ ihre Hand aus seiner gleiten. „Eine bescheidene Maid aus dem Norden? Nicht für Euch, Eure Majestät. Eines Tages werdet Ihr die elegante Tochter eines reichen Königs heiraten, und die Verbindung wird unserer Sache äußerst dienlich sein.“

„Ich will niemandes elegante Tochter. Ich will Euch!“ Seine Stimme wurde lauter.

Shona stand auf. „Eure Majestät, Eure neuen Diener sehen zu“, erinnerte sie ihn. „Vom Falken ganz zu schweigen.“ Sie warf ihrem Onkel einen Blick zu, dem berghohen Krieger, der nach dem letzten Attentat auf den König zum persönlichen Leibwächter des Monarchen bestimmt worden war. „Der Falke sieht zu. Ihr wünscht doch nicht, dass er denkt, dass Ihr Euch wie ein Kind verhaltet.“

„Aber ich bin ein Kind!“, jammerte der Junge, brach in Tränen aus und warf ihr die Arme um die Taille.

Es stimmte, dachte Shona, als sie ihn in ihre Umarmung zog. Er mochte der gekrönte König von Schottland sein, aber er war auch ein sieben Jahre alter Junge. Ein Junge, der seinen Vater in der blutigen Schlacht auf Flodden Field verloren hatte, ein Junge, der seine Mutter an eine weitere Heirat verloren hatte – eine Heirat, die sie gezwungen hatte, seine Vormundschaft aufzugeben. Er wurde jetzt ganz und gar nicht wie ein Kind behandelt, sondern entweder wie eine Schachfigur oder wie ein Erbstück. Es war kein Wunder, dass er auf sie setzte, wenn es um Beständigkeit und Fürsorge ging, obwohl sie schwerlich von fürsorglicher Art war.

„Ruhig, James“, tröstete sie und streichelte sein kastanienbraunes Haar, während sie Kelvin hilflos anblickte, den jungen Burschen, den sie mitgebracht hatte, um den König zu unterhalten. „Es wird alles gut werden. Ihr werdet schon sehen. Ich werde hin und wieder kommen, um Euch zu besuchen.“

„Ihr werdet bleiben!“, rief er und packte fester zu. „Ich befehle Euch zu bleiben!“

„Der Falke wird bleiben“, gab sie zurück.

„Der Falke! Ihr würdet mich mit einem Vogel zurücklassen, der seine eigenen Geschwister frisst?“

Sie konnte nicht anders als zu lachen, denn eine solche Aussage war charakteristisch für den jungen König. Er war bekannt für seine Vorliebe für theatralisches Verhalten, aber es brachte nicht viel, wenn man das zu ernst nahm. Sie hatte das während ihrer Zeit bei Hofe vor einigen Monaten gelernt. Fürwahr, es war ihre Beziehung zu James gewesen, die ihren Aufenthalt in den Lowlands erträglich gemacht hatte, aber nicht die zu dem mythenhaften Verehrer, von dem ihre Eltern gehofft hatten, dass sie ihn hier finden würde.

„Wenn ich verspreche, dass der Falke Euch nicht fressen wird, werdet Ihr mich dann gehen lassen?“, fragte sie.

„Niemals! Ich werde Euch nie gehen lassen!“

„Ich kann nicht bleiben, James. Ich muss in meine Heimat zurückkehren. Ihr wisst das. Aber Kelvin und ich werden zurückkehren und Euch besuchen, sobald wir können.“

„Kelvin!“, schluchzte der König. „Ich will Kelvin nicht. Er ist nicht mehr als ein Gemeiner und ein Dieb.“

„Ein Dieb?“ Es stimmte, dass sie den Jungen erst vor einigen Monaten in den Straßen von Edinburgh gefunden hatte, wo er Taschendiebstahl betrieb, aber sie hatte gehofft, sie hätte den Diebereien des Burschen ein Ende gesetzt. Shona schürzte ihre Handfläche um James’ Kinn und hob seinen Kopf, sodass sich ihre Blicke trafen. „Ein Dieb?“ Einen Augenblick lang sah sie das gerissene Leuchten von Schalk in den Augen des Jungen.

„Er hat meine Lieblingsbrosche gestohlen“, klagte James, obwohl er ohnehin von Edelsteinen erdrückt wurde.

Shona ließ ihren Blick zu dem rothaarigen Burschen schnellen, der hinter dem König stand. Es war unmöglich zu sagen, wie alt er genau war, weil er vor langer Zeit eine Waise geworden war. Aber auch er musste etwa sieben Jahre alt sein. Er war schlank und klein, wie der König. Seine Augen konnten sogar auf dieselbe Weise leuchtenden Unfug zeigen, wie die des Königs, obwohl sie jetzt nicht viel mehr als schockierte Unschuld ausdrückten. Eine Unschuld, die anscheinend nicht verlässlich war, schließlich ruhte auf seiner schmalen Brust eine runde Brosche mit einem großen Blutstein.

„Ihr wisst, wie sehr ich diese Brosche liebe“, sagte der König, der plötzlich seine Tränen zurückhielt, um ihr ernst ins Gesicht zu blicken. Er seufzte. „Sie war ein Geschenk meiner geheiligten Großmutter.“

Die Wahrheit war, er hatte sie von seinem Stiefvater bekommen, dem sechsten Earl von Angus, einem Mann, den James nicht einmal mochte. Aber jetzt war schwerlich die Zeit, zu versuchen, ihn zu mehr Ehrlichkeit zu erziehen. Es konnte immerhin sein, dass Kelvin in dieser Hinsicht einen schlechten Einfluss auf ihn gehabt hatte.

„Gib ihm die Brosche“, sagte Shona sanft und starrte Kelvin an.

Der Junge öffnete seinen Mund, als wolle er Einspruch erheben, aber statt zu sprechen löste er schließlich den metallenen Kreis von seiner Tunika und trat vor.

James ließ seine Arme von Shonas Taille fallen und drehte sich zu dem Bengel um. Sie standen Auge in Auge, und eine Weile lang schwiegen sie, als teilten sie einen vertraulichen Gedanken. Aber schließlich reichte Kelvin die Brosche herüber.

„Ich habe Euch all die anderen gelassen“, sagte er mit schwerem irischen Akzent. „Diese eine hättet Ihr erübrigen können.“

„Ich bin König. Ich habe das Recht, gierig zu sein“, sagte James flapsig, und plötzlich grinste der andere Junge.

Es war ein Grinsen, das bei Shona ernste Zweifel weckte. Es war möglich, dass sie verrückt war zu glauben, dass sie dieses eigenwillige Kind alleine pflegen könne, während Wahnsinn gut beschrieb, dass sie glaubte, er wäre dem König ein guter Gefährte. Doch trotz ihrer häufigen Streits während der letzten vier Wochen, die sie miteinander verbracht hatten, waren sich die Jungen schrecklich nahegekommen. Vielleicht zu nah, wenn man die dubiose Vergangenheit des Straßenkinds bedachte. Vielleicht hatte Tremayne recht und es war das Beste, dass Kelvin nicht hierbliebe und den König länger beeinflusste.

„Es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen“, sagte sie.

„Fürwahr“, stimmte Kelvin glücklich zu. „In die Highlands.“

Obwohl die Reise von Blackburn nach Dun Ard lang und feucht gewesen war, war Shona schließlich zuhause. Sie füllte ihre Lungen mit der frischen Frühlingsluft und spürte, wie sich ihre Muskeln entspannten. Nirgendwo in der Welt roch es wie in den Highlands von Schottland. Nirgendwo sonst war die Luft voll von dieser berauschenden Mischung aus Heidekraut und Freiheit.

Unter ihnen stolzierte Teine Lochan auf der Stelle. Die Stute war zurückgelassen worden, als Shona nach Blackburn gegangen war, zurückgelassen, zu lange eingesperrt.

„Willst du also rennen, Mädchen?“, fragte Shona, die die Zügel immer noch gespannt hielt.

Die Stute hörte auf zu tänzeln. Sie bog ihren majestätischen Nacken herauf, kaute auf ihrer Kandare, ihre Muskeln waren angespannt und zitterten.

„Dann renn“, rief Shona, lehnte sich über Teines Mähne und lockerte die Zügel.

Plötzlich hatten sie Flügel, flogen wie ein Falke über das grüne Moor, schossen wie Schwalben herab, als ob sie die bloße Essenz des Lebens einfangen könnten, wenn sie nur schnell genug flogen. Shona packte den Rumpf der Stute mit ihren in Leder gekleideten Waden, ließ die Zügel in die wirbelnde, flachsfarbene Mähne fallen und hob ihre Arme in den Wind.

Die mächtigen Ärmel ihrer weißen Tunika flatterten wild wie Segel. Ihr Haar strömte hinter ihr. Gefangen in der Herrlichkeit der Freiheit knisterten ihre feurigen Locken an der kastanienfarbenen Haut des Rosses wie eine neunschwänzige Katze, und spornten die Stute zu noch größerer Geschwindigkeit an.

Weiter und weiter ritten sie, bis sie schließlich müde und satt in eine stille Talsenke kamen, in der ein Fluss unter der untergehenden Sonne dahinfloss. Vielleich sollte sie zum Schloss zurückkehren, dachte Shona, aber das Wasser rief sie, und sie antwortete, ließ die Stute ungehindert neben dem plaudernden Bach grasen.

Es gab viel, worüber sie nachdenken und mit dem sie sich näher befassen konnte. Shona war vor weniger als drei Tagen nach Dun Ard zurückgekehrt, aber selbst hier in ihrem Zufluchtsort konnte sie Schottlands Wirren spüren. Die Highlands waren vor den Schwierigkeiten, die das Land quälten, nicht gefeit. Denn nach dem Tod des letzten Königs vor etwa fünf Jahren auf Flodden Field, war sein Sohn gekrönt worden, ein Junge, der viel zu jung war, um die Staatsführung in die eigenen Hände zu nehmen. Ein französischer Regent war gewählt worden, aber der Regent war in seine Heimat zurückgekehrt und hatte Schottland führungslos zurückgelassen.

Es war dieser Zustand der Unruhe, der ihren Vater – der von jenen, die ihn kannten Roderic, der Schelm, genannt wurde – dazu veranlasst hatte, eine Zusammenkunft der Clans aus den Highlands zu planen. Wenigstens war es das, was er gesagt hatte, obschon Shona fest daran glaubte, dass es ein nur weiterer Versuch war, einen passenden Ehemann für sie zu finden. Lord William, der Herzog von Atberry, war lange Zeit ein gewichtiger Anwärter gewesen, aber es war bisher kein Ja-Wort gesprochen worden.

Shona seufzte und setzte sich hin, ihre Beine unter sich auf einem Felsvorsprung verschränkt.

Sie beugte sich vor und ließ die erfrischenden Wellen über ihre Finger fließen. Sie war eine der wenigen Glücklichen, das wusste sie, denn sie war beinahe zwanzig Jahre alt und noch nicht versprochen. Fürwahr, ihre Eltern hätten sie nicht an irgendeinen Mann gegeben, es sei denn, sie selbst hätte der Verbindung zugestimmt, und so kam es zur Verzögerung. Wem konnte sie zustimmen, wenn sie sich so lange in der Liebe von Roderic dem Schelm aalte?

Shona entfernte ihre weichen Halbstiefel, schwang ihre Beine über den Stein und tauchte ihre Zehen in die Wellen. Auf der ganzen Welt war dies ihr Lieblingsplatz. Es gab eine winzige Bucht, in der das warme Wasser durch eine Sandbank gefangen war. Es fühlte sich wie Sonnenschein auf ihrer Seele an, nur so zu sitzen, fern der Anspannung bei Hofe und dem Ärger neugieriger Blicke. Würde sie je wieder solch eine Freiheit finden, wenn sie heiratete? Und wie sollte sie sich für einen Bräutigam entscheiden?

Ihre Cousine Sara wähnte sich verheiratet, und jetzt war sie es. Aber ihr erster Gatte hatte sich als grausamer Mann herausgestellt.

Vielleicht würde sie überhaupt nicht heiraten, dachte Shona. Vielleicht würde sie in ein Kloster gehen. Aber das war lachhaft. Shona MacGowan in einem heiligen Orden! Es wäre, wie einen Dachs bei Gänseküken unterzubringen.

Shona wandte ihre Aufmerksamkeit vom Fluss ab und blickte in das frische, filigrane Blattwerk der Bäume, die sie umgaben. Über ihr sang ein Baumpieper für sie, und an ihrem Herzen schien ihr Amulett zufrieden zu schnurren.

Sie zog es aus ihrer Tunika und betrachtete es. Sie nannte es Dragonheart. Sie hatte es genau an diesem Ort vor einigen Monaten gefunden, aber selbst damals war es ihr nicht unvertraut gewesen. Nein. Viele Jahre zuvor, hatte Liam der Ire es gefunden.

Es war das gleiche Amulett, das Rachel von ihm gestohlen hatte und auf das die drei Cousinen einen heiligen Schwur geleistet hatten.

Shona lächelte bei der Erinnerung daran. Sie war jung und sorglos gewesen, und sie hatte beinahe an den Zauberspruch geglaubt. Fürwahr, aus Silber gefertigt und mit einem einzelnen Rubin in der Mitte, sah Dragonheart kostbar und magisch aus. Aber sie war jetzt viel zu alt, um solch einen Unsinn zu glauben.

Und doch schien es wie ein Wunder, dass sie es hier gefunden hatte, denn es waren drei Jahre vergangen, seit ihre Cousine Sara es besessen hatte. Drei Jahre, seit der Hexer genannt Warwick versucht hatte, es von ihr zu nehmen und daraufhin von Sir Boden Blackblade getötet worden war. Sein Rücken von Bodens Schwert durchbohrt war er in den Fluss gefallen, und Dragonheart mit ihm. Keiner von beiden war je wiedergesehen worden.

Wie seltsam, dass Shona das hübsche Amulett Meilen von der Stelle gefunden hatte, sauber und glitzernd im Sand liegend.

Es wäre so schön zu glauben, dass es eine magische Mission hatte.

„Vielleicht bist du gekommen, mir meine wahre Liebe zu finden“, murmelte sie in seine Richtung. Es sagte nichts. Sie suchte nach anderen Möglichkeiten. „Um Frieden nach Schottland zu bringen? Mir Weisheit zu schenken? Um Dun Ard Reichtum zu bescheren?“ Immer noch nichts. „Um an deiner Kette zu hängen wie ein Brocken hübsches Metall und Stein?“

Der Drache schien zu ihr heraufzulächeln. Sie blickte finster drein. Welch Närrin sie war, dieses einfache Stück Tand mit magischen Kräften erfüllen zu wollen. Die Wahrheit war, sie musste Entscheidungen treffen und Taten vollbringen, und ungeachtet von Liams geflüsterten Warnungen über die Macht des Drachens war sie auf sich allein gestellt. Denn der Ire war selten dabei erwischt worden, die Wahrheit zu sagen.

Keine Handbreite von Shonas Zehen entfernt planschte ein Fisch.

Erschrocken und überrascht riss sie ihre Füße hoch und kauerte sich dann auf die Kante des Felsens, um ins Wasser zu starren. In dem winzigen Hafen waren fünf fette Lachse gefangen, genug für einen großen Topf Suppe und Sauerampfer, das Leibgericht ihres Vaters.

Froh um die Ablenkung von ihren Gedanken krempelte Shona die Ärmel hoch, legte sich auf den Bauch und griff in den Fluss. Aber der erste Fisch schlüpfte ihr mit Leichtigkeit durch die Finger. Sie schlängelte sich vor und versuchte es erneut. Ein anderer glitt ihr rasch durch die Hände, dann noch einer und noch einer.

Schließlich war Shona enttäuscht, aber entschlossen, erhob sich und blickte sich in der idyllischen Kulisse um. Es war so still wie zuvor. Niemals in den vielen Jahren, die sie nun hierherkam, hatte sie eine andere Menschenseele hier gesehen.

Die Sonne war beinahe bis zum Horizont gesunken und warf ein leuchtend rosafarbenes Glühen auf die Welt. Das Wasser plätscherte in silbrigen Blau- und Grüntönen vorüber, und in diesem Wasser befanden sich die fünf Fische, die bestimmt waren, das Abendessen ihres Vaters zu werden.

Ohne einen weiteren Gedanken schlüpfte Shona aus ihren ledernen Reithosen. Sie hängte sie über einen Ast und stieg vom Felsvorsprung hinunter ins Wasser. Es spritze in kühlen Wellen gegen ihre Knie und Oberschenkel, plätscherten gegen den Stoff ihrer langen, umgürteten Tunika. Sie zitterte bei dem Gefühl, aber weigerte sich innezuhalten. Diese Fische neckten sie. Jeder konnte das sehen.

Sie wusste, dass Menschen sie zuweilen für etwas tollkühn hielten, sogar waghalsig. Ja, sie hatte sich, wenn sich eine Gelegenheit bot, nicht mit vollkommener Reife verhalten. Wie etwa, als ihr Vater den zotteligen, schwarzen Bullen von der Weide geholt hatte. Sie hatte einen Blick auf das Rind geworfen und mit Lord Halwarts Sohn gewettet, dass sie das Biest länger reiten könne als er.

Es hatte sich herausgestellt, dass niemand das Tier reiten konnte. Sie hatte durch ein geprelltes Hinterteil und zahlreiche Schnitte gelernt, dass schwarze Bullen nicht gerne geritten wurden. Aber woher sollte sie das wissen, wenn sie es nicht ausprobierte?

Außerdem war das hier nicht annähernd so waghalsig. Sie würde lediglich ein Abendessen fangen, und da Lederreithosen besonders festsaßen, wenn sie nass wurden, hatte sie sie ausgezogen.

Alles logisch, alles vernünftig. Sie beugte sich vor, um ins Wasser zu blicken und griff nach dem nächstschwimmenden Fisch. Er strich ihr durch die Finger und schwamm im Kreis durch den kleinen Bereich, in dem er gefangen war. Shona kundschaftete erneut und versuchte es noch einmal. Dieses Mal schoss der Lachs zwischen ihre Beine, wurde für einen Moment von ihrem Hemd gefangen, zappelte verzweifelt und schlug gegen die Innenseite ihrer Oberschenkel. Sie rang des kitzelnden Gefühls wegen nach Luft und packte gleichzeitig zu. Der Fisch kämpfte sich heraus aus dem durchtränkten Stoff und entkam in die Freiheit.

Shona fuhr wild planschend im Kreis herum und blickte finster in die Tiefe. Sie hätte ihren Bogen mitbringen sollen. Der hätte diesen närrischen Fischen gezeigt, wer hier klüger ist. Am Ende wäre es schwerlich das erste Mal gewesen, dass sie ihr Abendessen geschossen hätte. Aber sie hatte ihren Bogen nicht mitgebracht, und obwohl sie ein Messer an ihrer Taille trug, würde es ihr hier wenig bringen.

Sie konzentrierte sich eine Sekunde lang, dann griff sie erneut wild zu. Zu ihrem äußersten Erstaunen, hielt sie den Fisch in ihren Händen. Er war wunderschön, in Regenbogenfarben gestreift, die mit metallischer Brillanz in der Sonne funkelten. Aber er war ein einziger, glitschiger Muskel. Abgeneigt, aus dem Wasser heraus zu sein, wand er sich heftig. Shona kämpfte darum, ihn zu halten, aber der Fisch war schlüpfrig und ihr Stand unsicher. Der Matsch quoll durch ihre Zehen, und der Sand unter ihren Fersen gab nach, als verschwöre er sich gegen sie. Der Lachs zuckte, ihr Halt gab nach. Shona schrie, als ihr Hintern das Wasser traf und sie unter die Oberfläche glitt. Schlickiges Wasser drang in ihren Mund und ihre Nase. Sie strampelte wild und kam prustend hoch, atemlos vor Kälte, ihr Haar aus gelöschten Flammen hing ihr in zottligen Locken ins Gesicht.

Sie brauchte einen Moment um zu erkennen, dass etwas seltsam war. Sie brauchte noch länger, um zu erkennen, dass eine kleine Brasse in ihrer Tunika gefangen war.

Der Fisch war nicht größer als ihr Mittelfinger, befand sich zwischen ihrer Taille und ihrem Hemd und schlug beim Versuch, sich zu befreien, wild um sich. Shona quiekte bei dem Gefühl, tanzte im Kreis herum, um ihn heraus zu schütteln, dann steckte sie schließlich eine Hand in ihren Ausschnitt und wollte ihn packen. Aber er schlängelte sich zu ihrem Rücken und war außerhalb ihrer Reichweite. Schließlich, nachdem Shona das unheimliche Gefühl abgeschüttelt hatte, duckte sie sich wieder ins Wasser, löste ihren Gürtel und drehte den Hemdssaum um.

Die Strömung floss vorüber, zog die Brasse weg und schließlich war der Fisch befreit und fort. Shona entließ einen schweren Seufzer der Erleichterung und machte einen erschöpften Schritt Richtung Ufer.

„Habt Ihr da vielleicht auch Forellen drin?“

Shona zuckte beim Klang der Stimme zusammen, wich einen spritzenden Schritt zurück und blickte dann in Richtung des felsigen Ufers. Durch Matsch, Seetang und Haare hindurch konnte sie nur gerade so den Umriss eines Mannes auf dem zerklüfteten Felsvorsprung ausmachen.

Ihre Kinnlade klappte herunter. Lieber Gott, wie lange hatte er sie beobachtet?, fragte sie sich, aber als ihr Blick wieder klar war, stellte sie fest, dass die Augen des Eindringlings auf ihre Brüste gerichtet waren.

Shona riss sich aus ihrer Trance und wandte ihre Aufmerksamkeit der Vorderseite ihres Hemdes zu. Es klebte ihr nass auf der Haut wie die Schale eines Apfels. Ihre Nippel standen deutlich ab, selbst der dunklere Farbton war durch den Stoff zu sehen.

„Herr im Himmel“, zischte sie und warf sich die Arme vor den Oberkörper.

Der Eindringling grinste vom felsigen Ufer schief herüber. Selbst durch ihre unordentlichen Haare hindurch konnte sie sehen, dass seine Zähne im Vergleich zu seiner dunklen Haut unmenschlich weiß waren.

„Ihr kommt besser heraus und sucht nach Aalen“, sagte er. Er sprach Gälisch, aber eine Art trällernden Dialekt der alten Welt. „Sie können Schönheit gegenüber entschieden unempfänglich sein, aber sie mögen zartes Fleisch.“

Shona suchte verzweifelt nach einer geeigneten Antwort, dann wischte sie sich schließlich die Haare einen knappen Zoll aus dem Gesicht und haspelte: „Wer seid Ihr?“ Ihre Stimme klang viel höher als sie gern gewollt hätte, aber die Kälte war ihr in die Knochen gekrochen. Und um die Wahrheit zu sagen, war sie trotz ihrer … nun, recht ausgiebigen Missgeschicke in der Vergangenheit nicht daran gewöhnt, mitten in einem eisigen Bach erwischt zu werden, lediglich in eine durchtränkte Männertunika und den jämmerlichen Fetzen ihres verletzten Stolzes gekleidet.

„Man nennt mich Dugald.“

Dunkler Fremder, übersetzte sie grob, dann schob sie sich mehr Haare aus den Augen, und hoffte entgegen aller Hoffnung, dass dieser Dugald lediglich irgendeiner Reisender war, dem sie nie wieder gegenübertreten musste.

Seinen Kleidern und seinem Akzent nach zu urteilen, war er kein Highlander, denn er trug kein traditionelles Plaid. Stattdessen war er in eine gemütliche, schwarze Kniehose und ein geschlitztes, aufgebauschtes Wams gekleidet, das an den Schultern Zweifels ohne ausgestopft war. Die Tracht sah entschieden italienisch aus. Sie sah nach reichem Italiener aus. Und er trug sie wie ein Prinz, sein Haar war vollendet gepflegt, und Hochmut triefte aus jeder Pore. Dennoch hieß das nicht notwendigerweise, dass er jemand Besonderes war. Sie hatte einmal einen Mann getroffen, der wie ein Hofnarr gekleidet war. Er hatte sich als der Herzog von Argyll herausgestellt und war über ihre Vermutung nicht amüsiert gewesen.

„Nur … Dugald?“, fragte sie und gab sich erneut der Hoffnung hin, dass sie ihn niemals wiedersehen würde.

Er zeigte ein etwas breiteres Grinsen, das sich von seiner dunklen Haut abhob. „Die Wahrheit ist, ich habe viele Namen. Manche nennen mich Dugald den Flinken“, sagte er. „Lady Fontagne nannte mich Dugald den Umwerfenden, aber die meisten nennen mich Dugald den Drachen.“

„Den Drachen?“, murmelte Shona. Dragonheart fühlte sich an ihrer Brust warm an.

„Aye. Wusstet Ihr nicht, dass Drachen sehr gescheit, weise … und unglaublich verführerisch sind?“ Er grinste. „Tatsächlich war es die Königin von Calmar, die mir den Namen als Erste gab, nach meiner kurzen Bekanntschaft mit–“

„Die Königin?“, flüsterte sie verzweifelt.

„Aye.“ Er blickte sie vom Felsvorsprung aus an, als frage er sich, ob sie irgendeine Wahnsinnige wäre, die aus einem Irrenhaus geflohen war. Seine Augen waren von seltsamem, eisigem Blau, und sie waren sehr leicht nach oben gebogen. „Ich hörte, es gebe in Dun Ard eine sinnliche Frau mit Haaren wie Flammen, die für die Ehe bereit ist. Ich bin gekommen, um eine wohlhabende Braut für mich zu gewinnen. Und wer mögt Ihr wohl sein, Mädel?“

Lieber Gott, er war ein Edelmann, ein früher Gast, der darauf aus war, sie kennenzulernen, und da stand sie, bis zu den Knien im Matsch. Er würde sie für eine wildhaarige Dirne halten, die Nettigkeiten austauschte als wäre sie für den Michaelistag prächtig gekleidet.

Zum Teufel, ihr Vater würde sie umbringen. Aber … gemach, dieser Dugald konnte nicht wissen, ob sie eine Milchmaid oder Marquess war, und wenn sie auch nur die Schlagfertigkeit einer Idiotin hatte, würde sie dafür sorgen, dass das so blieb.

„Euer Name?“, fragte er erneut, als habe sie es vergessen.

Sie hielt einen Moment lang inne, dachte über ihre Aussprache nach, die nach ihren Monaten bei Hofe abscheulich verfeinert war. Aber nach einem Moment fand sie einen geeignet derben Akzent und sagte: „Mein Name spielt für jemand so Edles wie Euch keine Rolle.“

„Ich wurde selten beschuldigt, nobel zu sein“, sagte er. „Aber wieso kommt Ihr nicht dennoch heraus? Ich könnte Euch dabei helfen, weitere unerwünschte Fische loszuwerden.“

„Ich versichere Euch, ich brauche Eure Hilfe nicht.“

„Vergebt mir, das zu sagen, aber ich bin anderer Meinung. Ich habe effizientere Arten zu angeln gesehen. Obwohl keine davon so interessant war.“ Sein Lächeln zog sich ihm wieder durchs Gesicht, unmenschlich weiß und so schelmisch wie das eines Satyrs. „Kommt heraus, Maid. Ich helfe Euch beim Aufwärmen.“

Wenn Fische fliegen könnten, dachte sie, und sann über ihre Fluchtmöglichkeiten nach.

„Es gibt keinen Grund, schüchtern zu sein, das versichere ich Euch. Ich bin recht harmlos.“

Schüchtern. Das war eine Charaktereigenschaft, derer sie selten beschuldigt worden war. Aber sie war genauso wenig naiv, und wenn dieser Bursche harmlos war, war sie eine braune Drossel, komplett mit Schnabel und Stoppelfedern.

Ihr Zögern schien ihn zu amüsieren. Er kicherte sanft. Es klang tief und fuhr ihr seltsam durch die Eingeweide. Sie musste hungrig sein.

„Kommt herauf, Mädel“, sagte er, seine Stimme noch sanfter, während er von dem zerklüfteten Felsvorsprung auf sie herabblickte. „Ich bringe Euch nach Hause.“

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit nach links und betrachtete zweifelnd seine Pferde. Eins trug ein großes Bündel, das andere seinen Sattel. Keins davon würde sie tragen, schwor sie.

„Es gibt keinen Grund zur Sorge“, sagte er und streckte eine Hand aus. „Ich versichere Euch, Eagle hat genauso wenig wie ich vor, Euch ein Leid zuzufügen.“

Eagle. Das war ein seltsam prachtvoller Name für einen Hengst, dachte Shona. Obwohl das Ross eine Widerristhöhe von siebzehn Handbreit und Schienbeinknochen so dick wie Baumstämme hatte, war es ohne Zweifel das hässlichste Tier, das sie je gesehen hatte. Das halbe rechte Ohr fehlte. Es hatte die Farbe zertrampelten Staubs, und seine Schnauze, die groß war wie ein Rammbock, beugte sich in der Mitte dramatisch vorwärts. Es schien tatsächlich seltsam unvereinbar mit der sorgfältigen, vornehmen Art seines Herrn.

Sie brachte sich mit einem Ruck in die Unterhaltung zurück. „Ich weiß nichts von Pferden, aber er sieht recht furchteinflößend aus“, sagte sie und erkannte, dass sie zu lange still gewesen war.

„Ihr habt keinen Grund zur Sorge. Eagle hat eine Schwäche für Jungfrauen in Nöten. Dann kommt. Er wird Euer zierliches Gewicht auf seinem Rücken nicht einmal bemerken.“

„Oh, nay. Ich kann nicht. Ich finde meinen eigenen Weg nach Hause.“

„Ihr lebt also in der Nähe?“

Sie antwortete nicht und hoffte, ihre Verschwiegenheit ließ es so wirken, als wäre sie zu überwältigt von seiner männlichen und noblen Gegenwart, als dass sie sprechen könnte

„Vielleicht seid Ihr eine Dienstmagd im nahegelegenen Schloss?“

Sie schüttelte ihren Kopf rasch, wodurch ihr Haar ihr wieder über die Augen fiel.

„Wo dann?“

„Das darf ich nicht sagen“, murmelte sie und versuchte schwächlich zu klingen. „Meinem Vater würde es nicht gefallen.“

„Ihr seid nicht verheiratet?“

Sie schüttelte den Kopf und blieb still. Ihre Stimme war für eine Frau ziemlich tief und recht charakteristisch; sie hatte nicht den Wunsch, ihm zu helfen, sie später zu identifizieren, sollten sie sich wiedersehen.

„Ich bin sicher, Euer Vater wäre ungehaltener, wenn Euch der Tod ereilt, ehe Ihr nach Hause zurückkehrt. Kommt hierher.“

Sie tat es nicht.

„Ich habe eine Decke in meiner Satteltasche. Ich könnte Euch darin einwickeln.“ Wieder dieses Lächeln, entwaffnend und doch irgendwie dekadent, als ob er in ähnlichen Umständen Tausend solcher Angebote gemacht hatte. „Es wäre keine Mühe, Euch warm zu halten, bis Ihr die Feuerstelle Eures Vaters erreicht.“

Und würde ihm eine Möglichkeit geben, ihr Gesicht zu sehen – und viel mehr. Unwahrscheinlich.

„Bitte, guter Herr“, sagte sie mit aller gebotenen Milde. „Könnt Ihr mich nicht einfach in Frieden lassen? Ich habe nicht die Absicht, mich noch weiter zu beschämen.“

Es dauerte einen Moment, bis er antwortete, dann sagte er: „Ich habe bisher nichts gesehen, für das Ihr Euch schämen müsstet, Mädel“, sagte er. Ihr fiel auf, dass seine Stimme jetzt etwas heiser klang. „Kommt heraus. Ich werde Euch nicht wehtun. Ihr habt mein Wort.“

Das Wort eines Halunken. Wäre auch nur ein Funken Ehrenmann in ihm, würde er gehen und sie alleine lassen. Oder noch besser, er hätte so getan, als habe er sie nicht gesehen, wie sie einer verrückt gewordenen Todesfee gleich im Wasser herumplanschte.

Es war schlimm genug, dass sie durchnässt war. Sie würde nicht vor diesem Halunken sitzend nach Dun Ard zurückkehren, während ihr die Tunika an der Brust klebte wie frische Butter auf einem Milchbrötchen und ihre Beine so nackt waren wie das Hinterteil eines Kleinkindes. Wenn ihr Vater davon erfuhr, war es wahrscheinlich, dass er sie mit dem erstbesten haarigen Rüpel verheiratete, der es fertigbrachte, seinen eigenen Namen richtig auszusprechen.

Sie blickte sich rasch um. Wohin zum Teufel war Teine verschwunden? Die Stute würde kommen, wenn sie pfiff. Aber das spielte schwerlich eine Rolle, wurde ihr bewusst, denn sie konnte diesen Mann nicht wissen lassen, dass sie auf ihrem eigenen Pferd hergekommen war. Das würde ihm gewiss einen Hinweis auf ihre Identität geben.

Sie konnte aber auch genauso wenig hier stehen wie ein Dummkopf und darauf warten, dass ihre Knie schrumpelig wurden. Sie räusperte sich und sprach ein kurzes Gebet zur Heiligen Dympna, der Schutzpatronin tobender Verrückter.

„Wenn ich herauskäme … würdet Ihr versprechen, mich nicht zu …“ Sie ließ ihre Schultern herabsacken und hoffte, klein und unsicher auszusehen. „Zu übervorteilen?“

Er versuchte, verletzt auszusehen. Tatsächlich sah er eher aus wie der Teufel auf einer Sauftour. „Erscheine ich Euch so?“

Absolut, dachte sie, sagte es aber nicht.

Er lachte nichtsdestoweniger, als ob er ihre Gedanken lesen könne. „Ihr seid ein gescheites Mädel“, sagte er. „Ich tue nichts, um das Ihr nicht mit Euren eigenen Lippen bittet.“

Herr im Himmel, dieser Mann war eine nicht enden wollende Folge unanständiger Anspielungen, von der jede eine lächerlich überhöhte Meinung von sich selbst nahelegte. Doch es würde nicht viel bringen, ihn jetzt zurechtzuweisen. Stattdessen biss sie sich auf die Unterlippe und blinzelte unschuldig.

„Nun gut“, sagte sie, lief platschend durch das Wasser, umklammerte noch immer ihre Brust und war sich schmerzlich über jedes Bisschen Schenkel bewusst, das zu sehen war, während sie dem zerklüfteten Felsvorsprung unter seinen Füßen immer näherkam.

Schließlich waren sie nur einige Zoll voneinander entfernt, obwohl er gute anderthalb Fuß höher stand. Er hockte sich hin, bot seine Hand an und einen besseren Blick in sein Gesicht.

Sie konnte seine Hand ablehnen und selbst ans Ufer gelangen, aber das würde einiges Klettern erfordern und ihm so einen Blick auf Dinge eröffnen, die besser ungesehen blieben. Oder sie könnte seine Hilfe annehmen – in diesem Fall musste sie die Arme von ihrer Brust nehmen, was ihm wiederum einen Blick auf Dinge ermöglichen würde, die besser ungesehen blieben. Verdammt!

Sein Lächeln wurde breiter, als ob er ihre Gedanken teilte, und in diesem Moment traf sie eine Entscheidung. Sie entfaltete ihre Arme und bot ihm ihre Hand an.

Einen Moment lang blieb er, wie er war, an Ort und Stelle erstarrt, seine Aufmerksamkeit auf ihre Brust gerichtet. „Keine Aale“, sagte er leise und streckte eine Hand aus, um nach ihren Fingern zu greifen.

Ihre Blicke trafen sich.

„Aber etwas viel Besseres“, fügte er mit heiserer Stimme hinzu.

Sie machte keinen Versuch, ihr Erröten zu unterbinden, aber selbst als die heiße Farbe ihr Gesicht durchflutete, stemmte sie ihre Füße gegen den Felsen und zog mit all ihrer Kraft.

Selbst wenn sie hundert Jahre alt werden würde, würde sie den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht vergessen. Einen Augenblick lang war da selbstgefällige Genugtuung, und dann, als ob er von einem Blitz getroffen wurde, weiteten sich seine silbrigen Augen. Er taumelte einen Moment lang auf der Kante, versuchte hoffnungslos, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen und schlingerte schließlich an ihr vorbei, mit dem Kopf voran ins Wasser.

Shona konnte nicht anders als zu lachen. Aber einen Moment später berührte seine Hand ihren Arm.

Sie schrie, sprang Richtung Ufer und zog sich auf die Felsen. Beinahe nackt war sie schnell und leicht.

Von seinen modischen, schweren Kleidern herabgezogen, war er langsamer. Aber dennoch streiften seine Finger ihre Ferse. Sie zog ihr Bein ruckartig weg und sprang verzweifelt an Land. Ein Blick hinter sich sagte ihr, dass sie ihn in einem Wettlauf nicht besiegen würde.

Sie hatte keine Optionen, versicherte sie sich selbst. Sie sprang vorwärts, packte die herabhängenden Zügel des Hengstes, schwang sich in den Satteln und wendete das Ross.

Shona hörte Dugalds scharfes Fluchen nur wenige Zoll hinter sich, wagte aber nicht zu warten, um die Sünde der Blasphemie mit ihm zu debattieren. Sie trat dem Hengst in die Seiten und schob ihn in den Wald und fort von hier, und während sie ritt, pfiff sie.

Bäume rauschten vorüber. Von rechts eilte Teine auf sie zu, rannte voran mit gesenktem Kopf und flatternden Zügeln.

Einige Minuten später ließ Shona den Hengst anhalten. Sie stieg ab, fing die Stute und ließ den Hengst frei. Er weigerte sich zu gehen. Sie blickte ihn finster an und versuchte, ihn fort zu scheuchen. Er legte ihr lediglich seinen übergroßen Kopf auf die Schulter und blies ihr warme Luft ins Ohr.

Schließlich war Shona frustriert und ungeduldig, schlang einen Zügel lose um einen Ast, fütterte ihm einige ausgesuchte Stängel und eilte davon.

Dugald der Depp würde sein Pferd bald genug finden. Bis dahin konnte er sich darüber freuen, dass sie ihn überlistet hatte. Sie erlaubte sich den Anflug eines Lächelns.

Dann bemerkte sie, dass sie ihre Reithosen vergessen hatte.