Leseprobe Ein verräterisches Herz

Kapitel 2

„Oh Maggie!“, rief Lady Edward Rawlings aus, als sie das Seidenpapier auf der kleinen Leinwand beiseiteschob. „Oh! Oh, das ist entzückend!“ Maggie Herbert, die hinter Pegeens Stuhl stand, kräuselte skeptisch ihre mit Sommersprossen übersäte Nase und sah von ihrem Platz auf das Gemälde herab. Zu viel Grün, dachte sie. Ja, viel zu viel Grün im Hintergrund. Als sie das Gemälde studierte, fiel eine weiße Blüte von den Zweigen, die sich über ihnen ausstreckten, in einer kreiselnden Bewegung nach unten auf die frisch getrocknete Leinwand. Maggie gefiel es so besser, aber Pegeen wischte die Blüte ungeduldig fort.

„Oh, ich kann nicht erwarten, es Edward zu zeigen“, verkündete Pegeen, während ihr Blick immer noch auf dem Gemälde ruhte. „Er wird es einfach nicht fassen können. Ich finde, auf keinem der anderen Porträts, die wir von den Kindern haben anfertigen lassen, sind sie so gut getroffen wie auf diesem –“

„Tatsächlich?“ Maggies Tonfall klang ein wenig ungläubig. Sie kniff ihre Augen zusammen, bis das Bild auf der Leinwand, das sie am Tag zuvor gemalt hatte und von dem Pegeen so schwärmte, verschwamm und sie nur noch farbige Umrisse erkennen konnte. Und zu viel Grün.

„Oh ja“, beteuerte Pegeen. „Es ist ja, als ob du imstande wärst, ihre kleinen Seelen einzufangen!“

Maggie lachte. „Wohl kaum! Wenn ich das getan hätte, würde Lizzie ganz anders aussehen. So sieht sie viel zu lieb aus –“

„Wie meinst du das, zu lieb?“ Pegeen nahm die Leinwand, die nur fünfzehn mal fünfzehn Zentimeter groß war, und hielt sie mit ausgestreckten Armen vor sich hoch. Sie war immer noch so entzückt, dass sie nicht wegsehen konnte. „Lizzie sieht vollkommen hinreißend aus. Und John auch. Oh, und sieh dir Marys kleinen Schmollmund an! Und Alistairs Kinn. Du hast es genau getroffen! Ich habe gewisse Leute sagen hören, Alistair hätte ein trotziges Kinn, aber weißt du, es ist nur markant, das ist alles.“

Maggie hob ihren Blick und betrachtete das Gesicht ihrer Mutter, die in einem schmiedeeisernen Gartenstuhl Pegeen gegenüber saß. Lady Herberts Lächeln war ebenso vielsagend wie Maggies. Das Kinn aller Sprösslinge der Rawlings war natürlicherweise stur nach vorn gereckt, eine unbewusste Imitation des Gesichtsausdrucks ihrer Mutter, wenn sie besonders störrisch war. Dass Pegeen sich weigerte, sich dies einzugestehen, sorgte unter ihren Freunden und Nachbarn für einige Belustigung.

„Oh Maggie“, seufzte Pegeen, die immer noch außerstande war, ihren Blick von dem Porträt abzuwenden. „Es ist einfach wunderschön. Ich weiß nicht, wie du das machst.“

„Ich weiß auch nicht, wie sie das macht.“ Lady Herbert beugte sich vor, um sich auf dem kleinen Klapptisch, der zwischen den Gartenstühlen aufgestellt worden war, eine weitere Tasse Tee aus dem silbernen Teegeschirr einzugießen. Da Pegeen guter Hoffnung war – allerdings nicht so weit fortgeschritten wie Maggies ältere Schwester Anne, die Lady Herbert gegenübersaß und ihre Teetasse auf der großzügigen Wölbung ihres Bauches balancierte –, hatte die ältere Frau automatisch die Aufgaben der Gastgeberin übernommen. Zwar waren sowohl Lady Herbert als auch ihre Töchter Gäste des Anwesens, in dem Sir Arthur, Maggies Vater, als Berater für den jungen Herzog arbeitete. Doch die Herberts verbrachten so viel Zeit in Rawlings Manor, dass Maggie es seit langem als ihr zweites Zuhause betrachtete und dazu neigte, sich auch so zu verhalten – eine Tatsache, die der ausgesprochen damenhaften Anne nicht unbedingt passte. Vor allem, wenn sie ihre jüngere Schwester dabei erwischte, wie sie die Treppengeländer herunterrutschte, was bis vor einem oder zwei Jahren nur allzu häufig vorgekommen war.

„Sie hat ihr Talent sicherlich nicht von mir geerbt“, verkündete Maggies Mutter und rührte Zucker in ihren Tee. „Es muss von der väterlichen Seite der Familie stammen.“

„Papa?“ Anne wirkte, als fühle sie sich unwohl – so wie immer, wenn der talentierte Umgang ihrer Schwester mit Pinsel und Farbe erwähnt wurde. „Sicher nicht! Niemand auf Papas Seite der Familie hat je das Malen angefangen. Meine Güte, Mama, wie kannst du so etwas sagen?“

Maggie richtete ihren Blick wieder auf das kleine Porträt, das sie abgeliefert hatte und schüttelte ihren Kopf. „Nein, Lizzies Lächeln passt nicht“, sagte sie zu sich selbst. „Nicht annähernd schelmisch genug.“ Leider hörte Lizzies Mutter das.

„Schelmisch!“, rief Pegeen und drückte das Gemälde an ihre Brust, als fürchtete sie, Maggie könne versuchen, es ihr für einige Änderungen zu entreißen. „Unsinn. Meine Tochter ist keinen Deut schelmisch. Sie ist ein kleiner Engel. Es sind alles Engel.“ Als sie erkannte, dass Maggie nicht die Absicht hatte, ihr Geschenk wieder zurückzuholen, wagte Pegeen noch einen Blick und ergoss sich sofort in weitere Verzückungen. „Oh, Anne, schau wie sie Johns Augen gemalt hat. Hast du je etwas so Frappierendes gesehen?“

Maggie, die immer noch nicht überzeugt war, wandte ihren Blick von dem Gemälde ab und schaute in den Garten, wo Pegeens „kleine Engel“ gerade damit beschäftigt waren, eines der Rosenbeete zu verwüsten. Sie hatten bei ihren Bemühungen Unterstützung von Annes Kindern, wobei Maggies wohlerzogene Nichten und ihr Neffe deutlich weniger ungestüm waren als die Rawlings-Brut. Ungefähr fünfzehn Findelkinder des Rawlings-Waisenhauses, die Lady Pegeen anlässlich des Maifeiertages mit einem Picknick in den Gärten des Anwesens bewirtete, vervollständigten das Spektakel. Ein einziger Blick auf Pegeens und Edwards ältestes Kind zeigte Maggie, dass sie sich tatsächlich geirrt hatte, was den Liebreiz anging. Elizabeth Rawlings war ein hübsches Mädchen, aber offensichtlich so eigenwillig wie ihre Eltern. Dies wurde durch den Dreckklumpen belegt, den sie in Richtung ihres Bruders John warf, weil es ihm misslang, ihre Anweisungen auszuführen.

„Und hast du es geschafft, deinen Vater zu überreden, dass er dich diese Pariser Kunstschule besuchen lässt, von der du mir erzählt hast, Maggie?“, wollte Pegeen wissen.

„Nein“, sagte Maggie. Sie konnte nicht verhindern, dass eine Spur Missmut sich in ihre Stimme mischte. „Er hat schreckliche Angst, dass ich mich, sobald ich ohne Begleitung englischen Boden verlasse, verführen und nach Marokko verschleppen lasse, wo ich sicher als Sklavin an einen arabischen Prinzen verkauft werde.“

„Maggie!“ Annes ließ ihre Teetasse auf den Unterteller krachen.

Lady Herbert stimmte ihrer ältesten Tochter zu, allerdings mit deutlich sanfterer Stimme: „Wirklich, Maggie. Wovon um alles in der Welt sprichst du? Dein Vater denkt nichts dergleichen.“

„Das tut er allerdings“, sagte Maggie und lehnte sich seufzend gegen den Stamm des Kirschbaumes. „Papa ist sich meiner sonderbar fleischlichen Neigungen durchaus bewusst.“

„Maggie!“ Annes Wangen hatten sich vor Scham purpurrot gefärbt. „Wie oft muss ich dich noch bitten, in der Öffentlichkeit keine Worte wie ... wie“ – sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern – „fleischlich zu benutzen?“ Sie wandte sich Pegeen zu und bat sie inständig: „Oh, bitte, hören Sie auf zu lachen, Lady Edward. Sie werden sie nur bestärken.“

„Oh!“ Pegeen wischte sich die grünen Augen, in denen Lachtränen standen. „Oh, Liebes! Maggie, meine Liebe, du darfst keine – du darfst wirklich keine solchen Wörter benutzen. Du wirst dir noch deinen guten Ruf verderben –“

„Bei wem denn?“, fragte Maggie angewidert. „Bei den hiesigen Gutspächtern? Ich glaube kaum, dass sie sich darum scheren, ob ich das Wort fleischlich benutze oder nicht.“

„Nicht bei den Pächtern, Maggie, Liebes“, sagte Lady Herbert leise. „Bei jungen Männern.“

„Welchen jungen Männern?“ Maggie drehte sich um und begann, mit einem spitzen Stock, den sie auf der Frühlingswiese im frischen Gras gefunden hatte, die Rinde vom Stamm des Kirschbaums zu kratzen. „Die einzigen jungen Männer, die es hier gibt, sind die Schafshirten und ich wette, dass es nicht viel gibt, was sie über Fleischlichkeit nicht wissen.“

„Maggie!“ Anne sah aus, als hätte sie ihre kleine Schwester am liebsten gekniffen. Leider waren ihr aufgrund der beträchtlichen Größe ihres Bauches schnelle Bewegungen unmöglich und sie wusste aus Erfahrung, dass sie in der Tat sehr schnell sein musste, wenn sie Maggie kneifen und der darauffolgenden Backpfeife entgehen wollte. „Herrgott nochmal!“

Maggie zuckte mit den Schultern. „Na ja“, sagte sie. „Es ist nur die Wahrheit.“

„Ja, aber du bist jetzt fast siebzehn, Liebes.“ Anne musste sich offensichtlich zwingen, ihre Stimme ruhig zu halten. „Du wirst nächstes Jahr in die Gesellschaft eingeführt werden. Die jungen Männer, die du während deiner ersten Saison in London treffen wirst, werden sicher nichts über deine ... äh ... Neigungen hören wollen.“

„Eigentlich“, warf Pegeen nachdenklich ein, „bin ich mir ziemlich sicher, dass sie schrecklich gerne davon hören würden, aber ich bin nicht sicher, dass es etwas ist, mit dem Maggie hausieren gehen sollte ...“

„Da hast du’s“, verkündete Anne. „Hast du gehört, Maggie? Hör auf Lady Edward. Das habe ich schon die ganze Zeit versucht, dir zu sagen. Wenn du in London einen Ehemann finden willst, wirst du anfangen müssen, dich mehr wie eine Dame zu benehmen –“

„Ich will mich nicht wie eine Dame benehmen“, murmelte Maggie. Ihre volle Aufmerksamkeit ruhte auf dem Loch das sie in den Baumstamm geritzt hatte. „Jedenfalls nicht, wenn das heißt, den ganzen Tag nichts zu tun, als Kleider anzuprobieren“, sie grunzte, als ein großes Stück Rinde unter der Spitze ihres Stock nachgab, „und mir die ganze Nacht die geistlosen Unterhaltungen von blödsinnigen Baronets anzuhören –“

„Was machst du da mit dem Baum?“, fragte Lady Herbert nachdrücklich. „Komm, setz dich hin und leg den dreckigen Stock weg.“

Maggie ließ den Stock fallen, aber sie setzte sich nicht hin. Stattdessen drückte sie ihren Rücken gegen das Loch, das sie in den Baumstamm gekerbt hatte. Sie wusste nicht, warum sie das Bedürfnis gehabt hatte, ihre Aggressionen an einem unschuldigen Baum auszulassen, aber sie dachte, dass der Baum alles in allem eine bessere Wahl wäre als ihre ältere Schwester.

„Wenn du dich nicht wie eine Dame benehmen willst, Margaret“, erkundigte sich Maggies Mutter mit einiger Belustigung, „was willst du denn dann machen?“

„Das habe ich dir doch gesagt, Mama.“ Maggie seufzte. „Ich möchte malen. Das ist alles, was ich will. Und ich möchte zu Madame Bonheur gehen, um zu lernen, wie man es richtig macht.“

Lady Herbert hob ihren Blick zum Himmel, aber es war Anne, die herausplatzte: „Aber Madame Bonheurs Kunstschule steht außer Frage! Mama, du musst es ihr sagen und bleib dieses Mal standhaft. Maggie darf nicht die Erlaubnis bekommen –“

„Aber warum?“ Pegeen klang ungeduldig. Maggie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Es war, als würde Lady Edward Rawlings stets etwas Neues finden, für das sie sich einsetzen konnte, und heute hatte sie sich Maggie ausgesucht. „Warum steht das außer Frage? Es ist wirklich irrsinnig, ein Talent wie das deiner Schwester zu verschwenden, Anne. In Wahrheit ist Maggie tausendmal begabter als das alberne Malerchen, das Edward letztes Jahr angeheuert hat, um mich zu porträtieren. Seht euch die Farben in dem Bild an, das sie von den Kindern gemalt hat.“ Pegeen hielt die Leinwand hoch, sodass die anderen Frauen sie betrachten konnten. „Die Art und Weise, wie sie sie zusammengestellt hat, dass jedes aussieht wie ein einzigartiges Juwel. Und wie sie die Gesichtsausdrücke der Kinder eingefangen hat – doch, das ist präziser als auf jedem Daguerreotyp!“

„Ich gebe dir da vollkommen recht, Pegeen“, sagte Lady Herbert ein wenig müde. „Aber –“

„Sir Arthur hat doch nicht etwa die altmodische Einstellung, dass man für die Ausbildung eines Mädchens kein Geld verschwendet, oder?“, hakte Pegeen nach. „Denn falls doch, werde ich sehr gern persönlich rüber nach Herbert Park gehen und ihn aufklären –“

„Es ist nicht nur deswegen, Pegeen“, sagte Anne ernst. „Papa sieht es nicht gern, wenn Frauen einem Beruf außerhalb des Haushalts nachgehen und dann auch noch Kunst – Himmel! Wenn das Thema nur erwähnt wird, ist er einem Herzanfall nahe! Aber ich muss sagen, ich kann ihm nur zustimmen. Es ist wirklich skandalös, wie viele Mädchen nach London gehen, um ein Leben als Krankenschwester oder Sekretärin oder Lehrerin – oder ach, ich weiß nicht als was noch alles – zu führen! Aber ich nehme an, sie können nicht anders – sie müssen arbeiten, du weißt schon, um auszukommen. Aber Maggie? Sie muss gar nicht arbeiten. Sie will es einfach und das ist natürlich vollkommen lächerlich. Jeder weiß, dass die Mutterschaft der einzige Beruf ist, der für Frauen geeignet ist –“

„Ja, meine Liebe“, unterbrach Lady Herbert und lächelte geduldig. „Wir kennen alle deine Meinung zur Bedeutung der Mutterschaft. Aber ich glaube, die Bedenken, die euer Vater gegen Maggies Weggang hegt, liegen hauptsächlich daran, dass sie die Jüngste von euch Mädchen ist. Sie ist die Einzige, die noch zuhause ist.“ Lady Herbert lächelte Maggie liebevoll an, die zu den Kirschblüten über ihrem Kopf schielte. „Keiner von uns ist wirklich bereit, sie einfach so erwachsen werden zu lassen.“

„Na ja, irgendwann werdet ihr sie aber gehen lassen müssen“, sagte Pegeen. „Ich meine, falls sie in der nächsten Saison in die Gesellschaft eingeführt wird.“

Lady Herbert stieß einen leidenden Seufzer aus und führte einen Bissen Kuchen zum Mund. „Und so wie ich Maggie kenne“, seufzte sie, nachdem sie die Gabel wieder auf dem Teller in ihrem Schoß abgelegt hatte, „wird sie jede Minute davon hassen wie die Pest.“

Pegeen lachte nicht. „Natürlich wird sie es hassen. Ein Mädchen wie Maggie –“

„Ein Mädchen wie Maggie wird nicht mal eine Minute in London bestehen“, unterbrach Maggie sie, genervt davon, dass jeder über sie, aber nicht mit ihr redete. „Die haut monde wird sie zerreißen. Die anderen Mädchen werden über sie lachen, weil sie zu groß und zu laut ist und Farbe unter den Fingernägeln hat und die Männer werden, falls sie ihr überhaupt ein bisschen Aufmerksamkeit schenken, von der Tatsache angewidert sein, dass sie Wörter wie fleischlich bei Konversationen in der Öffentlichkeit benutzt.“

„Oh nein“, rief Pegeen. „Sicher nicht, Maggie! Du bist doch so überaus hübsch mit dem vollen dunklen Haar und den großen braunen Augen. Du bist weitaus hübscher als die älteste Tochter der Smythes und schau, wie gut sie sich verheiratet hat ...“

„Welche Rolle spielt es, wie sie aussieht?“, fragte Anne eindringlich. „In der Sekunde, in der sie ihren Mund aufmacht, beginnt das Zimmer sich zu leeren. Sie ist viel zu forsch –“

„Das ist sie nicht“, protestierte Pegeen. „Sie sagt bloß ihre Meinung. Das hat sie schon immer getan.“ Sie drehte den Kopf, um Maggies Lächeln zu erwidern. „Das mag ich so an ihr.“

Im Gegensatz zu ihr hatte Anne kein Lächeln für ihre jüngere Schwester übrig. „Sie sagt das, was ihr als erstes in den Kopf kommt, ohne über die Folgen nachzudenken, und zwar immer dann, wenn niemand sie nach ihrer Meinung gefragt hat.“

„Sie ist erfrischend aufrichtig“, sagte Lady Herbert, um Maggie zu verteidigen.

„Mutter, sie hat keinen Sinn für Anstand, nicht mal einen Hauch! Neulich habe ich sie erwischt, wie sie den Saum ihres Kleides in den Bund ihrer Unterwäsche gestopft hatte und einen Baum hochkletterte!“

Die Gesichter aller drei Frauen wandten sich anklagend in Maggies Richtung. Sie richtete sich auf und sagte mit so viel Würde, wie sie aufbringen konnte: „Ich brauchte Blüten. Für ein Stillleben, an dem ich gearbeitet habe.“

„Margaret“, rief ihre Mutter, „Wirklich, manchmal gehst du doch ein wenig zu weit. Du hättest den Gärtner bitten können, dir einen Blütenzweig zu holen.“

„Ich glaube“, sagte Maggie und schluckte, „ich sollte einmal nachsehen, was die Kinder treiben.“

„Ich denke, das solltest du, Liebes“, stimmte ihr Lady Herbert so bereitwillig zu, dass es für Maggie offensichtlich war, dass ihre Mutter die feste Absicht hatte, über sie zu reden, sobald sie sich außer Hörweite befand.

Mit einem Seufzer stieß sich Maggie von dem Baum ab und schlenderte in die Richtung, aus der sie die Kinder rufen hören konnte. Es war für einen Tag im Mai ungewöhnlich heiß und das erste Mal in diesem Frühling richtig warm. Maggie hatte sich seit dem Morgen irgendwie träge gefühlt. Sie wusste, dass diese Trägheit teilweise aus Langeweile entstanden war. Seit sie das Porträt der Rawlings-Kinder beendet hatte, hatte sie nicht mehr wirklich etwas zu tun und keine neuen Projekte in Aussicht. Oh, da gab es das Porträt, das die alte Freifrau zu Ashforth machen lassen wollte, aber das war von zwei Katzen und Maggie hatte kein großes Interesse daran, Katzen zu malen. Menschen zu malen war sehr viel herausfordernder: ihren Gesichtsausdruck genau zu treffen und eine exakte Wiedergabe zu erreichen, ohne sie aber zu kränken ... ja, das war spannend. Katzen waren einfach zu leicht.

Als sie sich den Kindern näherte, sah sie, dass Elizabeth, deren Lächeln sie zu liebreizend dargestellt hatte, sich den Kopf ihres Bruders unter dem Arm geklemmt hatte. Ihr Kindermädchen und die Aufseherin des Waisenhauses waren nirgendwo zu sehen. So wie sie die Kinder kannte, wäre Maggie nicht überrascht gewesen, zu erfahren, dass sie die arme junge Frau geknebelt und gefesselt im Gestrüpp der Büsche zurückgelassen hatten. Seufzend hob sie den Saum ihres weißen Musselinkleides an und eilte zu ihnen, um den kreischenden kleinen Jungen aus der Tyrannei seiner Schwester zu befreien.

„Aber er sagt die ganze Zeit, er wäre der Premierminister“, erklärte Lizzie, als Maggie sie zurechtwies. „Und ich sollte heute der Premierminister sein. Mama hat gesagt, ich darf!“

„Aber Mädchen können keine Premierminister sein“, widersprach John. „Das hat Papa gesagt!“

Maggie, die sich an ähnliche Diskussionen zwischen ihr und dem Herzog von Rawlings vor einigen Jahren erinnerte, sah zu John herunter und sagte: „Warum spielen wir heute nicht etwas anderes als Parlament? Was hältst du davon, wenn ich dir das Spiel zeige, das dein Cousin Jerry und ich immer gespielt haben, als wir klein waren?“

Lizzie, die den Hals recken musste, um Maggie ins Gesicht zu schauen, wirkte neugierig. „Willst du etwa sagen, dass du auch mal klein warst?“, fragte sie ungläubig. „Du bist so riesig!“

Maggie versuchte, ihren Unmut zu kaschieren und murmelte: „So groß bin ich auch wieder nicht.“

„Doch, bist du wohl“, verkündete John. „Du bist größer als Papa.“

„Ich bin nicht größer als euer Vater“, sagte Maggie zunehmend gereizt. „Vielleicht als eure Mutter, aber nicht als euer Vater.“

„Bist du wohl“, sagte John voller Überzeugung. „Das ist sie doch, oder, Lizzie?“

Elizabeth betrachtete Maggie von oben und unten und sagte schließlich: „Nein, das ist sie nicht. Aber sie ist trotzdem sehr groß. Für ein Mädchen jedenfalls.“

Maggie spürte, wie sie errötete und war zugleich wütend auf sich selbst, weil sie zuließ, dass das unschuldige Geplapper von Kindern sie ärgerte. Sie wusste, dass sie zu empfindlich war, was ihre Größe anging. Was machte es schon, dass sie in ihrer Schule immer das größte Mädchen war? Wenigstens hatte sie inzwischen aufgehört, zu wachsen. Mit gut einssiebzig – der Größe, die sie im Alter von zehn Jahren erreicht hatte – war sie größer als ihre Mutter und all ihre Schwestern und nur wenig kleiner als ihr Vater.

Aber zweifellos hatte es auch Vorteile, so groß zu sein. Sie wusste, dass sie in den neuen Turnüren, die gerade Mode waren, wirklich sehr gut aussah. Die Form – vorne flach und hinten aufgebauscht – schmeichelte ihrer kurvigen Figur. Außerdem konnte sie sich immer darauf verlassen, dass sie im Handelskontor auch an die Artikel auf den obersten Regalen herankam, was beim Einkaufen sehr nützlich war.

„Hört mal“, sagte Maggie zu den Rawlings-Kindern. „Als euer Cousin Jerry und ich jünger waren, spielten wir oft ein Spiel namens Maharadscha und das hat wirklich Spaß gemacht. Einer von euch kann der indische Prinz oder die indische Prinzessin sein. Ein anderer ist der furchtlose englische Forscher, den der Maharadscha gefangen nimmt und an einen Pfahl bindet, um ihn als Opfer für einen heidnischen Gott lebendig zu verbrennen. Und der Rest von euch kann die britischen Soldaten spielen, die versuchen, ihn zu retten, oder Wilde, die um den brennenden Scheiterhaufen tanzen und versuchen, die Soldaten mit vergifteten Pfeilen abzuschießen. Hört sich das nicht spannend an?“

„Ich werde der Maharadscha sein“, verkündete Lizzie.

„Nein“, rief John, „ich!“

„Du“, sagte Lizzie ruhig, „kannst der furchtlose Forscher sein.“

John wurde auf der Stelle wütend, genau wie Jeremy damals, wenn Maggie darauf bestanden hatte, dass er der Forscher sein sollte. Weil sie das Gefühl hatte, sie hätte ihre Pflicht getan, drehte sie sich um und machte sich auf den Weg zurück zu den Frauen, die im Schatten des Kirschbaumes Platz genommen hatten. Allerdings ließ der Klang ihrer Stimmen sie auf halbem Wege innehalten.

„An weiblichen Porträtmalerinnen ist aber auch gar nichts ungehörlich, Anne“, hörte sie Pegeen in ihrer unverkennbaren kehligen Stimme sagen. Ihr weicher schottischer Akzent verzerrte dabei ein bisschen die Vokale. „Es gab etliche, also, du weißt schon, im Laufe der Geschichte –“

Anne unterbrach sie ungehalten: „Und ich würde gerne wissen, wie viele davon je geheiratet haben? Sehr wenige, wette ich. Eine Frau kann keine Ehe führen und gleichzeitig einem Beruf nachgehen.“

„Vielleicht nicht“, lautete Pegeens bedachte Antwort. „Außer, sie verheiratet sich sehr klug. Mit einem Mann, der Verständnis hat ...“ Dann fügte sie in fröhlicherer Stimmlage hinzu: „Aber das Gute ist: Maggie wird niemals heiraten müssen, so talentiert wie sie ist. Ich meine, außer sie möchte es. Sie könnte sich ziemlich gut selbst unterhalten, indem sie Porträts von Kindern aus der besseren Gesellschaft malt.“

Als sie sich im Klaren darüber war, dass tatsächlich über sie gesprochen wurde, fühlte Maggie erneut, wie ihre Wangen heiß wurden. Sie wusste, dass sie sich bemerkbar machen müsste, aber die Versuchung, zu lauschen, war einfach zu groß. Während sie plötzliches Interesse an ein paar Irisstängeln vortäuschte, spitzte Maggie die Ohren, um zu hören, was gesagt wurde.

„Aber das ist genau das, wovor ich am meisten Angst habe, Pegeen“, rief Anne aus. „Du weißt, wie unkonventionell Maggie sein kann. Nehmen wir mal an, sie verliebt sich in irgendeinen bettelarmen französischen Dichter und muss in einer schmutzigen Dachkammer in der Nähe von Montmartre mit lauter anderen Künstlerpersonen leben? Solche Menschen glauben bekanntlich nicht an die Institution der Ehe. Sie denken, das ist spießbürgerlich. Maggie wird eine gefallene Frau sein. Und was werden die Leute dann über uns sagen?“

Pegeen holte Luft, um zu antworten, aber Lady Herbert sagte eilig: „Wirklich Anne, du gehst zu hart mit deiner Schwester ins Gericht. Sie ist kein dummes Mädchen. Ich halte es für völlig unglaubwürdig, dass sie etwas so Dummes tun würde, wie sich in einen Franzosen zu verlieben.“

Anne teilte die Ansicht ihrer Mutter nicht. „Sie wird noch viel dümmere Sachen tun als das, Mama. Darauf kannst du dich verlassen. Du und Papa, ihr habt bei ihr die Zügel viel zu locker gelassen. Bitte versuch nicht, es zu leugnen – ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Ihr habt sie verzogen, Mama. Wie kann man das sonst erklären? Keine von uns, weder Elizabeth noch Fanny oder Claire sind auch nur annähernd so stur und eigensinnig wie Maggie.“

„Nun“, sagte Lady Herbert nachdenklich, „es war auch keine von euch demselben Einfluss ausgesetzt wie Maggie ...“

Lady Herberts Stimme verhallte, aber Maggie war nicht die Einzige, die verstanden hatte, was sie meinte. Pegeen beeilte sich, ihren Neffen zu verteidigen: „Oh, du meinst Jerry, nehme ich an?“, fragte sie unbekümmert. „Na ja, es stimmt, dass die beiden früher ein Herz und eine Seele waren. Aber ich muss sagen, dass es mir – obwohl Jerry so viel älter war – immer so vorkam, als hätte Maggie das Sagen. Sie war so lange viel größer als er. Weißt du, ich habe sie einmal erwischt, wie sie sein Gesicht recht gewaltsam in den Dreck gedrückt hat. Jerry war völlig hilflos und konnte sich nicht wehren. Er war damals, glaube ich, zwölf, was bedeuten würde, dass Maggie gerade sieben war, aber trotzdem war sie größer als er. Ich glaube doch, dass das ziemlich erniedrigend für ihn war, damals ...“

„Ich nehme nicht an, dass wir Seine Gnaden in naher Zukunft sehen werden“, vermutete Anne in gespielt beiläufigem Ton. Maggie wusste ganz genau, wie wenig ihre Schwester den Herzog mochte. „Er ist immer noch in Oxford, nicht wahr?“

„Eigentlich“, sagte Pegeen ruhig, „haben wir erst gestern Abend ein Telegramm von ihm erhalten, in dem stand, dass er heute nach Hause käme. Laut Lucy, die es vom Koch weiß, dessen Neffe in diesem Trimester sein Kammerdiener war, gab es zwischen Jerry und seinem Onkel gerade heute Morgen irgendeine geheime Verabredung, die erfordert hat, dass Edward vor einer Stunde mit der Kutsche ins Dorf hinunter geschlichen ist – scheinbar alles, damit ich den Grund für Jerrys plötzliche Rückkehr nicht erfahre. Es wird interessant sein zu sehen, wie lange die beiden dieses Mal denken, sie könnten vor mir ein Geheimnis haben.“

Das weitere Gespräch hörte Maggie nicht. Sie hatte nicht aufgehört, zu lauschen. Aber in dem Augenblick, als sie Jeremys Namen und die Tatsache hörte, dass er auf dem Weg zurück nach Rawlings war, breitete sich langsam ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus und ihre Füße begannen, wie von selbst eilig zur Vorderseite des Hauses zu laufen. Sie wusste ganz genau, dass Jeremy, wenn er heute nach Hause kommen sollte, unter der Eichenallee hindurchreiten müsste, die die Zufahrt säumte. Das wiederum bedeutete, dass er eine der ältesten Eichen auf den Ländereien passieren würde. Sie neigte sich – trotz der unermüdlichen Bemühungen der Gärtner, die über Jahre hinweg versucht hatten, den Stamm mit Metallstreben abzustützen – so weit über die Zufahrt, dass ihre Äste wie ein Baldachin nur etwa zwei Meter über der gepflasterten Straße hingen. Wäre es nicht ein Spaß, dachte sie, ihn aus dem Hinterhalt zu überraschen, genau wie sie die ankommenden Besucher des Anwesens als Kinder überfallen hatten? Mit ein wenig Glück könnte sie es schaffen, ihn direkt von seinem Pferd zu stoßen. Das hatte er nur verdient dafür, dass er sich den Verweis von einer weiteren Lehranstalt eingehandelt hatte – wenn es stimmte, was Pegeen sagte.

Maggie warf alle Ermahnungen ihrer Schwester, sich wie eine Dame zu benehmen, über Bord, zog ihre Röcke hoch und begann, über den Rasen im Vorgarten von Rawlings Manor zu rennen, ohne sich darum zu kümmern, dass ihre langen, wohlgeformten Waden über dem Schaft ihrer flachen Stiefel hervorblitzten. Es war so lange her, dass sie Jeremy gesehen hatte! Tatsächlich waren mehrere Jahre vergangen, da ihre Schulferien sich eigentlich nie überschnitten hatten. Und wenn es doch einmal der Fall war, war fast immer einer von ihnen in der Stadt oder im Ausland gewesen. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn wiedererkennen würde. Falls man den stolzen Berichten seiner Tante und seines Onkels Glauben schenken konnte, war Jeremy alles, was ein junger Gentleman sein sollte: Ein geschickter Reiter, ausgezeichneter Fechter, hervorragender Boxer und ausdauernder Schwimmer. Sie hatte ihre älteren Schwestern, die ihn gelegentlich auf Gesellschaften in London getroffen hatten, sagen hören, dass der Herzog von Rawlings zu einem außerordentlich gutaussehenden Mann herangewachsen war; eine Tatsache, die Maggie nur schwerlich glauben konnte. Was aber noch lachhafter war: Sie behaupteten, er wäre tatsächlich inzwischen hochgewachsen, was sie ganz und gar nicht glaubte. Jerry sollte größer sein als sie? Unmöglich!

Sie schwang sich den Stamm der Eiche hinauf, ein Kunststück, das sie spielend bewerkstelligte, obwohl sie sich einen Kniestrumpf und ihren Reifrock aufriss und einen Perlenknopf auf der Vorderseite ihres Mieders verlor – Zwischenfälle, die sie allesamt ignorierte. Oben angekommen machte sie es sich in ihrem blättrigen Unterschlupf unter den Ästen bequem. Von diesem Sitzplatz aus, knapp zweieinhalb Meter über dem Boden, hatte Maggie ziemlich freien Blick auf die Zufahrt. Ein einzelner Reiter im Galopp passierte sie gerade, während sie Ausschau hielt. Aber sie stellte enttäuscht fest, dass es nicht Jeremy sein konnte, denn der Reiter war viel zu breitschultrig und ragte zu hoch aus dem Sattel empor. Außerdem sah er ziemlich genau aus wie Lord Edward. Allerdings war Lord Edwards Pferd ein Brauner und das Pferd, das dieser Mann ritt, war pechschwarz – ähnlich wie Jeremys Pferd King.

Sie lehnte sich nach vorne, bis sie ausgestreckt auf dem dicken Ast lag und lugte an dem grünen Blattwerk vorbei. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass das Pferd tatsächlich kein anderes war als King, das erste Pferd, das Jeremy je besessen hatte und bekanntermaßen sein Favorit. Aber niemand außer Jeremy hatte die Erlaubnis, King zu reiten, und das bedeutete ...

Aber nein! Es war nicht möglich. Niemand konnte sich so sehr verändern, nicht in gerade mal – Maggie zählte es rasch an ihren Finger ab – fünf Jahren. Gott, waren wirklich fünf Jahre vergangen, seit sie den Herzog das letzte Mal gesehen hatte? Als sie wieder aufsah, bemerkte Maggie, dass Pferd und Reiter jetzt fast direkt unter ihr waren und es gab keinen Zweifel: Es war Jeremy. Auch hatten ihre Schwestern nicht gelogen, er sah gut aus ... wenn man den düsteren, melancholischen Typ mochte, was Maggie nicht tat: Sie bevorzugte bei Männern einen hellen Teint. Sein dunkles Haar lockte sich verwegen unter einem teuer aussehenden Zylinder hervor, unter dessen Krempe seine stechenden grauen Augen verächtlich blickten. Seinen Gesichtsausdruck erkannte sie sofort: Jeremy war zornig, sein markanter Kiefer zusammengebissen, sein Kinn mit dem Grübchen hoch über die gerüschte Halsbinde erhoben, während die langen, behandschuhten Finger mühelos die Zügel seines Pferdes umschlangen. Er ritt mit solcher Selbstverständlichkeit, als wäre King ein Teil seines eigenen Körpers. Ein Körper, der – das stellte Maggie interessiert fest – genauso schlank und kräftig aussah wie die der Männer, die für den örtlichen Schmied arbeiteten. Männer, deren nackte Oberkörper Maggie häufig verstohlen betrachtet hatte, während sie die Eisen für die Pferde ihres Vaters schmiedeten ...

Gott, das war schon wieder so ein fleischlicher Gedanke! Aber das hier war Jerry. Sie schüttelte sich. Was dachte sie da bloß gerade? Sie konnte auf keinen Fall in dieser Weise an Jeremy denken! Sie hatte diesen Körper öfter, als sie zählen konnte, mit Schneebällen beschossen und dieses Gesicht mindestens genauso oft in den Dreck gedrückt. Und jetzt ritt er direkt unter ihr entlang – so nah, dass sie ihm mühelos den Hut vom Kopf hätte schlagen können. In einem Augenblick würde er unter ihr dahinjagen und die Überraschung wäre vollkommen ruiniert.

Ohne länger zu zögern, streckte sie einen Arm aus, um seinen Hut zu packen und sich über seine Reaktion zu amüsieren. Leider verlor sie gerade in dem Moment, als sie sich herunterbeugte, das Gleichgewicht und spürte, wie sie vom Ast rutschte. Verzweifelt versuchte sie, sich daran festzuklammern, aber es nützte nichts. Im nächsten Moment segelte sie durch die Luft ...

 

Kapitel 3 

Jeremys erster Gedanke, als er das Kreischen hörte und die Wucht eines Körpers spürte, der gegen seinen prallte, war, dass Pierce irgendwie von den Toten auferstanden wäre und wegen der Entjungferung seiner Schwester und seiner darauffolgenden Ermordung mit ihm abrechnen würde. Er wand sich im Sattel hin und her und versuchte, seinen Gegner wegzuschleudern. Das Gelingen dieses Versuchs wurde allerdings durch die Tatsache behindert, dass sein Angreifer zwei weiche, sonnengebräunte Arme fest um seinen Hals geschlungen hatte und es zustande brachte, sie beide auf den Boden zu befördern.

Zu welchem Zeitpunkt genau sich Jeremy dessen bewusst wurde, dass sein Angreifer sowohl taillenlanges Haar als auch recht ansehnliche Brüste hatte, konnte er im Nachhinein nicht genau sagen. Aber es war wohl ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Körper auf der Straße aufprallten und in einem Gewirr aus Reifröcken, Überröcken und Frackschößen einen guten Meter bis auf das Gras rollten. Da ihm kurz die Luft wegblieb, dauerte es einen Augenblick, bevor Jeremy realisierte, dass er auf einem Körper lag, der – außer Pierce wäre im Jenseits ein Busen gewachsen – eindeutig weiblich war. Tatsächlich hatte sein Gesicht, bevor er den Kopf hob, zwischen zwei Brüsten so groß wie Cantaloupe-Melonen geruht. Sie waren scheinbar aus dem Mieder gesprungen, das sie vorher eingesperrt hatte, und reckten sich ungeachtet der Tatsache, dass ihr Besitzer niedergestreckt auf dem Boden lag, keck der Sonne entgegen.

Obwohl das, gelinde gesagt, ein angenehmes Gefühl war, wusste Jeremy, dass die Frau unter ihm wahrscheinlich durch die Wucht ihres Aufpralls bewusstlos geworden sein musste, wenn schon ihm die Luft weggeblieben war. Also benahm er sich wie ein Gentleman und hob den Kopf, um zu sehen, ob sie seine Hilfe brauchte oder nicht ...

und ertappte sich dabei, wie er in zwei lachende und ihm seltsam vertraute, braune Augen starrte.

„Du jämmerlicher Wicht!“ Eine melodische und für die Beschimpfungen, die sie äußerte, merkwürdig süße Stimme verspottete ihn. „Du hast geschrien wie ein abgestochenes Schwein. In meinem ganzen Leben habe ich sowas noch nicht gehört.“

Einen Moment lang dachte Jeremy wirklich, er würde einen Geist sehen. Nur ein überirdisches Wesen konnte jemandem, den er zu kennen glaubte, so ähneln und gleichzeitig so gar nicht aussehen wie sie. Denn die Frau, die unter ihm lag, war zweifellos Maggie Herbert – Maggie Herbert war die einzige Frau, die ihn ohne zu zögern einen jämmerlichen Wicht nennen würde – und doch war sie nicht Maggie Herbert. Nicht die Maggie Herbert, die ihre gesamte Kindheit damit verbracht hatte, ihn zu schikanieren. Die Maggie Herbert war, als er sie das letzte Mal gesehen hatte, spindeldürr gewesen, hatte Zahnlücken gehabt und zwei Zöpfe getragen. Sie hatte so lange, schlaksige Beine gehabt, dass sie gar nicht wusste, was sie mit ihnen anfangen sollte, und beim Laufen aussah wie ein neugeborenes Fohlen, das gerade seine ersten Schritte tat.

Aber diese Maggie Herbert hatte eine so üppige und pralle Figur wie eine Edelkurtisane – und Jeremy wusste, wovon er sprach, denn er war mit einigen von ihnen zusammen gewesen. Diese Maggie war überhaupt nicht mehr fohlenhaft und Jeremy konnte zweifelsfrei bezeugen, dass die Beine, zwischen denen er so gemütlich gebettet war, alles andere als schlaksig waren. Genaugenommen waren die Oberschenkel, die sich unter dem Gewicht seines Körpers spreizten, ziemlich genau wie die übrigen Körperteile, gegen die er gepresst wurde – geschmeidig, kräftig, aber vor allem sehr weiblich. Maggie Herbert war, wie er realisierte, zu einem Mädchen erblüht, das man als vollbusig bezeichnen konnte. Gleichzeitig war sie mit schmalen Handgelenken und Knöcheln und einer Wespentaille gesegnet und das stand ihr besser als vielen anderen Frauen, die Jeremy getroffen hatte. Sie schien sich nicht im Geringsten durch ihre neue, frauliche Figur gehemmt zu fühlen ... aber sie wusste scheinbar auch nicht um die verheerende Wirkung, die diese Kurven auf einen Mann haben konnten.

Erst, als er sein Blick ihr Gesicht streifte, erkannte Jeremy zweifelsfrei, dass diese Maggie und die Maggie seiner Erinnerung ein und dieselbe waren. Die Zöpfe waren tatsächlich Vergangenheit und an ihre Stelle war ein Schwall kastanienbraunes Haar getreten, so dunkel, dass es vor dem frischen grünen Gras fast schwarz aussah. Und was ihre Zähne anging – sie waren jetzt ebenmäßig und weiß, ohne eine einzige Lücke. Aber in diesen dunklen Augen lag ein Glitzern, das er erkannte, das Aufblitzen von etwas, das zu gutmütig war, um boshaft, aber auch zu schelmisch, um völlig arglos zu sein. Und da war ein Schwung in diesen Lippen, die er früher als deutlich zu breit empfunden hatte, bei heutiger Betrachtung jedoch verführerisch voll fand, der an die alte Maggie erinnerte. Die Maggie, die ihn unbarmherzig gehänselt und gequält hatte und an der er sich, wie er sich hatte sagen lassen müssen, nicht rächen durfte, weil sie ein Mädchen war.

Und jetzt war es, als hätte Maggie Herbert einfach dadurch, dass sie herangewachsen war, schon wieder gewonnen. Denn er hatte in seinem ganzen Leben noch keine Frau getroffen, die ihm so attraktiv vorkam ... und die für seine eigenen Reize so blind war.

„Oh!“, rief Maggie und lachte, bis sie außer Atem war. „Wie du geschaut hast! Das war köstlich, einfach köstlich!“

Während er sich auf die Ellenbogen stützte – sein Gesicht schwebte noch immer nur ein paar Zentimeter über ihrem bemerkenswerten Busen –, fragte Jeremy ernst: „Bist du verrückt geworden?“

Als ihre einzige Antwort noch heftigeres Gelächter war, bemerkte er: „Weißt du, du hättest dich dabei umbringen können.“

„Das wäre es wert gewesen“, antwortete Maggie genießerisch. Sie lachte so heftig, dass Jeremy, der immer noch ausgestreckt auf ihr lag, spüren konnte, wie sich ihre Bauchmuskeln unter den Korsettstangen anspannten. Maggie Herbert in einem Korsett! Er hätte nie gedacht, dass er das erleben würde.

„Trotzdem“, sagte er ernst, „du kannst nicht so herumtoben. Du hättest dich ernsthaft verletzen können.“

„Meine Güte! Du hast noch nie einen Scherz vertragen und wie es aussieht, hat deine noble Ausbildung daran jedenfalls nichts geändert.“ Nachdem sie sich einige dunkle Haarsträhnen aus dem herzförmigen Gesicht gestrichen hatte, drückte Maggie sich mühsam auf die Ellenbogen hoch. Das Mieder ihres Kleides klaffte noch weiter auseinander und bot Jeremy eine vortreffliche Aussicht auf das, was in den spitzenbesetzten Körbchen ihres Kamisols lag. Im Gegensatz zu der Situation am Morgen war er dieses Mal vollkommen außerstande, wegzusehen und anstatt von ihr herunterzuklettern, was er zweifellos hätte tun sollen, blieb er an Ort und Stelle und bewunderte die beiden Wölbungen ihrer weichen, weißen Haut.

Maggie bemerkte unwillkürlich, dass Jeremys Augen, von denen sie immer dachte, ihre Farbe wäre ein fades Grau, in Wirklichkeit nicht ganz so farblos waren, wie sie es in Erinnerung hatte. Tatsächlich waren sie auf sehr subtile Weise hellblau, mit kleinen silbernen Sprenkeln, und sie waren nicht einmal ansatzweise auf ihr Gesicht gerichtet. Vielmehr schienen sie an ihrem Brustkorb zu hängen. Als Maggie der Blickrichtung folgte, bemerkte sie, dass der Knopf, den sie beim Klettern auf die Eiche verloren hatte, in der Tat eine wesentliche Aufgabe erfüllt hatte. Ihr beachtliches Dekolleté quoll vorne aus ihrem weißen Kleid heraus.

Maggie wurde von einer Flut widersprüchlicher Gefühle überrollt. Einerseits hatte die Situation etwas Komisches, das Maggie trotz der qualvollen Verlegenheit, die augenblicklich in ihr aufstieg, nicht entging. Barbusig vor dem Herzog von Rawlings! Was würde Lady Herbert sagen? Andererseits war an der Art und Weise, wie sie der Herzog von Rawlings ansah, gar nichts komisch. Wenn sie vorher Zweifel gehegt hatte, ob Jeremy sich seit ihrem letzten Treffen verändert hatte, machte sein Gesichtsausdruck diese zunichte. Sie hatte bei ihm noch nie zuvor so einen Blick gesehen ...

... oder zumindest war er nicht auf sie gerichtet gewesen.

Allerdings war es einer dieser Blicke, die sie in letzter Zeit regelrecht auf sich zu ziehen schien. Sie hatte ihn in den Gesichtern von Fremden gesehen, an denen sie im Dorf vorbeigegangen war. Es war ein bewundernder Blick, das stand fest, und trotzdem war da etwas mehr als bloße Bewunderung, etwas, dass man ... na ja, nur mit einem Wort beschreiben konnte: Begierde.

Begierde?

Bei Jeremy? Urplötzlich erkannte Maggie, dass das nicht länger ein unschuldiges Spiel zwischen Kindern war. Dort auf ihr lag ein Mann, über zwanzig Jahre alt, und kein Junge. Und sie war eine Frau – na ja, gerade so – also sollte er besser schleunigst von ihr heruntersteigen, bevor zufällig jemand vorbeischlenderte oder aus einem der Fenster des Herrenhauses sah ...

„Geh von mir runter“, keifte Maggie und ließ ihre Arme fallen, obwohl sie dadurch mit Kopf und Schultern wieder auf den Boden sank, was die Unangemessenheit der Situation noch verschlimmerte. Allerdings war sie in dieser Position imstande, sich mit dem weit geöffneten Ausschnitt ihres Kleides auseinanderzusetzen.

Jeremy, der Maggies Unbehagen genauso genoss wie seine Aussicht, bemerkte beiläufig: „Du scheinst da einen Knopf verloren zu haben, Mags.“

„Denkst du, ich wüsste das nicht, du schmieriger Idiot?“ Maggie konnte ihm nicht in die Augen sehen. Wie alles andere an ihm hatten sich auch seine Augen verändert. Sie schienen jetzt eine sonderbare Wirkung auf sie auszuüben – eine Wirkung, die ebenso verantwortlich für ihre roten Wangen war wie der fehlende Knopf. Während er ihre Bemühungen mit einer hochgezogenen Augenbraue beobachtete, sagte er: „Du siehst aus, als könntest du Hilfe gebrauchen – dürfte ich?“

Maggie, deren Verlegenheit sich blitzschnell in Empörung verwandelte, schlug nach seinen Händen – es waren große, gebräunte Hände, wie sie zu ihrer Beunruhigung feststellte, mit Schwielen übersät und deutlich größer als ihre eigenen –, während sie mit ihrer anderen Hand den Ausschnitt ihres Kleides zusammenhielt. „Nein, darfst du nicht“, sagte sie und akzentuierte jedes ihrer Worte mit einem Schlag nach ihm. „Geh sofort von mir runter!“

„Angesichts der Tatsache, dass du dich auf mich gestürzt hast, Mags“, bemerkte Jeremy, „ist deine momentane Entrüstung herzlich fehl am Platze.“

„Geh runter!“ Maggie sah sich um. „Mein Gott, es könnte uns jemand sehen!“

„Das hättest du dir wiederum überlegen können, junge Dame, bevor du mich so gewaltsam von meinem Pferd geworfen hast.“ Jeremy, der enttäuscht feststellte, dass sie es endlich geschafft hatte, ihr Kleid zu schließen, sah stirnrunzelnd auf ihre verkrampften Finger herab. „Warum machst du überhaupt so einen Aufstand daraus? Ich habe dich schon mal im Evaskostüm gesehen, wie du weißt. Allerdings nicht, das gebe ich ja zu, seit du so eine vortreffliche Figur bekommen hast –“

„Geh runter!“ Vollkommen gedemütigt schlug Maggie den Ellenbogen ihres freien Arms gegen seinen Kopf. Obwohl der Hieb nicht wirklich geschmerzt haben konnte, sah Jeremy sehr überrascht aus. Es passierte sicher nicht allzu oft, nahm Maggie an, dass der Herzog von Rawlings eins auf den Deckel bekam. Was für ein Mädchen würde einen Herzog verärgern wollen, besonders einen heiratsfähigen? Aber Maggie interessierte es nicht allzu sehr, was der Herzog von Rawlings – oder auch irgendein anderer Herzog – dachte.

Das war vielleicht auch gut so, denn was der Herzog von Rawlings dachte, war, dass es dumm von ihm gewesen war, so lange von Zuhause fernzubleiben. Was er allerdings sagte, war: „Hör mal, das war nicht sehr sportlich.“ Während er sich das Ohr rieb, versuchte er, verärgert auszusehen. „Du hast dich hoffentlich nicht in eins von diesen albernen, um sich schlagenden Mädchen verwandelt, oder etwa doch?“

„Ach, um Gottes Willen“, fauchte Maggie, „Geh von mir runter. Mein Vater könnte uns sehen.“

„Das“, sagte Jeremy entschieden, „ist der einzige vernünftige Grund, der mir einfällt, um dieses äußerst angenehme Intermezzo zu beenden.“

Dann löste er sich langsam von ihr, nicht ohne zu bemerken, dass ihr Rock hochgerutscht war und ein paar Waden freigab, die so vortrefflich gerundet waren, dass sie jede Revuetänzerin neidisch gemacht hätten. Und das war noch nicht alles, was er erspähte. Als er wieder auf den Beinen stand, reichte er ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen, und es gelang ihm, dabei einen Blick auf die Stelle zu erhaschen, wo ihre Kniestrümpfe endeten und ihre Strumpfhalter begannen, genau dort, wo sich ein weicher, weißer Oberschenkel wölbte.

Maggie, die auf dem Boden lag, entging Jeremys flüchtiger Blick zwischen ihre Beine nicht und sie schob hastig ihren Rock herunter, bevor sie einen argwöhnischen Blick auf die Hand warf, die ihr entgegengestreckt wurde.

„Was?“, stieß Jeremy hervor, als er ihre zu Schlitzen verengten Augen bemerkte. „Ich will dir behilflich sein, das ist alles, du kleines Dummerchen. Du brauchst mich nicht anzusehen, als ob ich dich gleich beißen würde.“

Maggie schluckte. Das war genau, wonach er aussah ... als ob er sie beißen wollte, oder etwas noch Schlimmeres. So ansehnlich, wie er geworden war, schien es mehr als wahrscheinlich, dass es eine Menge Mädchen gab, mit denen Jeremy eine Menge mehr getan hatte, als ihnen behilflich zu sein ... und auch mehr, als sie zu beißen.

Da er den Grund für ihr Zögern missverstand, verdrehte Jeremy die Augen. „Ich werde dich nicht noch einmal in das Reflexionsbecken tunken, falls du das denkst“, erklärte er. „Ich denke, wir sind beide inzwischen alt genug, um auf diese kindischen Streiche zu verzichten, wenn man mal von deinem Überfall absieht.“

Da sie wusste, dass sie sich lächerlich machte, streckte Maggie eine Hand aus, bedacht darauf, den Ausschnitt ihres Kleides mit der anderen zusammenzuhalten. In dem Augenblick, als Jeremys kräftige Finger sich um ihre schlossen, wusste sie, dass sie in Schwierigkeiten war. Sein Griff wirkte nicht so, als würde er sie so schnell wieder loslassen. Er würde sie genau solange festhalten, wie ihm beliebte und es gab rein gar nichts, was sie dagegen tun konnte.

Aber trotz der Kraft in seinen langen Fingern war er überraschend zärtlich, und zerrte nicht an ihr, wie er es früher getan hätte. Es war auch gut, dass er sie noch ein wenig länger festhielt, denn sobald sie sich völlig aufgerichtet hatte, traf Maggie der größte Schock überhaupt: Jeremy war größer als sie.

Nicht einfach nur größer als sie – viel größer als sie. Ihr Kopf reichte ihm gerade bis zur Schulter. Sie wäre mit der Nase mittig gegen seine Brust geprallt, wenn er ihre Hand nicht noch fester umklammert hätte, als sie vor Schreck stolperte.

„Maggie?“, Jeremy starrte fragend zu ihr herunter. „Bist du in Ordnung? Du hast dir doch nicht etwas gebrochen, oder?“

Benommen schüttelte Maggie den Kopf. Jeremy Rawlings sollte größer sein als sie? Und nicht nur ein bisschen größer, sondern mindestens zwanzig Zentimeter! Wann war das passiert? Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte sie ihn um mindestens einen Kopf überragt. Er war in fünf Jahren gut dreißig Zentimeter gewachsen. Großer Gott, er war so groß wie Lord Edward!

„Das hätte ich ja nie gedacht“, sagte Jeremy erstaunt. „Maggie Herbert, sie schlägt um sich und sie fällt in Ohnmacht! Wie sich die Zeiten geändert haben. Ich dachte nie, dass du mal so ein zartes Pflänzchen werden würdest.“

Das genügte, um Maggie aus ihrer Benommenheit zu reißen. Sie hob ihren Kopf – kaum zu fassen, dass sie tatsächlich den Kopf heben musste, um ihm in die Augen zu schauen – und keifte: „Ich bin nicht zartbesaitet. Und ich habe dich nicht geschlagen, sondern dir einen Stoß mit dem Ellenbogen gegeben und das hattest du verdient. Und jetzt lass meine Hand los.“

Jeremy lächelte und sie sah schnell in eine andere Richtung. Sein Lächeln schien denselben verheerenden Effekt auf ihr Herz zu haben wie seine Augen. Beide brachten es dazu, sich irgendwie in ihrer Brust zu überschlagen. „Immer noch ganz die alte Mags“, sagte er und hob ihre Finger als herzliche Geste der Anerkennung an seine Lippen. „Trotz der süßen neuen Kurven.“

Maggie war schockiert über die saloppe Anspielung auf ihren Busen. Seine Augen verfolgten sorgfältig ihre Reaktion, als seine Lippen ihre Knöchel umschmeichelten. Sie versuchte unverzüglich, aber erfolglos, ihre Hand wegzuziehen. Jeremy hielt mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen ihre Finger fest, ja drehte sie sogar herum, um ihre Nägel zu betrachten.

„Aha“, sagte er, „Zinnoberrot, Magenta und ein kleines bisschen ... was haben wir hier? Ach ja, Schneeweiß. Wie ich sehe, malen wir noch. Und wie geht es Freifrau Ashforths Katzen? Sie müsste inzwischen genug Bilder von ihnen haben, um den großen Saal damit zu füllen –“

„Lass meine Hand los.“ Maggie bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, aber da sie kurz davor war, in Panik auszubrechen, war das kein leichtes Unterfangen. „Ich meine es ernst, Jerry. Lass los!“

„Lass meine Hand los“, äffte Jeremy sie nach. „Geh von mir runter. Begrüßt man etwa so einen alten Freund, den man ein halbes Jahrzehnt nicht gesehen hat?“

Diese Frage lenkte sie ab und sie hörte auf, so hektisch zu versuchen, ihre Hand wegzuziehen.

„Einen Freund?“, wiederholte Maggie. Dann schnaubte sie. „Seit wann sind wir denn Freunde? Feinde würde es besser treffen.“

„Du warst diejenige, die die feindlichen Gefühle gehegt hat“, sagte Jeremy und tat, als wäre er beleidigt. „Ich habe nie verstanden, warum. Du hattest es dir zur Aufgabe gemacht, mir das Leben zur Hölle zu machen, obwohl ich immer nur wollte, dass –“

„Du wolltest immer nur alle herumkommandieren“, unterbrach sie ihn. Jetzt war sie dran, ihn nachzuäffen. „Du kannst nicht der Piratenkapitän sein, Maggie. Ich bin der Herzog, also darf ich der Piratenkapitän sein. Du kannst nicht das letzte Kirschtörtchen haben, Maggie. Ich bin der Herzog, also bekomme ich das letzte Kirschtörtchen. Du musst tun, was ich sage, Maggie, denn ich bin der –“

„Na und?“, unterbrach sie Jeremy und schaffte es, dabei höchst gleichgültig auszusehen. „Du hast ja sowieso nie gemacht, was ich dir gesagt habe.“

„Gut, dass wenigstens eine sich nicht von dir tyrannisieren ließ“, betonte Maggie. „Sonst wärst du vielleicht einer von diesen boshaften Männern geworden, die die Hand einer Frau nicht loslassen, wenn man sie darum bittet.“

„Boshaft? Ich bin also boshaft, ja?“ Er grinste, als ob ihm gefiel, wie sich das anhörte – dabei hatte Maggie es kaum als Kompliment gemeint. Nichtsdestotrotz ließ er ihre Hand fallen und sah – ein wenig nachdenklich, wie Maggie fand – auf sie herab. Sie fragte sich, was er wohl dachte und überkreuzte dann abwehrend die Arme vor der Brust. Er mochte also ihre neue Figur? Und er besaß die Dreistigkeit, es ihr ins Gesicht zu sagen! Großer Gott, wie schnell ihre Schwester Anne in Ohnmacht gefallen wäre, wenn sie dieses Gespräch mitbekommen hätte!

Maggies Schwester hätte noch weitaus mehr getan, als in Ohnmacht zu fallen, wenn sie in die Gedanken eingeweiht gewesen wäre, die in diesem Moment in Jeremy vorgingen. Er verpasste sich selbst gedanklich einen Tritt dafür, dass er nicht schon früher versucht hatte, Sir Arthur Herberts jüngste Tochter zu verführen. Wie hatte er es nicht sehen können?, fragte er sich selbst. Wie hatte er nicht sehen können, dass sie sich in so einen appetitlichen Leckerbissen verwandeln würde? Gut, all ihre Schwestern waren nicht so besonders gewesen, daher war er nicht vorgewarnt, aber Maggie ... Was für eine Entdeckung! Er hatte sich niemals so sehr mit einer Frau amüsiert, für die er nicht bezahlt hatte. Sie hatte etwas an sich, mit ihrer hemmungslosen Unverschämtheit, das vermuten ließ, dass in dem Mädchen – obwohl gerade erst den Kinderschuhen entwachsen – nicht einmal mehr ein Funke kindlicher Unschuld war. Es sah aus, als ob sein Besuch zu Hause schließlich doch nicht so langweilig werden würde wie gedacht ...

Maggie hingegen gefiel nicht, welchen Lauf die Dinge nahmen. Es gefiel ihr ganz und gar nicht. Es gab nicht viele Leute, die Maggie täglich sah und die größer waren als sie. Sie war es nicht gewohnt, sich klein zu fühlen. Doch Jeremy, den sie mehr oder weniger jahrelang gehänselt hatte, sorgte nun dafür, dass sie sich so fühlte. Schlimmer noch: Er war so viel größer, dass ihr das in der Tat ein wenig Angst einjagte. Und sie hasste es, Angst zu haben. Sie betrachtete sich selbst als furchtlos, da sie – im Gegensatz zu ihren älteren Schwestern – keine Höhenangst, Angst vor dem Wasser, vor Mäusen oder Insekten, Platzangst, Angst im Dunkeln oder vor sonst irgendetwas hatte. Warum sie also überhaupt vor Jeremy Rawlings Angst haben konnte, wusste sie nicht. Doch sie spürte nun mal diese Beklommenheit. Sie würde etwas dagegen tun oder zugeben müssen, dass es doch eine Sache gab, die ihr Angst machte ... aber ob diese Sache Jeremy Rawlings war, oder ob es die Gefühle waren, die er in ihr auslöste, darüber war sie sich nicht im Klaren.

Als sie einen Blick in sein Gesicht riskierte, bemerkte sie, dass er immer noch zu ihr hinunter sah, mit demselben nachdenklichen Gesichtsausdruck. Großer Gott, er war attraktiv! Wie hatte sie das vorher nicht bemerken können? Nicht, dass sie gutaussehende Männer gerne mochte ... na ja, außer Lord Edward und Alistair Cartwright, ihren Schwager. Aber im Allgemeinen fand Maggie, dass hübsche Männer dazu neigten, zu viel von sich selbst zu halten. Sie nahm an, dass Jeremy einen Grund hatte, sich überlegen zu fühlen, da er nun gutaussehend war und außerdem mehr Geld hatte als die Queen. Aber in seinem Fall waren sowohl das Aussehen als auch das Vermögen Geschenke des Schicksals. Nur ein Dummkopf wäre stolz auf ein Geschenk Gottes ...

Dann glitt Maggies Blick an seinen breiten Schultern vorbei. „Äh, Jeremy“, sagte sie.

„Ja?“ Erwartungsvoll hob er beide Augenbrauen.

„Du solltest vielleicht dein Pferd einfangen. Er rennt gerade davon.“ Erschrocken drehte sich Jeremy um und sah, wie King in Richtung der Südweide trabte, wo die Stutfohlen grasten.

„Verdammt“, fluchte Jeremy. Er drehte sich eilig wieder zu Maggie um. „Warte hier“, sagte er und machte dabei eine Geste, die aussah wie die Handbewegung, die die Schäfer in Yorkshire machten, wenn sie ihre Collies anwiesen, auf ihrem Platz zu bleiben. „In Ordnung? Ich bin gleich wieder da.“

„Oh“, sagte Maggie und nickte ernst. „Natürlich.“

Sobald er sich umdrehte, machte sie sich auf den Weg zum Haus. Sie rannte nicht, weil das schwer war, wenn man das Mieder seines Kleides mit einer Hand festhalten musste – und außerdem wollte sie nicht, dass er dachte, sie würde weglaufen – aber sie ging rasch vorwärts. Der Rückzug erschien ihr an dieser Stelle als die beste Strategie. Sie musste mehr wieder instand setzen als nur ihr Kleid ... Ihr schwirrte wahrhaftig der Kopf, nachdem sie mit so vielen neuen Eindrücken überhäuft worden war. Jeremy Rawlings sah ebenso männlich und kräftig aus wie die Söhne des örtlichen Schmieds, die sie seit, na ja, inzwischen über einem Jahr aus der Ferne bewundert hatte. Jeremy Rawlings sah mit Begierde in den Augen zu ihr herunter, Augen, die ihr einst glanzlos vorgekommen waren, die aber jetzt so hell strahlten wie das silberne Teeservice ihrer Mutter. Und Jeremy Rawlings war größer als sie!

Was war nur aus der Welt geworden?

Es war zu viel auf einmal für Maggie, um es zu verkraften. Da sie das ruhige Leben auf dem Land gewöhnt war, wusste sie überhaupt nicht, wie sie auf diese Wendung reagieren sollte. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, Zeit um sich wieder zusammenzunehmen – sowohl im wörtlichen als auch im sprichwörtlichen Sinne –, Zeit um herauszufinden, wie sie am besten mit dieser neuen und verstörenden Entdeckung umgehen sollte: Jeremy Rawlings jagte ihr Angst ein.

Sie hatte nicht den Hauch einer Chance. Sie schaffte es gerade bis zum Wendeplatz vor dem großzügigen, dreistöckigen Herrenhaus, als sie eine tiefe Stimme hörte – Gott, selbst seine Stimme hatte sich verändert! –, die ihren Namen rief. Verdammt! Maggie blieb auf der Stelle stehen, schickte ein Stoßgebet zum Himmel und drehte sich dann langsam zu ihm um.

„Was denkst du, wo du hingehst?“ In Jeremys tiefer Stimme lag ein vergnügter Unterton. Es war derselbe Tonfall, in dem er sie oft angesprochen hatte, wenn er gerade einem ihrer unzähligen Streiche zum Opfer gefallen war.

„Äh“, sagte Maggie, „Nirgendwohin. Rein, einen Knopf suchen.“ Sie biss sich auf die Zunge. Oh, brillante Konversation, Maggie!

„Komm mit“, sagte Jeremy. Er hatte King eingefangen und keuchte vor Anstrengung. Dabei sah er, wie Maggie fand, viel zu gut aus, denn die Sonne ließ sein rabenschwarzes Haar bläulich glänzen – er hatte offensichtlich bei dem Sturz seinen Hut verloren – und seine Halsbinde war gerade weit genug gelockert, um ein paar dunkel gelockte Brusthaare an seinem Halsansatz zu enthüllen.

„Äh“, begann Maggie. Und wieder hatte sie Probleme mit ihrer Zunge: Normalerweise konnte sie diese nicht ruhig halten, aber heute lag sie schwer wie ein Ziegelstein in ihrem Mund. „Nein. Ich kann nicht. Ich muss wirklich –“

„Komm noch schnell mit, bis ich diese Bestie sicher angebunden habe.“ Er grinste zu ihr herab, als ob ihr Widerstreben das Komischste wäre, das er je gesehen hatte. „Danach können wir reingehen und einen Knopf für dich auftreiben. Komm schon.“

„Ich kann wirklich nicht, Jeremy. Meine Mutter –“

„Ach, vergiss deine Mutter.“ Seine silbernen Augen leuchteten herausfordernd, während das Lächeln auf seinem Gesicht breiter wurde. „Wovor hast du Angst?“

Maggie erstarrte. „Nichts“, erwiderte sie ein bisschen zu schnell. Mit ihrer Zunge schien alles wieder in Ordnung zu sein. Die silbernen Augen funkelten.

„Du würdest doch keine Angst vor mir haben, oder etwa doch, Mags?“

„Ganz bestimmt nicht!“

„Lügst du mich etwa an, Mags?“

„Nein ...“

Das Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen, das so breit war, dass sie all seine weißen, ebenmäßigen Zähne sehen konnte. „Natürlich nicht. Das hätte ich auch nicht gedacht. Also dann, komm.“ Er drehte sich um, um ihr seinen freien Arm anzubieten.

„Lauf ein Stück mit mir. Ich will alles darüber hören, wie es dir in den letzten fünf Jahren ergangen ist. Du malst offensichtlich noch. Aber was hast du sonst so gemacht?“

Maggie warf einen langen, sehnsüchtigen Blick in Richtung der großen Doppeltüren des Herrenhauses. Jenseits davon warteten Sicherheit, Vernunft und ein Dienstmädchen mit einem Nähetui. Aber Maggie hatte Feigheit noch nie ausstehen können – am Allerwenigsten bei sich selbst. Also überquerte sie mit einem Seufzer die Auffahrt und hakte sich bei Jeremy ein.

„Ach“, sagte sie unbekümmert. „Nicht viel.“