Leseprobe Ein teuflisch verführerischer Lord

Kapitel Eins

London, England 1811

»Teufel noch mal, das war verdammt knapp.« Lord Devlin Wayward lehnte sich an die Tür, massierte seinen Nasenrücken und kämpfte die aufsteigende Panik zurück. Zum ersten Mal seit vielen Jahren betete er darum, dass St. Peters gleich gehen würde und seine Tochter mit sich nahm, die sich, scheinbar spielerisch, wie eine Seepocke an einem Schiffsrumpf an seine Fersen geheftet hatte.

Olivia St. Peters, die unverheiratete Tochter seines zukünftigen neuen Geschäftspartners, war ein gerissenes kleines Ding, zweifellos. Die Bluthündin hatte gewartet, bis ihr Vater beschäftigt war, bevor sie sich heute an ihre Beute herangepirscht hatte. Wäre nicht Hensley genau im rechten Augenblick hereingekommen, das wusste Devlin, wäre er jetzt in ernsthaften Schwierigkeiten. Hensley würde eine ordentliche Gehaltserhöhung dafür erhalten, dass er zu seiner Rettung aufgekreuzt war, bevor ein Desaster hatte passieren können – und dafür, dass er den Mund hielt.

Alles hatte mit einem ehrlichen Missverständnis – das er zutiefst bedauerte – am Morgen ihrer ersten Begegnung angefangen. Sein Club war, wie gewöhnlich, noch geschlossen, und die einzigen Frauen, die um diese Uhrzeit erschienen, suchten Arbeit. Die Bescheidenheit des Mädchens hatte ihn zwar überrascht, denn die meisten, die sich um eine Dienststelle bewarben, zeigten viel mehr Brust, wenn sie sich vorstellten. Aber er hatte ihr Kleid bewundert und die Art, wie es ihre Gestalt umschmeichelte. So wollte er ihr gerade eine Anstellung anbieten, da kam ihr Vater vom Abtritt zurück.

Nicht ahnend, wie kurz davor er gestanden hatte, sie zu beleidigen, hatte sie seine Bewunderung für echt gehalten, und ihre daraus resultierende Vernarrtheit war anscheinend grenzenlos. Er hatte die letzten paar Wochen damit verbracht, die Begegnung mit ihr zu meiden. Meistens war er dabei erfolgreich gewesen. Heute jedoch hatte er dank St. Peters’ unfassbarem Drang, seine Tochter zu geschäftlichen Treffen mitzubringen, schändlich versagt.

Man stelle sich diese Neureichen nur vor, die es nicht besser wissen, als eine unverheiratete Frau in einen Herrenclub mitzubringen.

Auch wenn es sich dabei um einen geschlossenen Club handelte, war dies höchst unangebracht. Wäre ihre Mutter noch am Leben, hätte sie es niemals erlaubt. Wenn er diesen Geschäftsabschluss nur nicht so nötig bräuchte, um im Wettbewerb weiter mithalten zu können, dann hätte er etwas in dieser Richtung geäußert.

St. Peters war so fest entschlossen, den Bessergestellten nachzueifern und doch so ignorant den Finessen gegenüber, die sie als solche auszeichneten. Man konnte sich in die höheren gesellschaftlichen Ränge einkaufen – Geld war jederzeit willkommen –, aber kein Goldhaufen konnte ein Schweineohr in eine Seidenbörse verwandeln. Oder die mutterlose Tochter eines Privatiers in eine Lady.

Devlin wusste, dass es riskant war, eine Partnerschaft mit St. Peters einzugehen, um sein Geschäftsimperium zu vergrößern, aber Risiken waren seine Spezialität. Trotz seines schlichten Hintergrunds war der Mann in allem, was er anpackte, äußerst erfolgreich. Devlin war zuversichtlich, dass sich seine Entscheidung am Ende auszahlen würde, sie gemeinsam den Wettbewerb gewinnen würden und London ihnen zu Füßen läge.

Er ließ die Hand in seine Brusttasche gleiten, zog seinen Flachmann hervor und schraubte ihn auf, bevor er sich mit einem kräftigen Schluck flüssigen Mut verschaffte und dann nachsah, ob der Weg frei war. Zehn Minuten später saß er an das Rückenpolster seiner Kutsche gelehnt und sah Londons schmuddelige Pracht am Fenster vorbeiziehen. Der kalte Regen, der eingesetzt hatte, vermochte die Straßen nicht reinzuwaschen.

Plötzlich überkam ihn Überdruss. Ich muss von hier fort – zumindest für eine Weile. Aber wohin? Bath reizte ihn nicht. Genaugenommen gab es für einen Mann wie ihn keinen besseren Ort als London.

Die Kutsche hielt vor Devlins Haus am King’s Square an, und er verließ ihren schützenden Innenraum, um sich dem kalten Regen zu stellen, der in sein Gesicht prasselte, als er die Stufen zu seinem Heim hinaufstapfte. Im Winter ist es hier wirklich ungemütlich. Drinnen war es viel besser. Als er wieder trocken und aufgewärmt war, nahm er vor dem Feuer einen Brandy und blätterte die Post des Tages durch. Briefe von Anwälten und Kunden legte er achtlos beiseite und nahm den erwarteten Umschlag mit der vertrauten, schwer leserlichen Handschrift seines Zwillingsbruders zur Hand.

Ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht, als er die ungleichmäßigen Zeilen betrachtete. Daniel berichtete immer in aller Breite von Dingen, die er als »Neuigkeiten« aus Harper’s Grove beschrieb, dem verschlafenen Dorf, in dem er als Pfarrer diente. Die Zeilen nur überfliegend suchte Devlin nach etwas, das von größerem Interesse war.

Ah, hier war es ja schon.

David, der nach dem allzu frühen Tod des ältesten Bruders Drake den Herzogtitel geerbt hatte, war offenbar nicht zufrieden damit, wie die Familie sich zerstreut hatte. Alte Streitigkeiten waren mit ihrem Vater und Drake gestorben, und David – immer schon ein sensibler Mensch – wollte, dass alle, auch Devlin, zu ihm nach Winterbourne kämen, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Nach Hause. Hier in London sollte sein zu Hause sein, aber in seinem Herzen spürte Devlin den Sog, den Winterbourne auf ihn ausübte. Die sanften Hügel und kleinen Ortschaften von Berkshire waren etwas ganz anderes als das von Ruß und Lärm geschwängerte London.

Er ruckte mit dem Kopf hoch. Natürlich! Er erhob sich und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Vor Begeisterung schrieb er seine Zustimmung weniger säuberlich als sonst, wenn er seine elegante Handschrift gezielt setzte, aber das war jetzt nicht wichtig. Zufrieden streute er Sand über das Pergament und legte es zum Trocknen auf die Schreibtischunterlage. Gleich morgen früh würde er es abschicken, und nächste Woche um diese Zeit wäre er bereits auf dem Weg.

Einen Monat würde er bleiben. Nur einen kurzen Monat, in dem er Strategien entwickeln und sich erholen wollte. Es wäre ein willkommenes Atemschöpfen, und danach würde er zweifellos dafür sterben, wieder nach London zurückzukehren. Und wenn David ihn nicht so lange ertragen konnte, würde Sankt Danny ihn sicherlich im Pfarrhaus beherbergen.

St. Peters konnte sich in seiner Abwesenheit um die Clubs kümmern. Er würde es Probezeit nennen. Wenn St. Peters seine Sache gut machte, würde Devlin ihn nach seiner Rückkehr offiziell zum Kompagnon ernennen. Und mit etwas Glück würde er bei seiner Rückkehr feststellen, dass Miss St. Peters sich an die Fersen eines anderen armen Teufels geheftet hatte. Ein Monat Abwesenheit wäre sicher lang genug, damit ihr Interesse an ihm abkühlte.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Er hob sein Brandyglas und brachte für sich einen stillen Toast aus. Jawohl. Der verlorene Sohn würde seine äußerst einträglichen Spielhöllen, die bezaubernden Damen fragwürdiger Moral und Londons andere zahlreichen Genüsse und Vergnügungen zurücklassen und das düstere, kleine Harper’s Grove besuchen. Und er würde jede verdammte Minute der Ruhe und des Friedens genießen.

»Zur Hölle«, er lachte leise vor sich hin. »Vielleicht bleibe ich einfach bis Ostern in Winterbourne.«

Schneefall hatte eingesetzt, als die Kutsche um die letzte Kurve fuhr und Winterbourne sichtbar wurde. Devlin wunderte sich darüber, wie aufgeregt ihn der Anblick des Heims aus seiner Kindheit machte. Erinnerungen fluteten auf ihn ein, die meisten davon gut, nur wenige waren es nicht. Doch das stärkste Gefühl, welches das herrschaftliche Gebäude in ihm auslöste, war Freude. Darüber, dass er bald wieder im Schoß seiner großen und zuweilen ungestümen Familie sein würde. Das letzte Mal hatten sie sich alle bei Drakes Beerdigung zusammengefunden.

Er gestattete sich einen bedauernden Seufzer. Mochte Drake auch ein verklemmter Pickel am Allerwertesten gewesen sein, so vermisste er seinen Bruder doch. Er gab nicht Drake die Schuld daran, wie er sich entwickelt hatte; das war allein seinem Vater zuzuschreiben. Jetzt, da David der Herr auf Winterbourne war, hatten sich die Dinge ganz offenbar gewandelt.

Trotz seiner Melancholie machte dieser Gedanke ihn wütend. David, ursprünglich nur die vernachlässigte »zweite Besetzung«, hatte den größten Teil seines Lebens als junger Erwachsener auf die gleiche Weise zugebracht, wie Devlin es jetzt tat – nur schlimmer. Denn er war Künstler gewesen, und zwar von der Sorte, die schöne, nackte Frauen malte. Tatsächlich hatte David mehrere der Porträts nackter Damen gemalt, die die Wände von Devlins eigenen heiligen Hallen schmückten. Und trotzdem hatte sein Bruder vom Moment der Erbschaft an einen drastischen Wandel durchlaufen und schulterte die Verantwortung, die der Herzogtitel mit sich brachte, mit erschreckender Leichtigkeit. Zum Teil schrieb Devlin diesen Umstand der Tatsache zu, dass David geheiratet hatte.

Frauen – oder eher Gemahlinnen – schienen diese Wirkung auf Männer zu haben. Seine Mundwinkel wollten sich zu einer Grimasse verziehen. Ich lasse mich nicht so leicht zähmen. Das hatte er sich an dem Tag geschworen, als ein Brief von Daniel ihm vor Augen geführt hatte, wie sehr ein Jahr Eheleben und die Geburt eines Sohnes ihren damals wildesten Bruder, David, verändert hatten.

Sein Gesicht wurde weich, als er daran dachte, dass er den kleinen Dalton, der schon fünf war, kennenlernen würde. Er mochte Kinder. Sie waren ehrlich und sprachen aus, was sie dachten, ohne die Wahrheit zu verdrehen oder ihre Worte abzumildern. Für einen Mann, der es gewohnt war, Menschen in unterschiedlichen Stufen der Verstellung reden zu hören, war das erfrischend.

Er wollte nicht warten, bis der Fahrer herüberkam, als die Kutsche anhielt, und öffnete sich die Tür selbst. Der Duft nach Heimat überfiel ihn, und er schloss die Augen, um tief einzuatmen. Geräusche, die der Kutscher beim Entladen machte, beendeten seinen Tagtraum, und Devlin begann damit, seine Sachen aus dem Inneren der Kutsche zu holen.

»Hol mich doch der Teufel«, sprach eine sardonische Stimme in seinem Rücken. »Der verlorene Sohn ist tatsächlich zurückgekehrt.«

Devlin grinste, drehte sich um und umarmte seinen älteren Bruder, Lord Dean Wayward. »Es ist zu lange her«, sagte Devlin lachend und verbarg sein Erschrecken beim Anblick der silbernen Strähnen, die im dunklen Haar seines Bruders leuchteten.

»Das hätte nicht so sein müssen«, grummelte Dean und warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. »Du hättest jederzeit herkommen können, das weißt du. Wenn nicht hierher, so hätte ich dich auch auf Holburn willkommen geheißen. Tatsächlich würde ich mich freuen, wenn du uns bald besuchen kämest. Du musst Hetty kennenlernen – sie ist nicht hier«, sagte er auf Devlins fragenden Blick. »Sie ist zu Hause geblieben, um sich um ihre kranke Schwester zu kümmern. Du müsstest sehen, was wir aus dem Anwesen gemacht haben. Das heißt, wenn du dich das nächste Mal von London losreißen kannst.«

Devlin spürte, wie seine Augen zu brennen begannen. Ein so herzliches Willkommen hatte er nicht erwartet. Er klopfte auf Deans Schulter und drehte sich um, damit er zum Haus schauen konnte. »Aber wo ist denn mein Wildfang von Halbschwester? Ich bin überrascht, dass sie nicht nach draußen zur Kutsche gerannt gekommen ist.«

»Diana wusste nicht, dass du kommst.«

Indigniert verzog er den Mund. »Ich habe es doch vorher angekündigt.«

»Daniel wollte es ihr sagen, aber David und ich nahmen ihm sein Wort ab, nichts zu verraten für den …«

»Für den Fall, dass ich nicht kommen würde«, beendete Devlin matt seinen Satz.

Deans Gesicht blieb ungerührt. »Wir wollten keine Erwartungen in ihr wecken und dann zusehen müssen, wie ihr Herz bricht, wenn du doch nicht kommen könntest.«

Es versetzte ihm einen Stich, und doch wusste Devlin, dass er gut daran getan hatte, es vor ihr geheim zu halten. »Ich nehme an, ich hätte an deiner Stelle das Gleiche getan.«

»Sie hat dich schrecklich vermisst«, fuhr sein Bruder fort. »Daniel versucht, dich in deiner Abwesenheit zu ersetzen, aber du warst ihr immer näher als wir anderen. Es war schwer für sie. Hier draußen, wo die feine Gesellschaft so übersichtlich ist, hat sie nur wenige Freundinnen.«

Ein Schuldgefühl überkam ihn. Nach Daniels Worten war ihre Schwester verzweifelt gewesen, als er wegging. Er hatte ihr nur selten geschrieben. Allerdings musste man fairerweise sagen: Was könnte jemand wie er mit einer jungen, wohlerzogenen Dame von einem gewissen Feingefühl zu besprechen haben, wenn sein eigenes Verhalten und sein Umgang im besten Fall als unangemessen, im schlimmsten als vollends unmoralisch galten? Während ihre Briefe, ähnlich wie die von Daniel, von Geplauder über die örtlichen Ereignisse strotzten, war er froh, überhaupt genug Erzählenswertes zusammentragen zu können, um alle paar Monate eine halbe Seite zu füllen.

»Sie wird unzählige Freundinnen finden, wenn sie zur diesjährigen Saison nach London reist«, murmelte er. »Und dann wird sie heiraten und Freundschaften mit den Damen aus dem Umkreis ihres Gemahls eingehen.«

Dean stieß einen Ton des Missfallens aus. »Sie sollte lieber jemanden von hier heiraten. Jemanden, den sie kennt. Oder zumindest einen Mann, der sich weniger um die korrupten Zerstreuungen schert, die London bietet, sondern dem es wichtiger ist, für das gute Leben seiner Familie zu sorgen.«

»Nicht alle Menschen sind wie du, Dean«, antwortete er leichthin. »Gott weiß, ich bin es nicht. Aber auch gute Männer suchen sich in London ihre Gattinnen. Nicht alle sind solche Teufel wie ich.«

Die Lippen seines Bruders kräuselten sich in einem ironischen Lächeln. »Niemand ist wie du. Nicht einmal David in seiner schlimmsten Zeit.«

»Wo ist David überhaupt?« Es verhieß nichts Gutes, dass das neue Familienoberhaupt bei seiner Ankunft nicht einmal herausgekommen war.

»Er legt einen Streit zwischen Bauern bei. Er sollte gleich zurück sein.« Er hielt inne und winkte. Devlin wandte sich um und sah den Knecht, der ein Pferd zu ihnen führte. »Ich bin ausgeschickt worden, um zu schauen, ob der Teich zugefroren ist – Diana möchte Schlittschuh laufen.« Er lächelte. »Geh schon mal hinein. Ich komme später dazu.«

Sie umarmten sich, und Dean ritt davon.

Als Devlin in das Haus trat, sah er Daniel die Treppe herunterkommen. Sein Gesicht strahlte in einem leuchtenden, arglosen Lächeln, als er seine Schritte beschleunigte, um den Abstand zwischen ihnen zu überbrücken. Obwohl sein Zwillingsbruder ihm in einer überraschend festen Umarmung fast den Brustkorb zerdrückte, lachte er. »Verdammt, es tut gut, dich zu sehen!«, keuchte er und klopfte auf Daniels Rücken.

Sein Bruder befreite sich und sah ihm mit aller Ernsthaftigkeit offen ins Gesicht. »Meine Güte, was für ein attraktiver Teufel du bist.«

Es war ein alter Witz, aber Devlin wurde ihn nicht müde. »Wie du – für einen Mann im Rock«, neckte er und bezog sich auf die lange schwarze Soutane, die sein Bruder trug.

Daniel versuchte nicht einmal, seine Freudentränen zu verbergen, und lachte. »Komm. Diana wird uns an Ort und Stelle umbringen, wenn sie herausfindet, dass du hier bist und ich dich ihr vorenthalte.«

Devlins Kopf fühlte sich ungewohnt leicht an, als er seinem Zwillingsbruder folgte. Es war surreal, wieder durch diese Halle zu gehen, nachdem ihm für so lange Zeit der Eintritt verwehrt gewesen war. Sanfte weibliche Stimmen drangen an sein Ohr, als sie sich dem Salon näherten. Wie oft hatten er und Daniel sich in genau diese Halle geschlichen, um ihre Eltern zu belauschen oder ihnen unartige Streiche zu spielen?

Er war anscheinend nicht der Einzige, der sich an diese Zeiten erinnerte – als sie sich der Tür näherten, blieb Daniel zurück und winkte ihm vorauszugehen.

Grinsend schlenderte Devlin hinein, griff nach einem Buch und setzte sich kommentarlos hin. Die Damen warfen ihm einen Blick zu, unterbrachen ihre Unterhaltung jedoch nicht. Ihre Durchlaucht, die Herzogin von Winterbourne – Evangeline – plauderte darüber, Gelder für einen wohltätigen Zweck zu sammeln, während die junge Lady Diana Tee einschenkte. Er gab vor, zu lesen und warf verstohlene Blicke auf die beiden.

»Du hast dich umgezogen«, bemerkte seine Halbschwester schließlich. »Möchtest du später noch ausreiten?«

Er blickte sie über den oberen Buchrand hinweg an und gab ein nichtssagendes Grunzen von sich.

Sie runzelte die Stirn. »Antworte mir nicht mit Schweinegeräuschen.« Als er nicht reagierte, schielte sie ihn misstrauisch an. »Vor nicht mal einer Stunde warst du guter Laune. Wodurch hat sich das geändert?«

Bevor er antworten konnte, sagte Daniel von der Halle aus: »Die lange Fahrt von London hierher durch die Kälte, schätze ich.«

Brauen zogen sich himmelwärts, als Daniel den Kopf hereinstreckte, und dann entstand ein heilloses Durcheinander, als beide Frauen aufsprangen und Devlin mit einer Flut glücklicher Ausrufe und nicht ernstgemeinter Vorwürfe bestürmten.

Diana fuchtelte mit dem Zeigefinger in seine Richtung, aber ihre Schelte wurde durch ihr breites Lächeln abgemildert. »Du bist so verkommen wie früher!« Sie drehte sich zu Daniel um und schürzte die Lippen. »Ich hätte zumindest dich für erwachsener gehalten.«

Devlin ließ sich von ihr umarmen und auf beide Wangen küssen, dann von seiner Schwägerin. Ein Teil von ihm wand sich in all dem weiblichen Getue, aber ein anderer Teil empfand es als großen Trost, dass er willkommen geheißen und nicht zurückgestoßen wurde. Darunter mischte sich ein scharfer Stich des Bedauerns, weil er nicht früher zurückgekommen war.

Wie hatte er das vermisst. Er hatte es vermisst, mit Menschen zusammen zu sein, die nicht wegen seines Geldes oder dessentwegen, was er für sie tun konnte, in seiner Nähe sein wollten, sondern weil sie ihn liebten. In seinem Innern lockerte sich eine straff gespannte Feder, eine Anspannung löste sich, von deren Existenz er nicht einmal gewusst hatte. Bis jetzt, da sie aufhörte.

 

Zwei Tage später

Die kahlen Wände ihrer immer noch völlig ungeschmückten Schlafkammer starrten Mary an. In ihrer Hand hielt sie eine Bürste mit silbernem Rücken, aber anscheinend konnte sie sich nicht rühren.

»Was ist falsch mit mir, dass er nach wie vor so völlig blind ist?«, flüsterte sie laut in den leeren Raum. Sie bemühte sich um die Bescheidenheit, die man von der Frau eines Pfarrers erwarten würde, aber sie wusste, dass sie wohl die Hübscheste der unverheirateten Frauen in der Pfarrgemeinde war. Andere Männer betrachteten sie nur mit offener Bewunderung.

Warum er nicht?

Letzte Woche hatte der Pfarrer eine öffentliche Tanzveranstaltung im Dorf besucht. Zuerst war freudige Erregung in ihr geweckt worden. Sie würde einen Weg finden, ihn zu einem Tanz mit ihr zu bewegen – er würde nicht umhinkommen, seine Tanzpartnerin zu bemerken! Doch dann waren all ihre Hoffnungen rasch zerstört worden, als sie erkannte, dass er nur als Anstandswauwau für seine Schwester Lady Diana mitgekommen war.

Während andere darüber murrten, dass die äußerst begabte Halbschwester des Duke of Winterbourne den Großteil männlicher Aufmerksamkeit auf sich zog, hatte das Mary nicht geschert. Sie litt nicht unter einem Mangel an Tanzpartnern, aber Reverend Wayward war nicht darunter. Um ehrlich zu sein, er hatte auch all die anderen Hoffnungsvollen enttäuscht. Wenn er nicht aktiv seine Schwester herumführte und vorstellte, unterhielt er sich mit den Männern oder den Matronen des Dorfs.

Sie hatte bemerkt, wie vorsichtig er es vermied, mit einer der unverheirateten Damen über die üblichen Begrüßungsfloskeln hinaus Konversation zu betreiben. Diejenigen, deren übereifrige Mütter auf ihren Bemühungen bestanden hatten, seine Aufmerksamkeit auf ihre Töchter zu lenken, waren mit äußerstem Takt und sehr geschickt zurückgewiesen worden.

Papa hatte sich mindestens zehn Minuten mit ihm über die Verzögerungen beim Bau der Brücke, die er entworfen hatte, unterhalten. Da sie bereits offiziell bekanntgemacht worden waren, hatte Mary während des Gesprächs direkt vor dem Reverend gestanden. Sie hatte nicht zu sprechen gewagt, weil sie nicht vorlaut wirken wollte, doch hoffte sie, dass er sie bemerken und nach Beendigung des Gesprächs zum Tanz auffordern würde.

Doch sie hatte kein Glück. Wie an jedem Sonntag hatte er ihr nur ein herzliches Begrüßungsnicken gegönnt und dann sogleich vergessen, dass sie da war. Genauso gut hätte sie unsichtbar sein können und nicht eine Frau aus Fleisch und Blut, die in prächtige, roséfarbene Seide gehüllt war.

Allein der Gedanke daran ließ sie wünschen, etwas Zerbrechliches an die Wand zu werfen und zuzusehen, wie es in tausend Stücke zerbarst. Aber solches Verhalten war sowohl kindisch als auch unklug. Ihre Eltern würden sich wundern, was los war, und dann würden allerhand unangenehme Fragen folgen.

Wenn das in diesem Tempo weitergeht, wird Augie vor mir verheiratet sein, dabei ist sie auch noch ein Jahr jünger als ich. Mit einem unzufriedenen Schnauben fuhr sie fort, ihr Haar zu kämmen. Der Reverend mochte ja attraktiv sein, aber sein gutes Aussehen hatte für niemanden einen Nutzen, solange er sich weigerte, zu heiraten.

Auf dem Ball hatte sie irgendwann eine mürrische Dame recht schockiert zu einer anderen kommentieren hören, dass sie den Verdacht hegte, er fühle sich zu Männern hingezogen. Aber Mary hatte schon herausgefunden, dass das nicht der Fall war. Seine Augen hingen an niemandem, außer während einer Unterhaltung. Dann wandte er nie den Blick vom Gesicht der jeweiligen, glücklichen Person ab.

Wie sie sich wünschte, diejenige zu sein, die seinen Blick ablenken würde! Aber wenn das roséfarbene Kleid – das gewagteste und vorteilhafteste ihrer Kleider der letzten Londoner Saison – ihn nicht dazu brachten, sie anzusehen, dann würde nichts das bewerkstelligen können, außer vielleicht Nacktheit.

Vor ihrem inneren Auge malte sie sich aus, wie sie des Nachts aus dem Haus schleichen und die Straße zum Pfarrhaus hinunterhuschen würde, nur in ihren Umhang und ihren Unterrock gekleidet. Sie würde an seine Tür klopfen. Er würde öffnen, und seine wunderschönen Augen würden sich bei ihrem Anblick weiten. Sie würde den Umhang von ihren Schultern gleiten lassen und einen Schritt in seine offenen Arme tun …

»Mary?«

Sie fuhr zusammen und ließ die Bürste fallen. Rasch bückte sie sich danach, ihr Gesicht glühte. »J-ja, Mama?«

»Meine Güte«, sagte ihre Mutter stirnrunzelnd. »Ist Ginny noch nicht zu dir gekommen, um dein Haar in Ordnung zu bringen?«

Mary schüttelte den Kopf und bemühte sich, ihr Unbehagen zu verbergen.

Etwas über die Unbeholfenheit bestimmter Dienstmädchen vor sich hin grummelnd eilte ihre Mutter herein, wand die Bürste aus den tauben Fingern ihrer Tochter und begann damit, die schwere Pracht ihres Haars zu entwirren. »Sag mal, wir sind jetzt schon seit zwei Monaten hier. Du könntest ein oder zwei Bilder aufhängen, um es etwas freundlicher zu gestalten.«

»Wozu?«, antwortete Mary. »Sobald die Saison beginnt, reisen wir doch wieder ab.« Und wenn Papas Brücke erst fertig gebaut war, gab es keinen Grund, wieder zurückzukommen. Sie würden für die Saison nach London ziehen, und wenn sie innerhalb dieser Zeit dort nicht heiratete, würden sie sich anschließend in derjenigen Stadt niederlassen, in der Papas nächstes Bauprojekt verwirklicht würde.

Ihre Mutter ließ diese alte Beschwerde nicht gelten.

»Misses Barnes kommt später zum Tee vorbei«, informierte sie Mary. »Du erinnerst dich an ihren Sohn, Anthony?«

Nur schwer konnte sie ein Geräusch des Ekels unterdrücken. Anthony Barnes war ein ungeschickter Tölpel. Seinem Vater gehörte die örtliche Ziegelei, und er hatte sich in kürzester Zeit mit Papa angefreundet. »Gewiss«, antwortete sie pflichtschuldigst und blinzelte, als ihre Mutter an einer Haarsträhne zog. »Begleitet er sie?« Furchtsam hielt sie den Atem an.

»Nein, aber ich glaube, dass sie herkommt, um sein Interesse an dir zu erklären.«

Oh, gnädiger Himmel! »Ich bin sicher, dass ich für Mister Barnes nicht interessant bin. Wir sind uns nur ein paar Mal begegnet.« Ein paar Mal zu oft! »Warum denkst du, dass das ihre Absicht ist?«

Die Mundwinkel ihrer Mutter hoben sich in der Andeutung eines triumphierenden Lächelns. »Wir sind uns diese Woche zufällig begegnet, als wir Stoffe für unsere Näharbeiten aussuchten. Nachdem wir uns erst kurz unterhalten hatten, erzählte sie mir, dass ihr Sohn dich sehr bewundert. Sie sagte, er hätte nach dem Ball so oft von eurem Tanz gesprochen, dass sie sich sicher ist, er will dir seine Aufwartung machen.«

Mary unterdrückte ein Stöhnen. Der Trottel war ihr nicht weniger als vier Mal mit seinen riesigen Füßen auf die Zehen getreten! »Ich bin mir sicher, er hat an dem Abend mit vielen Damen getanzt. Ich sehe keinen Grund, weshalb ich für ihn etwas Besonderes sein sollte.«

Die Bürste fuhr in einem sehr groben Strich durch ihr Haar. »Du solltest dich selbst nicht so herabsetzen. Besonders nicht, wenn jemand anderes dich hören kann. Die Leute werden dich der falschen Bescheidenheit bezichtigen.« Die Berührungen ihrer Mutter wurden sanfter. »Du magst ihn nicht?«

»Ich hasse ihn nicht, aber …« Ihr Blick begegnete im Spiegel dem ihrer Mutter. »Ach, Mama. Ich bin sicher, dass er einer Frau ein guter Gemahl sein wird, aber ich fürchte, diese Frau kann nicht ich sein.«

Ihre Mutter hielt inne und schien sich einen Augenblick zu sammeln, bevor sie sprach. »Ich weiß, dass du glaubst, deine Gedanken vor mir verbergen zu können, Mary, und ich hasse es, diese Illusion zu zerstören. Aber … deine Aussichten, Reverend Wayward zu heiraten, sind bestenfalls sehr gering, wenn nicht gar inexistent.«

Mary blieb fast das Herz stehen.

»Ach, mein Kind«, murmelte ihre Mutter voller Mitgefühl. »Deine Schwäche für diesen Gentleman ist nicht zu übersehen.« Ihre grauen Augen, die denen von Mary so sehr glichen, blickten traurig und milde. »Unglücklicherweise ist er ein Mann, der bereits verheiratet ist – mit seiner Berufung. Sein Geist strebt einem höheren Ziel zu.« Sie hob eine Hand, als Mary protestieren wollte. »Männer wie er haben selten Interesse an einer Heirat.«

»Hat er denn nicht die gleichen Wünsche wie jeder andere Mann?«, wandte Mary ein und spürte, wie die Hitze ihr wieder in die Wangen kroch, als die Brauen ihrer Mutter sich hochzogen. »Ich meine, er wird doch sicherlich eine Familie wollen?« Sie hatte ihn mit den Dorfkindern gesehen, wie er auf dem Kirchhof nach der Messe mit ihnen gelacht und gespielt hatte. Sie beteten ihn an, und sie war sicher, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhte. Seine Augen nahmen auch jedes Mal, wenn er ein Neugeborenes auf dem Arm hielt, um ihm den ersten Segen zu erteilen, einen sehnsuchtsvollen Ausdruck an. »Er ist kein Papist, Mama. Es gibt kein Zölibat, das ihm verbietet, zu heiraten.«

Ihre Mutter ruckte mit dem Kopf, ihre Wangen überzogen sich mit Röte. »Vielleicht nicht, aber du wirst freundlicherweise akzeptieren, dass er dem Klerus angehört und du deshalb nicht in solch … intimen Worten über ihn reden solltest.«

»Ja, Mama«, sagte sie demütig und senkte den Kopf, damit ihre Mutter ihr Haar zu einem Knoten drehen konnte. »Ich wollte ja nur sagen, dass er eines Tages bestimmt eine Familie möchte.«

Ein weiterer Laut des Missfallens erklang aus der Kehle ihrer Mutter, als sie ihre Arbeit wieder aufnahm. »Vielleicht, aber du wirst dich nicht wegen eines Mannes zur Närrin machen, der dich in keiner Weise dazu ermutigt hat. Bis zur Saison dauert es nicht mehr so lange, und wir wollen nicht, dass die Leute über dich tratschen, noch bevor wir nach London aufbrechen.«

»Gewiss, Mama.« Als würde aus der Nachbarschaft außer Lady Diana noch jemand diese Reise antreten! Dieser Gedanke löste eine Welle der Enttäuschung aus. Reverend Wayward würde gewiss hierbleiben.

Wenn meine Eltern nur zu überzeugen wären, London diese Saison auszulassen! All die anderen Damen von Herkunft würden nach London eilen, und das Feld würde ihr überlassen bleiben. Aber die Damenausstatterinnen schleiften bereits ihre Scheren und spitzten die Nadeln, um ihr Kleider zu nähen, und Papa hatte auch schon ihre Unterkunft sichergestellt.

»Du wirst nun mal nicht jünger«, kommentierte ihre Mutter trocken. »Es ist Zeit, Wunschdenken beiseite zu schieben und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich möglich ist.«

Mary biss sich auf die Zunge. Mit einundzwanzig Jahren erwartete man von ihr, dass sie als verlobte Frau aus dieser Saison hervorgehen würde. Im Gegensatz zu ihrer Mutter betrachtete sie ihr Alter nicht als einen Schaden, sondern als Vorteil. Reverend Wayward schien die Art Mann zu sein, der die Gesellschaft einer intelligenten, ernsthaften Frau derjenigen eines kichernden Mädchens, das gerade erst die Schulbank verlassen hatte, vorzog. Aber bis jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit noch nicht erringen können.

Es muss eine Möglichkeit geben … Die Zinken des Kammes, mit dem ihre aufgetürmte Frisur oben gehalten werden sollte, ritzten ihre Kopfhaut und brachten sie zurück in die Gegenwart. Ihr Haar war gemacht. »Danke, Mama.«

»Zieh dich fertig an, und dann kommst du zum Frühstück herunter. Eil dich. Du weißt, wie sehr dein Vater Unpünktlichkeit verabscheut.«

Eine Stunde später zog sich Marys Magen vor Nervosität zusammen, als sie und ihre Familie den kurzen Weg zur Kirche zurücklegten. Ihr Atem stockte beim Anblick des Reverends neben dem Vordereingang, der die Ankömmlinge mit seinem üblichen, sonnigen Lächeln begrüßte.

Sie zog die Schultern zurück und bereitete sich vor. Schau mich an. Sieh mich.

In seinen Augenwinkeln zeichneten sich Fältchen ab, als er ihre Familie voller echter Wärme begrüßte.

Sein Blick aus tiefblauen Augen jedoch traf den ihren nur für den kürzesten Moment, bevor er weiterwanderte.

Verdammt. Ein Schuldgefühl überkam sie, als sie unter dem Bogengang hindurchging. Das Haus des Herrn mit einem Fluch auf den Lippen zu betreten – wenngleich nicht laut ausgesprochen –, war kaum der richtige Weg, seine Gunst zu gewinnen, wenn sie darum beten wollte, dass sein Diener sich in sie verlieben solle.

Lächelnd nickte sie allen zu, denen sie begegnete, aber die herzlichen Grüße der anderen machten ihr das Herz nur noch schwerer. Ihre Gesichter waren zwar freundlich, aber in ihren Augen sah sie keine echte Wärme. Kein erfreutes Wiedererkennen. Sie und ihre Familie waren in Harper’s Grove akzeptiert, aber nur als Gäste, nicht als Mitglieder der Gemeinschaft.

Und es war ja richtig, dass die Menschen ihnen mit Vorsicht begegneten. Neuankömmlinge waren eine unbekannte Größe. Vertrauen und Nähe zu schaffen, benötigte Zeit. Von allen jungen Frauen, die sie hier kennengelernt hatte, hatte ihr nur Augie die Hand zur wahren Freundschaft gereicht. Und sie lebte selbst erst seit weniger als einem Jahr in Harper’s Grove.

In ein paar Monaten werde ich sie zurücklassen. Wie sie es mit jeder Freundin getan hatte, die sie bei ihren kurzen Aufenthalten in den verschiedenen englischen Städten hatte gewinnen können. Den Kontakt mit Briefen aufrechtzuerhalten war gut und schön, aber nach einer gewissen Zeit waren die Briefe weniger geworden und in größeren Abständen angekommen. Und dann hatten sie ganz aufgehört.

Sie wollte ein Zuhause. Ein echtes Zuhause. Und sie wollte, dass es in Harper’s Grove lag. Von allen Orten, an denen sie mit ihrer Familie gelebt hatte, war ihr dieser der liebste. London hatte für sie überhaupt keinen Reiz. Es war zu groß, zu unpersönlich. Sie wollte durchs Dorf spazieren und dabei von den Leuten zur Seite genommen werden, um mit ihnen über ihr Leben zu sprechen, um ihre Geheimnisse zu teilen, oder ihre Kinder zu bewundern. Sie wollte dazugehören, die Wärme und Kameradschaft mit allen genießen, anstatt immer nur von außen durchs Fenster hinein zu starren.

Nach der Messe blieb Mary zurück, um noch ein paar inbrünstige Bitten an den Allmächtigen zu richten, während sich die Dorfbewohner draußen versammelten. Sie war gerade im Begriff, sich zu erheben, da betrat die Antwort auf all ihre Gebete den Chorraum – ohne Begleitung.

Einem erschreckten Kaninchen gleich machte die Hoffnung in ihr einen Satz, als Reverend Wayward neben ihrer Bank stehenblieb, die Brauen besorgt gerunzelt. »Miss Tomblin, richtig?«

»Ja«, hauchte sie und sah nach oben in seine Augen.

Das Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ihre Eltern sind draußen. Sollten Sie sich nicht zu ihnen gesellen?«

Sie wollte den Blick nach unten wenden, um Schüchternheit vorzugeben, aber sie ertrug es nicht, den Bann zu brechen. Er sah sie. Er nahm sie tatsächlich wahr. »Ich … ich habe gebetet.«

Er nickte bedächtig und senkte die Stimme. »Das Gebet ist immer ein guter Anfang, um ein Problem zu lösen. Wenn Sie etwas bedrückt und Sie darüber sprechen müssen, wäre ich glücklich, Ihnen meinen Rat anzubieten.«

Ihre Gedanken gerieten durcheinander, einer setzte sich auf den anderen, und sie türmten sich auf ihrer Zunge. Aber sie war unfähig zu sprechen.

»Miss Tomblin?«

Sag etwas! »Ihr verkörpert alles, was in dieser Welt gut und freundlich ist«, brach es aus ihr hervor, und sie spürte, wie sich ihr Gesicht erhitzte. »Seit Ewigkeiten will ich Euch schon sagen, dass ich …«

»Mary?«, rief die Stimme ihrer Mutter von der Tür her. »Oh, Hochwürden, ich bitte um Verzeihung. Ich wusste nicht, dass ich eine private Beratung unterbreche.« Ihr Blick wanderte zwischen ihnen beiden hin und her, dann verengte er sich und blieb auf ihrer Tochter haften. »Mary, dein Vater und ich sind fertig, um zu gehen.«

Verdammt, verdammt, verdammt! Sie sprang auf die Füße. »Ich wollte Reverend Wayward nur gerade von …« Sie suchte nach Worten, aber in ihrem Kopf schienen keine mehr zu sein.

»Von der Teilnahme Ihrer Familie am bevorstehenden Wohltätigkeitsbasar erzählen«, beendete er sanft ihren Satz. Sein Blick aus blauen Augen, die nun auf der Hut waren, glitt zu ihrer Mutter. »Ich kann Ihnen nicht genug für Ihre Zeit und Großzügigkeit danken.«

Erleichterung durchfloss Mary, als sie die Anspannung aus dem Gesicht ihrer Mutter weichen sah. Sie antwortete: »Gewiss, es ist uns ein Vergnügen.«

Mary beobachtete ihn, als er zu ihrer Mutter hinüberging, seine Unterhaltung mit ihr fortsetzte und sie am Ende ihrer Kirchenbank allein stehen ließ. Ihr Herz verdorrte im Feuer der Schmach und des Versagens. Wegen ihrer ungestümen Art und ihrer Unfähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen, war sie zurückgewiesen worden. Obwohl er nichts gesagt hatte, das sich darauf bezog, wusste sie es ganz gewiss. Das Objekt ihrer Zuneigung betrachtete sie nun mit nichts als Vorsicht.

Eine Bitte an den Allmächtigen wäre jetzt nicht angebracht. Er hatte ihr die Gelegenheit geschenkt, eine Bindung herzustellen, und sie hatte sie verpfuscht. Der gute Reverend würde sicherlich nicht mehr zulassen, je wieder mit ihr allein zu sein.

Kapitel Zwei

Devlin brach in Gelächter aus, den Kopf an den Stamm des Baumes gelehnt, in dem sie sich als Jungen ein zweites Haus gebaut hatten. Jetzt wünschte er, er wäre diesen Morgen zur Kirche gegangen, anstatt sich mit vorgeschützten Kopfschmerzen davor zu drücken. »Du meinst wirklich, sie wollte sich dir erklären?«

»Ich kann an diesem Umstand nichts Belustigendes finden«, spie Daniel aus. Die Röte zog sich bis in seine Haarwurzeln. »Ich habe die Unwahrheit gesagt, um das arme Mädchen vor einer Peinlichkeit zu bewahren, doch jetzt muss ich einen Weg finden, ihr freundlich, aber unmissverständlich klarzumachen, dass ihre Zuneigung fehl am Platze ist.« Er zerwühlte seine Haare mit den Händen, wodurch sie an manchen Stellen in alle Richtungen standen, was ihm das Aussehen eines Schwachsinnigen verlieh.

»Das könnte ich dir abnehmen.«

Sein Bruder riss den Kopf hoch. »Was?«

Devlin feixte. »Das haben wir doch früher so gemacht, weißt du noch? Und wir können es noch immer – Diana und Evangeline konnten uns nicht auseinanderhalten, und sie sehen dich jede Woche.« Doch sein Bruder hatte bereits bei seinen ersten Worten begonnen, den Kopf zu schütteln. »Ach, komm schon! Denk einmal darüber nach! Deine Miss Tomblin ist einfach vernarrt. Ich rücke ihr den Kopf zurecht, und nächsten Sonntag geht alles wieder seinen normalen Gang.«

»Sie ist nicht ›meine‹ Miss Tomblin, und die Antwort lautet …«

»Ich versichere dir, dass sie ein für allemal eines Besseren belehrt sein wird«, verlockte Devlin ihn und versuchte, in sein Lächeln die Aufforderung ›Vertrau mir‹ zu legen. »Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie keinen Blick mehr in deine Richtung …«

»Devlin …« Die Stimme seines Bruders wurde bedrohlich tief.

»Ich gehe behutsam vor. Sie wird den Unterschied nicht bemerken. Du weißt doch noch, wie gut ich darin war.«

»Wir sind keine Kinder mehr«, sagte Daniel konsterniert. »Um dieses Problem habe ich mich selbst zu kümmern, und das werde ich auch tun. Auf meine Art.« Seine Stirnfalte vertiefte sich. »Abgesehen davon – selbst, wenn ich eine solche List erlauben würde, so würde doch niemand je glauben, dass du ich bist. Nicht mehr. Du bist ein Mann dieser Welt, gesättigt von ihrer Fleischlichkeit und in ihrer Gier gefangen. Du nutzt deine gottgegebenen Gaben nur zum eigenen Vorteil und gibst dich mit Spielern und … anderen Personen ohne Moral ab. Du würdest nicht einmal ein Kind an der Nase herumführen, geschweige denn die Menschen dieser Pfarrgemeinde, die mich gut kennen. Sie würden dich auf der Stelle enttarnen, und dann würde ich für den Betrug verantwortlich gemacht. Nein. Unter keinen Umständen.«

Mit erhobenen Händen gab Devlin nach. »Gut. Gut. Ich verstehe schon. Ich wollte nur meine Hilfe anbieten.« Er stieß einen langen Seufzer aus, löste sich vom Baum und wischte kleine Stückchen Rinde von seinem Hinterteil. »Kommst du?«

Daniel rührte sich nicht. »Tatsächlich denke ich, ich werde noch etwas hier draußen bleiben. Allein«, fügte er hinzu. »Ich muss über mehrere Dinge nachdenken. Um Führung beten. Sag den anderen, ich bleibe ein paar Stunden weg.«

Ein paar Stunden? Er wollte stundenlang beten?

Ein hinterhältiger Gedanke formte sich in Devlins Kopf. Es war der reine Übermut – und damit für ihn natürlich unwiderstehlich. Er machte ein säuerliches Gesicht und wackelte zum Abschied mit den Fingern. »Dann wünsche ich dir viel Spaß. Wir sehen uns beim Abendessen.«

Er drehte sich um und schlenderte zielstrebig den Gartenpfad entlang. Wenn sein Zwillingsbruder bezweifelte, dass er imstande war, ihn überzeugend zu imitieren, würde er sein Können eben unter Beweis stellen. Und sollte er zufällig Miss Tomblin über den Weg laufen, würde er Daniel einen Gefallen tun.

Er hielt seinen Bruder keineswegs für unfähig, diese Sache selbst zu regeln, doch er wusste, wie schüchtern und ungeschickt Danny war, wenn es um Frauen ging. Er war ein begnadeter Redner und konnte mit größtem Selbstbewusstsein vor der Gemeinde predigen, doch sobald er einer Frau allein gegenüberstand, wurde er zu einem stotternden Narren. Hätte sein Zwilling die geringste Zuneigung zu der jungen Frau ausgedrückt, hätte er nicht einmal in Betracht gezogen, sich einzumischen, aber es war klar, dass die junge Dame zu einer Last geworden war und verscheucht werden musste. Also, sollte sich die Gelegenheit bieten …

Die Lage seines Bruders erinnerte ihn schmerzlich an seine eigenen Schwierigkeiten. In etwas mehr als einer Woche sollte er eine Kutsche besteigen und nach London zurückkehren. Wenn Miss St. Peters bis zum Zeitpunkt seiner Ankunft kein anderes Opfer für ihre eheanbahnenden Machenschaften gefunden hätte, würde er einen Weg, ihr zu entkommen suchen müssen, der seine Geschäftsbeziehungen zu ihrem Vater nicht aufs Spiel setzte. Er zermarterte sich schon die ganze Zeit das Hirn, um eine Lösung zu finden, die ihn und St. Peters nicht in gegensätzliche Lager bringen würde. Die Tochter dieses Mannes war eine verwöhnte und verhätschelte Göre, die alles bekam, was sie wollte. Er hoffte nur, sie hatte ihrem Vater nicht gesagt, dass sie ihn, Devlin, auf ihre Wunschliste gesetzt hatte. Früher oder später würde er es herausfinden. In der Zwischenzeit gab es noch Anderes für ihn zu erledigen.

Er schlüpfte in die Kammer seines Bruders, zog sich hastig aus und schob seine Kleidung unter das Bett. Dannys Pfarrersgewand saß lockerer als erwartet, besonders um die Schultern, aber der Überwurf würde das bestens kaschieren. Aus dem Haus zu gelangen und das Pferd seines Bruders auszuleihen, ohne dabei gesehen zu werden, erwies sich schon als größere Herausforderung, aber er schaffte es. Kurz darauf war er auf dem Weg ins Dorf.

 

Marys Lippen bildeten Wörter, während sie neben Augie die Straße entlang spazierte, aber weder mit dem Herzen noch mit dem Kopf war sie in ihrer Unterhaltung anwesend. Sie hatte es nicht über sich gebracht, ihrer Freundin von der Erniedrigung zu erzählen, die sie an diesem Morgen erlitten hatte. Sie hielt es nicht für möglich, dass sie irgendjemandem etwas davon sagen könnte.

Als sie nach der Begegnung heimgekommen war, war sie in ihre Kammer gegangen, um zu weinen. Leise. Dann hatte sie sich gezwungen, in den Spiegel zu blicken und die Tatsache anzuerkennen, dass ihr Traum zu Ende geträumt war. Er würde sich nach diesem Morgen niemals in sie verlieben. Wahrscheinlich würde er sie nie wieder auch nur ansehen.

Und sie war selbst schuld. Es verwunderte sie nicht, dass er so reagiert hatte. Er war ein Pfarrer und ein Gentleman, und sie hätte sich ihm taktvoller annähern müssen, ihm ihre zärtlichen Gefühle behutsamer vermitteln müssen. Stattdessen hatte sie, Närrin, die sie war, sich ihm an den Hals geworfen.

Sollte sich die Gelegenheit ergeben, würde sie sich entschuldigen und ihn um Vergebung bitten. Es war zweifelhaft, ob er ihr jemals eine solche Gelegenheit bieten würde, aber für den Fall der Fälle war sie vorbereitet. Es zeugte von Reife, so zu handeln, und zumindest diesen Eindruck wollte sie bei ihm zurücklassen.

Nicht, dass es eine große Rolle spielte. Sobald Ostern vorbei wäre, würde sie mit ihrer Familie nach London aufbrechen. Hatte sie die Abreise von Harper’s Grove zuvor gefürchtet, so konnte sie jetzt nicht schnell genug wegkommen.

Die morgendliche Katastrophe hatte ihre Meinung geändert. Es war Zeit, umsichtig zu handeln. Sie musste in der Saison in London einen passenden Ehemann auswählen. Mit ein bisschen Glück würde es ihr rasch gelingen, und sie würde noch vor Ende der Saison heiraten.

»Oh, sieh mal!«, flüsterte Augie aufgeregt, als sie um eine Kurve bogen. »Da ist der Pfarrer. Lass uns hingehen und ihn begrüßen.«

Das Herz sank Mary in die Füße, als sie Reverend Wayward im Gespräch mit Misses Grierson vor der Apotheke stehen und sprechen sah.

»Er sieht beschäftigt aus«, flüsterte sie zurück. Sie wollte ihm um jeden Preis aus dem Weg gehen. Sie hatte ihre Meinung geändert, es war zu früh. Sie war noch nicht bereit. »Wir sollten in den Gemischtwarenhandel gehen. Du musst mir helfen, ein passendes Geschenk für den Geburtstag deiner Schwester zu finden.« Hoffentlich wäre er verschwunden, wenn sie wieder herauskämen.

»Unsinn! Danach können wir später noch schauen.« Augie, offensichtlich fest entschlossen, eine Begegnung herbeizuführen, hängte sich bei ihr ein und zog sie geradezu das restliche Stück Wegs. Als sie die beiden erreichten, hatte Misses Grearson sich gerade abgewandt, um zu gehen.

»Reverend Wayward, wie schön, Euch zu sehen«, sagte ihre Freundin überschwänglich. »Wir haben gerade darüber gesprochen, wie aufregend es ist, beim bevorstehenden Kirchenbasar zu helfen.«

»Eure Großzügigkeit ist wirklich ein Segen für unser Dorf«, sagte er mild.

Unbehagliche Stille breitete sich aus, und Mary wand sich in dem Wissen, dass ihr Verhalten unhöflich war. Ihren Blick vom Boden abzuwenden, fühlte sich an, als würde sie nackt über einen Pfad voller rostiger Nägel und Glassplitter gezogen, doch schließlich tat sie es. Was für ein Schock es war, sein wohlwollendes Lächeln und die dunklen Augen zu sehen, die weder Geringschätzung noch Vorsicht ausdrückten, sondern eher eine ausgeprägte Neugier und noch etwas anderes, etwas, das tatsächlich wirkte wie … Bewunderung?

»Die Welt braucht mehr von dieser Freundlichkeit«, sagte er, und sein Lächeln wurde breiter.

Sie vergaß zu atmen und war für einen Moment unfähig, Wörter zu formen. »E…es ist mir ein Vergnügen, dem Herrn in jeder möglichen Weise zu dienen«, brachte sie schließlich heraus. »Ich bin, wie Ihr heute Morgen in der Predigt sagtet, sein Werkzeug.«

»In der Tat«, sagte er. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, als hätte er sie nie zuvor angesehen und prägte sich ihre Züge ein.

In ihr zog sich etwas zusammen, und ihre Knie fühlten sich plötzlich wackelig an. Vielleicht ist doch noch nicht alles verloren. Sie riskierte den Anflug eines Lächelns. Er erwiderte es zwar nicht, runzelte aber auch nicht abwehrend die Stirn – ein hervorragendes Zeichen. »Ich hoffe sehr, dass Ihr mir meine unverblümte Rede von heute Morgen vergebt«, sagte sie vorsichtig. »Ich wollte Euch wirklich nicht brüskieren, und ich bin glücklich, dass Ihr die Sache zurechtgerückt habt. Für uns beide.«

Er versteifte sich, und das Lächeln wandelte sich in eine teilnahmslose Maske. »Ich habe mich nicht beleidigt gefühlt, Miss Tomblin«, sagte er mit monotoner Stimme. »Gewissheit ist der Unwissenheit immer vorzuziehen.«

Ihr Herz machte einen Freudensprung, und es kostete sie alle Kraft, es nicht zu zeigen. Ihre Bitte um Verzeihung war angenommen worden! »Danke«, sagte sie, über alle Maßen erleichtert. Sie drückte Augies Arm etwas fester. »Wir wollen Euch nicht aufhalten. Wir waren auf dem Weg zum Krämerladen.«

»Meine Damen, es war mir ein Vergnügen«, sagte er sogleich und trat einen Schritt zur Seite, um sie vorbei zu lassen.

Mary spürte seinen Blick auf sich, als sie an ihm vorbei ging, und das Ziehen in ihrem Bauch verstärkte sich. Sie spürte ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern. Als sie auf der anderen Straßenseite ankamen, warf sie einen Blick zurück, sie konnte nicht anders. Und tatsächlich stand er noch da und starrte sie mit leicht verwirrtem Ausdruck an. Die Hitze stieg ihr in die Wangen, als sie sich rasch wieder nach vorne drehte.

Etwas war geschehen. Sie war nicht sicher, was genau. Aber es hatte etwas zu bedeuten. Ihr Wortwechsel hatte nur kurz gewährt, und doch war die verborgene Bedeutung in ihren Worten verstanden worden.

Gewissheit ist der Unwissenheit immer vorzuziehen. Bedeutete es, dass er bereit war, ihre Worte positiv zu bewerten? Oder hatte er einfach entschieden, ihr zu verzeihen, dass sie ihn in eine peinliche Situation gebracht hatte, und es war seine Art, den Vorfall als Schnee von gestern zu betrachten? Ihre Unwissenheit über seine Intention machte sie geradezu wahnsinnig.

Gewissheit ist der Unwissenheit immer vorzuziehen, allerdings!

Augie warf ihr ein Grinsen zu. »Nun, ich würde sagen, das war vielversprechend«, murmelte sie, als sie den Laden betraten. »Hast du gesehen, wie er dich angeschaut hat?«

Oh ja, das hatte sie tatsächlich. Aber sie wollte sich keine falschen Hoffnungen machen. »Er war nur höflich.«

Ein leichtes Schnauben ging Augies Antwort voraus. »Oh nein, meine liebe Freundin. Das war etwas mehr als nur höflich. Er hat dich mit den Augen vernascht wie eine Süßigkeit! Was habt ihr beide heute Morgen bloß besprochen?«

Marys Magen zog sich zusammen. »Ich habe ihn etwas zur Interpretation seiner heutigen Predigt gefragt«, log sie. Es tat ihr weh, der Freundin nicht zu vertrauen, aber Augie würde ihr Verhalten dieses Vormittags kaum gutheißen, und ihre Freundschaft mochte zwar stark sein, aber sie bestand noch nicht sehr lang. Sie wollte keinen falschen Eindruck erwecken.

»Verstehe«, sagte Augie verschwörerisch. »Ich bezweifle, dass viele Damen je um eine solche Erläuterung gebeten haben. Du hast ihm deine Intelligenz gezeigt, außerdem dein Interesse an Theologie, und damit seine Neugier geweckt. Gut gemacht, meine Liebe.«

 

»Ich versichere dir, das war nicht meine Absicht.«

Das Lächeln ihrer Freundin vertiefte sich. »Da bin ich mir sicher. Und doch wird das Ergebnis nicht unerwünscht sein, glaube ich. Du hast eine Saat gelegt. Jetzt musst du sie nähren und verhindern, dass sich Unkraut ausbreitet, falls du verstehst, was ich meine. Und zwar je eher, desto besser – jetzt, da er sich deinem Charme gegenüber empfänglich gezeigt hat.«

»Gewiss.« In dem Wunsch, das Thema zu ändern, stieß Mary beim Anblick einer auffällig bekleideten Stoffpuppe einen leisen Schrei aus und fragte Augie, ob sie ihrer Schwester gefallen könnte. Zehn Minuten später verließen sie den Laden, ein in Papier eingeschlagenes und mit einem hübschen Band verschnürtes Päckchen in der Hand. Sobald sich ihre Wege im Zentrum des Dorfs trennten, verlangsamte Mary ihren Schritt in der Hoffnung, die große, schwarzgekleidete Gestalt des Pfarrers auf ihrem Weg zu erblicken. Wenn sie allein war, würde er ihr als Gentleman vielleicht seine Begleitung bis nach Hause anbieten und damit eine weitere Gelegenheit zu einem ungestörten Gespräch bieten.

Doch er war nirgendwo zu sehen. Sie schob ihre Enttäuschung beiseite. Auch gut. In ihrem jetzigen Zustand würde sie wahrscheinlich ohnehin wieder etwas Unpassendes sagen. Sie hatte ihren Zug getan. Nun war er an der Reihe.

Wieder und wieder spielte sie die Begegnung im Kopf durch, während sie mit blinden Augen an den Häusern der Dorfbewohner vorbei ging. Ein Schaudern durchlief ihren Körper bei der Erinnerung an die Intensität seines Blickes, als er sie betrachtet hatte. Sie hatte darum gebetet, dass er sie sehen mochte, und seine Augen in der Farbe von Rittersporn hatten sie auf jeden Fall gesehen. Augies Formulierung, er hätte sie mit seinem Blick wie eine Süßigkeit »vernascht«, ließ sie leise auflachen.

Eine plötzliche Hitze blühte in ihr auf, trotz der kühlen Luft. Das war eine weitere überraschende Veränderung, denn vor ihrer zweiten Begegnung an diesem Tag hatte sie alle Gefühle für ihn nur in ihrer Brust gespürt. Jetzt aber tobten eigenartige, unbekannte Empfindungen durch ihren gesamten Körper.

Als er ihr in die Augen geblickt hatte, hatte sich alles in ihr zusammengezogen. Allein die Erinnerung reichte aus, um ihr jetzt den Atem stocken zu lassen. Unzählige Male hatte sie sich vorgestellt, in seine Arme zu sinken und ihn zu küssen. Aber in keiner dieser romantischen Fantasien hatte sie sich so gefühlt wie jetzt. Ruhelos. Hungrig fast. Jetzt ließ die Vorstellung seiner Lippen auf ihren sie geradezu fiebern. Selbst ihre Nervenenden vibrierten, und ihr Puls schlug stark – besonders an einer gewissen, unnennbaren Stelle.

Trotz der plötzlichen Aufwallungen, die ihre Wangen prickeln ließen, legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Was auch immer sich zwischen ihnen geändert hatte – sie segnete es und betete darum, dass er auf die gleiche Weise empfand.

Es muss eine Möglichkeit geben, herauszufinden, ob es so ist. Aber sie durfte nie wieder mit ihren Gefühlen so herausplatzen. Er wusste bereits von ihrer Zuneigung. Nun brauchte sie irgendetwas, womit sie deren Erwiderung bewirken konnte.