Leseprobe Ein Schotte zum Verwechseln

Kapitel 1

Die unerwartete Reise

»Also?«, fragte Sina angespannt und warf mir einen schnellen Blick zu. Ich schüttelte den Kopf.

»Keine Ahnung.« Ich drehte den Plan in meinen Händen. »Ich glaube, wir haben uns verfahren.«

Sina schnaubte. »Versuch es mit dem Handy.«

»Das kostet ein Vermögen«, murrte ich, zog aber mein Telefon aus der Tasche und wartete geduldig, dass es online ging.

»Mann, was hast du für einen Knochen!«

»Schau auf die Straße!« Noch immer hatte sich die Seite nicht aufgebaut und ich seufzte. »Das ist echt ein Knochen.«

Sina lachte auf. »Nimm meines. Hinter dir, in der vorderen Tasche.«

Ich entsperrte das Display. Und wartete. »Funkloch«, stellte ich dann fest und hielt es ihr entgegen, damit sie mich nicht in Zweifel zog. Ich sah aus dem Fenster. Wir folgten einer engen, geschlängelten Straße. Um uns herum Gestein. Na ja und Wiese. Aber selbst die war gesprenkelt von Geröll. Wir befanden uns im tiefsten Hinterland Schottlands – oder, wie ich es gern bezeichnete: am Ende der Welt. Natürlich hatte es auch was für sich. Das letzte Jahr in London war ein sehr tristes gewesen, sogar noch grauer, als die Steinwand zur linken, schließlich hatte sich keine Gelegenheit ergeben, die überbevölkerte Stadt zu verlassen. Ich sollte froh sein, endlich mal wieder etwas Natur vor Augen zu bekommen. Vermutlich war ich es auch, musste mich nur erst an die neuen Begebenheiten gewöhnen.

»Scheiße«, lachte Sina und zuckte die Schultern. »Tja, drehen könnten wir hier eh nicht!« Dafür war die Straße bei Weitem zu eng. »Sieh es als nette Tour durch die Highlands!«

Ich schnaubte gespielt verdrossen und unterdrückte ein Grinsen. Sina tadelte mich zwar gern, ich sei verschlossen und mürrisch, aber ich wusste auch, dass sie mich ganz amüsant fand. Eben weil ich gerne das Negative künstlich aufbauschte. »Ich genieße dann mal die botanischen Highlights. Oh, warte – hier gibt es keine! Dann vielleicht das exzellente Panorama – ups, Berge und Unkraut«, spottete ich also, weil ich sie ungern enttäuschte.

Sina lachte auf und schlug nach mir. Ihre Finger streiften mich nur. »Stell dich nicht so an!«

»Es wird ständig regnen«, warnte ich, schließlich hatte ich mich vor Antritt der Reise nicht nur über Lage und Gebräuche informiert, »und wir werden in einer alten Bruchbude gefangen sein, in der es müffelt und wo wir uns nicht trauen werden, uns auch nur umzudrehen, aus Angst, etwas Kostbares umzustoßen!« Eine simple Tatsache, wenn man der Wettervorschau und dem Portal für schottische Bauwerke vertraute. »Dann die versnobten Herrschaften, die uns von oben herab behandeln werden.« Ich warf ihr einen prüfenden Blick zu. Ertrug sie noch mehr Pessimismus? »Ich habe jetzt schon genug!«

Wieder lachte Sina auf. Ihre Fröhlichkeit tat mir gut, auch wenn sie für gewöhnlich nicht auf mich abfärbte. Ich konnte mich aber mit meiner Griesgrämigkeit besser abfinden, wenn ich Sina zum Lachen brachte. Zumindest eine Person, die mich schätzte, ganz gleich wie ich war.

Du wolltest doch nicht mehr an ihn denken! Leider war es leichter gesagt, als getan und mein Ex Christoph verhagelte mir immer noch viel zu oft die ohnehin gedrückte Laune.

»Ein schlimmes Vorurteil, Liny! Vielleicht verliebst du dich auch Hals über Kopf in seinen Bruder! Oder in ihren Bruder oder …«

»… in den Gärtner!«, unterbrach ich sie grummelnd. Ich hatte sicherlich nicht vor, mich in irgendwen oder irgendwas zu verlieben. Das brachte nur Ärger mit sich, Diskussionen und am Ende den unausweichlichen Schlag ins Gesicht: der Betrug. Ich knibbelte unglücklich an meinem Nagelbett. Nicht an Christoph denken. »Nein, danke.«

»Du musst zurück in den Sattel, Liny!«, mahnte Sina fröhlich. »Es wird Zeit, sonst trocknest du da unten ein!«

Ich schnaubte und verdrehte die Augen. »Es ist noch kein Jahr.«

»Willst du ihn etwa zurück, Carolina?« Zur Abwechslung klang Sina mal grimmig und auch ihr Blick war bedeutend düsterer als sonst. »Er ist ein Idiot und du hast Besseres verdient.«

Ich seufzte schwer.

»Untreue Dummköpfe gibt es wie Sand am Meer. Die Kunst ist es, die Perlen zu finden.«

Ich konnte nicht anders, ich lachte auf. Es war ein ungewohnter Laut, tat ich es doch nicht mehr häufig.

»Ist so«, beharrte Sina. »Glaub mir, es gibt sie, die tollen Exemplare Mann. Und wer weiß, vielleicht verstecken sie sich hier in den Highlands.« Sina sah sich bedeutsam um. Ich tat es ihr demonstrativ nach.

»Hm«, murmelte ich betont düster. »Dann verstecken sie sich gut.«

Sina lachte und wir fuhren schweigend weiter, bis die Straße breiter wurde und zumindest meine Seite nicht mehr mit einem Abhang drohte.

»Tja«, machte Sina und ließ den Wagen ausrollen. »Ich hasse Olga.« Ihr Navigationsgerät, das ausgerechnet heute den Geist aufgeben musste. »Vielleicht sollten wir fragen?«

Ich vollbrachte ein Kunststück, indem ich mich in dem engen, kleinen Cooper zu ihr umdrehte. Um uns herum war schlicht Wildnis und lediglich ein paar blökende Rasenmäher knabberten am Unkraut. »Wen? Meinst du, das Schaf dort kann uns den Weg weisen?«

Sina bedachte mich mit einem Augenaufschlag, der mir deutlich sagte: Jetzt pass mal auf, Mädchen! »Ich dachte an den Typen da!« Ich folgte ihrem ausgestreckten Finger. Tatsächlich stand ein dunkelhaariger, recht breit gebauter Mann mitten auf der abfallenden Wiese zu meiner Rechten. Er wandte uns den Rücken zu und sah über die Klippe. Wie hatte ich den übersehen können? Gut, er trug grünbraun gemusterte Kleidung, was in dieser Umgebung Tarnfarbe bedeutete und trotzdem hätte ich ihn sehen müssen. Allerdings mied ich den zu genauen Blick aus meinem Seitenfenster seit wir die Straße befuhren. Der Abhang war viel zu nah und beim ersten Blick hatte ich das Gefühl gehabt, er zöge mich in sich hinein. Also ließ ich es.

»Schön, geh fragen.« Ich hatte keinerlei Drang dazu, den Klippen näher zu kommen als ohnehin schon. Oder den ersten Kontakt mit einem Schotten herzustellen, nachdem ich mich gerade erst daran gewohnt hatte, rund um die Uhr englisch sprechen zu müssen. Zugegeben, in London, dem Nabel der Welt, leben und arbeiten zu können, war schon ein Traum, allerdings brachte es auch eine Menge Umstände mit sich, über die man sich oft keine Gedanken machte. Ich sprach die Landessprache flüssig, hatte einige Diplome, die mich auszeichneten und doch strengte es manchmal an. Noch immer erwischte ich mich dabei, wie ich Briefe in Deutsch aufsetzte, oder in meine Muttersprache zurückfiel, wenn es hektischer wurde. Trotzdem wollte ich nichts an meinem derzeitigen Lebensstil ändern, ganz gleich, wie sehr Sina sich über meine Enthaltsamkeit mokierte. Ich war glücklich in meiner Miniwohnung, meinem Job, wo ich mit meiner besten Freundin zusammenarbeiten konnte und auch damit, Christoph endlich aus meinem Leben und meinen Gedanken vollständig gestrichen zu haben. Na ja. Meist.

Sina lenkte mich ab. »Liny, du trägst Sneaker.«

»Und?«

»Ich Absätze!«

Dieses Mal war mein Blick der genervte. »Warum fährt man auch mit Pumps?«

»Geh und frag, wie wir nach Farquhar kommen!«

Ich presste die Lippen aufeinander. Wie dumm, dass Sina nicht nur meine Freundin war, sondern bei diesem Auftrag auch noch meine Chefin. »Fein!« Ich riss die Tür auf und schlug sie laut knallend wieder zu. Der Klang hallte über das Land, aber der Mann rührte sich nicht. Schwerhörig, stellte ich gedanklich fest und machte mich bereit, brüllen zu müssen, denn die Küste unter uns und der Wind an ihr brachte schon eine rechte Geräuschkulisse mit. Mein Herz schlug immer härter in meiner Brust und Schweiß brach mir aus, aber ich kämpfte mich wacker weiter.

Es ist sicher, Lina. Er steht da, ohne sich in die Hosen zu machen, dann schaffst du das auch. Es sind schließlich noch etliche Meter bis zum Abhang.

Ich stapfte durch das kniehohe Gras und wich einem Bock aus, der mich aus seinen gelbbraunen Augen anstarrte. Schafe gehörten definitiv nicht zu meinen Lieblingstieren. Obwohl sich das gar nicht wirklich sagen ließ, stand ich doch zum ersten Mal in meinem Leben vor einem realen, lebendigen Schaf. Wollig war es und schlecht gelaunt, denn es blökte wieder.

»Entschuldigung!«, rief ich laut und ging weiter auf die mir abgewandte Gestalt zu. »Hallo?!« Lediglich der Bock gab mir Antwort und verfolgte mich, wobei er den Kopf schwang und mich nahezu vor sich hertrieb.

»Hallo Sie!« Musste ich tatsächlich bis an die Klippe gehen, verfolgt von einem gehörnten Ungeheuer, das aussah, als wolle es mich in den Abgrund treiben? Mir wurde recht mulmig bei dem Gedanken, denn Höhen im Allgemeinen waren nicht ganz mein Ding. Fehlten auch noch ein Geländer oder andere Sicherheitsmaßnahmen, konnte ich durchaus eine gesunde Panik entwickeln. »Entschuldigung!« Ich stoppte und sah zur Straße zurück, das Schnurren des Motors war problemlos zu hören. Der Typ musste taub sein! Der Bock stieß mich an und ließ mich verdrossen weiterstapfen. Warum musste der Kerl auch so nah am Abhang stehen? Das machte ihn doch bereits verdammt unangenehm im Umgang. Keine Meter, sondern kaum einen Schritt entfernt von der tosenden Schlucht, wer machte so was? Ich fluchte innerlich, bereits am Ende meiner Nerven. Ich konnte damit leben, im schottischen Hinterland verschütt zu gehen, auch damit, dass dieses stinkende Tier mich anknabberte – ich schob den Kopf des Schafbocks weg – aber mich zu zwingen, bis an die Klippen zu gehen, war unmenschlich. Ich kann dich absolut nicht ausstehen und dabei habe ich nicht einmal ein Wort mit dir gewechselt!

Ich wagte mich vorsichtig weiter vor. »Entschuldigung!« Ich schloss zu ihm auf. Er war einen guten Kopf größer als ich und scheinbar Stammkunde im Fitnessclub, denn was aus der Entfernung massig wirkte, war eigentlich gestählte Muskelmasse. Meine Schenkel kamen nicht auf den Durchmesser seiner Oberarme. Er war auch deutlich jünger, als zunächst angenommen, demnach also nicht taub, sondern schlicht unhöflich! Er starrte in die Ferne.

»Entschuldigung!«, brüllte ich und bekam endlich eine Reaktion: Er drehte den Kopf. Der Blick seiner kristallklaren blauen Augen war hart und seine Lippen verzogen sich bei meinem Anblick. Ich ballte die Hände und streckte mein Kinn vor. Verstockt nannte es meine Mutter, ich hingegen selbstbewusst. »Wir haben uns verfahren«, hob ich fest an. »Können Sie mir sagen, wie wir nach Farquhar kommen? Es muss eines dieser imposanten Herrenhäuser sein.«

Er machte keine Anstalten zu antworten.

Ich runzelte die Stirn und legte den Kopf zur Seite. »Sie wissen schon: Steinalt, Jahrhunderte im Familienbesitz und seitdem auch nicht mehr renoviert.«

Seine Augen verengten sich.

Gut, zumindest eine Reaktion, wenn auch nicht die von mir gewünschte.

Konnte nicht einmal etwas leicht sein?

»Kennen Sie sich hier aus?« Oder war er einfach nur eine weitere verirrte Seele in diesem Hinterland?

»Aye.«

Aye? Ich zog die Nase kraus. Ausländer. Nun, war ich auch, daran gab es sicherlich nichts auszusetzen, aber die Kommunikation war damit reichlich erschwert. Ich senkte den Blick auf das Gras zu unseren Füßen. Damit konnte ich umgehen, also hob ich meinen Blick. Er war verdammt gestählt und der Wind schien ihm trotz seiner mangelnden Schutzbekleidung nicht viel auszumachen. Wer ging bei dem Wetter – und es konnte schließlich jeden Moment regnen – ohne Jacke aus dem Haus?

Der Pullover spannte über seiner Brust und raffte sich dafür locker in den Hüften. Die Cordhose lag ebenso straff an seinen Oberschenkeln an. Wahnsinn. Ich riss mich zusammen, schließlich hatte ich kein – absolut nicht das geringste – Interesse an irgendwelchen Männern.

»Sprechen Sie Englisch?«

»Aye.«

Ich blinzelte, es musste ziemlich dumm wirken – was mir völlig egal war – ich ärgerte mich nur über die Verständigungsprobleme. »French? Deutsch? Italiano? Espaniol?« Damit hatten sich meine Sprachkünste auch schon, aber die Beherrschung von vier Fremdsprachen war doch schon nicht übel.

»Aye.« Zumal er nicht einmal Englisch drauf hatte. Wieder starrte ich ihn einen Augenblick sprachlos an.

»Na hervorragend!«, brummte ich schließlich und sah hadernd zur Straße zurück. Sollte ich es einfach bewenden lassen und gehen, oder weiter versuchen, eine Antwort – eine brauchbare Antwort – aus ihm hervorzulocken? »Können Sie auch was anderes sagen als aye?« Wurde ich nun ungerecht?

»Aye.«

Ich stöhnte laut. Ich stemmte die Hände in die Hüften und sah auf meine Turnschuhe herab. Was blieb schon anderes übrig, als es mit Händen und Füßen zu versuchen?

»Farquhar«, wiederholte ich also und achtete auf eine deutliche, langsame Aussprache. »Großes Haus.« Ich malte mit den Händen ein großes Gebäude in die Luft. »Wo?« Ich hob die Hände und zuckte die Achseln. Er starrte mich an, sein Ausdruck war nicht zu lesen, aber sicherlich fand er mich abgrundtief dämlich.

Ich seufzte schwer und sah ein, dass dies ein verlorener Posten war. Eine Hilfe war er nicht und ein anderer Aktionsweg musste her. In der nächsten Stadt konnten wir einen aktuellen Stadtplan kaufen oder einen Einheimischen fragen. »Inverness?« Nach einem Moment, in dem er mich schlicht anstarrte, als wäre ich verrückt, drehte er sich und streckte den Arm aus.

»Straße nach Inverness?«, fragte ich nach und nickte hoffnungsvoll. Zugestanden, mein Lächeln war recht starr und mein Ton sicherlich auch nicht gerade freundlich.

»Aye.« Das war verdammt frustrierend.

»Vielen Dank. Einen schönen Tag noch.« Ich könnte ihm auch die Sintflut wünschen, er verstände es ohnehin nicht. Ich stapfte zurück, ärgerlich, weil ich mich völlig umsonst bis an den Rand der Klippe gewagt hatte!

Das Schaf blökte mich an und folgte mir. Auf halber Strecke überholte es mich und verstellte mir den Weg. Seine gelben Augen legten sich gespenstisch intensiv auf mich.

»Mäh.«

Ich machte einen Schritt zur Seite. Waren Schafe gefährlich? Seine Hörner schienen zu wachsen, während ich sie anstarrte, und auch sein Maul wuchs beständig.

»Määäh.« Er kam auf mich zu, drängte mich zurück und ließ mich straucheln, so dass ich ausgestreckt im Gras landete. Ich schrie, weil der Bock nicht den Anstand hatte, zu bleiben, wo er war. Sein Maul kam auf mich zu und er blökte mir seinen schalen Atem ins Gesicht. Ich hob abwehrend die Arme, durchaus belustigt, schließlich war dies wieder eine Geschichte, die so daneben war, dass man sie auf keiner Party als Anekdote erzählen durfte: Von einem riesigen Schaf in der wilden Einöde Schottlands niedergetrampelt, während ein griesgrämiger Einsiedler frohlockend dabei zusah.

»Mäh.« Es knabberte an meinem Mantel und zog meinen Arm dabei weg. Mir stockte das Herz. Und du Dummkopf hattest Angst, womöglich über die Klippen zu gehen!

Unverständliche Worte würgten meinen panischen Schrei ab – oder das peinliche Krächzen, das stattdessen meinen Mund verlassen hatte. Ich wagte einen Blick. Der schweigsame Mann sprach offensichtlich lieber mit Schafen als mit Frauen. Er gab dem Bock einen Schubs und hob die Arme, als der zurück wollte. Einen Moment starrten sich Bock und Mann an, dann trollte sich das Tier. Sein Mäh wurde von einigen Worten begleitet, die ich nicht übersetzen konnte. Kein Englisch, definitiv.

Der Typ stemmte die Arme in die Hüften und sah auf mich herab. Er brauchte dringend eine Rasur und noch dringender eine Lektion in Manieren. Ich rappelte mich auf, schließlich erwartete ich keine Hilfe dabei aus seiner Richtung.

»Danke.« Ich klang nicht sonderlich freundlich.

Seine schwarzen Brauen hoben sich.

O komm schon, dieses eine Wort wirst du doch verstehen!

Ich schüttelte den Kopf und senkte dabei den Blick, um mich von der Gestalt abzulenken, die mich doch anzusprechen schien, oder war es tatsächlich Furcht, die mein Herz noch immer wie verrückt klopfen ließ? Ich hob die Hand, machte einen Wink und stapfte weiter, seinen Blick auf mir spürend und mir versagend, zu ihm zurückzusehen.

Er hätte dir aufhelfen können, das wäre nett gewesen. Vermutlich war es sein ungezähmtes Tier. Er hätte sich entschuldigen müssen.

Ich stoppte mein Lamentieren, verhagelte es mir doch nur zusätzlich die Laune, riss die Tür auf und warf mich in den Beifahrersitz.

»Und?«

»Aye!«, knirschte ich und warf dem Typ einen grimmigen Blick zu. Er hatte mir tatsächlich hinterhergesehen und tat es noch. Selbst über die Distanz war es ein merkwürdiger Blick. Was dachte er wohl?

»Aye?«

Ich zuckte zusammen. Wovon sprachen wir? Ach ja. »Das einzige Wort, das er drauf hat«, murrte ich und schnallte mich an. »Aber die Straße muss ja irgendwo hinführen. Früher oder später landen wir in einer Stadt oder finden eine Tankstelle.«

Sina lachte vergnügt. »Recht haste und zumindest hast du mal mit einem Y-Chromosomträger gesprochen!«

»Aye!«, wiederholte ich kopfschüttelnd. »Wie ein Papagei, immer nur aye, aye, aye!«

»Wie gesagt, immerhin hattest du Kontakt!«

Ich warf ihr einen Blick zu und kramte nach meinem Handy. »Fahr!« Ich hatte noch immer keinen Empfang.

»Wenn du so lieb fragst«, säuselte Sina und drückte das Gaspedal durch, dass die Reifen quietschten. Ich lehnte den Kopf an und sah hinaus. Grau, grün, blau, was für eine Tristesse. Allerdings hatte es etwas Beruhigendes an sich. Hinter dem nächsten Hügel gabelte sich die Straße und ein Schild gab die Richtungen an.

»Schau mal, dort!« Sina streckte den Finger aus. Ein einsamer Briefkasten stand am Wegesrand, auf ihm mit goldenen Lettern das Wort Farquhar. Ich seufzte erleichtert.

»Und ich hatte fast befürchtet, den ganzen Tag nach dem vermoderten Steinhaufen suchen zu müssen«, unkte ich. Sina lachte und meine Lippen zuckten ebenfalls amüsiert. Egal was vor uns lag, ich war froh, dass Sina bei mir war. Mit ihr waren sogar die ersten Tage nach der Trennung von Christoph zu überleben gewesen, auch wenn ich sicherlich keine angenehme Gesellschaft gewesen war. Dafür liebte ich sie und war gerne bereit gewesen, mein bisheriges Leben zurückzulassen, um mit ihr fernab der Heimat zu arbeiten. Ich hatte keinen Grund, diese Entscheidung zu bereuen – ganz im Gegenteil.

 

***

 

Ich sah mich um. Wie erwartet lag ein modriger Geruch in der Luft und die Einrichtung war deutlich von anno dazumal. Der Perserläufer war an einigen Stellen bereits recht fadenscheinig. Diese mächtigen, gerahmten Ölgemälde, die Ganzkörperporträts zeigten, Landschaften, Tiergemälde oder Stillleben bedeckten die Wände. Kandelaber beleuchteten sie und urige, alte Kirschholzkommoden standen hier und da herum. Das Haus war tatsächlich ein Relikt aus der Vergangenheit. Ich blieb stehen und betrachtete eines dieser Porträts. Eine blonde Frau mit großen blauen Augen und einem hübschen Lächeln. Sie strahlte regelrecht, aber vielleicht lag dies auch am einfallenden Licht.

»Liny?« Sina gesellte sich zu mir und warf lediglich einen flüchtigen Blick auf das Gemälde. »Und, wie ist dein Eindruck?«

»Grauenvoll.«

Sina lachte auf und hängte sich bei mir ein. »Warum habe ich das nur erwartet?« Sie zog mich mit, die Stufen hinunter. »Ich habe etwas entdeckt, was deine Meinung vielleicht ändern wird.«

»Den Gärtner?« Ich verdrehte die Augen, musste aber grinsen, schließlich war Sina so durchschaubar!

»Nein, bisher hat sich der vor mir versteckt.« Sie kicherte und drückte meinen Arm. »Und ich habe beschlossen, dir die erste Wahl zu lassen.«

»Sina, ich habe kein Interesse …«

»Du sollst ja auch nicht gleich heiraten. Aber ich glaube, ein Abenteuer täte dir gut.« Ihre blauen Augen musterten mich. »Du arbeitest zu viel.«

Da wären wir wieder beim Thema. Seit ich in London war, bekniete sie mich, Christoph zu vergessen und mich mehr meinem Privatleben zu widmen, als rund um die Uhr mit der Arbeit beschäftigt zu sein. Ich seufzte unterdrückt, schließlich hatte sie recht. »Wie du meinst, nach acht Stunden Arbeit am Tag mach ich Schluss und vertrödle den Rest meiner Zeit mit …«

Sina kniff mir in den Oberarm.

»Au!«

»Lass das Gezicke. Arbeite, aber gönne dir auch etwas Spaß!« Wir nahmen die Treppe zum Erdgeschoss, verließen das Haus durch den Vordereingang und umrundeten es. »Der Schäfer muss doch in der Nähe wohnen.«

Ich konnte nicht folgen und runzelte die Stirn.

»Aye«, gab Sina den Hinweis.

Das Lachen brach nur so aus mir heraus. »Du hast echt einen an der Waffel! Der versteht kein Wort von dem, was ich sage!«

»Perfekt«, behauptete Sina zufrieden und grinste. Ich wusste, was folgen sollte und richtete meinen Blick schon mal in den grauen Himmel.

»Lass deinen Körper sprechen. Die Signale sind in allen Sprachen gleich.«

Ich korrigierte sie nicht, schüttelte nur den Kopf. Sina lachte und zog mich weiter. Ein weitläufiger Park lag vor uns und im hinteren Bereich schloss sich ein ummauertes Gärtchen an. Sina deutete auf das verwitterte Törchen und grinste verschmitzt, als erwarte sie meinen Zuspruch. Also spähte ich durch das vergitterte Sichtfenster der Pforte und entdeckte einen verwilderten Rosengarten.

»Wow!« Ich war gefesselt. Zwar war alles ziemlich zugewuchert, aber in seiner Urtümlichkeit auch anziehend. Bezwingend. Ich spürte süße Aufregung durch meine Adern strömen. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich etwas Natur so beleben könnte. »Daraus lässt sich was machen.«

»Fein!«, frohlockte Sina. »Wenn dich die Muse geküsst hat, lasse ich dich besser arbeiten!« Sie zwinkerte mir zu. »Ich schaue mal, wie wir an den Schlüssel kommen.«

»Ich komme mit rein und hole meine Kamera«, schloss ich mich an, bereits in der groben Planung vertieft. Mein ganzer Körper prickelte und mir schossen die Ideen nur so durch den Kopf. Es war schon eine Weile her, dass ich mich so gefühlt hatte. Eine ganz schön lange Weile, wenn man es genau nahm und ich genoss es. Die Aufregung, das Prickeln. Selbst die Luft schmeckte süß.

Sina warf mir einen wissenden Blick zu. »Du willst die Zeremonie in den Garten verlegen, richtig?«

»Wesentlich romantischer, als alles was ich sonst gesehen habe«, murmelte ich und das war schlicht eine Tatsache. Lassen wir mal beiseite, dass mich der Rest des Hauses noch nicht wirklich überzeugt hatte. Wenn es meine Hochzeit wäre, ich hätte mir einen anderen Ort ausgesucht. »Wann kommen Braut und Bräutigam?«

»Rechne nicht mit ihnen.«

Ich stockte mitten im Schritt und hastete ihr dann nach. »Keine Aufnahmen vom Hochzeitspaar?« Das war ungeheuerlich. Ich runzelte die Stirn. Meine Ideen verpufften eine nach der anderen. »Das wird eine sehr öde Präsentation.«

Sina seufzte gedehnt. »Noch stehen die Zusagen aus, was soll ich tun? George kümmert sich aber drum.«

George, der Leiter der Agentur, über die sie derzeit arbeitete. Er war nicht gerade der sanfte Typ und meine Hochzeit würde ich sicherlich nicht in seine Hand legen, aber er hatte tatsächlich volle Auftragsbücher von zahlenden Kunden. Ich brummelte etwas, als wir das Haus wieder betraten und Sina pfiff. Sie ging einen Schritt vor mir und blieb stehen, so dass ich in sie hineinlief.

»Huch! Sorry.« Ich stolperte zurück und umrundete sie.

»Ah, Miss Conrad, Miss Hildebrick, darf ich Sie mit Mr Kendrick bekannt machen?« Die Haushälterin, die uns selbst erst vor wenigen Stunden begrüßt hatte, schob einen kräftigen Kerl in unseren Fokus. Nun, er schaffte es eigentlich von selbst, zumindest meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich presste die Lippen aufeinander, als seine Augen ebenso überheblich über mich hinwegglitten, wie bei unserer ersten Begegnung. Sina trat vor und reichte ihm ihre Hand.

»Mr Kendrick, hallo. Ich bin Sina Conrad und dies ist meine Kollegin Liny Hildebrecht.« Sie drehte sich mit einem Zwinkern zu mir um. »Sind Sie der Gärtner?«

»Sina, das ist der wortkarge Typ, der mir den Weg nicht erklären wollte«, korrigierte ich sie in unserer Muttersprache. Sina drehte sich wieder dem Kerl zu, der mich immer noch anstarrte. Blödmann! Tief in meinem Inneren wusste ich natürlich, das meine Wut ungerechtfertigt war. Er war Ausländer, hatte mich einfach nicht verstanden und zumindest die richtige Richtung angegeben.

»Mr Kendrick verwaltet Farquhar für seinen Eigentümer. Er kennt sich hier aus, wenn Sie also Fragen haben, wenden Sie sich an ihn.«

»Oh, wie wunderbar!«, flötete Sina. »Ich bin mir sicher, dass Sie uns eine große Hilfe sein werden!«

Da könnte sie sich nicht mehr irren. Ich stemmte die Hand in die Hüfte und verlagerte mein Gewicht. Sina strahlte den Verwalter immer noch an, als sei er eine Offenbarung. Ich sah zwischen den beiden hin und her. Sina war eine sinnliche Schönheit mit Kurven so scharf wie ihr Verstand, trotzdem schien Mr Kendrick nicht übermäßig von ihr angetan. Er sah ebenso mürrisch an ihr herab, wie einige Stunden zuvor an mir. Sina hingegen gefiel durchaus, was er zu bieten hatte. Irritiert musterte ich ihn. Groß, muskelbepackt und haarig. Über Geschmack ließ sich streiten. Ich fing seinen Blick auf. Seine Augen hatten was und mein Puls verdoppelte sich.

Was ist denn das für ein bescheuerter Gedanke?

»Der Garten, Sina.« Es klang wie Pistolenschüsse und ich zuckte zusammen. Wie peinlich, andererseits war es mir egal, was er von mir hielt.

»Oh, natürlich«, zwitscherte Sina und flatterte mit den Wimpern. »Mr Kendrick, wir haben da gleich ein Anliegen. Wir haben einen hübschen Garten entdeckt, aber der Zugang ist versperrt.«

Lass das, Sina. Ich kniff die Lippen zusammen. Es war egal, sollte sie ruhig mit ihm flirten. Wenn er so viel Interesse in ihr weckte, sollte sie ihn haben. Ich konnte ohnehin nichts mit ihm anfangen.

»Die Damen sind für die Vorbereitung der Hochzeit von der Agentur Weddingdreams geschickt worden«, erklärte Mrs Collum schnell und lächelte in die Runde.

Die Miene Kendricks verdüsterte sich nur noch mehr. Vermutlich verstand er schlicht kein Wort. Ich brach den Blickkontakt mit ihm, nicht sicher, ob ich ihn bemitleiden sollte oder eine Lanze für ihn brechen. Es war doch wahrlich undurchdacht, jemanden einzustellen, der kein Wort verstand.

»Nay«, bockte Kendrick. »Der Garten bleibt geschlossen.«

Ich zuckte zusammen. Ups, da musste ich meine Vorstellung wohl revidieren.

Sina legte den Kopf zur Seite und sah neckisch zu ihm auf. Sie griff wirklich tief in die Trickkiste und ich spürte einen kleinen Stich. Neid?

»Mr Kendrick, eine unserer Aufgaben besteht darin, ein Hochzeitsvideo und eine Collage zu erstellen, die während der Feierlichkeit abgespielt wird. Dafür brauchen wir besonders schöne Aufnahmen.« Sie lächelte, klimperte mit den Wimpern und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Der Rest des Anwesens ist eher verstaubt, baufällig und hässlich.« Ich klappte schnell den Mund wieder zu, erschrocken über meine eigenen Worte. Das war rüde und machte mich bei Mr Kendrick sichtlich unbeliebt. Sein Blick durchbohrte mich feurig und raubte mir den Atem. Ich wollte, konnte mich aber nicht entschuldigen. Mir fehlten die Worte und die Luft, um sie auszusprechen. Sina sah mich nicht weniger mordlüstern an als der Verwalter, war aber deutlich zu sehr Geschäftsfrau. Sie lachte geziert und streckte die Hand nach ihm aus.

»Oh, Liny! Manchmal ist mehr einfach notwendig.« Sie legte Kendrick die Hand leicht auf den Arm und lenkte ihn endlich von mir ab. »Was meine Kollegin sagen wollte, ist, dass das Gebäude recht düster und geschichtsträchtig ist, unsere Klientin aber ein farbenfrohes, fröhliches Video erwartet.«

Ich keuchte und wollte es wieder gutmachen, aber leider sagte ich das erste, was mir in den Sinn kam: »Genaugenommen überladen von Romantik und Kitsch. Der Garten gibt das her, das Haus nicht.« Mein Herz fror ein. Das hatte ich nicht gesagt! Nicht so. »Ich …«, wollte meine Worte revidieren, aber Kendrick unterbrach mich ebenso rüde, wie ich wohl geklungen hatte: »Sie haben keine Ahnung, was dieses Haus hergibt! Ich schlage vor, Sie schauen sich genauer um!« Sein Blick wanderte an mir herab.

Mein Gott, der hasst mich. Was natürlich völlig egal war. Ich mochte ihn auch nicht. Spontane Antipathie auf den ersten Blick. So etwas gab es. Oh Gott, ich fühlte mich schlecht und hatte es auch nicht anders verdient. Das machte mich ärgerlich und das war nicht gut. Ich wurde häufig störrisch, wenn ich ärgerlich wurde und verrannte mich leicht.

»Ich riskiere einen zweiten Blick«, knirschte ich. Lina, ruhig Blut. Ich musste ihn nicht lieben, ich musste nur zwei Wochen mit ihm auskommen. Das schaffe ich. Lächeln, Mund halten, wenn ich auf ihn treffe und alles wird gut. Das schaffe ich doch!

»Ich bin sicher, irgendwo wird sich etwas Romantik und Kitsch verstecken.« Besser, ist doch ganz einfach.

Kendricks Augen verengten sich.

Da hatte ich mir einen Freund gemacht. Ich seufzte leise. Sollte ich es noch einmal mit einer angedeuteten Entschuldigung versuchen? Ich räusperte mich. »Es ist ein altes Haus. Es wird seinen Charme haben.« Das klang jetzt nicht besser, also klappte ich den Mund schnell wieder zu und trat mir gedanklich in den Hintern. Das machte es doch nur noch schlimmer.

»Dieses Haus hat Charme.« Den Rest sagte sein Blick.

Oh ja, der hasst dich. Nur gut dass du ihn eh nicht leiden kannst.

Kendrick ließ uns stehen und stampfte davon.

»Liny, du bist keine Hilfe!«, zischte Sina und stieß mich an.

»Tschuldigung.« Ich atmete tief ein. »Ich habe Mist gebaut und weiß es.«

Sina schüttelte den Kopf. »Zuckerbrot statt Peitsche.« Sie hakte sich bei mir ein und zog mich zur Treppe. »Dass du immer gleich mit der Tür ins Haus fällst!«

»Es tut mir leid.«

»Ruiniere hier nicht alles. Das ist ein sehr wichtiger Auftrag für George.«

»Ich weiß. Hör zu. Ich schnappe mir meine Kamera und sehe zu, dass ich so viele Fotos wie möglich mache, bevor er merkt, dass ich mich über sein Gebot hinwegsetze.« Nicht die feine englische Art, aber nötig, denn der Garten war magisch. »Versuch du doch abzulenken?« Darin war sie ohnehin hervorragend.

Sina sah mich beredt an, ging aber auf mich ein. Sie wusste wohl, dass ich nicht unkte. Der Garten war bei Weitem das Schmuckstück des Anwesens. Sie nickte und drehte sich breit lächelnd der Haushälterin zu, die uns neugierig beäugte. Nun, es war wohl unhöflich, in einer fremden Sprache zu sprechen, die die anderen nicht verstanden. Ich nickte ihr zu und ließ Sina bei Mrs Collum zurück. Durch meine vorherige Erkundung fand ich mein Zimmer problemlos wieder. Nun, es war auch nicht sonderlich schwer. Man nahm die Haupttreppe bis zum Giebel, stieß sich dann dreimal den Kopf an einem niedrigen Balken und stand dann vor einer schmalen Tür mit abblätternder Farbe. Voilà. Ich riss die Tür auf und warf sie hinter mir zu. Meine Tasche stand noch gepackt am Fußende des Bettes, meine Ausrüstung darauf. Für erste Aufnahmen brauchte ich nicht mein Spitzengerät, schließlich wollte ich mir zunächst nur einen groben Überblick verschaffen. Also holte ich die Spiegelreflex aus meiner Reisetasche. Meine erste Kamera und längst nur noch privat im Gebrauch, aber dienlich für Exkursionen wie jene, die ich nun geplant hatte. Ich drehte mich zufrieden um und riss an der Klinke. Mein Grinsen purzelte aus meinem Gesicht, wie der Spiegel an der Innenseite der Tür bezeugte. Ich machte eine recht drollige Fratze, zugegeben, aber das ärgerte mich nur noch mehr. Ich riss erneut an der Klinke, mit demselben Ergebnis: die Tür blieb geschlossen.

Ich rüttelte, zerrte, besah mir das Schloss, aber letztlich bewegte sich nichts. Die Tür zu meinem schmalen Kämmerchen blieb geschlossen.

»Mist!« Ich presste mein Ohr an das kratzige Holz. Nichts, trotzdem klopfte ich und rief um Hilfe. Es gingen einige Türen von dem schummrigen Flur ab, also war durchaus anzunehmen, dass nicht nur Sina und ich hier oben untergebracht waren. »Hallo!«, schrie ich, so laut ich konnte und lauschte dann angestrengt. Nichts. Ich drehte mich in den Raum. Sina. Ich schüttete meine Tasche auf dem Bett aus und wühlte nach meinem Telefon, um verdutzt zu stocken, denn es war nicht unter meinem Krimskrams. Erneut durchstöberte ich den Inhalt meiner Handtasche, fand das Ladekabel, die Ohrhörer sogar die Powerbank, aber nicht mein Handy selbst. Ich stockte. Wann hatte ich mein Telefon zuletzt in der Hand gehabt? Im Auto.

Ich schloss die Augen. Ich hatte das schmiedeeiserne Tor zur Auffahrt nach Farquhar öffnen müssen und mein Handy dazu natürlich zur Seite gelegt. Auf den Sitz genaugenommen, wo es mit ziemlicher Sicherheit immer noch lag. Hervorragend! Ich sah zur Seite. Das Zimmer bestach durch ein Guckloch, rund und spinnwebenverhangen. Ich machte ein Bild von seinem gegenwärtigen Zustand, denn es schrie geradezu danach, in meinem Blog aufzutauchen. Kategorie: schauderhafte Plätze. Da ich schon dabei war, nahm ich mir die Zeit, auch den Rest des Interieurs aufzunehmen, bevor ich mich wieder meinem Problem zuwandte. Immerhin wesentlich ruhiger. Angeekelt entfernte ich mit einem Stück Papier die Spinnweben und schrie spitz auf, als die Bewohnerin mir entgegensprang. Ich schleuderte das Papier zur Seite, nicht sicher, ob ich noch etwas darauf herumstapfen sollte. Nicht, dass mir das achtbeinige Monster noch einmal über den Weg lief. Jedoch wäre sie sicherlich auch ein interessantes Model. Nur um den Charakter dieser Bruchbude in ihrer Vollkommenheit abzubilden. Der bitterböse Gedanke ließ mich auflachen und zog mich weit genug aus meinem Selbstmitleid, um mich weiter mit meiner Befreiung zu beschäftigen.

Seufzend widmete ich mich dem Fenster, das sich zumindest öffnen ließ und sah für vielleicht eine Sekunde hinaus, dann schwindelte mir. Ich schloss die Augen und stützte mich an der Wand ab. Die Tapete fühlte sich rau und klamm unter meiner Hand an und ich riss die Lider wieder auf und die Hand weg. Wie widerlich!

Ich wich zurück. Zwar war das Fenster groß genug, um hinauszuklettern, aber das war sicherlich keine Option. Eher hirnrissig tödlich. Selbst, wenn ein Fenster der Nachbarzimmer offen stünde, könnte ich es nicht erreichen. Ich plumpste auf das Bett. Gefangen in einem modrigen Horrorkabinett! Ich ließ mich zurückfallen und starrte an die niedrige Decke. Womit hatte ich das nur verdient?

 

***

 

Ich wartete geduldig. Nun, zumindest, wenn ich nicht gerade lauthals schrie und gegen die Tür bollerte, bis ich keine Luft mehr bekam. Ich begann mich zu fragen, was Sina trieb, besonders da es langsam dunkler wurde. Ich saß sicherlich bereits Stunden hier fest und sie suchte mich nicht? Da hatte ich ja eine ausgesucht tolle Freundin!

»Hilfe!« Es waren doch sicherlich nicht nur Sina und ich hier untergebracht worden. Oder vielleicht doch? Zweifel nagten an mir. Es war ein großes Haus mit unzähligen Räumen und wie viele konnten davon belegt sein? Mal abgesehen davon, dass ich nicht einmal sicher wusste, wie viele Menschen sich überhaupt im Haus aufhielten.

Mittlerweile nahe einer Panik – nicht nur Höhen reizten meine Fantasie zu ausgeprägten Horrorszenarien, sondern auch enge und verschlossene Räume – trat ich gegen die Tür, bis mir die Zehen schmerzten, und schrie schließlich unartikuliert. Warum zum Teufel passierte mir das?

Karma. Ich wandte mich ab, kurz davor, es mit brachialer Gewalt zu probieren. Ich wollte hier endlich raus. Ich sah mich um, aber es gab nicht einmal einen Stuhl. Nur das Bett. Der Schrank war in die Wand eingelassen. Ich saß in der Falle.

Keine Panik, früher oder später fällt meine Abwesenheit auf. Vermutlich positiv, so wie ich mich heute aufgeführt habe, aber sie fällt auf und dann sucht man nach mir und findet mich auch. Kein Grund zu wildem Aktionismus.

Trotzdem schlug ich erneut gegen das Holz und fluchte. Die Tür ratterte. Oh Gott sei Dank! Ich lehnte mich dagegen und presste die Wange an die kratzige Oberfläche. »Sie klemmt. Ich komme nicht raus!«

Tja. Im nächsten Moment stand mir Mr Wortkarg gegenüber. »Offen.«

Er ließ mich stehen und ich haderte. Aber letztlich bestand die Gefahr, mich immer wieder hier einzuschließen, also folgte ich ihm in den Flur und sah zu, wie er die Tür gegenüber öffnete. Na toll. Ich räusperte mich, deutlich das Gefühl, dass mir wieder jedes Wort quer im Hals hängen bliebe.

»Mr Kendrick, wen spreche ich an, um ein anderes Zimmer zu bekommen?«

Seine Tür schlug zu. »Verdammt!« Ich biss die Zähne zusammen. Was nun? Mrs Collum? Ich hatte wahrlich keine Lust, das Haus nach ihr abzusuchen. Oder nach Sina, dem untreuen Huhn. Ich trat wieder in mein unerwünschtes Zimmer, stemmte die Hände in den Hüften ab und sah mich um. Ich steckte hier womöglich immer wieder fest. Vielleicht in der Nacht, wenn ich dringend das stille Örtchen aufsuchen musste. Unhaltbar! Ich schnappte mir mein Equipment und füllte schnell meine Handtasche. Als ich mich aufrichtete, schrie ich auf. Meine Tasche purzelte wieder auf das Bett und ich presste meine Hand auf die Brust. »Herrje!« Ich schloss kurz die Augen, um mich zu beruhigen, und begann bereits: »Verdammt noch mal, warum schleichen Sie sich so an!« Gut, der Zug war abgefahren. Nachdem ich ihn nach meiner Rettung wieder anmotzte, konnte ich mir jeden Dank und jede Bitte um Vergebung ohnehin sparen. Wie hieß es so schön? War der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Kendricks Augen waren verengt, als er mich musterte, vermutlich sollte ich mich daran gewöhnen, so von ihm betrachtet zu werden. Er deutete aus dem Raum. »Sie wollten ein anderes Zimmer! Herrgott!« Er ließ mich stehen und knallte die Tür ins Schloss.

Ich schrie auf und eilte hinterher. Wie vermutet, ließ sie sich nicht öffnen und ich gurgelte verzweifelt. Das durfte nicht wahr sein. Gerettet und wieder eingeschlossen in weniger als fünf Minuten, gab es einen größeren Pechvogel als mich? »Lassen Sie mich raus! Bitte!«

Er öffnete erneut mühelos die Tür. Ich gaffte ihn an. Das war doch ein Witz. Ich griff nach der Klinke und schob ihn hinaus, um die Tür zu schließen. Öffnen konnte ich sie aber auch von außen nicht.

Kendrick fasste an mir vorbei, drehte den Knauf und stieß sie auf. Problemlos. Ich atmete tief ein.

»Ich brauche ein anderes Zimmer«, stellte ich betont neutral fest. Meine Einschätzung war richtig, mit diesem Zimmer wäre ich ständig eingeschlossen. »An wen kann ich mich da wenden?« Freundlich klang ich trotz meiner redlichen Bemühungen nicht.

»Nehmen Sie das.«

Ich folgte seinem Fingerzeig. Sein Quartier. Oh. »Ihres?«

»Die Auswahl ist derzeit bescheiden, Miss Hillebick.«

»Hildebrecht«, korrigierte ich automatisch. Kaum jemand in England sprach meinen Namen richtig aus, selbst nach mehrmaliger Wiederholung und eigentlich hatte ich es aufgegeben, jeden zu korrigieren und bot generell an, zum Vornamen zu wechseln. Die Vorstellung, von ihm Liny genannt zu werden, weckte ein verstörendes Prickeln.

»Wollen Sie es, oder nicht?«

Ich atmete tief ein. »Ja.« Ich schliefe sogar im Keller mit weiteren achtbeinigen Mitbewohnern, wenn ich nur kommen und gehen konnte, wie ich wollte. »Danke sehr.« Ich senkte den Blick, plötzlich unangenehm nervös. Kendrick ließ mich stehen. Er schleppte seine Tasche herein und ließ sie polternd fallen, auf das Blatt Papier, mit dem ich meine Mitbewohnerin vertrieben hatte. Nun, sein Karma.

Ich schnappte mir meine Ausrüstung, meine Handtasche und versuchte, auch meinen Reisekoffer hinter mir her zu ziehen, eckte aber an der Tür an und er kippte. Ich hatte Mühe, ihn wieder aufzurichten und bollerte mit meinen Koffer über den Flur. Ich schleuderte ihn in den Raum, der zumindest frei von Staub und Spinnweben war. Ich drehte mich und stand ihm schon wieder gegenüber. Zwei Wochen Tür an Tür mit ihm? Na vielen Dank auch, Schicksal!

Kapitel 2

Schatzsuche

Der erste Morgen auf Farquhar begann besser als erwartet. Keine nächtlichen Besuche diverser Insekten und fester Schlaf hatten meine Laune auf ein ungewohnt hohes Niveau gehoben. Ich kam ungehindert aus der Tür, fand das Speisezimmer ohne Probleme wieder und war auch ganz allein mit mir, so wie ich es bevorzugte. Während meines Frühstücks ging ich die Wünsche der Braut durch und konnte sie sogar mit Humor nehmen.

Das Haus ist groß und es hat bestimmt seinen Charme.

Es half, mir dies wieder und wieder vorzubeten, auch bei der zweiten Besichtigung des kleinen Schlosses. Zwanzig Schlafzimmer und nicht eines war bezugsfähig. Ich durchschritt ebenso viele Gesellschaftsräume, Salons, Musikzimmer und Ateliers.

Schließlich öffnete ich am Ende des Hauptganges im ersten Stock eine breite Flügeltür. Ein Saal erwartete mich. Ich trat ein und wurde geblendet – die Hand erhoben, blinzelte ich und stieß den Atem aus. Wow. Sonnenstrahlen schnitten durch Staubschwaden, aber es tat dem Anblick keinen Abbruch. Es war ein majestätischer Raum, oder er könnte es sein, wenn er nur nicht ganz so unbeachtet bleiben würde wie bisher.

Spinnweben hingen von den drei großen goldenen Lüstern und wirkten dabei wie schmucklose Girlanden. An der langen Seite hingen zwei überlebensgroße Gemälde von hübschen, jungen Damen von anno dazumal. Ihr Lächeln strahlte mit der Sonne um die Wette und erinnerte mich an ein anderes Bild. Die Frau, die ich am Vortag bewundert hatte. Die Rahmen waren ebenfalls vergoldet und kunstvoll verziert. Zwischen den Gemälden und jeweils zur freien Seite hingen breite, bestickte Teppiche, die zwar dringend einen Staubklopfer benötigten, aber in ihrer detaillierten Art sogar eingestaubt bewundernswert waren. Ich stand auf einer Art Empore und eine geschwungene Treppe führte hinab in den Saal. Auf der gegenüberliegenden Seite wiederholte sich der Aufbau und man konnte beide Treppen über die schmalen Gänge an beiden Seiten des Saals erreichen. Sicherlich war es ein toller Ort, um den Abend zu verbringen, wenn die Tanzfläche unten vollgestopft war mit Gästen, die sich im sanften Klang vornehmer Musik im Kreis drehten. Bestimmt ließen sich die Fenster auf der linken Seite des Saals auf dieser Höhe mühelos öffnen und man stand im angenehmen Durchwind, während sich unten die Hitze staute. Obwohl sich hinter den zugezogenen Vorhängen wohl auch Fenster versteckten. Verandatüren vermutlich, schließlich brauchte ein so großer Raum mehr Durchlüftung, als die Fenster hier oben erreichen konnten. Kein Wunder, dass die feinen Herrschaften Riechsalz dabei hatten, wenn sie auf einen Ball gingen. Bei dem zu erwarteten Gedränge, und der schlechten Luftzufuhr, war es wohl an der Tagesordnung, dass die Damen umkippten.

Die Erinnerung an eine Szene meines Lieblings-Zeichentrickfilm überrollte mich und ich fühlte mich auf einmal wie Anastasia, die im heruntergekommenen Sommerpalast in einem Tagtraum schwelgte. Ich liebte den Film. Anastasia war so herrlich frech, manche mochten sie zickig nennen, aber ich fand, dass sie sich schlicht nichts gefallen ließ – auch nicht von Dimitri.

Grinsend und mir bewusst, wie verdammt albern es war, streckte ich geziert die Hand nach der Reling aus und schwebte so gut es mir möglich war die Treppe hinunter, um dann tiefer in den Raum zu trippeln und in einen Knicks zu versinken. Oder in etwas, was einem Knicks vermutlich nicht einmal nahe kam, kannte ich derartige Gepflogenheiten nur aus dem Fernsehen und hatte es nie zuvor selbst probiert. Ich hob die Hand und erhob mich wenig grazil, schließlich war mein Tanzpartner nur eingebildet. Das erklärte nicht meine peinliche Performance, die mit einem Walzer sicherlich nicht viel gemein hatte, aber mehr als Foxtrott hatte ich nie gelernt. Ich drehte mich, bis mir ganz schwindlig wurde und ging dann kichernd zu Boden. Staub wirbelte auf und ließ mich husten. Mit jedem Atemzug wurde der Reiz stärker und mein Husten fester. Ich rappelte mich auf, aber es half nichts. Die eine Seite des Saals war eine Fensterfront, auf die stolperte ich zu, mich krümmend vor Atemnot. Die schweren, zugezogenen Vorhänge entließen noch mehr Staub und machten es mir fast unmöglich, auch Sauerstoff einzuatmen. Ich zerrte am Vorhang, der sich nicht lüftete und krümmte mich vor Atemnot.

Zu allem Überfluss ging im nächsten Moment nicht nur Staub auf mich nieder, sondern gleich die ganze Länge Samt. Ich wurde förmlich unter dem Vorhang begraben und schrie erschrocken auf. Na ja, es wäre ein Schrei geworden, wenn ich dazu Luft gehabt hätte. Ich konnte mich nicht regen und geriet in Panik. Ich konnte so schon nicht atmen, jetzt war ich auch noch eingeschlossen und niemand wusste, wo ich war. Der Gedanke gab mir Kraft. Ich kickte und schlug um mich.

»Daingead, still halten!«

Süße Erleichterung schoss durch meine Adern. Kendrick, ich erkannte ihn tatsächlich bereits nach drei kurzen Worten an der Stimme!

Er war ein großer, starker Mann und sollte mich schnell befreit haben, trotzdem konnte ich nicht lange ruhig halten. Ich kämpfte immer noch mit meiner Atemnot und nun auch mit der Panik.

»Still! Ich muss den Zugang finden.«

»Luft«, keuchte ich. Der Vorhang glitt endlich von mir und ich schob mich mit letzter Kraft selbst hervor. »Stickig.«

Er hob mich auf seine Arme. Ich war zu erschrocken, um zu protestieren und, na ja, es war wohl der schnellste Weg hinaus. Ein kühler Hauch wehte über mein Gesicht und ich konnte endlich frische Luft in die Lungen saugen. Ich hustete wieder.

Kendrick setzte mich ab und ich krümmte mich. Er hielt mich aufrecht und riet mir zu atmen. Ich hing an seiner Brust. Meine Finger in seinem Flanellhemd vergraben und an meinem Ohr der Klang seines Herzschlags. Es wurde besser. Mit jedem Versuch bekam ich mehr Sauerstoff in die Lungen gesogen und sackte beruhigt zusammen. Er roch gut. Ich schloss die Augen.

Meine Sinne nahmen nach und nach ihren Dienst wieder auf, nicht nur mein Riechorgan. Seine Hand lag auf meinem Bauch, eigentlich ein Stück höher. Bei jedem Atemzug schrappte mein Busen an seinem Arm entlang. Das schreckte mich auf. Ich stieß mich von ihm ab und landete in meiner Hast auf dem Boden.

»Miss Hildebrick …« Er legte seine Hand auf meinen Rücken, als er sich zu mir kniete. Ich rutschte zur Seite weg und rappelte mich auf.

»Geht«, krächzte ich. Er rieb über seine Oberschenkel, was meinen Blick einfing. Schnell sah ich weg.

»Sie haben den Ballsaal verwüstet.«

Ich lachte auf, erschrocken über den Vorwurf und noch abgelenkt von seiner Berührung. Es fühlte sich an, als lägen seine Finger immer noch knapp unter meiner Brust. »Ich bitte Sie, da war Hopfen und Malz bereits verloren, bevor ich meinen Fuß reinsetzte!«

»Nay, nur etwas verstaubt.«

Ich schnaubte. »Mr Kendrick …« Seine düstere Miene ließ mich abbrechen. Es brachte wohl nichts, schließlich hatte er keinen objektiven Blick auf seine Umgebung. Also klappte ich den Mund wieder zu.

»Es sind bereits Arbeiten in Auftrag gegeben. In ein paar Tagen …« Er ließ es so stehen.

Ich schlang die Arme um mich und räusperte mich. »Also … Danke.«

»Es sollte Zeit für den Lunch sein.« Er deutete zum Haus. »Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer.«

»Ich finde den Weg.« Schnell stakste ich los, zwar war ich wieder einmal rüde, aber ich wollte weg von ihm. Es war ein schon übermächtiger Drang, einfach Platz zwischen uns zu schaffen. Viel Platz. Ein Schauer rollte über meinen Rücken und ich zog die Schultern hoch. Ich warf einen Blick zurück, um meinen stillen Verdacht bestätigt zu sehen: Er sah mir nach, mit einer Miene, die nicht sonderlich wohlwollend wirkte. Besser ich ging ihm aus dem Weg. Umso seltener ich mich mit ihm beschäftigen musste, umso besser war es für mein Seelenheil – ganz sicher!

 

***

 

Auch der zweite Tag begann mit einer Erkundung. Ich war allerdings nicht mehr so frohgelaunt, wie am vorherigen Morgen. Ich hatte einen ziemlich guten Überblick und war recht ernüchtert. Wir befanden uns auf einem alten, imposanten Herrenhaus mitten in der Einöde Schottlands – in der Vorstellung mochte es durchaus wie ein kleiner Traum klingen – es war aber ein Alptraum. Ich wich einem Trupp Bauarbeitern aus und sah ihnen nach. Meiner Meinung nach war es unmöglich, in zwei Wochen aus diesem baufälligen Gebäude eine Traumlokation zu machen, wie sie die Braut offensichtlich erwartete. Hatte sie irgendeine Vorstellung davon, wie es hier momentan aussah?

Eine weitere Horde Männer in Arbeitsoveralls trampelte an mir vorbei. Wie sollte ich bei dem Terror arbeiten?

Arbeiten? Ich habe nichts! Absolut gar nichts, womit ich arbeiten könnte und nicht einmal den Hauch einer Idee, was ich tun soll, um das Ruder noch einmal rumzureißen.

Ich verließ das Haus. Der Gedanke, frische Luft zu schnappen, endete vor dem verschlossenen Törchen zum versteckten Garten. Wunderte ich mich, dass ich ausgerechnet hier gelandet war? Ich hob meine Kamera an und schoss eine Serie von der Umgebung, inklusive zugewachsener Tür. Es war einfach zu verlockend. Ich schob das Objektiv vorsichtig zwischen das herzförmige Gitter und fotografierte. Es waren sehr starre Bilder und ich kaute auf meiner Lippe herum. Ein versteckter Garten, eine verschlossene Tür, ein dunkles Geheimnis?

Aufregung raste durch meine Adern und ich sah mich schnell um. Der Eingang war nicht zu sehen und es war nichts weiter zu vernehmen als das Summen der Bienen und das Zwitschern von Vögelchen. Ideal. Ich hob die Hand und legte sie auf die Klinke. Das kühle Metall verstärkte die Sensation und erweckte eine kleine Gänsehaut.

Gib auf, es ist abgeschlossen und es gibt sonst keinen Weg hinein.

Die Mauer war von Efeu umrankt. Ich ließ die Finger abwandern und strich über die Pflanze, zog an einer dicken Ranke, sie schien stabil zu sein und dahinter bröckelte der Backstein etwas ab. Genug, um die Zehenspitzen meiner Turnschuhe hineinzubohren und so die Mauer zu erklimmen? Wieder sah ich mich um. Sollte ich es wagen?

Ein Blick nach oben raubte mir fast die Entschlossenheit. Die Mauer war gute zwei Meter hoch. Vermutlich keine unüberwindbare Höhe, wenn man nicht bereits Schwindelanfälle bekam, wenn man nur aus dem ersten Stock hinunter sah.

Ich bin so ein erbärmlicher Angsthase. Was soll passieren? Ich breche mir sicher nicht den Hals, wenn ich von der Mauer falle. Und wer sagt, dass ich überhaupt fallen werde?

Ich zog erneut an der Ranke. Wäre sie stark genug, um mich zu halten? Meine Spiegelreflex schob ich nach hinten, bevor ich nach einer Schlaufe griff, und meinen Fuß auf einer Ranke platzierte. Der Atem stockte automatisch, als ich mich hochzog und den zweiten Fuß etwas höher abstellte, wobei ich spielend leicht eine Lücke im Mauerwerk fand, um meine Zehen abzusetzen. Überraschenderweise funktionierte es recht gut und flugs saß ich auf der Mauer. Da jedoch bereute ich mein Vorhaben. Mir wurde schummrig und ich schloss die Augen. Die Mauer war sicherlich keine zwei Meter hoch und doch drehte sich alles vor meinem inneren Auge. Ich klammerte mich an die Pflanze.

Ruhig, ganz ruhig.

Es half nicht viel. Ich wollte runter, wagte aber nicht, mich zu bewegen. Meine Finger krampften, ebenso wie mein Magen.

»Hey!«

Ich erschrak und verlor das Gleichgewicht, landete hart auf dem Boden und stöhnte. Schmerz explodierte in meinem Körper und einen Moment fühlte ich mich bewegungsunfähig. Selbst ein weiteres Stöhnen kam mir nicht über die Lippen. Dann rollte ich mich herum. Es funktionierte ganz gut, trotzdem presste ich die Lider aufeinander und keuchte vor Schmerz. Verdammt. Und ich war ganz allein schuld daran! Ich bemühte mich, gleichmäßig zu atmen.

»Ich rufe die Ambulanz, bleiben Sie ganz ruhig liegen.«

Ein Schauder wusch über mich, als die Wärme seiner Hand durch mein Shirt drang und nahm mir erneut den Atem. »Es geht schon wieder.« Ich schob seine Hand weg. Wie peinlich, dass ausgerechnet er mich erwischt hatte und sich nun um mich kümmerte. Wahrscheinlich war er kurz davor, mir den Hals umzudrehen.

»Sie bleiben liegen!« Dann nahm ihn das Gespräch mit dem Rettungsdienst in Anspruch.

Ich blinzelte. Der Schmerz ließ langsam nach und ich nahm wieder etwas anderes wahr, als ihn. Das Kitzeln des wuchernden Rasens an meiner Wange. Der Duft nach wilden Rosen. Ich öffnete die Augen und erstarrte. Direkt vor meinem Gesicht wuchs ein äußerst dorniger Strauch gelber Rosen. Schön. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Wild, aber schön.

»Es dauert eine Weile«, informierte mich Kendrick, um mich dann anzuherrschen: »Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?!«

Ich stöhnte abgelenkt. Herrlich, ein Streit in meiner Verfassung. »Ich brauche romantische, bunte Bilder.« Apropos Bilder. »Wo ist meine Kamera?« Es wäre zwar kein Desaster, wenn sie bei meinem Sturz zu Bruch gegangen wäre, schließlich war es meine Testkamera, aber blöd wäre es schon. Allein die Bilder, die ich bereits geschossen hatte.

Dumpfbacke, die Speicherkarte ist sicher, selbst wenn die Kamera Schrott ist!

Beruhigt konzentrierte ich mich auf meinen Körper. Konnte man sich den Rücken brechen? Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, die Zehen zu bewegen. Erleichtert stieß ich den Atem aus.

»Die hier?« Er hob meine Spiegelreflex an. Ich blinzelte und war doppelt beruhigt. Auch mein Arbeitsgerät schien nicht ernsthaft beschädigt zu sein. Kendrick drehte es und fummelte an ihr herum. Ich befeuchtete meine Lippen und wollte ihn bitten, vorsichtig zu sein.

»Ups. Ich hoffe, Sie hatten Kopien.«

Mir klappte der Mund auf. »Nein, Sie verdammter …!« Nur gut, dass ich beim Verunglimpfen meist in meine Muttersprache zurückfiel. Er hätte mich hier sonst sicherlich einfach liegen lassen, damit ich verrottete!

Sein Blick durchbohrte mich, als hätte er mich durchaus verstanden, was natürlich Quatsch war. Trotzdem hielt ich es für möglich, dass er einfach ging. Was erwartete er? Dass ich mich dafür entschuldigte, den Garten auch ohne seine Einwilligung zu betreten? Was ich natürlich müsste, besonders, da er mich ja auf frischer Tat ertappt hatte – genaugenommen bei einer Straftat.

Verflixt, was habe ich mir nur dabei gedacht!

»Sie haben hier nichts verloren!« Er klang erzürnt. »Sie werden diesen Garten nicht wieder betreten, sonst sorge ich für Ihre Entlassung! Haben wir uns verstanden?!«

Mir klappte der Mund auf. Er drohte mir! Ich schlug seine Hand fort, die mich immer noch niederhielt. Schön, ich hätte nicht versuchen dürfen, über die Mauer zu klettern, aber das war doch unverschämt.

»Dieser Garten ist Privateigentum, Sie dürfen sich hier nicht aufhalten!«

»Ich muss …«

»Nay!«

Ich klappte mühsam den Mund wieder zu. Es war sinnlos. Er verstand wohl nicht, dass es hier ohnehin um meinen Job ging. Wenn ich den Auftrag versaute, wäre George sehr aufgebracht und ich wäre nicht die erste, die wegen Nichtigkeiten gefeuert wurde. George hatte einen regen Durchlauf an Mitarbeiterinnen und im Durchschnitt war niemand länger als zwei Jahre bei ihm.

Da ich das aber nicht mit Kendrick diskutieren wollte, wandte ich den Kopf ab und schloss die Lider, den Rosenbusch vor Augen.

»Es ist eine weite Strecke bis zum nächstgelegenen Krankenhaus. Es wird also noch etwas dauern, bis Hilfe hier ist.«

Ich kniff die Lippen zusammen.

»Bleiben Sie ruhig liegen, ich sage im Haus Bescheid, damit man den Krankenwagen einweist.«

Ich riss die Augen wieder auf. Er wollte mich hier allein lassen?

»Warten Sie!«

Er legte mir die Hand auf die Schulter, als müsste ich tatsächlich auf dem Boden gehalten werden, sah auf mich herab, direkt in meine Augen. Seine sanften Worte bekam ich gar nicht richtig mit. Er nickte und stand auf. Ich starrte in den Himmel. Vögel zwitscherten und Blätter raschelten im leichten Wind. Die Sonne brach durch die Wolkendecke und blendete mich. Die warmen Strahlen streichelten meine Wange und ich schloss ruhig die Augen.

Ich hatte es wohl verdient, allein gelassen zu werden und irgendwie war es gar nicht mehr so schlimm. Ein Duft nach Rosen hing in der Luft, die Sonne wärmte mich und zum ersten Mal seit Ewigkeiten hatte ich nicht das Gefühl, aufstehen zu müssen. Weitermachen zu müssen. Voran zu kommen.

Ich lauschte dem Summen einer Biene. Wann hatte ich zuletzt das Summen von Insekten vernommen? Oder den Duft von Rosen? Wann hatte ich zuletzt Sonnenstrahlen auf der Haut gespürt?

 

***

 

»Na du.« Ich sah auf und Sina setzte sich zu mir. »Wie geht’s?«

Eigentlich eine unnötige Frage, schließlich war ich erst seit zwei Tagen wieder im Haus, nachdem ich zuvor zwei Nächte im Krankenhaus von Inverness verbracht hatte. Zumindest konnte man beruhigt davon ausgehen, dass mein Rücken weder gebrochen, noch in irgendeiner Weise ernstlich verletzt worden war. Zum Glück, ich hatte keine Zeit und auch keine Muße, um mich auszuruhen. Mal abgesehen davon, dass mir die zwei Nächte schon genügend Kopfzerbrechen bereitet hatten. Wie würde mir Kendrick nun, da er wusste, dass ich mich ihm widersetzte, begegnen? Wie sollte ich sein Vertrauen zurückerlangen, schließlich konnte ich es mir nicht leisten, dass er mir womöglich folgte, damit der Garten auch Tabu für mich blieb? Zugegeben, meine Gedanken kreisten zu häufig um Dinge, die eigentlich ziemlich nebensächlich waren, denn das eigentliche Problem war, Wunsch versus Realität. Ich seufzte also unterdrückt und zuckte die Achseln. »Gut. Ich war heute Morgen wieder auf Tour, aber ehrlich: Sie wird uns in der Luft zerreißen.« Ich presste die Lippen aufeinander und reckte vorsichtig die Schultern. Zu langes Verweilen in einer Position hatte immer Schmerzen zur Folge, meist in der Nacht und das wollte ich tunlichst vermeiden.

»So schlimm wird es doch nicht sein«, behauptete Sina und ich nannte sie eine Träumerin. Ich drehte meinen Laptop um, damit sie sich das Desaster selbst ansehen konnte.

»Der Zustand des Hauses ist gelinde gesagt ein Alptraum.«

Sinas Lippen pressten sich nach einigen weiteren Aufnahmen zusammen und bei der Hälfte hob sie den Blick. »Scheiße.«

»Mein Reden.« Ich zuckte die Achseln. »Die Prunkräume werden in der nächsten Woche fertiggestellt sein, aber …« Das würde das Gesamtbild nicht groß ändern. »Ich versuche es morgen mit einigen Totalen vom Haus und der Landschaft.« Ich seufzte schwer. Landschaft, was hier so viel wie Wiese, Disteln und Geröll bedeutete!

»Solltest du denn dein ganzes Zeug durch die Gegend schleppen? Was ist mit deinem Rücken?« Sina runzelte besorgt die Stirn. »Ich fürchte, ich habe nicht viel Zeit, um dir zu helfen. Soll ich Kendrick bitten, dich zu begleiten?«

»Auf keinem Fall! Mann, allein wie er mich ansieht, jagt mir jedes Mal von Neuem eine Gänsehaut über den Körper.« Mein erschreckter Ausruf ließ sie lachen, dabei meinte ich es doch todernst. Das war deutlich ein Nachteil vom Schwarzmalen, wenn man eine schlechte Wertung ernst meinte, glaubte das Umfeld, man meinte es wie gewohnt übertrieben negativ.

»Oje! Du bist ein hoffnungsloser Fall, hm?« Sie schüttelte ihre gefärbten rostroten Locken, die meinen Blick einfingen. Sie leuchteten im Schein der Sonne wie Feuer. »Gänsehaut ist doch prima.«

Ich verdrehte die Augen, weil sie es natürlich wieder falsch aufnahm. »Sina, nicht in positiver Art und Weise.«

Sie schnalzte und boxte mir gespielt auf den Oberarm. »Du übertreibst maßlos, aber das weißt du auch. Er ist ganz nett, wenn man ihm die Chance dazu lässt.«

»Schnapp ihn dir, wenn du so begeistert von ihm bist. Nur: genieße und schweig!«

Sina lachte auf. »Du bist unmöglich!«

Ich zuckte die Achseln. Da ich nicht über Kendrick sprechen wollte, lenkte ich ab. »Ich nehme nur eine Kamera für Testschüsse mit. Ich brauche erst einen Eindruck von den Möglichkeiten. Hast du schon eine Antwort zu dem Garten?« Ich spannte mich an, was sich besonders in meinem Rücken bemerkbar machte. Zischend biss ich die Zähne zusammen.

Sina schüttelte den Kopf. »George hat noch nichts von der Braut gehört.«

»Macht es dir etwas aus, wenn ich ihn selbst anschreibe? Vielleicht helfen der Braut einige Aufnahmen. Wenn ihr klar wird, wie trostlos das Video sonst wird, wird sie sicherlich jede Weisung geben.« Auch die, Kendricks Verbot aufzuheben. Verflixt, es war ja nicht einmal sein Garten!

Sina zuckte die Achseln. »Mach, was du willst. Also, ich gehe dann mal zu Abend essen. Bist du sicher, dass du Mr Kendrick nicht noch etwas zur Weißglut bringen möchtest? Ich glaube, er hat mich viel lieber, wenn du in der Nähe bist.« Sie zwinkerte mir zu und ich schnaubte.

»Ich bin sicher, dass du mich nicht brauchst, um sein Interesse zu wecken.« Ich musterte sie bedeutend, schließlich kleidete sie sich trotz ihrer formellen Art stets sexy und konnte nicht nur mit ihren Locken glänzen, sondern auch mit ihrer Figur, und hob die Brauen. »Wenn er nicht von selbst sieht, was er an dir hätte …«

»Danke.«

Ich meinte es, wie ich es sagte. Sie war eine tolle Person und verdammt hübsch. Wenn sie tatsächlich Interesse an Kendrick hatte, wäre er ein Idiot, sie nicht zu beachten. Aber Sina dabei zuzusehen, wie sie mit Kendrick flirtete, war verdammt hart. Zumal er stets erst einen Blick auf mich warf, bevor er ihr eine Antwort gab. Also nutzte ich meine Verletzung so häufig wie möglich, um den gemeinsamen Mahlzeiten zu entgehen.

Sina lachte auf. »Er ist süß.«

»Findest du? Was zieht dich an? Die animalische Behaarung?« Für mich persönlich gab es zu viel Haar an ihm. Ich mochte keine Bärte, egal in welcher Ausprägung und ich ginge jede Wette ein, dass er auch sonst nicht rasiert war.

Wieder lachte sie auf und schlug nach mir. »Ach, komm. Das ist doch sexy! Stell dir vor, wie deine Finger durch sein volles Brusthaar gleiten.« Ihre Augen funkelten herausfordernd und ich gab ihr einen sanften Schubs. Veräppeln konnte ich mich alleine, aber das sagte ich ihr nicht. Dummerweise hatte ich aber das Bild vor Augen, wie sich meine Hände durch durchaus volles Haar schoben. Verflixt!

»Verschwinde.«

»Komm mit runter. Gönn dir eine Pause.«

Ich zögerte, aber letztlich wollte ich Kendrick möglichst nicht über den Weg laufen. »Nein, ich gehe früh ins Bett und möchte noch etwas ausprobieren.«

»Du musst essen.«

»Ich hole mir später etwas.« Ich lächelte gezwungen, noch damit beschäftigt, den verdammten Gedanken an samtiges Haar zu verdrängen. »Keine Sorge, ich verhungere nicht.«

»Du kannst ihn echt nicht ausstehen, was?« Sina legte den Kopf zur Seite und sah mich durchdringend an. »Du bist mir ein Rätsel.«

»Weil ich kein Interesse an dem Kerl habe, der mir nur zusätzliche Probleme bereitet?« Ich schnaubte. »Er ist nicht mein Typ.«

»Woher weißt du das?«

Ich bedachte sie mit einem strafenden Augenaufschlag. »Das spürt man. Er ist nicht mein Typ und ich bin nicht seiner.«

Ach nein? Dann träume ich nur davon, im falschen Bett aufzuwachen, um …?

Ich rief mich zur Ordnung. Ich sollte mehr arbeiten, damit meine Gedanken aufhörten, wild durch die Gegend zu springen. Haare, Betten, bloße Oberkörper, wenn das so weiterging, war ich unter Garantie zum Abschluss dieses Auftrages arbeitslos – wegen schlichter Inkompetenz gefeuert.

»Ich glaube, du brauchst dringend etwas Abwechslung, Liny.« Sina streckte die Hand nach mir aus und rieb meinen Oberarm. »Und du musst ihn ja nicht gleich heiraten.«

Ich deutete zur Tür. »Raus und schließ die Tür hinter dir.«

»Ich meine ja nur.« Sina rutschte vom Bett. »Es wäre höflich, sich nicht ständig zu verstecken und ich glaube, du hättest echt Chancen, in den Garten zu kommen, wenn du ihn nett bitten würdest.«

Ich kaute auf meiner Lippe. War es so? Ließe sich ein Mann wie Kendrick bezirzen? Womöglich, allerdings war der Zug doch schon längst abgefahren. Wohl schon seit dem Moment auf der Wiese, wenn nicht, dann sicherlich nach meinen unbedachten Worte über den Zustand des Hauses, an dem er echt zu hängen schien. »Es kommt nur leider nie eine Bitte heraus, wenn ich den Mund aufmache.«

»Hm.« Sie lehnte sich gegen das Fußende. »Dann mach kleine Schritte. Nur Lächeln sollte für den Anfang genügen.«

Als wäre das bereits eine kinderleichte Aufgabe. »Ja, aber …«

»Kein aber, Liny. Lächeln. Punkt. Mund halten. Punkt. Alles easy.« Sie deutete mit dem Kopf zur Tür. »Komm. Machen wir einen guten Eindruck.«

Ich hielt ihrem Blick stand. Sollte ich anmerken, dass es sicherlich in die Hose gehen würde? Seufzend schob ich den Laptop von mir und stand auf. »Ich übernehme keine Verantwortung«, warnte ich. Schließlich wusste man nie, was ein Abend so brachte.

»Lächeln und den Mund halten. Das schaffst du, ich habe vollstes Vertrauen in dich.«

 

***

 

Ich spürte es in jeder Faser meines Körpers. Anspannung hauptsächlich, aber da war mehr. Aufregung. Ein Kribbeln, das sich auch durch meine Eingeweide zog. Meine Knie, mein Hals, mein ganzer Leib war in Aufruhr. Weil ich zum Essen ging?

Weil ich mich nur wieder zum Vollidioten mache, verflixt. Ich lasse meinen Mund niemals geschlossen und zeige ihm doch mit jeder Mikromimik, was ich unbewusst von ihm halte!

Zwecklos, aber für Sina wollte ich es trotzdem versuchen. Es musste doch auch für mich möglich sein, mich professionell zu verhalten. So schwer konnte es doch gar nicht sein. Meine Knie waren Pudding, als wir an der Treppe standen und Kendrick uns entgegenkam. Ich wich schnell aus, um ihm Platz zu machen und strauchelte.

Kann doch nicht sein!

Ich riss die Augen auf und fischte nach dem Handlauf, aber es war Kendrick, der mich abfing.

»Vorsicht.« Sein Grummeln nahm mir den Rest meiner Fassung und ich klammerte mich einen atemlosen Moment an ihn.

»Liny«, hauchte Sina und legte ihre Hand in meinen Rücken. »Mein Gott, einen Moment dachte ich …«

»Ich glaube«, wisperte ich und schob mich zittrig fort vom Fels meiner Brandung – Kendrick, was für eine merkwürdige Feststellung. Meine Beine trugen mich gerade so, dafür versagte meine Stimme. Ich krächzte. Mein Magen verknotete sich. Meine Wangen brannten, ich spürte es und wandte schnell das Gesicht ab. »Ich bleibe besser oben.«

Sina legte den Arm um meine Mitte, um mich zu stützen. »Ist dir schwindelig? Oh Gott, ich hätte dich nicht überreden dürfen.«

»Ich nehme sie«, bot Kendrick an und schob Sina dabei bereits zur Seite.

Sina wegschicken und mein Abendbrot von ihm servieren lassen – was für eine geniale Idee.

Schockiert von meinem frivolen Gedanken – ich hatte es mir bereits bildlich vorgestellt, wobei ich ihn mit freiem Oberkörper imaginierte – wich ich vor ihm zurück. Ich hob die zittrigen Finger. »Mir geht es gut.« Nein, nicht wirklich, aber es wurde sicherlich nicht besser, wenn ich in Gesellschaft blieb. Ich berührte die Wand, legte die Hand an ihr ab und erdete mich.

»Liny.«

»Mir geht es gut.« Ich packte so viel Energie in diese Worte, wie es nur möglich war und hob auch das Kinn, um sie anzulächeln.

Ablenken, nicht leugnen.

»Es ist mein Rücken und der Schreck.«

Sina seufzte, aber ihre Haltung lockerte sich. Ihre Besorgnis schwand, was mir sehr recht war. Kendricks beständiger Blick war schwer zu ignorieren, deswegen rutschte ich schon mal vorsichtig weiter.

»Ich gehe ins Bett. Gute Nacht.« Ich musste ihn ansehen, weil ein Dank mit abgewendeten Augen außerordentlich unhöflich wäre. »Mr Kendrick, ich muss mich bedanken …«

Ich bekomme es echt nicht hin oder?

Ich schluckte angestrengt und lehnte mich an die Wand in meinem Rücken. Ich atmete ein und verschluckte mich an den nächsten Worten. »Ich wäre gefallen, wenn Sie mich nicht abgefangen hätten. Danke.«

Er hielt meinen Blick. Lange. Bis ich es nicht mehr aushielt und wegsah, dabei schob ich mich schnell weiter und versteckte mich mit klopfendem Herzen hinter meiner Tür, wo ich die Stirn anlehnte und die Augen aufeinander presste. Was war denn los? Mittlerweile erkannte ich mich selbst kaum mehr wieder.

 

***

 

Der Wind zerrte an meinem Schal und schlug ihn mir ins Gesicht. Weit und breit dasselbe Bild. Ich drehte mich im Kreis. Offenbar hatte ich ein ernsthaftes Problem, denn ich hatte die Orientierung verloren. Ich hatte Farquhar am Morgen verlassen und nun verdunkelte sich bereits der Himmel. Irritiert sah ich auf und erschrak. Nicht die Nacht nahte, viel schlimmer! Pechschwarze Wolken zogen auf, türmten sich nahezu auf und wirkten, wie ein waberndes Schreckgespinst, das sich mehr und mehr ausbreitete. Tiefschwarze Schlieren durchzogen das Grau und wurden von grellem Licht durchzuckt. Donner rollte über das Land, hallte wieder, gebrochen an dutzenden Gesteinsformationen und übertönte damit mühelos meinen erschreckten Schrei. Unwetter. Hervorragend. Wieder drehte ich mich, aber jede Richtung wies Gräue und grüne Hügel auf. Gestein und Wiese. Ich erschauerte und schloss die Arme um mich. Landschaftsbilder, wie dumm war ich eigentlich?

Ich könnte auch endlich zugeben, dass ich schlicht weglief!

Ich hatte fürchterlich schlecht geschlafen und verflucht miserabel geträumt. Dann war mir Kendrick bereits vor meinem Zimmer über den Weg gelaufen. Nach dem Frühstück, das in angestrengter Stille über die Bühne ging, hatte ich Mrs Collum befragt. Aber ihre Hinweise waren verwirrend. Ich solle mich an der Küste halten, aber Küste hatte ich den ganzen Tag nicht gesehen.

Ein kalter Tropfen platschte mir ins Gesicht. »Oh, nein!« Ich hatte keine Zeit für Selbstbeschimpfungen und späte Reue. Ich lief los, die nächste Anhöhe vor Augen. Von dort aus musste doch etwas anderes zu sehen sein, als Berg und Wiese!

Pustekuchen. Doch das Panorama war gelinde gesagt atemberaubend. Ja, in jeder Richtung sah es gleich aus, aber das tat meiner Bewunderung keinen Abbruch. Das Land vor mir hatte etwas unglaublich Ursprüngliches, Wildes und doch Bezwingendes an sich. Die Hügel, die Schluchten, das Heidegras – Schafe. Ich lachte auf. Gut möglich, dass ich mir die Wolle nur einbildete, schließlich braute sich ein Unwetter zusammen, da ließ man seine Tiere doch nicht auf dem offenen Feld herumlaufen. Oder? Ich schüttelte den Kopf und ließ meinen Blick weiterwandern, denn ich hatte weder Zeit für Bewunderung, noch für wilde Gedankensprünge.

Herzlichen Glückwunsch, ein Unwetter zieht auf und ich habe keinen Plan, wo ich bin!

Weitere Tropfen klatschten auf mich nieder und bevor ich beschließen konnte, wie es weiterging, stand ich begossen wie ein Pudel da. Ich streckte die Arme von mir und sah in den Himmel. Doch nicht im Ernst! Aber leider hörte der Regenguss nicht auf und keine Sonne legte mich ebenso schnell wieder trocken, wie ich durchnässt worden war. Ich ließ den Kopf hängen. Was blieb schon, als einfach weiterzugehen? Immer geradeaus. Irgendwann träfe ich sicherlich auf eine Straße und dann auch auf ein Dorf. Ich trottete los, was blieb mir auch schon übrig?

Christophs höhnischen Kommentar im Ohr, zog ich die Schultern höher. Ein nörgelnder Pessimist sei ich, hatte er mir vorgeworfen, unfähig die positiven Dinge im Leben zu sehen und zu genießen.

Fast ein Jahr, aber seine Stimme wurde ich wohl so schnell nicht los. Das Positive zu sehen, fiel mir schwer, zugegeben, aber verflixt, was sollte es Positives an dieser Situation geben, wo ich doch allein durch den Regen lief, ohne zu wissen, wo ich war, oder hin musste?

Komm schon, zusammenreißen ist jetzt angesagt, jammern bringt dich nicht weiter, egal ob stumm oder lautstark. Und genau deswegen hast du Chris verloren. Weil du jammerst und lamentierst, anstatt dich zu ändern. Weil niemand ein nörgelnden Pessimisten ausstehen kann. Weil niemand …

Ich stolperte und schaffte es gerade so, auf den Füßen zu bleiben. Mein Herz überschlug sich und ich riss mich zusammen. Jammern brachte nichts. Ich sah mich um, drehte mich um die eigene Achse und konnte nicht fassen, dass sich der Anblick kein bisschen verändert hatte. Lief ich im Kreis?

Hätte ich mal auf Sina gehört und Kendrick um seine Begleitung gebeten.

Ein dummer Gedanke, denn es war undenkbar, Kendrick um irgendetwas zu bitten, oder einen Moment zu viel in seiner Gesellschaft zu verbringen. Allein, weil er mich völlig aus der Bahn warf.

Und Sehnsüchte weckte?

Darüber wollte ich nicht nachdenken.

Weil ich eben ein feiger Jammerlappen bin.

Laut seufzend schob ich meine störenden Gedanken aus dem Fokus. Es war unwichtig und es wäre besser, sich darauf zu konzentrieren, den Weg zurückzufinden.

Der Regen wurde stärker und um mich herum wurde es immer dunkler. Selbst der Horizont war pechschwarz. Oder war es eine Straße? Ich versuchte angestrengt, mehr auszumachen, aber der Starkregen ließ es absolut nicht zu. Ein Blitz durchzog die Schwärze und ein ohrenbetäubendes Krachen ließ mich aufschreien. Gewitter!

Vom Blitz getroffen, das ist doch ein perfektes Ende. Und das Schöne: Niemand wird mich vermissen.

Oh, diese gemeinen, pechschwarzen Gedanken! Sie waren so tief in mir vergraben, dass es schon schmerzte. Ich lief los, auf die Straße zu, keuchte angestrengt und mein Herz schlug laut in meiner Brust. Mist! Warum passierte immer mir so etwas?

Der Boden wurde immer morastiger und ich kämpfte mich nur noch voran, aber immerhin kam ich der Straße immer näher. Der Wind heulte auf, pfiff direkt in mein Ohr, wenn es nicht gerade vor Donner hallte. Plötzlich verlor ich den Kontakt zum Boden. Verblüfft riss ich lediglich die Augen auf.

»Daingead! Bist du taub!«

Ich zuckte zusammen und schrie zugleich auf. Die Stimme war harsch und zunächst erkannte ich sie nicht, also trat ich nach meinem Häscher, der mich fest an sich presste. An einen harten, großen Körper.

»Daingead, halt still!« Sein Atem strich über mein Ohr und in mir machte es Klick. Kendrick!

Langsam wird es peinlich, dass er immer da ist, um mich zu retten oder? Ich sollte mich nun zumindest angemessen bedanken: den Mund halten, umdrehen und küssen.

Klang im ersten Moment durchaus vernünftig, aber leider auch nur im aller ersten.

Schockiert über meine bescheuerte Idee haspelte ich das erste, was mir in den Sinn kam: »Loslassen!«

Er stellte mich ab und ich fuhr herum. Dabei brachte ich Raum zwischen uns, nicht, dass ich nachher noch so übereilt agierte, wie ich quasselte. Sofort wurde ich wieder von den Füßen gerissen.

»Stopp! Herrje, da sind die Klippen!«

Klippen? Mein Herz setzte aus, tja, es folgte meinem Hirn wohl in den Ruhestand, verübeln konnte ich es beiden nicht, bei dem auf und ab und hin und her der letzten Zeit.

»Du läufst in die völlig falsche Richtung. Komm.« Er stellte mich ab und zog mich hinter sich her.

»Hey!« Ich versuchte, mich zu befreien, dann stehen zu bleiben, aber sein Griff war sehr fest. »Hey! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin froh, dass Sie auf mich gestoßen sind, aber Sie brauchen mich nicht wie ein stures Kind hinter sich herzerren. Mr Kendrick. Mr Kendrick! Jetzt lassen Sie mich los, verdammt.«

»Halt die Luft an, Daingead!« Er riss mich zu sich. »Ich bin klatschnass deinetwegen! Also hör jetzt wenigstens auf, herumzuzetern.« Er stapfte weiter.

Ich war zu baff, um zu reagieren und stolperte hinter ihm her. Zumindest, bis er stehen blieb, sich umdrehte und seine Hände an meine Hüfte legte. Feuer schoss durch meine Adern und von jetzt auf gleich schwand meine durch die kalten, nassen Sachen entstandene Gänsehaut. »Hände weg!« Ich schubste ihn, aber er bewegte sich natürlich keinen Zentimeter. Ich zerrte mir nur mein Gelenk, als es gegen seine felsenfeste Brust schlug.

»Fein, dann klettere selbst! Aber beeil dich, ich will aus dem Gewitter raus, bevor noch was passiert«, grollte er und trat zurück.

»Klettern?« Da erst bemerkte ich, dass wir vor einem Gebäude standen. Meine Augen waren wohl nicht die Besten, wenn es dunkel wurde. Er drehte mir den Rücken zu und hangelte sich hoch. Es sah einfach aus, aber als ich es selbst versuchte, zeigte sich, dass dies eine herbe Fehleinschätzung war, denn das war es nicht, ich fand mit meinen rutschigen Turnschuhen keinen Halt an der Holzwand. Er kam neben mir auf dem Boden auf, griff nach mir und stemmte mich hoch. Seine Hände rutschten an meinen Hintern.

»Zieh dich hoch!«

Ich tat es mit zittrigen Armen, rutschte dann über den Boden und fasste ins Leere. Ich schrie auf und landete im nächsten Moment an einer harten Brust.

Wenn das so weiterging, blieb mir nichts anderen übrig, als zu kündigen, oder das Unvermeidbare zu akzeptieren. Offenbar gab es so etwas wie eine kosmische Verbindung zwischen mir und seiner Brust.

»Was?!«

Ich keuchte, noch verwirrt von meinen albernen Gedanken und dem Schrecken. Mein Herz schlug wild in meiner Brust. Vor Angst, sagte ich mir, ganz sicher nicht, weil ich mich daran gewöhnen könnte, an dieser Brust auszuruhen. »Da ist ein Loch im Boden.«

Ein Blitz erhellte den schummrigen Heuschober. »Eine Scheune!« Meine Stimme schwankte verräterisch, aber mein Zittern war wohl offenbarend genug. Seine Hände rieben fest über meinen Rücken, als wüsste er, wie sehr ich mich nach seiner Berührung sehnte. Schnell rutschte ich von ihm fort und stieß gegen einen Heuballen.

»Es ist zu weit nach Farquhar und sonst gibt es hier nichts in unmittelbarer Nähe.« Es klang wie eine Verteidigung.

»Das kann doch nicht sein.« Meine Stimme brach und die Kälte legte sich unerbittlich wieder um meine Knochen. Ich bebte unkontrolliert. »Farquhar muss doch ganz in der Nähe sein!« Und wenn nicht, liefe ich lieber die ganze Nacht hindurch, als hier mit ihm herumzusitzen.

Ganz sicher, schließlich wollte ich eben nicht an seiner Brust kleben, durch sein Haar streichen oder ihm in anderer Weise nahe sein.

»Stellst du mich schon wieder infrage?«

Ich sog den Atem ein. Nahm er es so auf? Herrje, es war ganz gleich, was ich wollte, denn selbst wenn ich Interesse an ihm hätte – wie auch immer geartet – er sah mich als ärgerlichen Störenfried.

»Es ist zu weit. Es wäre unnötig riskant weiterzugehen. Immerhin sind wir aus dem Regen raus und hier relativ sicher.«

Sicher fühlte ich mich nicht. Ich zog die Beine an. Meine Jeans war klatschnass. Ich warf ihm einen Blick zu. Er hockte im wenigen Gegenlicht, das von draußen hereinzuckte, wenn es blitzte, sonst hätte ich ihn wohl nicht ausmachen können. Ob er mehr sehen konnte?

Ich lüftete mein Shirt, das mir am Leib klebte.

»Zieh dich aus.«

»Was?« Feuer rollte über meinen Körper.

Nein! Verdammt, wenn er dachte …

»Du bist nass bis auf die Knochen, du wirst dich erkälten.«

Ich starrte ihn an.

»Hör zu, mir macht das hier auch keinen Spaß! Daingead, du wärst über die Klippen gegangen, wenn ich dich nicht rechtzeitig eingeholt hätte, da kann man doch etwas Freundlichkeit als Gegenleistung erwarten!«

Ich schnaubte. Jetzt wurde er ungerecht. »Die Dankbarkeit, die Sie erwarten …« War ich durchaus bereit zu erweisen. Meine Zähne schlugen aufeinander und ich korrigierte mich innerlich. Nein. Nein. Nein.

»Fein, hol dir den Tod!« Er stand auf, kam mir entgegen, ließ mich sitzen und ging tiefer in die Dunkelheit hinein. Stroh raschelte, es klatschte, dann noch einmal. Oh, Mann, er hatte sich doch wohl nicht ausgezogen? Vor meinem inneren Auge tauchte erneut ein Kendrick mit freiem Oberkörper auf und ich presste die Augen zusammen. Verdammt!

»Sollte es dir zu kalt werden, darfst du dich gerne zu mir gesellen«, knirschte er, dann raschelte wieder Stroh.

Ich ignorierte ihn eine Weile und lauschte dem Sturm über mir. Es schien gar nicht wieder aufhören zu wollen. »Sind wir hier sicher?«, fragte ich nach einer Unendlichkeit, wobei sich das Klappern meiner Zähne nicht unterdrücken ließ. »Wenn der Blitz hier einschlägt?« Das ganze trockene Gras brannte sicherlich wie Zunder.

»Er schlägt nicht ein.«

Ich verbiss mir jegliche Klugscheißerei und lauschte weiter dem Unwetter. Ich zitterte fürchterlich und umarmte mich noch fester. »Hört das auch noch mal auf?«

»Aye.«

»Was bedeutet aye?« Es blieb eine Weile still und ich glaubte schon nicht mehr, überhaupt noch etwas von ihm zu hören, als er mich brummig aufforderte: »Komm her. Ich höre bis hier, wie deine Zähne aufeinanderschlagen. So kann ich nicht schlafen!«

»Pah!« Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Er wollte hier schlafen?

»Der Sturm kann die ganze Nacht dauern. Also komm jetzt her!«

Mein Magen drehte sich. Die ganze Nacht? Ich fror jetzt bereits wahnsinnig, mal abgesehen von meiner Nervosität, die zusätzlich auch noch meine Sinne schärfte. Der Wind rüttelte am Dach und jeder Donnerschlag ließ mich zusammenzucken. Immer wieder erhellte ein Blitz die Nacht und damit die karge Umgebung. Heuballen. Holzwände. Kendrick.

Mir wurde immer kälter. Wenn wir die ganze Nacht blieben … Langsam rappelte ich mich auf und schlurfte zu ihm. »Mir ist kalt. Kann ich mich zu Ihnen legen?«

Und mich an deinem heißen, gestählten Körper drängen bis mein Blut kocht?

Ich biss die Zähne zusammen. Ich begann offenbar, durchzudrehen. War es die Kälte oder die Nähe eines agilen, testosterongetränkten Mannes?

»Zieh dich aus, ich habe nicht vor, wegen deiner Narretei krank zu werden.«

Ich kickte meine Turnschuhe ab, und kämpfte dann mit meiner Jeans, die sich einfach nicht über meine Schenkel schieben ließ.

»O mo chreach!« Im nächsten Moment riss er meine Jeans hinab und ich schwankte und fiel. Auf ihn. »Cac!«, brüllte er und schob mich von sich. »Du bist eiskalt!«

»Ach wirklich?« Ich schlüpfte aus der Hose. »Ich gehe nicht auf Ihr charmantes Angebot ein, weil ich Sie so gut leiden kann, Mr Kendrick.« Mein Shirt machte zumindest weniger Probleme. Ich legte mich hin.

»Du bist echt zum Abgewöhnen, weißt du das!«, knurrte er, als er Heu über mich schob und sich dann nah neben mich legte.

»Weiß ich.« Hörte ich schließlich nicht zum ersten Mal. Trotzdem traf es mich. Gärte in mir und fraß an meinem Inneren. Warum? Was machte ich falsch?

Ich drehte mich weg und wäre gerne von ihm abgerückt. Leider war er verdammt heiß. Er legte den Arm um mich und kuschelte sich an mich. Das war definitiv zu intim für meinen Seelenfrieden – aber es heizte mich auf und das verdammt schnell. Ich musste die Zähne nicht mehr zusammenbeißen, damit sie nicht mehr klapperten und fand es nicht mehr unmöglich, hier einschlafen zu können. Trotz des immer noch tobenden Gewitters.

»Du hättest den Rest auch ausziehen sollen.«

»Nein.« Besser nicht. Ja, es war unangenehm nass, aber ich wollte nicht völlig nackt neben ihm liegen. Es war mir so schon peinlich genug, schließlich kannten wir uns kaum und mochten uns noch weniger.

Er murmelte etwas. »Wenn ich mir eine Blasenentzündung einfange, weil du dein Höschen nicht ausziehen willst …«

Ich drehte mich, damit mein Hintern nicht mehr an seinem Schoß lag. »Problem gelöst.«

Seine Augen funkelten in der Dunkelheit. »Machst du jemandem das Leben schwer?« Bitte? »Gibt es jemanden, der sich dein Gezeter ständig anhören muss?«

Ich muss gestehen, mir fiel das Kinn runter. Das war jetzt echt nicht fair, nein, eher unter der Gürtellinie. Was war er doch für ein Idiot! Das musste ich mir nun wirklich nicht gefallen lassen.

Stopp! Er hält mich warm, also: Mund halten und lächeln.

»Nein. Und? Gibt es jemanden, der sich über dich aufregen muss?« Wenn es mich tatsächlich interessiert hätte, wäre ich schwer enttäuscht worden, denn ich bekam keine Antwort. Noch immer zitternd, obwohl es schon wesentlich besser war, als zuvor, rutschte ich näher an ihn heran.

»Hey!«, murrte er.

»Fein!« Ich zerrte an meinem Schlüpfer und trat ihn ab. »Besser?«

Er ließ mich näher rücken. Ich legte meinen Kopf auf seinem Arm ab, rutschte dann hoch, weil es unbequem war, und stieß dabei gegen seine Brust.

»Cac!« Er schloss die Arme um mich und im ersten Moment erstarrte ich. Er pfriemelte an meinem Büstenhalter und schob ihn dann über meine Arme. »Komm her.« Er zog mich näher an sich. Seine Hand rutschte über meinen Rücken und drückte auch mein Becken näher an seines. Mit einem Mal war mir mehr als heiß. Der Atem stockte mir und mit meiner überraschenden Lust kämpfend, bemerkte ich nicht, dass sie nicht einseitig war.

»Cac!« Mit einem Mal lag ich auf dem Rücken und er auf mir. Ich keuchte, zu mehr fehlte mir die Zeit, denn er presste auch schon seinen Mund auf meinen. Ich riss die Augen auf.

Gleich wird die Scheune in Flammen stehen.

»Liny, dadurch wird uns wenigstens warm.«

Na ja, zumindest konnte ich mir sicher sein, dass es ihm nur um Sex ging. Er rutschte an mir herab, seine Lippen wanderten über meinen Hals, zu meinen Brüsten. Die eine knetete er überraschend sanft, während er die andere liebkoste. Ich starrte in die Dunkelheit. Eingetrocknet, wie Sina befürchtete, war ich offenbar nicht, wohl eher ausgehungert, denn eigentlich wollte ich kein Vorspiel. Eigentlich wollte ich nur seinen harten Schwanz in mir. Schockierend, ich war genauso verdorben wie Sina. Seine Zunge leckte über meine andere Brust und ich biss mir auf die Lippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken.

Ich schlang die Beine um ihn und hob mein Becken an. Er stoppte seine Liebkosung und sah zu mir auf. Ich rutschte tiefer und er verstand wohl, was ich nicht aussprechen wollte. Er kam an mir hoch, drückte seinen Mund auf meinen und stieß hart in mich. Ich stöhnte und es war mir gleich, ob er es merkte. Ich warf den Kopf zurück, klammerte mich an ihn. Mehr! Ich musste nicht bitten. Er stemmte sich auf seine muskulösen Arme und versenkte sich mit raschen, harten Stößen immer wieder in mich, bis ich es kaum mehr aushielt vor Anspannung. Ich schob meine Finger in sein Haar und genoss das samtige Gefühl seines Schopfes. Gar nicht übel und das Kratzen seines Barts an meinen Brüsten war auch nicht übel gewesen, ganz im Gegenteil. Eher verdammt erregend. Ich ließ die Finger abrutschen und streichelte über seinen Nacken, über die endlosen Schultern. Er war gebaut, wie ein Schrank! Ich genoss seine Hitze, biss mir auf die Lippe, um ein Stöhnen zu unterdrücken und allzu deutliche Worte obendrein. Was mir in den Sinn kam, sollte ich keinesfalls aussprechen. Peinliches Gefühlsgedusel, das gar nicht zu dem passte, was zwischen uns war.

Plötzlich hielt er an, drängte sich lediglich noch tiefer in mich und beugte sich herab, um mich zu küssen. Ich verdrehte die Augen. Toller Liebhaber. Sein Atem kam stoßweise und ich spürte seinen Herzschlag an meiner Brust. Ich schloss die Augen. Er hatte recht, zumindest war mir nun warm. Ich grinste.

Nicht warm, verdammt, es fehlte nicht viel und ich hätte die Scheune mit meinem Lustschrei zum Einstürzen gebracht.

Das Kichern erstickte ich an seiner Brust, als ich mich enger an ihn kuschelte und die Augen schloss.

 

***

 

Ein behagliches Seufzen verließ meine Lippen, als ich von feuchten Küssen geweckt wurde, die sich auf meinem Hals verteilten. Eine Hand schloss sich sacht um meine Brust und der Daumen rieb über dessen Spitze. Ich biss mir auf die Lippe und legte meine Hand auf seine. Sein Kuss stoppte und er drängte sich an meinen Po, was mich wieder seufzen ließ. Ich war ein Morgensexmuffel. Eigentlich. Aber als seine Hand meine Brust verließ und tiefer rutschte, hielt ich den Atem an. Oh, ja!

Ich gab ihm Platz zwischen meinen Schenkeln und stöhnte leise, weil sich seine Finger kundig an mir zu schaffen machten.

»Gut so?«, murmelte er und biss sacht in mein Ohr. Dass ich erschauerte, war wohl Antwort genug, denn er drängte sich fester an meinen Po. Er rieb sich an mir, liebkoste dabei meinen Hals. Er war ein wenig zu schnell und auch etwas zu fest, aber da wollte ich nicht murren. Schon gar nicht, da seine Berührung ihre Wirkung zeigte. Seine sanfte, reibende Berührung. Ich drängte mich an seinen Schoß, wollte ihn spüren, tief in mir. Er schob sein Knie zwischen meine Beine und hob eines an. Ich ließ es an seinem Hintern abgleiten und sah zu ihm zurück. Er küsste mich sofort und gleichzeitig erfüllte er meinen stillen Wunsch; er füllte mich vollständig aus.

Ich stöhnte und hob den Arm, um meine Finger in seinen Schopf zu graben. Ich drückte meinen Rücken durch, um ihn noch tiefer in mir zu spüren. Seine festen Stöße trieben mir den Atem aus. Noch immer rieben seine Finger über meine Klitoris, veränderten ihren Rhythmus und sorgten für ein wahnsinniges Gefühl. Es war, als zögen sich kleine Wellen durch meinen Schoß. Ich begann zu zittern und entriss ihm meine Lippen. Keuchte atemlos. Schweiß kühlte meinen Körper, aus den Wellen wurde ein reißender Fluss und ich schrie auf. Gott! Ich schnappte recht erschreckt nach Atem. Hörte ihn ebenfalls aufstöhnen und spürte, wie sich seine Finger in meine Hüfte gruben. Verdammt. Ich blinzelte, aber eigentlich kannte ich die Antwort auf meine geheime Frage bereits. Ich wusste, wo ich war, schließlich piksten mich dutzende Strohhalme. Seine Lippen drückten sich auf meinen Hals.

»Der Sturm ist vorüber«, murmelte er. Noch nicht ganz. Nach einem weiteren Kuss, dieses Mal auf meine Schulter, löste er sich von mir.

Schnell schloss ich die Augen, weil ich dringend noch einen Moment brauchte, um mich zu fangen.

Klar, er war nahe dran, mir die Besinnung zu rauben, ich bleib besser liegen und fordere ihn auf, zurückzukommen. Ich sag ihm, dass ich mehr will und am besten auch gleich, was er tun soll, damit die Luft Feuer fängt.

Ich riss die Augen auf und starrte angespannt an den Giebel. Warum hatte ich nur immer diese bescheuerten Ideen? Wir hatten Sex, es war ganz nett, aber mehr brauchte ich davon doch wirklich nicht. Ich hatte auch gar keine Zeit. Arbeit wartete, Unmengen davon. Die Ablenkung war nett, aber zeitraubend.

»Deine Hose ist noch nass.«

Ich rappelte mich auf und entriss ihm meine Jeans. Sie war tatsächlich noch klitschnass. Zu ändern war es nicht, also zog ich sie über meinen trockenen Slip und fischte dann nach meinem Oberteil. Nachdem ich meinen BH und das Shirt übergestreift hatte, sah ich mich um. Es war nicht viel Platz neben den Heuballen, lediglich ein schmaler Streifen, dann ging es nach unten. Mein Herz, das sich gerade etwas beruhigt hatte, schlug wieder schneller.

»Kommst du?«

»Ja.« Ich behielt den Blick auf die Ballen gerichtet und schrappte auch nah an ihnen vorbei. Er schwang sich aus der schmalen Öffnung und ich trat wieder einen Schritt zurück. Oh!

»Komm, ich helfe dir runter.«

Ich hielt angestrengt die Tränen zurück.

»Liny?«

»Ich komme.« Meine Stimme schwankte und ich ging in die Knie.

»Spring, ich fange dich auf.«

Sicher nicht! Ich wagte einen Blick hinab. Oh, verdammt.

»Liny? Alles in Ordnung?«

Was blieb mir schon übrig?

»Gibt es keinen anderen Weg?«

»Nay. Komm schon. Wir wollen beide ins Warme oder?«

»Wenn ich wieder falle«, rief ich zittrig. Ich hatte schlicht Glück gehabt, dass mir beim Sturz von der Gartenmauer nichts Schlimmeres passiert war. Trotzdem hatte man mir zur Vorsicht geraten. Ich sollte einige Zeit keinen Sport treiben. Aus Scheunen zu springen, hielt ich schon für sportlich.

»Ich fange dich auf.«

Oh, Mann! Ich schwang die Beine über den Rand und richtete meinen Blick in die Ferne. Oh, mein Gott!

»Ich bin bereit!«

Ich nicht. Ich atmete tief durch.

»Nun komm!«

Ich stieß mich ab. Und landete in seinen Armen.

»Hab dich.« Langsam stellte er mich ab. Seine Augen bohrten sich in meine und es war, als dehnte sich der Moment, dann ließ er mich los und wandte sich ab. »Es ist ein Stück.«

Ich senkte den Blick, zittrig und völlig durch den Wind. Okay, die Situation überforderte mich offenbar. Ich hatte die Nacht mit einem Mann verbracht, den ich nicht leiden konnte und obwohl er mich ebenso wenig mochte, hatten wir Sex gehabt. Abhaken. Es war passiert und zumindest konnte ich Sina beruhigen. Ich hatte nichts verlernt, war voll einsatzfähig, auch wenn ich mich gerade redlich bemüht hatte, meinen schlechten Eindruck wieder wett zu machen. Ich verdrehte die Augen und fing seinen Blick auf.

Hatte er mich die ganze Zeit über beobachtet? Was hatte er gesehen? Hatte ich dumm aus der Wäsche geschaut? Verärgert, angeekelt, verächtlich, unwirsch?

Ich unterdrückte gerade so ein Stöhnen. Es hatte sich nichts geändert. Wir hatten nicht plötzlich unsere Sympathie füreinander entdeckt, offensichtlich war die Nacht für uns beide ein ziemlicher Fehler gewesen.

»Können wir?«

Ich nickte und tapste los. »Wie weit?« Meine Stimme klang wie ein Reibeisen.

»Ziemlich weit.«

Merkte er, dass er nichts sagte? Ich presste die Lippen aufeinander. Keine Information verließ jemals diesen Mund und genau das war es, was ich an ihm nicht mochte.

 

***

 

Äußerst zufrieden trat ich in das Kontor. Kendrick sah auf und runzelte die Stirn. Ich ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich habe eine E-Mail bekommen, die ich ausdrucken müsste.« Ich versuchte, nicht zu grinsen. Gleich. Nur noch wenige Minuten! Freude kribbelte in meinem Magen. Es war daneben und sorgte sicherlich nicht für eine bessere Verständigung zwischen uns, aber wenn das die letzte Nacht nicht geändert hatte, war ohnehin Hopfen und Malz verloren.

»Natürlich.«

Ich kam zu seinem Schreibtisch und stellte meinen Laptop ab. »WiFi?« Ich ließ meinen Computer nach Druckern suchen. Es dauerte einen Moment, aber dann konnte ich frech lächeln. Ich hatte gewonnen, aber das wusste er natürlich noch nicht.

Er runzelte die Stirn. »Hast du gut geschlafen?«

»Nein, ich habe gearbeitet.« Ich reichte ihm den Ausdruck. »Ich hole meine Kamera.«

Er nahm den Zettel und man sah ihm an, dass er mir nicht ganz folgen konnte.

Ich deutete auf die E-Mail. »Die Anordnung der Braut, mich in den Garten zu lassen!« Während mein Grinsen wuchs, verlor er sichtlich seine Fassung.

»Ich hole meine Kamera.« Ich ließ ihn stehen und tanzte fast aus dem Kontor. Als ich zurückkam, genügte ein Blick auf ihn, um zu wissen, dass er mir gerne den Hals umdrehen würde. »Können wir?«

»Sie kann dir die Erlaubnis nicht geben, es ist nicht ihr Anwesen!«

»So? Wird es aber bald sein oder?«, stellte ich schnippisch fest. »Jetzt lass mich in den Garten!« Ich hatte nicht vor, mir meinen Sieg nehmen zu lassen. Herrje, ich fühlte mich ihm dermaßen verpflichtet, dass ich im ersten Moment, nachdem ich die Mail bekommen hatte, diese nicht hatte verwenden wollen. Das ging nicht. Meine Arbeit kam an erster Stelle und ich musste in diesen Garten, ganz gleich, was er davon hielt.

Sein Blick lag unverrückbar auf mir. Er klopfte mit Zeige- und Mittelfinger auf den Tisch und zog dann mit einem Ruck die Schublade auf. »Ich lasse dich rein.«

Natürlich, schließlich stand sein Job auf dem Spiel. Er stampfte hinter mir her. Wir nahmen den Küchenausgang und waren im Nu vor dem versperrten Törchen. Ich hätte trällern mögen, verkniff es mir aber gerade noch. Er wusste, dass ich gewonnen hatte. Das reichte. Ich musste ihn nicht auch noch damit demütigen. Meine Augen glitten fröhlich über ihn und stoppten bei seiner Hand, als er den Schlüssel wieder abzog. Ich runzelte die Stirn und streckte die Finger aus.

»Zeig mal.« Er zögerte, überließ mir dann aber den Schlüssel. Ich hob ihn an und das warme Licht der Nachmittagssonne brach sich auf dem Messing. Der Bart und der Kopf waren in Herzform geschwungen. »Kennst du die Geschichte von Farquhar?« Das konnte durchaus interessant werden. Vielleicht eine Geschichte für meinen Blog.

»Aye.« Knapp, fast rüde. Ich sah auf und er nahm mir den Schlüssel wieder ab. »Bitte.« Er deutete in den Garten.

»Was bedeutet aye? Ja oder nein?«

Er ließ mich stehen. Nett, wie immer.

Ich folgte ihm seufzend. »Ja, nein, oder so etwas wie ist mir doch egal

Er blieb verstockt. Ein schlechter Verlierer. Nun, es war ja nicht so, als wolle ich mich mit ihm unterhalten! Ich sah mich um und hob meine Kamera an. Eine Kakophonie an Farben und Düften. Ich atmete tief ein und schloss kurz die Augen. Okay, Romantik. Kitsch. Ich hob die Lider. Rosen. Immens romantisch. Ich ging in die Knie und machte ein paar Aufnahmen von dem Busch vor mir. Weiße Rosen, ideal für eine Hochzeit. Die Dornen fand ich interessant und zoomte sie näher heran. Ich sah auf und ließ meinen Blick schweifen. Wild und ursprünglich und dabei filigran und schön. Damit konnte ich arbeiten. Ich lächelte zufrieden. Das bekam ich hin, auch wenn gerade mal eine Woche übrig war und ich bisher praktisch nichts hatte.

»Wenn du mir den Schlüssel da lässt, schließe ich nachher ab.«

»Nay, ich bleibe.«

Ich ließ die Kamera sinken und drehte mich zu ihm um. Wieder lagen seine Augen mit diesem undurchsichtigen Ausdruck auf mir. Oder immer noch?

»Warum?« Keine Antwort, aber das war ich von ihm ja gewöhnt. Ich schüttelte den Kopf und wandte mich ab, schließlich war es Zeitverschwendung, mich mit ihm herumzuärgern. Endlich hatte ich die Gelegenheit, einen echten Fortschritt zu machen und den hatte ich verflixt nötig. So ganz loslassen konnte ich trotzdem nicht, nach einigen Aufnahmen, bei denen er mich mit Argusaugen beobachtete, nahm ich den Faden wieder auf. »Warum bleibst du? Hast du nichts Besseres zu tun?« Schön, wieder einmal nicht sonderlich diplomatisch, freundlich oder auch nur versöhnlich. So wurde das garantiert nichts mit uns beiden. Ich rief mich sogleich zur Ordnung. Ausrutscher. Zug abgefahren. Keine Zeit. Ich betete mir weitere Punkte vor, warum es aussichtslos war und wurde immer miesepetriger. Am Ende war es mir wieder einmal egal, was er von mir hielt. Ich wollte ihn ja nicht heiraten. »Also schön. Ich muss hier rein. Ich brauche hübsche Fotos und ich tue alles, um meinen Job gut zu machen. Es ist mir egal, ob dir das gefällt. Wenn du hierbleiben willst, fein, aber steh mir bitte nicht im Weg und hör auf mich so anzustarren. Das macht mich nervös.«

Klare Verhältnisse waren doch immer eine gute Voraussetzung oder?

»Alles«, murmelte er und sein Blick wurde noch schneidender.

Vergeblich, das sollte ich langsam einsehen. Worte gleich welcher Art, waren bei ihm absolut verlorene Liebesmüh. Ich starrte ihn an. Was auch immer da zwischen uns passiert war, es hatte sicherlich keine positiven Gefühle zur Ursache gehabt, sonst wäre da doch etwas Nachsicht. Verständnis vielleicht und nicht bloß Ärger über meinen Sieg.

Hm, vielleicht, wenn ich ihm einen heißen Dank verspreche? Heute Nacht, wie er wollte, wo er wollte, was immer er wollte?

Ich blieb wohl ein hoffnungsloser Fall.

Kapitel 3

Wie du mir, so ich dir?

Sina parkte vor dem Haus. Es war bereits recht spät und wir kamen gerade von unserer Halbzeitparty zurück. Sie war der Meinung gewesen, wir bräuchten mal frische Luft. Obwohl ich nicht ihrer Meinung war, hatte ich nicht widersprochen und war froh drum. Es war ein ausgelassener Abend gewesen. Ich stieg aus und schlug die Tür zu. Am Himmel strahlten die Sterne und eine leichte Brise bewegte mein Haar. Es frischte deutlich auf. Es streichelte meine erhitzten Wangen und ich streckte grinsend die Nase in den Wind. Was für ein genialer Tag! »Ich gehe noch etwas spazieren.«

Sina schnaubte. »Du? Alles klar, wer ist es?«

»Niemand«, korrigierte ich ernst. »Ich möchte einfach nur etwas länger an der frischen Luft bleiben.« Es zog mich sicherlich nichts in meine enge Kammer unter dem Dach. »Mir ist nach einem Spaziergang.« Unter den Sternen, den sanften Hauch der Brise im Gesicht und dem frischen Geruch der Natur in der Nase.

»Wer ist es?«, beharrte Sina trocken. »Der dich so zum Lächeln bringt?«

Es rutschte mir augenblicklich aus dem Gesicht. »Niemand!«

»Du hast gesagt, du hättest Bilder vom Garten gemacht. Kendrick? Hast du deine weiblichen Waffen gewinnbringend eingesetzt?« Sie lachte auf. »Na, wird auch Zeit!«

»Nein! Ich habe die Aufforderung der Braut vorgelegt, mich reinzulassen. Er kann mich mit Sicherheit genauso wenig ausstehen, wie ich ihn!« Und da war ich mir absolut sicher. Ich atmete tief durch. »Ob du es glauben willst, oder nicht, ich möchte tatsächlich nur etwas frische Luft schnappen. Sollte mir ein Mann über den Weg laufen, trete ich ihm in die Eier!«

Sina lachte auf. »Das traue ich dir sogar zu. Also gut! Genieß deinen Spaziergang. Gute Nacht!«

»Gute Nacht.« Ich sah ihr noch nach, bis sie das Haus betrat, dann ließ ich den Blick abwandern. Also spazieren. Mein letzter Spaziergang war nicht allzu gut verlaufen, ich blieb also besser in der Nähe. Ich schlenderte los, den Blick in den Himmel gerichtet. Meine Füße trugen mich an die Mauer des geheimen Gärtchens und ich streckte die Hand nach dem Efeu aus. Es beflügelte mich. Ich kostete meinen Triumph erneut aus, und meine Haut begann zu kribbeln.

Ich hatte mir Zeit gelassen, war in aller Ruhe das Gärtchen abgeschritten und hatte nach Motiven gesucht. Kendrick war mir gefolgt. Auf Schritt und Tritt. Er hatte mich nicht aus den Augen gelassen. Zuerst war es unangenehm gewesen, aber mit der Zeit hatte ich mich daran gewöhnt. Ich hatte ihn ignoriert und geknipst, bis es dunkel wurde. Dabei waren unglaublich hübsche Fotos entstanden. Material, das mich inspiriert hatte und nicht nur meiner Laune einen Schubs gegeben hatte, sondern auch meinem Selbstwertgefühl.

Befreit kichernd drehte mich im Kreis. Immer schneller, bis mir schwindelte, dann ließ ich mich zu Boden fallen. Ich betrachtete zufrieden den Sternenhimmel. Dass mich ein paar hübsche Schnappschüsse so zufrieden machen konnten, hätte ich auch nicht gedacht. Oder lag es daran, dass ich es Kendrick so richtig gezeigt hatte? Sprach nicht für mich. Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Zumindest ließ ich mich nicht mehr benutzen. Ich war nicht mehr der Fußabtreter und die Dumme. Meine Freude verflog und Tränen trübten meinen Blick. Stattdessen war ich die unausstehliche Ziege, die keinen abbekam und sich von Mistkerlen flachlegen ließ?

War ich jetzt wieder ungerecht? Herrje, natürlich nahm er es mir übel, dass ich ihn übergangen hatte. Verständlich. Wer wäre nicht ärgerlich gewesen, und dass er nicht viel redete, war doch in Ordnung. Angenehm, auch wenn seine Stimme einen Klang hatte, der mir bis unter die Haut drang. Selbst sein Grollen und Murren hatte eine merkwürdige Wirkung auf mich.

Ich setzte mich auf, irritiert, in welche Richtung meine Gedanken schon wieder abdrifteten und kam fahrig auf die Füße, um weiterzugehen. Eigentlich war mir die Lust am Spaziergang bereits vergangen, aber ich wollte noch immer nicht wieder in meine kleine Zelle zurück. Obwohl ich arbeiten müsste. Ein Konzept ausarbeiten mit den Impressionen, die ich gesammelt hatte. Gedankenverloren lief ich weiter, ohne auf die Umgebung zu achten. Das rächte sich. Ich verlor den Halt, rutschte ab und fiel. Ich drehte mich gerade noch, um nicht mit voller Wucht auf meinem Gesäß zu landen und rutschte weiter. Ich schrie auf. Gleich noch einmal, weil ich im eisigen Wasser landete. Es war nicht tief, ich konnte mich mühelos aufrichten und doch war ich einmal mehr von Kopf bis Fuß durchnässt. »Mist!«

Ich schlug auf die Oberfläche, was kalte Tropfen in mein Gesicht platschen ließ und mich zur Besinnung brachte. »Verdammt!« Immerhin war ich allein und in unmittelbarer Nähe zu einer heißen Dusche. Ich rappelte mich auf. Mein linker Schuh war weg und ließ sich trotz Suche nicht entdecken. »Mann!« Ich kämpfte mich die Uferböschung hinauf. Meine einzigen Pumps. Hadernd stampfte ich barfuß zurück zum riesigen Gebäude, indem noch einige Fenster im Untergeschoss erleuchtet waren, ansonsten wirkte es bedrohlich dunkel. Ich blieb auf dem Rasen, tapste über die spitzen Kieselsteine, als ich den Weg kreuzen musste und erreichte endlich die Eingangstür. Dort riss ich an der Klinke und nichts tat sich. »Oh, nein.« Nicht schon wieder! Ich suchte nach dem Klopfer, aber der Klang verhallte wirkungslos. Auch auf mein Klingeln reagierte niemand, aber das wunderte mich wiederum nicht. Mrs Collum hatte uns bereits bei unserer Ankunft darauf hingewiesen, dass die Schelle nur im Gesindetrakt zu hören sei. Also in der Küche und den Wirtschaftsräumen, die in der Nacht selbstredend verlassen waren. Die erleuchteten Fenster kamen mir in den Sinn. Jemand war also noch auf!

Schnell umrundete ich das Anwesen, froh, dass es von Rasen umgeben war, und klopfte an eines der Fenster. Man konnte gerade so hereinsehen. Die Bibliothek, in der ich auch einige Bilder geschossen hatte. Das Fenster öffnete sich und ich sah in kristallblaue Augen in einem sich verdüsterndem Gesicht. Er war noch sauer, keine Frage und um eine Entschuldigung kam ich nicht herum.

»Die Tür ist verschlossen«, stellte ich schnell fest. »Lass mich bitte rein.«

»Nay.« Er wendete sich ab.

»Warte«, rief ich ihm nach. »Es tut mir leid. Bitte, lass mich rein.«

»Schreib doch an deine Auftraggeberin, sie solle mich dazu auffordern.«

Der Mund klappte mir von allein zu, so überrascht war ich von seiner Absage. Dabei hatte ich es ja gewusst, dass es böses Blut gäbe, wenn ich ich überginge. Aber mir war doch kaum etwas anderes übrig geblieben. Es war nicht fair, dass er es mir so heimzahlte, dennoch zermarterte ich mein Hirn darüber, was ich sonst sagen konnte, damit … Stopp! Das Fenster war auf und lag ungefähr auf einer Höhe von hundertfünfzig Zentimetern. Das war doch machbar. Ich brauchte seine Hilfe gar nicht! Ich zog mich am Geländer hoch. Meine nackten Zehen schrappten über die raue Mauer, aber ich biss die Zähne aufeinander. Ich konnte das!

Ich zog mich keuchend hoch, purzelte über den Rahmen und landete genau vor seinen Füßen. Er sah auf mich herab, hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ich es ohne ihn ins Haus schaffte.

»Vielen Dank für die Hilfe, Mr Kendrick. Es ist immer wieder nett, auf Sie zu treffen.« Man hörte mir meinen triefenden Sarkasmus deutlich an. Ich strich mir eine feuchte Strähne von der Wange.

Zeig ihm, was er sich versagt, wenn er sich wie ein Idiot aufführt. Steh grazil auf, streichle wie zufällig über den Leib, streck dabei die Brust vor und wirf ihm einen lasziven Blick zu. Soll er doch mal die Nacht mit der Vorstellung meines Körpers verbringen.

Ich rappelte mich auf, alles andere als sexy, und streckte die Schultern, als ich endlich stand.

Sein Blick wanderte enervierend langsam an mir herab. Was zum Geier sollte das? Wollte er, dass ich mich klein fühlte unter seiner Musterung? Sollte ich mich fragen, was er dachte? Warum dieser Blick, der jeden Zentimeter meines Körpers förmlich abzutasten trachtete.

»Du bist ganz nass.«

»Ach?« Ich konnte nicht widerstehen, zog meine Bluse glatt und hob das Kinn, um zu ihm aufzusehen. Er war schon fast beängstigend groß.

Seine Augen verengten sich. »Bist du wieder über die Mauer geklettert?« Seine Lippen pressten sich aufeinander und seine Brauen zogen sich zusammen. »Hast du dich verletzt?«

Ich korrigierte mich, er war nicht fast beängstigend, sondern definitiv beängstigend, dumm nur, dass ich ziemlich allergisch auf Dominanz reagierte. »Geht dich kaum was an!« Ich versuchte, ihn zu umrunden, landete aber an seiner Brust. Mein Fluch wurde von seinem Mund abgefangen und ich erstarrte überrascht. Die Dynamik zwischen uns war mir gelinde gesagt unverständlich. Er war wütend auf mich, was ich nachvollziehen konnte. Ich war ziemlich arrogant mit ihm umgesprungen, warum schwang das Pendel dann immer ins andere Extrem aus?

»Cac, du bist schon wieder eiskalt!«, murmelte er an meinem Mund, ohne den Kuss dafür zu unterbrechen.

Vielleicht meine Haut, mein Innerstes sicher nicht. Seine großen Hände rieben über meinen Rücken und wanderten zu meinen Oberarmen, dort stoppten sie für einen langen Moment. Es war, als hielte er mich schlicht.

Ein Schauder rollte über meinen Nacken und weiter hinab. »Lass das«, murmelte ich, nicht sicher, ob ich tatsächlich wollte, dass er aufhörte. Ich wollte mich nicht schon wieder benutzen lassen. Das sprach dagegen. Dass meine Haut trotz der Kühle angenehm zu prickeln begann, jedoch dafür.

Er knöpfte meine Bluse auf. Sein heißer Mund legte sich wieder auf meinen und sein Kuss war alles andere als missverständlich.

Ich erschauerte in seiner Umarmung und schloss die Augen. Dabei wurde mir wenigstens warm.

Ich schlang die Arme um seinen Hals und presste mich an ihn. Okay, vielleicht war ich scharf auf ihn.

Er drängte mich zurück gegen die Wand neben dem Fenster, durch das ich hereingeklettert war. Er hob mich an und schlang mein Bein um sich. Das andere ließ ich ohne Aufforderung folgen. Er schob mich noch etwas höher, damit er mehr von mir küssen konnte, als nur mein Gesicht. Seine Lippen wanderten über mein Dekolleté hinunter in das Tal meiner Brüste. Er zog meinen BH nach unten, um die Spitze meiner rechten Brust in den Mund zu nehmen.

Ich biss mir auf die Lippe, als er sacht an mir sog und konnte meinem Stöhnen doch nicht Einhalt gebieten.

Er brach ab und sah mich an. Seine Augen funkelten und sein Grinsen sagte deutlich, dass er sich nun als Gewinner sah.

Weit gefehlt, ich benutzte ihn nur. Ich schloss die Augen und presste meinen Mund auf seinen, musste aufhören zu denken, sonst wurde das hier nichts.

Zumindest darin waren wir uns einig, denn Kendrick erhöhte das Tempo. Aus seinen zärtlichen Küssen und Berührungen wurde Leidenschaft. Er drängte sich hart an mich, rieb sich an meinem Schoß, während er seine Hände an meinen Po legte und meinen Slip lüftete. Seine Finger glitten über meinen After und weckten ein süßes Prickeln.

»Ich will dich spüren.«

Er unterbrach erneut und sah mich an. »Jetzt schon?«

Ich nickte.

»Okay.« Er stellte mich ab, um sich die Hose zu öffnen, und zog mich dann zu sich, um mich zu küssen. Dann drehte er mich und umarmte mich. Seine Lippen wanderten über meinen Nacken, seine Finger in meinen Schoß. Ich rieb meinen Po an ihm. Eine Aufforderung, die er wohl verstand. Er stöhnte und änderte seinen Halt, um in mich zu stoßen. Dann bewegte er sich nur leicht in mir, während er mich reizte. An meinem Hals mit seinen zärtlichen Lippen und in meinem Schoß mit seinen Fingern.

Ich bog mich ihm entgegen, wollte mehr von ihm spüren. Ihn noch tiefer in mir. Ich schloss die Augen, um unsere Reflexion in der Scheibe nicht mehr zu sehen. Ich war sonst eher nicht über das Standartprogramm hinausgegangen, wollte Innigkeit, Zärtlichkeit und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber das hier war besser. Es war etwas, was den Moment unbedeutend machte. Ihn. Mich. Wichtig war einzig, die Hitze, die mich durchfloss.

Er stöhnte und zog mich hoch. Sein Arm schlang sich um meine Mitte und mit der anderen drehte er mein Gesicht, um mich zu küssen. Oh nein!

»Noch nicht«, keuchte ich. »Noch einen Moment.«

»Tut mir leid«, knirschte er und versteifte sich hinter mir. »Tut mir leid.«

Ich fluchte innerlich. Das war’s dann wohl. Er löste sich von mir und ich streckte die Hand aus, um mich wieder an der Wand abzustützen. Denn obwohl ich nicht gekommen war, waren meine Knie ziemlich zittrig. Er drehte mich und drängte mich wieder an die Wand. Seine Hände wanderten über meine Schenkel und legten sich besitzergreifend an meinen Po. Dann hob er mich auf und zwängte sich zwischen meine Beine, um sich wieder in mir zu versenken. Dabei küsste er mich zart, spielerisch. Fast schon neckisch. Vielleicht sollte ich klarstellen, dass er nicht gewonnen hatte. Seine Zufriedenheit war wirklich enervierend!

»Geht es dir gut?«

Wollte er jetzt hören, dass ich ihn für einen tollen Liebhaber hielt? Ha! »Nein.«

Sein Körper versteifte sich und er lehnte sich etwas zurück, um mich besser ansehen zu können. »Hast du Schmerzen?«

Ich verdrehte die Augen und schob kräftig. »Lass mich runter.«

»Du bist gefallen? Hast du dich dabei verletzt?« Er stellte mich ab und ich ließ ihn stehen. Auf dem Weg zur Tür versuchte ich, mein Hemd zuzuknöpfen.

»Moment, wo willst du hin?«, hielt er mich zurück und fing meinen Arm ein.

»Ins Bett. Du hast dein Feuer doch schließlich bereits verschossen.« Ich wollte meinen Arm befreien und stockte bei seinen Worten.

»Nein habe ich nicht.«

Steckte ein Versprechen darin?

Ich biss mir auf die Lippe. Wollte ich das? Mein Körper wollte, daran bestand keine Frage. Ich wollte mehr. Ich wollte, dass er mich auch noch über den letzten Rand schubste. Ich wollte eine verdammt heiße und verdammt erfüllende Nacht erleben.

Er zog mich zu sich. Seine Augen wanderten langsam über mein Gesicht. »Sagst du mir, ob du dich verletzt hast bei deinem unnötigen Versuch, über die Mauer zu klettern?«

»Ich war nicht im Garten«, knirschte ich. »Nur spazieren. Ich bin abgerutscht und im Bach gelandet.«

Er nickte und beugte sich vor, um mich zu küssen. »Ich bin dir etwas schuldig.«

Da wollte ich nicht widersprechen.

»Gib mir die Gelegenheit«, wisperte er an meinen Lippen, »mich zu revanchieren.«

 

***

 

Ich drehte mich in der losen Umarmung und kuschelte mich an den heißen Körper neben mir. Dabei seufzte ich leise. Es war behaglich warm, aber auch recht unbequem. Ich blinzelte und bemerkte meinen Fehler. Kein Traum und auch kein Sprung zurück in die Vergangenheit. Ganz im Gegenteil. Eine große Hand rutschte über meinen Rücken und legte sich in mein Kreuz, um mich fester an sich zu drücken. Kendrick. Ich runzelte die Stirn. Ich kannte nicht einmal seinen Namen. Sollte ich fragen? Ich kaute auf meiner Zunge herum.

»Hey«, raunte er und schickte mir damit einen Schauer über den Rücken.

»Oh, Mann.«

Er lachte sinnlich. »Du warst auch nicht übel.«

Er glaubte doch nicht … Ich schnaubte schnell. »Bei der Bilanz der Nacht, war ich spitze und du mittelmäßig.«

Dieses Mal lachte er kräftiger und es schüttelte mich regelrecht, da ich an seiner Brust klebte. Ich versuchte, mich zu lösen, aber er rollte mich einfach herum und begrub mich unter sich.

Er streichelte meine Wange und beugte sich vor, um mich zu küssen. »Du warst spitze«, murmelte er. »Kein Problem damit, das zuzugeben.«

Das Kompliment machte mich sprachlos. Ich hatte eigentlich mit Widerspruch gerechnet, mit den üblichen Rüpeleien. Nicht mit Küssen und süßen Worten. Was hatte der Umschwung zu bedeuten? Schließlich hatte er mich erst vor wenigen Stunden nicht ins Haus lassen wollen. Ich drückte gegen seine Brust. »Hey?«

»Es ist früher Morgen«, raunte er an meinen Lippen und fuhr seelenruhig fort, mich zu küssen.

Okay, ich musste deutlicher werden. Ich drehte den Kopf weg. »Das reicht jetzt. Es wartet jede Menge Arbeit auf mich.«

Er sackte etwas auf mich ab, stöhnte und umschloss mich fest. »Also, was steht an?« Sein Bart kratzte über meinen Hals, dann legten sich seine Lippen darauf und liebkosten ihn. »Weitere Stunden Grünzeug fotografieren?«

Ich bohrte meine Nägel in seine Schultern. Geringschätzung, na wie nett und dies, während er an mir herummachte. Ich schob ihn weg.

Er richtete sich grummelnd auf, blieb vor mir knien und sah an mir herab. Ein Grinsen legte sich auf seine Lippen. »Eine Stunde wird doch nicht ernsthaft einen Unterschied machen, oder?«

Recht hat er. Fangen wir den Tag doch entspannt an. Mit einer heißen Episode.

Um noch mehr Schürfwunden und blaue Flecken zu sammeln? Ich hatte schon bessere Ideen gehabt. Der Kamin war lange runtergebrannt und der Raum recht kühl, weshalb ich fröstelte und nach meiner Bluse sucht. Dabei schüttelte ich innerlich, über mich selbst erstaunt, den Kopf. In der Bibliothek! Auf dem Fußboden! Na ja und dem Schreibtisch, am Fenster und dem Sessel, über dem mein BH hing.

»Was wirst du tun?«

Ich sah über die Schulter zurück. Er stand schlicht im Raum und sah mir zu, wie ich meine Sachen zusammensuchte. Nackt, selbstredend. »Meinen Job.«

Er kam zu mir und blieb direkt vor mir stehen, während ich meine Knöpfe schloss. »Hast du genug Bilder?«

»Die kann ich nicht benutzen. Ich muss definitiv noch einmal in den Garten und mein Equipment mitnehmen.«

»Wann?«

»Du kannst mir den Schlüssel geben. Ich brauche Ruhe bei der Arbeit.« Das gefiel ihm nicht. »Es ist ein Garten, keine Ruhestätte oder Ort der Einkehr.«

»Es ist mehr als nur ein Garten, Liny.«

Ich sah zu ihm auf. Was sollte das wieder? Und: Wie sollte ich darauf reagieren?

»Also gut. Was macht den Garten so besonders, dass man ihn vor den Augen der breiten Öffentlichkeit verstecken müsste?« Ich gratulierte mir im Stillen. Mein Ton war ruhig, wenn schon nicht freundlich. Sachlich. Ich war zufrieden mit mir. Das war vermutlich das freundlichste Gespräch, das wir zwei je geführt hatten und ich hielt mich doch sehr gut.

»Es ist ein bedeutender Ort für die Familie McDermitt.«

Ich erwartete eine Erklärung, aber die blieb einmal mehr aus. Das war frustrierend. Sollte ich nachfragen?

»McDermitt«, griff ich auf und bereute es.

Er presste die Lippen aufeinander. »Ja.« Er klang grimmig.

Warum? Was hatte ich jetzt schon wieder falsch gemacht? Ich war doch freundlich. Und ruhig. Kein bisschen zickig. Obwohl ich zunehmend aufgebrachter wurde. »Deine Arbeitgeber?« Was zu vermuten war. Ich runzelte die Stirn. McDermitt sagte mir gar nichts und soweit ich mich entsann, war Farquhar im Besitz irgendeines schottischen Adligen. Ich hatte die Informationen nur grob überflogen, weil es für meine Arbeit nicht von Belang war. Ich hatte mich nur vorbereiten wollen. Eine erste Idee bekommen von dem, was auf mich wartete. »Braut oder Bräutigam?«

»McDermitt sagt dir nichts?« Das schien er nicht zu glauben.

»Müsste es?« Ich wandte mich ab, endlich die Bluse geschlossen. »Ich brauche eine ganze Weile und verspreche, niemanden in den Garten zu lassen und lediglich an jenen Orten zu fotografieren, die ich gestern aufgenommen habe.«

»Wie bekommst du dein Zeug dorthin? Wirst du nicht Strom brauchen?«, rief er mir nach und ich stockte an der Tür.

»Ich helfe dir.«