Leseprobe Ein letzter Atemzug

Kapitel 1

Er liegt zitternd in seinem Schlafsack, dreht sich nach rechts und stöhnt. Es ist schon eine Weile her, dass er seine Rolex beim Pokern verloren hat, doch sein Körper weiß genau, dass es drei Stunden nach Mitternacht ist. Der Bürgersteig der Bloor Street hat absolut kein Erbarmen mit seiner Schulter. Er hat keine Zigaretten mehr übrig, und der Canadian Club Whiskey fließt schon seit einer ganzen Weile nicht mehr durch seine Adern, als er realisiert, dass er, als er noch Gelegenheit dazu hatte, ein paar Oxycodon einschmeißen und sich die Flanelljacke hätte überziehen sollen, die sich am Boden seiner Einkaufstüte befanden. Unter dem guten Zeug. Wenigstens ist er windgeschützt, dank des wilden Metallkonstrukts, das sich über ihm auftürmt, dieses gigantische Eitergeschwür, das aus der Vorderseite ihres Museums hervorragt. Sie nennen es den Kristall, und wenn er besoffen wäre, würde ihm die verworrene Konstruktion den Magen umdrehen. Doch heute Nacht ist er absolut nüchtern, und er will sich nicht beklagen. Nicht hier, wo ihre Kreatur der Extravaganz über den Gehweg wacht und ihre verrückten geometrischen Formen einen Unterschlupf bieten, wo jemand wie er für einige Stunden die Augen schließen kann. Zumindest bis die mit Schulkindern vollgestopften Busse am nächsten Morgen auftauchen. Er hört Schritte und öffnet die Augen einen Spalt weit. Zwei Jugendliche in Jeans und Kapuzenpullovern gehen im großen Bogen an ihm vorbei und tun so, als würden sie ihn nicht anstarren. Der größere trägt eine Sporttasche, die schwer anmutet; schwer genug, um eine Flasche Sherry und zwei Flaschen Rye zu beinhalten. Wahrscheinlicher sind jedoch Werkzeuge wie eine Brechstange, Glasschneider und ein paar Vorschlaghämmer. Jungs auf dem Weg zu einem Job, ohne große Bemühungen, es zu verbergen.

Er kratzt das verdammte Ding an seiner Lippe auf und es fängt wieder an, zu nässen. Er kann das Blut schmecken. Diese verfluchten Wunden weigerten sich bereits seit Wochen, zu verheilen. Er zittert und rollt sich herum, saugt an seiner Lippe und rollt sich erneut herum.

Einige Minuten später, vielleicht auch mehr, kommen die beiden Kids aus dem Seiteneingang des Museums, die Kapuzen jetzt über ihre Köpfe gezogen. Ein dritter, etwas älterer Kerl, folgt ihnen nach draußen. Er hat nun die Sporttasche, die jetzt noch schwerer aussieht, als auf dem Weg in das Gebäude. Der ältere Kerl bleibt stehen und schaut sich kurz um. Er sieht nur einen Säufer, der seinen Rausch ausschläft und befehligt den anderen beiden mit einem Winken, dass sie weitergehen sollen. Das Licht über der Tür lässt den Aufdruck seines T-Shirts sichtbar werden NATION DER ANISHINAABEG. UNSER MOMENT WIRD KOMMEN.

Echt jetzt? Und was dann?

Die drei bewegen sich in Richtung der Begrenzungsmauer, die eigentlich keine richtige Barriere ist, vielmehr ist sie eine Dekoration zwischen dem Museum und der Musikfakultät nebenan. Sie rennen nicht, aber sie gehen im Laufschritt, erregt nicht so viel Verdacht. Jeder in Toronto geht, beziehungsweise fährt Fahrrad oder Auto, auf diese Weise – zielgerichtet. Die wenigsten sind jedoch selbst das Ziel.

Er dreht sich auf den Bauch und überprüft die Straße. Niemand anderes in Sicht. Er greift in seinen Schlafsack und holt die geladene Glock heraus. Dann streckt er die Jungs mit drei Schüssen nieder, bevor sie die Mauer auch nur berührt haben.

Er windet sich aus dem Schlafsack und entreißt die Sporttasche aus der Faust des Toten. Er nimmt die Brechstange und die Hämmer heraus und wirft die Glock in die Tasche, bevor er den Reißverschluss zuzieht. Dann hievt er sich über die Mauer und lässt sich in die Schatten des Campus hinter dem Museum fallen, während er sich einredet, dass es okay ist, dass er sich nicht dazu bringen konnte, in ihre Gesichter zu sehen.

Auf der Hoskin Avenue, zwei Blocks weiter südlich, lässt der Ford-150 seine Scheinwerfer aufleuchten. Er springt hinein und verstaut die Sporttasche im Fußraum vor sich. Sein Zwillingsbruder reicht ihm das Wegwerfhandy. Er wählt die Nummer; zehn Ziffern, die ihnen zeigen werden, wer hier das sagen hat. Er drückt auf Absenden und sie warten ab.

Eins, zwei…

Der Kristall explodiert zusammen mit einem befriedigenden Donner. Rauch wirbelt weit über den Straßenlaternen durch die Luft.

Das Museum muss in Trümmern liegen, kein Zweifel. Zu schade, dass er es verpasst; all das zersplitterte Glas und der verbogene Stahl. Wahnsinn! Der Boss wird zufrieden sein. Vielleicht kauft er ihm sogar eine neue Rolex.

Als sich die Rußwolke über dem Royal Ontario Museum legt, begräbt sie die Ruinen, die Werkzeuge, die Blutbespritzten Kapuzenpullover und die sauberen Löcher in den drei Schädeln unter sich.

Alles was von der Einkaufstüte übrigbleibt, ist zerstreute Asche.

Kapitel 2

Zol Szabo füllte zwei Löffel kenianischer Bungoma-Bohnen – Schattenanbau und Fair Trade – in die Mühle. Ein Morgen ohne einen großen Becher Kaffee zum Frühstück und eine kleine Auffrischung um circa zehn Uhr dreißig war unvorstellbar, und Nachmittage ohne einen kleinen Muntermacher um drei, und meist noch einen um fünf, untragbar. Der Arzt in ihm fragte sich hin und wieder, wie schuldig er sich mit seiner Koffeinabhängigkeit fühlen sollte.

Er drückte den Knopf und zählte fünf Mississippis, während er sich selbst ins Gedächtnis rief, dass er in seinem ganzen Leben weniger als einhundert Zigaretten geraucht hatte, dass seine halbherzigen Experimente mit Marihuana bereits mehr als ein Jahrzehnt zurücklagen und dass ein einziger Single-Malt Scotch, den er pro Abend genoss, noch keine zusätzliche Sucht darstellte. Oder?

Er schüttete den Kaffee in einen Kaffeefilter und hielt ihn über seine Lieblingstasse. Dann goss er die sechshundert Milliliter Wasser hinein, die er, wie von dem Barista empfohlen, der ihm gestern die Bohnen im Detour Café verkauft hatte, bis kurz vor den Siedepunkt erhitzt hatte. Es war das erste Mal in fast zehn Jahren, dass er auf der Norfolk Avenue im guten alten Simcoe eingekauft hatte.

Das verträumte Städtchen, in dem er geboren wurde und das eine Stunde entfernt lag, befand sich nur wenige Minuten von der Farm, auf der er aufgewachsen war und wo seine Eltern noch immer lebten. Trotzdem hatte es ihn nie dahin zurückverschlagen. Bis vor zwei Wochen. Jetzt waren Simcoe und das angrenzende Norfolk County seine oberste Priorität, zumindest was seinen Beruf anging. Ein heftiger Schlaganfall hatte den amtierenden Amtsarzt, der für das Gesundheitsamt zuständig gewesen war, vorübergehend arbeitsunfähig gemacht. Zol wurde daraufhin hastig zum Stellvertreter befördert. Sein Boss in Hamilton, Peter Trinnock, hatte sichergestellt, dass Zol verstand, dass es sich bei der Abordnung nach Simcoe um eine temporäre handelte, und er hatte ihn gewarnt, dass seine Arbeit unter der minutiösen Aufsicht Torontos, genauer gesagt eines gewissen Dr. Elliott York, dem Boss der Bosse des öffentlichen Gesundheitssektors der Provinz, stand. Es war kein Geheimnis, dass York auf einen Kabinettsposten hinarbeitete und keine Patzer von seinen Untergebenen tolerieren würde. Trinnock hatte Zol gewarnt: Komm gar nicht erst auf die Idee dein schickes Haus drüben in West Mountain zu verkaufen, es sind genug gute Kandidaten im Rennen für den Posten unten in Simcoe. Wir werden dir dein Büro hier im Hammer schön warm und kuschelig halten. Trinnock würde es vermissen, Zol unter seiner Fuchtel zu haben; es wäre nicht untypisch für ihn gewesen, wenn er es irgendwie in die Wege geleitet hätte, dass Zol früher würde zurückkehren müssen.

Zol hielt kurz inne, als sich der aufsteigende Dampf des Kaffees im Einklang mit dem heiteren Tröpfeln an ihn schmiegte und ihm an diesem grauen Oktobersonntag ein Gefühl der Geborgenheit schenkte. Draußen vor dem Fenster verdeckten tiefe Wolken die glitzernden Türme Torontos, eine Aussicht, welcher dieses Viertel des Hammers, wie die Bewohner Hamiltons ihre Stadt liebevoll nannten, seine hohen Immobilienpreise zu verdanken hatte.

Er dachte über Simcoe nach und fand, dass es schon immer ein etwas schräger Ort war. Es lag etwas abgeschieden von allem nördlich des Lake Erie und verdankte seine Gründung den Tabakfarmen, die einst jeden Zentimeter des umliegenden sandigen Lehms bewirtschaftet hatten. Jetzt, wo das Nikotinkraut nicht länger wie Gold gehandelt wurde, eroberten Fair Trade-Kaffee, pestizidfreies Gemüse und steingemahlenes Getreide den Markt, und damit neben Fast Food–Läden, Tattoostudios und Geschäften für Farmzubehör auch die Straßen. Wie gut sich diese hippen Etablissements in der Bier – und Weißbrot-Stadt halten würden, stand in den Sternen; doch durch seinen neuen Posten würde er es schon bald aus nächster Nähe erfahren.

Das kenianische Aroma stieg von dem Filter auf und kitzelte seine Nasenhöhlen. Er machte sich bereit. Einen Sekundenbruchteil später hörte er sie. Pünktlich wie immer.

Kein Audiogerät im Haus war eingeschaltet. Kein Radio, kein CD-Spieler, kein iPod. Und dennoch, Céline Dion sang den Titelsong von Titanic – so klar und deutlich, als stünde sie direkt neben ihm. Sein Neurologe hatte eine Erklärung für dieses Phänomen: Eine Synästhesie, die durch eine Gehirnerschütterung hervorgerufen wurde. Ein Schlag auf seinen Kopf einige Monate zuvor hatte die Leitungen in seinem Gehirn durcheinandergebracht und dadurch auf bizarre Weise eine Verbindung zwischen seinem Hör – und Geruchsinn hergestellt. Starke Gerüche riefen nun Musikschnipsel in seinem Kopf hervor, die so echt wie das Original klangen. Beinahe jedes Mal, wenn er frisch gekochten Kaffee roch, tauchte Céline auf und performte zehn bis fünfzehn Strophen von My Heart Will Go On für ihn. Es war unmöglich, sie zu unterdrücken, und verdammt schwierig, sich an sie zu gewöhnen. Er bevorzugte Amanda Marshall, Ray LaMontagne oder Royal Wood, doch wann immer es Zeit für einen Kaffee war, war er Céline und der Titanic ausgeliefert.

Er hätte die Stelle mit Glatteis damals im April bemerken sollen, stattdessen war er dem letzten Atemzug des Winters zum Opfer gefallen. Es brachte ihn sofort zu Fall, und er schlug mit dem Kopf auf dem Gehweg auf der Concession Street vor dem Gebäude des Gesundheitsamtes auf. Er verlor das Bewusstsein und blieb mit gespreizten Gliedmaßen vor den Augen seiner Kollegen und dem vorbeifließenden Verkehr liegen. Stunden später kam er auf der Intensivstation des Caledonian University Medical Centre wieder zu sich, als er den Geruch des Desinfektionsmittels vernahm, das die zuständige Krankenschwester auf ihren Händen auftrug. Sofort erschienen The Tragically Hip neben seinem Bett und spielten die ersten Strophen von Wheat Kings. Er hatte gedacht, dass er entweder den Verstand verloren haben oder aber im Jenseits aufgewacht sein musste; insbesondere, weil das Lied mit dem gespenstischen Ruf eines Seetauchers begann

Céline beendete ihr Frühstückskonzert und Zol nahm erleichtert über die Stille die heutige Ausgabe der Globe and Mail vom Küchentisch. Mit weit aufgerissenen Augen sah er das Foto auf der Titelseite und wandte seinen Blick für eine ganze Weile nicht mehr davon ab. Er hatte gestern bereits in einem kurzen Bericht im Radio davon gehört, doch er hatte nicht erwartet, dass es so schlimm sein würde.

Das Royal Ontario Museum lag in Schutt und Asche, sein ultramoderner Eingang klaffte wie das Maul eines großen weißen Hais mit abgebrochenen Zähnen. Der Michael-Lee-Chin-Kristall, Torontos neustes Ingenieurswunder – sowohl hochgelobt als auch zutiefst verflucht für seinen Wert, seine Eleganz und seine Extravaganz – war nun ein Trümmerhaufen aus verbogenen Stahlträgern, zerbrochenem Glas und Absperrband.

Er überflog den Artikel. Ab der Mitte wurde es immer schlimmer und schlimmer. „Colleen!”, er drehte sich um und rief sie erneut durch die Küchentür, „komm und schau dir das an.” Seine immerwährend fuchtelnden Hände, die jetzt wie aufgeschreckte Krähen flatterten, beförderten das Kaffeegedeck quer über den Küchentisch und auf den Boden. Er starrte gerade die Kaffeepfütze und die zersplitterte Keramik an, als sie hereingeschneit kam. Sein marineblauer Bademantel – über ihrem schmalen, kurzen Körper wirkte er riesig – wehte um ihre Knöchel. „Meine Güte, das war deine Lieblingstasse”, sagte sie und riss ein Knäuel Küchenpapier von der Rolle. „Aber mach dir nichts draus, du hast einen ganzen Schrank voll mit anderen, die du nie benutzt. Dann suchst du dir eben eine neue Lieblingstasse aus. Die eine von Scott Barnim, die du von deiner Mutter bekommen hast, ist doch sehr schön.“

Er war sich nicht sicher ob ihm im Moment danach war, sich eine neue auszusuchen, als er sich neben sie hockte, um ihr beim Aufwischen zu helfen. Seine Nase griff den Duft seines Bergamotte-Duschgels auf ihrer Haut auf. Augenblicklich begann Marvin Gaye I Heard It Through The Grapevine zu singen. Bergamott-Öl im Zusammenspiel mit ihrer Haut beschwor immer Marvin herauf. Als sie die letzten Reste des Kaffees aufwischten und Colleen zu sprechen begann, dröhnte Marvin noch immer mit voller Lautstärke. Zol fasste sich an das rechte Ohrläppchen.

Ihre haselnussbraunen Augen schimmerten verständnisvoll und sie richtete das Handtuch, welches sie um ihren hüftlangen Pferdeschwanz gewickelt hatte. Sie schenkte ihm ein Lächeln, dass nur kurz anhielt, bevor es wieder einer ernsten Miene wich. „Also gut, genug jetzt. Du bist kreidebleich. Erzähl mir nicht, dass das nur mit deiner Lieblingstasse zu tun hat. Was ist los?“

Er zeigte auf die Titelseite der Zeitung. „Das.“

Es brauchte gerade einmal zwei Schlagzeilen, um die Story zu erzählen. Drei Leichen aus ROM-Trümmern geborgen und Artefakt der Ureinwohner vermisst.

Sie schnalzte in Anbetracht der Zerstörung und der Vergeudung von Leben unmutig mit der Zunge. „Außergewöhnlich. Wer sind die Opfer? Irgendjemand, den du kennst?“

Normalerweise ließ ihr südafrikanischer Akzent alles – selbst die abscheulichsten Details, die sie gelegentlich nach einer nächtelangen Observierung ausplauderte – irgendwie heiter und harmonisch klingen. Die Nachrichten in der Zeitung machten ihn jedoch zu wütend, um das jetzt wertzuschätzen.

„Keinen Schimmer.“

„Sicherlich wird die Polizei eine Vermutung haben. Und deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hast du die auch.“

Er schüttelte den Kopf. „Steht da nicht…“

„Du meinst, da steht nicht, ob die Opfer identifiziert wurden, oder da steht nicht, wie die Opfer heißen, obwohl die Polizei weiß, wer sie sind?“

Er schaute den Artikel an und wünschte sich, dass sie ihn sich einfach selbst durchlesen würde. Eine solche Vernehmung war für ihn vor seinem ersten Kaffee unzumutbar. „Ob jemand weiß, wer sie sind, das steht da nicht.“

„Aber sicherlich spekuliert man. Wird vermutet, dass die Opfer unschuldige Passanten, Angestellte des ROM oder die verdächtigen Attentäter selbst sind?“

Er gab ihr die Zeitung. „Lies es dir selbst durch. Du bist hier der Privatdetektiv.“

Sie strafte ihn mit einem Blick, der sagte, dass seine freche Bemerkung unnötig gewesen war, und warf lediglich einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen. „Schreiben sie wenigstens, was für Artefakte gestohlen wurden?“

„Ein paar Holzkeulen, ein zeremonielles Beil und…“

„Und was? Was guckst du denn plötzlich so beklagenswert?“

Er fühlte sich nicht beklagenswert. Kein bisschen. Doch was er ihr erzählen würde, würde ihr entweder den Atem verschlagen oder eine Reihe weiterer Fragen nach sich ziehen. „Meine…“

„Deine? Was willst du mir sagen?“

„Ja, meine. Meine antike steinerne Pfeife.“

 

Sie hielt mit weit geöffneten Augen inne und ihr Mund stand so weit offen, dass er ihr Gaumenzäpfchen sehen konnte. Einige Sekunden später fand sie ihre Stimme wieder, sie war nie lange sprachlos. „Du fängst besser ganz von vorne an.“

Er holte tief Luft. „Ich habe dem Royal Ontario Museum meine unschätzbar wertvolle Pfeife der Hopewell-Kultur gegeben, die vor zweitausend Jahren in Form eines Seetauchers in Stein gehauen wurde. Sie sollten eigentlich auf sie aufpassen. Doch jetzt hat sie jemand direkt unter ihrer Nase gestohlen.“

„Das ist außergewöhnlich, Zol. Doch du musst noch etwas weiter vorne anfangen. Ein ganzes Stück weiter vorne sogar. Von was für einer Art Pfeife reden wir?“

Er blätterte zu Seite vier und zeigte ihr das Foto seines vermissten Schatzes. „Tabak. Du weißt schon, Teer und Nikotin.“

„Und wann hast du besagte Pfeife an das ROM gespendet?“

Er ließ sie, das Foto betrachtend, stehen und ging zum Küchenschrank, um eine Dose Maxwell House Kaffee herauszuholen. Er hatte für heute genug Ärger mit dem Gourmetzeug. Er schaltete den Wasserkocher wieder ein und gab den Kaffee in einen neuen Filter. Sie wedelte die Zeitung umher und runzelte die Stirn. „In der Bildunterschrift steht, dass dieses außergewöhnliche Bildnis eines Seetauchers möglicherweise der wertvollste Gegenstand in der Ausstellung indigener Objekte des ROM gewesen ist. Ist das eine Übertreibung?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Du hast mir immer noch nicht erzählt, wie du zu dieser Pfeife gekommen bist und wann du sie weggegeben hast.“

„Ich hätte nicht auf meinen Vater hören sollen. Ich hätte sie verdammt nochmal behalten sollen.“

„Das meinst du nicht ernst.“

„Warum nicht? Wer es findet, darf es behalten.“

„Aber sicherlich …“

„Das ROM hat augenscheinlich nicht gerade die beste Arbeit geleistet, was das Aufpassen angeht.“

Neben der Wut über den Diebstahl konnte er spüren, wie die Aufregung über seinen damaligen Fund seinen Puls erhöhte, als ob es gestern gewesen wäre und nicht schon fünfzehn Jahre her. Er hatte etwas beinahe Perfektes – dieser kleine Vogel, der auf einem ovalen Steinblock saß, der gerade einmal so groß war wie ein halbes Kartendeck. Die ganze Pfeife war aus einem einzigen Stück anthrazitgrauem Pfeifenstein gefertigt.

Er formte seine rechte Hand zu einer Schale, um Größe und Form zu imitieren. „Als ich den kleinen, geschmeidigen Burschen das erste Mal in der Hand hielt, fühlte er sich … das ist schwer zu erklären, aber er fühlte sich so anmutig und … lebendig an. Ja, lebendig. Ich könnte schwören, dass ich seinen Herzschlag spüren konnte, und seine granatroten Augen durchbohrten mich.“

Colleen schaute verdutzt über diesen untypischen Ausbruch von poetischem Enthusiasmus. „Wurde sie täglich geraucht oder war sie nur zur Zierde?“

„Ich habe nicht den blassesten Schimmer.“

„Herrgott, Zol. Sicherlich hat irgendein Anthropologe eine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben. Hast du dich denn nie erkundigt?“

Er zuckte mit den Schultern und fühlte sich wie ein ungebildetes, kleines Kind, das auf einer Tabakfarm am Rande der Zivilisation aufgewachsen war. Sein Vater hatte ihm reichlich über die Geschichte und Kultivierung von Tabak beigebracht, doch Kulturanthropologie war nie sein Ding gewesen.

„Mein Tipp wäre”, fuhr sie fort, „dass etwas so Exquisites nicht jeden Tag zum Rauchen genutzt wurde. Vielleicht nur bei Schamanen? Um mit der spirituellen Welt zu kommunizieren?“

Er goss das kochende Wasser über den Maxwell House. „Alles, was ich weiß, ist, dass das British Museum fast einhundert weitere ähnliche Pfeifen hat. Eine Menagerie aus Steinbildnissen – Sperlinge, Frösche, eine Katze, ein Otter. Aber keine Seetaucher.“

„Außergewöhnlich! Wie sind sie an die herangekommen?“

„Ausgegraben.“

„Wo?“

„Ohio.“

„Sie haben sie von Ohio nach London verschifft? Aus irgendjemandes Garten in Cleveland den ganzen Weg nach Bloomsbury!?”

Als professionelle Privatdetektivin war Colleen stets fasziniert von dem Sonderbaren und hatte einen natürlichen Riecher für das Absurde; man überlebte die Kindheit während der Apartheid in Südafrika nicht – wo sie in der bequemen Kabine des Trucks ihres Vaters saß, während ihre Schwarzen Spielkameraden hinten auf der ungeschützten Ladefläche mitfuhren – ohne eine gewisse Sensibilität für die Ironie des Lebens zu entwickeln.

„Eine lange Autofahrt von Cleveland entfernt”, erwiderte er, „fast bis runter zum Ohio River. In zwei Grabstätten der Aborigines.“

„Und dort hast du auch deine gefunden? Im Outback von Ohio? Und sie dann hierher geschmuggelt?“

Er schüttelte den Kopf, dann begann er, zu erklären.

Er hatte die Seetaucherpfeife begraben in einer entlegenen Ecke auf dem Farmgelände seiner Familie gefunden. Er war ungefähr zwanzig Jahre alt gewesen und hatte mit dem Metalldetektor seines Vaters gespielt. Sein Vater benutzte das selbstgebaute Gerät, um alte Münzen und ähnliches an den Ufern von Lake Erie zu finden. Zol hatte sich nie für dieses Hobby begeistern können; doch eines Samstagabends, als er von der Kochschule nach Hause kam, hatte er nichts Besseres zu tun. Die Tabaksaison war vorüber und er hatte jede Aufgabe auf der Liste der Hausarbeiten abgehakt, die sein Vater immer für ihn bereithielt. Zol alberte mit dem Detektor herum, als dieser plötzlich über einem Flecken Erde zu piepsen begann. Er holte eine Schaufel aus der Scheune und grub etwas aus, das sich als ein rostiger Tresor herausstellte. Er brach ihn auf und fand den Seetaucher, eingewickelt in ein Tuch. Er hatte keine Ahnung, was er in der Hand hielt, doch sein Highschool-Lehrer an der Simcoe Composite erkannte die signifikante Bedeutung des Gegenstandes sofort und vermittelte Zol an das Royal Ontario Museum in Toronto.

„Die Briten haben etliche Pfeifen, die so ähnlich sind wie diese?”, fragte Colleen und zeigte auf das Foto in der Zeitung. „Und sie alle sind zweitausend Jahre alt?“

Er hat nie verstanden, wie die Briten es geschafft haben, einen Haufen unbezahlbarer Artefakte zusammenzuschaufeln und nach London zu bringen, ohne dass die Amerikaner einen riesigen Aufstand gemacht haben.

„Und aus einem Stein namens Pfeifenstein gehauen”, erklärte er. Die Verarbeitung der antiken Pfeife war so ausgezeichnet wie die besten modernen Inuit-Schnitzereien, die in den nobelsten Kunstläden verkauft wurden. „Die Pfeife passt in deine Handfläche. Ihr seid Angesicht zu Angesicht und seine Augen bohren sich in deine, wenn du einen Zug durch das Loch nimmst.“

„Hast du es jemals probiert?“

„Ein paar Mal.“

Sie musterte das Foto noch einmal und sagte dann: „Beeindruckend, sich vorzustellen, dass die Indianer seit zweitausend Jahren Tabak rauchen.“

Er zuckte zusammen. Trotz ihres melodischen Akzentes überkam ihn ein unangenehmes Schaudern. Er vermied es, das Wort Indianer zu verwenden, insbesondere jetzt, wo er eine Person der Öffentlichkeit war und dementsprechend die Interessen einer multi-ethnischen Gesellschaft vertrat und unter dauerhafter öffentlicher Beobachtung stand. Nur die Regierung klammerte sich noch an diesen veralteten Begriff und benutzte ihn weiterhin zur Benennung der indigenen Bevölkerungsgruppen Kanadas. Die Behörden nannten die Landabschnitte, die für eben diese Bevölkerungsgruppen bestimmt waren, Indianerreservate. Den kanadischen Bürgern war dieses Thema so unangenehm, dass keiner wusste, wie man sie sonst nennen sollte. Political Correctness sabotierte einen konstruktiven Dialog und strangulierte den gesunden Menschenverstand. Am Ende nannte man sie indigene Völker, Ureinwohner, Aborigines, First Nations, Métis, Inuit, Mohawk, Algonkin, Ojibwa, Anishinaabeg, Cree, Dene, Haida – oder man verwendete den Namen irgendeines anderen Stammes. Spielte das überhaupt eine Rolle, solange man respektvoll war?!

„Die ursprüngliche Tabaksorte war Nicotiana Rustica”, sagte er, um bei dem weniger heiklen Thema der Biologie des Tabaks zu bleiben, wie es ihm sein Vater beigebracht hatte. Gaspar Szabo war im Anbau überaus erfolgreich, denn er nutzte die Wissenschaft, um ertragreiche Ernten seines Produktes von höchster Qualität einzufahren. „Die damalige Pflanze war stärker als die modernere Version und höchstwahrscheinlich Schamanen und Stammesältesten vorbehalten.“

Er erklärte, dass der Tabak der Ureinwohner vor der ersten Begegnung mit den Weißen eine beinahe tödliche Nikotinkonzentration und eine ungewisse Anzahl an Halluzinogenen beinhaltete. Es musste ein ziemlich heftiger Trip gewesen sein, diesen Tabak zu rauchen: psychedelische Visionen in Begleitung von rasendem Herzschlag, geweiteten Pupillen und triefendem Schweiß. Europäer fanden eine schwächere Sorte, als sie auf Bermuda landeten, vielleicht war es auch Bolivien – je nachdem, welches Geschichtsbuch man las. Wie dem auch sei, Nicotiana Tabacum war weitaus weniger belastend für das Herz und das Nervensystem und nicht halluzinogen, doch genauso süchtig machend. Die Europäer eigneten sich diesen uralten Brauch bald an und machten daraus eine weltweite Megaindustrie. Und die Regierungen versteuerten sie wie verrückt.

„Kein Wunder, dass die Schamanen der Ureinwohner wie von Geistern besessen schienen”, sagte Colleen, „mit all dem starken Dope und der zusätzlichen Sucht nach Nikotin, mussten sie ja quasi die ganze Zeit halb zugedröhnt durch die Gegend laufen.” Sie hob ihre Tasse und nahm einen Schluck von dem Maxwell House; ihre Augen leuchteten vor Befriedigung. Sie stand ihm in Punkto Koffeinabhängigkeit in nichts nach. Nach einem Moment der Reflektion fragte sie: „Aber wie ist dein Seetaucher von Ohio nach Ontario gekommen?“

„Gestohlen und dutzende Male gehandelt, würde ich tippen. Erst zwischen Ureinwohnern, dann haben sich die Europäer eingemischt.” Sie schenkte ihm dieses Lächeln des Verständnisses, dass er so sehr zu lieben lernen begann.

Nach der turbulenten Zeit mit seiner Ex Francine und den darauffolgenden Jahren erfolglosen Datings, war es wundervoll eine bezaubernde, smarte, liebevolle und starke Frau an seiner Seite zu haben, die ihn so gut verstand und ihre Wertschätzung sowohl innerhalb, als auch außerhalb des Schlafzimmers zum Ausdruck brachte. Es stimmte zwar, dass er es ermüdend fand, wenn sie ihn mit bohrenden Fragen löcherte, doch wenn das ihr größter Schwachpunkt war…

Max, der mittlerweile zehn war, hatte vor einigen Wochen gefragt, ob er Colleen einen besonderen Spitznamen geben dürfe, da sie ja nun fast ein Teil der Familie war. Nicht Mutter oder Mama, hatte Max gesagt, denn er hatte ja bereits eine richtige Mutter, die auf den richtigen Moment für einen Besuch wartete. Vor Sorge, in einem Traum zu leben, der gewiss bald irgendwie enden würde, wechselte Zol das Thema. Hatte er etwas an sich, dass Frauen abscheulich werden ließ, sobald sie ihn besser kennenlernten? Sollte er sich jemals daran erinnern, wie man betete, würde er auf die Knie fallen und Gott anflehen, dass dieses Mal anders laufen würde.

„Wenn ich so darüber nachdenke”, fuhr sie fort, „hatte der kleine Seetaucher einige Jahrtausende Zeit für seine Reise. Scheint, als hätte man sich währenddessen gut um ihn gekümmert. Außergewöhnlich. Keine Sprünge im Schnabel und sein Schwanz ist ebenfalls einwandfrei.“

„Das hat mein Geschichtslehrer auch gesagt. Man hat sich mit derselben Ehrfurcht wie für die britischen Kronjuwelen um ihn gekümmert.“

„Hast du den Besitzer des Tresors ausfindig machen können?“

„Hergestellt in Sheffield, England. Mitte 1800. Das ist alles, was wir herausfinden konnten.“

Sie neigte ihren Kopf auf die Seite, um einen Blick auf die Zeitung zu werfen.

„Was hat es mit dieser Legende auf sich? Eine zweite, beinahe identische Pfeife befindet sich irgendwo dort draußen und wartet darauf Großes zu vollbringen, wenn die beiden wieder vereint werden?!“

Die Eingangstür öffnete sich und schloss mit einem Knall. Zol hörte es zweimal poltern, als jemand seine Schuhe auszog. Das Parkett quietschte unter sich nähernden Schritten. Einige Sekunden später platzte Hamish Wakefield durch die Küchentür. Er war durchnässt und mit Seifenblasen übersät.

Kapitel 3

Bei dem ersten Hauch des Geruchs der Seifenblasen, den Zol vernahm, stimmten die Beatles zehn Strophen von Hey Jude an, und er schaute zu, wie Hamishs Jacke und Hose auf dem Boden eine Wolke aus Schaum bildeten. Der Duft des Reinigungsmittels des Maxi-Wash drei Blocks weiter auf der Garth Street war unverwechselbar.

Der eifrige Assistenzprofessor der Caledonian University – und einer von Hamiltons Top-Diagnostikern – sah aus, als hätte man ihn aus den Niagarafällen gefischt.

„Gütiger Gott, Hamish”, sagte Colleen und half ihm beim Ausziehen seiner durchnässten Jacke, „wo in aller Welt hast du dich herumgetrieben?” Sie holte zwei Handtücher aus einer Schublade, warf Hamish eines davon zu und rollte seine triefende Jacke in das andere ein. „Bitte erzähl mir nicht, dass du mit offenen Fenstern durch die Waschstraße gefahren bist?!“

Hamish warf ihr einen Blick zu der sagte: Mach mal halblang, so dämlich bin ich nun auch wieder nicht. „Die Schiene hat geklemmt”, sagte er durch blaue Lippen und klappernde Zähne hindurch.

Zol presste eine Hand auf seinen Mund, um sich davor zu bewahren, in Gelächter auszubrechen. Er traute sich nicht, auch nur ein Wort zu sagen; Hamish fühlte sich schnell angegriffen und sein ausgesprochen eingeschränkter Sinn für Humor schloss ihn selbst niemals mit ein.

„Du warst also im Saab eingesperrt?”, fragte Colleen, „während die Wasserstrahlen und Walzen eingeschaltet waren?“

Er rollte mit den Augen und wandte sich von Colleen ab, die gerade versuchte, ihn von seinem durchweichten Hemd zu befreien. „Ich habe gehupt und gehupt.” Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Ich saß dort dreißig Minuten und niemand kam. Also bin ich letztendlich ausgestiegen.” Er fasste sich mit der Hand in den Nacken und verzog das Gesicht beim Anblick des pinken Seifenschaums in seiner Handfläche. „Ultrawax.” Er fuhr sich nervös durch seinen Flattop. Ausnahmsweise waren seine Haare einmal nicht perfekt. Er tastete seine Hosentaschen ab und sein Gesichtsausdruck wurde starr vor Schreck. „Die Schlüssel. Ach du grüne Neune! Sie stecken noch in der Zündung.“

„Ich bin sicher, man wird sich gut um dein Auto kümmern”, besänftige Colleen ihn, „ich meine, es ist ja schon beinahe ein Mitglied der Familie.“

Erkannte Hamish die Ironie dieser misslichen Lage? Wahrscheinlich nicht – er war viel zu sehr außer sich, um Satire zu verstehen – doch er war Maxi-Washs bester Kunde. Wer sonst ließ sein Auto ein halbes Dutzend Mal pro Woche in einer Waschanlage reinigen? Natürlich war Hamish’ Angst, was sein Auto anging, nachvollziehbar. Der Saab wurde erst vor ein paar Monaten draußen vor einer Schwulenbar gestohlen, während er seine ersten Erfahrungen mit exzessivem Alkoholkonsum machte. Als die Polizei das Fahrzeug gefunden und zurückgebracht hatte, ließ er es umlackieren, die Polster reparieren und den Teppich desinfizieren.

Zol verkniff sich das Lachen und biss seine Zähne zusammen, dann überredete er Hamish dazu, mit nach oben zu kommen und trockene Klamotten anzuziehen. Wie zu erwarten war, scheute sich Mr. Penibel, bis Zol ihm versicherte, dass das Karo-Hemd, das blaue Jays-Sweatshirt und die Hose, die er ihm anbot, frisch gewaschen waren. Zol räumte ein, dass die Hosenbeine etwas zu lang waren, doch versicherte Hamish, dass man sie sicher ganz leicht hochkrempeln könnte.

Zurück in der Küche, gab Colleen Hamish eine Tasse heißen Kaffee und entschuldigte sich, bevor sie ging, um sich umzuziehen. Hamish ließ sich auf einen Stuhl fallen und trank wortlos; die glühende Röte auf seinen Wangen verriet seine Scham. Es gab zwei Dinge, die Hamish mehr als alles andere auf der Welt hasste: falschzuliegen und dämlich auszusehen. In sozialer Hinsicht war er der Zinnmann; größtenteils ahnungslos gegenüber den Gefühlen seiner Mitmenschen und unbeholfen, was heiteres Geplauder anging. Manchmal machte er taktlose Witze, die wirklich saßen. Er hatte keine Ahnung, dass sie verletzend waren. Zol erklärte sich dieses Verhalten mit seiner einsamen Kindheit als Streber – keine Geschwister, nur wenige Freunde, Eltern, die sich durchgehend zankten.

Hamish trank seinen Kaffee aus und stellte die leere Tasse mit einem Klirren auf dem Tisch ab. Er schaute finster. „Du hättest rangehen sollen, als ich dich angerufen habe.“

„Mal langsam”, erwiderte Zol. Der Ton dieses Kerls klang etwas frech, dafür, dass er Zols Lieblingssweatshirt trug und sich in der Wärme seiner Küche aalte. Doch er musste zugeben, es war eine Erleichterung, Hamish wieder mit seiner normalen Stimme sprechen zu hören. Dieses krächzende Flüstern, mit dem er einige Jahre lang geplagt gewesen war, war auf ebenso mysteriöse Weise verschwunden, wie es gekommen war. Colleen hatte wahrscheinlich recht – die gebrechliche Stimme war so eine Art psychosomatische Manifestation seiner Angst über die unter Verschluss gehaltene Homosexualität. Jetzt, wo er geoutet war und er und Al Mesic offiziell Partner waren, war Hamish’ Stimme zu voller Lautstärke zurückgekehrt.

„Gestern den ganzen Tag”, sagte Hamish, „und nicht einziges Wort von dir.“

„Ich war in Simcoe und bin erst spät wieder nach Hause gekommen.” Hatte Hamish seinen neuen Job vergessen? Er hatte jedenfalls nicht im Büro in Simcoe angerufen, so viel stand fest. Seine neue Sekretärin, effizient und zuvorkommend, hätte es nicht versäumt, eine Nachricht weiterzugeben.

Hamish kratzte an dem gelben Fleck am Ärmel des Sweatshirts, dann rollte er den Bund zurück, um den Schandfleck zu verstecken. Das Blue Jays-Logo auf seiner Brust wirkte fehl am Platz. Er war aller Wahrscheinlichkeit nach noch nie bei einem Baseballmatch gewesen und hatte einen senftriefenden Hot-Dog dazu gegessen.

„Nächstes Mal”, sagte Zol zu ihm, „kontaktiere mich über mein BlackBerry. Das Ding findet mich überall.“

Das BlackBerry war das Gerät, mit dem Sergeant Major Peter Trinnock Zol auf Trab hielt. Ihr dreijähriges Arbeitsverhältnis war eine Pandora-Box komplizierter, stiller Übereinkünfte. Beide waren sich der Tatsache bestens bewusst, dass Trinnock ohne einen Untergebenen mit dreißig Jahren weniger Berufserfahrung, der seinen Kopf hinhielt, nicht weiterkommen würde. Trinnock geriet jedes Mal in Panik, wenn der Bürgermeister, die Presse oder ihr politisch ambitiöser Boss Elliot York anrief. Zol blieb ruhig – zumindest nach außen hin – und versuchte, so gut es ging den Fettnäpfchen auszuweichen. Er musste kichern, wenn er daran dachte, dass Trinnock seine Drei-Martini-Mittagessen aufgeben musste, jetzt, wo Zol in Simcoe feststeckte. Aber würde er das wirklich tun?

Hamish stand auf und begann, zwischen dem Herd und dem Küchentisch auf und abzugehen. „Es gibt da ein paar Dinge, die ich dir unbedingt erzählen wollte. Als erstes wären da meine fünfzehn Fälle atypischer Hautläsionen.” Es ging ihm offensichtlich besser. Ein spannendes medizinisches Dilemma stimmte ihn immer heiter. „Hiermit erstatte ich darüber Bericht… du weißt schon, offiziell. Ein faszinierender Krankheitsausbruch für dich und dein Team.“

Wie jeder andere Zuständigkeitsbereich auch verlangte die Provinz Ontario von Medizinern, ihrem lokalen Gesundheitsamt von Entdeckungen gewisser ansteckender Krankheiten zu berichten. Zol hatte spezielles Personal – Inspektoren und Krankenpfleger –, die Anrufe von Ärzten und Labors entgegennahmen. Hamish bestand jedoch darauf, Zol direkt Bericht zu erstatten. Obwohl Zol sich von solch einer Loyalität geehrt fühlte, wäre es ihm am liebsten gewesen, Hamish würde ganz einfach eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen, wie jeder andere auch.

„Also, was hast du?”, fragte Zol.

„Ich nenne es Lippen – und Fingerausschlag.“

„Du meinst wie die Hand-Fuß-Mundkrankheit? Coxsackievirus?”

Gewisse Infektionen, wie Syphilis, Influenza und Meningitis hatten oberste Priorität, denn sie konnten, wenn nicht rechtzeitig behandelt, schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben. Diese Lippen – und Fingersache klang nicht allzu ernst. Warum war Hamish also so besorgt? Vor allem an einem Samstagmorgen?

„Nein, das habe ich ganz und gar nicht gemeint.” Hamish wedelte mit seinem nervigen Zeigefinger, als wäre er ganz im Professoren-Modus. „Viel größere Blasen, die länger bleiben als beim Coxsackie. Wochen über Wochen.” Er winkte Zols Vermutung ab, sichtbar angewidert von dessen Unterschätzung. „Ich habe die Kulturen gleich am Sonntagmorgen auf Coxsackie getestet, und sie sind negativ.“

„Könnten die Blasen herpetisch sein?”, fragte Zol.

„Daran habe ich als erstes gedacht. Herpes Simplex negativ.“

„Vielleicht Gürtelrose?“

„Das meinst du nicht ernst. Läsionen an den Fingern und Lippen gleichzeitig? Unmöglich. Wie auch immer, die Kulturen sind negativ auf VZV getestet worden.“

Hamish’ Auftreten hatte sich in den letzten paar Minuten transformiert. Aus Smalltalk wurde Ernst, und der sozial unbeholfene Zinnmann war verschwunden. Jetzt lief eine kürzere, blonde Version von Oscar Wilde mit überschwänglichem Selbstbewusstsein in der Küche auf und ab. Zol stellte sich vor, wie Professor Hamish Wakefield die Straßen im viktorianischen London entlangstolzierte, einen Gehstock in der Hand und einen Umhang über den Schultern.

„Selbstverständlich, du hast Recht”, gab Zol zu, „was ist mit einer allergischen Reaktion? Kontaktdermatitis. Eine Pflanze vielleicht?“

„Komm schon, Zol. Die Saison für Giftefeu oder -eiche ist schon lange vorüber.“

„Immer mit der Ruhe.” Hamish musste daran erinnert werden, dass er nicht der einzige kompetente Arzt im Raum war. „Hast du Feuerholz in Betracht gezogen?“

Zol hatte vor einiger Zeit eine Infektion mit Giftefeu diagnostiziert, obwohl es eigentlich die falsche Jahreszeit dafür gewesen war. Es war mitten im Winter und der Patient ein Bauer mit einem Ausschlag auf seinen oberen Gliedmaßen; Blasen, die Wochen brauchten, um zu verheilen, und für die keiner der hinzugezogenen Ärzte eine Erklärung hatte. Zol diagnostizierte, dass es sich um Giftefeu handelte, welcher während des Feuerholzhackens in Kontakt mit der Haut des Patienten geraten war. Der Holzstapel des Mannes war im Sommer mit Ranken des Efeus bedeckt gewesen und hatte sein giftiges Harz zurückgelassen, bevor er im Herbst einging. Er war noch immer stolz auf diesen kleinen Triumph.

„Nein”, fauchte Hamish, „das habe ich nicht. Die meisten Fälle sind dürre Teenagerinnen. Ich bezweifle, dass die sich mit Äxten auf Holzstapel gestürzt haben.“

„Was ist mit Herkuleskraut? Dem Zeug haben wir schließlich dutzende Anrufe auf unserer Hotline zu verdanken.“

Herkuleskraut oder auch Riesen-Bärenklau – ein relativ neuer Eindringling aus China – sah aus wie eine gigantische Version der Spitze der Königin Anne, einer filigranen Wildblume, bei der niemand dem Drang widerstehen konnte, sie zu pflücken. Wenn der Saft des Herkuleskrauts mit der Haut in Kontakt kam, verursachte er große, schmerzhafte Blasen, sobald die betroffene Stelle dem Sonnenlicht ausgesetzt wurde. Das örtliche Gesundheitsamt hatte die Öffentlichkeit aufgerufen, sich von der Pflanze fernzuhalten, und hatte auch auf ihrer Website die Bürger darum gebeten, sich bei Sichtungen des Krautes bei ihrem jeweiligen Rathaus zu melden.

„Ich habe eure Poster und Merkblätter gesehen”, erwiderte Hamish, „aber ein Ausschlag, der durch Herkuleskraut verursacht wurde, bricht an den Stellen aus, die mit dem Kraut in Berührung gekommen sind. Nicht nur an den Lippen und den Fingerspitzen. Außerdem lassen sich die Symptome des Herkuleskrautes mit Steroiden lindern. Diese Läsionen reagieren auf gar nichts.“

Zol schaute auf seine Uhr. Es wurde langsam Zeit Max abzuholen. Er hatte bei Travis übernachtet, und die beiden hatten garantiert einen Videospiele-Marathon bis spät in die Nacht hinter sich.

„Hast du es mit einer isolierten Personengruppe zu tun?”, fragte Zol. Er hoffte nicht. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes waren verpflichtet, unverzüglich zu handeln, wenn es um Wohn-, Alten – oder Pflegeheime ging. Unbeachtet ihrer privaten Wochenendpläne.

„Isoliert nicht, nein. Aber einige ihrer Postleitzahlen liegen dicht bei einander.“

„Ach ja?“

Hamish strahlte. Er liebte es, Diagnosen hinterherzujagen; sei es ein einzelner Patient mit Symptomen, bei denen andere Ärzte nicht weiterwussten, oder eine Ansammlung von Fällen, die drohten, sich zu einer Epidemie auszuweiten. „Einige Fälle kommen aus Hamilton, die anderen leben direkt in deinem neuen Zuständigkeitsbereich, Dr. Szabo. Simcoe und ein paar Dörfer in den Provinzen Brant und Norfolk. Klasse, oder?

„Oh, großartig.“

„Ich würde sagen, jetzt, wo du der Boss bist, können wir beide den Startschuss für eine großangelegte Untersuchung geben.“

Zol schüttelte den Kopf. Ausbrüche von Kontaktdermatitis waren auf der Liste seiner Zuständigkeiten zu weit unten angesiedelt, um auch nur darüber nachzudenken. Hamish sollte sich dessen bewusst sein.

„Warum nicht?”, fragte Hamish.

„Um Himmels Willen, ich bin ein Beamter, kein Magier. Deine Epidemie steht nicht auf der Liste meldepflichtiger Krankheiten, und es gibt nichts, was mein Personal bei einem nicht infektiösen Ausschlag, der kein Risiko für die öffentliche Gesundheit darstellt, tun kann. Das Ministerium hat sowieso schon einen dicken Hals, weil wir unsere Nase in jede noch so irrelevante Gesundheitsangelegenheit stecken, die uns über den Weg läuft. Wir haben dafür einfach nicht die notwendigen Ressourcen.“

Hamish riss sich Zols blaues Jays-Sweatshirt herunter und schmiss es über die Lehne eines Stuhls. Dann, als wäre er misstrauisch gegenüber dem geliehenen Hemd, das er darunter trug, richtete er den Kragen und überprüfte die Knöpfe. Als er seinen Kopf hob, traf er Zols Blick. „Würde es einen Unterschied machen, wenn zwei der Fälle, beides Teens aus Norfolk County, gestern Morgen gestorben wären?” Die Pupillen in seinen babyblauen Augen weiteten sich. „Gelb von Kopf bis Fuß durch akutes Leberversagen.“