Leseprobe Ein Gutshof zum Verlieben

Prolog

Das Ticken der Uhr dröhnte unerträglich laut in Jessicas Ohren, während sie zusammengekauert auf der Eckbank saß und am ganzen Leib zitterte. Dabei befand sie sich an dem Ort, der ihr schon immer einer der liebsten war: der Küche. Eine große Wohnküche mit rustikaler Essecke. Von jeher der Dreh- und Angelpunkt der Familie. Trotz modernster Küchenausstattung sah man dem Raum an, dass es ihn seit gut hundert Jahren gab. Allein die Höhe der Decken und die Wölbungen der Fensternischen deuteten auf das Alter des gutsähnlichen Fachwerkgebäudes hin, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet worden war und schon damals den Wohlstand der Bauernfamilie versinnbildlichen sollte. Zu dem mächtigen Bau, der an das Herrenhaus einer Domäne erinnerte, gehörten ringförmig angelegte Scheunen und Stallungen, die das Gehöft zu einer Festung werden ließen. Ein riesiges Tor, das jedoch meistens offen stand, schloss die gepflasterte Hoffläche ein. Hier in der Küche hatte Jessica stets Trost finden können. Egal ob sie eine schlechte Note mit nach Hause gebracht, sich mit ihren Freundinnen gestritten oder etwas ausgeheckt hatte. Automatisch tauchte Oma Margarethe in ihrer Erinnerung auf, die sie in solchen Momenten mit heißer Schokolade oder warmem Pudding getröstet hatte. Die Wehmut über den Verlust ihrer geliebten Großmutter, die vor einigen Jahren plötzlich und unerwartet verstorben war, verstärkte das Gefühl der Hilflosigkeit noch zusätzlich. Bloß bei dem Dilemma, in dem sie jetzt steckte, würde ihr auch der leckerste Pudding nicht helfen können.

Bange sah sie zu ihrer Mutter hinüber, die ebenso ratlos und aufgelöst wirkte. Wenn auch nicht ganz so sehr wie sie selbst. Doch von Gelassenheit war auch sie weit entfernt, denn anstatt den Abendbrottisch zu decken, lief sie planlos vor der Küchenzeile hin und her, öffnete und schloss die Kühlschranktür, ohne etwas herauszuholen und atmete dabei schwer.

Jessica schluchzte auf. Wenn schon ihre sonst so unerschütterliche Mutter in dieser Verfassung war, wie würde dann erst ihr Vater reagieren, der jeden Moment zur Tür hereinkommen musste? Mutlos barg sie den Kopf in den Händen. Ihm zu beichten, dass sie ein Kind erwartete, ohne mit einem potenziellen Ehemann aufwarten zu können – einem, der auch noch auf den Hof passte – war schon schlimm genug. Aber dass sie sich ausgerechnet vom größten Hallodri im Umkreis von hundert Kilometern hatte schwängern lassen, war so ungeheuerlich, dass sie sich nur noch wünschte, die Erde täte sich unter ihr auf.

Die Tatsache, dass Dennis Schulz sie mit seinem Charme so hatte einwickeln können, dass sie völlig kopflos gewesen war, würde ihren Vater sicher nicht beeindrucken. Dennis, der sich nicht nur perfekt auf Pferde verstand, sondern nur zu gut um seine Wirkung bei Frauen wusste, hatte diesbezüglich einen Erfahrungsvorsprung, bei dem Jessica nicht mithalten konnte. Ihr Liebes-Know-how beschränkte sich lediglich auf eine dreijährige Jugendliebe im Teenageralter. Außerdem verband sie eine innige, aber platonische Freundschaft mit ihrem einstigen Klassenkameraden Steffen. Es war also nicht verwunderlich, dass sie Dennis’ Charmeoffensive hilflos ausgeliefert war. Blind vor Verliebtheit hatte sie seine einschmeichelnden Worte geglaubt und das Gerede der Leute ignoriert, die sich über ihn und seine Weibergeschichten die Mäuler zerrissen. Leider war es nicht nur missgünstiges Geschwätz, als das sie den Klatsch anfangs abgetan hatte, sondern die ungeschminkte Wahrheit, der sie sich nun stellen musste.

Es war Zufall gewesen, dass sie den attraktiven Pferdewirt und erfolgreichen Springreiter kennengelernt hatte. Er war auf Gut Freyenhof beschäftigt, einem Gestüt, das am Rande der Ortschaft lag und auf dem sie sich häufig mit ihren Freundinnen zum Reiten traf. Alle mehr oder weniger versteckten Bemerkungen, die sie über Dennis machten, hatte Jessica als Eifersucht und Neid ausgelegt und in ihrer grenzenlosen Blauäugigkeit ignoriert. Dabei hatten die Mädels sie nur vor ihm warnen wollen. Leider erkannte sie das erst jetzt und zwar mit brutaler Klarheit. Genau genommen auf den Tag genau vor drei Wochen, als sie ihn mit einer anderen erwischt hatte. In flagranti! Besonders peinlich daran: Das gesamte Hofpersonal hatte um die Affäre gewusst, die er mit einer Verheirateten hatte – nur sie nicht. Wenigstens hatte sie ihm noch am selben Tag den Laufpass gegeben und das, obwohl sie da schon um die Schwangerschaft wusste. Geändert hatte sich ihre Meinung dadurch aber nicht. Auch nicht, dass er prompt darauf zu Kreuze gekrochen war und sie mit fadenscheinigen Entschuldigungen um Verzeihung gebeten hatte. Eher würde sie ins Wasser gehen, als ihn zurückzunehmen. Dafür hatte er sie zu tief verletzt. Außerdem war sie sich nicht im Klaren darüber, ob sie das Kind überhaupt bekommen wollte. Genugtuung verschaffte ihr sein Versöhnungsversuch nicht. Nur eine schnelle Ernüchterung auf himmelhoch jauchzende Gefühle und eine brennende Scham darüber, welchem Blender sie auf den Leim gegangen war. Eine Welle von Übelkeit überrollte sie, wenn sie daran dachte, wie dumm und überheblich sie sich ihren Freundinnen gegenüber verhalten hatte.

Doch noch mehr als alles andere fürchtete sie die kritischen Worte ihres Vaters. Bisher hatte es in der Geschichte der Wackernagels, einer angesehenen Familie der Dorfgemeinschaft, keine Skandale gegeben. Alle Zukunftserwartungen lagen auf ihr, der einzigen Nachfahrin. Sie hatte die Aufgabe, die Tradition zu wahren. Und in einem kleinen beschaulichen Ort in einer durch und durch ländlichen Gegend, in der jeder jeden über die Dorfgrenzen hinweg kannte und rein gar nichts Privates geheim blieb, da galt so ein Ruf noch etwas. Mit den Fingern würde man auf sie zeigen, wenn es erst mal überall durchgesickert war, dass der berüchtigtste Casanova weit und breit die Tochter eines der angesehensten Großbauern geschwängert hatte. Und es war den Leuten nicht mal zu verübeln, wenn sie so dachten. Jessica hätte genau dieselben Vorurteile, wäre sie nicht betroffen, gestand sie sich fairerweise ein.

Eine Welle der Übelkeit überkam sie. Brechreiz, der nicht auf die noch sehr frühe Schwangerschaft zurückzuführen war, krabbelte in ihrer Kehle hoch und mündete in einem heftigen Hustenanfall. Mühselig würgte sie ihn herunter. Tränen schossen ihr in die Augen und sie verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Bärbel, Jessicas Mutter, die nervös hin und her lief und immer wieder angespannt zur Küchentür hinüberschaute, kam herbei und strich ihrer Tochter tröstend über den Kopf, worauf Jessica erst recht aufschluchzte.

„Lass mich! Du musst mich nicht bemitleiden, Mama“, schniefte sie und wischte sich mit einem Taschentuch übers Gesicht. „Dummheit muss bestraft werden … das hast du selber gesagt!“

„Aber nicht in dem Zusammenhang und das weißt du ganz genau.“ Bärbel verdrehte die Augen. „Sei nicht so hart mit dir. Glaubst du etwa, du wärst die Erste, die so was erlebt?“ Sie lachte bitter auf und setzte sich neben Jessica auf die Eckbank. „Natürlich nicht. Liebe macht blind. Das weiß jeder!“

Jessica hob den Kopf. „Jaja, ist mir auch klar … aber ich bin das Dummchen, das man vorher gewarnt hat! Mehrfach! Und das … ist das Schlimmste überhaupt. Also tu nicht so, als wäre bei mir alles genauso wie bei allen anderen.“ Erneut vergrub sie ihr Gesicht in den Händen.

Den nächsten Satz konnte Bärbel zwischen Schluchzern und Jammerlauten kaum verstehen.

„Oh, ich bin so doof, dass ich geglaubt habe, mit mir macht er das nicht … aber ich … ich dachte eben, dass er mich liebt, genauso wie ich ihn“, röchelte sie und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Ich blöde Kuh, als wenn ein Typ wie Dennis überhaupt wüsste, wie Liebe geschrieben wird. Und außerdem ändert der sich nie! Niemals! Und schon gar nicht für eine wie mich, so eine biedere Bauerstochter, die …“

„Na, jetzt reicht’s aber!“ Bärbel sprang entrüstet auf. „Bieder? So ein Blödsinn! Weißt du eigentlich, was das bedeutet? Also unter bieder verstehe ich jedenfalls was anderes. Und überhaupt … der Mann, der dich mal kriegt, der kann sich bloß glücklich schätzen! Du bist eine gesunde junge Frau, dazu bildhübsch, hast eine anständige Ausbildung und …“

Jessica riss den Kopf hoch und starrte ihre Mutter unwirsch an. „Sag’s nicht, Mama. Bitte! Ich kann’s nicht mehr hören … glaub mir, ich weiß unseren Hof wirklich zu schätzen, aber was habe ich denn ansonsten schon von der Welt gesehen? Hm, außer den Viechern – ja gut, den sehr teuren Viechern – den Hühnern, Kartoffeln und … und … Kälbern?“

Bärbel wollte Luft holen und etwas entgegnen, doch Jessica saß jetzt kerzengerade und ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Ja okay, ich habe immerhin mit großem Erfolg ein Studium der Agrarwirtschaft absolviert, aber darüber hinaus … was weiß ich denn schon vom Leben?“

„Alles, was ein anständiger Mensch wissen muss. Das weißt du. Und dabei ist es egal, wo in der Welt – wenn ich die jetzt auch mal herbeizitieren darf – man sich aufhält. Gewisse Regeln gelten überall. Zumindest in unserem Kulturkreis. Und nur weil du auf dem Land groß geworden bist, heißt das noch lange nicht, dass du jemandem aus der Großstadt unterlegen bist. So ein Nonsens! Wo hast du nur solche Gedanken her? Du solltest stolz auf das sein, was dir deine Vorfahren hinterlassen haben. Das ist eine Existenz, die dir niemand nehmen kann.“

„Aber das weiß ich doch! Das höre ich mir ja seit ich denken kann an … und ich handle auch danach. Wie oft habe ich denn geholfen, während andere gefeiert haben?“

Bärbel verdrehte erneut die Augen, was Jessica aber nicht sehen konnte, weil sie sich gerade mit einem Taschentuch die Tränen, die ihr unablässig unter den geschwollenen Lidern hervorquollen, abwischte. Ihre Mutter ging unterdessen zur Spüle und griff aufgewühlt nach dem feuchten Lappen, der dort lag. In einer heftigen Anwandlung warf sie ihn frustriert in das Spülbecken und stützte sich dann mit durchgestreckten Armen am Rand ab.

„Wie ich diese Diskussionen hasse“, rief sie und starrte dabei die Kacheln an. „Immer die gleiche Leier, die zu nichts führt.“ Sie atmete tief ein und aus. Offensichtlich, um sich selbst zu beruhigen. Jessica erkannte das an der Art, wie sie ihre Schultern dehnte.

„Für das Problem, dass die Jungen den Alten in der Landwirtschaft helfen müssen“, Bärbel wandte sich wieder um, „und zwar oftmals dann, wenn andere ihre Freizeit genießen können … dafür wird es nie eine Lösung geben, die alle Beteiligten zufriedenstellt. Das weißt du!“ Sie sah Jessica eindringlich an. „Lass uns damit aufhören. Das ist jetzt nicht unser Thema.“

„Aber … wenn ich ein bisschen mehr in der Welt herumgekommen wäre, vielleicht ein Auslandsjahr gemacht hätte, dann …“

„Dann was? Glaubst du allen Ernstes, dass dir das dann nicht hätte passieren können? Da muss ich dich enttäuschen. Solche Dennis-Typen gibt’s überall …“

„Das interessiert mich nicht mehr. Ich will überhaupt keinen Mann mehr … und schon gar keinen, auf den alle Frauen fliegen!“, trotzte Jessica.

„Blödsinn! Das hat was mit Charakter zu tun und nichts mit Aussehen!“, wischte Bärbel die Aussage mit einer energischen Handbewegung beiseite. „Auch wenn du dir das im Moment nicht vorstellen kannst … es gibt tatsächlich eine ganze Menge attraktiver Männer, die nett und verantwortungsbewusst sind, und die sich niemals so abscheulich verhalten würden.“

Bärbel holte tief Luft und kam näher. „Aber auch das ist im Moment nicht unser Thema. Viel wichtiger ist es, wie es weitergehen soll. Und darüber müssen wir jetzt mit deinem Vater sprechen! Er hat ein Recht darauf, zu erfahren, was mit dir ist, da beißt die Maus keinen Faden ab.“

In diesem Moment fiel die schwere, mit Schnitzereien versehene Haustür mit einem satten Klang ins Schloss und unterstrich das Gesagte, worauf Jessica prompt erschrocken zusammenzuckte. Ihr Blick huschte beklommen zur offen stehenden Küchentür, die direkt zur Eingangshalle führte, aus der sie die näher kommenden Schritte ihres Vaters hörte.

„Er wird mich umbringen, ich weiß es ganz genau.“

„Quatsch!“ Bärbel schüttelte energisch den Kopf. „Jetzt lass aber mal die Kirche im Dorf. Hast du das jemals erlebt?“

„Okay – nein, das nicht, aber … er kann so furchtbar wütend werden“, räumte Jessica ein und verschlang ihre Finger miteinander, als wolle sie beten.

„Viel schlimmer ist, wenn er nichts mehr sagt“, gab Bärbel zu bedenken. „Na ja, er wird erst mal ein bisschen grantig sein und vielleicht auch etwas laut werden, aber dann beruhigt er sich auch wieder … nur … was den Dennis betrifft“, seufzte sie, „da kann ich für nichts garantieren.“

„Nein Mama, bitte nicht, das muss er nicht … ich will nicht … Dennis muss nicht erfahren, dass er … ich kann es doch auch wegmachen lassen.“

Fassungslos schnappte Bärbel nach Luft. „Um Gottes willen, das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Sie sah ihre Tochter entsetzt an und raunte dann leise: „Dass du so etwas auch nur denken kannst. Sich so zu versündigen … nein nein, das Kind kriegen wir schon groß.“

„Was kommt überhaupt nicht in Frage?“ Jochen Wackernagel betrat den Raum. Seine Augen streiften den leeren Esstisch und suchten dann die Uhr, die über der Eckbank hing und kurz nach halb sieben anzeigte. Abendbrotzeit. Dann registrierte er, mit welcher Leichenbittermiene Jessica am Tisch saß und drehte sich verwundert zu seiner Frau um – seine sonst so ausgeglichene Frau – die wie ein kopfloses Huhn hin und her lief.

„Wie wär’s, wenn mir mal jemand sagen würde, was hier los ist?“

Bärbel schüttelte den Kopf und Jessica fing von neuem an zu schluchzen. Eigentlich konnte man Jochen getrost einen Gemütsmenschen nennen. Er aß gern, was sich an einem leichten Bauchansatz zeigte und was er mit Mitte fünfzig für völlig akzeptabel hielt – seine Worte. Außerdem liebte er es, wenn alles seine Ordnung hatte. Bärbel wusste das und sorgte stets für sein Wohlbefinden. Es musste schon viel passieren, um Jochen aus der Ruhe zu bringen. Doch wenn das mal der Fall war, dann war Vorsicht geboten. Mit guten Worten konnte man ihm dann nicht mehr beikommen.

Bärbel befürchtete, dass es jetzt soweit sein könnte. Jessica war Jochens ganzer Stolz. Als jung verheiratete Eheleute hatten sie lange auf ein Kind warten müssen. Zeitweise hatten sie die Hoffnung auf Nachwuchs sogar ganz aufgegeben. Als Jessica dann zur Welt kam, wurde sie von ihrem Vater auf Händen getragen. Da brauchte man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie er auf das Verhalten eines Herrn Schulz reagieren würde. Obwohl Dennis, und auch das wusste Jochen noch nicht, noch gar keine Ahnung davon hatte, dass er Vaterfreuden entgegensah.

Er sah die beiden abwartend an. „Also, wollt ihr mir jetzt endlich sagen, weshalb hier so eine Weltuntergangsstimmung herrscht?“

Bärbel ging auf ihn zu und berührte sanft seinen Arm.

„Setz dich erst mal.“ Sie zeigte zum anderen Ende der Eckbank, wo sein Stammplatz war. „Ich erzähl dir gleich alles.“

„Wie? Soll ich etwa alleine essen? Und was ist mit euch?“

Jessica verzog das Gesicht, als müsse sie sich übergeben.

„Mir wird nur bei dem Gedanken schon schlecht“, krächzte sie und presste sich eine Hand auf den Magen, während Bärbel tat, als hätte sie die Frage erst gar nicht gehört.

Kopfschüttelnd setzte sich Jochen auf seinen Platz am Tisch, an den Kopf der Eckbank. Fragend betrachtete er Jessicas gesenkten Kopf, derweil Bärbel mit einem bereits fertig bestückten Vesperbrett herbeieilte.

„Iss! Wer schwer arbeitet, muss auch ordentlich essen. Ich hol nur noch dein Bier und dann setze ich mich dazu.“ Jochens Blick, mit dem er seine Frau von unten herauf ansah, ließ sie wissen, dass er sehr wohl bemerkte, dass sie ihn beschwichtigen wollte. Aber weswegen?

Dabei war er doch der Einzige hier, der die Ruhe weghatte. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich keinen Reim auf das seltsame Verhalten der beiden Frauen machen.

Bärbel brachte das Bier und setzte sich schließlich auf einen Stuhl gleich neben ihn. In großen Kreisen strich sie über die mit einem Wachstuch belegte Tischplatte und vermied es, ihn anzusehen. Jochen nahm das wortlos hin, biss mit stoischer Ruhe ins Brot und trank einen Schluck Bier. Er würde schon noch erfahren, was los war. Er kannte Bärbel viel zu gut, als dass er daran Zweifel hätte und dennoch verspürte er eine vage Unruhe. Irgendetwas war heute anders als sonst.

Schließlich holte Bärbel tief Luft und sah ihn mit einem um Verständnis heischenden Blick an.

„Du wirst Opa.“

Jessica fixierte ihren Vater wie erstarrt. Bleich wie die Wand sah sie aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Dennoch ließ er sich mit einer Antwort Zeit. Während er erneut in sein Brot biss und einen Schluck aus dem Bierseidel trank, nahmen die Gedankenrädchen hinter seiner Stirn allmählich Geschwindigkeit auf.

„An und für sich ein Grund zur Freude, oder?“, merkte er gefährlich ruhig an, nachdem er fertig gekaut hatte. Dabei ließ er seine Tochter nicht aus den Augen. „Sollte der zukünftige Vater nicht auch hier sein?“

Jessica wich seinem durchdringenden Blick aus, indem sie ihr Gesicht hinter ihren Händen verbarg.

„Der weiß noch nichts davon“, erklärte Bärbel.

„Und das soll auch so bleiben!“, entfuhr es Jessica nun, wobei sie die Arme trotzig vor der Brust verschränkte.

„Und warum?“

„Weil er … weil er mich nicht liebt … der kann mich mal!“

„Und das entscheidest du, ohne dass er was davon erfährt.“ Nun kam Jochen in Fahrt. „Jessica, so geht das nicht!“, polterte er entrüstet los, „es geht jetzt nicht mehr nur um dich.“

„Doch!“, brüllte Jessica zurück. „Ich will keinen Mann der … der … ach egal! Es ist mein Körper und mit dem kann ich machen, was ich will!“

Jochen schob das Brett mit dem angebissenen Brot beiseite, trank einen weiteren Schluck Bier und stellte dann den Krug so heftig auf den Tisch, dass es nur so donnerte.

„Jetzt hör mir mal gut zu, mein Kind! Du weißt, dass ich alles für dich tue, aber hier liegt die Sache ein bisschen anders. Recht muss Recht bleiben. Allein mit deinem Körper wäre gar nichts passiert, da brauchte es noch einen zweiten. Wir wollen doch jetzt keine Aufklärung mehr betreiben. Du wirst vierundzwanzig und weißt genau, was los ist. Ich frage dich also noch mal: Wer ist der Vater, Jessica?“

Jessica stemmte die Hände gegen den Tisch und es sah aus, als würde sie jeden Augenblick aufspringen und weglaufen, doch im letzten Moment schien sie zu erkennen, dass ihr das auch nicht weiterhelfen würde. Jochens bohrender Blick verfehlte seine Wirkung dabei nicht. Vater und Tochter waren aus dem gleichen Holz geschnitzt. Natürlich wusste sie, dass er sie liebte und wusste auch, dass er ihr nichts Schlechtes wollte. Sie atmete schwer ein und aus und gab nach.

„Er heißt Dennis“, murmelte sie, doch Jochen hatte verstanden.

„Dennis wer?“

„Dennis Schulz.“

Jochens Wangenmuskeln arbeiteten intensiv, während er realisierte, von wem die Rede war. Seine Augen bekamen einen harten Glanz. „Der Playboy vom Gutshof!?“, donnerte er schließlich los. „Guter Reiter, wie ich gehört habe, aber nicht nur …“ Er verschluckte sich beinahe an dem, was er eigentlich hatte sagen wollen. „Lass mich raten. Er hat schon wieder eine Neue! Ist das der Grund, warum er nichts von der Schwangerschaft wissen soll?“

Mit einem winzigen Kopfnicken bestätigte Jessica seine Vermutung, bevor alle Schleusen brachen. Haltlos schluchzend stützte sie die Ellenbogen auf den Tisch und barg das Gesicht in ihren Händen.

Bärbel sprang bestürzt vom Stuhl auf, setzte sich neben ihre Tochter und hielt sie an den Schultern. Vorwurfsvoll sah sie ihren Mann an.

„Jochen! Du machst es nur noch schlimmer! Es bringt jetzt auch nichts mehr, wenn du hier so herumbrüllst. Es ist nun mal nicht mehr zu ändern.“ Beruhigend tätschelte sie Jessicas Schulter.

„Man wird ja wohl noch mal was sagen dürfen“, schnarrte er, doch sein Ton wurde sofort versöhnlicher. Er hielt es nie lange aus, wenn Jessica weinte. „Aber das kannst du mir glauben …“ Jochens Gesicht glühte jetzt vor Zorn, während er mit dem Zeigefinger durch die Luft fuchtelte. „So wahr ich hier sitze!“, rief er mehr in Richtung seiner Frau. „Auch wenn sie ihn nicht mehr will! Ungeschoren kommt er mir nicht davon. Da kannst du reden, was du willst … und … das Kind kriegen wir auch ohne ihn groß.“

Dankbar sah Bärbel ihren Mann an. Sie sprang auf und eilte zu ihm, der sie neben sich Platz nehmen ließ. Spontan umarmte sie ihn innig und gab ihm einen lauten Schmatzer auf den Mund. „Heute weiß ich einmal mehr, warum ich dich vor dreißig Jahren geheiratet habe.“ Sie lachte, als er eine Grimasse zog.

„Komm mir jetzt nur nicht so … als wenn ich ein Unmensch wäre“, brummte er nur, grinste aber dabei.

„Ach komm, ich weiß doch, dass du dich genauso freust wie ich. Ein Kind bringt wenigstens wieder Leben in die Bude.“

Jessica hörte auf zu schluchzen und hob den Kopf.

Für einen Moment schien es, als hätten ihre Eltern die Welt um sich herum vergessen.

Wehmütig betrachtete sie die beiden. Würde sie wohl jemals einen Mann finden, der genauso liebevoll war wie ihr Vater? Sicher nicht. Besser, sie machte sich da erst gar keine Illusionen.

1

Fünf Jahre waren seit dem Gespräch in der Küche vergangen. Jahre, in denen Jessicas Denken und Handeln vor allem von ihrer inzwischen vierjährigen Tochter bestimmt worden war, der sie ihre ganze Liebe schenkte. Greta, die sie nach ihrer verstorbenen Großmutter Margarethe benannt hatte, war das süßeste Geschöpf, das ihr das Leben hatte schenken können. Das entzückende blond gelockte Wesen mit den großen, veilchenblauen Augen entschädigte sie komplett für alles Leid, das sie durch die kurze Liebschaft mit Dennis hatte ertragen müssen – und das, obwohl die Kleine ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Gänzlich überwunden hatte Jessica die öffentliche Demütigung noch immer nicht. Das spürte sie jedes Mal, wenn sie im Ort unterwegs war und sich fragte, was die Leute wohl jetzt wieder hinter ihrem Rücken über sie tuschelten. Zwar waren alle freundlich zu ihr und taten, als wäre nie etwas geschehen, doch sie spürte, dass man über sie sprach. Stets mit einem höflichen Gruß auf den Lippen, ließ sie sich nicht anmerken, was in ihr vorging, doch sie vermied es, allzu häufig unter Leute zu gehen.

Zum Glück lebte Dennis nicht mehr im Dorf. Auch er war vor dem Gerede geflohen und hatte inzwischen eine Anstellung auf einem Gestüt in einem anderen Bundesland angenommen. Seither schlief Jessica deutlich ruhiger und fühlte sich von Tag zu Tag wohler in ihrer Haut. Greta kannte ihren Vater nicht, denn er hatte zu keiner Sekunde Interesse an seinem Kind gezeigt, was Jessica ganz recht war. Den Unterhalt zahlte er dennoch pünktlich. Eine Tatsache, über die sie jeden Monat aufs Neue staunte. Sie ahnte, dass da ihr Vater die Finger im Spiel hatte. Wehe dem, der bei Jochen in Ungnade fiel. Dabei fällte er prinzipiell keine schnellen Urteile, doch wer gegen seine moralischen Grundsätze verstieß, bekam seine Meinung dazu zu hören. Unverblümt und direkt. Da war er konsequent. Dennis würde es nicht wagen, keinen Unterhalt zu zahlen, hatte Jochen nur kurz nach Gretas Geburt angedeutet, danach aber kein Wort mehr darüber verloren. Wenn ihr Vater nicht reden wollte, hatte man keine Chance. Selbst ihre Mutter nicht, obwohl er ihr nur selten etwas abschlug. Jessica war es egal, ob Dennis zahlte oder nicht. Auch wenn das in fremden Ohren borniert klingen mochte. Erfreulicherweise war sie auf sein Geld nicht angewiesen.

All ihre Energie und Leidenschaft steckte sie in das landwirtschaftliche Unternehmen, das sie irgendwann einmal übernehmen sollte. Denn neben den Glücksmomenten, die ihr das Muttersein bescherte, freute sie sich darüber, dass sie ihre Ideen, den Betrieb umzustrukturieren, gemeinsam mit ihrem Vater hatte umsetzen können. Was für ein Segen, dass er so ein fortschrittlich denkender Mensch war. Jessicas Vorschlag, den Milchbetrieb einzustellen und stattdessen auf Rinderzucht umzusteigen, war bei Jochen auf offene Ohren gestoßen. Bärbel war wegen der nicht unerheblichen Investitionskosten anfangs skeptisch gewesen. Doch das änderte sich, als sie erkannte, dass die Umstrukturierung auch ihre Vorteile hatte. Begeistert registrierte sie, dass sie nun mehr Zeit in den Hofladen investieren konnte. Der Laden, in dem vor allem Kartoffeln, Eier und Fleisch verkauft wurden, war Bärbels ganzer Stolz. War sie doch eine der ersten Bäuerinnen im Landkreis gewesen, die diesen Schritt gewagt hatte. Zwanzig Jahre lag das nun schon zurück. Damals hatte die Renovierung des zweistöckigen Gesindehauses ohnehin auf dem Plan gestanden. Im Untergeschoss waren der Laden, ein Büro und zwei Lagerräume eingerichtet worden und im Obergeschoss waren drei Einzelzimmer nebst sanitären Anlagen entstanden, die bei Bedarf der Unterbringung von Angestellten zur Verfügung standen.

Es war ein kühler, regnerischer Sommertag und es roch nach feuchter Erde. Niemand – schon gar nicht die Landwirte – beklagten sich darüber, denn die Natur lechzte nach der Hitze der letzten Tage geradezu nach Wasser.

Die ländliche Stille, die an diesem Vormittag über dem Wackernagel’schen Gehöft lag, wurde nur vom leisen Gegacker der Hühner durchdrungen, die hinter den Ställen auf einer Wiese frei umherliefen, bis ein dumpfer platschender Knall dem ein Ende setzte.

Jessica, die, wenn Greta im Kindergarten war, die Morgenstunden für Büroarbeit nutzte, fuhr erschrocken auf. Ein markerschütternder Schrei, der nach ihrem Vater klang, folgte.

Die Bürotür zum Laden stand offen, genauso wie die Ladentür zum Hof. Kerzengerade aufgerichtet lauschte Jessica, was als Nächstes kommen würde und hörte, wie ihre Mutter, die dabei war, bestellte Waren einzupacken, „Oh mein Gott!“ rief und fluchtartig zur Tür heraus auf den Hof rannte.

Endgültig alarmiert rammte Jessica den Bürostuhl rückwärts in einen achtlos auf dem Boden stehenden Karton mit Werbeflyern und sprintete hinterher.

Vom Laden bis zur Scheune auf der anderen Seite waren es nur wenige Meter. So konnte Jessica sofort sehen, was passiert war. Jochen musste gestürzt sein, denn er lag mit schmerzverzerrtem Gesicht seltsam gekrümmt neben den Trittstufen des laufenden Treckers auf dem Pflaster. Bärbel, die vorgerannt war, kniete keuchend neben ihm und murmelte bestürzt unentwegt unverständliche Worte vor sich hin. Bei dem Anblick gab es nichts mehr zu überlegen. Jessica zog das Handy aus ihrer Hosentasche und wählte die Nummer des Rettungsdienstes.

„Wir brauchen einen Krankenwagen. Schnell!“, rief sie in den Hörer und nannte die Adresse.

„Papa, gleich kommt Hilfe. Bleib tapfer.“ Sie kniete sich nun auch neben ihren Vater und versuchte, Ruhe zu bewahren. Es reichte, wenn ihre Mutter völlig konfus war.

„Wie konnte das denn nur passieren und wo steckt Jasper eigentlich?“, wollte Bärbel wissen. In ihren Augen schimmerten Tränen.

„Jasper hat Berufsschule“, erklärte Jessica, kletterte auf den riesigen Trecker und schaltete den Motor ab.

„Ich … ich bin …“, stöhnte Jochen, „… beim Absteigen mit dem Hosenbein irgendwo hängen geblieben und dann kopfüber …“ Er beendete seine Worte mit einem lauten Schmerzenslaut. Sein rechter Arm hing wie leblos an seinem Körper. Besorgt sah Jessica ihre Mutter an. Jochen wollte sich aufrichten.

„Nein! Bitte Papa, bloß nicht“, rief Jessica, „das habe ich im Fernsehen gesehen. Du musst so bleiben, bis die Sanitäter kommen. Hinterher verschlimmern wir es noch, wenn wir dich bewegen.“

Bärbel nickte und strich Jochen sanft über den Kopf, dabei half sie ihm, sich vorsichtig wieder abzulegen.

Kurze Zeit später fuhr der Krankenwagen auf den Hof.

 

Am Abend bereitete Jessica das Abendbrot, als Bärbel, die dem Rettungswagen hinterhergefahren war, nach Hause kam. Beruhigt stellte sie fest, dass ihre Mutter inzwischen einen wesentlich zuversichtlicheren Eindruck machte als am Vormittag.

Greta, die am Esstisch saß und malte, sprang sofort auf, als sie ihre Oma in die Küche kommen sah und lief zu ihr.

„Omi, da bist du ja wieder!“, rief sie und streckte ihrer Großmutter die Arme entgegen, während sie über das ganze Gesicht strahlte.

Bärbel nahm die Kleine auf den Arm. „Ja, mein Schatz, ich bin da.“

„Und wo ist der Opi?“

„Der ist auch bald wieder daheim, aber ein bisschen müssen wir noch warten.“

Jasper, der als Auszubildender auf dem Hof weilte, half Jessica, den Tisch zu decken. Der einundzwanzigjährige hochgewachsene und kräftige Kerl wollte Bauer werden, wie er selbst sagte. Er kam aus Niedersachsen, wo seine Eltern ebenfalls einen großen Hof besaßen und bewohnte seit Beginn der Lehrzeit eins der Zimmer über dem Laden.

Seit Jochen angehende Landwirte aus dem ganzen Bundesgebiet ausbildete, war es gute Sitte, dass Familie und Angestellte die Hauptmahlzeiten gemeinsam einnahmen.

„So, ihr wollt bestimmt wissen, was mit Jochen ist.“ Bärbel atmete langsam aus. „Er wurde sehr gut versorgt und schläft jetzt. Morgen erfahren wir mehr“, berichtete sie und legte ihre Handtasche auf die Eckbank. „Soll ich euch was helfen?“

„Nein, brauchst du nicht“, schüttelte Jessica den Kopf. „Das macht Jasper schon. Erzähl uns lieber, was die Ärzte sagen. Ist was gebrochen?“

„Er wird morgen früh um sieben operiert, es geht nicht anders.“

Bärbel ging zum Fenster und sah auf den Hof. Jasper hatte den riesigen Traktor, von dem Jochen gestürzt war, unter das weit überstehende Scheunendach gefahren.

„Operiert?“ Jessica rutschte die Butterschale aus der Hand, sodass sie unsanft auf den Tisch knallte. „Aber … äh … hat er sich denn nicht nur was gebrochen?“

Bärbel drehte sich jetzt wieder vom Fenster weg, kam zum Tisch und setzte sich auf ihren Platz.

„Ja, das ist auch so, aber nur … trifft es leider nicht“, lachte sie ironisch auf und schlang die Hände ineinander. „Wenn dein Vater was macht, dann richtig. Ich fange mal mit den einfacheren Verletzungen an.“ Bärbel hob den Daumen und begann, mit den Fingern abzuzählen. „Abgesehen von mehreren kleineren Prellungen, die er natürlich erlitten hat, kommt noch eine leichte Gehirnerschütterung dazu. Außerdem hat er sich das Handgelenk gebrochen.“ Sie zog eine Grimasse. „Das ist zwar nicht schön, aber auch nicht so tragisch. Nur gegen die Schultergelenkssprengung, bei der unglücklicherweise gleich beide Bänder gerissen sind, ist alles andere ein Klacks.“ Sie zog scharf die Luft ein und faltete die Hände, als ob sie beten wollte, bevor sie weitersprach.

„Das ist der höchste Schweregrad bei einer solchen Verletzung, hat der Arzt gesagt. Ihr könnt euch denken, was das im Klartext bedeutet. Er wird sich die nächsten Monate schonen müssen. Und wenn ich schonen sage, dann meine ich auch schonen. Er darf sich auf keinen Fall körperlich anstrengen. Das hat mir der Doktor besonders ans Herz gelegt.“

„Ach du lieber Himmel!“, rief Jessica und auch Jasper blieb mit dem Brotkorb mitten in der Küche stehen.

„Wie lange wird er denn ausfallen?“ Jasper machte ein entsetztes Gesicht.

„Das ist schwer zu sagen. Wie gesagt, er wird nur wieder richtig fit werden, wenn er sich streng an die Anweisungen hält und das bedeutet: Die Schulter muss ruhiggestellt werden. Ich denke, er wird mindestens ein Vierteljahr außer Gefecht sein.“

Jasper stellte das geschnittene Brot auf dem Tisch ab. „Und was bedeutet das dann für mich? Muss ich hier wieder weg?“

„Nun mal langsam“, beruhigte ihn Bärbel. „So schnell schießen die Preußen nicht. Du bist seit über einem Jahr hier und sehr gut eingearbeitet. Jochen darf zwar körperlich nicht arbeiten, aber reden kann er noch. Mach dir darüber keine Gedanken. Dafür finden wir eine Lösung. Jasper, wir brauchen dich! Ob das reicht, werden wir sehen. Aber das besprechen wir, wenn Jochen wieder daheim ist.“

 

Es brauchte keinen Tag, bis auffiel, dass der Chef des Hauses an allen Ecken und Kanten fehlte. Abgesehen von seiner Arbeitskraft, die Jasper mit doppeltem Einsatz versuchte wettzumachen, vermisste man sein Organisationstalent, seine Meinung, seine Entscheidungskraft, seine Erfahrung und nicht zuletzt sein enormes Wissen, aber vor allem die Ruhe, mit der er schwierigste Situationen meisterte. Jessica, die zwar mit sämtlichen Arbeitsabläufen, die auf dem Hof anfielen, vertraut war, besaß noch lange nicht die Routine ihres Vaters. Ganz besonders nicht, wenn es um Jochens Steckenpferd, die kleine Herde Wagyû-Rinder ging, die er fast ausschließlich allein versorgte. Ausgerechnet jetzt, wo er im Krankenhaus lag, musste Jessica den Transport eines zur Schlachtung vorgesehenen Tieres organisieren und gleichzeitig ein anderes betreuen, das jeden Moment kalbte. Auch Jasper kannte den genauen Ablauf auf dem Schlachthof nicht, weil sich Jochen darum lieber selbst kümmerte, egal für welches Tier.

Jessica, die sich in den letzten Monaten hauptsächlich um die bundesweite Vermarktung des Warenangebotes gekümmert hatte, musste sich eingestehen, dass ihr die routinemäßigen Verpflichtungen ihres Vaters nur mühsam von der Hand gingen. Vor allem fehlte seine unerschöpfliche Erfahrung.

So gut es ging, gab Jochen telefonische Anweisungen, doch einiges ließ sich so auch nicht regeln. Bei Fragen zu den Terminen, die zum Mähen der reifen Fruchtstände organisiert werden mussten, wurde das knifflig. Wer sollte die Frucht mähdreschen, welches Feld zuerst und wann? Wohin mit dem Weizen? Auf den Lagerboden oder in ein Silo? Wie viel davon verkaufen, schroten oder lagern? Gleich oder später? Zu welchem Preis? Jessica schwirrte der Kopf. Sie wusste viel, hatte aber noch nie allein entscheiden müssen, auch Bärbel nicht, die nur hilflos mit den Schultern zucken konnte und auf Nachfrage ihrer Tochter antwortete: „Lieber Himmel, du fragst mich Sachen! Das weiß ich doch nicht. Jedenfalls nicht genau. Das macht dein Vater. Über Details haben wir nie gesprochen.“

 

Ein paar Tage später – Jochen lag noch immer im Krankenhaus – standen zwei Frauen vom örtlichen Dorffrauen-Verein vor der Haustür. Bärbel, die dort mit im Vereinsvorstand saß, hätte ahnen müssen, dass man ihr einen Besuch abstatten würde. Der Unfall war schließlich das Gesprächsthema im Dorf und hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen.

Aus der Arbeit gerissen, bat Bärbel die beiden herein und stöhnte innerlich auf. Weder war sie auf Besuch eingerichtet noch stand ihr der Sinn danach. Es war früher Nachmittag. Christel allein wäre dabei nicht das Problem gewesen, mit ihr verband Bärbel seit Jahren eine gute Freundschaft, aber mit Edda hatte sie noch nie warm werden können. Beruhigt dachte sie daran, dass im Moment keiner auf sie wartete. Traudel Hühne, die gut eingearbeitete Teilzeitangestellte des Hofladens, kam sehr gut allein zurecht. Wie jeden Freitag kümmerte sie sich um die Restaurantbestellungen, die eingetütet werden mussten. Jessica hatte einen Termin beim Steuerberater und Jasper betreute die laufende Gerstenernte.

Wohl oder übel führte Bärbel die beiden Frauen in die gute Stube und sah sich dabei unauffällig nach augenscheinlichen Staubschichten um. Wenigstens herrschte in dem riesigen Wohn- und Esszimmer, das eigentlich nur zu größeren Anlässen der Familie genutzt wurde, Ordnung. Ganz im Gegensatz zur Küche, in der es aussah wie Kraut und Rüben. Christel kannte solche Umstände und wusste, wie es war, wenn einem alles über den Kopf wuchs. Bei Edda musste man dagegen vorsichtig sein. Sie war für ihr loses Mundwerk bekannt und suchte gern – besonders bei anderen – das Haar in der Suppe. Tatsächlich fühlte sich Bärbel seit Jochens Sturz ein wenig unorganisiert. Seit dem Tag ihrer Hochzeit waren sie nie getrennt gewesen. Nicht einen einzigen Tag und er fehlte ihr mehr, als sie hätte in Worte fassen können.

Einen Seufzer unterdrückend, lächelte sie Christel Weinreich an, die sie beobachtet hatte und ihr mit einem verständnisvollen Nicken zu verstehen gab, dass sie sich keine Umstände zu machen bräuchte. Bärbel besann sich dennoch auf ihre Gastgeberrolle und deutete auf die Plätze rund um den Esszimmertisch.

„Setzt euch. Was kann ich euch anbieten? Einen Kaffee vielleicht?“

„Mir reicht ein Glas Wasser. Es ist ja schon wieder so heiß geworden. Wenn ich jetzt auch noch etwas Heißes trinke – nicht auszudenken.“ Christel blieb stehen und hielt ihr ein in Geschenkpapier gewickeltes Päckchen entgegen. „Wir wollen dich auch wirklich nicht lange aufhalten, Bärbel. Du hast sicher genug zu tun. Wir sind nur hier, weil wir uns erkundigen möchten, wie es Jochen geht und um dir unsere Hilfe anzubieten.“

„Für mich auch ein Wasser“, kam es nun auch von Edda Vogt, die sich neugierig im Raum umsah. Auch sie machte keine Anstalten, sich zu setzen. „Mach dir nur keine Mühe“, murmelte sie, während ihr Blick an dem alten Klavier hängenblieb, das weiter hinten im Wohnzimmer an der Wand stand. „Wer spielt denn bei euch? Habt ihr dafür noch Zeit?“

Bärbel antwortete nicht sofort, sondern sah auf die Uhr, um abzuwägen, wie lange sie sich für den Besuch Zeit nehmen konnte. Greta musste in einer Stunde vom Kindergarten abgeholt werden, was Bärbel gleich mit einem Kurzbesuch im Krankenhaus und dem anschließenden Einkauf im Supermarkt verbinden wollte.

„Jochens Mutter hat als junge Frau gespielt und Jessica hat vor Jahren Unterricht bekommen. Na ja, was soll ich sagen – sehr interessiert war sie nie, wollte immer lieber ihrem Papa draußen im Stall helfen oder reiten. Jetzt ist es vor allem Dekoration.“ Bärbel stellte Gläser auf den Tisch. „Nun setzt euch doch, ich hole nur noch das Wasser.“

Wieder lief sie los und kam mit zwei Flaschen kühlem Wasser zurück. „Jochen geht es den Umständen entsprechend gut …“ Sie setzte sich. Während sie den beiden eingoss, begann sie von der Operation zu berichteten. „Er wird eine Weile außer Gefecht sein, aber das wird schon wieder, die Ärzte sind zuversichtlich.“

Ein kurzer Moment des Schweigens entstand, den sie dazu nutzte, unauffällig auf ihre Armbanduhr zu schauen. Himmel, hoffentlich hatten die beiden kein Sitzfleisch. Bärbel holte Luft, um weiterzusprechen, doch Edda fiel ihr ins Wort.

„Na, da hat er aber ordentlich Glück gehabt. Das hätte auch ganz anders ausgehen können. Einem Landwirt aus Bad Wildungen ist so was Ähnliches passiert. Der ist vom Mähdrescher gestürzt. Direkt auf den Kopf!“ Ihre Miene wurde theatralisch. „Seitdem liegt er im Wachkoma …“

Christel verdrehte entsetzt die Augen und schüttelte unwillig den Kopf. „Also … uns interessiert viel mehr, wie wir dir helfen können, Bärbel“, fuhr sie Edda dazwischen und zwinkerte Bärbel schließlich entschuldigend zu. „Ich habe schon mit anderen Frauen aus dem Verein gesprochen. Und ich soll dir sagen, du bräuchtest nur anzurufen und Bescheid geben. Bitte zier dich nicht, alle wollen gerne helfen.“

Sichtlich gerührt legte Bärbel die Hand aufs Dekolleté und musste erst mal schlucken.

„Ach, das ist ja lieb, da komme ich gern drauf zurück. Im Moment fällt mir zwar nichts ein, aber ich werde daran denken. Gott sei Dank haben wir Jasper. Der Junge ist ein Glücksgriff.“ Bärbel legte den Finger ans Kinn, sah hoch zur Decke und schien zu überlegen. „Hm, warte … eigentlich bräuchte ich nur eine Vertretung für den Kinderkochkurs – vorübergehend jedenfalls – ich weiß nämlich noch nicht, was auf mich zukommt, wenn Jochen wieder daheim ist. Er braucht mich und ich möchte ihn ungern allein lassen.“

„Aber das ist doch selbstverständlich“, nickte Christel, „und dürfte kein Problem sein. Sarah von Freyenhof will, so wie letztes Jahr, wieder zusammen mit ihrer Schwägerin mit den Kindern backen. Demnächst irgendwann. Sicher hat sie auch mit dem Kochkurs keine Berührungsängste.“

„Aber ist sie denn nicht wieder schwanger … mit dem dritten Kind?“ Edda zog die Augenbrauen hoch und machte ein wichtiges Gesicht.

Der hämische Unterton ließ Bärbel aufhorchen. Christel ging es ähnlich, denn sie presste für eine Sekunde ärgerlich die Lippen zusammen.

„Weiß ich nicht“, merkte Bärbel kühl an, „und wenn’s so wäre. Was geht das uns an? Außerdem ist sie, wenn, ja auch nur schwanger und nicht krank.“

„Ich meine ja nur, das Mädchen, also das zweite Kind, ist doch gerade mal ein Jahr alt und der Älteste … warte mal, der ist …“

„Johannes ist so alt wie Greta. Nur knapp zwei Monate jünger“, erklärte Bärbel und zwang sich dazu, geduldig zu bleiben. Edda gab ja sonst doch keine Ruhe. „Die beiden gehen zusammen in den Kindergarten. Aber wenn du mehr über die Freyenhof-Kinder wissen willst, musst du Sarah schon selbst fragen!“

„So war das doch nicht gemeint. Jetzt sei doch nicht so. Man wird ja wohl noch fragen dürfen. Das interessiert doch alle. Wenn man schon mal so eine Adelsfamilie im Dorf hat …“

„Deswegen sind wir aber nicht hier, Edda!“, fuhr ihr Christel abermals ins Wort. „Wir wollen Bärbel und Jessica Hilfe anbieten. Sicher hat sie auch nicht viel Zeit.“

Bärbel, die ständig die Uhr im Blick hielt, hob die Achseln und nickte dezent.

„Ach, und bevor ich’s vergesse“, redete Christel weiter, „ich soll dir auch von meinem Mann sagen, dass er jederzeit mit anpackt, wenn ihr noch eine starke Hand braucht. Wir wollen uns nichts vormachen … Jasper kann ja nicht alles allein schaffen. Und die Kraft, die ein Mann hat, körperlich, meine ich, hat eine Frau nun mal nicht.“

Das schien für Edda das Stichwort zu sein. Sofort hakte sie ein. „Das lässt sich nicht leugnen … äh, wie sieht’s denn eigentlich mit eurer Jessica aus? Will sie sich denn nicht endlich mal einen Mann suchen? Bei dem großen Hof? Das kann sie doch unmöglich allein schaffen, äh … ich meine für später … ihr werdet ja auch nicht jünger.“

Bärbel wurde blass.

„Aber da wollte ich doch gar nicht drauf hinaus“, reagierte Christel ärgerlich. „Der Peter hat’s doch nur gut gemeint …“

„Lass Christel, ich habe dich schon verstanden. Sag deinem Mann einen lieben Dank für das Angebot. Vielleicht sollte ich Edda mal im Gegenzug fragen, warum ihr fast vierzigjähriger Bruder noch nicht verheiratet ist? Bei dem großen Hof, meine ich …“ Bärbel zog eine Augenbraue hoch und fixierte Edda kühl. „Das wäre doch auch mal ein Thema, über das wir reden könnten, oder?“

„Ach, jetzt sei doch nicht so empfindlich, Bärbel. Das war doch nicht böse gemeint“, ruderte Edda zurück. „Man macht sich eben so seine Gedanken. Deine Tochter ist doch eine bildhübsche junge Frau. Wenn sie wollte, könnte sie doch fünf an einer Hand haben … und das nicht nur wegen des Erbes …“, setzte sie mit gewichtiger Miene nach.

„Und was ist mit dem Erbe vom Berti?“, hakte Christel scharf nach. „Bildhübsch ist er zwar nicht, aber das, was er mal von eurer Mutter kriegt, hat schon über so manches Defizit hinweggetröstet.“

„Ach, ihr wisst doch, wie er ist“, zuckte Edda resigniert mit den Schultern und sah darüber hinweg, dass Bärbel sich die Hand vor den Mund hielt, um nicht loszuprusten.

Wenn man Christel verärgerte, konnte sie ziemlich direkt sein.

„Er lässt sich von niemandem etwas sagen … seine Freiheit will er genießen, tönt er“, ließ Edda jetzt in einem klagenden Ton verlauten. „Die Richtige sei ihm noch nicht über den Weg gelaufen.“ Edda schüttelte verächtlich mit dem Kopf. „Es ist ihm doch auch keine gut genug. Aber das wird ihm noch sauer aufstoßen.“

Bertram Schaumlöffel war Eddas dreizehn Jahre jüngerer Bruder, der den stattlichen Hof seiner Vorfahren bewirtschaftete. Allerdings gehörte dieser noch immer seiner knapp achtzigjährigen Mutter, mit der er allein im Haus lebte. Für die viele Arbeit beschäftigte er Betriebshelfer und Landarbeiter.

„Mit Ende Dreißig wäre es dann aber langsam mal an der Zeit, mit der Suche anzufangen“, stichelte Christel weiter. „Auf was wartet der denn noch? Auf Heidi Klum?“

Bärbel und Christel warfen sich wissende Blicke zu. Das ganze Dorf wusste, dass Bertram die Gesellschaft seiner Skatrunde im Wirtshaus jeder Frau vorzog. Auch bei der Feuerwehr engagierte er sich. Vor allem deshalb, um den Nachwuchs herumzukommandieren. Berti war stets der Liebling seiner Eltern gewesen, die nie einen Hehl daraus gemacht hatten, dass ihnen ein Sohn willkommener war als eine Tochter. Und dass Edda sich mit ihm seit jeher in den Haaren lag, war ein offenes Geheimnis.

„Was meinst du damit, dass ihm das noch sauer aufstoßen wird?“ Bärbel beäugte Edda mit einem wachsamen Blick. Warum durfte sie nicht auch mal neugierig sein?

„Er wird den Hof nicht erben, wenn er bis zum Tod meiner Mutter keine Familie gegründet hat.“

„Ach, das hat sie doch bestimmt nur so dahingesagt. Das meint sie doch nicht ernst.“ Christel beugte sich über den Tisch und sah Edda ungläubig an. „Sie war doch immer so stolz auf ihren Berti.“

„Ja, das stimmt“, nickte Edda und wirkte plötzlich bekümmert, „aber die Mama wird in zwei Jahren achtzig und wird allmählich ungeduldig.“

Bärbel bedauerte Edda insgeheim. Mit so einer Familie konnte man wahrscheinlich gar nicht anders, als seltsam zu werden.

„Sie ist plötzlich viel netter zu mir“, redete Edda aufgeregt weiter, „ich glaube, sie hat erkannt, dass der Berti gar nicht wirklich die Absicht hat, zu heiraten und Kinder zu kriegen. Das erzählt er ihr nur, damit sie ihm nicht ständig damit in den Ohren liegt. Doch meine Mutter ist nicht senil.“ Eddas Augen blitzten. „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie sehr sie sich gefreut hat, dass mein Junge, der Manuel, Landwirt werden will … tja, und jetzt, wo er seine Ausbildung abgeschlossen hat und sogar noch ein Studium dranhängen will, da sieht es für meinen lieben Bruder gar nicht mehr so gut aus.“ Unverhohlene Schadenfreude leuchtete aus Eddas Augen. „Deshalb hat sie vor kurzem auch ihr Testament geändert. Letztes Wochenende, bei einem gemeinsamen Mittagessen mit der Familie, hat sie es uns erzählt. Sie meinte, sie hätte keine Zeit mehr zu verlieren … und wenn der Berti ledig bleibt und auch nicht wirklich für Nachkommen sorgt …“, grinste sie hämisch, „… dann kriegt der Manuel den Hof. Basta.“

„Na, das sind ja mal Nachrichten“, konnte sich Bärbel nicht verkneifen und zwinkerte Christel zu. „Da können wir ja gespannt sein, was dein Bruder sich einfallen lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Hof freiwillig aufgibt.“

„Allerdings“, stimmte Christel ihr zu, „aber jetzt wollen wir dich nicht länger aufhalten.“ Sie erhob sich. „Melde dich bitte, wenn du Hilfe brauchst.“

 

Am Abend meldete sich Christel dann noch einmal telefonisch bei Bärbel.

„Ich muss mich bei dir entschuldigen“, rief sie aufgelöst in den Hörer. „Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten.“

„Ach, alles halb so wild“, lachte Bärbel, „das war Edda, wie sie leibt und lebt. Das schockt mich nicht. Sie hat nun mal ein loses Mundwerk. Da kannst du doch nichts dafür.“

„Es hat mich aber schon geärgert, vor allem, weil es ein echt blöder Zufall war, weswegen sie überhaupt bei dem Besuch dabei war. Es war nicht geplant, dass sie mitkommt, das kann ich dir sagen. Wer kann auch ahnen, wenn man sich belanglos mit seinem Nachbarn unterhält – im Supermarkt an der Käsetheke – dass ausgerechnet Edda um die Ecke kommt, wo sie doch sonst immer nach Bad Wildungen zum Einkaufen fährt.“

„Die wirst du jetzt öfter hier sehen. Bedenke, was sie von ihrer Mutter erzählt hat.“

„Ja, da kannst du recht haben. Sie wird das Eisen schon schmieden, damit ihr Sohn den Hof kriegt“, stimmte Christel zu. „Jedenfalls hat sie leider mitbekommen, über was ich mich mit meinem Nachbarn unterhalten habe. Er hat mich nach Jochen gefragt und ich habe ihm erzählt, dass ich vorhätte, dich zu besuchen. Tja, und plötzlich steht sie neben mir und meint doch frech weg: Da komm ich mit! Ich will auch helfen.“ Christel stieß einen Stoßseufzer aus. „Was hätte ich denn da sagen sollen? Ach Bärbel, ich wäre so viel lieber allein zu dir gekommen. Es tut mir leid. Auch, dass sie sich so über Sarah und Jessica ausgelassen hat. Das war wirklich ganz unmöglich.“

„Ja“, seufzte nun auch Bärbel, „typisch Edda eben. Sie lässt eben nichts unkommentiert. Leider hat sie mit Jessie auch noch ins Schwarze getroffen. Dir kann ich das ja sagen. Wir machen uns ernsthafte Sorgen. Sie ist von diesem gottverfluchten Weiberhelden … diesem Casanova vom Gutshof so traumatisiert, dass sie keinen Mann mehr an sich ranlassen will. Hach, das macht mich manchmal so wütend … ich bin nur so gnädig, weil Greta so ein Sonnenschein ist.“

„Wirklich eine Schande, dass er sich so gar nicht kümmert …“

„Ach, es ist besser so. Nicht auszudenken, wenn er ihr dauernd begegnen würde.“ Bärbel stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Lieber Himmel, wenn sie das doch nur endlich vergessen könnte. Dabei ist es schon so lange her: fünf Jahre. Das muss doch mal ein Ende haben. Wir sind mit unserem Latein absolut am Ende, Christel. Du ahnst nicht, wie viele Gespräche wir deshalb schon hatten. Nichts dringt zu ihr vor. Nächstes Jahr wird sie dreißig. Ich weiß gar nicht, wo das noch hinführen soll. Sie verkriecht sich hier auf dem Hof. Arbeitet von morgens bis abends und scheut das Dorf wie der Teufel das Weihwasser … nur weil sie glaubt, die Leute würden immer noch über sie reden …“

„Das tun sie ja auch“, räumte Christel ein, „nur aus anderen Gründen, als sie denkt. Alle wussten, was er für einer war, beziehungsweise ist. Glaub nicht, dass er sich geändert hat.“

„Wohl kaum“, stimmte Bärbel zu und seufzte erneut.

„Ach, es ist aber auch wirklich ein Jammer, dass so eine hübsche und kluge junge Frau wie Jessica so verbittert ist.“ Christel hielt inne. „Gib mir ein bisschen Zeit, Bärbel. Vielleicht fällt mir ja was ein, wie wir sie aus ihrem Schneckenhaus rausholen können.“