Leseprobe Ein Duke für die Lady

Prolog

— Seit vielen Jahren hat die Schönheit einer Debütantin in den illustren Kreisen nicht mehr so hohe Wellen geschlagen wie die der schönen Miss Hyacinth Pomfret aus Hertfordshire, der zweiten Tochter von Lord deGriffith. Im Salon am Donnerstag war diese junge Dame das Objekt der Bewunderung aller Anwesenden. —

Foxe’s Morning Spectacle, Samstag, den 4. Mai 1833.

— Vergangene Woche berichteten wir über die Aufregung um Miss Hyacinth Pomfrets Debüt. Diese Woche ist ihre Schwester, Miss Pomfret, unerwartet aus dem Ausland zurückgekehrt. Wie unsere Leser sich erinnern werden, hatte Lord deGriffiths älteste Tochter bei ihrem eigenen Debüt vor einigen Jahren für mehr als eine Sensation gesorgt. Bei zwei Gelegenheiten musste der Riot Act verlesen werden. Die zweite, kurz vor ihrer Abreise auf den Kontinent, folgte auf einen Disput mit Lord Nunsthorpe einen Gesetzentwurf zur Regulierung der Fabrikarbeit betreffend. Folglich wurde die Nachricht von ihrer Rückkehr vielerorts mit Unruhe aufgenommen. —

Foxe’s Morning Spectacle, Donnerstag, den 30. Mai 1833.

Kapitel 1

Vorlesungssaal der Abstinenzler-Liga, London

Donnerstag, 13. Juni 1833

Papa würde hierüber alles andere als erfreut sein, dachte Cassandra, als sie sich erhob.

Aber es musste sein, und die Andromeda-Gesellschaft hatte zugestimmt, dass sie für sie sprechen sollte. Ihr Vater war ein einflussreiches Mitglied des Unterhauses, wo Mr. Titus Owsley immer mehr Unterstützung für seinen schlecht durchdachten Gesetzentwurf zu finden schien. Andere Frauen mochte er ignorieren, doch bei Lord deGriffiths Tochter konnte er sich das nicht erlauben.

Owsley war einer der jüngeren Parlamentarier, gut aussehend, eloquent und, laut ihrem Vater, weit ehrgeiziger, als seine scheinbare Bescheidenheit vermuten ließ.

Dass es im Parlament keinen Mangel an Heuchlern gab, schadete der Sache des Gentlemans auch nicht.

Sie hatte sich zurückhaltend gekleidet, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. An dem schlichten Hut, der auf ihrem dunkelroten Haar thronte, steckten weder Blumen noch Vögel. Weder Rüschen noch Bordüren zierten ihr blasslila Kleid. Sie hatte sich sogar so gekleidet, wie es Moralapostel wie Owsley befürwortet hätten. Während des Vortrags saß sie still und hörte zu. Verstand und Mitgefühl gingen ihm nicht vollkommen ab, doch er hatte, wie die meisten Mitglieder der Oberschicht, schlicht keine Ahnung von einfachen Leuten.

Ihr Ausdruck war die übliche Fassade von Gefasstheit, als sie sagte: »Mr. Owsley, in den vergangenen Wochen sind in den Londoner Zeitungen einige Artikel über Ihren Gesetzentwurf zur besseren Durchsetzung des Feiertags erschienen. Ich und viele andere haben geduldig darauf gewartet, dass Sie sich dazu äußern. Da Sabbatgesetze und -praktiken heute das zentrale Thema Ihres Vortrags bildeten, nehme ich an, Sie werden Ihren Kritikern jetzt antworten.«

Er runzelte fragend die Stirn. »Meinen Kritikern? Ich bin nicht sicher, welche Zeitungen Sie meinen, Miss Pomfret.«

Das bezweifelte sie stark, doch sie spielte mit.

»Ich meine zum Beispiel so etwas hier.« Sie wedelte mit dem Ausschnitt aus einer kürzlich erschienenen Ausgabe des Figaro in London, einer satirischen Zeitung mit radikaler Tendenz.

Obwohl sie den Wortlaut inzwischen auswendig kannte, senkte sie den Blick und las:

»›Das Einbringen eines Gesetzentwurfs durch Mr. Titus Owsley, der unter dem Vorwand, die Einhaltung des Sabbats durchsetzen zu wollen, so zugeschnitten ist, dass an diesem Tag den Armen die Versorgung mit dem Notwendigen versagt wird, während die Reichen in ihrem Luxus keine Einschränkungen hinnehmen müssen, ist unserer Ansicht nach der größte parlamentarische Unsinn seit Langem.‹«

Um sie herum holten einige hörbar Luft, andere kicherten. Von der Galerie konnte sie Männer laut lachen hören. Sie behielt den Blick auf die Zeitungsausschnitte geheftet.

Er sagte: »D-das ist n-n-«

»›Er möchte, dass am Tag des Herrn nichts getan wird,‹«, las sie weiter, »›außer solche Arbeiten, die für den Erhalt der gesellschaftlichen Ordnung notwendig seien. In Herrenhäusern dürfen also noch luxuriöse Dinner zubereitet und gegessen werden, während in Garküchen lebensnotwendige Speisen nicht beschafft werden dürfen. Private Kutschen dürfen sich wie gewöhnlich auf den Straßen drängen, öffentliche Verkehrsmittel jedoch sollen am Sabbat nicht geduldet werden. Diese Gesetzesänderung würde in der Tat nur die ärmeren Klassen treffen, während der besseren Gesellschaft noch immer dieselben Freiheiten gewährt würden wie bisher.‹«

Nun gab es Zischen, Buhen und Gelächter.

Sie sah zu ihm auf. In seinem roten Gesicht klebte das herablassende Lächeln, mit dem Männer üblicherweise Frauen bedachten, die versuchten, vernünftig mit ihnen zu diskutieren. Er räusperte sich und umklammerte den Rand des Rednerpultes etwas fester.

Noch bevor er antworten konnte, fragte sie: »Ist das eine zutreffende Darstellung Ihres Gesetzentwurfs oder nicht? Oder fänden Sie es einfacher, die Fragen des Redakteurs zu beantworten?«

Sie las aus dem nächsten Abschnitt des Figaro-Artikels:

Mr. Titus Owsley, Sie denken,

es sei am Sonntag fair,

dass Arme nicht äßen noch tränken,

der Magen blieb ihnen leer.

Doch private Kutschen sollen,

von Angst vor Ahndung frei,

munter weiter rollen,

während Post-

»Vielen Dank, Miss Pomfret«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Das ist typisch für diese pietätlosen Zeitungen, die sich daran ergötzen, jeden und alles ins Lächerliche zu ziehen.« Er blickte über das Publikum hinweg. »Weitere Fragen?«

»Ohne, dass Sie meine beantwortet hätten?«, beharrte sie.

»Lassen Sie sie das Gedicht zu Ende lesen!«, rief jemand.

»Beantworten Sie die Fragen der Lady!«, verlangte jemand anderes.

»Welche Lady? Das ist deGriffiths Gorgone.«

Dem folgte ein kollektives Luftholen.

Dann ein Chor aus »Sehen Sie her!« und »Wer hat das gesagt?« und Ähnlichem.

Mehr Stimmen wurden laut, widersprachen, stimmten zu, forderten heraus oder drohten. Männer standen von den Sitzen auf. Frauen begannen, sich den Weg zu den Türen zu bahnen. Fäuste wurden geschüttelt. Das Rufen verstärkte sich zu einem Brüllen. Kurz darauf brach in dem Vorlesungssaal die Hölle los.

***

Später am selben Tag

»Innerhalb weniger Stunden bin ich zur Witzfigur unter meinen Kollegen geworden«, schimpfte Lord deGriffith, während er in seinem Studierzimmer auf und ab ging. »Meine Tochter hätte es mir überlassen können, mich um Owsley und seinen fehlerhaften Gesetzentwurf zu kümmern, fühlte sich aber genötigt, die Fragen selbst aufzuwerfen – in der Öffentlichkeit! – und uns damit in London zum Gespött zu machen.«

Cassandra hatte mit einer ordentlichen Standpauke gerechnet. Dass ihr Vater allerdings auch ihre Schwester Hyacinth in sein Arbeitszimmer bestellen würde, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen.

In letzter Zeit hatte Papa sich in Bezug auf Hyacinth jedoch seltsam verhalten. Das hatte angefangen, als die Familie zu Beginn der Parlamentssitzungen und der damit verknüpften gesellschaftlichen Veranstaltungen nach London gekommen war. Kurz nachdem sie sich in dem Stadthaus am St. James’s Square eingerichtet hatten, hatte in der Stadt die Grippe gewütet, und er hatte das als Ausrede benutzt, um ihr Debüt wieder und wieder zu verschieben.

Als sie dann bei Hofe eingeführt worden war, beschnitt er ihr soziales Leben und lehnte zahlreiche Einladungen ab. Sie konnte nur besonders exklusive Veranstaltungen besuchen, nur solche bei der Crème de la Crème der guten Gesellschaft. Sie war noch keine neunzehn und wurde schon auf die langweiligsten der langweiligen Partys verbannt.

Hyacinth hatte sich nicht beschwert. Das tat sie nie. Aber Cassandra hatte in ihren Briefen zwischen den Zeilen lesen können, und das letzte Schreiben von Lady Charles Ancaster, ihrer Tante Julia, hatte Cassandra veranlasst, ihre Rückkehr aus Frankreich zu beschleunigen.

Sie war kaum angekommen, als Mary, die Frau ihres Bruders Augustus, krank wurde und Cassandra nach Hertfordshire gefahren war, um ihr zu helfen und sich um die Familie zu kümmern. Gleich nach ihrer Rückkehr nach London hatte sie sich mit Owsleys scheinheiligem Blödsinn herumschlagen müssen.

»Mr. Owsley hat öffentlich geredet«, sagte sie. »Ich habe mich zu Wort gemeldet, weil irgendjemand doch in einfachen Worten der Öffentlichkeit sein Pharisäertum aufzeigen musste.«

Die Zeitungen würden von der Aufregung im Vorlesungssaal berichten. Das würde unter anderem die Aufmerksamkeit der Garküchen und Verkehrsgesellschaften und anderer betroffener Geschäftszweige auf sich ziehen. Wären die erst einmal in Aufruhr, so hoffte sie, wäre der Gesetzentwurf zum Scheitern verurteilt.

»Papa, er schwadroniert über gottgefälliges Verhalten und behauptet, dass er den Armen hilft, während sein Gesetzentwurf ihr Leid aktiv zu vergrößern sucht.«

»Es geht hier doch nicht um die Gesetzesvorlage zum Sabbat oder überhaupt irgendeine«, ereiferte sich ihr Vater. »Du bist kein Parlamentsmitglied. Du bist eine junge Dame. Solche Vorkommnisse werden dafür sorgen, dass du nie einen Ehemann findest.«

»Weil ich eine Meinung habe? Weil ich mich für mehr interessiere als für Kleider?«

»Es gibt andere Wege, sich zu engagieren, wie ich dir immer wieder gesagt habe. Wenn dein kleiner Verein nicht genug für dich ist, gibt es Dutzende andere Wohltätigkeitsorganisationen für Ladys, unter denen du wählen kannst.«

Als ob sie nie einen Finger gekrümmt hätte, um den Bedürftigen zu helfen.

An wie vielen Festen, Märkten und anderen Spendenveranstaltungen hatte sie teilgenommen, seit sie dem Kinderzimmer entwachsen war? Hatte sie sich nicht ihrem »kleinen Verein«, der Andromeda-Gesellschaft, genau deshalb angeschlossen, weil andere Wohltätigkeitsvereine nicht ausreichten?

»So dient eine Lady der Gesellschaft«, sagte Papa. »Nicht, indem sie bei einer öffentlichen Veranstaltung das Wort ergreift und aus radikalen Zeitungen zitiert.«

»Aber du hast auch schon aus dem Figaro zitiert –«

»Wie oft muss ich es noch erklären?«, fragte er. »Es geht doch nicht um die Überzeugung. Es geht nicht um Engagement. Es ist auch nicht die Zeitung. Es geht darum, dass du aufgestanden bist und ein öffentliches Spektakel veranstaltet hast.«

Mit anderen Worten ging es um ihre Weigerung, den Mund zu halten.

Er fuhr fort: »Ich hatte gehofft, dass du dieses Mal nach deiner Rückkehr aus dem Ausland reifer und geduldiger wärest. Deine Bemühung um Mary ließ mich hoffen, du hättest dich geändert. Aber du scheinst wild entschlossen, ein Drache zu werden und dafür zu sorgen, dass ich dich niemals unter die Haube bringen werde.«

O weh. Ein gähnender Abgrund schien sich vor Cassandra aufzutun. Ihr Vater war ein gewiefter Politiker. Vorsichtig und ruhig sagte sie: »Ich begreife nicht, warum es als weise gilt, seinen Charakter zu verändern, um einem Mann zu gefallen.«

»Nicht deinen Charakter. Dein Verhalten. Begreifst du denn den Unterschied nicht?«

»Ich weiß nur, dass ich nicht so tun kann, als wäre ich jemand, der ich nicht bin.«

Er hörte auf, hin und her zu gehen, und ließ den Blick von ihr zu Hyacinth und wieder zurück wandern.

Er atmete tief durch. »Nun gut«, sagte er in etwas milderem Tonfall. »Mach, was du willst. Wie immer. Aber.«

Er hielt inne, beugte den Kopf und sah aus, als betrachte er interessiert den Boden. Cassandra und Hyacinth tauschten Blicke. Das Wörtchen aber in diesem speziellen Ton, gefolgt von einer Pause, dem gebeugten Kopf und der Betrachtung des Fußbodens, war berüchtigt. Schon einige Male war es der Auftakt für Tod und Beerdigung eines Gesetzesvorschlags gewesen. Viermal hatte es das Ende einer vielversprechenden politischen Karriere eingeläutet. Dem ehemaligen König hatte es öfter die Tränen in die Augen getrieben, als man hätte zählen können.

»Aber«, wiederholte Papa. »Sei dir bewusst, dass ich keinen Sinn darin sehe, Hyacinths Saison fortzusetzen, wenn du sie untergräbst.«

»Untergraben –«

»Dein Verhalten wirft ein schlechtes Licht auf sie, auf uns alle. Du hast bereits vor Jahren debütiert und bist noch immer unverheiratet. Dank meiner überaus nachgiebigen Eltern tust du einfach uneingeschränkt, was du willst.«

Mit einem Überfluss an Söhnen gesegnet, hatten Cassandras Eltern alle Hände voll zu tun. Deswegen hatten die Erziehung der schwierigen ältesten Tochter weitgehend die Großeltern väterlicherseits übernommen, eine überaus glückliche Wendung. Großmama und Großpapa Chelsfield verstanden, dass sie anders war als andere Mädchen, und sie versuchten nicht, sie in irgendeine Form zu pressen.

Allerdings waren sie in Paris geblieben, und sie musste gegenwärtig allein mit ihren Eltern zurechtkommen.

»Denkst du gar nicht daran«, fragte ihr Vater, »dass heiratsfähige Männer und ihre Familien sich möglicherweise fragen könnten, ob Hyacinth in deine Fußstapfen treten wird?«

»Aber Hyacinth ist ganz anders als ich, Papa. Das war sie immer schon.«

Hyacinth war wunderschön, innen wie außen, brav, liebenswürdig, nachsichtig, tolerant und geduldig.

Cassandra war die Medusa und deGriffiths Gorgone oder Cassandra, Prophetin des Untergangs.

Für die Leute war sie unweiblich, weil sie ihre Meinung nicht für sich behielt und, viel schlimmer noch, sie direkt und ohne Beschönigungen kundtat.

Kurz gesagt, sie war eine Xanthippe.

Niemand wollte eine Xanthippe heiraten, außer jemand wie Petruchio, der prahlerische Grobian aus dem Shakespeare-Stück, wohl kaum ihr idealer Mann. Wenn es den überhaupt gab.

Die Ehe war schon mit einigermaßen vernünftigen Männern wie ihrem Großvater oder Vater oder ihrem Bruder Augustus eine schwierige Angelegenheit. Selbst intelligente Frauen machten in dieser Hinsicht fatale Fehler. Man musste sich nur ihre liebste Freundin Alice anschauen, die nun für immer an den Duke of Blackwood gekettet war. Und erst kürzlich hätte Lady Olympia Hightower um Haaresbreite den Duke of Ashmont geheiratet, war allerdings in letzter Minute zu Verstand gekommen und kurz vor der Trauung davongelaufen.

»Ich habe mir Illusionen gemacht, dass du durch gesellschaftlichen Schliff und den Einfluss anderer Mädchen sanfter würdest«, sagte Papa. »Aber Saison um Saison ist vergangen, und du wurdest nur bornierter. Ich kann nicht erlauben, dass du weiterhin ein schlechtes Beispiel abgibst. Ich kann nicht erlauben, dass du deiner Mutter weiteren Kummer bereitest. Ich habe sie in letzter Zeit mehrfach darauf hingewiesen, dass es sinnlos ist, eine achtzehnjährige Tochter in die Gesellschaft einzuführen, wenn die andere bald auf die dreißig zugeht und noch immer nicht beständig geworden ist.«

Dreißig! Sie trennten noch vier Jahre und einige Monate von diesem unheilvollen Alter.

»Papa, es ist doch nicht –«

»Es würde ein schlechtes Bild abgeben, wenn Hyacinth vor ihrer Schwester heiratet, die auf ihre Weise ebenso hübsch ist und sich nur etwas mehr Mühe geben müsste, sich angenehm zu machen. Und damit Schluss.« Er machte eine Pause und sah von einer Tochter zur anderen.

»Schluss mit was?«

»Ich werde Hyacinth verbieten zu heiraten, bis du unter der Haube bist«, sagte er. »Und da es somit unwahrscheinlich ist, dass sie je heiraten wird, sehe ich keinen Grund, warum sie noch eine Minute auf dem Heiratsmarkt verweilen sollte. Keine Dinner, Morgengesellschaften, Gartenpartys, Bälle, Gesellschaften, Picknicks, Ruderpartien, Theatervorstellungen, Ballettaufführungen oder Opernbesuche. Kurz gesagt, von dieser Minute an ist Hyacinths Saison vorbei.«

***

Putney Heath

Am Vormittag des 15. Juni 1833

Lucius Wilmot Beckingham, der sechste Duke of Ashmont, hob langsam den Kopf, der auf seinen gefalteten Armen geruht hatte. Man hatte ihn den attraktivsten Mann in England genannt. Man hatte ihn schon viele andere Dinge genannt, aber dazu später. Im Augenblick stand sein blondes, lockiges Haar in zerzausten Korkenzieherkringeln vom Kopf ab. Seine überaus blauen Augen waren blutunterlaufen. Eines zierten noch die Reste eines wenige Tage alten Veilchens.

Angestrengt versuchte er zu fokussieren, während die lärmende Welt um ihn herum hoch, runter und seitwärts schaukelte und sich dabei drehte wie ein Schiff voller Nebel in einer aufgewühlten See.

Er schloss die Augen und öffnete sie wieder, und der Nebel erschien ihm etwas weniger dicht. Das waren keine Seeleute, nur Tölpel, die einander anschrien. Das Getöse kam nicht von knarrender Takelage im Sturm, sondern es handelte sich um das Poltern von Füßen und das dumpfe Geräusch von Bierkrügen, die auf Tische geknallt wurden. Kein Schiff oder auch nur etwas Ähnliches. Ein Pub.

Richtig.

Das Green Man. Putney Heath.

Dort war er gelandet.

Nach dem Duell.

Mit seinem besten Freund.

Er senkte den Blick und betrachtete seine Hände. Sie hatten endlich aufgehört zu zittern.

Wie lange hatte es gedauert? Nur ein Dutzend Brandys und Soda? Zwei Dutzend? Warum nicht drei?

Einerlei. Er hatte getan, was er hatte tun müssen. Seine Gnaden, der verlogene, verräterische Duke of Ripley, diese elende, miese Kanaille von einem sogenannten besten Freund hatte ihm das Mädchen ausgespannt.

Nicht nur irgendein Mädchen, sondern Lady Olympia Hightower. Nicht das übliche Mädchen-Ausspannen, so aus Jux und Tollerei, wie alles, was er und seine zwei angeblich besten Freunde taten. Nein, sie war Ashmonts zukünftige Braut gewesen. In ihrem Hochzeitskleid! Minuten vor der Trauung und dem »Ich will« und so weiter.

Aber nein, jetzt war alles gut. Alles in Ordnung. Er und Ripley hatten getan, was sie hatten tun müssen, und …

Ashmont schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden. Aber all die Brandys mit Soda konnten den Albtraum nicht fortspülen, der sich in seinen Schädel eingebrannt hatte: Ripley hatte den Arm hochgerissen, was nicht vorgesehen gewesen war, einen Bruchteil eines Herzschlags zu spät – im selben Augenblick hatte Ashmont den Abzug gedrückt.

Um eine Mückenhaaresbreite hätte er seinen besten Freund getötet.

Daran war nicht zuletzt besagter Freund schuld. Verdammter Idiot. Absichtlich vorbeizuschießen, ausgerechnet.

»Mehr!« Ashmont hob die Hand, um der Bedienung ein Zeichen zu geben. »Noch einen.«

Dann fiel ihm ein, dass er nicht allein war.

Noch nicht.

Humphrey Morris. Auf der anderen Seite des Tisches. Der dritte Sohn des Earls of Bartham. War in der Schule als Morris der Dritte bekannt gewesen. Langer Kerl. Beinahe so lang wie Ashmont. Aber jünger. Schlaksiger. Besser erzogen.

Mit besseren Manieren.

Was erklärte, warum er nicht zu Ashmonts besten Freunden zählte. Gezählt hatte. Jetzt war es anders. Morris war sein Sekundant gewesen, als Seine Gnaden, der verfluchte Duke of Blackwood, sich geweigert hatte, dieses Verräterschwein. Noch so ein sogenannter bester Freund, der eigentlich keiner war. Zur Hölle mit ihnen allen.

Ashmont warf seinem Gegenüber, das offenbar damit beschäftigt war, eine Pistole zu laden, einen glasigen Blick zu.

»Haben wir das nicht schon gemacht?«, fragte Ashmont resigniert. Hatte er das ganze grässliche Duell nur geträumt?

»Noch nicht«, sagte Morris. »Du bist kurz eingeschlafen. Aber davor habe ich gesagt, dass du nicht einen der Bierkrüge dort oben über dem Fenster abschießen kannst, ohne die Scheibe zu zerbrechen, und du hast dagegengehalten, und jetzt gilt es: zehn Guineas, ob du es kannst oder nicht. Aber zuerst muss ich mal raus.« Er deutete mit dem Kopf zum hinteren Ende des Pubs. »Pissen gehen.« Er drückte sich schwerfällig von seinem Stuhl hoch. »Fang bloß nicht ohne mich an.«

Ashmont sah zu, als er wie ein Schiff durch raue See aus dem Raum wankte.

Er starrte auf den Tisch vor ihm, wo die Pistole lag. Er betrachtete das vorgeschlagene Ziel zur Rechten des Eingangs.

Keine Herausforderung.

»Du verlogener Hurensohn!«, brüllte jemand. »Sag es noch mal und ich lern dir was, was du nicht vergessen wirst.«

»Ich lehre dich«, murmelte Ashmont. »Nicht lerne dir, Trottel!«

Niemand schenkte der Grammatiklektion Beachtung. Jemand schrie nun den Trottel an. Dann brüllten alle, Krüge knallten auf Tische, und Stuhlbeine schrammten über den Boden.

Der Krach vibrierte in Ashmonts Kopf.

»Aufhören«, sagte er. »Aufhören alle miteinander, verdammt noch mal. Hört mit dem verfluchten Streit auf.«

Er wurde nicht laut. Er war ein Duke. Wenn er etwas sagte, hörten die Leute.

Nicht allerdings dieser Haufen. Sie waren zu beschäftigt mit ihrem – oh! Nun wurde das Geschrei lauter, einige originelle Flüche erklangen, die er noch nie gehört hatte, Stühle fielen um, dann auch ein Tisch.

Jemand sprang einen anderen an. Ein Gedränge Richtung Ausgang – gut. Lass sie gehen. Bloß hatten sie die Tür offen gelassen, und der Radau – lauter und lauter. Drinnen. Draußen. Männer stürzten aus den Hinterzimmern.

Was machten die alle hier um diese Zeit? Er klappte den Pistolenkoffer auf, ergriff eine der Pistolen und wankte zur Tür, wobei er Männer aus dem Weg stieß.

Er stampfte hindurch, durch den überdachten Eingang, einige Stufen hinunter und auf den Fußweg. Er entsicherte die Pistole.

***

In der Zwischenzeit

Es gab eine Grenze, und Cassandra hatte sie erreicht. Mama hatte seit zwei Tagen geweint, Papa weigerte sich, Vernunft anzunehmen, und Hyacinth konnte keinen Grund finden, irgendjemandem auch nur für irgendetwas die Schuld zu geben.

»Papa will, dass du heiratest«, hatte sie am vorigen Abend gesagt. »Er möchte nur, dass dich jemand beschützt. Er möchte doch nicht hart sein. Er macht sich bloß Sorgen. Um uns beide. Du hast nicht gesehen, wie es nach meinem Debüt war. Die Gentlemen machten ein Riesentamtam um mich, und das machte Mama Angst und Papa wütend. Um ehrlich zu sein: Ich würde lieber Zeit mit den anderen Mädchen verbringen, aber das ist nicht besonders angenehm für sie, wenn die Männer so ein Getue machen, um meine Aufmerksamkeit zu erheischen.«

Sie hatte auch gesagt, dass sie noch nicht bereit war, irgendjemanden zu heiraten, und Cassandra sich nicht grämen solle. Sie hatte Cassandra gedrängt, ihre kranke frühere Gouvernante in Roehampton zu besuchen. Mrs. Nisbett war auf Anraten des Arztes im Begriff, nach Rom zu ziehen. Es wäre also eine letzte Gelegenheit für Cassandra, sie zu sehen.

Der Vorschlag stieß ausnahmsweise nicht auf elterliche Gegenwehr, von dem üblichen Gegrummel darüber, dass sie selbst fahren wollte, einmal abgesehen. Für Cassandra eröffnete sich die Möglichkeit, aus London heraus und ins Grüne auf dem Land zu kommen.

Und so fuhr sie an diesem zunehmend wolkenverhangenen Junivormittag in ihrem Mail-Phaeton in Richtung Putney Heath. Ihre Zofe Gosney saß neben ihr auf dem Bock und ihr Stallknecht Keeffe hinten auf dem Notsitz.

Für eine Reise von nicht einmal sieben Meilen bei Tage fand Cassandra diese Eskorte mehr als ausreichend.

Obwohl Aufruhr in ihrem Kopf herrschte, war die Welt um sie still. Das einzige andere Lebewesen, das ihr begegnete, war eine einzelne Kuh, die einzige Bewohnerin des Pferchs, der sich wenige Meter voraus in der Heide gegenüber dem Green Man Inn befand. Wenn man die Uhrzeit, das Wetter und die Anzahl anderer Fahrzeuge um sie herum (keine) einbezog, war es zu erwarten, dass sie Mrs. Nisbetts Haus in Kürze erreichen würde.

Aber.

Als sie sich dem Green Man näherte, stolperten zwei Männer aus der Tür.

Von hinten kam Keeffes Stimme: »Miss, Sie sollten –«

»Ja, ich sehe es.«

Sie sah, dass die Streithähne sich aufrappelten und den Streit, den sie offenbar drinnen begonnen hatten, draußen fortsetzten.

Andere Männer stürzten hinter ihnen aus dem Inn, riefen Anfeuerungen und schlossen vermutlich Wetten ab. Sie erkannte, dass sich da eine Schlägerei zusammenbraute, die sich auf die Straße ausbreiten würde.

Auch wenn die Straße schmal war, hatte sie diese im Augenblick noch für sich und konnte einfach weiter links fahren, näher an der Heide. Sie glaubte, schnell an dem bevorstehenden Handgemenge vorbeifahren zu können.

Allerdings taumelte im selben Augenblick, in dem sie zur Seite auswich, ein weiterer Mann aus dem Inn, zielte mit einer Pistole in den wolkenverhangenen Himmel und drückte ab.

Der Knall hallte durch die ländliche Szene wie der Auftakt zu einer Schlacht. Gosney schrie, kreischende Vögel flogen aus den Baumwipfeln auf, und die Pferde liefen in vollem Galopp los. Da sie gerade leicht Richtung Heide gelenkt hatte, hielten sie nun direkt darauf zu und rasten hinein. Gosney klammerte sich an ihrem Sitz fest, während Cassandra sich auf ihre Aufgabe konzentrierte: die Tiere zu beruhigen und die Kontrolle zu behalten, wie Keeffe es sie gelehrt hatte. Sie konnte das.

Aber es blieb ihr keine Zeit.

Die Zügel rissen, ein Rad rammte den Eckpfosten des Viehpferchs und das Fahrzeug kippte.

***

Ashmont rannte, auf wackeligen Beinen, aber er rannte. Eine Reihe Männer lief ebenso wackelig mit ihm.

Als er die Unfallstelle erreichte, sah er drei Menschen auf dem Boden liegen. Zwei Frauen neben der Kutsche. Einen Mann etwas weiter entfernt.

Obwohl er nur eine kurze Distanz von den Stufen des Green Man bis zum Viehpferch überwinden musste, kam es ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er nah genug heran war und von einem regungslosen Körper zum anderen blickte. Ihm war übel und schwindelig. Dann sah er, dass sich in dem Knäuel blauer Kleider etwas regte. Die Frau setzte sich auf. Schüttelte den Kopf. Sah sich um. Ihr Hut war zur Seite gerutscht, und dunkelrotes Haar hatte sich aus der Hochsteckfrisur gelöst.

Während er noch zu begreifen versuchte, näherte er sich ihr, aber der Untergrund war uneben, er konnte kaum klar sehen, und seine Beine wollten ihm nicht recht gehorchen.

Die andere Frau hob nun ebenfalls den Kopf. Sie lebte noch. Gut. Er ging neben der Frau in die Hocke, die ihm am nächsten war, der rothaarigen. Sein Mund war trocken. Seine Zunge klebte am Gaumen. Mit Mühe brachte er krächzend ein »Sind Sie verletzt?« heraus.

Sie funkelte ihn direkt an, ihre Augen steingrau.

»Sie!«, stieß sie hervor. Sie zerrte den Hut hierhin und dorthin und rupfte ihn herunter, wobei sie ein Band zerriss. Sie schlug ihn damit, recht fest. Auch wenn der Hut nur aus Reisstroh war, sie hatte Ashmont überrumpelt. Seine Reflexe waren langsam, sein Gleichgewichtssinn schwamm in Brandy, und er kippte um.

Sie rappelte sich hoch und klaubte die Peitsche auf, die in der Nähe lag. »Sie!«, rief sie noch einmal und blickte auf ihn herab.

Ashmont beschloss, sich nicht zu rühren.

Sie stapfte über ihn hinweg, wobei ihre Röcke seine Hose streiften.

»Ja, Sie, natürlich«, knurrte sie. »Das hatte mir ja gerade noch gefehlt.«

***

Er.

Das Wissen war sicher irgendwo vorhanden gewesen, irgendwo in dem Durcheinander in Cassandras Kopf: ein kurzes Aufflackern des Erkennens in dem Augenblick, als die Pferde durchgegangen waren.

Aber er war unwichtig.

Ihre Bediensteten waren wichtig. Die Pferde waren wichtig.

Keeffe.

Er hatte sie reiten und fahren gelehrt. Er begleitete sie, seit sie ein unartiges Mädchen von vierzehn Jahren gewesen war und er ein verletzter ehemaliger Jockey von sechsundzwanzig. Fast zwölf Jahre verließ sie sich nun schon auf seinen Rat, nicht nur, was Pferde betraf.

Um das Gespann würde sie sich später kümmern. Auf den ersten Blick sah sie, dass die Tiere offenbar unverletzt waren. Eine genauere Untersuchung musste warten. »Kümmern Sie sich um die Pferde«, rief sie, und einige Männer liefen zu den Tieren.

Gosney rappelte sich ebenfalls auf. Zerschrammt, mit blauen Flecken und – o weh! – leicht blutend. Sie machte ein paar Schritte und stützte sich an einer Zaunlatte des Pferchs ab. Sie war zwar ramponiert, aber am Leben und mehr oder weniger unversehrt.

Die Kuh schien sich in keiner Weise durch die vorangegangenen Ereignisse beunruhigen zu lassen, trottete auf diese Seite des Pferchs und betrachtete sie mit der üblichen vorsichtigen Neugier eines Rindviehs.

Cassandra stapfte rasch weiter. Sie wusste, wo Keeffe war. Sie konnte ihn in der Nähe eines Baumes liegen sehen, viel zu still. Äußerlich war sie vollkommen gefasst. Egal, was auch geschehen mochte, wer die Zügel in der Hand hielt, bewahrte majestätische Ruhe. Das hatte er ihr beigebracht. Sie widerstand dem Drang, zu rennen. Der Boden war uneben, und es nützte niemandem etwas, wenn sie sich auch noch den Knöchel verstauchte.

Ihre Gedanken waren bei Keeffe. Ihre Welt drehte sich um Keeffe. In ihren Gedanken zogen Bilder von ihm vorbei: mit gebrochenem Genick, mit zerschmettertem Schädel, dieses Mal ohne Hoffnung auf Heilung.

»Keeffe!«, rief sie.

»Miss!«

Zitternd stieß sie den Atem aus, dabei hatte sie kaum bemerkt, dass sie ihn angehalten hatte, und ging zu ihm.

Er machte Anstalten, sich in eine sitzende Position zu bringen, und verzog das Gesicht.

»Nicht!«, sagte sie. »Sie sind verletzt.« Sie kniete sich neben ihn.

»Ach was, Miss«, wehrte er ab. »In einer Minute stehe ich wieder auf. Es hat mir nur nen Augenblick den Atem verschlagen.«

»Verflixt und zugenäht!« Eine Alkoholfahne ausstoßend, drängte sich der nutzlose Hornochse, der den Unfall verursacht hatte, neben sie und kniete sich zu Keeffe. »Nicht tot?«

»Nein, Euer Gnaden. Auch nichts gebrochen. In ner Minute geht es bestimmt wieder.«

Euer Gnaden. Natürlich, jeder wusste, wer das war: der Duke of Ashmont, Vollidiot par excellence.

Cassandra erhob sich. Wut spülte den ersten Anflug von Erleichterung fort. Sie hatte noch nie etwas so gewollt, wie sie ihm jetzt den Griff der Peitsche auf den Kopf schlagen wollte. Fest. Mehrfach. Nicht, dass er viel davon gemerkt hätte.

Dabei fiel ihr auf, dass sie seinen unbedeckten Kopf betrachtete, eine Menge zerzauster, blassgoldener Locken. Der Duke trug keinen Hut.

Natürlich betrunken.

»He, ihr!«, rief er. »Eine Trage für – für –«

»Keeffe, Euer Gnaden, und ich muss nich getragen werden. Es geht bestimmt gleich wieder.«

Vor Jahren war Keeffe von der Rennstrecke abgekommen und so schwer gestürzt, dass alle ihn für tot oder so gut wie tot gehalten hatten.

»Keeffe.« Der Duke machte eine Pause und schwankte. »Kenne ich Sie nicht? Nicht etwa Tom Keeffe? Der Jockey?«

»Das war mal, Euer Gnaden. Lange her.«

»Hab Sie damals in Newmarket reiten sehen. Ich und ein paar Freunde. Da waren wir noch Jungen, aber wir wussten alles über Sie. Verdammt schade mit Ihrem letzten Rennen.«

Verdammt schade traf es nicht annähernd.

Und nun …

Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung. Keeffe versuchte, es zu verbergen, aber Cassandra sah es seinem Gesicht an, sein Mund verriet es.

Ihr Medusenblick richtete sich auf Ashmont. »Wenn Sie die Güte hätten, Ihre Erinnerungen für später aufzuheben – oder für nie«, sagte sie, »ich zöge es vor, wenn man sich um meinen Stallknecht kümmert.«

»Ist in Ordnung, Miss.« Keeffe versuchte aufzustehen. Er sog scharf die Luft ein und riss die Augen auf. »Vielleicht kann mir einer von euch Burschen helfen«, sagte er zu den herumstehenden Gaffern.

»Lassen Sie mich das machen«, sagte der Duke.

***

Ausgerechnet der Duke of Ashmont.

Früher einmal hatte er eine große Rolle in Cassandras Leben gespielt. Unter anderem war er der unzertrennliche Begleiter des gegenwärtigen Duke of Ripley, des Bruders ihrer liebsten Freundin Alice, die nun – leider und womöglich tragischerweise – die Duchess of Blackwood war. Einen großen Teil von Cassandras Kindheit war sie Ashmont fast jeden Sommer in Camberley Place begegnet, dem Anwesen ihrer Tante Julia.

Dieser Tage allerdings kannte sie hauptsächlich seinen Ruf. Ashmont war häufig Gegenstand der Klatschspalten in Zeitungen und Zeitschriften, ungehaltener Leserzuschriften und satirischer Bilder in den Schaufenstern der Druckereien und unter den Schirmen der Druckverkäufer.

Obwohl Cassandra auch in ihrer Kindheit weder mit ihm noch mit Ripley und Blackwood viel zu tun gehabt hatte, war sie sich wohl bewusst, was aus ihm geworden war.

Ashmont und die anderen beiden waren als Ihre Un-Gnaden bekannt und, in den Augen eines Großteils der besseren Gesellschaft, höchst skandalös: Er war ein rüpelhafter Libertin mit einem kindischen Humor und den Instinkten eines Kampfhahns, der Chaos anrichtete, wo er auch nur ging und stand.

Und ja, er war genau, was ihr noch gefehlt hatte: eine übel zugerichtete Kutsche, kein annehmbarer Ersatz in Sicht, das berüchtigtste Mitglied der adligen Gesellschaft mit einer Entourage aus faulen, betrunkenen Dörflern, und dann Keeffe mit bösen Schmerzen, die er nicht so gut verbergen konnte, wie er glaubte.

Sie hatte die Situation rasch analysiert.

Bis vor Kurzem hatten Augustus und Mary in Putney gelebt, und Cassandra kannte sich einigermaßen aus. Sie wusste, dass das Green Man nach einer Auseinandersetzung nicht der passende Ort für einen Verletzten war. Dasselbe galt für andere umliegende Tavernen.

Das White Lion allerdings, ein großes und gut besuchtes Gasthaus an der Hauptstraße, lag nur etwa eine Meile entfernt. Dort gab es auch einen fähigen Arzt, falls er nach der Verheerung durch die drei Dukes noch dort war. Wie Foxe's Morning Spectacle berichtete, hatten sie in der vergangenen Woche für ungewöhnlich viel Aufregung in Putney und anderswo gesorgt.

Ashmont erhob sich unsicher und streckte die Hand aus, um ihrem Stallknecht aufzuhelfen.

»Auf keinen Fall bewegen Sie ihn jetzt schon«, befahl sie scharf. »Keeffe hat sich etwas gebrochen, und ich möchte nicht, dass er erschüttert wird.«

»Nein, Miss! Es sind nur Beulen und blaue Flecken, Sie wissen doch, bin schon schlimmer gestürzt.«

»Nicht bewegen«, befahl sie Keeffe. »Nicht sprechen.«

»Miss, ich schwöre –«

Sie warf ihm einen Blick zu, der ihn verstummen ließ.

Sie wandte sich Ashmont zu und stellte fest, dass der sie verwirrt betrachtete.

Vereinzelte Sonnenstrahlen brachen durch die Wolkendecke und glitzerten in seinem blonden Haar wie die Perlen in einem Glas Champagner. Er lächelte, und sein Gesicht, das eben grün und blau und zerschlagen gewirkt hatte, veränderte sich und strahlte beinahe überirdisch.

Eine lange verschüttete Erinnerung tauchte vor ihrem geistigen Auge auf von einem Herbstabend in Camberley Place und einer zehnjährigen Cassandra, die staunend den Himmel betrachtet hatte. Neben ihr stand der wunderschöne Sohn des Dukes of Ashmont, ein paar Jahre älter als sie selbst. Er war ungefähr im selben Alter wie ihr Bruder Anselm, aber nicht so unausstehlich. Zu der Zeit trug er den Titel Lord Lenton – von den anderen Jungen Lenton genannt –, aber ihre Tante Julia hatte ihn beim Taufnamen gerufen, Lucius.

Von lux: Licht. Cassandra hatte Latein gelernt, hauptsächlich im Selbststudium.

Er hatte ihr gezeigt, wie man in dem großen Haufen Sterne, der die Milchstraße bildete, Sternbilder erkennen konnte.

»Und das ist Andromeda«, sagte er.

»Wo?«, fragte sie.

Anders als ihr Bruder rümpfte er nicht die Nase oder spottete, dass Mädchen nichts wussten.

Lord Lenton zeigte ihr, wie man die wichtigsten Sterne fand.

»Kennst du ihre Geschichte?«, fragte er.

»Nein.« Sie blickte in sein Gesicht und stellte sich vor, dass er von dort gekommen war, von den Sternen, während er ihr die Sage von Perseus und Andromeda erzählte.

Seine Gnaden mit dem Engelsgesicht.

So hatte Alice ihn genannt, unter anderem.

Jahre waren seit jener Nacht vergangen, als sie die Sterne betrachtet hatten. Der Junge, der ihr damals wie eine himmlische Erscheinung vorgekommen war, war längst verschwunden.

Cassandra unterdrückte einen Seufzer. So eine Verschwendung. So eine furchtbare Verschwendung.

Der Duke of Ashmont lächelte immer noch auf sie herab und schwankte leicht in diese Richtung, dann in jene, und fiel schließlich um.

Kapitel 2

Ihre Augen waren grau wie die Wolken über ihnen. Silberne Blitze hatten darin gezuckt. Also, in ihren Augen. Als Ashmont seine öffnete, waren die Wolken über ihm ruhig, schattenhaft und groß wie Elefanten, die langsam über den Himmel trotteten. Hier und da entdeckte man zwischen den flaumigen Elefanten Tupfen von etwas, das der Himmel sein mochte oder weiter entfernte Wolken. Kein bisschen Blau drang durch die Elefanten und ihre Welt.

Ihre Augen waren auch grau, und Ashmont fühlte sich, als hätten Elefanten auf ihm ein Tänzchen aufgeführt.

Stimmen drangen in sein Bewusstsein. Ihre sagte: »Für so etwas habe ich keine Zeit. Los, Männer, helfen Sie dem Duke vom Boden auf.«

Gefühlt hunderte ausgestreckte Hände erschienen in seinem Blickfeld.

»Alles ist gut, Euer Gnaden«, sagte einer.

»Hat Sie überrumpelt, sonst nichts«, meinte ein anderer. »Raus ins Freie und dann hinter Miss Pomfret herlaufen und all das.«

Pomfret. Kannte er den Namen nicht? Einerlei. Denken tat weh.

»Oh, gewiss, es war sicher all die frische Morgenluft, die ihn überwältigt hat«, hörte er sie sagen. »Und warum er überhaupt um diese Zeit wach war, ist auch kein großes Rätsel. Ich nehme an, es gab ein Duell.«

Ein Chor von Stimmen:

»O nein, Miss Pomfret!«

»Die sind illegal, die Duelle.«

»Macht keiner mehr.«

»Also, hier nicht. Auf keinen Fall.«

Ashmont wedelte mit der Hand. »Hört mit dem blöden Streit auf und haut ab.«

Sie zogen sich zurück. Immerhin war er ein Duke. Auf einen Wink seiner Hand folgten die Leute und gingen ihm zum Beispiel aus dem Weg.

Er war der Einzige, der das niemals tat.

Was er auch tat, er ging niemals aus dem Weg.

Er war sich nicht sicher, was das bedeuten sollte. Einerlei. Nicht wichtig.

Er hob den Kopf vom Boden und schüttelte ihn. Ein Paar halbhohe Damenschnürstiefel kam in sein Blickfeld. Blau. Und der Saum eines mit Schmutz und Grasflecken übersäten blauen Rocks. Sein Blick wanderte langsam aufwärts über eine Reihe Schleifen bis zur gegürteten Taille, dann über ein zerknautschtes, spitzenbesetztes Mieder - er hatte schon praller gefüllte gesehen –, eingerahmt von einem verknitterten, weiten Reverskragen, und schließlich aufwärts zu dem Gesicht mit den silbern blitzenden Augen und den dunkelroten Locken. Kein Hut. Damit hatte sie ihn geschlagen.

Die aufmerksame Betrachtung kostete Mühe und ermüdete seinen Kopf.

Er ließ ihn wieder sinken.

Sie sagte etwas zu jemandem. Er hörte Schritte, die eilig über die Heide liefen und sich entfernten.

Sie streckte eine behandschuhte Hand nach ihm aus. »Stehen Sie auf.«

Ashmont wollte nicht aufstehen. Sein Kopf war ein riesiger, pochender Berg Blei.

»Stehen Sie auf.« Die behandschuhte Hand wartete noch immer.

Er ignorierte sie.

Er schloss die Augen. Zeit verging.

Kaltes Wasser schwappte über ihn. Er ertrank beinahe, schnappte nach Luft und sprang so plötzlich vom Boden auf, dass er sich beinahe übergeben hätte. Die Welt drehte sich, grün und braun und grau mit hellen, farbigen Tupfen hier und da.

»Was? Was?« Sein Blick klärte sich, und er sah sie einen Eimer halten.

»Geht es Ihnen besser?«, fragte sie.

Er war sich vage des folgenden Gelächters bewusst, das abrupt unterdrückt wurde.

Hauptsächlich nahm er sie wahr, wie sie hoch aufgeschossen und aufrecht dastand, das Kinn vorgereckt, ihre grauen Augen herausfordernd … und war das etwa der Anflug eines Lächelns, das leise um ihre Mundwinkel spielte?

»Ich hatte keine Zeit zu warten, bis Sie Ihr Bewusstsein wiedererlangen«, sagte sie. »Ich bezweifle sogar, dass Sie je ganz bei Bewusstsein sind.«

Für einen beängstigenden Moment konnte er sich nicht erinnern. Alles, was vor diesem Augenblick gewesen war, verschwand in einem schweren Nebel. Wolken.

»Mein Knecht braucht Hilfe«, sagte sie.

»Miss, das war wirklich nicht nötig. Er ist ein Duke. Ich bin gleich wieder auf dem Damm.«

»Sparen Sie Ihre Kräfte, Keeffe«, sagte sie. »Sie werden sie brauchen.«

Ashmont wandte den Blick in die Richtung, aus der die männliche Stimme gekommen war.

Jetzt fiel ihm alles wieder ein.

Die Pistole war losgegangen, und dann war alles schiefgegangen … aber niemand war tot. Noch nicht.

Sie kam näher, und er widerstand dem starken und für ihn ungewöhnlichen Drang, zurückzuweichen.

Sie senkte die Stimme und lehnte sich nah zu seinem Ohr. »Sie sind so betrunken, Lucius, dass Sie eine Gefahr für sich selbst sind und erst recht für alle in Ihrer Umgebung. Ganz gleich, was meine persönlichen Gefühle sind – und ich finde Ihren Zustand und Ihr Verhalten extrem abscheulich und würdelos –«

»Überspringen Sie doch die Schmeicheleien, meine Liebe«, brachte er krächzend hervor, »und kommen Sie gleich zum Punkt.«

»So schrecklich der Gedanke ist, ich brauche Ihre Hilfe. Jetzt. Sie müssen Ihren Einfluss und Ihr Geld für mich ins Spiel bringen. Sie müssen sich sammeln und einmal in Ihrem unseligen Leben etwas Sinnvolles tun.«

***

Trotz des Nebels und des beinahe überwältigenden Wunsches, sich hinzulegen und zu sterben, gelang es Ashmont, dafür zu sorgen, dass rasch ein Transportmittel und eine Trage organisiert wurden. Er sah zu, dass Keeffe vorsichtig daraufgelegt und dann auf den Karren gebracht wurde, wo man ihn sicherte, um Erschütterungen so gut es ging zu vermeiden. Miss Pomfret bestand darauf, bis zum Inn neben dem Karren herzulaufen, und warnte den Fahrer vor jeder Unebenheit auf der Straße. Ashmont ging auf der anderen Seite. Als sie das White Lion erreichten, war auch der Arzt eingetroffen, nach dem er geschickt hatte, und Ashmont hätte ihn um Amputation seines Kopfes bitten mögen.

Auch wenn er ein junger Mann mit nur wenigen Jahren Berufserfahrung war, hatte Mr. Greenslade einen immensen Erfahrungsschatz, was Prellungen, Knochenbrüche, die Rettung beinahe Ertrunkener und verschiedene andere Verletzungen anging, was er alles Ihren Un-Gnaden zu verdanken hatte. Er wäre auch im Krieg wunderbar zurechtgekommen. Auch den Inhaber und die Angestellten des White Lion hätten weder Pest noch Pestilenz, Hunger oder Kanonenfeuer aus der Ruhe gebracht, denn dort machten die drei Dukes bevorzugt Station.

Sie hatten dort und anderswo einigen Schaden angerichtet, aber Ashmont und seine Freunde beglichen stets ihre Rechnungen. Sie kamen für den Schaden auf, was es auch sein mochte, und zahlten großzügig, womit sie ihre Streiche, Scharmützel, Verführungen und Zerstörungen auslöschten. Und so waren die Dukes dort willkommen und wurden nicht mit Fackeln, Mistgabeln und knurrenden Hunden davongejagt.

Der Arzt ließ Keeffe auf einen Tisch in einem der privaten Speisezimmer legen. Im selben Raum auf demselben Tisch hatte Ashmont schon einige Burschen liegen sehen, die darauf warteten, von Mr. Greenslade verarztet zu werden. Miss Pomfret war offenbar entschlossen, zu bleiben und die Prozedur zu beaufsichtigen, aber hier war sie ausnahmsweise überflüssig. Obwohl er sich alles Übrige gefallen ließ, wollte Keeffe nicht zulassen, dass sie ihn unbekleidet sah. Er regte sich so sehr auf, dass sie schließlich den Raum verließ, um zu verhindern, dass er seine Verletzung schlimmer machte.

Auf Anraten des Arztes suchte Ashmont das Kaffeezimmer auf. Kurz nachdem der Kellner seine Bestellung aufgenommen hatte, erschien Morris der Dritte und brachte die Pistole und Ashmonts Hut.

Erst da fiel Ashmont auf, dass er den Hut verloren hatte. Und eine ausgezeichnete Duellpistole. Was hatte er mit der Waffe getan?

»Wo bist du hin?«, fragte Morris. »Gerade warst du noch da und dann nicht mehr, und ich wachte unter einem Tisch auf und keiner wusste, wo du geblieben warst, und dann doch, aber ich bekam zehn verschiedene Angaben. Jemand behauptete, auf dich wäre geschossen worden, ein anderer, dass es ein Bediensteter war, und dann sah ich den Pistolenkoffer auf dem Tisch und dass eine Waffe fehlte. ›Was ist mit der anderen?‹, habe ich mich gefragt.«

Blackwood hatte über Humphrey Morris gesagt, dass sein Mundwerk, wie ein Mühlrad, selten stillstand. Im Moment machte Ashmont das Geplapper allerdings nichts aus. Es hielt ihn davon ab, nachzudenken.

Alkohol hatte denselben Effekt, aber seltsamerweise hatte der Duke heute Morgen das Gefühl, genug getrunken zu haben.

Zwei Frauen verletzt. Und den kleinen Kerl, den kleinen Kerl. Ausgerechnet Tom Keeffe hatte Ashmont verletzen müssen. Einen Helden der Rennbahn. Verdammt, ja, einen Helden des Lebens. Geboren in einem Armenhaus. Ein Kind der Elendsviertel. Irgendwie war er dem entflohen, hatte seine Berufung gefunden und hatte es unter die Elite der Jockeys gebracht.

… bis zu dem fatalen Tag in Newmarket, als er beinahe zu Tode getrampelt worden war. Tatsächlich hatte man zunächst von seinem Tod berichtet. Und doch hatte er es geschafft. Er hatte überlebt, obwohl die Chancen unglaublich schlecht standen, ungefähr so, wie er seine ersten Rennen gewonnen hatte.

Wenn er das hier nicht überlebte …

Der Gedanke war kaum zu ertragen, und so verbat sich Ashmont, darüber nachzudenken.

Er sagte: »Während du fort warst, haben die Dörfler eine Keilerei angefangen. Ich war nicht in der Stimmung dafür. Bin rausgegangen und habe die Pistole abgefeuert. Hast du das nicht gehört?«

Morris schüttelte den Kopf. »Hab was gehört. Keine Ahnung, was. Kann mich ehrlich gesagt nicht an viel erinnern.«

Ashmont erzählte es ihm.

Morris hob die hellbraunen Augenbrauen. Seine ebenfalls hellbraunen Augen waren weit geöffnet, ebenso wie sein Mund. »Hast du gesagt, Miss Pomfret war in der Kutsche?« Sein Ausdruck wurde weicher und seine Stimme leiser. »Etwa Miss Hyacinth Pomfret?«

»Miss Pomfret«, stellte Ashmont klar. »Rote Haare, graue Augen. So ungefähr 1,60 m groß. Eine Frau wie Boudicca. Hat einen Eimer Wasser über mich gekippt.«

Sie hatte ihn Lucius genannt. Wer sonst tat das?

Morris’ verträumter Ausdruck war einem des Entsetzens gewichen. »O nein! Cassandra Pomfret! Hier!«

»Ich schließe daraus, dass du sie kennst.«

»Du etwa nicht? Wie kann man die nicht kennen?«

»Irgendjemand hat sie Miss Pomfret genannt, und fast ganz Putney scheint sie zu kennen.«

»Einer ihrer Brüder hat hier ein Anwesen«, erklärte Morris. »Vermietet es derzeit. Lord deGriffiths Familie. Der Erbe des Earls of Chelsfield. Es gibt zehn Kinder. Sie ist das älteste der drei Mädchen. Man nennt sie auch Cassandra, Prophetin des Untergangs, denn es kommt immer etwas Schreckliches und Albtraumhaftes heraus, wenn sie den Mund aufmacht. Du musst sie kennen. Sie ist mit Ripleys Schwester befreundet. Lady Charles Ancaster ist Lord deGriffiths Schwester.«

Lady Charles Ancaster: Ripleys Tante Julia. Sie hatte Ripleys zwei Freunde stets behandelt, als wären sie seine Brüder und sie ihre Mutter. Gerade kürzlich noch hatte sie Ashmont mit seinem Rufnamen angesprochen, im Verlauf einer ordentlichen Standpauke. Da er ohne Mutter aufgewachsen war, machten ihm die Zurechtweisungen nichts aus. Sie waren Teil der Zuneigung, die sie mit ebenbürtiger Großzügigkeit verteilte.

Lucius.

Außer ihr nannte ihn niemand mehr so.

Außer Miss Pomfret eben auf der Heide, als sie ihn darüber hinaus würdelos und abscheulich genannt hatte.

Dann fiel es ihm wieder ein. Das rothaarige Mädchen. Camberley Place. Es war so lange her, so viele Jahre. Beinahe in einem früheren Leben.

»Bitte keine Stammbäume«, sagte er. »Mein Kopf tut weh, und Cousinen vierten Grades um sechs Ecken auf der mütterlichen Seite sind mir gerade wirklich zu viel.«

»Lady Charles Ancaster«, wiederholte Morris geduldig. »Ripleys Tante.«

»Ja, ja, weiß ich.«

»Ist auch Miss Pomfrets Tante, aber von der anderen Seite. Wie kannst du Miss Pomfret nicht kennen? Sie und Lady Alice, also das heißt die Duchess of Blackwood, sind seit der frühen Kindheit dicke Freundinnen.«

»Ich glaub, ich hab den Faden verloren«, meinte Ashmont. »Nettes Mädchen? Gutes Elternhaus? Unverheiratet? Was sollte ich dann mit ihr zu schaffen haben?«

Leute hatten ihn möglichen Heiratskandidatinnen vorgestellt, und er hatte sich verneigt und war gegangen. Er hatte diese Spezies gemieden, seit er sich zum ersten Mal in den Strudel der Londoner Gesellschaft begeben hatte, und so hatte er es weiterhin gehalten.

Ehrbare Fräulein waren langweilig. Überall Anstandsdamen. Keine Privatsphäre erlaubt. Mit ihnen konnte man gewiss keinen Spaß haben. Und wenn doch, musste man sie anschließend heiraten.

Olympia, das Mädchen, das er hatte heiraten wollen, war ein nettes Mädchen. Nicht, dass er zu dem Zeitpunkt auf der Suche nach einer Ehefrau gewesen war. Er war ihr zufällig über den Weg gelaufen.

Sie war nicht langweilig.

Aber sein bester Freund, diese verlogene, diebische Made, hatte sie ihm weggeschnappt.

Und jetzt hatten Blackwood und Ripley Ehefrauen, und Ashmont hatte keine. Ripley hatte sich für seine noch nicht einmal anstrengen müssen. Er hatte nicht erst Wochen darauf verwenden müssen, sie zu umwerben und ihre Familie davon zu überzeugen, dass er nicht ihr Leben ruinieren würde. Nein, alles, was Ripley hatte tun müssen –

Aber nein, es war nicht allein Ripleys Schuld, hinterhältiges Schwein, das er war. Frauen waren unberechenbar, und ehrbare Frauen waren besonders schwierig, weil sie sich nicht an die Spielregeln hielten wie die gefallenen Schwestern.

Nein, Olympia war ihren eigenen Weg gegangen, hatte Schwüre und unterzeichnete Dokumente weggeworfen, als wären es alte Handschuhe. Und er und Ripley hatten sich heute Morgen duelliert, wie es die Ehre verlangte, und hatten die Sache erledigt. Das war abgehakt.

Es war immer gut, eine Sache zu erledigen. Das ersparte einem endlosen Ärger. Und es war das Beste, sie möglichst schnell zu bereinigen.

Wenn man sie bereinigen konnte.

Aber Keeffe würde nicht sterben. Das durfte er nicht. Er würde leben, und Ashmont würde ihn entschädigen, wie viel es auch kosten mochte.

***

Cassandras Uhr zeigte an, dass zwei Stunden vergangen waren, als Mr. Greenslade den kleinen privaten Speiseraum auf der ersten Etage betrat, in dem sie wartete. Sie hatte sich um Gosneys Verletzungen gekümmert und die Zofe in den öffentlichen Gastraum geschickt, damit diese dort bei Tee und einer Stärkung ihre Nerven beruhigte.

Cassandra hatte die Zeit unterdessen damit verbracht, das Treiben unten im Innenhof zu beobachten oder die immer düsterer und dichter werdenden Wolken zu betrachten, während sie über ihre Lage nachgedacht und sich in ihrer Fantasie ausgemalt hatte, wie der Duke of Ashmont langsam und schmerzhaft durch alle neun Kreise der Dante’schen Hölle geschickt wurde.

»Zwei gebrochene Rippen«, verkündete der Arzt. »Die Brüche scheinen glatt zu sein, allerdings ist es, wie Sie sicher verstehen, nicht möglich, das mit völliger Gewissheit zu sagen.«

Sie hatte schon vermutet, dass es ein Rippenbruch sein könnte, und auch wenn die Verletzung nicht so schlimm zu sein schien, wie sie zunächst befürchtet hatte, waren das nicht die besten Nachrichten. Ärzte irrten sich in ihrer ersten Einschätzung ihrer Erfahrung nach selten, zu selten.

»Und was fehlt ihm noch?«, fragte sie.

»Er hat Fieber.«

Sie verlor den Mut.

Zerschmetterte Knochen konnten tödliche Infektionen zur Folge haben, die Lungen konnten in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie hatte es bei verarmten Familien oft gesehen. Auch unter den Bessergestellten hörte man von zu vielen Fällen. Sie sagte sich, dass Keeffe schon Schlimmeres überlebt hatte, aber damals war er jünger gewesen, unversehrt und auf dem Höhepunkt seiner Kräfte.

»Er behauptet, er sei wieder bereit, zu arbeiten«, sagte Greenslade. »Ich bezweifle auch nicht, dass er sich besser fühlt, und üblicherweise würde ich sagen, Sie können weiterreisen, wenn auch mit Vorsicht. Ich habe ihn gut verbunden. Aber in solchen Fällen ist eine Lungenentzündung zu befürchten, und unter den gegebenen Umständen rate ich Ihnen dringend dazu, ihn nicht weiter zu bewegen als ins nächste Schlafzimmer. Ein oder zwei Tage Ruhe mit einer kühlenden Kost und sorgsamer Pflege werden uns zeigen, ob das Fieber nur eine unmittelbare Reaktion des Körpers auf die Verletzung ist oder ob es weitere Komplikationen gibt. Ich habe versucht, ihm das zu erklären, aber es regte ihn so auf, dass ich mich gezwungen sah, ihm eine Dosis Laudanum zu verabreichen, um zu verhindern, dass er sich noch mehr Schaden zufügt. Ich glaube, für den Moment hat er sich beruhigt.«

»Wenn wir ihn hierbehalten wollen, müssen wir ihn ans Bett fesseln«, sagte Cassandra. Nach dem Unfall beim Pferderennen hatte er monatelang gelegen, und man hatte ihm gesagt, dass er nie wieder würde laufen können. Es war also wenig verwunderlich, dass er so auf die Empfehlung des Arztes reagiert hatte.

»Was ich vorschlagen würde –«

Die Tür flog auf. Der Duke of Ashmont erschien im Türrahmen, mit sonnenhellem Haar, himmelblauen Augen, breiten Schultern und einfach von allem etwas zu viel. Er betrat den privaten Speiseraum, der daraufhin geschrumpft zu sein schien.

»Man sagte mir, Sie hätten das Krankenzimmer verlassen«, tönte er. »Wie geht es dem Jockey?«

***

Ashmont hatte kein herzliches Willkommen erwartet, und er bekam auch keins. Die Lady verschränkte die Arme und sah ihn mit unbewegter Miene an, während die Temperatur im Raum um einige Grad zu fallen schien.

»Zwei gebrochene Rippen«, sagte sie, bevor der Arzt antworten konnte. »Mit Komplikationen.«

Ihm war übel. Er ignorierte das Gefühl und wiederholte: »Rippen, ja. Brechen gern mal. Aber Greenslade hier hat ihn gut und fest verbunden, möchte ich meinen, und –«

»Mr. Greenslade, seien Sie doch so gut und gehen Sie hinaus«, sagte sie. »Ich hätte gern ein Wort mit dem Duke gesprochen. Unterdessen muss ich Sie bitten, sich meine Zofe anzusehen. Einige Platzwunden. Ich habe sie gereinigt, aber sie muss vermutlich noch ein wenig genäht werden, und sie hat abgelehnt, als ich anbot, es selbst zu tun.«

Der Arzt sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.

»Tun Sie, was die Lady sagt«, meinte Ashmont. »Wenn ich Hilfe brauche, werde ich schreien.«

Greenslade verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.

»Ich erinnere mich jetzt an Sie«, erklärte Ashmont. »Camberley Place. Sie und Lady Alice und all die anderen kleinen Mädchen. Die Cousinen.«

Ihre Miene blieb kalt und unbewegt wie Stein.

»Hören Sie, ich weiß nicht, ob Sie mit mir allein sein sollten«, sagte Ashmont. »Soweit ich mich erinnere, tut man das nicht. Ehrbare Lady. Berüchtigter Lebemann. So etwas eben. Vielleicht könnten wir zum Beispiel in den Innenhof gehen, wo ich etwas Vorsprung hätte. Oder zumindest Zeugen, falls Sie mich umbringen.«

»Keeffe hat Fieber«, sagte sie.

»Aha.«

»Er darf nicht bewegt werden. Er soll für einen Tag oder vielleicht zwei oder mehr ruhig im Bett liegen, um zu sehen, ob das Fieber schlimmer wird, und dann natürlich, ob er es überlebt.«

»Nicht bewegt. Das wird ihm nicht gefallen.« Er bemerkte ein kurzes Aufflackern von Erstaunen in ihren grauen Augen, bevor die Maske des Todes sich wieder davorschob.

»Nein, das wird es nicht. Es gefällt ihm so wenig, dass der Arzt ihm Laudanum verabreichen musste. Aber das wird Keeffe nicht lange ruhigstellen, und man sollte es nicht zu oft nehmen, vor allem nicht, wenn die Gefahr einer Lungenentzündung besteht. Er hätte selbst nie zugelassen, dass er hergetragen würde, wenn er nicht extreme Schmerzen gehabt hätte. Nun, da seine Rippen ruhiggestellt sind, wird er darauf drängen, sich wieder bewegen zu können. Auch, wenn er Schmerzen hat. Selbst, wenn es seine Genesung gefährdet. Er wird nicht vernünftig sein.«

»Ich werde mit ihm reden«, bot Ashmont an.

Sie starrte ihn an.

»Von Mann zu Mann«, sagte er. »Ich werde ihm anbieten, ihm noch ein paar Rippen zu brechen, wenn er nicht hören will.«

»Noch ein paar –«

»Männlicher Stolz«, sagte Ashmont. »Es ist keine Schande für ihn, wenn ich ihm Gewalt androhe. Ich bin dreimal so groß wie er und ein Duke. Er kann ein bisschen grummeln und sich dann fügen, weil ich ihm keine Wahl lasse.«

Er ging wieder hinaus.

Sie folgte ihm.

***

Ashmont hatte etwas zu tun. Darauf hatte er gewartet. Er hatte einen Bediensteten des Gasthauses beauftragt, nach dem Arzt Ausschau zu halten.

Die Lady hatte gesagt, er sollte etwas Sinnvolles tun. Dem wollte er gern nachkommen. Ein Teil seiner nötigen Wiedergutmachung.

Er hätte wissen müssen, dass er nicht so einfach davonkommen würde.

Er hielt inne. »Ich werde ihm nicht wehtun. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«

»Wenn Sie es tun, werde ich Sie erschießen«, sagte sie. »Eine der wenigen erfreulichen Handlungsmöglichkeiten, für die ich allgemeine Zustimmung erwarten kann.«

Als ob er den kleinen Kerl je grob angefasst hätte. Für was für einen Schuft hielt sie ihn?

Dumme Frage.

Die interessantere war, ob sie ihn tatsächlich erschießen würde.

Nein, das war auch einfach. Er hatte gesehen, wie sie mit den ausgebüxten Pferden umgegangen war. Soweit er es erkennen konnte, war sie ruhiger geblieben als so mancher Mann – nein, ruhiger als die meisten –, sogar, als die Zügel rissen. Sie war übel gestürzt und hatte nicht einmal gewimmert. Sie hatte ihn geschlagen, war über ihn hinweggetrampelt, und als er nicht schnell genug aufgestanden war, hatte sie einen Eimer Wasser über ihn gekippt.

Ja. Sie würde ihn erschießen, und ihre Hand würde dabei so ruhig sein wie ihr steinerner Blick.

»Ich werde ihm nicht wehtun«, wiederholte er. »Ich werde nur so tun, als ob ich könnte.«

Sie hob den harten, grauen Blick zu ihm auf. »Normalerweise würde ich nicht glauben, dass man Ihnen den scheußlichen Grobian abnehmen würde. Im Augenblick allerdings erscheinen Sie mir durchaus qualifiziert, so wie Sie aussehen in all der zerknitterten, schlammbespritzten Pracht ihres schwarzen Duellanzugs, mit den blauen Flecken und dem Schmutz. Das und die Tatsache, dass Sie wirken, als hätten Sie seit einer Woche kein Bad mehr genommen.«

»So schlimm?« Er beugte den Kopf, um an sich zu schnüffeln. Nun, etwas mehr als nur ein wenig verschwitzt mit einem Hauch von verschüttetem Brandy. Schmutz und Grasflecken verunstalteten seinen »schwarzen Duellanzug«. Er sollte sich wohl eine Zahnbürste und Zahnpulver besorgen lassen. »Damit liegen Sie falsch. Ich habe heute Morgen gebadet.« Er strich mit der Hand über seinen Kiefer. Er war ein wenig stoppelig. »Und mich rasiert.«

»Sie wollten wohl einen guten Eindruck machen, wenn Sie Ihren besten Freund ins Jenseits befördern, oder wie?«

»Woher wissen Sie …« Noch so eine dumme Frage. Man musste nicht besonders viel Hirnschmalz besitzen, um sich das zusammenzureimen. Alle Welt wusste von Ripley und Olympia. Miss Pomfret wusste, dass Ashmont sich heute Morgen duelliert hatte. Mit wem sonst sollte er das getan haben? »Allerdings hätte er ebenso gut mich ins Jenseits befördern können.«

»Sie haben ihn nicht getötet.« Ihre Stimme war jetzt tiefer. »Wenn Sie das getan hätten, wären Sie vermutlich jetzt auf dem Weg nach Frankreich.«

Er schüttelte den Kopf. »Niemand ist gestorben, dank seiner.«

»Sind Sie verletzt? Sie sind nicht etwa gestürzt und haben sich den Kopf an einem Stein angeschlagen und haben nun eine Gehirnerschütterung?«

»Ich sehe, Sie suchen nach dem Silberstreif am Horizont.«

»Ist Ripley unverletzt?«

Ashmont wollte wirklich nicht über das Duell sprechen. Er hatte ein halbes Dutzend hinter sich, aber keines war wie dieses gewesen. Die Szene spielte sich immer wieder in seinem Kopf ab, eine endlose Serie von Zugaben. Wenn er nicht aufpasste, würde er Albträume haben.

Er ging den Flur entlang, und sie folgte.

Er berührte seine Schläfe. »Kleine Kopfverletzung. Sein Schädel ist zu dick. Wahrscheinlich ist die Kugel abgeprallt. Hat aber wie ein abgestochenes Schwein geblutet.«

Hunderte wohlerzogener Mädchen hätte das wohl der Ohnmacht nahegebracht.

»Kopfwunden bluten stark«, sagte sie. »Übrigens, Sie sind beide Idioten.«

»Olympia erwähnte so etwas.«

»Ich kann mich nicht entscheiden, ob sie gerade noch einmal davongekommen ist oder nur vom Regen in die Traufe.«

»Sie wissen wirklich, wie man einen Kerl aufmuntert.«

»Es ist mir herzlich egal, ob Sie munter sind«, sagte sie. »Sie haben um ein Haar den Bruder meiner besten Freundin getötet. Er ist zwar ebenso nichtsnutzig wie Sie, aber Alice hat ihn trotzdem unglaublich gern. Und bloß wenige Stunden nach dieser sinnlosen Aktion hätten Sie beinahe drei weitere Menschen und zwei Pferde getötet. Meine Kutsche ist hinüber, und mein Vater wird nie zustimmen, dass ich Ersatz bekomme, weil er es ohnehin hasst, wenn ich sie fahre. Er wird sich wünschen, selbst auf die Idee gekommen zu sein, sie kaputtzufahren. Dank Ihrer muss ich jetzt wer weiß wie lange hierbleiben, nur mit meiner Zofe, die keine gute Anstandsdame abgibt. Und selbst wenn ich eine Anstandsdame hätte …« Sie verstummte und holte tief Luft.

Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sich ihre Brust hob und senkte. Es war nicht leicht. Die enormen Ärmel ihres Kutschenkleides behinderten die Sicht, die ohnehin schon halb von Spitze und dem großen Reverskragen verdeckt wurde. Vielleicht war der Busen doch ein wenig üppiger, als er zunächst gedacht hatte? War sie hübsch? Er war nicht sicher. Aber auch wenn sein Kopf nun wieder wesentlich klarer war, hatte er noch immer das Gefühl, im Nebel zu tappen.

Sie war jedenfalls ein hübsches Mädchen gewesen. Da war er sich sicher. Er erinnerte sich nun wieder lebhaft an seine Zeit in Camberley Place. So viele Erinnerungen an das warme und einladende alte Haus. Und an das Fischerhaus – vielleicht sein allerliebster Ort auf der Welt.

»Eins nach dem anderen«, sagte sie. »Zuerst Keeffe. Es ist nicht nur männlicher Stolz. Nicht alles. Das müssen Sie verstehen.«

»Nein, verstehe ich nicht. Es ist ganz einfach.«

»Es ist nicht, wie Sie denken.«

»Eigentlich habe ich gar nicht gedacht.«

»Es ist wegen des Unfalls in Newmarket«, sagte sie. »Monatelang. All die Zeit, in der man ihm stets gesagt hat, er würde nie wieder laufen.«

Ashmont wollte das nicht hören. Er war nicht glücklich, und im Augenblick konnte er sich nicht mit einem Drink oder einer Zechtour aufmuntern. Er hatte Dinge zu erledigen. Er brauchte einen klaren Kopf. Das war nur der Anfang, das wusste er.

»Er hasst den Gedanken, sich nicht bewegen zu können«, fuhr sie fort. »Darum –«

»Es ist einerlei«, sagte Ashmont. »Ich werde nicht mit ihm diskutieren. Ich werde nicht versuchen, ihn zu verstehen. Ich werde ein Dreckskerl von einem Duke sein, der ihm befiehlt zu tun, was man ihm sagt.«

»Wie Sie meinen, dann auf Ihre Art«, sagte sie. »Aber wehe, das funktioniert nicht. Wenn er sich noch mehr verletzt –«

»Es wird funktionieren.« Das musste es. Er musste das in Ordnung bringen. Was auch immer man über den Duke of Ashmont sagte – und darüber hätte man Bücher schreiben können –, er bezahlte stets großzügig, was er schuldete. Immer.

»Wenn nicht, werde ich Sie erschießen«, sagte sie. »Es wird das Problem nicht lösen, aber ich werde mich besser fühlen.«

***

Cassandra konnte weder ihre Zofe noch den Arzt im öffentlichen Gastraum finden.

»Er ist im Kaffeezimmer, Miss Pomfret«, erklärte ihr eine Schankmagd. »Wo sie ist, weiß ich nicht.«

Cassandra fand Greenslade bei einem abgeteilten Tisch, an dem ein besorgt wirkender Humphrey Morris saß, der dritte der unerfreulichen Söhne der Countess of Bartham. Das heißt, Morris hatte nicht besorgt ausgesehen, bis er aufgeschaut und Cassandra entdeckt hatte.

Seine Sorge wuchs, als sie sich näherte. Kaffeezimmer waren allgemein männliches Territorium. Cassandra hielt sich für gewöhnlich an solche Anstandsregeln, weil Männer hysterisch wurden, wenn Frauen in ihr Gebiet vordrangen, und das war nervtötend. Außerdem waren es genau solche Dinge, die Klatschmäuler benutzten, um ihren Charakter in ein schlechtes Licht zu rücken und ihren Ruf zu zerstören. Nicht, dass sie derzeit einen besonders guten Ruf gehabt hätte oder dass sie gewusst hätte, wie der Rest davon die Ereignisse dieses Tages überstehen würde.

Aber eins nach dem anderen.

»Ah, Miss Pomfret«, sagte der Arzt. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen die Mühe zumute, mich zu suchen. Ich habe überall nach Ihrer Zofe geschaut. Wie es scheint, war Mr. Morris einer der Letzten, die sie gesehen haben.«

Sie sah Morris an, der hastig von seinem Sitz aufsprang und sich mit scharlachrotem Gesicht verneigte.

»Wusste nicht, wer sie war«, sagte er. »Habe den, also wissen Sie, den Unfall habe ich nicht gesehen – und Ashmont hat mir gesagt, ich solle hier warten, falls er mich braucht. Ich bin in den Innenhof gegangen, um herauszufinden, ob irgendjemand gehört hat, wo die Pistole geblieben ist.«

Eine Duellpistole, zweifelsohne. Morris musste an diesem Morgen Ashmonts Sekundant gewesen sein.

»Die Leute meinten, einer der Kerle aus dem Green Man hat sie aufgehoben, wo auch immer Ashmont sie fallen gelassen hat, und hat sie mit reingenommen, um sie sicher aufzubewahren. Er hat auch seinen Hut verloren, aber der hing bloß am Haken, und ich habe ihn zurückgebracht, zusammen mit dem Pistolenkoffer und der zweiten Pistole. Ich hatte mir Sorgen gemacht, dass das Ding irgendwo auf dem nassen Boden liegt oder von einem Wagen überfahren wird. Also habe ich überlegt, ob ich jemanden zum Green Man schicken soll, als die Postkutsche ankam und wir alle zuschauten.«

Das taten die Leute immer. Wenn an der Hauptpoststation die Nachtpost abfuhr, versammelten sich stets eine Menge Zuschauer. Ankommende und abfahrende Postkutschen hatten auch bei den White Horse Cellars am Piccadilly stets ein Publikum, ebenso wie in anderen Londoner Poststationen.

Oft stand die Unterhaltung der Theaterbühne in nichts nach. Auch sie mochte es, zuzusehen, wie die Nachtpost abfuhr. Jeder, der selbst einen Wagen fuhr, konnte die Expertise und Eleganz der Postkutscher nur bewundern. Das war eines der Dinge, die sie an England vermisst hatte.

»Das Mädchen kam aus dem Büro und wedelte mit einem Fahrschein«, sagte Morris und zog ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Es gab nur einen Außensitz, aber den nahm sie. Kletterte rauf und fuhr davon. Zuletzt sah ich sie, wie sie sich duckte und den Hut festhielt, als sie unter dem Torbogen durchfuhren. Wusste nicht, dass es Ihre Zofe war, bis Greenslade hier mich fragte, ob ich eine Frau in einem olivgrünen Kleid gesehen habe.«

Cassandra sah ihn sehr lange an, während sie die Information verdaute und die möglichen Verwicklungen zu begreifen versuchte. »Haben Sie die Pistole gefunden?«, fragte sie.

»Noch nicht.« Er schluckte. »Tut mir leid wegen Ihres Jockeys, Miss Pomfret.«

»Lassen Sie mich wissen, wenn Sie die Pistole finden«, sagte sie. »Ich könnte sie gebrauchen.«

***

In der Zwischenzeit

Eine kleine Dosis hochherrschaftlichen Dominanzgehabes und eine große Dosis »Sie bereiten Miss Pomfret Kummer« wirkten besser als das Laudanum, um Keeffe zu beruhigen. Es dauerte nicht lange und eine Schar Bediensteter des Inns und Freiwilliger aus dem Ort trugen ihn vorsichtig in eines der Gästezimmer. Nachdem die Männer gegangen waren, entschuldigte sich Ashmont, der sich nie entschuldigte, höchstens in Form von Münzen und Geldscheinen.

Keeffe sah verlegen aus und dankte ihm. »Ich werd schon nicht sterben, Euer Gnaden. Der Quacksalber hat mich eingewickelt wie eine von diesen ägyptischen Mumien. Sie könnten mich jetzt von der obersten Galerie auf das Kopfsteinpflaster im Hof fallen lassen und mir würd nichts passieren. Sie müssten schon eine Kanonenkugel auf mich abfeuern, wenn Sie so etwas wie eine Delle verursachen wollten. Wenn so’n Haufen Rennpferde mich nich geschafft hat, werden das ein paar gebrochene Rippen noch lange nich.«

»Ich bin froh, das zu hören«, sagte Ashmont. Der Mann sah nicht gut aus. Sein Gesicht sah abgespannt aus und seine braunen Augen trüb.

»Ich mach mir nur Sorgen um meine Miss und was mit ihr wird.«

Ashmont zog den Stuhl ans Bett. Trotz oder möglicherweise wegen des Laudanums wollte Keeffe offenbar reden. Er sollte sich ausruhen, aber es wirkte, als ob er das erst tun würde, wenn er losgeworden war, was er zu sagen hatte.

Also war es Ashmonts Aufgabe, zuzuhören.

Er konnte noch immer nicht klar sehen. Er war nüchterner, aber der Nebel blieb: Verwirrung, Gefühle, die kamen und gingen, und Szenen aus längst vergangener Zeit, die sich mit gegenwärtigen mischten, wirbelten in seinem Kopf herum.

Morris hatte ihm leicht überreizt von einem Vorfall bei dem Vortrag eines gewissen Owsley erzählt und von der Regel, die deGriffith im Zuge dessen für Miss Pomfrets jüngere Schwester aufgestellt hatte.

Morris hatte bis ins kleinste Detail Bescheid gewusst, da seine Mutter nicht nur ein berüchtigtes Klatschmaul war, sondern auch eine Freundin von Lady deGriffith.

Keeffe hatte noch intimeren Einblick in die Familie als Lady Bartham: Miss Pomfret liebte ihre Schwester sehr, und diese Sache »machte ihr ganz schön zu schaffen«.

Da war noch mehr, womit er die Lücken in Morris’ von Klatsch geprägter Skizze von Miss Pomfret füllte: wie ihre Großeltern ihre Erziehung übernommen hatten. Wie ihr Großvater Keeffe etwa zwei Jahre nach dem Unfall gefunden hatte, als er betrunken in Blackwater Ställe ausfegte.

»Das waren üble Zeiten, Euer Gnaden. Aber dann stellte Seine Lordschaft mich ein, damit ich mich um seine Enkelin kümmere. Ein Leibwächter, sagte er, aber unauffällig. Und ein Lehrer – ich! Aber sie war ein willensstarkes Mädchen, und er machte sich Sorgen um sie. Er wusste, wie ich aufgewachsen bin, und er wollte, dass ich ihr beibringe, wie sie für sich selbst sorgen kann. Er vertraute mir seine Enkelin an, als andere mir nicht einmal ein Pferd anvertraut hätten. Sie dachten, ich bringe Pech, wissen Sie?«

Ashmont verstand es. Die Rennbahn war ein Ort voller Korruption, und Keeffe, der seine Kindheit in den schlimmsten Ecken Londons verbracht hatte, war bekannt dafür, nicht korrumpierbar zu sein. Sein rascher, unwahrscheinlicher Aufstieg zum Ruhm hatte dafür gesorgt, dass seine Feinde nur darauf lauerten, ihn zu treten, wenn er am Boden lag.

»Und ich ein Krüppel«, fuhr der Jockey fort. »Wem konnte ich noch nützen? Aber Seine Lordschaft sah meinen Wert. Sie ebenfalls. Sie machte nie Bemerkungen darüber, wie lahm ich war. Sie hörte zu und oh, sie hat ein Händchen für Pferde, Euer Gnaden. Sie haben ja gesehen, wie ruhig und gelassen sie blieb. Wenn die Zügel nicht gerissen wären, wären wir da glatt durchgekommen.«

»Das habe ich gesehen«, sagte Ashmont. »Sie waren ein guter Lehrer.«

»Das ist leicht, wenn jemand lernen und hart arbeiten will. Ich wünschte nur, ich wüsste, wie ich sie ohne Schaden durch all das durchbekomme. Es ist schlimm, wissen Sie, Euer Gnaden? Nicht, als ob sie ein Mann wäre. Ladys haben ihren Ruf, und der ist kostbarer für sie als diese Goldteller bei der Lotterie.«

Ashmont wusste nur zu gut über den Ruf der Damen Bescheid. Es war unmöglich, davon nichts zu wissen, wenn man seinen Onkel und Vormund, Lord Frederick Beckingham, und Blackwoods autokratischen Vater um sich hatte. Die einfachste Lösung war, sich von ehrbaren Frauen fernzuhalten. Die andere Sorte gab es zuhauf.

»Wollte man alles aufschreiben, wäre das Regelbuch für Ladys über tausend Seiten dick«, sagte Keeffe. »Und sie bricht alle Regeln darin. Viele Leute wetzen ihretwegen ohnehin schon die Messer. Das heute, alles, was passiert ist, das werden die verdrehen und zu einer riesigen Sache aufblasen, sodass wir selbst es nich wiedererkennen. Und was soll sie tun? Wieder zu Lord und Lady Chelsfield flüchten? Ihre Familie mit dem Spott und den Beleidigungen allein lassen? Und dabei wissen sie genau, dass das, was hinter ihrem Rücken passiert, noch viel schlimmer ist als das, was man ihnen ins Gesicht sagt.« Keeffe schüttelte den Kopf. »Darüber mache ich mir wirklich Sorgen. Ich weiß nich, wie man das wieder in Ordnung bringen soll.«

Es gab nur einen Ausweg. Man mochte kaum darüber nachdenken, aber die Ehre verlangte, dass Ashmont es dennoch tat.

»Sie kümmern sich darum, dass Sie wieder in Ordnung kommen«, sagte er. »Das haben Sie schon einmal geschafft. Im Vergleich dazu ist das hier eine Lappalie. Überlassen Sie den Rest mir.«

Ein Lächeln überzog das kluge, sonnengebräunte Gesicht.

»Ich weiß genau, was Sie denken«, sagte Ashmont.

Der Duke of Ashmont brachte für gewöhnlich nichts in Ordnung, er machte es kaputt. Alle Welt glaubte das, und damit hatten die Leute nicht einmal unrecht.

Keeffe ließ etwas wie ein kurzes Lachen hören, verzog aber gleich das Gesicht.

»Bei allem Respekt, Euer Gnaden. Ich wette dagegen.«

***

Cassandra kehrte in das private Speisezimmer zurück, verlangte nach Schreibutensilien und schickte einen Brief an Mrs. Nisbett, in dem sie kurz erklärte, was geschehen war. Ihr würde bald eine vollkommen verdrehte Version der Ereignisse zugetragen werden, wenn das nicht schon längst geschehen war, und Cassandra wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte. Bald würde es sich auch nach London herumsprechen, aber wenn sie Glück hatte, würde ihre Familie es nicht vor morgen erfahren.

Dann allerdings wäre sie ruiniert.

»Eins nach dem anderen«, sagte sie sich.

Ihren Eltern schrieb sie nicht. Sie klammerte sich noch immer an die zerbrechliche Hoffnung, die Lage retten zu können oder zumindest den Schaden zu begrenzen, und wollte nicht mehr Unruhe stiften als unbedingt nötig.

Sie hätte etwas Starkes zu trinken gebrauchen können. Sie bestellte Tee.

Ein Bediensteter brachte ihn in erstaunlich schneller Zeit, wenn man bedachte, wie viele Reisende hier ein- und ausgingen. War das Seiner Un-Gnaden geschuldet?

Als sie zuvor das Kaffeezimmer verlassen hatte, war eine Gruppe Passagiere der Postkutsche hereingekommen und hatte alle Tische belegt außer den, an dem Humphrey Morris saß. Das war der Stammplatz Ihrer Un-Gnaden. Wenn einer von ihnen in der Nähe war, war dieser Tisch für andere Gäste tabu.

Hier waren die drei Dukes quasi Götter. Gleich, was oder wen Ripley, Blackwood und Ashmont zerstörten. Einerlei, welche Schandtaten sie verübten. Sie waren Dukes. Sie warfen mit Geld um sich. Geld war ihr heiliger Dispens, der alle Arten von Sünden vergessen machte.

Sie zuckte mit den Schultern. So war es nun mal in der Welt – und hatte sie nicht rasch gehandelt, um das auszunutzen? Ashmont hatte kaum mit der Wimper gezuckt und ihr gegeben, was sie verlangte, ohne zu warten oder zu diskutieren oder andere Hindernisse, die ihr ohne ihn in den Weg gelegt worden wären.

Sie hatte gesehen, wie Keeffe zum White Lion gebracht worden war, vorsichtiger und nur in einem Bruchteil der Zeit, die es sonst gedauert hätte. In der Gaststätte hatten sich alle beeilt, um es ihnen recht zu machen. Andere Gäste hatten ihre privaten Plätze aufgeben müssen, weil Ashmont sie benötigte. Ihn an der Seite zu haben, war, als besäße sie einen Zauberstab.

Die Tür flog auf.

Götter hatten es wohl nicht nötig zu klopfen.

Da stand er, mit seinem sonnenblonden Haar und den himmelblauen Augen, in all seiner von blauen Flecken übersäten, schmutzigen und unterbelichteten Pracht wie ein trunkener Apoll, der aus seinem Wagen gefallen war.

Schön, gottgleich, aber ein hoffnungsloser Fall.

An ihn waren auf tragische Weise gutes Aussehen, gesellschaftlicher Rang und alles in großem Maße verschwendet.

Damals, vor langer Zeit …

Ich erinnere mich jetzt an Sie. Camberley Place. Sie und Lady Alice und all die anderen kleinen Mädchen. Die Cousinen.

Ja, dutzende Pomfret- und Ancaster-Cousinen und deren Freundinnen. Sie war nur ein kleines Mädchen unter vielen gewesen, während er für sie Sonne, Mond und Sterne bedeutet hatte.

Sie erinnerte sich nur zu gut. Die Szenen, die sie vor Jahren in einer Kiste in ihrem Geist verschlossen hatte, brachen nun daraus hervor. Sie drängten in ihr Bewusstsein, all die Erinnerungen bis hin zu jener ersten Begegnung, der Nacht, bevor er und die anderen Jungen ins Internat fuhren, als er ihr die Sternbilder gezeigt hatte. Beim nächsten Mal, ein Jahr später, hatte sie ihn ausgiebig bei Tageslicht betrachten können. Er war auf wundersame Weise in einem der vielen schlimmen Momente ihrer Jugendzeit aufgetaucht, war aus einer Gruppe Jungen herausgetreten, war so völlig anders gewesen. Er war ein goldenes Geschöpf, das schönste Wesen, das sie je gesehen hatte: das helle blonde Haar, das sich in weiche Ringel legte, und die strahlendsten blauen Augen auf der ganzen Welt … und die Gesichtszüge, einfach zu perfekt, um wahr zu sein. Wie die eines Engels.

Dieser Engel war ihr mit Blackwood und Ripley zur Seite geeilt. Er hatte sogar ein Ungeheuer bekämpft, und das hatte ihn in ihrer kindlichen Sichtweise wie einen Kriegerengel erscheinen lassen, der ihr in ihrem Kampf gegen das Unrecht der Welt zur Seite stand. Seitdem hatte sie jahrelang, auch angesichts gegenteiliger Anzeichen, geglaubt, er würde zu einem, ja, zu was heranwachsen? Einem Sir Galahad? Einem Märchenprinzen?

Ja. Sie hatte geglaubt, er würde großartige Taten vollbringen.

Irgendwann hatte sie den Glauben schließlich aufgegeben. Bald hatte sie einsehen müssen, dass das himmlische Geschöpf, das sie verehrte, nur in ihrer Vorstellung existierte. Aus ihm war nie das geworden, was sie sich erhofft hatte.

Sie wusste, wie man so manchen Schaden reparierte. Sie wusste, wie man Menschen helfen konnte, zu denen das Leben hart und ungerecht gewesen war. Aber der Duke of Ashmont war auf der Straße der Ausschweifung und Selbstzerstörung zu weit gekommen, als dass man ihn hätte zurückholen können. Die schiere Mühe, die es kosten würde, ihn in ein halbwegs akzeptables menschliches Wesen zu verwandeln, überstieg ihre Fähigkeiten und eigentlich auch ihre Vorstellungskraft. Vielleicht hätten ein Engel oder eine Heilige eine Chance gehabt, und sie war weder das eine noch das andere.

Er war ein absolut hoffnungsloser Fall, und die erwachsene Cassandra Pomfret hatte wichtigere Dinge und würdigere Personen, um die sie sich Gedanken machen konnte.

Sie konnte ihn jetzt nur benutzen.

Er betrat das Zimmer und schloss die Tür. »Ich habe eine Idee«, sagte er. »Heiraten Sie mich.«