Leseprobe Drei Dates zu Weihnachten

Kapitel 1

Schlafe niemals mit deinem besten Freund, haben sie gesagt. Das bringt nur Probleme, haben sie gesagt. Doch wieso zur Hölle hat niemand mit der kleinsten Silbe erwähnt, dass diese verdammten Gefühle immer stärker werden, wenn man versucht, dagegen anzukämpfen?!

Aber da bin ich selbst schuld! Ich hätte David niemals bitten sollen mich auf die Büro-Weihnachtsfeier zu begleiten. Doch nach der Trennung von Carsten, meiner letzten Büroaffäre, hatte ich keine Lust allein dort aufzukreuzen. Ich wollte mir auf keinen Fall die Blöße geben und meinem Ex zeigen, wie sehr es mich verletzt hatte, dass er seine Finger nicht von Susanne, unserer neuen Sekretärin hatte lassen können.

David ist mein bester Freund aus Schultagen und natürlich konnte er mein Gejammer wegen der Trennung und weil ich die diesjährige Weihnachtsfeier aus diesem Grund keinesfalls auslassen wollte, einfach nicht ertragen. Also hat er sich kurzerhand als meine Begleitung angeboten – und ich dumme Kuh habe freudig zugestimmt, statt einmal mein Hirn einzuschalten und an mögliche Folgen eines feuchtfröhlichen Abends zu denken. Wäre ich doch nur standhaft geblieben und hätte seinen Vorschlag rigoros abgelehnt, anstatt mich über diese Idee zu freuen. Dann wäre das alles nicht passiert! Dann hätten wir nicht nach Ende der Weihnachtsfeier miteinander geschlafen! Dann würde ich mich in seiner Nähe auch nicht fühlen, als wären da Tausende von Schmetterlingen in meinem Bauch, die um die Wette fliegen, während David so tut, als wäre alles wie immer. Als hätte es diese verhängnisvolle Nacht nie gegeben.

Dabei weiß ich bis heute nicht, warum ich auf einmal diese Nähe zwischen uns zugelassen und ihn geküsst habe. Ich meine, David ist wie ein großer Bruder für mich. Wir sind zusammen aufgewachsen, sind zusammen zur Schule gegangen und haben sogar gemeinsam studiert. Jetzt wohnen wir Tür an Tür in einem Mietshaus in der Kölner Altstadt.

Er ist für jeden Spaß zu haben, ein hoffnungsloser Romantiker, hört gut zu und wenn es einem schlecht geht, bietet er gleich eine Schulter zum Weinen an. Ein Mann fürs Leben, nicht bloß für eine Nacht. Da habe ich es wohl mit unserer Freundschaft so richtig verbockt!

Wie jedes Mal, wenn ich in den letzten Tagen über David nachdenke, bekomme ich wildes Herzklopfen. Noch schlimmer wird es, wenn er unangekündigt vor meiner Wohnungstür steht und sich Milch oder Eier borgen will. Am schlimmsten war es jedoch, als er mir letzte Woche aus heiterem Himmel seine neue Freundin Isabella vorgestellt hat. David, der jahrelang Single gewesen ist, während ich mich vor Männerbekanntschaften kaum retten konnte. Immer hat er meinen Männergeschmack sanft belächelt, als er dem einen oder anderen im Treppenhaus über den Weg gelaufen ist. Und wenn mal wieder Schluss war, kam er mit Eiscreme und einem Liebesfilm zu mir rüber, um mich zu trösten.

Tja, und neuerdings hat David eine feste Freundin. Keine Ahnung, wie mir das entgehen konnte! Nach unserem One-Night-Stand bin ich so damit beschäftigt gewesen, ihm aus dem Weg zu gehen, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wie mein bester Freund sich verliebt hat. Und dann stand er mit seiner Freundin eines Abends bei mir auf der Matte, mit einer Flasche guten Rotweins und selbst gemachtem Tiramisu. Ich war so überrascht, dass ich mich kaum gegen dieses Treffen wehren konnte. Also saß Isabella auf einmal zwischen David und mir auf meiner Couch und erzählte von ihrem ehrenamtlichen Job im Tierschutzverein, während ich das Tiramisu in mich hineinschaufelte, als wäre ich am Verhungern.

Mit den großen Augen, blasser Haut und den dunklen Haaren erinnert sie mich irgendwie an Bella aus den Twilight-Filmen. Nur dass David kein glitzernder Vampir ist. Er ist ein bisschen wie Superman und Captain America in einer Person. Jemand, der schützend die Arme um dich legt, um dich vor jedem Kummer zu bewahren. Ein Mann, der für dich durchs Feuer gehen würde, egal, ob er sich dabei verbrennen könnte. Wenn er liebt, dann bedingungslos. So jemand passt meiner Meinung nach nicht zu einer geradezu perfekten Frau wie Isabella.

Zu mir leider auch nicht, denn jemand wie David könnte es nicht mit so einer Chaosqueen wie mir aushalten. Bei meiner letzten Aufräumaktion habe ich doch tatsächlich meine Socken hinterm Kühlschrank wiedergefunden. Wie sie dorthin gekommen sind, weiß ich bis heute nicht.

Nur blöd, dass ich mich immer noch viel zu lebhaft an Davids sanfte Küsse und die zärtlichen Berührungen erinnern kann. Diese Seite habe ich noch gar nicht gekannt – und eigentlich gedacht, sie nie kennenzulernen. Doch für alles gibt es bekanntlich ein erstes Mal, wie ich zu meinem Leidwesen feststellen musste. Mein bester Freund scheint diesen kleinen Ausrutscher gut weggesteckt zu haben, denn sonst wäre er vermutlich nicht mit Isabella zusammen. Ich hingegen kann seit unserer gemeinsamen Nacht an nichts anderes mehr denken, bin ein seelisches Wrack, das ohne literweise schwarzen Kaffee kaum noch durch den Tag kommt, weil ich nachts von Davids Lippen träume.

Das Gleiche gilt auch für heute, denn ich bin wieder viel zu spät dran fürs Büro. Nachdem ich den Wecker dreimal auf Snooze gestellt hatte, bin ich irgendwann vom Baulärm vor meinem Schlafzimmerfenster aufgewacht, um mit Entsetzen festzustellen, dass ich verschlafen habe. Ich würde nicht mal rechtzeitig im Büro ankommen, wenn ich jetzt sofort in die Straßenbahn steigen würde. Die Standpauke meines Chefs werde ich also so oder so einstecken, weshalb ich beschließe, mich jetzt auch nicht mehr übermäßig zu hetzen.

Gähnend schleiche ich ins Badezimmer, bringe mein Erscheinungsbild notdürftig in Ordnung und schlüpfe in das Etuikleid, das ich schon gestern getragen habe. Dann schreibe ich eine kurze Nachricht an meine Kollegin Sabrina, dass ich mich verspäte, während schwarzer Kaffee in den To-Go-Becher läuft, den ich statt eines Frühstücks mitnehme.

Es sind noch zwei Wochen, bis die Weihnachtsfeiertage beginnen. Noch zwei Wochen bis sich meine komplette Familie inklusive Freunde in absolute Weihnachtsfreaks verwandelt. Und während ich es sonst gar nicht abwarten kann, das Fest der Liebe zu begehen, habe ich dieses Jahr das erste Mal ein wenig Angst davor. Gerade vor Stefanies Weihnachtsfeier fürchte ich mich am meisten. Denn dieses Mal werden alle meine Freunde in Begleitung auftauchen, während ich die Einzige sein werde, die als Single kommt. Dabei kann ich mich kaum an eine Zeit erinnern, in der ich nicht in einer Beziehung war. Irgendjemand hat sich immer gefunden, der mir die Tage und Nächte versüßt hat.

Dieses Mal bin ich mir jedoch nicht so sicher, jemanden zu der Weihnachtsfeier mitbringen zu können. Einerseits bin ich noch immer ziemlich genervt wegen Carsten, andererseits kann ich mir gerade auch keinen anderen Mann an meiner Seite vorstellen als David. Und David ist tabu! Folglich bleibt mir nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeißen und mich auf einen langen Abend mit vier verliebten Pärchen einzustellen, die sich schnulziges Zeug zuflüstern und dabei blöd kichern werden. Zum Glück weiß ich, wo meine Freundin ihren Weinvorrat bunkert. Denn ohne genug Alkohol werde ich den Abend sicher nicht überleben.

Draußen vor dem Haus weht mir frostiger Wind entgegen.

Den Mantel enger um mich schlingend, eile ich zur nächsten Straßenbahnhaltestelle.

***

Im Büro ist es mollig warm, sodass die Kälte schnell wieder aus meinem Körper weicht. Bevor ich mich an meinen Platz setze, mache ich einen kleinen Abstecher in die Küche, um mir noch einen Kaffee zu holen. Der erste Becher ist längst leer und hat seinen Zweck, mich halbwegs aufnahmefähig für Zahlen und Protokolle zu machen, leider nicht so recht erfüllt. Immer noch bin ich hundemüde, vermutlich wird da auch ein zweiter Kaffee kaum helfen. Einen Versuch ist es trotzdem wert.

Sabrina sitzt bereits an ihrem Platz vor dem Chefbüro und tippt munter auf ihrer Tastatur herum, als ich meine Handtasche auf den Boden neben meinem Schreibtisch fallen lassen. Sie hebt den Kopf und lächelt mich an.

»Endlich bist du da. Der Chef ist heute echt mies drauf. Er weiß schon, dass du zu spät bist, hat nämlich eben nach dir gefragt«, sagt sie anstelle einer Begrüßung. Seufzend hänge ich den Mantel über meine Stuhllehne und setzte mich auf meinen Drehstuhl. Hoffentlich ist der Chef nicht ganz so schlecht gelaunt, denn ansonsten macht er mich einen Kopf kürzer. Er hasst es, wenn seine Assistenz zu spät ist, weil er selbst die Pünktlichkeit in Person und immer vor allen Angestellten im Büro ist.

Auch Sabrina fängt bereits etwas früher an. Sie hat nur eine halbe Stelle, da sie am Nachmittag ihre Kinder aus dem Kindergarten abholen muss. Und auch wenn sie nur für ein paar Stunden da ist, bin ich darüber mehr als dankbar. So können wir uns wenigstens einen Teil der Aufgaben aufteilen. Bevor sie als zusätzliche Kraft eingestellt wurde, stand ich kurz vor einem Burn-out. Nicht, weil mir mein Job als Assistenz des Geschäftsführers eines kleinen Chemieunternehmens keinen Spaß macht, ganz im Gegenteil, doch seitdem der Chef Vater geworden ist, sind seine Launen manchmal nicht zu ertragen. Ob es an den zu kurzen Nächten liegt oder der Tatsache, dass sein kleiner Sohn sein Leben ziemlich auf den Kopf stellt, kann niemand sagen. Seitdem ist er jedoch wie ausgewechselt und wenn man ihn auf dem falschen Fuß erwischt, dann muss man wirklich aufpassen, was man zu ihm sagt.

»Seine Frau hat ihm gestern verkündet, dass sie sich dieses Jahr weigert, die Weihnachtsfeiertage bei seinen Eltern zu verbringen. Du kannst dir vorstellen, dass ihm das gegen den Strich geht. Da hast du dir wirklich keinen passenden Moment zum Zuspätkommen ausgesucht.«

Ich starte meinen Rechner, in der Hoffnung, wenigstens noch ein paar Minuten Ruhe zu haben, um richtig wach zu werden.

»Konntest du wieder nicht schlafen?«, will Sabrina mit einem eindringlichen Blick auf mein Gesicht wissen, nachdem ich ihre Aussage unkommentiert gelassen habe. Ich drehe mich ein Stück zur Seite, um sie ebenfalls besser ansehen zu können.

»Nicht so richtig«, murmele ich schwerfällig und nehme noch einen großen Schluck Kaffee. Hier im Büro schmeckt er zwar besser als bei mir zu Hause, seine Wirkung bleibt dennoch aus. Meine Kollegin schüttelt mitleidig den Kopf.

»Da hast du dich wirklich in was reingeritten«, meint sie und legt die Stirn in Falten. Sabrina weiß von meinem One-Night-Stand. Fast jeder hier im Büro weiß es, denn sie haben gesehen, wie ich David die Zunge in den Hals gesteckt habe, bevor er mich von der Party nach Hause bringen konnte. Natürlich musste ich Sabrina die Wahrheit erzählen, ansonsten hätte sie mich mit ihren neugierigen Fragen nicht in Ruhe gelassen. So kam auch raus, dass David nicht mein fester Freund, sondern bloß mein bester Freund ist. Und mit besten Freunden hat man keinen Sex, das ist ungeschriebenes Gesetz, das ich gebrochen habe! Seitdem bedenkt mich Sabrina mit mitleidigen Blicken, wenn ich wieder völlig übernächtigt im Büro aufkreuze.

Dabei liegen die Weihnachtsfeier und mein One-Night-Stand gute drei Wochen zurück. Trotzdem ist die Erinnerung daran immer noch so präsent, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich in Davids Armen aufgewacht bin. Der Morgen danach war mir furchtbar peinlich. Ich habe kein Wort herausgebracht und mich solange im Badezimmer eingeschlossen, bis David meine Wohnung verlassen hatte. Erst dann habe ich mich wieder herausgetraut. Am Tag darauf hatte ich Angst ihm im Flur zu begegnen, weil ich einfach nicht wusste, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Doch als er nach Feierabend bei mir vor der Tür stand, um sich etwas Mehl für seine Weihnachtskekse zu borgen, benahm er sich, als wäre zwischen uns nichts passiert. Einerseits bin ich froh darüber, dass wir nicht noch einmal über diesen Fauxpas gesprochen haben, doch irgendwie wurmt es mich, dass ich die Einzige bin, bei der diese Nacht anscheinend Spuren hinterlassen hat.

Betrübt und immer noch sehr müde lasse ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Auf meinem Bildschirm ploppen bereits einige Mails auf, die ich jedoch geflissentlich ignoriere. In den letzten Wochen vor dem wohlverdienten Weihnachtsurlaub kann ich mich nur sehr schwer auf meine Arbeit konzentrieren.

»Vielleicht musst du dich einfach neu verlieben? Dann hättest du beide Probleme mit einem Streich gelöst: Deine Gefühle für David unter Kontrolle gebracht und gleichzeitig eine Begleitung für eure Weihnachtsparty«, mutmaßt Sabrina mit erhobenem Zeigefinger. Ich hebe den Kopf etwas an, um sie ansehen zu können, bleibe jedoch in meiner halb liegenden Position.

»Nach der Pleite mit Carsten will ich wirklich nichts Ernstes mehr«, brumme ich. »Das ist mir im Moment viel zu anstrengend!« Eine neue Beziehung bedeutet immer Arbeit und totale Aufopferung für den Partner. Meine letzten Partnerschaften hielten alle nicht länger als wenige Monate. Sobald ich mir sicher gewesen bin, dass es nun endlich der Mann fürs Leben ist, kam immer irgendwas dazwischen. Entweder er ging fremd, verlor das Interesse an mir oder er entwickelte eine Marotte, mit der ich nicht umgehen konnte.

Meine Kollegin lacht auf. »Bekomm du erst mal Zwillinge, dann weißt du, was wirklich anstrengend ist. Dagegen würde ich es mit drei Männern gleichzeitig aufnehmen, statt einen Nachmittag auf zwei schreiende Babys aufzupassen«, belehrt sie mich grinsend. Jetzt muss auch ich kichern. Die Erinnerung daran, wie hoffnungslos überfordert ich gewesen bin, als ich einmal auf Sabrinas Jungs aufpassen musste, kommt mir wieder in den Sinn. Da waren die kleinen Racker gerade mal ein Jahr alt und meine Kollegin hatte eine komplizierte Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Weil ihr Mann keinen Urlaub bekommen und auch ihre Mutter keine Zeit hatte, bot ich mich als Babysitter an. Dass diese paar Stunden in einer Katastrophe enden würden, habe ich damals nicht gewusst. Kurzum hatten die Jungs die Wohnung in Chaos versetzt. Sie hatten ihren Mittagsbrei als ein originelles Kunstwerk an die Küchenwand geschmiert, bevor ich fluchend hinter ihnen herlaufen musste, um ihnen eine frische Windel anziehen zu können. Der kleine Peter ist dabei rückwärts unters Sofa gekrochen und mit dem Beinchen stecken geblieben, sodass er wie am Spieß geschrien hat. Währenddessen versuchte sein Bruder Paul, sich eine Gesichtsmaske aus Erde zu machen, die er zuvor aus dem großen Blumentopf auf dem Couchtisch herausgeholt hatte. Alles in allem habe ich mich nicht gerade geschickt angestellt, doch die Kleinen hatten ziemlichen viel Spaß mit Tante Carolin. Seitdem freuen sie sich wie Bolle, wenn ich Sabrina besuchen komme. Jetzt sind sie jedoch fast drei Jahre und verstehen, wenn man ihnen sagt, dass man Blumenerde nicht essen darf.

Auf meinem Bildschirm werden die E-Mailfenster immer mehr und auch das Telefon neben mir beginnt zu klingeln. Das war’s mit der Schonfrist, nun muss ich mich wohl doch an die Arbeit machen. Ich will gerade zum Telefonhörer greifen, als die Bürotür meines Chefs mit einem Knall aufgestoßen wird.

»Carolin! In mein Büro! Sofort!«, ruft mein er, dann knallt er die Tür wieder zu. Das laute Geräusch lässt mich zusammenzucken.

»Oje, das hört sich nicht gut an. Viel Glück! Ich werde deine Telefonate gern so lange entgegennehmen, während er dich in deine Einzelteile zerlegt.«

»Danke für die moralische Unterstützung«, entgegne ich sarkastisch, glätte den Rock meines Kleides und atme tief durch. Dann verlasse ich den Platz hinter meinem Schreibtisch und klopfe zaghaft an die Bürotür meines Chefs.

***

Die Standpauke war im Endeffekt nur halb so schlimm. Mein Chef ärgerte sich zwar über mein Zuspätkommen, aber ich konnte mich durch das Angebot, welches ich am Tag zuvor für die Firma eingeholt hatte, retten. Außerdem schlug ich ihm vor, im Internet nach einem schönen Wellnesshotel zu schauen. Als Weihnachtsgeschenk ist so etwas optimal, um eine nahende Ehekrise abzuwenden. Zwar bin ich augenscheinlich selbst eine Beziehungsniete, dafür kenne ich mich jedoch ein bisschen mit Romantik aus. Viele Frauen mögen ein paar schöne Tage in einem Spa, wo sie sich rum um die Uhr verwöhnen lassen können. Zwar bin ich selbst noch nie in einem Wellnesshotel gewesen, doch David hat neulich gemeint, dass er Isabella solch einen Wochenendtrip schenken wollte.

Meine Idee kam zum Glück gut an, sodass sein Ärger über meine Unpünktlichkeit direkt verraucht war. Vor allem den Vorschlag, seinen Sohn für zwei Tage bei den Großeltern unterzubringen, um mit seiner Frau die Zeit gemeinsam zu genießen, fand er großartig.

Nachdem ich den restlichen Vormittag damit verbracht hatte, nach einem passenden Hotel zu suchen, konnte ich die Gedanken an David tatsächlich ein bisschen verdrängen.

In den kommenden Stunden bearbeite ich alle angesammelten Mails in meinem Postfach, schreibe Angebote für bereits fällige Aufträge und bestelle noch einen großen Weihnachtsbaum für den Empfangsbereich der Firma.

In der Mittagspause läuft mir Carsten über den Weg und verdirbt mir mit seinem frechen Grinsen die Laune. Als ich mich im Flur an ihm vorbeidränge, lege er ganz beiläufig seine Hand auf meinen Hintern. Sofort mache ich einen Satz zur Seite, presse mich mit dem Rücken gegen die Wand und funkele ihn wütend an.

»Finger weg, du Arsch. Du hast deine Chance verspielt, als du dich an Susanne herangemacht hast«, zische ich zornig. Seit unserer Trennung geht mir dieser Kerl mit seiner arroganten Art nur noch auf die Nerven. Ich war wirklich blind, als ich dachte, wir könnten es länger als einen Monat miteinander aushalten. Im Endeffekt war Carsten auch nur ein Mann, der von seinen Hormonen gesteuert wurde.

»Ach komm schon, Caro. Das mit Susanne war nichts Ernstes. Es war ein kleiner Spaß unter Kollegen, das hast du falsch verstanden«, meint er und hebt beschwichtigend die Hände, doch ich drehe mich bereits um und gehe eilig an ihm vorbei in den Pausenraum. Mit seinen Lügenmärchen kann er mir wirklich gestohlen bleiben!

»Na endlich! Was hat denn auf der Toilette so lange gedauert?«, neckt mich Sabrina, die bereits in ihrem Salat herumstocherte. »Hast du etwa dein Tampon im Klo versenkt, oder was?« Sie kichert über ihren Witz, worüber ich nur die Augen verdrehen kann. Mit Sabrina verstehe ich mich von allen Kollegen am besten, doch manchmal ist sie einfach nur albern für ihre 32 Jahre. Niemand der anderen achtet auf unser Gespräch. Ich hole meine Lasagne aus dem Kühlschrank, die ich mir heute Morgen in aller Eile eingepackt habe, und stelle die Dose in die Mikrowelle. Während mein Mittagessen warm wird, gieße ich mir eine weitere Tasse Kaffee ein, ehe ich mich meiner Kollegin gegenübersetze.

»Ich habe noch auf eine Nachricht von David geantwortet«, erkläre ich meine Verspätung.

»Uff, was wollte er denn diesmal? Bereits die erste Krise mit Bella? Versteh mich nicht falsch, aber ich finde es nicht gerade nett von ihm, erst mit dir zu schlafen und dir danach seine glückliche Beziehung unter die Nase zu reiben.«

Ich schüttele den Kopf. »Bisher scheinen beide ein Herz und eine Seele zu sein«, antworte ich und übergehe ihren Kommentar. »Er wollte nur wissen, ob es nicht zu früh wäre, Isabella unseren Freunden an Weihnachten vorzustellen.«

»Natürlich hast du ihm gesagt, dass er allein zu der Weihnachtsfeier bei Stefanie kommen soll?«

»Nein, ich habe ihn bestärkt, seine Freundin mitzubringen«, entgegne ich und pike ein Stück der Lasagne auf meine Gabel. Der Käse zieht sich, als ich sie zum Mund führe. Sabrina verzieht ihr Gesicht zu einer Grimasse, während sie lustlos auf ihrem Salat herumkaut. Nach der Schwangerschaft versucht sie immer noch ihr Idealgewicht zurückzuerlangen, was bisher nur wenig von Erfolg gekrönt wurde. Dafür nascht sie viel zu gern Schokolade während der Arbeit.

»Du quälst dich wohl gern, hm?«, meint sie nachdenklich. Ich zucke bloß die Achseln und streiche mir eine dunkelbraune Strähne hinters Ohr, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hat.

»Er ist mein bester Freund. Wie könnte ich ihm sagen, dass er mich jedes Mal umbringt, wenn ich die beiden zusammen sehe?«, murmele ich betreten. Sabrina verdreht die Augen.

»Und da verletzt du dich lieber selbst? Wirklich, dieser Kerl ist so ein Idiot. Erst schläft er mit dir, dann tut er auf best friends! So was ist echt unmöglich!«, empört sie sich und sticht auf die Gurkenscheiben in ihrem Salat ein, als würde sie sie erdolchen wollen.

»Ich bin an der Sache selbst schuld. Ich hätte ihn nicht zur Weihnachtsfeier mitbringen sollen. Der Alkohol hat das Übrige erledigt. Hätte ich David nicht geküsst, um Carsten eins auszuwischen, wäre es wohl nie so weit gekommen, dass wir …« Ich breche ab, denn in diesem Moment betritt besagter Ex gemeinsam mit Susanne den Pausenraum. Sie hängt an seinem Arm und schmachtet ihn an, während er ihr einen Witz erzählt. Gott, die beiden zusammen sind einfach nur eklig kitschig. Dabei hat dieser Typ noch vor wenigen Minuten versucht, sich an mich ranzumachen. Vielleicht sollte ich ihr über Carsten reinen Wein einschenken, ehe er ihr das Herz bricht. In dem Moment setzt sie sich neben mich und lächelt zuckersüß.

»Ich habe gehört, dass du heute zu spät gekommen bist. Hoffentlich gab es keinen allzu großen Ärger«, sagt sie mit einem unschuldigen Wimpernaufschlag. Ich lächle zurück, doch das Lächeln erreicht meine Augen nicht. Susanne war schon immer eine hinterhältige Ziege, die jedes Gerücht im Büro breittreten musste. Jeder weiß, wie neidisch sie auf meinen Posten als Assistenz ist, auf den sie sich damals ebenfalls beworben hat.

»Mach dir um mich keine Sorgen. Es braucht schon etwas mehr, dass der Chef mich feuert«, entgegne ich grinsend und erhebe mich. Die Pause ist sowieso beinahe vorbei, die restliche Zeit kann ich genauso gut an meinem Platz verbringen. Sabrina steht ebenfalls auf und steckt ihre leere Salatdose in die Handtasche. Dann folgt sie mir aus dem Pausenraum.

»Ich habe nachgedacht«, meint sie, nachdem wir an unseren Arbeitsplatz zurückgekehrt waren. Fragend hebe ich die Augenbrauen.

»Worüber?«, will ich irritiert wissen, in Gedanken immer noch bei Carsten und Susanne, die mir meine Mittagspause verdorben haben.

»Über dich und dein Männerproblem.« Sie setzt sich auf ihren Schreibtischstuhl und schlägt die Beine übereinander, statt ihre Sachen in die Tasche zu packen. Eigentlich muss sie längst schon gehen, um die Zwillinge rechtzeitig aus dem Kindergarten abzuholen. Doch Sabrina macht keine Anstalten sich zu beeilen, wippt freudig mit dem Fuß und grinst, als könne sie kaum erwarten, mir ihre Gedanken mitzuteilen. Ich schiebe meine Handtasche unter den Tisch, setze mich ebenfalls an meinen Platz und hole meinen Rechner aus dem Ruhemodus.

»Spuck’s schon aus, bevor du platzt«, meine ich amüsiert. Ich kann meiner Kollegin ansehen, wie aufgeregt sie auf einmal ist. Zwar habe ich kein Männerproblem, doch ihr Verhalten macht mich trotzdem neugierig.

»Du brauchst ein Date, um den passenden Kandidaten für die Weihnachtsfeier bei Stefanie zu finden.« Mit gerunzelter Stirn verschränke ich die Arme vor der Brust und warte schweigend auf eine weitere Erklärung. Was will mir Sabrina damit sagen?

»Na, das ist doch ganz einfach. Heutzutage gibt es haufenweise Dating-Plattformen im Internet. Du erstellst dir ein Profil, gibst die Eckdaten deines Traummanns ein und dir wird eine ganze Liste an möglichen Kandidaten ausgespuckt, die geeignet wären.« Darüber habe ich tatsächlich noch nie wirklich nachgedacht, weil ich noch nie gezielt nach einem Date suchen musste. Irgendwie sprachen mich die Männer bisher immer von selbst an. Nachdenklich lege ich die Stirn in Falten und lasse mir Sabrinas Idee durch den Kopf gehen. Dieser Gedanke ist gar nicht mal so blöd. Bisher habe ich es dem Zufall überlassen, in wen ich mich verliebt habe. Und jedes Mal endete es in einem Desaster. Wenn ich mir den Partner jedoch gezielt aussuchen könnte, wäre die Wahrscheinlichkeit höher eine längerfristige Beziehung zu führen, oder? Ein Lächeln breitet sich auf meinem Gesicht aus und ich lehne mich ein wenig an meinem Platz vor, um Sabrina besser ansehen zu können.

»Ich bin ganz Ohr.«

Kapitel 2

Nach Feierabend kann ich nicht schnell genug wieder zu Hause sein, denn die Idee, die mir Sabrina in den Kopf gepflanzt hat, drängt darauf in die Tat umgesetzt zu werden. Natürlich habe ich ihr versprochen mit meiner Recherche auf einschlägigen Datingportalen auf sie zu warten, was ich insgeheim bereits bereue. Sie wollte so schnell wie möglich bei mir sein, sobald sie einen Babysitter für ihre Jungs organisiert hat.

Die letzten Meter von der Straßenbahnhaltestelle bis zum Wohnhaus laufe ich durch den Schnee, weil ich es kaum erwarten kann, mich an meinen Laptop zu setzen. Zum Glück bin ich heute Morgen nicht mit dem Auto gefahren, denn sonst wäre ich jetzt sicher immer noch nicht zu Hause. Kurz nach der Mittagspause hat es zu schneien begonnen, und bei dieser Eiseskälte ist der Schnee direkt liegen geblieben. Bei diesem Wetter wäre ich mit dem Wagen sicher irgendwo im Schnee steckengeblieben.

Ich schlittere über die zugeschneite Einfahrt und komme auf meinen hochhackigen Stiefeletten ins Straucheln. Verzweifelt rudere ich mit den Armen, kann jedoch nicht mehr verhindern beinahe einen Spagat zu machen. Mit einem Aufschrei lande ich auf dem Hosenboden und bleibe erschrocken im Schnee hocken.

»Caro! Um Himmels willen! Ist alles okay bei dir?« Es ist David, der gerade mit einer Schneeschaufel bewaffnet aus der Haustür tritt. Er trägt eine dicke Winterjacke, Handschuhe und eine Wollmütze auf dem Kopf. Genau richtig für dieses kalte Wetter, während ich unter meinem Mantel bloß mein dünnes Bürokleid trage. Mein bester Freund lässt die Schaufel fallen und eilt zu mir.

»Danke, ich glaube, es ist noch alles dran«, murmele ich mit schmerzverzerrtem Gesicht und klopfe mir den Schnee vom Mantel. Kritisch mustert er meine Schuhe.

»Dass du mit diesen Dingern ausrutschst, ist ja auch kein Wunder«, kommentiert er meinen Schuhgeschmack. »Darin kann man ja schon bei Sonnenschein kaum gerade laufen.«

»Schönheit hat nun mal seinen Preis«, gebe ich meine Weisheit zum Besten. Als rechte Hand des Chefs kann ich nicht in Jeans und Turnschuhen im Büro auftauchen.

»Du bist schön. Da könntest du genauso gut einen Kartoffelsack überziehen«, entgegnet er ernst. Seine Augen ruhen einen Moment zu lange auf meinem Gesicht, als dass ich diese Bemerkung einfach abtun kann. Sogleich meldet sich mein verräterisches Herz wieder, das nur auf einen Kommentar wie diesen zu warten scheint. Dabei steigen Gefühle in mir hoch, die ich nur mit purer Willenskraft beiseiteschiebe. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass ich rot werde.

»Das solltest du lieber deiner Freundin sagen«, murmele ich verlegen und will mich schon zum Gehen abwenden, doch er hält mich kurz am Arm zurück. Erneut komme ich nicht drum herum David anzusehen. Seine braunen Augen blicken besorgt, suchen in meinem Gesicht nach etwas, das ich nicht deuten kann. Viele Leute sagen, dass braune Augen langweilig sind. Ich hingegen finde sie sehr ausdrucksstark. Besonders Davids Augen sind so einzigartig in ihrer Farbe – nicht einfach nur braun. Sobald man ihn ansieht, verspürt man den unwiderstehlichen Drang, in der Tiefe seiner Augen versinken zu wollen. Je nach Gemütslage leuchten sie so golden wie Herbstlaub in der Sonne oder so dunkel wie die tiefste Nacht. Gerade jetzt ist sein Blick so warm, dass selbst die Kälte mir nichts mehr anhaben kann.

»Du bist meine Freundin«, bestätigt er fest, ohne den Blickkontakt zu lösen. »Außerdem mache ich mir Sorgen um dich. Wenn du bei diesem Wetter so leicht bekleidet herumläufst, landest du spätestens zu Weihnachten mit einer Lungenentzündung im Bett. Kleiderordnung im Büro hin oder her.«

Ja … ich bin seine Freundin. Seine beste Freundin. Genau das ist der Punkt. Mehr werde ich nie für ihn sein, auch wenn es in dieser einen, verhängnisvollen Nacht vielleicht anders ausgesehen hat. Ich versuche, die Enttäuschung darüber hinter einem Lächeln zu verbergen, und entziehe ihm sanft meinen Arm.

»Schon gut. Bald habe ich Urlaub. Und dann werde ich mich in meinen dicksten Pullover hüllen, versprochen«, antworte ich ihm, drehe mich um und eile zur Haustür. Seine Blicke spüre ich immer noch im Nacken, als ich die Tür bereits hinter mir zuziehe. Die ersten Stufen zu meiner Wohnung beeile ich mich, doch dann werden meine Schritte langsamer. Gerade konnte ich kaum schnell genug zu Hause sein, aber jetzt lässt mich etwas zögern. Langsam gehe ich zum Fenster im ersten Stock und sehe hinaus. Draußen ist David bereits bei der Arbeit. Unermüdlich schaufelt er den Schnee zur Seite, damit niemand mehr in der Einfahrt ausrutschen kann.

Mein Herzschlag beschleunigt sich, während ich ihm stumm zusehe. David ist wirklich ein toller Mann. Eigentlich müsste er sich nicht einmal um den Schnee vor dem Haus kümmern, dafür haben wir den Hausmeister und einen Winterdienst. Trotzdem sieht er es als seine Aufgabe, wenn er gerade Zeit hat. Er hilft nun mal gern. Seufzend berühre ich kurz die Stelle an meinem Ärmel, an der er mich festgehalten hat. Es ist wirklich dumm, von mir zu glauben, die Wärme seiner Finger immer noch durch den Stoff meines Mantels spüren zu können, aber irgendwie gefällt mir diese Vorstellung.

Noch einen Moment verharre ich am Fenster, dann zwinge ich mich dazu, mich von seinem Anblick loszureißen. Carolin, jetzt reiß dich zusammen! David ist tabu. Er ist dein bester Freund und in festen Händen! Doch obwohl ich mir diese Worte wie ein Mantra vorsage, gelingt es mir nicht, mich selbst davon zu überzeugen. Immer ist da dieser Funke Hoffnung in mir, der mir einen Strich durch die Rechnung macht. Vor allem in Momenten wie eben im Hof bilde ich mir ein, dass unser One-Night-Stand auch an David nicht spurlos vorbeigegangen ist. Doch dann erinnere ich mich an Isabella, die er mir nur kurze Zeit später als seine Freundin vorgestellt hat, und sofort erlischt jegliche Hoffnung an eine gemeinsame Zukunft in mir. Machen wir uns nichts vor: Der Sex mit ihm war eine einmalige Sache und wird sich nicht wiederholen. Ich sollte meine Energie in neue Projekte stecken, statt mir wegen David Hoffnungen zu machen.

Fest entschlossen nach vorne zu blicken, steige ich die letzten Stufen zu meiner Wohnung hinauf und schließe die Tür auf. Drinnen betätige ich den Lichtschalter, dann ziehe ich Mantel und Stiefel aus. Meine Handtasche lasse ich auf der Kommode neben der Garderobe stehen. Als Erstes gehe ich ins Badezimmer und entferne das Make-up aus meinem Gesicht. In meinen eigenen vier Wänden muss ich für niemanden hübsch sein. Da kann ich auch mit zerzaustem Haar, Augenringen und ausgebeulter Jogginghose herumlaufen. Schließlich lebe ich schon lange allein. All die Beziehungen, die ich in meinem bisherigen Leben vorzuweisen habe, gingen nie so weit, dass einer der Männer bei mir eingezogen ist. Natürlich haben sie hier übernachtet und sind auch zum Frühstück geblieben, aber mehr hat sich nie ergeben. Meine Eltern haben mir schon das ein oder andere Mal zu verstehen gegeben, dass ich nicht mehr ewig Zeit hätte, mir einen Mann auszusuchen. Vor allem meine Großmutter liegt mir bei jedem Besuch in den Ohren, dass sie in meinem Alter bereits verheiratet gewesen ist und zwei Kinder hatte. Nun, ich bin erst fünfundzwanzig, ich habe noch Zeit genug, mich um meine Zukunft zu sorgen. Der Mann fürs Leben fällt schließlich nicht vom Himmel. Was kann ich dafür, dass ich bisher immer nur Frösche geküsst habe, statt meinem Traumprinzen zu begegnen?

Ich löse meinen Pferdeschwanz und schüttele einmal den Kopf über dem Waschbecken, ehe ich mein Gesicht mit Wasser abspüle und es abtrockne. Dann gehe ich rüber ins Schlafzimmer und schäle mich aus meinem Kleid. David hat recht, in diesem Aufzug ist es wirklich kalt draußen. Zum Glück ist Sabrina genauso eine Frostbeule wie ich, weshalb wir im Büro die Heizung immer voll aufdrehen. Das Kleid landet auf meinem Bett, dann nehme ich den wärmsten Pullover aus dem Schrank, den ich finde und ziehe ihn über. Es ist ein Weihnachtsgeschenk meiner Oma, total altmodisch aus dunkelgrüner Wolle mit einem großen Rentierkopf mitten auf der Brust, doch er ist unglaublich kuschelig. Mit Leggins und dicken Wollsocken vervollständige ich mein Outfit. Langsam kehrt die Wärme in meine Glieder zurück.

Ich will mir gerade einen Kaffee machen, als es an der Wohnungstür klingelt. Bevor ich öffne, stelle ich die Maschine wenigstens noch an, damit die Flüssigkeit durchgelaufen ist, sobald ich wieder in der Küche bin. Vermutlich ist es David, der sich erneut Milch oder Zucker leihen will. Das kommt in letzter Zeit häufiger vor, wobei ich mittlerweile glaube, dass er diese Lebensmittel absichtlich beim Einkaufen vergisst, um sie bei mir borgen zu können.

Doch es ist nicht David, sondern Sabrina, die mich lächelnd begrüßt. Hinter ihr tauchen zwei kleine Michelinmännchen in dunkelblauen, identischen Schneeanzügen auf, die sich rechts und links an ihre Beine klammern. Verwundert hebe ich die Augenbrauen.

»Sorry, aber ich musste sie mitnehmen«, erklärt meine Kollegin fast ein wenig entschuldigend. »Gerd macht unerwartet Überstunden und ich konnte auf die Schnelle keinen anderen Babysitter organisieren.« Ich schließe die Tür hinter ihr und knie mich zu den beiden Kindern hinunter.

»Hey Paulchen«, sage ich zu einem der beiden Zwerge, in der Hoffnung, den richtigen Jungen anzusprechen. Dieser lacht bloß und streckt mir die Zunge heraus. Okay, dann war das wohl Peter. Sabrinas Kinder gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Mir fällt es unglaublich schwer, sie auseinanderzuhalten, gerade weil meine Kollegin sie immer identisch kleidet.

»Peter, das ist unhöflich«, rügt ihn ihre Mutter und sofort verzieht der Junge sein Gesicht, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Ich ziehe ihn kurz in meine Arme und streichle ihm über die dicke Wollmütze auf seinem Kopf, ehe ich sie ihm absetze.

»Die Jungs werden uns gar nicht stören, glaub mir«, meint sie beiläufig und zieht Paul Mütze und Schuhe aus, dann befreit sie ihn aus seinem Schneeanzug. »Setz sie einfach vor den Fernseher und gib ihnen eine Packung Kekse, dann wird dir kaum auffallen, dass sie da sind.« Mit einem Grinsen zieht sie Schokokekse aus ihrer Handtasche, nach der Peter bereits seine Ärmchen ausstreckt.

»Oh nein, junger Mann. Erst wäschst du dir die Hände. Und du auch, Paul. Ab mit euch ins Bad, dann könnt ihr von den Keksen naschen.«

»Okay, Mami«, brummt der Kleine und trottet an mir vorbei zur angelehnten Badezimmertür, auf die Sabrina zeigt. Paul folgt seinem Bruder, danach meine Kollegin selbst, die ihren Kindern beim Händewaschen hilft.

»Du hast sie gut im Griff«, stelle ich schmunzelnd fest, nachdem es sich die Jungs auf dem Sofa in meinem Wohnzimmer bequem gemacht haben. Paul reißt bereits die Tüte mit den Keksen auf.

»Ja. Sie sind wahre Engel, meine Kleinen«, entgegnet Sabrina mit einem seligen Lächeln. »Vor allem, wenn’s Kekse gibt. Man muss nur herausfinden, wie man am besten an die Kids herankommt, aber das kriegt man als Mutter schon hin. Gerd tanzen die beiden immer auf der Nase herum, sobald er allein mit ihnen ist.«

Lachend schalte ich den Fernseher an und wähle eins der Kinderprogramme, mit dem sich die Zwillinge bereitwillig ablenken lassen, dann gehe ich mit Sabrina in die Küche.

»Auch einen Kaffee?«, frage ich und nehme meinen vollen Becher unter der Kaffeemaschine hervor. Auf ihr Nicken hin stelle ich eine weitere Tasse drunter und schalte die Maschine erneut ein.

»Wir sollten mit dem Laptop ins Schlafzimmer gehen«, meint meine Kollegin, als ich ihr den Kaffee reiche. »Dann stören uns die Jungs nicht bei der Mission Weihnachtsdate.« Sie zwinkert mir zu und wackelt vielsagend mit ihren Augenbrauen.

»Sicher, dass wir die beiden unbeaufsichtigt lassen können?«, frage ich sie ein bisschen skeptisch. Ich werfe einen Blick durch die geöffnete Küchentür ins angrenzende Wohnzimmer, wo Peter und Paul wie hypnotisiert den Zeichentrickfilm auf dem Bildschirm verfolgen und Kekse in sich reinstopfen. Krümel rieseln durch ihre Finger auf das Sofa. Ich werde nach diesem Besuch vermutlich erst mal staubsaugen.

»Klar. Die beiden sind für ihre drei Jahre sehr selbstständig. Falls sie was möchten, werden sie nach mir rufen«, winkt Sabrina ab und verlässt bereits die Küche. Ich schnappe mir meinen Laptop aus dem Regal im Wohnzimmer und gehe ihr nach. Sie hat es sich schon auf meinem Bett bequem gemacht.

»So, womit starten wir? Kennst du dich mit Datingportalen aus?«, frage ich Sabrina und fahre den Laptop hoch. Sie nickt und nimmt mir den Computer ab. Ich rutsche etwas näher zu ihr, damit ich ebenfalls auf den Bildschirm schauen kann.

»Was ist das denn für eine Frage?«, entgegnet sie kichernd und gibt bereits einige Schlagworte in die Suchmaske des Internetbrowsers ein. »Heutzutage läuft doch fast gar nichts ohne Internet und Social Media! In unserem Alter können wir nicht mehr darauf hoffen, unserem Traummann an der Uni oder im Job zu begegnen. Das bringt zu viele Tücken mit sich, so wie bei dir und Carsten. Da ist das Internet deutlich anonymer – und wenn dir der Typ nach den Chats doch nicht passt, musst du ihn nicht einmal näher kennenlernen. Total unkompliziert und mit hohen Erfolgschancen. Gerd und ich haben uns so vor fünf Jahren kennengelernt. Und sieh uns jetzt an, wir sind nach wie vor happy zusammen!«

Sie tippt auf der Tastatur herum und öffnet eine Seite. Dann dreht sie den Laptop so, dass ich ebenfalls etwas eingeben kann. Neugierig betrachte ich das Datingportal.

»Diese hier ist seriös. Da läufst du zumindest keine Gefahr, an einen Kerl zu geraten, der nur mit dir ins Bett will. Jetzt musst du nur noch ein Profil anlegen und dann kann es losgehen«, erklärt sie mir und sieht mich auffordernd an.

»Gott, du überforderst mich gerade. Ich habe wirklich keine Ahnung, was ich da schreiben soll«, entgegne ich seufzend, als ich den Anmelde-Button betätige.

»Das ist doch easy. Nickname, deine Wünsche und Vorstellungen, dein bevorzugter Typ Mann … Das Programm filtert automatisch und spuckt nur Vorschläge aus, die zu deinen Angaben passen. So hast du weniger Arbeit bei der Auswahl.«

Grübelnd lege ich die Stirn in Falten, dann nehme ich ihr den Laptop ab und beginne zu tippen. Sabrina nippt an ihrem Kaffee, während sie meine Eingaben mit Argusaugen überwacht.

Name: Carolin
Alter: 25
Sternzeichen: Jungfrau
Vorlieben: Freunde treffen, Party, Fernsehen
Aussehen: braune Haare, blaue Augen, schlank
Auf der Suche nach: einem Date
Ich stehe auf: einen liebenswerten Mann mit dem Herz am rechten Fleck

 

»Nein, so geht das nicht. Dieses Profil ist total langweilig. Da wird dich niemand anschreiben, Süße. Lass mich mal sehen, wie wir es noch etwas aufpimpen können«, belehrt mich meine Kollegin und nimmt mir den Laptop wieder ab. Nach einigen Minuten präsentiert sie mir mein neues Onlineprofil. Skeptisch überfliege ich die Zeilen.

»Sinnliche Kurven? Wo bitte siehst du an mir sinnliche Kurven?«, werfe ich mit hochgezogenen Augenbrauen ein. »Und meine Augen sind nicht aquamarinfarben und auch nicht tiefseeblau, sondern stink normal blau. Vielleicht sogar eher blaugrau, aber ganz sicher nicht aquamarin …« Skeptisch begutachte ich das Bild, was Sabrina von mir entworfen hat. »Außerdem hasse ich romantische Spaziergänge unterm Sternenhimmel. Ich mag es generell nicht, wenn ich im Dunkeln nach draußen muss. Auf der Suche nach der großen Liebe mit einem Bad Boy? Hallo? Hast du zu viele Liebesromane gelesen? Ich mag keine Männer, die sich nehmen, was sie wollen und ihre Männlichkeit offen zur Schau stellen.«

»Ach Caro. Du verstehst nicht, worauf es beim Onlinedating ankommt. Du musst die Männer lediglich auf dich aufmerksam machen, danach kannst du selektieren und die Wahrheit erzählen. Außerdem sollst du den Kerl ja nicht gleich heiraten, wenn ihr ein Date hattet. Es ist alles unverbindlich, vertrau mir. Jetzt brauchen wir nur noch ein hübsches Foto von dir. Hast du eins parat?«

Da ich sie vermutlich eh nicht umstimmen kann, was meine Daten angeht, minimiere ich den Internetbrowser und öffne meine Bildergalerie. Dann suche ich ein Bild von mir heraus, das mich auf einem Betriebsausflug nach Hamburg im Herbst zeigt. Ich trage wie gewohnt eins der Etuikleider, dazu hochhackige Pumps und einen ordentlichen Dutt am Hinterkopf. Das Foto hat Carsten gemacht, als wir noch ein Paar gewesen sind. Ich habe meinen Blick in die Ferne zu den Schiffen am Hafen gerichtet und mein Gesicht liegt im Halbschatten. Eigentlich mag ich das Bild, auch wenn ich dabei immer wieder an Carsten und seine Worte denken muss, mit denen er mich dort um den Finger gewickelt hat.

Sabrina schüttelt den Kopf. »Hier sieht man zwar deine sinnlichen Kurven, aber nicht dein hübsches Gesicht. Außerdem wirkt es viel zu gestellt. Lass mich mal sehen, ob ich etwas Brauchbares finde.«

Sie scrollt sich durch meine Bilder. Es dauert eine ganze Weile, bis sie sich eins der Fotos aussucht. Und es ist ausgerechnet das von der Weihnachtsfeier, auf dem ich gemeinsam mit David zu sehen bin. Auf dem Foto trage ich ein rotes Partykleid und habe Lametta wie eine Kette um den Hals hängen. Zudem lache ich fröhlich in die Kamera, meinen Arm um die Taille meines besten Freundes geschlungen, während er mich ebenfalls anlacht. Insgeheim liebe ich dieses Foto von uns beiden, weil es mich so glücklich zeigt.

»Ich werde deinen Kumpel aus dem Bild rausschneiden«, meint Sabrina und lädt es bereits hoch. Dann präsentiert sie mir mein Profil mit dem Namen carolin_is_waiting.

»Also dieser Name … ich weiß ja nicht«, sage ich nachdenklich. »Wirkt das nicht viel zu aufdringlich? So, als wäre ich verzweifelt auf der Suche nach Mr. Right?«

»Aber das bist du doch«, entgegnet meine Kollegin mit einem mitleidigen Blick. Ich schüttele entschieden den Kopf.

»Nein bin ich nicht. Ich will lediglich ein Date, damit ich nicht als einziger Single auf Stefanies Party aufkreuzen muss.«

»Sorry, aber den Namen kann man nicht mehr ändern. Dafür müsstest du dein Profil komplett löschen und -« Sie kann nicht weitersprechen, denn plötzlich hören wir einen lauten Knall, der vermutlich aus der Küche kommt. Sabrina springt vom Bett und eilt aus dem Raum, ich folge ihr auf dem Fuße. In der Küche bleibe ich wie angewurzelt im Türrahmen stehen und betrachte mit weit aufgerissenen Augen das Ausmaß der Katastrophe. Einer der Jungen – ich vermute, dass es Peter gewesen ist – hat den Küchenstuhl an die Küchenzeile herangeschoben, damit sein Bruder Paul auf die Arbeitsplatte klettern konnte. Dort hat er den Hängeschrank über sich geöffnet, um an etwas heranzukommen. Weil er jedoch immer noch nicht groß genug dafür war, hat er mit seiner kleinen Kinderhand die Zuckerdose und eine bereits geöffnete Mehlpackung aus dem Regal gefegt, die ich mir vor Wochen von David zum Keksebacken geliehen habe. Das Gemisch aus Zucker und Mehl verteilt sich nun wie eine weiße Schneemasse auf den Küchenfliesen, während beide Kinder lauthals brüllen.

»Um Himmels willen! Was habt ihr nur angerichtet?«, ruft Sabrina. Als Erste aus ihrer Starre erwacht, eilt sie sofort zu ihrem Sohn, um ihn von der Arbeitsplatte zu heben. Heulend klammert sich der Junge an seine Mutter, die ihm sogleich beruhigend über den Rücken streichelt. Dann kniet sie sich zu dem anderen Zwilling und schließt ihn ebenfalls in ihre Arme.

»Was habt ihr denn in der Küche gesucht?«, fragt sie mit sanfter Stimme, statt die Kleinen für dieses Chaos zu rügen.

»Die Kekse waren leer«, sagt einer der Jungs unter heftigem Schluchzen. »Und Paul hatte noch Hunger. Da habe ich geschaut, ob Tante Caro nicht auch Kekse hat. Bei uns liegen sie doch immer ganz oben im Schrank.«

»Warum habt ihr denn nicht Bescheid gesagt? Ich habe eine zweite Packung in meiner Tasche«, erklärt Sabrina ihren Kindern. »Man darf nicht einfach ohne Aufsicht an die Schränke anderer Leute gehen.«

»Entschuldigung«, sagt Peter mit einem so unschuldigen Hundeblick, dass ich kaum böse auf den Jungen sein kann. Paul dreht sich ebenfalls zu mir um, wischt sie mit einer Hand über die verheulten Augen.

»Entschuldigung, Tante Caro«, murmelt auch er.

»Ach, ist doch gar nicht so schlimm. Es ist ja nichts passiert. Ich räume das schnell weg und dann koche ich euch leckeren Milchreis mit heißen Kirschen, wie klingt das?«, frage ich mit einem Zwinkern. Sogleich hellen sich die Gesichter der Kleinen auf. Begeistert lassen sie ihre Mutter los und rennen auf mich zu, um meine Beine zu umarmen. Den restlichen Abend verbringen wir gemeinsam mit den Kindern in der Küche, verdrücken eine riesige Portion von dem süßen Milchreis und albern herum, sodass die Jungs den kleinen Zwischenfall schnell wieder vergessen.