Leseprobe Die Verschwörung von Fairview

Eins

New York City, Mittwoch, 13. Dezember 1905

„Tis the season to be jolly“, sangen die Sternsinger vor der Grace Church, während auf der anderen Seite des Broadway die Kapelle der Heilsarmee „God rest ye merry gentlemen“ schmetterte. Es schien, als wäre ganz New York City plötzlich vom Geist der Weihnacht erfasst. Ich manövrierte Liams Kinderwagen den gedrängten Bürgersteig entlang und achtete darauf, dass Bridie dicht bei mir blieb. In einer solchen Menge konnte man nicht vorsichtig genug sein. Alle waren beladen mit Paketen und Körben voller Lebensmittel, die man braucht, um für die Feiertage zu kochen. Es war ein Jahr des Optimismus’ gewesen: Präsident Roosevelt war für seine erste volle Amtszeit gewählt worden und die Gebrüder Wright hatten der Welt gezeigt, dass ein Flugzeug wirklich für mehr als ein paar Sekunden am Himmel bleiben konnte. Wir befanden uns eindeutig im Zeitalter des Fortschritts.

Ich zog Bridie vom Straßenrand zurück, als ein Automobil vorbeifuhr und Schneematsch und Dreck emporspritzte. So viel zum Zeitalter des Fortschritts, dachte ich, als etwas davon auf meinem Rock landete. Es hatte in der Nacht zuvor geschneit, der erste Schnee des Jahres, was für eine Atmosphäre der Aufregung gesorgt hatte, bis die Sonne aufgegangen war und angefangen hatte, ihn zum Schmelzen zu bringen, was die Gehwege glitschig und dreckig machte und es erschwerte, darauf zu navigieren. Als wir die Ecke der 10th Street erreichten, waren die jungen Bettelkehrer an der Kreuzung geschäftig bei der Arbeit und befreiten einen Weg von Schneematsch, sodass wir Damen die Säume unserer Röcke nicht beschmutzten.

Frohe Weihnachten. Gott segne Sie, Lady“, riefen sie und hielten uns raue, kleine Hände hin, die von Frostbeulen bedeckt waren. Ich fühlte mich schuldig, weil ich nicht einen oder zwei Pennys im Anschlag hatte, aber die Wahrheit war, dass es zu viele von ihnen gab. Wie sollte ich denn einen auswählen? Und es waren nicht nur die Bettelkehrer an den Kreuzungen, die ihre Hände ausstreckten. Dort am Broadway gab es alle paar Yards Bettler aller Art, von zusammengekauerten Frauen bis hin zu bemitleidenswerten Kindern. Dann waren da jene, die wie die Bettelkehrer eine Stufe über den Bettlern standen – Zeitungsjungen und Blumenverkäuferinnen mit ihren winzigen Mistel- oder Stechpalmenzweigen. Es gab einfach zu viele von ihnen. Es war nicht für ganz New York ein Jahr des Fortschritts gewesen, das war deutlich genug. Es kamen immer noch tausende Einwanderer, drängten sich in die bereits gerammelt volle Lower East Side und versuchten, ihre Familien auf egal welche Weise zu ernähren – viele davon, indem sie ein paar Eier, gerösteten Mais oder Schnürsenkel von einem Handkarren aus verkauften. Ich kam an einem Stand mit dem verführerischen Aroma gebackener Kartoffeln vorbei. Etliche Jungen standen darum herum und streckten ihre Hände der glühenden Kohle entgegen, bis der Besitzer sie vertrieb.

Als wir uns vom Chor der Sternsinger entfernten, die gegen die Kälte in Schals und Mäntel gehüllt waren, fiel mir eine andere Stimme auf – leise, hoch und wunderschön.

Away in an manger, no crib for a bed“, sang sie. „The little Lord Jesus laid down his sweet head.

Bridie hörte es ebenfalls und zupfte an meinem Ärmel. „Schauen Sie, dort drüben“, sagte sie.

Ich sah hin. Ein kleines Mädchen saß zusammengekauert an der Tür von Daniell’s Haberdashery Store und trug nur einen dünnen Mantel gegen die Kälte. Sie hielt einen Zinnbecher in der Hand, während sie sang, aber die Leute gingen an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken.

„Glauben Sie, sie ist ein Engel, der für Weihnachten auf die Erde gekommen ist?“, flüsterte Bridie mir zu.

Sie sah in der Tat wie einer aus. Sie hatte beinahe weißblondes Haar und große, blaue Augen in einem kleinen herzförmigen Gesicht, und ihre Stimme war so rein und lieblich, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

„Wir müssen ihr etwas geben“, sagte Bridie entschlossen, aber ich steckte bereits eine Hand in meine Handtasche.

„Geh und gib ihr das“, sagte ich und reichte ihr einen Quarter.

Sie betrachtete ihn kritisch, als glaubte sie, es müsse mehr sein, dann nahm sie ihn und schoss durch die Menge, um ihn dem Mädchen in den Zinnbecher zu werfen. Das Kind sah auf und lächelte Bridie engelsgleich an. Ihr Blick fiel auf mich und ich empfand ein seltsames Gefühl von Verbundenheit.

Bridie bahnte sich einen Weg zurück durch die Menge, um sich am Kinderwagen festzuhalten. „Sie sieht aus, als würde sie sehr frieren“, sagte sie. „Könnten wir ihr nicht ein paar meiner Sachen geben? Ich weiß, sie wären ihr zu groß, aber wenigstens wäre ihr dann warm. Vielleicht könnte ihre Mami sie auf ihre Größe anpassen.“

Ich blickte zurück. „Sie hat vermutlich keine Mami“, sagte ich. „Keine Mutter würde ihr kleines Kind bei diesem Wetter draußen betteln lassen. Sie ist ziemlich sicher eine Waise.“

„Wie traurig“, sagte Bridie. „Niemanden auf der Welt zu haben, der sich um einen kümmert. Das ist nicht fair.“

„Ich fürchte, das Leben ist nicht fair“, sagte ich. Ich blickte zu dem Mädchen zurück und sah, dass jetzt einer der Bettelkehrer-Jungen neben ihr stand. Aller Wahrscheinlichkeit nach, würde er ihr das Geld abnehmen, das wir ihr gerade gegeben hatten. Auf den unteren Stufen der New Yorker Gesellschaft war es wirklich ein Kampf jeder gegen jeden. Dann wandte sich mein Blick Bridie zu, die mittlerweile zu einer kräftigen 11-Jährigen erblüht war und eines Tages eine Schönheit zu werden versprach, und mir kam in den Sinn, dass sie mittlerweile sehr wohl selbst eine Waise sein mochte. Ich hatte sie von Irland aus über den Atlantik gebracht, als ihre eigene Mutter im Sterben lag, und dann hatte Daniels Mutter sie aufgenommen, als ihr Vater und ihr Bruder nach Panama gegangen waren, um dabei zu helfen, den neuen Kanal zu graben. Das war vor einem Jahr gewesen und wir hatten seitdem nichts von ihnen gehört. Und die Neuigkeiten, die aus diesem Drecksloch gekommen waren, waren nicht gut gewesen – Männer starben wie die Fliegen an Gelbfieber und anderen Tropenkrankheiten. Es konnte also sehr gut sein, dass wir alles an Familie waren, was Bridie noch auf der Welt hatte.

Selbstverständlich hatte sich Daniels Mutter gut um sie gekümmert, und sie hatte sie kürzlich zu mir geschickt, um in der Stadt zu wohnen, sodass sie eine normale Ausbildung erhalten könnte, zusammen mit Mädchen ihres Alters. Sie hatte ebenfalls vorgeschlagen, dass Bridie mir mit Liam helfen könnte, bis ich ein angemessenes Mädchen fand, das Aggies Platz einnahm. Die liebe Aggie war gestorben, als unser Haus in die Luft gesprengt wurde. Ich hätte Bridie so oder so aufgenommen, da ich für sie einer Mutter am nächsten kam, und ich war froh, als Daniel der Vereinbarung zustimmte. Es klappte sehr gut. Sie erwies sich als bereitwillige kleine Helferin und gute Gesellschaft.

„Wir gehen deine Sachen durch und schauen, was wir für das kleine Mädchen finden“, sagte ich. „Und ich werde dir etwas Wollgarn kaufen, sodass du ihr einen Schal stricken kannst. Mrs. Sullivan sagt, du seist jetzt eine großartige kleine Strickerin.“

Bridie strahlte vor Freude. „Ich mag Stricken“, sagte sie. „Und ich mag es, hier bei Ihnen zu sein und mich um Liam zu kümmern. Ich hoffe, Sie finden nicht allzu bald eine neue Hilfskraft für Ihren Haushalt.“

„Ich will nicht, dass du denkst, du seist nur als meine Hilfskraft hier, Bridie“, sagte ich. „Es ist wichtig, dass du eine anständige Ausbildung erhältst, und meine Schwiegermutter will eine junge Lady aus dir machen.“

Sie kam näher an meine Seite. „Aber ich mag es am liebsten bei Ihnen“, sagte sie. „Sie sind die einzige Mutter, die ich auf der Welt habe.“ Ich spürte einen Kloß im Hals. Ich hätte nichts lieber gewollt, als sie bei mir zu behalten, aber ich wusste, dass Mrs. Sullivan sie irgendwann ausbilden und dann in die Gesellschaft einführen wollte, besser als ich es könnte. Daniel hatte mich außerdem gedrängt, ein ordentlich ausgebildetes Dienstmädchen zu finden, das mir im Haus und mit Liam half. Ich verstand sein Argument. In seiner Position im NYPD spielte Status eine Rolle. Wir hätten häufiger Gäste empfangen sollen, und ein Ehemann, der seine Ehefrau nicht mit dem Luxus eines Dienstmädchens ausstatten konnte, war nicht gern gesehen. Nichtsdestoweniger war ich nicht in Eile – ich war in einem Cottage an der Westküste Irlands groß geworden, an harte Arbeit gewöhnt und fand es nicht anstrengend, unser kleines Haus sauber zu halten. Und trotz all des Drängens von Daniel konnte ich mir nie vorstellen, Teepartys zu geben.

The cattle are lowing, the baby awakes“, hörte ich die liebliche Stimme noch immer singen. „But little Jesus no crying he makes.“

Ich war verdutzt und wandte mich um, um nach ihr zu sehen. Da war etwas an dem Lied oder der Art, wie sie es sang, das nicht richtig schien, das nicht passte. Irgendetwas Bedeutendes. Dann schüttelte ich den Kopf, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass Bridie mich mit ihrem Gerede von Engeln durcheinandergebracht hatte. Dort, wo ich herkam, in Irland, waren wir nur allzu bereit, an Wunder zu glauben. Aber das hier war New York, und die Dinge, die hier passierten, waren allzu real.

Wir überquerten den Broadway, ließen den Kinderwagen über Klumpen gefrorenen Matschs und Straßenbahnschienen holpern, schlängelten uns zwischen den Bierkutschen der Brauereien und Droschken hindurch und hielten Ausschau nach weiteren rasenden Automobilen. Mein Sohn Liam schlief selig, so wie nur Säuglinge schlafen können, und seine langen, dunklen Wimpern strichen über seine Wangen. Ich blickte ihn jetzt an, dachte, wie mollig und gesund er aussah, im Vergleich zu dem kleinen …

„Glauben Sie, sie ist vielleicht wirklich ein Engel?“, fragte Bridie plötzlich. „Vielleicht wurde sie extra zu Weihnachten herabgeschickt, um die Menschen daran zu erinnern, gut zu sein. Wir sollten ihr mehr Geld geben. Ich habe zwei Dollar gespart. Die kann sie haben.“

Ich blickte sanft zu ihr hinab. „Ich dachte, die wären dazu gedacht, Weihnachtsgeschenke zu kaufen“, sagte ich.

„Das Mädchen braucht das Geld dringender“, sagte sie. „Ich habe immer noch Zeit, um selbst Weihnachtsgeschenke zu machen.“

„Du bist ein sehr gütiger Mensch“, sagte ich, „aber ich fürchte, die Welt ist nicht ganz so einfach, wie du glaubst. Falls wir dem Mädchen mehr Geld geben, wird sie es vermutlich nicht behalten dürfen. Du hast den größeren Jungen gesehen. Er ist wahrscheinlich ihr Aufpasser und das Geld wird bei einem noch größeren Jungen oder sogar einem Erwachsenen landen, der die Gang führt. Sie setzen hübsche Kinder zum Betteln ein, weil es wahrscheinlicher ist, dass sie die Herzen der Leute anrühren.“

„Das ist schrecklich.“ Bridie blickte finster drein. „Das Mädchen sieht aus, als bekäme sie nie genug zu essen. Backen wir ihr wenigstens einen Kuchen oder so, wenn wir das nächste Mal hier entlangkommen. Den kann ihr kein Junge wegnehmen, wenn sie ihn schnell isst.“

„Das machen wir“, stimmte ich zu, „und wir werden nachsehen, ob du irgendwelche warmen Sachen hast, die dir zu klein sind.“

Bridie lächelte mich zufrieden an und zupfte erneut an meinem Ärmel. „Und noch etwas.“

„Ja?“, fragte ich und erwartete noch einen großzügigen Gedanken.

„Können wir uns an einem Tag die Schaufenster von Macy’s Kaufhaus ansehen? Es heißt, sie wären toll dekoriert und sähen ganz magisch aus.“

„Sicher können wir das tun“, sagte ich. „Liam ist vielleicht schon alt genug, um sich an ihnen zu erfreuen. Und ich vielleicht auch.“ Und ich grinste sie an.

Zwei

Sobald wir zu Hause waren, eilte Bridie in ihr Zimmer hinauf und holte all ihre Kleider hervor. Die meisten waren von meiner Schwiegermutter gemacht worden und recht unpassend für ein Bettlerkind – edle Stoffe mit reichlich Schnüren und Stickereien. Aber wir fanden ein Wollhemd und ein paar Wollstrümpfe. Bridie wollte einen fein gestrickten Schal dazulegen, doch ich schüttelte den Kopf.

„Mrs. Sullivan wird erwarten, dass du ihn trägst, wenn sie an Weihnachten zu Besuch kommt. Sie hat sich große Mühe gemacht, um den für dich zu stricken. Es wäre nicht richtig, ihn wegzugeben. Davon abgesehen, brauchst du ihn vielleicht selbst, wenn es noch kälter wird.“ Ich legte ihr meinen Arm um und stellte fest, dass sie so schnell wuchs, dass sie mir bald bis zur Schulter gehen würde. „Wir gehen morgen in den Kurzwarenladen. Da kannst du dir etwas Wollgarn aussuchen, um einen Schal und Handschuhe zu stricken, in Ordnung?“

Sie nickte und lächelte.

„Jetzt müssen wir all das wegräumen und mit der Arbeit beginnen. Liams Windeln müssen gewechselt und er muss gefüttert werden, und ich muss Captain Sullivans Abendessen in den Ofen tun.“

Letzteres sagte ich mit Befriedigung. Ausnahmsweise einmal hatte Daniel keinen großen Fall, der ihn lange im Polizeihauptquartier festhielt. Er war in der Lage gewesen, die meisten Abende mit uns zu essen und hatte sogar etwas Zeit, um mit seinem Sohn zu spielen. Ich betete, dass niemand vor Weihnachten einen Mord oder irgendein ein anderes heimtückisches Verbrechen beging, sodass wir die Feiertage gemeinsam verbringen konnten.

Ich freute mich dieses Jahr besonders auf Weihnachten. Es wäre das erste Fest, an dem Liam seine Freude haben würde, jetzt, da er fünfzehn Monate alt war und zuverlässig auf seinen eigenen Beinen herumlief. Ich stellte mir seine Begeisterung vor, wenn er ein Geschenk auspackte, in dem ein Spielzeug war. Und wir würden einen geschmückten Baum haben, Truthahn und Plum-Pudding. Ich seufzte zufrieden. Wir hatten in diesem Jahr viel durchgemacht. Es war an der Zeit, dass unser Leben eine Zeit lang reibungslos verlief.

Ich stellte einen Shepherd’s Pie in den Ofen und war mittendrin, Liam seine gestampften Karotten und seinen Milchpudding zu füttern, als sich die Haustür öffnete und uns durch den Flur ein Windstoß eisiger Luft entgegenwehte.

„Papa ist zu Hause“, rief Daniel. „Wo ist mein Junge?“

Liam quiekte vor Freude, wand sich, versuchte, in seinem Hochstuhl aufzustehen und wurde glücklicherweise vom Gurt daran gehindert. Daniel kam in die Küche, seine Wangen waren von der Kälte knallrot. „Brrr, heute Abend ist es kalt da draußen“, sagte er. „Wenn es wieder schneit, wird es diesmal liegen bleiben. Der Wind, der vom Hudson hereinkommt, schneidet wie ein Messer. Sag es meiner Mutter nicht, aber ich bin sehr froh um den Schal, den sie mir gestrickt hat.“

Er grinste, als er um den Tisch herumkam, um mich zu küssen, dann wandte er seine Aufmerksamkeit Liam zu.

„Was isst du da?“, fragte er. „Milchpudding? Den mag ich am liebsten. Ich glaube, den esse ich auf.“ Und er tat so, als nähere er sich dem Teller.

„Nein. Meiner“, sagte Liam deutlich, was uns beide zum Lachen brachte.

„Und wie war Ihr Tag, Miss Bridie?“, fragte Daniel, als sie einen nassen Waschlappen brachte, um Liams Gesicht sauber zu wischen.

„Wir haben einen Engel getroffen“, sagte Bridie. „Zumindest sah sie aus, als könnte sie ein Engel sein. Sie hat sehr lieblich gesungen.“ Daniel blickte zu mir herüber und hob eine Augenbraue.

„Wir haben ein Bettlerkind auf dem Broadway gesehen“, sagte ich. „Sie sang ‚Away in a Manger‘. Sie hatte wirklich eine liebliche Stimme, das arme, kleine Ding. Wir haben Bridies Sachen durchgesehen, aus denen sie herausgewachsen ist, um ihr etwas davon zu geben, und Bridie wird ihr einen Schal stricken.“

Daniel legte die Stirn in Falten. „Ihr solltet vorsichtig sein, wenn ihr euch mit solchen Leuten einlasst“, sagte er.

„Daniel, sie war ein kleines Kind. Sie hat in der Kälte gezittert und gesungen.“

„Ich bin mir sicher, dass sie bezaubernd aussah“, sagte er. „Das ist der Sinn und Zweck. Wir haben diesen Winter sehr viel Ärger mit Taschendieben. Mehr als gewöhnlich. Wo immer eine Menge ist. Wir vermuten, dass eine oder mehrere der größeren Gangs involviert sind. Und ein kleines Kind ist genau das, was die raffinierten Gangs einsetzen würden.“

„Wie kann sie etwas stehlen, während sie in einem Hauseingang sitzt?“, fragte ich und spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten.

„Sie ist die Ablenkung, Molly. Verstehst du das nicht?“, fragte er geduldig. „Menschen hören sie singen. Sie schauen hinüber und sehen ein liebliches, kleines Mädchen und empfinden Mitleid mit mir. Manche werfen ihr sogar einen Penny oder zwei in den Becher. Und während sie abgelenkt sind, nimmt ein Gauner ihnen die Brieftasche ab oder durchforstet ihre Taschen.“

„Ach du je“, sagte ich. „Daran habe ich nicht gedacht. Ich schätze, du hast recht. Wie traurig, ein Kind so zu auszunutzen.“

„Sie hat vielleicht sogar ein Zuhause und ordentliche Kleider, wenn sie nicht arbeitet“, sagte Daniel. „Das Bettlerkind in Lumpen könnte Teil der Rolle sein.“

Ich wollte es nicht wahrhaben, aber mir wurde bewusst, dass es sehr wohl so sein konnte. Es gab eine Menge raffinierte Kriminelle in New York City. Viele böse Menschen, die keine Sekunde zögern würden, ein Kind für ihre Verbrechen einzusetzen. Aber in diesem Moment sagte Bridie wütend: „Sie war kein schlechter Mensch. Das war sie nicht. Man konnte es in ihrem Gesicht sehen. Sie sah aus wie ein Engel. Tatsächlich glaube ich, dass sie ein Engel ist, der für Weihnachten auf die Erde gekommen ist.“

Daniel fuhr ihr durch die Haare. „Vielleicht ist sie das“, sagte er sanft. „Und vielleicht ist sie sehr wohl ein durch und durch nettes Kind, das keine Wahl hat, wenn es darum geht, wozu man es zwingt. In jedem Fall, lasst uns von fröhlicheren Dingen reden, ja? Ich habe morgen frei – falls über Nacht kein schlimmes Verbrechen geschieht. Also dachte ich, wir könnten einen Ausflug nach Uptown machen.“

„Uptown?“, fragte ich.

„Ich will Liam FAO Schwarz zeigen. Du weißt schon“, fuhr er fort, als er sah, wie ratlos ich war, „der große, ausgefallene Spielzeugladen in der 5th Avenue. Ich habe gehört, sie haben lebensgroße Spielzeugsoldaten draußen stehen und ein fantastisches Eisenbahnset, das durch ihre Schaufenster fährt.“

„Wie schön.“ Ich strahlte ihn an. „Und Bridie hat heute gefragt, ob wir uns Macy’s Geschäft in der 34th anschauen könnten. Sie hat gehört, dass die Schaufenster alle für Weihnachten dekoriert sind.“

„Auch das können wir tun“, sagte Daniel.

„Aber ich muss morgen zur Schule“, sagte Bridie. „Wir haben erst ab übermorgen Weihnachtsferien.“

„Ich glaube nicht, dass es ihnen etwas ausmacht, wenn du einen Tag nicht in die Schule gehst“, sagte Daniel. „Du hast im Unterricht hart gearbeitet. Abgesehen davon ist ein Einkaufsbummel in Uptown lehrreich.“ Er zwinkerte mir zu. „Und wir müssen bald einen Baum kaufen. Wir brauchen deine Hilfe beim Aussuchen.“

„Oh, ja.“ Bridies Augen leuchteten. „Kann es ein großer sein? Stellen wir ihn ins Fenster des vorderen Wohnzimmers?“

„Kann es und werden wir“, sagte Daniel. „Jetzt holen wir diesen jungen Mann lieber aus seinem Stuhl, ehe er noch vor Enttäuschung stirbt.“

Er schnallte Liam los und warf ihn in die Luft, was den Jungen erneut vor Freude quieken ließ.

„Vorsicht. Er hat gerade gegessen“, warnte ich ihn. „Das kommt vielleicht alles wieder hoch, wenn du das tust.“

Daniel reichte ihn mir schnell zurück und ich gab ihn weiter an Bridie. „Wenn du ihm die Windeln wechselst und ihm seine Schlafsachen anziehst, kann er runterkommen und vor dem Abendessen mit seinem Daddy spielen“, sagte ich.

Als sie mit dem Baby nach oben ging, wandte ich mich an Daniel. „Sie ist zu einem hilfsbereiten Mädchen herangewachsen“, sagte ich. „Sie geht so selbstsicher mit ihm um. Und er vergöttert sie.“

„Das mag sein, aber wir brauchen dennoch ein anständiges Dienstmädchen, Molly. Das musst du einsehen“, sagte Daniel. „Du kannst das nicht ewig aufschieben, wegen dem, was passiert ist. Ich weiß, du hast schlimme Erinnerungen. Aber es gibt eine Menge kompetente, junge Frauen in New York City. Und Bridie muss sich auf ihre Schulbildung konzentrieren und zusammen mit Mädchen ihres Alters eine Ausbildung machen. Das war die Abmachung, als unsere Mutter sie bei uns gelassen hat.“

Ich nickte. „Du hast recht. Es ist nur so, dass ich es mag, sie um mich zu haben. Sie ist wie eine Tochter für mich, Daniel.“

„Wir können meine Mutter bitten, mit dir zusammen ein paar der Agenturen aufzusuchen, wenn sie hier ist“, sagte Daniel. „Sie hat Erfahrung darin, verlässliches Dienstpersonal auszuwählen.“

„Ich bin mir sicher, ich kann recht einfach ein Mädchen finden, Daniel“, antwortete ich steif. Eine Sache, die ich nicht wollte, war ein Dienstmädchen, das von Daniels Mutter ausgewählt worden war und ihr zweifelsohne über jede meiner Unzulänglichkeiten als Hausfrau und Dame der Gesellschaft Bericht erstatten würde.

Als ich später nach oben ging, um Liam einen Gutenachtkuss zu geben, saß Bridie an seiner Wiege und sang mit ihrer sanften und schönen Stimme. Er blickte sie entzückt an und ich hielt in der Tür inne, da ich die Szenerie, die sich mir darbot, nicht ruinieren wollte. Dann blickte Liam auf, sah mich und versuchte, auf die Füße zu kommen. Seine langen Schlafsachen hinderten ihn daran und er stieß ein Wimmern aus.

„Oh, du schreckliches Kind. Du warst ziemlich glücklich, bis du mich gesehen hast“, sagte ich. „Und Miss Bridie kann dir viel besser vorsingen als ich.“

Ich legte ihn entschlossen wieder hin, streichelte seinen Kopf und erinnerte mich wie fast jeden Tag daran, dass ich ihn beinahe verloren hätte.

„Sing weiter“, sagte ich zu Bridie. „Du singst so lieblich.“

„Dieses Mädchen auf der Straße“, sagte Bridie nachdenklich. „Ist Ihnen das aufgefallen – sie hat ‚Away in a Manger‘ mit derselben Melodie gesungen, wie wir in Irland, nicht so, wie man es hier singt.“

Das war es also, was mir seltsam vorgekommen war. In Amerika haben sie eine andere Melodie für dieses Weihnachtslied als wir in Irland. War es möglich, dass das kleine Mädchen eine frisch angekommene Einwanderin war?

Drei

Am nächsten Morgen erwachten wir und entdeckten, dass die Welt weiß geworden war. Immer noch fiel sanft Schnee und die Pflastersteine waren unter einer unberührten, weißen Decke verschwunden. Ich machte Pancakes mit Bacon, Daniels Lieblingsfrühstück, und dann zog ich uns alle für den Ausflug nach Uptown warm an.

„Können wir nicht zuerst die Sachen zu dem kleinen Mädchen bringen?“, fragte Bridie.

„Es ist Captain Sullivans freier Tag. Wir machen heute einen Ausflug“, sagte ich. „Wir gucken uns die Schaufenster an, wie du es wolltest. Freust du dich nicht?“

„Ja, aber schauen Sie, wie kalt es heute ist. Sie wird frieren.“

Ich warf Daniel einen Blick zu. „In Ordnung. Wir können die Kleider auf unserem Weg abgeben und dann gleich dort die Straßenbahn nehmen“, sagte ich.

„Die Straßenbahn? Ich dachte, wir nehmen die Hochbahn“, sagte Daniel.

Ich erschauderte. „Ich mag es nicht, mit der Hochbahn zu fahren, seit …“

Seit dem Unfall, sagte ich zu mir selbst. Der Unfall, bei dem die Waggons von ihren Schienen hinuntergestürzt und Liam und ich dem Tod von der Schippe gesprungen waren, in einem Waggon, der von den Gleisen hing.

„Molly, das wird nicht wieder vorkommen. Und wir nehmen die 3rd-Avenue-Linie, nicht die 9th.“

„Ich weiß, die Straßenbahn braucht länger, aber ich würde sie dennoch lieber nehmen. Und sie fährt direkt an Macy’s vorbei“, sagte ich.

„In Ordnung. Aber du weißt, es wird voll sein. Und kalt.“

„Ich atme lieber die frische Luft, als mit all diesen unappetitlichen Gerüchen in einem Waggon eingeschlossen zu sein“, sagte ich.

„Wie du wünschst“, seufzte Daniel, in dem Wissen, dass er geschlagen war. Er nahm Bridie Liam ab. „Komm, mein Sohn. Wir brechen zu einem Abenteuer auf.“

Bridie flitzte nach oben, um das Paket mit Kleidung zu holen, dann folgte sie uns zur Haustür hinaus. Unsere Schritte knirschten im Schnee und ich hielt mich an Daniels Arm fest, da es gefährlich war, über die verborgenen Kopfsteine zu gehen. Die Kapelle der Heilsarmee spielte wieder, als wir auf den Broadway kamen. Dieses Mal war es „See Amid the Winter’s Snow“, eine passende Beschreibung dessen, was wir sahen. Schneeflocken rieselten um sie herum, landeten auf ihren dunkelblauen Uniformen und ließen sich auf den Spitzen ihrer Mützen nieder. Bridie spähte bereits voraus, als ich ihre Hand nahm, um den Broadway zu überqueren.

„Da ist sie. Schauen Sie. In dem Hauseingang“, rief sie aufgeregt, dann riss sie sich von mir los und schoss durch die Menge. Die Kapelle der Heilsarmee machte einen solchen Lärm, dass ich nicht hören konnte, ob das kleine Mädchen sang oder nicht, aber sie blickte definitiv erstaunt auf, als Bridie ihr das Paket in den Schoß fallen ließ und dann ohne ein Wort zu sagen zu uns zurücksprintete. Ich sah das verwirrte, aufgeregte Gesicht, als sie begann, das braune Papier zu öffnen, während wir unsere Tram bestiegen.

Die Schaufenster von Macy’s erfüllten Bridies Erwartungen. Sie starrte jedes mit weit aufgerissenen Augen an, die Nase ans Fenster gepresst, bis es beschlug und die Szene darin verschwand. Ich muss gestehen, dass ich genauso beeindruckt gewesen wäre, hätte ich in diesem Jahr nicht bereits die Schaufenster in Paris gesehen. Es gab mechanische Kaninchen, die Karotten aßen, Gestalten, die auf einem gefrorenen Teich Schlittschuh liefen, und einen alten Spielzeugmacher, der an seiner Werkbank saß und Spielzeuge fertigte. Es waren wundervolle Automaten: Die Augen des Spielzeugmachers bewegten sich und seine Spielzeuge erwachten zum Leben, wenn er sie vollendet hatte.

Bridie hätte den ganzen Tag dort gestanden, vermute ich. „Komm schon, meine Liebe. Wir müssen immer noch in den Spielzeugladen“, sagte ich.

Sie hatte sich gerade widerwillig losgerissen, um sich uns anzuschließen, als eine seltsame Sache geschah. Daniel stieß einen Ruf aus. Ein dürrer Jüngling blickte auf und rannte schleunigst weg, Daniel dicht auf seinen Fersen hinterher. Es war ein Segen, dass Liam sich kurz zuvor auf Daniels Arm beschwert und er ihn mir herübergereicht hatte, sonst weiß ich nicht, was passiert wäre. Wäre es ein ausgemachtes Rennen gewesen, schätze ich, dass der Junge entkommen wäre, aber er wurde von der Menge behindert, die auf dem Gehweg Schaufensterbummel machte, dann kam eine Straßenbahn zum Stehen, er musste die Richtung ändern und wurde so langsam, dass Daniel ihn packen konnte.

„Hab ich dich, mein Junge“, sagte Daniel und drehte ihm den Arm auf den Rücken.

„Lassen Sie mich los“, rief der Junge. „Ich hab nix gemacht.“

„Wenn du nichts getan hast, wieso bist du dann weggelaufen?“, fragte Daniel, während der Junge sich wand und wehrte.

„Würden Sie nicht auch wegrennen, wenn Ihnen ein Verrückter nachjagt? Nehmen Sie Ihre Hände weg. Ich rufe die Polizei.“

„Oh, der ist gut. Ich bin die Polizei.“ Daniel sah beinahe aus, als amüsiere er sich. „Captain Sullivan. Ich bin also nicht nur die Polizei, ich bin wahrscheinlich einer der wichtigsten Polizisten, die du je treffen wirst.“

„Ich habe nichts getan“, beharrte der Junge. „Lassen Sie mich los. Sie tun mir weh.“

„Ich habe gesehen, wie du der Dame dort die Hand in die Tasche gesteckt hast“, sagte Daniel.

„Dann los, durchsuchen Sie mich!“, sagte der Junge streitlustig. „Sie werden nichts finden.“

„Natürlich nicht. Ich habe dich rechtzeitig aufgehalten. Eine Sekunde länger und du hättest ihre Brieftasche unter deine Jacke gesteckt und wärst in der Menge verschwunden, ohne dass sie etwas gemerkt hätte.“

„Das können Sie nicht beweisen“, sagte der Junge. „Und Sie sind lieber vorsichtig, wenn Sie umhergehen und Leute für Dinge beschuldigen, die sie nicht getan haben. Es gibt so etwas wie eine unrechtmäßige Verhaftung, wissen Sie?“

„Constable Macarthy!“, dröhnte Daniel und ein stämmiger Mann in Uniform bahnte sich einen Weg durch die Menge auf sie zu.

„Gibt es Ärger, Captain Sullivan, Sir?“

„Kennen Sie diesen Burschen?“, fragte Daniel.

„Habe ihn nie zuvor gesehen. Was hat er angestellt?“

„Hat sich an den Brieftaschen der Leute bedient“, sagte Daniel. „Nein, es hat keinen Zweck, ihn zu durchsuchen. Ich habe ihn gesehen, als er gerade dabei war, eine Brieftasche zu stehlen, aber ich schätze, er ist klug genug, um die anderen versteckt zu haben, wo er sie später einsammeln kann – nur für den Fall, dass er gefasst wird. Stimmt das, junger Mann?“

„Ich sagte, Hände weg von mir“, fauchte der Junge. „Es wird Ihnen leidtun, wissen Sie, ich habe Freunde.“

„Oh nein, ich glaube, dir wird es leidtun“, sagte Daniel. „Ich vergesse nie ein Gesicht, und meine Männer werden die Augen nach dir offenhalten, überall in der Stadt. Wenn du klug bist, bleibst du bis nach Weihnachten drinnen. Legen Sie ihm Handschellen an, Constable.“

„Was soll ich mit ihm machen, Captain?“, fragte der Constable, während die beiden sich damit abmühten, dem strampelnden und fluchenden Jugendlichen Handschellen anzulegen.

„Bringen Sie ihn auf die nächste Wache und nehmen Sie Namen, Adresse und Fingerabdrücke auf“, sagte Daniel. „Und wenn er Ihnen dumm kommt, haben Sie meine Erlaubnis, ihn über Nacht einzusperren, damit er ein paar Manieren lernt.“

„Das können Sie nicht tun. Ich habe es Ihnen gesagt, ich habe nichts getan“, sagte der Junge und sah jetzt etwas besorgter aus.

„Wenn du wie ein guter Junge kooperierst, musst du dir keine Sorgen machen und bist bald wieder frei wie ein Vogel“, sagte Daniel. „Aber wenn dich meine Männer beim Taschendiebstahl erwischen, denk dran, wir haben deine Fingerabdrücke in den Akten und dann gehst du direkt ins Gefängnis. Verstanden?“

Es hatte sich eine Menge gebildet, die nicht allzu nah stand, aber voller Interesse zusah.

„Was hat der Junge getan?“, fragte ein dünner Geistlicher in schwarzem Anzug.

„Taschendieb“, sagte Daniel. „Es gibt in diesem Jahr zu viele davon. Sie sollten alle ein wachsames Auge auf ihr Bargeld haben.“

„Aber er ist nur ein Junge“, sagte der Geistliche. „Sicher sind Handschellen nicht nötig. Wenn Sie mich mit ihm reden lassen, weiß ich, ich könnte ihn–“

Er wurde von einem Schrei irgendwo in der Menge unterbrochen und eine Frau rief aus: „Mein Geld ist weg. Jemand hat mir die Geldbörse gestohlen. War er das auch?“

„Entweder er oder einer seiner Kameraden“, sagte Daniel. „Wer ist mit Ihnen in diesem Bereich des Broadway eingesetzt, Constable?“

„Dracott, Sir. Dort drüben, an der Ecke der 34th.“

„Dann führen Sie den Jungen ab und ich schicke Dracott her, um wahrscheinliche Verstecke abzusuchen und zu schauen, ob wir gestohlene Geldbörsen wiederfinden. Wir sind vermutlich zu spät. Zweifellos hat dieser Halbstarke einen Freund, der ihm folgt, um die Beute zu holen. Aber von jetzt an will ich, dass Sie mir jeden Taschendiebstahl melden. Das hier ist während der Feiertage das wichtigste Gebiet. Sie werden Verstärkung brauchen.“

„Danke, Sir. Dann bringe ich den Jungen jetzt weg, ja?“

„Ja, und kommen Sie gleich zurück. Wir brauchen so viele Augen wie möglich, um die Menge zu beobachten.“ Er wandte sich zur Menschenmenge um, die ihn jetzt umgab. „Sie alle können helfen. Bleiben Sie wachsam. Rufen Sie, wenn Sie sehen, dass jemand Opfer eines Taschendiebs wird. Wir müssen dem augenblicklich ein Ende machen.“ Er bewegte sich sehr nah ans Gesicht des Jungen heran. „Vergiss das nicht. Ich werde nach dir Ausschau halten. Genauso wie all meine Männer.“

Der Junge warf Daniel einen fürchterlich giftigen Blick zu, während der Constable ihn abführte. Die Menge teilte sich, um sie durchzulassen, dann verstreuten sich die Leute und kehrten zu ihren Weihnachtseinkäufen zurück. Daniel strich seine Jacke glatt und kam zu uns zurück. Ich hatte nicht oft die Gelegenheit, ihn in Aktion zu sehen, und wieder staunte ich über seine beeindruckende Präsenz und sein besonnenes Auftreten. Dann erinnerte ich mich daran, dass ihn jede dieser Begegnungen möglicherweise in Gefahr brachte, an jedem Tag seines Lebens.

„Es ist, wie ich dachte“, sagte Daniel, als er sich uns wieder anschloss und mir Liam abnahm. „Das ist etwas Größeres als der übliche Bursche, der seinen Vorteil aus dem Feiertagsandrang zieht. Ich wette, er ist Teil einer organisierten Gang. Hast du seine Prahlerei gehört? Er hatte nicht mal Angst vor mir. Er denkt, er steht unter Schutz. Und der Constable hatte ihn zuvor noch nicht gesehen. Unsere Männer kennen die potenziellen Unruhestifter in ihrem Revier für gewöhnlich.“ Er warf einen Blick zurück, wo der Constable mit dem sich immer noch wehrenden, fluchenden Jungen von der Menge verschluckt wurde. „Ich will herausfinden, wer dahintersteckt und es im Keim ersticken. Ich will wissen, ob sie Jungen von der Straße rekrutieren oder bekannte Gangmitglieder einsetzen. Das ist das Problem – ich kann keine zusätzlichen Männer abstellen für etwas, das im Grunde ein Bagatelldelikt ist. Aber wenn es eine der bekannten Gangs ist, würde ich sehr ungern sehen, dass sie ihren Einfluss vergrößert, und wenn es eine neue Gang ist, will ich das ebenfalls wissen.“ Dann drehte er sich zu mir um und lächelte mich ermutigend an. „Entschuldige. Ich habe eigentlich einen freien Tag, nicht wahr? Kommt, amüsieren wir uns. Spielzeugladen und dann eine heiße Schokolade, denke ich.“

Ich versuchte, mich so fröhlich und sorglos zu fühlen wie zuvor, aber jetzt lag eine Spannung in der Luft, die nicht recht verfliegen wollte.