Leseprobe Die vergessene Stadt

 

Kapitel 20

 

Pin ist tot.

 

Glass steht im Eingang zu einer Opiumbar, mit glimmender Zigarette und zitternden Händen. Die Haare regennass.

 

Hinter ihm drängen sich milchige Rauchschwaden gegen das Fenster, verwandeln den dahinterliegenden Raum in konfuse Schatten und unscharfe Silhouetten.

 

Pin ist tot.

 

Er sagt kein Wort, als ich ihn erreiche. Lässt mir keine Zeit, ihm in die Augen zu sehen. Wortlos stemmt er sich gegen die Eingangstür und geht mir voraus.

 

Ich fühle mich taub.

 

Die Luft ist fest. Ich muss husten, drücke mir einen Ärmel unter die Nase, kneife die brennenden Augen zusammen. Die Atmosphäre ist betäubt und ungesund, der Gestank fatal. Auf dick gepolsterten Sofas hängen sedierte Menschen, manche dösend, die Augen halb geschlossen, manche apathisch, mit starrem Blick. Bläuliche Holoschirme glimmen im Qualm, färben den Giftnebel blassblau. Die meisten tragen DigiGlasses und starren selbstvergessen in unsichtbare Parallelwelten.

 

Ein hysterisches Lachen hallt von irgendwo.

 

Hier haben sie sie hingebracht? Hier?

 

Glass rennt mir voraus, durchquert den langgezogenen Raum, an der Bar vorbei. Stößt eine Hintertür auf und gibt den Blick auf ein gespenstisches Bild frei: Sprödes Dämmerlicht. Staubgeschwängerte Luft. Ein Tisch. Eine Leiche. Vier gnadenlose Augenpaare.

 

Qs Augen sind wässrig und verquollen. Vala sitzt ruhig in einer Ecke, rauchend. Chrome zittert am ganzen Körper. Farblose Gesichter. Beängstigende Stille.

 

Eine Leiche.

 

Mich überschwemmt ein unwirkliches Gefühl. Betäubt. Aufgewühlt. Abgekapselt.

 

Pins weißes Hemd ist ein rotes Aquarell. Verkrustetes Blut klebt an ihrem Gesicht, ihre nassen Haare ziehen schwarze Schlingen dazwischen. Man hat ihr die Augen geschlossen, doch die Bemühung, ihre toten Züge zur Ruhe zu bringen, ist gescheitert. Ihr Gesicht ist zu einer kalten, verhärteten Maske erstarrt; grau, bitter und wächsern, durch das dicke Make-up, das sich nun langsam von ihrer Haut löst. Schusswunden versinken in ihrem Kopf, in ihrer Brust, ihren Armen.

 

Mir wird schwindelig. Und die Erinnerungen kommen. Sie kommen unweigerlich.

 

Ein zerschellter Körper. Nichts Friedliches an ihr. Nichts Tröstliches. Ich wünsche mir, nie gekommen zu sein.

 

»Kannst du sie identifizieren?«

 

Sie ist es. Vista. Kein Zweifel.

 

Es sind ihre Lippen, bläulich verfärbt und unnatürlich aufgequollen. Ihr Gesicht, verformt von den Schwellungen, mit verrenktem Kiefer und ausgeschlagenen Zähnen. Ihr gequetschter Torso. Ihre Haut, stellenweise aufgeplatzt wie eine überreife Tomate. Die Gliedmaßen unnatürlich zurück in Position gebracht.

 

»Ja, das ist sie«, sage ich ruhig.

 

Aber ich sehe mich dort liegen. Bald. Ich bin noch immer im freien Fall.

 

Im nächsten Gedanken liege ich schwitzend und zitternd in meinem Bett, fühle mich halbtot, in klatschnassen Laken, unfähig aufzustehen.

 

»Sie hat dich angerufen, Java! Du hättest sie davon abhalten können!«

 

Sie hassen mich.

 

»Warum warst du so kalt?«, fragen sie mich. »Du hast nicht geweint, kein einziges Mal, hast nicht eine Träne für sie vergossen.«

 

»Habt ihr gesehen, wie kalt sie war? Völlig unberührt?«

 

»Bist du froh, dass sie jetzt tot ist?«

 

Kalter Schweiß, die Hände zittern. Ich sehe angestrengt zur Seite, schließe die Augen. Halte die Luft an. Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

 

»Kein schöner Anblick?«, höre ich Vala sagen. Ich traue mich nicht, sie anzusehen.

 

»Was soll ich dazu sagen?«, murmele ich.

 

»Du sollst nichts mehr sagen«, erwidert sie mit knurrendem Unterton. »Du sollst endlich etwas tun!«

 

Verzweifelt sehe ich zu Glass, der aussieht, als würde es ihm schlimmer gehen als mir. Seine Lippen sind steinern zusammengepresst, er läuft haltlos auf und ab. Ich wünschte, er würde etwas sagen.

 

Er sagt nichts.

 

»Ich brauche Zeit«, ich komme mir total idiotisch vor.

 

»Damit noch mehr sterben?«, fragt Vala hysterisch. »Weißt du, wer die Nächste auf der Liste ist?« Ihre Kiefer mahlen.

 

Ich mache automatisch einen Schritt zurück. »Du hast es oft genug erwähnt.«

 

»Und ich werde es noch tausendmal wiederholen. Wir sterben. Pin ist tot! Aber sie ist dir natürlich nichts wert, das kann man ja auch nicht erwarten. Ein Mädchen aus den Subs …« Sie macht einen Schritt auf mich zu.

 

Ich weiche noch weiter zurück.

 

»Ich konnte doch nichts tun«, sage ich ausweichend.

 

»Hast du dir mal Gedanken gemacht, wer da vor dir stand? Was für ein Mensch hinter der Maske gesteckt hat?«

 

Wie pathetisch, denke ich mir und bekomme trotzdem eine Gänsehaut.

 

»Ich weiß doch nichts über sie«, sage ich. »Wie soll ich auch?« Wieder sehe ich zu Glass, der sein Gesicht in seinen Händen beerdigt.

 

»Ich dachte auch, sie wäre ein verrücktes reiches Surface-City-Mädchen, du weißt schon, eines von der typischen Sorte. Auf der Suche nach Abenteuer, nach Aufregung. Das naiv genug war, sich von Deep City richtig ficken zu lassen. Bis ich sie besoffen von der Straße gekratzt habe und sie erzählt hat.« Sie macht eine atemreiche Pause, in der sie mich mit bebenden Lippen ansieht. »Sie ist mit dreizehn aus den Suburbs geflohen; arme Familie, gewalttätige Mutter. Keine Schule, kein Job, ein Leben in Dunkelheit. Sie dachte, sie könnte in Hyalopolis ihr Glück machen. In der gläsernen Stadt, so schön hell, so sauber, so aufrichtig. Sie hatte Hoffnung, zu finden, was ihr überall vorgegaukelt wird. Und klar, sie war hübsch. Wehrlos. Ein richtig hübscher, wehrloser Schmuckstein für die Timeline irgendeines reichen Unternehmers. Seht her, ich rette das arme Mädchen aus den Subs.« Sie schluckt hart. Ihr Gesicht ist fleckig rot unter ihrem teigigen Make-up. »Er hat sie immer wieder mit nach Deep City genommen. Und was machst du da mit einem verzweifelten Mädchen, das sich nach ein bisschen Anerkennung sehnt? Das Angst hat, zu verlieren, was sie gerade bekommen hat?«

 

Ich bin taub. Meine Gedanken sind taub. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Doch es stürzen nur die verschwommenen Eindrücke des Moments auf mich ein.

 

Blackout.

 

»Sie hat ihn umgebracht«, sagt Vala. »Damit konnte sie nicht leben. Das hat sie in Deep City gehalten. Jeden Tag.« Ihre Stimme zittert.

 

»Du hast sie umgebracht! Du hast sie umgebracht!«

 

Sie hassen mich jetzt.

 

Ich sehe wieder zu Glass. Ich wünschte, er würde etwas sagen. Er muss doch etwas sagen.

 

Er sagt nichts.

 

Aber er ist stehen geblieben; seine Augen blank und erfroren. Ich bin mir nicht sicher, was überhaupt noch zu ihm durchdringt.

 

Und plötzlich fällt er aus seiner Starre und rennt an uns vorbei aus dem Raum. Wortlos. Verschwindet einfach im dünnen Licht.

 

Ich sehe ihm nach. Versuche zu verarbeiten, was gerade passiert – und bin völlig überfordert.

 

»Also, was willst du jetzt machen?«, schreit Vala. Ich bekomme keine Luft.

 

Ich übergehe sie einfach. »Wo ist Glass hin? Was ist mit ihm?«

 

»Keine Ahnung? Sich umbringen? Es ist mir scheißegal. Ich will, dass du diese Liste abstellst. Sofort. Sonst bist du die Nächste, die auf diesem Tisch liegt.«

 

»Ich brauche ihn, sonst … kann ich nichts machen.«

 

»Dann finde ihn!«

 

Vala geht zwei große Schritte auf mich zu und bläst mir demonstrativ den Rauch ihrer Zigarette ins Gesicht. Ich drehe den Kopf zu Seite.

 

»Du bist echt das Letzte! Ihr seid alle das Letzte!«

 

Ihre Worte gehen völlig an mir vorbei, ich sehe nur hektisch hin und her, von Q zu Vala zur toten Pin. Meine Gedanken sind verschwommen.

 

Dann drehe ich mich um und verlasse fluchtartig den Raum. Doch als ich die Straße erreiche, ist Glass längst verschwunden.

 

 

 

Immer und immer wieder wähle ich seine Nummer mit eiskalten Fingern. Stehe zitternd im strömenden Regen mitten auf der Straße und horche auf die knisternden Geräusche in der Leitung. »Nimm ab, nimm ab, nimm ab.« Er nimmt nicht ab.

 

Ich fühle mich zittrig, allein und verfolgt. Wieder hat mich die Paranoia völlig im Griff. Jeder Schatten kommt mir bedrohlicher vor als der letzte. Hinter jeder Ecke scheint jemand zu lauern, den ich nicht kontrollieren kann.

 

Noch einmal wähle ich Glass’ Nummer, ein verzweifelter Versuch für etwas, das ich längst aufgegeben habe. Ich weiß, dass er der Einzige ist, der mir am Ende wirklich helfen kann. Der mir helfen kann. Und er muss mir jetzt helfen.

 

Gerade bin ich kurz davor, einfach alles auffliegen zu lassen.

 

Aber ich versuche durchzuatmen. Mich zu konzentrieren. Ich bin überemotional, mein Gehirn überladen von verdrängten Erinnerungen, die sich schmerzhaft wieder hochgewürgt haben. Meine Gedanken sind völlig übersteuert.

 

In Gedanken versuche ich, alle Orte durchzugehen, an denen ich ihn vermute, alle Orte, an denen ich ihn getroffen habe. Versuche jede Konversation wieder abzurufen. Er könnte überall sein. Überall.

 

»Warte!«

 

Ich drehe mich um und sehe Q im Regen stehen. Eine schattige Gestalt, mitten auf der Straße. Er trägt keine Mütze mehr, das Haar klebt platt in seiner Stirn, das Halstuch ist ihm vom Gesicht gerutscht.

 

Er kommt auf mich zu, bis er dicht vor mir steht.

 

»Was machst du hier?«, frage ich.

 

Q antwortet nicht, sondern zieht einen kleinen, zusammengefalteten Gegenstand aus der Tasche und stellt sich dicht neben mich. Mit einem leisen Knall spannt er einen großen Schirm über uns beiden auf.

 

»Wir werden ganz nass«, stellt er fest.

 

Die plötzliche Nähe macht mich seltsam emotional, ein Heulkrampf sitzt tief in meinem Rachen und rüttelt an mir.

 

»Du musst zu ihm gehen«, sagt Q. »Jetzt.«

 

»Wieso?«, frage ich und schlinge meine Arme um meinen Körper. »Wieso ich?«

 

Stille. Keine Antwort. Der Regen hört sich an wie weißes Rauschen.

 

»Ich habe keine Ahnung, wo er ist.«

 

Q sieht mich seltsam an, als würde er kein Wort von dem glauben, was ich ihm sage.

 

»Aber ich weiß es«, sagt er dann.

 

 

 

Es dauert einen kurzen Moment, bis ich das Gebäude wiedererkenne, vor dem wir stehen. Es ist dasselbe Hotel, in dem wir Glass schon einmal getroffen haben.

 

»Ich bin mir sicher, dass er hier sein wird«, sagt Q und irgendwie finde ich diese Aussage entsetzlich traurig.

 

Das Hotel ertrinkt im Regen, aber vor allem ertrinkt es in seiner grauen Tristesse. Eine architektonische Depression, so weit von der Sonne entfernt, dass nichts mehr an frühere Zeiten erinnert. Schlank und kerzengerade streckt sich das unschöne Gebäude in die kilometerweite Dunkelheit wie ein warnend ausgestreckter Zeigefinger. Sein leuchtender Schriftzug flackert im Regen.

 

Q sieht mich von der Seite an.

 

»Du solltest allein gehen«, sagt er. »Mich wird er nicht sehen wollen.«

 

Ich bin mir sicher, dass er mich noch weniger sehen wollen wird.

 

 

 

Ohne zu klopfen, ohne zu horchen, reiße ich die Tür auf. Zimmer 204.

 

Ich habe Q unten in der Lobby zurückgelassen und stehe nun in einem Zimmer, das hell erleuchtet ist und dabei trotzdem so düster wirkt, dass ich mir nicht sicher bin, ob alles Licht nicht nur aus dünnem Papier besteht.   

 

Glass sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken gegen sein klappriges Bett gelehnt, ein Bein angezogen, das andere ausgestreckt. Drei leere Flaschen stehen neben ihm, das ganze Zimmer verströmt einen säuerlichen Geruch. Geisterhafte Schlieren tragen den stinkend-bunten Qualm seiner falschen Zigarette durch die staubige Luft.

 

Eine unwirkliche Szenerie.

 

Das Zimmer scheint seine allgemeine Verfassung perfekt widerzuspiegeln.

 

Ich bleibe stehen, ein, zwei Lidschläge lang. Höre auf meinen zittrigen Atem und meinen Herzschlag. Mir ist heiß und kalt.

 

Er bemerkt mich erst ein paar Sekunden später. Hebt langsam den Kopf, sieht mich aus aufgeschwemmten Augen an. Sein Blick wirkt seltsam verzögert. Sein T-Shirt klebt nass an seinem Körper, sein Gesicht ist fleckig gerötet.

 

Ich bin unfähig, irgendetwas zu sagen. Ich weiß, ich bin hier nicht richtig. Ich bin die falsche Person, ich sollte nicht hier sein.

 

»Warum du?«, fragt er mit bleierner Stimme.

 

Er klingt besoffen, seine Worte blubbern nur noch über seine Lippen. Träge und fragil und unkontrolliert.

 

Für einen kurzen Moment stehe ich im Eingang zu dieser materialisierten Tristesse und meine egoistischen Gründe verschwinden.

 

»Wir brauchen dich«, sage ich und klinge sanfter, als ich dachte.

 

Glass’ trübe Augen fixieren mich mühsam.

 

»Ihr wisst nicht, wer ich bin«, sagt er. »Ihr wisst nicht …« Er starrt ins Leere. »Ich mache alles nur schlimmer. Ohne mich wäre das hier doch nicht … also …«

 

Ich bin mir nicht sicher, ob er weiß, was er da gerade redet.

 

»Hast du je daran gedacht, wer welche Rolle in dieser ganzen Sache spielt?«, fragt er.

 

»Was redest du da?«

 

Als ich den schläfrigen Mann in der Lobby bequatschen musste, um sein Zimmer zu finden, als ich durch die trüben Hotelflure gehetzt bin, habe ich mich gesehen, wie ich ihn anschreie. Was ihm einfiele, einfach so zu verschwinden und nicht mehr aufzutauchen. Weil wir ihn doch brauchen. Er hat ein Versprechen gegeben – vor allem mir. Er weiß, dass wir ohne ihn nicht weit kommen.

 

Nun fühlt sich meine Stimme zittrig und vergessen an, meine Motivation taub und unwirklich. Und ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob ich noch aus demselben Grund hier bin, wie ich es mir dachte.

 

Ich starre ihn an und zehre von diesem Bild.

 

Glass ist so stilvoll in seiner Depression. Die Melancholie in seinem Gesicht. Der zerbrechliche Unterton. Ich bewundere ihn dafür, dass er es schafft, etwas aus der Traurigkeit zu machen, die er nach außen trägt. Etwas Kunstvolles. Etwas, das man zelebrieren kann, wenn man will. Etwas, das fast zu schön ist, um wieder glücklich zu werden. Er ist eine nachtschwarze Persönlichkeit und es berührt mich.

 

»Ehrlich, warum bist du hier?«, fragt Glass und hebt wieder seinen Kopf. Es scheint ihn viel Anstrengung zu kosten.

 

Ich weiß es nicht, will ich antworten.

 

»Weil du nicht einfach so verschwinden kannst«, sage ich. »Selbst wenn du sterben willst, außerhalb dieses Zimmers gibt es Leute, die das nicht wollen. Und die sind auf dich angewiesen.«

 

Ich will, dass er aufsteht. Doch er sieht wieder auf den Boden, zusammengesackt und kraftlos.

 

»Ich will nicht sterben«, sagt Glass und macht eine lange Pause. »Ich will mich einfach auflösen, nicht mehr existieren. Ich will nicht sterben, ich will nur einfach nicht mehr fühlen.« Ein unwirkliches Lächeln schiebt sich auf sein Gesicht, als wäre dieser schmerzhafte Gedanke fast tröstlich für ihn.

 

Aber mir bleibt die Luft weg. Als hätte er meine eigene Erinnerung ausgesprochen. Als hätten wir für ein paar Sekunden den gleichen Kopf geteilt. Das ist es, was ich so oft denke. Das ist der Schmerz, vor dem ich davonlaufe.

 

Es schmerzt. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich an, wie ein schwarzes Fest.

 

Ich habe das seltsame Bedürfnis, mich einfach neben ihn zu setzen, mich mit ihm an sein Bett zu lehnen.

 

Ich hinterlasse schmierige Fußspuren, während ich ein Stück weiter in das Zimmer hineingehe. Nur ein kleines Stück auf ihn zu. Dann bleibe ich wieder stehen. Verschränke meine Arme vor der Brust.

 

»Ich kann nicht mehr«, flüstert er. »Ich kann einfach nicht mehr.«

 

»Steh auf, uns läuft die Zeit davon«, sage ich laut. Meine Finger kribbeln und zittern.

 

»Du verstehst das nicht«, sagt Glass und mahlt mit seinem Kiefer. Seine Schneidezähne foltern seine zerbissene Unterlippe. Unter der hellen Haut an seinem Hals tanzen die Sehnen, die Adern treten hart hervor. Das unechte Licht bricht sich tödlich an seinem Gesicht. Lässt es starr und angespannt und hart wirken. »Dabei … Ich denke, dass du es eigentlich doch verstehst. Und das hätte ich nie gedacht. Aber du scheinst so oft die Einzige zu sein, die es versteht. Den Schmerz …«

 

Stille. Mein Herz beschleunigt.

 

»Man muss nicht nach Deep City kommen, um Schmerz zu verstehen«, sage ich, ohne nachzudenken. Ich falle aus meiner Rolle. Ich darf auf keinen Fall aus meiner Rolle fallen.

 

Wieder hebt er seinen Kopf.

 

»Ist es das, was uns verbindet?«, fragt er bitter.

 

Aber er spricht etwas aus, das mehr oder weniger seit unserer ersten Begegnung in meinem Kopf sitzt. Eine zähe und hartnäckige Frage, die ich nicht loswerde.

 

»Steh auf«, sage ich. »Du musst mit ihnen sprechen. Sonst ist nicht Vala das nächste Opfer, sondern ich.«

 

Glass antwortet nicht. Er starrt wieder ins Leere. Schüttelt nur leicht den Kopf.

 

»Ich bin ein Niemand. Ich kann sie nicht retten, weil ich mich selbst nicht mehr retten kann. Ich habe es nie geschafft, mich wieder zusammenzusetzen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.«

 

Ich habe das ungute Gefühl, dass er sehr viel mehr damit meint, als mir bewusst ist. Dass hinter seinem besoffenen Gelaber Dinge stecken, die ich nicht weiß und auch nicht fassen kann.

 

»Warum mache ich das hier überhaupt? Ich kann ihnen nicht helfen, du kannst ihnen offensichtlich nicht helfen … Es ist vielleicht besser, wir lassen alles weiterlaufen, so wie es ist. Dann wäre dieses Problem einfach aus der Welt geschafft. Und ich. Ich …«

 

Er sieht mich nie so an. Sonst streift er mich immer nur flüchtig, aber dieses Mal ist sein Blick starr.

 

Ein fast gruseliges Grinsen sitzt auf seinem Gesicht, wie ein dickes Insekt. Zieht sich falsch in einer grässlichen Fratze von einer Wange auf die nächste. Wie schlecht aufgepinselt. »Warum sind wir hier?«, fragt er. »Wir versuchen beide nur, unsere Schuldgefühle zu betäuben. Aber wir sind machtlos. Belügen uns nur selbst.«

 

Und da ist sie wieder. Die Panik. Panik, dass alles umsonst war. Dass ich innerhalb von ein paar Sekunden wieder in mein altes, beschissenes Leben zurückgeworfen werde. Ausgekotzt und ausgebrannt.

 

Ich vollführe einen ziemlich bekloppten Seiltanz hier unten und zu beiden Seiten kann ich sehr tief fallen. Fallen …

 

»Du hast ein Versprechen gegeben«, sage ich. Ich kann die Verzweiflung in meiner Stimme nicht verbergen. »Wir haben einen Deal. Einen. Verdammten. Deal. Jetzt steht auf! Tu, was du tun sollst!«

 

Ich bin wieder mein völlig verzweifeltes Ich. Völlig entgleist. So skrupellos, ich würde über meine eigene verdammte Leiche gehen.

 

»Du hast keine Ahnung, um was es hier geht«, sagt er und greift dann nach einer der Flaschen, die neben ihm stehen. Führt sie mit schwerem Arm an seine Lippen.

 

Erinnerungen spülen in meinen Kopf, erfassen meine Gedanken wie ein Tsunami.

 

»Du trinkst zu viel, Java. Immer trinkst du zu viel.«

 

»Du weißt ja nicht, um was es hier geht.« Ich weiß nicht, ob sie meine Stimme nicht hört, oder ob sie sie nicht hören will.

 

Ihre Hände sind kühl auf meiner pochenden Stirn. Ich will meinen Schädel sprengen, doch sie hält ihn zusammen.

 

Sie liebt das. Ich weiß, dass sie es liebt. Sie hat die Kontrolle. Über mich, dass versoffene Wrack, mit all den Blackouts. Meine Erinnerungen sind so löchrig …

 

»Aber dir geht es bald wieder besser«, sagt sie. Schleicht durch den halbdunklen Raum wie eine Katze.

 

Mein Kopf ist bleischwer zur Seite gekippt und mein Blick folgt ihr mit schweren Lidern.

 

Sie tritt an die Kommode, auf der wie eine fette, schwarze Tarantel die Parfümflasche hockt.

 

Dieses Haus ist vollgestopft mit Pflanzen und Statuen und goldbesetzten Tapeten und doch ist diese Flasche das einzig wirkliche Deko-Objekt hier. Es konkurriert mit mir. Dem anderen wirklichen Deko-Objekt in diesem Haus.

 

Sie streicht mit weichen, zärtlichen Fingern über das Glas, begutachtet es mit schiefgelegtem Kopf wie einen besonderen Schatz. Zieht ein kleines Tuch aus der Tasche und reibt einen Fettfleck von der Oberfläche.

 

Klebriger Ekel macht sich in meinem Inneren breit, bedeckt ölig jeden Nerv in meinem Körper. Ich will mich schütteln, doch ich bin wie gelähmt.

 

Diese perfekte Gestalt. Der enganliegende schwarze Pullover unterstreicht jede ihrer aristokratischen Formen. Das dunkle Haar aufgesteckt, keine Strähne am falschen Platz.

 

Niemand weiß, wer sie wirklich ist.

 

Wie kann ich einen solchen Gegensatz in meinem Leben haben? Sollte mein Leben nicht endlich perfekt sein?

 

Mein Gehirn wird schwarz. Systemstörung. Mit zwei großen Schritten segele ich quer durch den Raum auf ihn zu und reiße ihm die Flasche aus der Hand. Schleudere sie reflexartig durchs Zimmer. Sie rollt scheppernd über den Boden und klirrt irgendwo gegen den Türrahmen.

 

Mein Herz hämmert gegen meinen Brustkorb, viel zu schnell, viel zu unkontrolliert.

 

»Hör auf!«, knurre ich. »Hör auf mit dem Scheiß!«

 

Ich kann nicht sagen, was mich so wütend daran macht. Was diese völlig übertriebene Emotion in mir auslöst.

 

Glass starrt mich von unten ungläubig an. Seine Unterlippe bebt.

 

Und plötzlich springt er auf, packt mich mit harter Hand am Kragen meines Mantels, zieht mich fest zu sich heran. Unsere Gesichter sind sich plötzlich extrem nah. Sein alkoholgetränkter Atem schlägt mir heiß ins Gesicht. Ich kann jede Pore und jeden feinen Riss in seinen blutig gebissenen Lippen sehen.

 

In sein leergefegtes Gesicht ist plötzlich Leben gekommen. Es zuckt und sprüht, seine Augen sind ein Feuerwerk. Ich sehe jede flackernde Emotion und es fühlt sich fast so an, als würde er sie mit mir teilen.

 

»Hast du eine Ahnung?«, fragt er mit zittriger Stimme. »Hast du überhaupt irgendeine Ahnung?« Jedes Wort spüre ich mit heißem Atem auf meiner Haut.

 

Ich antworte nicht. Sehe ihm nur in die Augen.

 

»Du weißt nicht, wer ich bin«, knurrt er mit zusammengebissenen Zähnen.

 

»Doch weiß ich«, rutscht es gedankenlos aus mir heraus. Keine Ahnung, was ich gerade rede. Keine Ahnung, was ich gerade tue. Ich bin mir selbst machtlos ausgeliefert. Ein wenig kommt es mir so vor, als wäre nicht er die Person, die zu viel getrunken hat, sondern ich. Ich fühle mich mindestens genauso besoffen. Gedankenbesoffen.

 

Glass’ Augen blitzen auf, sein Kiefer spannt sich hart an. Er packt mich fester, zieht mich hart zu sich heran.

 

»Lass mich.« Ich reiße mich los, er folgt mir, ich schubse ihn hart zurück. Meine Gedanken sind taub, meine Reflexe kämpfen für mich. Er greift nach meinen Armen, kriegt sie nicht zu fassen. Meine Hände schlagen grob in alle Richtungen, ich drücke mich gegen ihn, fast fallen wir übereinander, stolpern über unsere eigenen Füße. Stolpern vorwärts, stolpern rückwärts. Wieder packt er mich mit beiden Händen am Kragen, zieht mich ein paar Zentimeter in die Luft.

 

Es dauert nur ein paar Sekunden, bis seine Bewegungen wieder weicher werden. Wir wollen uns nicht wirklich wehtun. Wir kämpfen nicht gegeneinander, wir kämpfen gegen unsere eigenen Emotionen. Gegen unsere eigenen Konflikte.

 

»Lass mich los!«, schreie ich unter keuchenden Atemversuchen

 

Die Hitze seiner Haut unter meinen Fingern, sein Atem in meinem Gesicht. Er ist lebendig. Ich bin lebendig. Ich will nicht, dass er mich loslässt.

 

»Ich weiß sehr wohl, was ich tue!«, schreit er mit wackeliger Stimme zurück.

 

»Nein! Deine Gedanken sind Gift! Und du hast sie die Kontrolle übernehmen lassen, du hast dich überwältigen lassen.« Nun klinge ich wie die Besoffene. Und ich bin mir, kaum dass ich das ausgesprochen habe, nicht mehr sicher, ob ich zu ihm, oder zu mir spreche. Ich mache eine kurze Pause. Meine Stimme fühlt sich kaputt und weinerlich an. »Ich wünschte, ich könnte das auch«, hauche ich kaum hörbar.

 

Die Hand an meinem Kragen lockert sich kaum, doch sein verhärtetes Gesicht wird plötzlich weicher. Unsere Nasenspitzen sind wahrscheinlich nur zwei Zentimeter voneinander entfernt, und sein Blick scheint mich zu inhalieren. In sich aufzunehmen.

 

Ein Moment der Stille. Nur Atem. Nur Herzschlag.

 

Seine Finger wandern meinen Kragen entlang, sein Blick über meinen ganzen Körper. Es ist ein fast zärtlicher Ausdruck in seinem Gesicht und so viel Emotion und so viel Verwirrung, es erstickt mich fast.

 

Dann lässt er mich abrupt los. Ich taumele ein paar Schritte zurück. Meine Muskeln erschlaffen plötzlich und ich stehe zusammengesunken in der Gegend, völlig außer Atem und mit hart pochendem Herzen. Meine Lungen werden der benötigten Sauerstoffzufuhr nicht mehr gerecht.

 

»Willst du mich wirklich weiter quälen?«, fragt er. »Was ist das hier? Was ist das für eine Art, wie du mich anguckst?«

 

»Ich …« Meine Stimme erstirbt irgendwo auf meiner Zunge. Ich schlucke hart. Ich bin willenlos.

 

»Ich weiß immer noch nicht, warum du mich angerufen hast«, flüstert er. »Ich meine … doch, ich weiß es. Du hast schluchzend angerufen, hast mich um meine Hilfe angefleht. Um eine neue Timeline. Aber … alles ist so anders. Da steht ein anderer Mensch vor mir. Verstehst du?« Die Wörter rollen unkontrolliert über seine Zunge, wie schwere, kantige Steine. Bröckeln ungelenk von seinen Lippen. Aber ich habe das Gefühl, dass er ausspricht, was er sonst denkt. Der stille, gebrochene junge Mann, der so viele Wörter in sich aufgestaut hat, dass es schmerzhaft ist, sie loszuwerden. Dass er sich mit Alkohol betäuben muss, bevor er sagen kann, was er denkt.

 

»Ich bin ein Idiot«, flüstert er. »Ein echter Idiot.«

 

Dann sieht er mühsam zur Seite und sein Blick lässt mich los. Der Spannungsverlust lässt mich rückwärtsgehen.

 

»Du bist schuld an allem«, schreit er. »Du bist schuld an diesem verdammten Desaster! Du und diese grässliche, kranke, widerwärtige Stadt!«

 

Mein Inneres zieht sich zu einem schmerzhaften Krampf zusammen. Tränen schießen mir in die brennenden Augen und es fällt mir schwer, sie wegzublinzeln.

 

Verzweiflung. Verzweiflung, Verzweiflung, Verzweiflung. Warum sehen sie das nicht? Warum sehen sie mich in dieser Rolle, die ich so gerne wäre, aber nicht bin? Warum stecke ich in dieser beschissenen, verdrehten Situation und niemand kann mich retten, am allerwenigsten ich selbst? Warum bin ich dieses einsame, verzweifelte Wrack und warum muss ich es hier unten die ganze Zeit realisieren? Womit habe ich es verdient, Schuld auf mich zu laden, die nicht mir gehört?

 

Ich bin nur ein verdammtes, verlorenes Waisenmädchen, mit dem wahnsinnigen, verzweifelten Versuch, immer mehr zu sein, als sie ist. Und immer wieder scheitere ich. Immer und immer wieder.

 

»Hört endlich auf, mir die Schuld an allem zu geben!«, schreie ich. »Ich. Bin. Nicht. Schuld.« Meine Worte haben einen bitteren Nachklang, als wären sie eine absolut unverdünnte Lüge.

 

Glass’ Augen flackern auf. Ich halte seinen Blick, während ich rückwärts aus dem Raum gehe. Ihm laufen wütende Tränen übers Gesicht.

 

Im Flur beginne ich zu rennen.

 

 

 

Erst im Fahrstuhl fühle ich mich wirklich allein. Klappe zusammen wie ein Plastikstuhl. Übersteuerte Gedanken, übersteuerte Gefühle. Und lasse mich von meinen eigenen Schluchzern durchschütteln, bis ich so leergeweint bin wie Glass’ Gesicht.

 

Keine Ahnung, über was oder wen ich weine. Aber es ist irgendwie erleichternd.

 

 

 

 

 

Lautlos

 

Vor ein paar Tagen habe ich mich das erste Mal erinnert. Die Erinnerung erscheint belanglos, bloß ein flüchtiger Augenblick, der Ausschnitt einer Sinneswahrnehmung: Der salzige, saftige Geschmack eines Burgers. Fettig, glitschige Finger. Die strenge Stimme einer Frau.

 

Aber es war eine Erinnerung, eine Erinnerung an ein früheres Leben.

 

Ich klammere mich an ihr fest, durchlebe sie wieder und wieder. Versuche, sie weiterzuverfolgen, ihr nachzuspüren, auch wenn es mir nie gelingt.

 

Und ich versuche, meine Umgebung nun bewusster wahrzunehmen. Sie nicht mehr nur noch zu analysieren, zu verstehen, sondern zu erleben. Rieche an der geschnittenen Mango, die ich zum Frühstück esse, fühle die Oberfläche meiner Kleidung, horche auf die Musik, die Linux manchmal spielt.

 

Und es kommen Erinnerungen zurück. Blasse, weit entfernte Erinnerungen. Kaum greifbar. Eine Treppe, ein Dachgarten, ein Zimmer voller Orchideen.

 

Durchscheinende Gesichter.

 

Hochbahnfahren.

 

Wie ich in einem hellen Raum liege, lang ausgestreckt. Eine Frau beugt sich über mich, lächelnd.

 

»Freust du dich auf deine Timeline?«

 

Es sind sehr blasse und sehr weit entfernte Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, ob es meine eigenen sind.

 

 

 

 

 

Kapitel 21

 

Pins Tod und mein Moment mit Glass im Hotelzimmer

 

drehen noch immer lange Kreise durch meine Gedanken. Haben mich wachgehalten, mich nicht essen lassen. Trotzdem sitze ich pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt mit Linux und Chan im Taxi. Chan will mich, wie versprochen, einigen Leuten vorstellen, die hoffentlich das ein oder andere pikante Detail über Glass’ Kontakt zur Liga der Masken preisgeben.

 

Meine Gliedmaßen fühlen sich taub an, meine Gedanken wackelig. Aber wenn ich mein Gesicht in der Spiegelung der Scheibe überprüfe, ist es fest. Zusammengehalten durch die verzweifelte Hoffnung, dass mich das Treffen mit Chans dubiosen Kontakten weiterbringen und dieser wirre Albtraum bald ein Ende haben wird.

 

»Ich bringe gerne interessante Leute mit. Und du bist sehr interessant«, sagt Chan vom Beifahrersitz und betrachtet mich dabei im Rückspiegel.

 

»Bin ich das?«

 

»Wir schlagen uns mit den immer gleichen Leuten rum, das wird auf Dauer sehr mühsam. Und du tauchst einfach aus dem Nichts auf und das an Linux Seite. Das wirkt vielversprechend.«

 

Ich schiele in Linux’ Richtung. Der lächelt selig, als würde er sich im einzigen Licht räkeln, das Deep City erreicht: seinem eigenen Erfolg.

 

Er weiß, was er tut.

 

Weiß ich das auch?

 

»Mich würde ehrlich gesagt interessieren, worauf ich mich hier einlasse«, sage ich.

 

»Glaub mir, es wird dir gefallen«, erwidert Chan und lächelt mich im Spiegel an. »Wir nehmen ein paar Drinks, wir plaudern, wir spielen dieses Spiel …«

 

»Spiel?«

 

Chan lächelt selbstgefällig. »Wir tauschen Geheimnisse.«

 

 

 

Der Wagen hält in einer schicken Gegend mit hochbeinigen Gebäuden und weißen Lichtern. Kein Neon in Sichtweite, kein Farbenkrieg. Ein ganzer Straßenzug in Schwarzweiß. Es ist eigenartig still und stilvoll. Fast sauber.

 

Wir steigen aus.

 

»Ich verabschiede mich dann«, sagt Linux, als wir auf der Straße stehen.

 

»Du hattest versprochen, mitzukommen«, sagt Chan und greift nach seinem Arm, doch Linux zieht sich von ihm los.

 

»Keine Chance. Du weißt doch, ich habe keine Geheimnisse«, sagt er.

 

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Er lacht.

 

»Zumindest keine, die ich tauschen kann. Also …«

 

Er drückt Chan einen flüchtigen Kuss auf die Wange, zwinkert mir zu und macht seinen Abgang.

 

Chan sieht ihm noch eine Weile nach. »Ach, Linux … Ich wusste, dass ich ihn nicht dazu kriegen würde, mitzukommen.« Er wirkt ehrlich enttäuscht.

 

»Du bist ja regelrecht besessen von ihm«, sage ich.

 

Chan sieht mich an und beginnt zu lachen.

 

»Du nicht? Sehen wir dieselbe Person?«

 

Ich antworte nicht. Stattdessen beobachte ich, wie sich Linux’ Silhouette in der verregneten Dunkelheit auflöst. Er hat fast etwas Mystisches.

 

»Ich kenne wirklich niemanden, auf den er nicht eine gewisse Faszination ausübt«, sagt Chan. Und damit hat er vermutlich nicht Unrecht. Aber welcher außergewöhnlich schöne Mensch tut das nicht? Das ist ein genetischer Freifahrschein für Charisma und die ungeteilte Aufmerksamkeit anderer Leute.

 

Chan macht eine kurze Pause und blickt nachdenklich in die Ferne. »Er könnte so viele haben, aber will ausgerechnet den, den er nicht haben kann. Fast, als wolle er einfach nicht glücklich sein.«

 

»Fortran?«, frage ich.

 

Chan nickt. »Eine Zeit lang wollte ich denken, er sei nur von seinem Status besessen, Aber Gedanken um Status hat Linux nicht nötig. Der Junge trägt die Welt vor seiner Nase her, Status ist für ihn so selbstverständlich, dass er das Wort vielleicht gar nicht kennt. Nein, er liebt ihn wirklich. Für das was er ist. Ich habe gesehen, wie er ihn ansieht. Und es bricht einem das Herz.« Chans Lippen kräuseln sich. »Denn wenn du einen Menschen in unserer schönen Stadt nicht lieben solltest, dann ihn.«

 

»Warum?«

 

Chan sieht mich einen Moment lang mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Erstens wird Fortran diese Stadt immer mehr lieben als jeden Menschen. Und zweitens … weil er sterben wird.« Kurze Stille. Ich weiß nicht so recht, was ich erwidern soll.

 

»Wieso wird Fortran sterben?«, frage ich dann zögerlich.

 

»Er ist schwer krank. Wird praktisch nur noch durch Maschinen und Medikamente am Leben erhalten. Es sind wohl Deep Citys giftige Dämpfe, die ihn so krank gemacht haben. Diese widerliche Stadt … Linux würde ihn am liebsten von hier unten wegholen, aber das ist wohl ein aussichtloses Unterfangen.« Chan schüttelt kurz den Kopf, scheint zu entscheiden, dass er nicht mehr darüber reden möchte. »Komm, lass uns gehen. Wir sind längst zu spät.«

 

Chan geht mir voraus einen der Aufgänge hinauf und durch eine hoch aufragende Tür.

 

»Wem gehört dieses Haus?«, frage ich, während wir ein breites Treppenhaus hinaufsteigen.

 

»Jemandem, der sehr viel Geld hat«, erwidert er.

 

Wir fahren ein paar Stockwerke mit zwei Fahrstühlen, durchqueren verwinkelte Flure mit hohen Decken. Sie sind lang und still und scheinen uns beide gänzlich zu verschlucken.

 

Vor einer hohen Tür bleiben wir schließlich stehen. Dahinter hört man abgedämpftes Gemurmel. Gelächter. Klirrende Gläser.

 

Chan schüttelt sein Haar auf, richtet seine Sonnenbrille und klopft dann kräftig.

 

»Immer herein!«

 

Trotz aller Beteuerungen erwarte ich Gasmasken und bin fast enttäuscht, als ich keine bekomme. Nur drei gewöhnlich maskierte Leute in wuchtigen Ledersesseln. Rauchend. Trinkend. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie wirklich aufsehen und ich in ihr Blickfeld gerate.

 

Die Geräuschkulisse erstirbt. Spotlight an, alle Blicke auf mich.

 

Der Raum ist angefüllt mit nebligen Rauchschwaden und dem penetranten Geruch von Parfüm und Alkohol. Ein Roulettetisch steht am Ende und dahinter zieht sich eine gigantische, spiegelnde Fensterfront über die gesamte Rückwand. Wir haben eine Höhe erreicht, bei der die Stadt plötzlich wieder Form annimmt – Fenster, verkommen zu winzigen, hellen Punkten. Dächer, verlassene Balkone. Von der sauren Luft zerfressene Voluten und Wasserspeier.

 

Der Kamin, der in der Ecke leise knistert und der pfeifende Wind vor den Fenstern materialisieren die elektrisierte Stimmung.

 

Ich fühle mich ihren Blicken ausgeliefert.

 

»Wir haben Gäste?« Eine Frau entflieht ihrer Starre, steht aus ihrem Sessel auf und kommt auf uns zu. »Chan, wen hast du uns da schon wieder mitgebracht?«

 

Sie reicht mir die Hand und mustert mich schamlos einmal von Kopf bis Fuß. »Ruby«, stellt sie sich vor.

 

Ihre Augenlider sind so dunkel geschminkt, dass sie fast gänzlich mit ihrer Maske verschmelzen. Ton in Ton, als wäre es ihr eigenes Gesicht.

 

»Dir gehen nie die Mitbringsel aus, was?«, fragt ein glatzköpfiger Mann von seinem Sessel aus. Er nickt mir zu.

 

Ruby mustert mich noch immer, mit einem Blick, der mir auf der Haut kribbelt.

 

»Ich bin der Einzige, der sich hier darum kümmert, dass uns nicht der Gesprächsstoff ausgeht«, erwidert Chan spitz. »Und ich glaube, die Kleine könnte euch interessieren.«

 

»Wenn ich sie mir so ansehe, könnte er da rechthaben«, sagt der Glatzkopf und leert seinen Drink. »Hübsch ist es auf jeden Fall, was man von ihr sieht.« Er zwinkert mir zu und ich versuche, nicht das Gesicht zu verziehen.

 

»Ich habe sie noch nie gesehen«, sagt Ruby. »Wie heißt du?«

 

»Java«, stelle ich mich vor.

 

Ruby nickt nachdenklich. »Okay … Setzt euch einfach. Wir warten noch auf Opera.«

 

»Ist er auch mal pünktlich?«

 

»Hat doch immer so viel zu tun.« Der Glatzkopf macht eine ausladende Handbewegung.

 

Wir setzen uns. Es werden Floskeln ausgetauscht. Getränke verteilt. Ich will ablehnen, habe aber keine Chance. Ohne es richtig zu bemerken, halte ich ein Glas lauwarmen Whiskey in der Hand.

 

»Ich bin Leet«, sagt der Glatzkopf, der mir den Drink in die Hand drückt. »Zigarre?« Er hält mir eine geöffnete Schachtel unter die Nase.

 

»Nein danke, ich rauche nicht.«

 

»Irgendwann wirst du«, sagt der dritte Mann im Raum. »Mein Name ist Intel. Ach, und wir sind hier übrigens beim Du.«

 

»Förmlichkeiten sind nach dem dritten oder vierten Drink ohnehin vergessen«, sagt Chan.

 

»Und du willst mitspielen?«, fragt Ruby. »Er hat dir doch bestimmt schon von unserem kleinen … Spiel erzählt?« Sie kichert gekünstelt.

 

»Das war der Plan«, sage ich süßlich. Versuche mich sofort, dem Tonfall der Gruppe anzupassen. Der schnellen Wortfolge. Der affektierten Stimmlage. Ich glaube, die Dynamik schon zu durchschauen. Hier rutschen einem die Wörter einfach von der Zunge. Aber nicht, dass man es anders gewollt hätte. Ups, was habe ich da gesagt, wie peinlich! Gut, dass es jetzt jeder weiß!

 

»Wie alt bist du?«, fragt Leet.

 

»Zweiundzwanzig«, lüge ich.

 

»Blutjung. Deine Mitbringsel werden auch nicht älter, Chan.«

 

»Heutzutage ist das leider schon dein goldenes Alter«, sagt Leet und setzt sich wieder. »Und? Wo hast du sie aufgegabelt?«

 

»Da bin ich mir ehrlich gesagt selbst nicht so sicher«, antwortet er lachend. »Ich muss sie irgendwie über Linux kennengelernt haben. Aber wenn ich ehrlich bin, ist sie ein bisschen aus dem Nichts aufgetaucht.« Er wirft mir einen bedeutsamen Blick zu, lang und eindringlich, als hätten wir eine Art gemeinsamen Plan. Dabei weiß ich mit mehr als großer Sicherheit, dass er mich aus allen Gründen, aber nicht aus Selbstlosigkeit oder Nettigkeit mitgenommen hat. Ich bin hier Schauobjekt. Er wollte Linux gefallen und er will diesen Leuten gefallen und ich bin gerade geheimnisvoll genug, um das bieten. Innerlich danke ich mir für meinen mysteriösen Auftritt in seinem geschmacklosen Club.

 

»Linux – natürlich.« Leet verfällt in schallendes Gelächter. »Wer sonst?«

 

Rubys Augen funkeln. »Aha, jetzt verstehe ich.«

 

»Nun ja, wir werden sehen, was der Abend uns bringt«, sagt Leet. »Lasst uns anstoßen.«

 

Die Gläser klirren, der Alkohol schwappt heftig.

 

Und ich fühle mich gezwungen, einen kleinen Schluck zu nehmen. Nur einen kleinen.

 

 

 

»Geheimnis für Geheimnis«, sagt Leet. »Wir kennen die Regeln.«

 

»Ich scheiße auf die Regeln«, sagt Intel.

 

Er fällt in seinem Sessel zurück, zieht an seiner Zigarre. Die Eiswürfel in seinem Getränk klimpern. »Ich sage überhaupt nichts.«

 

Schallendes Gelächter.

 

Ich bin inmitten eines fragwürdigen Spiels angekommen, dessen Regeln sich nur Leute ausdenken können, denen materieller Wert in all ihrem Überfluss so fern, so verdrießlich geworden ist, dass ihnen Glücksspiele nichts mehr geben. Geheimnis für Geheimnis. Der eine erzählt ein schmutziges Detail, kriegt dafür ein anderes zurück. Mal sind es die eigenen, mal wohlgehütete Informationen über andere Menschen, denen man einst Verschwiegenheit geschworen hatte. Intime Geheimnisse, aufbereitet fürs gedankliche Sammelalbum und vielleicht für weitere Tauschgeschäfte.

 

Ich versuche, einen klaren Kopf zu bewahren. Die kleine Gruppe ist eine Gesellschaft, die mich fast aggressiv an Surface City erinnern will. Eine ungeschöntere Version einer Paradiser-Party. Mehr Drogen, mehr Qualm, mehr Anstößigkeit. Dafür die gleichen unausgesprochenen Regeln, die gleichen wortgewandten Subtilitäten. Spitzen und Lästereien. Und dafür, dass Deep City ein völlig anonymer Ort sein soll, scheint es von ausgesprochener Wichtigkeit, dass alle wissen, wer man ist, wo man war, wen man kennt, welchen perfekt platzierten Skandal man vor allen anderen herausgefunden hat.

 

Mein Kopf arbeitet, meine rechte Hand umklammert etwas zu fest ein kristallenes Longdrinkglas, aus dem ich schon einmal zu oft getrunken habe. Aber ich versuche, einen entspannten Eindruck zu machen. In dieser Art von Gesellschaft darf man kein Fremdkörper sein, man muss perfekt in die bestehende Dynamik übergehen. Und zu meinem kurzen Schrecken fällt es mir auch nicht wirklich schwer. Ich bin … ich selbst. Ich tue das, was ich mein ganzes Leben lang getan habe. Plaudern, lächeln, hübsch aussehen, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu den richtigen Leuten sagen. Gedanken, erleichtert vom Alkohol. Auf eine sehr merkwürdige Art gefällt es mir hier, vielleicht weil es so vertraut ist, weil ich mich irgendwie auskenne.

 

»Glaub nicht, dass du mir einfach so davonkommst, Intel. Ich weiß, dass du etwas Interessantes für mich hast.«

 

Intel beendet endlich seine künstliche Zierde und räuspert sich: »Gut, ich gebe dir das: Erinnerst du dich an Aldor? Aldor, der mir seit zwei Jahren stolz erzählt, er hätte direkten Kontakt zu Fortran? Hat mir ständig von seinen Partys in der Maskenloge erzählt und von seinen Pokerrunden mit Fortrans engstem Kreis.«

 

»Natürlich erinnere ich mich.«

 

»Nun, ihr werdet es nicht glauben.« Intel lässt seine Zuhörer für ein paar Sekunden in gespannter Stille hängen, bevor er damit rausrückt: »Er wollte sich neulich in eine der exklusiven Maskengesellschaften einschleusen – und ist im hohen Bogen rausgeflogen. Wie es sich herausstellt, kennt er niemanden bei der Liga, keine einzige Person.«

 

Schallendes Gelächter legt sich über die Gruppe. Überzogen schockierte Blicke.

 

»Was? Das glaube ich nicht!«

 

»Ich wusste, er ist ein Schaumschläger!«

 

»Was soll man dazu noch sagen?«

 

Diese eher langweilige Information unterhält die vier für einige Minuten, in denen sie sich gegenseitig ihre amüsierten Kommentare zuwerfen, dann verebbt das Gelächter. Es wird ruhig und alle Blicke wandern zu mir.

 

»Was ist mit dir, Java?«, fragt Ruby. »Hast du ein schönes Geheimnis für uns? Sieh uns an, wir lechzen nach etwas Frischem.«

 

Ich antworte nicht gleich, arbeite innerlich daran, was ich sagen soll.

 

Chan, der neben mir sitzt, streckt seinen Arm aus und legt ihn mir auf die Schulter. Sein Lachen vibriert in meinen Lungen, in meinem ganzen Körper.

 

»Ich glaube, sie sollte noch etwas trinken.«

 

»Zigarre gefällig, die Dame?«

 

»Sie ist so anständig. Kommt in Surface City sicher aus guter Gesellschaft.«

 

»Sie ist sicher ein Paradiser«, sagt Leet.

 

»Oh ja, sie sieht aus wie ein Paradiser.«

 

»Sie spricht auch wie einer.«

 

Ihre Stimmen prasseln auf mich ein, warm und schnell und verschwommen.

 

Für eine Sekunde vergesse ich, warum ich wirklich hier bin. Was ich gerade eigentlich mache. Für eine Sekunde gibt es nur dieses Wort, das durch meinen Kopf schwirrt. Paradiser. Die Art von Person, die ich immer sein wollte. Das verkörperte Idealbild der gläsernen Stadt: Schön, sorglos, wohlhabend. Perfekte Timeline. Ganz oben in Surface Citys Gesellschaft angekommen. Der Gedanke, dass sie mich für eine solche Person halten, ist so schmerzhaft schön, dass es mich ein bisschen aus der Bahn wirft.

 

Schallendes Gelächter.

 

»Lasst die Albernheiten sein und bleibt bei den Regeln«, unterbricht Ruby. »Wer neu ist, muss ein Geheimnis mitbringen. Immer.«

 

»Immer«, wiederholt Leet formelhaft.

 

Alle Augen auf mich. Ein starrendes Spotlight aus lechzenden Augenpaaren. Ich stehe im Mittelpunkt und zu meinem eigenen Erschrecken genieße ich es fast.

 

»Und was kriege ich dafür?«, frage ich. Ich muss noch einen Moment darüber nachdenken, was ich ihnen erzähle.

 

»Ein Geheimnis natürlich«, sagt Intel und bläst seinen Zigarettenrauch in meine Richtung. Ich lächele steif und unterdrücke ein Husten.

 

»Unsere eigene ganz exklusive Währung«, fügt Chan hinzu.

 

Ich spüre, wie sie von meinem Anblick zehren. Schwenke das Glas in meiner Hand hin und her. Nehme noch einen kleinen Schluck, koste das Brennen in meinem Rachen aus, den bitteren Geschmack auf der Zunge. Erinnere mich daran, warum ich hier bin.

 

»Wir warten«, sagt Ruby in amüsierter Tonlage. Klopft mit den Fingern betont auf die Lehne ihres Sessels.

 

»Sie macht es spannend.«

 

»Das kann nur Gutes bedeuten«, sagt Chan. Gelächter.

 

Ich weiß, ich bewege mich auf gefährlichem Terrain. Meine Gedanken sind angenehm milchig und vernebelt und ich fühle mich trotzdem, als hätte ich alles unter Kontrolle. Was können sie mir schon anhaben? Ich könnte ihnen wahrscheinlich alles erzählen.

 

»Was passiert mit den Geheimnissen?«, frage ich. Noch zögere ich den Moment heraus.

 

»Das bleibt jedem selbst überlassen. Solange nur über die Quelle geschwiegen wird«, sagt Leet.

 

»Unsere Quellen behandeln wir mit größter Diskretion.«

 

»Du kannst uns vertrauen!«, sagt Chan dramatisch und macht eine übertrieben ausladende Handbewegung. Wieder Gelächter.

 

»Aha«, sage ich interessiert. Ich frage mich, ob jetzt schon der richtige Moment gekommen ist, um das Gespräch in meine gewünschte Richtung zu lenken. Wann wäre der richtige Moment?

 

»Und gegen was tausche ich?«, frage ich. »Was ist das Geheimnis, das ich zurückkriege?« Ich lege den Kopf schief und sehe in die Richtung. »Darf ich auch gegen etwas Bestimmtes tauschen?«

 

»Bist du deshalb hier?«, fragt Ruby. »Um uns etwas ganz Bestimmtes zu entlocken?« Ihre Augen glitzern.

 

Ich lache laut und künstlich und aufgeregt.

 

»Hat nicht jeder etwas, das ihn besonders interessieren würde?«

 

»Nun, das macht mich jetzt aber neugierig. Was willst du denn so genau wissen?«, fragt Intel.

 

»Erst das Geheimnis!«, unterbricht ihn Ruby. »Dann sehen wir, was du dafür bekommst.«

 

»Erzähl uns einfach etwas über dich«, wirft Leet ein. »Ein Geheimnis über dich.«

 

»Oh ja.« Chans Augen glitzern. »Was ist dein schmutzigstes Geheimnis, Java?«

 

Die Sekunden dehnen sich in kribbelnder Erwartung.

 

»Geheimnis«, formt Chan mit seinen glatten Lippen.

 

Ich denke noch einige Sekunden lang darüber nach, ihnen irgendeine Belanglosigkeit aufzutischen. Oder eine Lüge. Aber aus irgendeinem Grund, will ich sie tatsächlich ein bisschen schockieren. Und vielleicht will ich auch selbst etwas loswerden. Scheiß drauf. In einem einzigen Zug leere ich mein Glas. Es schüttelt mich kurz.

 

»Die wichtigste Person in meinem Leben hat sich vor ein paar Wochen umgebracht. Aber ich glaube, ich trauere nicht um sie«, sage ich. »Ich trauere um das Leben, das sie mir ermöglicht hat. Das Geld. Den teuren Schmuck. Die Partys. Die Kontakte.« Es fühlt sich an wie kotzen, das zu sagen. Widerlich gut, weil man zwar keine Luft mehr bekommt, sich danach aber trotzdem besser fühlt.

 

Ich trinke einen letzten verbliebenen Schluck. Das Drumherum verschwimmt ein bisschen. Und ein bisschen mehr.

 

Schockierte Stille. Und ich kann sehen, wie sie sich an diesem kleinen Schockmoment aufgeilen.

 

Chan wirft affektiert die flache Hand vor den geöffneten Mund. »So jemand bist du also.« Seine Stimme ist schrill.

 

»Ich würde ja sagen, ich hatte es erwartet …«

 

»Sie schläft sich hoch, ich glaube es nicht.«

 

Ich schwenke mein leeres Glas hin und her, genieße das seltsame Rampenlicht aus geheimnisgeilen Blicken. Lächele.

 

»Welches Geheimnis kriege ich zurück?«

 

Das Drumherum verschwimmt noch ein bisschen mehr.

 

»Das kommt ganz darauf an, welches du hören willst.«

 

Ich lache. »Kennt ihr jemanden, der sich C nennt?«

 

»C … und weiter?«

 

»Das weiß ich nicht«, sage ich. »Der Name steht für sich.«

 

»Ist es jemand von den Masken?«

 

»Ja«, erwidere ich.

 

Die Runde wird seltsam still, alle blicken plötzlich sehr konzentriert in ihre Gläser, ziehen an ihren Zigaretten, rücken ihre Masken zurecht.

 

»C«, wiederhole ich. »Er spielt Kontaktmann zwischen Masken und Nichtmasken, soweit ich weiß.«

 

Keine Antwort. Nervöse Blicke. Und mir wird klar: Sie wissen nichts über ihn. Vielleicht kennen sie ihn gar nicht.

 

»Ist sowas nicht eigentlich Operas Fachgebiet?«, fragt Ruby. »Die Liga, Kontaktmänner …«

 

»Ja richtig, wo bleibt er?«

 

Sie lenken vom Thema ab.

 

»Er erlaubt sich wirklich einiges in letzter Zeit, langsam bin ich seine Allüren leid.«

 

»Und das ständige Warten.«

 

»Und dann redet er über nichts anderes als diese Software. Thoughtspace.«

 

Ich zucke zusammen.

 

»Was ist seine Faszination mit diesem Thema? Es gibt doch fast nichts dazu zu sagen. Alles nur Spekulation«, sagt Ruby.

 

»Mmh.« Leet zieht an seiner Zigarette. »Ich habe das Gefühl, er weiß wesentlich mehr über die ganz Geschichte, als er preisgibt.«

 

»Oh, das Gefühl habe ich auch.«

 

»Und er wartet darauf, dass hier endlich einige Informationen darüber in Umlauf kommen. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist der einzige Grund, warum er noch kommt.«

 

»Er wirkt auch so gelangweilt in letzter Zeit.«

 

»Diese Software und die Liste wären wohl die einzigen Themen, mit denen man ihn noch kriegen kann.«

 

Schlagartig bricht Schweiß auf meiner Stirn aus, mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln.

 

Leet dreht sich in meine Richtung. »Java, weißt du etwas über diese mysteriöse Software, die die Liga der Masken momentan so aufscheucht?«

 

Doch ich komme nicht dazu, zu antworten.

 

»Redet ihr wieder über Sachen, von denen ihr keine Ahnung habt?« Ganz plötzlich – eine neue Stimme in meinem Rücken. Ich drehe hastig meinen Kopf nach hinten, blicke an einer hohen, starren Silhouette hinauf. Zucke ein wenig zusammen.