Leseprobe Die Schatten von Westminster

Prolog

Dienstag, 29. Januar 1811

Der Nebel war schuld. Normalerweise war sie nicht so nervös. Und nicht so ängstlich.

Der stinkende, gelbe Londoner Nebel kroch in jede Ritze. Selbst ohne ihn wäre es zu dieser Uhrzeit dunkel gewesen. Dunkel und kalt, wie immer im Januar. Aber der schmutzige Dunst machte es noch schlimmer. Er wand sich in gespenstischen Schwaden um ihre Laterne und sorgte dafür, dass Rachel ins Straucheln geriet, als sie über den Kirchhof ging.

Unter der feinen Sohle einer ihrer Ziegenlederstiefel löste sich ein Stein. Das Geräusch klang in der nächtlichen Stille unnatürlich laut. Rachel hielt inne und sah hastig über ihre Schulter. Ihr Blick flog über die undeutlichen, nebelverhangenen Konturen der Grabmäler und Leichensteine, die über den Friedhof verteilt waren. In der Ferne klapperte eine Ratsche, dann drang die Stimme des Nachtwächters, der die Zeit ausrief, gedämpft durch den Nebel. Rachel atmete die kühle Luft tief ein, die nach nasser Erde, nach feuchten Blättern und nach dem muffigen, fauligen Hauch der Verwesung roch, und eilte dann weiter.

Der massige Steinbau von St. Matthew of the Fields ragte vor ihr empor. Rachel griff an ihren satingefütterten Ausgehumhang und zog die Falten des Kleidungsstückes fester um ihren Körper. Sie hätte ihm sagen sollen, dass er sie um halb neun treffen sollte, dachte sie. Oder spätestens um neun. Halb neun war die übliche Zeit.

Aber dies war ein außergewöhnliches Geschäft.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so aufwühlen würde. Das war ein Gefühl, das sie nicht mochte. Denn wenn sie nervös war, fühlte sie sich wie ein Opfer – und Rachel York weigerte sich, die Opferrolle einzunehmen.

Das würde sie nie wieder tun. Sie hatte es sich selbst versprochen, als sie fünfzehn Jahre alt gewesen war. Und in den drei Jahren, die seit jener schicksalhaften Nacht, in der sie ihr Leben selbst in die Hand genommen hatte, vergangen waren, hatte sie dieses Versprechen nie gebrochen. Also würde sie es auch jetzt nicht tun.

An den Stufen, die zur Tür im nördlichen Querschiff führten, hielt sie noch einmal inne. Unter dem hohen Gewölbe des Seiteneingangs war die Dunkelheit beinahe undurchdringlich. Sie hob die Laterne hoch und ließ den schmalen Lichtstrahl auf die verwitterte alte Eichenholztür fallen. Durch das dünne Ziegenleder ihrer Handschuhe fühlte sie, wie der eiserne Schlüssel kalt und schwer in ihrer Hand lag. Zu ihrem Verdruss zitterten ihre Finger, als sie das gezackte Ende ins Schloss schob.

Mit einer Drehung des Schlüssels schnappte der Mechanismus widerstandslos beiseite. Vor ihr schwang die Tür auf geölten Scharnieren lautlos nach innen auf. Reverend McDermott war vorsichtig, was so etwas anging. Und das musste er auch sein.

Rachel drückte die Tür weiter auf und der Luftzug wirbelte ihr eine kunstvoll gelockte Strähne ihres goldblonden Haars ins Gesicht. Die vertrauten Gerüche der Kirche umhüllten sie: der Duft nach Bienenwachs, feuchtem Stein und altem Holz. Sie huschte eilig hinein und zog behutsam die Tür hinter sich zu. Aber sie schloss nicht ab.

Sie ließ den Schlüssel in ihren Pompadour fallen und spürte, wie er schwer und fest gegen ihren Oberschenkel drückte, während sie durch das Querschiff lief. Die kalte Stille der Kirche schien sie zu umschließen, während das Licht ihrer Laterne über die von Kerzen geschwärzten Steinwände flackerte und die liegenden Silhouetten von lange verstorbenen und bestatteten Damen und Rittern beschien. Reglos und kalt ruhten sie verstreut inmitten des Schweigens, das in der leeren Kirche herrschte.

Es hieß, St. Matthew of the Fields wäre beinahe achthundert Jahre alt. Sie hatte aus Sandstein gehauene Rundbögen, die von wuchtigen, zylinderförmigen Stützpfeilern aufstrebten, und schmale, hohe Fenster, hinter denen man jetzt nur Dunkelheit erkennen konnte. Rachels Vater hatte sich für solche Dinge interessiert. Einmal hatte er ihr die Kathedrale in Worchester gezeigt und stundenlang von Säulengängen, Triforien und Lettnern erzählt. Aber ihr Vater war schon lange tot. Rachel wusste nicht, woher auf einmal dieser Gedanke gekommen war, und verscheuchte die Erinnerung aus ihrem Kopf.

Die Marienkapelle befand sich am hinteren Ende der Apsis und war ein zierliches Schmuckstück aus weißem Marmor mit schlanken Säulen und filigranen Schnitzarbeiten, die aus dem 14. Jahrhundert stammten. Rachel stellte ihre Laterne auf den Stufen vor dem Altar ab. Sie war zu früh; er würde frühestens in zwanzig Minuten kommen. Die Leere der alten Kirche war erdrückend – dunkel und kalt. Sie ertappte sich immer wieder dabei, wie ihr Blick zu den geweihten Kerzen wanderte, die aneinandergereiht auf dem schneeweißen Leinen des Altartuchs standen. Sie zögerte noch kurz, dann entflammte sie ein Stück Zündwachs und begann, die Kerzen eine nach der anderen anzuzünden. Die goldenen Flammen schossen warm und hell empor und schienen zu einem beruhigenden Leuchten zu verschmelzen.

Rachel starrte zu dem riesigen Gemälde hoch, das über dem Altar hing – es zeigte in dunklen Pinselstrichen, wie die Muttergottes glorreich in den Himmel aufstieg und im Hintergrund die triumphierenden Engel. Es gab eine Zeit, da hätte Rachel bei diesem Anblick ein leises Gebet gemurmelt.

Aber nicht jetzt.

Sie hörte nicht, wie sich die Seitentür öffnete und wieder schloss, sondern vernahm nur den schwachen Widerhall von verstohlenen Schritten entlang des Chorraumes. Er war früh dran. Das hätte sie nicht von ihm gedacht.

Sie drehte sich herum, schob die Kapuze ihres Umhangs zurück und zwang sich, ein routiniertes Lächeln aufzusetzen – sie war bereit, ihre Rolle zu spielen.

Jetzt konnte sie ihn als undeutlichen Schatten sehen. Durch den kunstvoll geschnitzten steinernen Lettner der Marienkapelle ließen sich die Konturen seines Wintermantels und Zylinders nur erahnen.

Dann trat er in den Lichtschein der Kerzen.

Sie machte hastig einen Schritt zurück. „Aber, wo ist –“, flüsterte sie und begriff, dass sie einen schrecklichen Fehler gemacht hatte.

Kapitel 1

Mittwoch, 30. Januar 1811

Sebastian konnte hören, wie die Kirchglocken des Stadtviertels die Zeit verkündeten. Zu ihm drang nur ein dumpfes Echo des Geläuts, abgeschwächt durch die Entfernung und durch den beißenden Nebel, der selbst hier, auf weiter Flur, den Boden bedeckte und die kahlen, ausladenden Äste der Ulmen, die am Feldrand wuchsen, einhüllte. Der neue Tag war angebrochen, aber die Dämmerung hatte kaum Wärme oder Licht mit sich gebracht. Sebastian Alistair St. Cyr, Viscount Devlin, der einzige noch lebende Sohn und Erbe des Earl of Hendon, lehnte sich mit den Schultern an den hohen Sitz seines Zweispänners, verschränkte die Arme vor der Brust und dachte an sein Bett.

Es war eine lange Nacht gewesen, die er mit Brandyund Zigarren, Pharao und Siebzehnundvier verbracht hatte. Und damit, einer Frau mit traurigem Blick ein Versprechen zu geben. Das Versprechen, dass er ihn nicht töten würde, egal, wie sehr der Mann, den er hier treffen wollte, es verdient hatte, zu sterben. Sebastian legte seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Er konnte vom Feld her den feinen Ruf einer Lerche hören. Aus der Nähe drang das gleichmäßige Rauschen von nassem Gras, durch das sein Sekundant, Sir Christopher Farrell, am Straßenrand auf und ab ging. Plötzlich hielten die Schritte inne.

„Vielleicht kommt er nicht“, sagte Sir Christopher.

Sebastian öffnete die Augen nicht. „Er wird kommen.“

Das Auf- und Abschreiten begann erneut. Ein paar Schritte vor, dann wieder zurück, wobei die Stiefelabsätze auf der feuchten Erde ein schmatzendes Geräusch erzeugten.

„Wenn du nicht aufpasst, wirst du dir deine Stiefel schmutzig machen.“

„Zur Hölle mit meinen Stiefeln. Bist du sicher, dass Talbot einen Arzt mitbringt? Und ist das auch ein guter Arzt? Vielleicht hätten wir unseren eigenen mitbringen sollen.“

Sebastian hob den Kopf und öffnete die Augen. „Ich habe nicht vor, mich anschießen zu lassen.“

Sir Christopher wirbelte herum. Sein helles Haar kräuselte sich wirr im feuchten Dunst und seine sonst sanften grauen Augen waren weit aufgerissen. „Stimmt. Nun ja, das ist beruhigend. Lord Firth hatte zweifellos auch nicht die Absicht, sich anschießen zu lassen, als er sich letzten Monat gegen Maynard behauptet hat. Nur schade, dass die Kugel sein Genick durchschlagen hat.“

Sebastian lächelte.

„Ich bin erfreut, zu sehen, dass ich dich amüsiere. Das ist noch ein Vorteil, den es mit sich bringt, im Krieg gewesen zu sein, nicht wahr? Dem Tod gelassen und voller Verachtung ins Antlitz sehen zu können? Das steht wohl auf einer Stufe mit der Faszination, die man dann auf die Damenwelt ausübt.“

Sebastian lachte laut auf.

Auch Christopher lächelte, dann machte er sich wieder daran, schweigend auf und ab zu schreiten. Als schlanke, makellos gekleidete Gestalt in Wildlederhosen, auf Hochglanz polierten Stulpenstiefeln und feinsäuberlich gewaschenem Leinen bewegte er sich durch das Gras. Nach einer Weile sagte er: „Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht Schwerter gewählt hast. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand versehentlich getötet wird, ist bei Schwertern viel geringer.“ Er hob seinen linken Arm, posierte wie ein Fechter und deutete pantomimisch einen eiligen Stoß in die kalte, neblige Luft an. „Ein ordentlicher Stich in die Schulter oder ein blutiger Kratzer am Arm und die Ehre ist wiederhergestellt.“

„Aber Talbot hat ja die Absicht, mich zu töten.“

Christopher ließ seine Arme zur Seite fallen. „Du wirst also einfach dastehen und ihn auf dich schießen lassen?“

„Talbot könnte aus fünfundzwanzig Schritten Entfernung nicht mal ein Kriegsschiff treffen.“ Sebastian gähnte. „Ich bin überrascht, dass er diese Distanz gewählt hat.“ So besagte es der Code Duello: Weil er herausgefordert worden war, wählte Sebastian die Waffen. Aber die Wahl der Entfernung fiel dem Herausforderer zu.

Christopher fuhr sich mit der flachen Hand über das Gesicht. „Ich habe Gerüchte gehört –“

„Da kommt er“, sagte Sebastian. Er richtete sich auf, zog schwungvoll seinen Fahrmantel aus und warf ihn über die Sitzbank des Zweispänners.

Christopher drehte sich um und starrte durch den milchigen Dunst in die Ferne. „Verdammt nochmal! Selbst du kannst bei diesem Nebel nichts sehen.“

„Das stimmt. Aber ich habe Ohren.“

„Die habe ich auch. Und ich höre nicht das Geringste. Ich schwöre dir, Sebastian, du musst zum Teil von einer Fledermaus abstammen. Das ist nicht normal.“

Nur ein oder zwei Minuten später tauchte eine Kutsche aus dem Dunkel auf. Es war ein Phaeton mit hohem Sitz, der von zwei prächtigen Rappen gezogen wurde und in dem zwei Männer saßen. Mit etwas Abstand folgte ihnen unauffällig ein offener Wagen – der Arzt.

Ein großer, schlaksiger Mann mit schütterem, glattem, braunem Haar und einer Adlernase sprang vom hohen Sitz des Phaetons herunter. Über das nebelverhangene Feld hinweg kreuzten sich die Blicke von Sebastian und Captain John Talbot. Der Hauptmann hielt den Augenkontakt einen Moment lang, dann wandte er sich ab und zog Mantel und Handschuhe aus.

„Also gut“, rief der Sekundant des Hauptmannes, ein schnauzbärtiger Soldat, aus und klatschte mit vorgetäuschter Herzlichkeit in die Hände. „Dann wollen wir mal anfangen, ja?“

„Diese Gerüchte, die ich eben erwähnt habe“, begann Christopher halblaut, als er und Sebastian sich in Bewegung setzten, „die besagen, dass Talbot bei seinem letzten Duell eine Distanz von fünfundzwanzig Schritten gewählt, sich aber dann nach zwölf Schritten umgedreht und geschossen hat. Der Schuss hat den Mann umgebracht. Natürlich schworen Talbot und sein Sekundant, dass die Distanz von vornherein auf zwölf Schritte festgelegt worden war.“

„Und was war mit dem Sekundanten seines Gegners?“

„Er schwieg über die Sache, als Talbot drohte, ihn ebenfalls herauszufordern – dafür, dass er ihn als Lügner bezeichnet hatte.“

Sebastian schenkte seinem Freund ein müdes Lächeln. „Dann würde ich dir, falls Talbot die Gelegenheit haben sollte, dich aus ähnlichem Grund herauszufordern, dazu raten, Schwerter zu wählen.“

„Haben Sie die Pistolen?“, fragte Talbots Sekundant, als Sir Christopher auf ihn zu ging.

Ein Paar Pistolen in einer mit blauem Samt gefütterten Nussbaumkiste wurde vorgezeigt und nach gründlicher Betrachtung von den Sekundanten geladen.

Talbot traf seine Wahl. Sebastian nahm die andere Pistole. Er spürte das kühle, vertraute Gewicht, das schwer in seiner Handfläche wog, und den harten, todbringenden Stahl des Abzugshahns unter seinem gebogenen Finger.

„Bereit, meine Herren?“

Sie standen Rücken an Rücken, dann gingen sie los, wobei jeder ihrer Schritte im gleichmäßigen Takt der angezählten Distanz gesetzt wurde.

„Eins, zwei …“

Der Arzt wandte ihnen demonstrativ den Rücken zu, aber Christopher wich nicht von der Stelle, obwohl seine Augen sich wachsam zu Schlitzen verengt hatten und sein Gesicht vor Sorge blass geworden war. Sebastian wusste, dass sein Freund nicht nur wegen Talbots Absichten beunruhigt war, sondern auch noch andere Befürchtungen hatte. Denn Christopher verstand nicht, dass es einen schmalen Grat dazwischen gab, sich den Tod herbeizusehnen oder dem Ereignis an sich gleichgültig gegenüberzustehen. Und diese Grenze hatte Sebastian bisher noch nicht überschritten.

„… drei, vier …“

Unvermutet stieg eine Erinnerung in ihm auf – an einen nebligen Sommermorgen vor langer Zeit und einen grasbewachsenen Hang in der Nähe des Herrenhauses, als seine beiden älteren Brüder noch am Leben gewesen waren und seine Mutter ebenfalls. Die Luft hatte nach den frischen Scones gerochen, die zum Tee serviert worden waren, nach Farnen und nach dem Meer, das in der Tiefe rastlos gegen die Felsen in der Bucht schlug. Sie hatten an diesem Morgen zu viert ein Spiel gespielt, bei dem ein Kinderreim gesungen wurde, und ihre Schritte gezählt, „… fünf, sechs …“, während sie sich vor und zurück bewegten. Selbst seine Mutter hatte mitgemacht und den Kopf lachend in den Nacken geworfen, sodass die höher steigende Sonne in ihrem goldenen Haar geschimmert hatte. Nur seine Schwester, Amanda, hatte still und unnahbar dagesessen, so wie immer. Unnahbar und voller Missbilligung und Verärgerung, aus Gründen, die Sebastian nie gänzlich verstanden hatte.

„… acht, neun …“

Der metallene Abzug seiner Pistole drückte kalt und fest gegen Sebastians Finger und der Nebel, den der Wind aufgewirbelt hatte, klebte feucht an seiner Wange. Er zwang sich, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Wieder hörte er die Lerche, aber diesmal tönte ihr Ruf vom Fuße des Hügels herüber. Er konnte in der Ferne das Plätschern eines Baches hören und das Getrappel eines Pferdes, das in langsamem Trab die Straße hinaufgeritten wurde.

„… zehn, elf …“

Was ihn warnte, war das Zögern seines Herausforderers zwischen dem zehnten und elften Schritt. Und das raschelnde Geräusch von Stoff, der über Stoff reibt, als Talbot sich umdrehte.

„… zwölf –“

Sebastian wirbelte herum und ging genau in dem Augenblick in die Hocke, als John Talbot seine Pistole abfeuerte. Die Kugel, die für Sebastians Herz bestimmt gewesen war, streifte stattdessen seine Stirn.

Talbot, dessen leere Waffe schlaff in seiner Hand baumelte, hatte keine Wahl: Er drehte seinen Körper zur Seite und presste die Zähne zusammen. Seine Nasenlöcher blähten sich bei jedem Atemzug auf, während er auf Sebastians Schuss wartete.

Ruhig und entschlossen hob Sebastian seine Pistole, zielte und schoss. Captain Talbot stieß einen spitzen Schrei aus und kippte vornüber.

Der Arzt kletterte aus dem Wagen und rannte auf ihn zu.

„Verdammte Scheiße, Sebastian“, sagte Christopher. „Du hast ihn umgebracht.“

„Wohl kaum.“ Sebastian nahm die Pistole herunter. „Aber ich kann mir vorstellen, dass er es in nächster Zeit scheußlich unbequem finden wird, zu sitzen.“

„Aber hören Sie mal!“, schimpfte Talbots Sekundant, wobei sein Schnauzbart auf und ab wippte. „Das ist höchst unehrenhaftes Benehmen. Ein Engländer feuert seine Waffe im Stehen ab, aus aufrechter Position. Jemand sollte einen Wachtmeister rufen. Dafür wird man Sie wegen Mordes anklagen, lassen Sie sich das gesagt sein!“

„Seien Sie still, Herr Gott nochmal!“, sagte der Arzt und ließ seinen Koffer aufschnappen. „Bisher ist noch niemand, den ich behandelt habe, daran gestorben, dass ihm der Hintern gestutzt wurde.“

Sir Christopher lachte, während Sebastian sich hochrappelte und über das Feld ging, um die andere Pistole an sich zu nehmen. Er hatte Melanie versprochen, dass er ihren Mann nicht töten würde.

Aber sie hatte nichts davon gesagt, dass er den Bastard nicht leiden lassen durfte.

Kapitel 2

Im Retrochor bemerkte Jem das Blut zuerst.

Er hatte natürlich schon vorher gewusst, dass etwas nicht stimmte – hatte es gewusst, sobald er die Tür im nördlichen Querschiff geöffnet hatte. Seit nunmehr dreißig Jahren war Jem Cummings Küster hier in St. Matthew of the Fields. Es zählte zu seinen Aufgaben, dafür zu sorgen, dass die Kirche jeden Abend ordentlich abgeschlossen und am nächsten Morgen wieder aufgeschlossen wurde.

Daher wusste Jem, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie hatten einen jungen Pfarrer, der vor drei Jahren die Pfründe übernommen hatte – Reverend McDermott. McDermott hatte die Vorstellung, die Kirche nachts abzuschließen, nicht gefallen. Aber dann hatte Jem ihm von dem Vorfall damals, im Jahr ’92, erzählt, als die blutrünstigen heidnischen Froschfresser mit ihren Ausschreitungen nicht am Ärmelkanal Halt gemacht hatten. Damals war der Pfarrer eines Morgens in die Kirche gekommen und hatte den Hochaltar zertrümmert vorgefunden, während die Wände des Chorraumes mit Schweineblut besudelt worden waren. Als er davon hörte, ließ Reverend McDermott den Vorschlag, die Kirche nachts offenzulassen, recht schnell wieder fallen.

An eben dieses Schweineblut dachte Jem, als er auf das Langhaus zuschritt. Sein schlimmes Bein schmerzte unerträglich in dem feuchtkalten Klima und seine Augen spähten angestrengt in den dunklen Morgen. Doch in der Kirche schien alles ruhig und friedlich zu sein. Der Hochaltar war unversehrt und makellos, die Tür zur Sakristei war fest verschlossen und schützte so die wertvollen, geweihten Gefäße. Das nervöse Pochen von Jems Herzen ließ allmählich nach.

Dann sah er das Blut.

Zuerst erkannte er nichts. Er sah nur vage, dunkle Flecken, die immer deutlicher wurden und schließlich eindeutig die Form von männlichen Schuhabdrücken annahmen, als er ihrem Weg über die abgenutzten Bodenplatten in Richtung der Marienkapelle folgte. Die Kälte, die von den alten Steinmauern ausging, schien direkt bis in seine Knochen zu kriechen. Sein Brustkorb zog sich eng zusammen und sein Atem ging stoßweise, als er weiter schlich. Er zitterte so sehr, dass er die Zähne aufeinanderpressen musste, damit sie nicht klapperten.

Sie lag auf dem Rücken und lehnte in einer obszönen Pose an den polierten Marmorstufen, die zum Altar der Kapelle führten. Er sah bloße, weit gespreizte Oberschenkel, die im Lampenschein weiß leuchteten. Die Spitzenborte des einst feinen Satinvolant, der jetzt zerrissen und mit denselben dunklen Flecken beschmiert war wie ihre Oberschenkel. Große, glasige Augen starrten ihn aus ihrem Kopf an, der mit goldenen Locken geschmückt und in einem unnatürlichen Winkel nach hinten gefallen war. Zuerst dachte er, die Vorderseite ihres Kleides sei schwarz, aber als er langsam näher ging, sah er die klaffenden Schnitte, die sich über ihre Kehle zogen, und verstand. Er verstand auch, wo all das Blut hergekommen war. Das Blut war schier überall, es war sogar noch schlimmer als an jenem lang vergangenen Tag, an dem der jakobinische Fanatiker es eimerweise im Chor verspritzt hatte. Nur, dass das hier kein Schweineblut war. Sondern ihr Blut.

Jem stolperte zurück und stieß mit seinem Ellenbogen schmerzvoll gegen die Kante des kunstvoll verzierten steinernen Lettners der Marienkapelle, weil er seine Augen zusammenpresste, um diesen schrecklichen Anblick zu verdrängen.

Aber nichts würde jemals diesen Geruch verdrängen können – die süßliche, ekelerregende Mischung aus Blut und Kerzenwachs und roher, von Wollust getriebener Gewalt.

Kapitel 3

Obwohl es inzwischen fast Mittag war, sickerte nur ein schwaches, diffuses Licht durch die Buntglasfenster in der Apsis von St. Matthew of the Fields.

Sir Henry Lovejoy, leitender Untersuchungsrichter der zuständigen Behörde am Queen Square, ließ seinen Blick über die blutbefleckten Wände der Kapelle gleiten. Die Pfützen aus dickflüssigem, gerinnendem Blut hoben sich dunkel und grausam von dem weißen Marmor der Altarstufen ab. Er hatte die Theorie, dass sich Gewaltverbrechen und Verbrechen aus Leidenschaft an den Tagen, in denen der gelbe Nebel London in seinem tödlichen Würgegriff hatte, mehrten.

Aber es war lange her, dass es in London solch ein Verbrechen gegeben hatte.

An einer Seitenwand der Marienkapelle lag eine verhüllte, zierliche Gestalt unheilverheißend reglos da. Sie war von einem Tuch bedeckt, dass vor lauter Blut so dunkel und steif geworden war, dass Lovejoy sich zwingen musste, hinüberzugehen. Er zog eine Ecke des Stoffes zurück und seufzte.

Diese Frau war hübsch gewesen. Und jung. Natürlich war es immer tragisch, wenn jemand frühzeitig starb. Aber kein Mann, der jemals eine Frau geliebt hatte, kein Mann, der voller Stolz und Angst die zögerlichen ersten Gehversuche eines Kindes beobachtet hatte, könnte diesen Anblick jugendlicher Anmut ertragen, ohne dass sein Kummer noch größer werden und seine Empörung wachsen müsste.

Seine Knie beschwerten sich knackend, als Lovejoy in die Hocke ging, den Blick immer noch auf das blutverschmierte Gesicht gerichtet. „Weiß man, wer sie ist?“

Die Frage war an die einzige andere Person gerichtet, die sich in der Kapelle befand – einen großen, gut gebauten Mann Mitte dreißig mit blondem, modisch zerzaustem Haar und einem aufwendig gebundenen Halstuch. Als oberster Wachtmeister am Queen Square war Edward Maitland der erste Mitarbeiter der Behörde gewesen, der an den Ort des Geschehens gerufen worden war und derjenige, der die Ermittlungen bisher geleitet hatte. „Eine Schauspielerin“, sagte er. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und wippte auf seinen Fußballen vor und zurück, als wolle er seine Ungeduld zügeln, die das ganze Gegenteil von Sir Henrys langsamer, systematischer Methodik war. „Eine gewisse Miss Rachel York.“

„Aha. Ich wusste doch, dass sie mir bekannt vorkommt.“ Lovejoy schluckte schwer, zog das Tuch gänzlich vom Körper der jungen Frau und zwang sich, hinzusehen.

Ihre Kehle war wiederholt und auf brutale Weise mit langen, grausamen Schnitten aufgeschlitzt worden. Das erklärte wohl die Blutspritzer an den Wänden. In der Kapelle fand sich sehr viel Blut und es war überall.

Und trotzdem hatte der Tod Rachel York nicht schnell oder schmerzlos ereilt. Ihre zu Fäusten geballten Hände zeugten von dem Leid, das sie erduldet hatte, und an ihren Handgelenken und Unterarmen entstellten dunkle Quetschungen das helle, bloße Fleisch. Die Haut über ihrer linken Wange war von einem tiefen Schnitt gespalten worden. Das zerwühlte und zerfetzte smaragdgrüne Satinkleid und der zerrissene Samtumhang sprachen für sich.

„Sie wurde vergewaltigt, nehme ich an?“, fragte Lovejoy.

Maitland verlagerte sein Gewicht zurück und balancierte auf den Absätzen seiner teuren Stiefel, wobei er den Blick nicht auf die Frau, sondern auf die hohen blau-roten Buntglasfenster an der Ostseite richtete. „Ja, Sir. Daran besteht kein Zweifel.“

Allerdings, dachte Lovejoy. Der Geruch von Sperma hing noch vage aber unverkennbar in der Luft, genau wie der schwere, metallische Gestank von Blut und die frommen, süßen Noten von Weihrauch und Bienenwachs. Er ließ seinen Blick über die sorgfältig arrangierten Gliedmaßen der jungen Frau gleiten und runzelte die Stirn. „Lag sie so da, als Sie sie gefunden haben?“

„Nein, Sir. Sie lag dort, vor dem Altar. Aber es wäre nicht angemessen gewesen, sie so liegenzulassen. Immerhin sind wir hier in einer Kirche.“

Lovejoy richtete sich auf und sein Blick wanderte zurück zu den blutverschmierten Marmorstufen. Jede Kerze auf dem Altar war heruntergebrannt und ausgegangen. Sie musste sie alle angezündet haben, bevor sie starb, dachte er. Warum? Aus Frömmigkeit? Oder weil sie sich vor der Dunkelheit gefürchtet hatte?

Aber er fragte nur: „Was glauben Sie, was sie hier gemacht hat?“

Maitlands Brauen zogen sich hastig und verräterisch zusammen, aber er glättete seine Miene sofort wieder. Offensichtlich war ihm diese Frage noch nicht in den Sinn gekommen. „Das weiß ich nicht, Sir. Der Küster hat sie gefunden, als er heute Morgen die Kirche aufschließen wollte.“ Er zog ein Notizbuch aus der Tasche seines Wintermantels und öffnete es mit einer für ihn typischen demonstrativen Sorgfalt, die Lovejoy oftmals auf die Nerven ging.

„Ein Mr Jem Cummings. Sowohl er als auch der Pfarrer,“ – man hörte die Seiten rascheln – „Reverend James McDermott, sagen, dass sie sie nie zuvor gesehen haben.“

„Die Kirche wird jede Nacht abgeschlossen, nicht wahr?“

„Ja, Sir.“ Wieder sah Maitland in seinem Notizbuch nach. „Um Punkt acht Uhr.“

Lovejoy beugte sich hinunter und zog vorsichtig das Tuch wieder über den Leichnam von Rachel York, aber im letzten Moment hielt er inne, um noch einmal dieses blasse, schöne Gesicht zu betrachten. Sie sah irgendwie französisch aus, mit den hellen Locken, den weit auseinanderliegenden braunen Augen und der hohen Lachlinie, die in der Normandie häufig waren. Er hatte sie erst letzte Woche zusammen mit Kat Boleyn bei der Inszenierung von As You Like It im Covent Garden Theater gesehen. Er hatte sie auch bewundert, und zwar nicht bloß wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihres Talents. Er hatte noch deutlich vor Augen, wie sie auf der Bühne stand, die Hände mit denen ihrer Schauspielkollegen verhakt und erhoben, während sie sich zum letzten Mal verbeugten – mit strahlenden Augen und einem fröhlichen, triumphierenden Lächeln.

Er zog eilig das Tuch über ihre reglosen, blutbefleckten Gesichtszüge und wandte sich ab. Sein Blick verengte sich, als er den Grundriss der alten Kirche mit dem von Wandelgängen begrenzten Mittelschiff, den ausladenden Querschiffen, dem Chorraum und der breiten Apsis auf sich wirken ließ. „Dieser Mr Cummings … ist er noch mal hierher, in die Marienkapelle, gekommen, bevor er gestern Abend abgeschlossen hat?“

Maitland schüttelte den Kopf. „Der Küster sagt, er hätte vom Retrochor aus einen Blick hierher geworfen und laut gerufen, dass er gleich abschließen möchte. Aber er hat die Kapelle selbst nicht betreten, Sir. Und er hätte sie auch vom Retrochor aus nicht sehen können. Ich habe das selbst überprüft.“

Lovejoy nickte. In der feuchten und kühlen Kirche waren einige der Blutlachen noch nicht getrocknet. Sie glänzten dunkel und dickflüssig im Laternenschein und er achtete darauf, nicht hineinzutreten, als er langsam durch die Kapelle schritt. In den letzten sechs Stunden waren so viele große Fußpaare achtlos in die Kapelle hinein- und wieder hinausgetrampelt, dass es ohnehin unmöglich wäre, genau zu rekonstruieren, wie der Boden vor der Ankunft des Küsters ausgesehen hatte. Aber es kam ihm irgendwie respektlos vor, wie eine Entehrung des armen Mädchens, das dort an der Wand lag, wenn er einfach rücksichtslos durch das Blut stapfen würde, das einst ihr Lebenssaft gewesen war. Daher versuchte Lovejoy, die Pfützen zu vermeiden.

Er blieb vor den weißen Marmorstufen des kleinen Altars stehen. Hier, wo sie gefunden worden war, war am meisten Blut. Dort lag eine auf die Seite gekippte Laterne, deren Glasscheiben zerbrochen waren. Er drehte sich um und warf seinem Wachtmeister einen Blick zu. „Irgendeine Ahnung, wer als Letztes die Marienkapelle benutzt hat?“

Wieder blätterte Maitland sein Notizbuch durch. Lovejoy wusste, dass er damit nur Eindruck schinden wollte. Edward Maitland wusste den gesamten Inhalt seines Notizbuches auswendig. Aber er glaubte, dass es seinen Äußerungen Gewicht verlieh, wenn er jede Begebenheit und jede Zahl nachschlug.

„Wir sind noch dabei, das nachzuprüfen“, sagte er wieder mit gespielter Behäbigkeit, „aber wahrscheinlich war es eine gewisse Mrs William Nackery. Sie ist die Witwe eines Herrenschneiders. Sie kommt jeden Abend gegen halb fünf zur Marienkapelle und betet etwa eine halbe Stunde lang. Sie sagt, die Kirche wäre leer gewesen, als sie ging und da war es kurz vor fünf.“

Lovejoy hob seinen Blick zu den blutbespritzten Wänden. Seine Lippen verzogen sich zu einem verkrampften Lächeln, das nichts Fröhliches an sich hatte. „Die Annahme, dass sie hier getötet wurde, scheint mir recht nahezuliegen.“

Maitland räusperte sich vorsichtig. Es war ihm immer unangenehm, wenn Lovejoy das Offensichtliche herausstellte.

„Ich denke schon, Sir.“

„Was dann für den Zeitpunkt unseres Mordes bedeutet, dass er gestern Abend zwischen fünf und acht Uhr geschehen sein muss.“

„Das nehmen wir an, Sir.“ Der Wachtmeister räusperte sich noch einmal. „Wir haben ihren Pompadour gefunden, er lag einen knappen Meter von der Leiche entfernt. Er war offen und der Inhalt war zum Großteil herausgefallen. Aber ihre Brieftasche war noch darin und sie war unangetastet. Außerdem trägt sie eine Halskette und Ohrringe aus Feingold.“

„Mit anderen Worten: Es war kein Raubüberfall.“

„Nein, Sir.“

„Aber Sie sagen, der Pompadour war offen? Ich frage mich, ob er einfach aufgegangen ist, als sie ihn fallen ließ, oder ob unser Mörder vielleicht auf der Suche nach etwas war?“ Wieder sah sich Lovejoy in der kalten Kapelle um. Er spürte, wie die feuchte Kälte, die von den Steinen ausging, durch die Sohlen seiner Stiefel in ihm hochkroch. Er vergrub seine Hände, die in Handschuhen steckten, tief in den Taschen seines Wintermantels und wünschte sich, dass er seinen Schal nicht vergessen hätte. „Ich warte, Constable.“

Edward Maitland verzog verwirrt sein markantes, ansehnliches Gesicht. „Sir?“

„Darauf, dass Sie mir sagen, warum Sie es für nötig hielten, dass ich persönlich herkomme.“

Das Stirnrunzeln wich einem selbstzufriedenen Lächeln. „Weil wir herausgefunden haben, wer es getan hat, Sir.“

„Tatsächlich?“

„Das hier hat uns auf die richtige Fährte gebracht.“ Maitland zog eine kleine Steinschlosspistole aus seiner Tasche und hielt sie ihm hin. „Es besteht kein Zweifel daran, dass die Waffe von unserem Mörder fallen gelassen wurde. Einer der Burschen hat sie in den Falten ihres Umhangs gefunden.“

Lovejoy nahm die Pistole und wog sie nachdenklich in seiner Hand. Es war ein erlesenes Stück, aus hochwertigem Stahl, mit einem Griff aus poliertem Mahagoniholz und einem Abzugsbügel aus Messing, der kunstvoll gearbeitet war – wie eine Schlange, die sich um ein Schwert schlingt. So, wie es aussah, hatte sie vierundvierzig Kaliber, außerdem einen gezogenen Lauf und war mit einer Plakette versehen, auf der W. REDDELL, LONDON stand. Es klebte noch so viel Blut am Lauf, dass ein dunkler Fleck auf Lovejoys Ziegenlederhandschuh zurückblieb.

„Ist Ihnen der Abzugsbügel aufgefallen, Sir? Die Schlange und das Schwert?“

Lovejoy fuhr mit dem Daumen seiner linken Hand über den Fleck. „Ja, das ist mir aufgefallen, Constable.“

„Die Waffe gehört Viscount Devlin, Sir.“

Lovejoys Finger krampften sich unwillkürlich fester um die Pistole. Es gab kaum jemanden in London, der noch nie von Sebastian, Viscount Devlin, gehört hatte. Oder von seinem Vater Lord Hendon, Finanzminister und getreuer Vertrauter Spencer Percevals, des konservativen Premierministers unter dem armen, alten, verrückten König..

Lovejoy drehte die Pistole herum und streckte sie, mit dem Griff zuerst, seinem Wachtmeister hin. „Vorsicht, Constable. Wir begeben uns hier auf gefährliches Terrain. Es bringt nichts, voreilige Schlüsse zu ziehen.“

Maitland hielt seinem Blick stand. Er machte keine Anstalten, Lovejoy die Pistole abzunehmen. „Da ist noch mehr, Sir.“

Lovejoy ließ die Pistole in seine Manteltasche gleiten. „Lassen Sie hören.“

„Wir haben mit Rachel Yorks Dienstmädchen gesprochen, einer gewissen Mary Grant.“ Diesmal tat Maitland nicht, als müsse er erst in seinen Aufzeichnungen nachsehen. „Mary zufolge ging ihre Herrin gestern Abend noch aus, um sich mit St. Cyr zu treffen. Sie sagte zu dem Dienstmädchen, ich zitiere: „Keine Sorge, seine Lordschaft wird gut bezahlen.“ Der Wachtmeister hielt inne, als wolle er mit dieser Kunstpause die Wirkung seiner Worte unterstreichen, und fügte dann hinzu: „Das war das letzte Mal, dass sie lebend gesehen wurde.“

Lovejoy fixierte die hellblauen Augen des Wachtmeisters. „Worauf wollen Sie hinaus? Dass sie den Viscount erpresst hat?“

„Oder ihn sonst irgendwie bedroht hat, ja, Sir.“

„Ich nehme an, Sie haben überprüft, wo sich Viscount Devlin gestern Abend aufgehalten hat?“

„Ja, Sir. Seine Bediensteten sagen, er hätte das Haus um etwa fünf Uhr verlassen. Er war auf dem Weg zu seinem Club. Aber laut seinen Freunden ist Devlin erst kurz nach neun bei Watier’s angekommen.“

„Und was sagt der Viscount, wo er gewesen sei?“

„Wir konnten den Viscount noch nicht ausfindig machen, Sir. Sein Bett blieb letzte Nacht leer. Es heißt in der Stadt, dass er heute Morgen ein Duell austragen wollte.“

Lovejoy hielt die hohle Hand vor seinen Mund und pustete nachdenklich durch seine Finger, bevor er sie wieder fallen ließ. „Wer auch immer es getan hat, muss über und über mit Blut besudelt gewesen sein. Wenn Devlin unser Mann ist, hätte er vor seinem Clubbesuch nach Hause zurückkehren müssen, um sich zu waschen und umzuziehen.“

„Das ist mir auch in den Sinn gekommen, Sir.“

„Und? Was sagen Devlins Bedienstete dazu?“

„Leider hat Devlin seiner gesamten Dienerschaft den Abend freigegeben, bevor er ausging. Seine Lordschaft scheint ein sehr großzügiger Dienstherr zu sein.“ Die Art und Weise, wie Maitland diese Worte aussprach – schmallippig und mit knappen Vokalen – verriet unterschwellig eine Regung, die er normalerweise streng verborgen hielt. Maitland war kein Radikaler. Er glaubte an die gesellschaftliche Ordnung, an die große Kette der Wesen und die hierarchische Rangfolge der Menschen. Aber das hielt ihn nicht davon ab, sich nach Reichtum und Einfluss zu sehnen und diejenigen zu beneiden, die, wie Devlin, mit Privilegien geboren worden waren, von denen Maitland selbst nur träumen konnte.

Lovejoy wandte sich ab und schritt durch die kleine Marienkapelle. „Sein Kammerdiener müsste wissen, ob Ausgehkleider in der Garderobe seiner Lordschaft verschwunden sind.“

„Der Diener seiner Lordschaft behauptet, es würde nichts fehlen. Aber Sie wissen, wie das Gesinde sein kann: allzu ergeben.“

Lovejoy nickte abwesend. Ein riesiges Gemälde hoch über dem Altar, das die in den Himmel emporsteigende Jungfrau Maria zeigte, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Er selbst fühlte sich zu evangelischem, reformpolitischem Gedankengut hingezogen – und das war eine gefährliche Neigung, die er natürlich tunlichst für sich behielt. Er hielt nichts von Buntglasfenstern und Weihrauch und rußgeschwärzten Renaissancegemälden in wuchtigen Goldrahmen, denn für ihn waren sie sündige papistische Überbleibsel, die nichts mit dem kargen Gott gemeinsam hatten, den Lovejoy anbetete. Ihm fiel auf, dass das Blut aus Rachel Yorks aufgeschlitzter Kehle den nackten Fuß der gemalten Jungfrau bespritzt hatte – und zwar so, dass es ihn eindringlich an andere Gemälde erinnerte, die er gesehen hatte: Christus am Kreuz mit von Nägeln durchbohrten Füßen, aus denen das Blut sickerte. Wieder fragte er sich, was die junge Frau hier getan hatte, in dieser fast vergessenen, unbedeutenden alten Kirche. Es schien merkwürdig, dass eine schöne, junge Schauspielerin einen solchen Ort für eine Verabredung wählen sollte. Oder für einen Erpressungsversuch.

Maitland räusperte sich. „Ich soll Ihnen mitteilen, dass Lord Jarvis Sie zu sehen wünscht, Sir. Im Carlton House, und zwar sobald Sie hier fertig sind.“

Diese heiklen Worte waren absichtlich so gewählt worden, was Lovejoy durchaus bewusst war, denn eine solche Vorladung konnte kein richterlicher Beamter ablehnen. Alle Behörden, egal, ob in der Bow Street oder am Queen Square, in der Lambeth Street oder in Hatten Garden, waren beauftragt, Lord Jarvis sofort Bericht zu erstatten, wenn ein Verbrechen geschah, das mit einer angesehenen Person in Verbindung stand. Beispielsweise der Geliebten eines Herzogs, oder dem Bruder eines Adligen – oder dem einzigen Sohn und Erben eines mächtigen Kabinettsministers.

Lovejoy seufzte. Er hatte nie genau verstanden, wie Lord Jarvis zu solchem Einfluss gekommen war. Neben einem riesigen Stadthaus am Berkeley Square unterhielt er sowohl im St. James’s Palace als auch im Carlton House Büros, obwohl er kein Regierungsamt innehatte. Zwar war er blutsverwandt mit der Königsfamilie, allerdings war der Verwandtschaftsgrad nur der eines Cousins. Lovejoy war des Öfteren der Gedanke gekommen, dass man Jarvis’ Stellung am ehesten mit der vagen, mittelalterlichen Redewendung beschreiben könnte, dass er als graue Eminenz die unsichtbare, treibende Kraft hinter dem Thron war, obwohl Lovejoy nie verstanden hatte, wie es Jarvis gelungen war, so viel Macht zu erlangen und sie aufrechtzuerhalten, während König George langsam dem Wahnsinn verfallen war. Er wusste nur, dass der Prince of Wales jetzt ebenso abhängig von dem Mann war, wie vor ihm der König. Und dass ein Beamter, wenn Jarvis ihn zu sich rief, Folge zu leisten hatte.

Lovejoy wirbelte wieder zu dem Wachtmeister herum. „Sie haben Ihn schon hiervon in Kenntnis gesetzt?“

„Ich dachte, er würde es schnellstmöglich wissen wollen. Wo doch Devlins Vater dem Premierminister so nahesteht.“

Lovejoy atmete langsam und angespannt aus. In der kalten Luft verwandelte sich die Atemwolke sofort in eisigen Nebel. „Sie wissen, wie heikel die Situation ist?“

„Ja, Sir.“

Lovejoys Blick verengte sich, als er den ungerührten Gesichtsausdruck des Wachtmeisters bemerkte. Komisch, dass er sich noch nie Gedanken über Edward Maitlands politische Gesinnung gemacht hatte. Aber andererseits hatte das bisher nie eine Rolle gespielt. Lovejoy versuchte, sich einzureden, dass es auch jetzt keine Rolle spielte, weil es lediglich ihre Aufgabe war, diesen Mord zu untersuchen, aufzuklären und den Täter zu bestrafen. Aber trotzdem …

Aber trotzdem war der Earl of Hendon, genau wie Spencer Perceval und die anderen Minister im Kabinett des Königs, eben ein Tory, während der Prince of Wales und die Männer, mit denen er sich umgab, zu den Whigs gehörten. Es hätte ohnehin zu jeder Zeit für Zündstoff gesorgt, wenn dem Sohn und Erben eines prominenten Tories ein solches Verbrechen vorgeworfen wurde. Aber wenn eine derartige Beschuldigung jetzt aufkam, kurz bevor man den alten König für verrückt erklären und den Prinzen zum Regenten machen wollte, konnte sie äußerst weitreichende Folgen haben. Und zwar nicht nur für die Regierungsbildung, sondern auch für Monarchie an sich.