Leseprobe Die Macht des Avain

Kapitel 1

Jü betrachtete die vorbeirauschende Landschaft, während das Einsatz-Shuttle über die Oberfläche des Planeten Turva jagte – hoffentlich zum letzten Mal mit ihr.

Dank der Gleichgewichts- und G-Force-Puffer war es, als säße sie in ihrem Wohnzimmer. Einzig die Landschaft außerhalb war in Bewegung. In der hochstehenden Sonne glänzte das Grün der oxidierten Kupferadern. Die Einlagerungen durchzogen die Landschaft wie Rinnsale und verliehen dem Planeten Turva seine typische Farbe.

Jü wandte den Blick ab. So schön die Aussicht war, brachte der ruhige Sitz gepaart mit den vorbeirauschenden Hügelketten ihren Magen an seine Grenzen. Einige Männer des Einsatzteams hatten eine ähnlich blasse Nasenspitze wie sie selbst. Dabei war es mitnichten das seltsame Fahrgefühl, weshalb sie auf ein Ende dieser Einsätze hoffte.

Der führende Leutnant war wie ein Fels in der Brandung. Er warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Kotzen Sie mir bloß nicht wieder den Boden voll, van Oak.«

Jü presste die Zähne aufeinander. »Keine Sorge, Croger. Ich halte schon durch.«

»Sie sind für so einen Außeneinsatz nicht geschaffen.«

»Sagt wer?«

»Ich – wie jedes Mal.« Leutnant Croger festigte den Griff um seine Laserkanone.

»Das sieht der General offensichtlich anders.« Jü fixierte den Leutnant bewusst mit einem höflichen Lächeln. Sollte der Mann doch denken, was er wollte. Er war mit seinen vierzig Jahren nicht viel älter als sie selbst. Es hatte seinen Grund, dass sie hier war. Sie war trainiert, einsatzerprobt und sie durfte möglichst nichts mehr anbrennen lassen, nicht so kurz vor Ablauf ihrer Immunität. Erfahrungsgemäß fiel ihr das schwer.

Prompt stellte Croger die passende Frage. »Wieso sollte Mox das anders sehen?«

In einem Anflug von Kühnheit löste Jü ihren Blick und betrachtete wieder die vorbeirauschende Landschaft. Es kostete sie einiges an Selbstbeherrschung, ihren Magen zu beruhigen. Die Wut half dabei. »Vermutlich, weil er der Ansicht ist, dass ich als zivile Mittlerin mit meinem Erfahrungsschatz bei einem uns unbekannten, abgestürzten Raumschiff durchaus hilfreich sein kann.«

»Ich wäre ja dankbar, unbekanntes Terrain ohne einen Klotz am Bein auskundschaften zu dürfen.«

Das reichte Jü. »Bei allem Respekt Croger, aber kommen Sie wieder runter!« Der Ärger presste die Worte mit Nachdruck aus ihr heraus und sie war sicher, dass der Leutnant sie nun noch weniger leiden konnte.

Jü hasste diese Militärstruktur. Schon immer. Die letzten fünfzehn Jahre zwangsweise in eine integriert gewesen zu sein, machte es nicht besser. Aber es war auch egal. Sie musste nur noch drei Wochen durchhalten. Drei. Dann standen ihr Wahlmöglichkeiten zur Verfügung, und sie würde davon Gebrauch machen.

Croger ließ sich nichts anmerken. Stattdessen erhob er sich aus seinem Sitz, schob das Visier vors Gesicht und marschierte zwischen den Frauen und Männern entlang. »Bereithalten! Wir erreichen das Ziel in fünf Minuten. Der Eigenschutz geht bei dieser Mission vor. Unser Auftrag lautet, die Lage zu sondieren, auf mögliche Gefahren zu prüfen und nach Überlebenden zu suchen.«

Ein junger Mann, der ein paar Sitze links von Jü saß, meldete sich zu Wort. »Was ist, wenn wir auf Shaterra treffen?«

Unmöglich, schoss es Jü durch den Kopf, während sie ihr eigenes Visier ebenfalls vor die Augen schob. Die haben sich noch nie nach Turva verirrt. Weshalb auch immer. Obgleich genügend Sonnensysteme dieses Galaxie-Arms bereits von ihnen besiedelt waren.

»Unwahrscheinlich«, bestätigte der Leutnant ihre Theorie. »Aber halten Sie die Augen offen. Falls Sie angegriffen werden, leisten Sie Gegenwehr.«

»Verstanden.«

Die grün-braun melierte Landschaft außerhalb der Fenster kam zum Stehen. Drei Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit. Das musste reichen.

Jü prüfte den Sitz ihrer Handschuhe und Stiefel. Die elektronische Anzeige auf der Helmscheibe vor ihren Augen blinkte auf. ›Isolierung des Anzugs erfolgreich. Sauerstofffilter funktionsbereit. Notfallreserve ausreichend für vier Stunden.‹

Wie praktisch, dass die Atmosphäre auf Turva nicht zu weit weg von atembar lag. Der unverträgliche Gasanteil wurde mittels chemischer Filter einfach entfernt und in die Atmosphäre zurückgeleitet. Schon war einem Spaziergang auf der Oberfläche nichts entgegenzusetzen. Zumindest mit der klimatisierten Schutzausrüstung für den Körper.

»Ausschwärmen!«, befahl der Leutnant.

Die Männer des Einsatzteams verließen geordnet das Shuttle. In den isolierenden Anzügen wirkten ihre Bewegungen schwerfälliger als bei den Trainingseinheiten in der Basisstation, an denen auch Jü routinemäßig teilnahm. Ob ihre eigenen Schritte auch so klobig wirkten?

Croger wandte sich ihr zu. »Bleiben Sie dicht hinter mir!«

»Ich hatte nichts anderes vor, Leutnant«, entgegnete sie und bedeutete ihm mit einem Fingerzeig vorzugehen. Elender Wichtigtuer.

Mit gebührendem Abstand zu den anderen verließ auch Jü das Shuttle. Sie war ähnlich groß wie die meisten Soldatinnen, aber trotz des Trainings nicht die geeignete Frau für Waffengebrauch. Geröll knirschte unter ihren Stiefeln und der Wind zog an ihrem Anzug.

Vor ihr lag ein Metallriese, die Schnauze im Dreck vergraben, offensichtlich irreparabel lädiert. Genau wie Teile des Rumpfes. Als hätte sich etwas durch die Hülle fressen wollen. Die Legierung des Korpus sah nach keinem ihr bekannten Metall aus. Sie wirkte nahezu schwarz, war glatt poliert und wies keine unmittelbare Fensterfront auf.

Das Einsatzteam hatte das Ungetüm bereits einmal umrundet und kam nun an der Seite, die Jü zugewandt lag, zum Stehen. Dort zeichneten sich die Umrisse einer Einstiegsluke ab. Quadratisch, praktisch, aber von außen offenbar nicht zu aktivieren.

Crogers Worte knisterten in Jüs Ohrsteckern. »Können wir das aufschweißen?«

Einer seiner Männer antwortete über Funk. »Negativ, Sir. Nicht ohne zu riskieren, dass im Inneren die Atmosphäre den Bach runtergeht und wir nur noch tote Materie bergen können.«

Es wirkte gespenstisch, in diesen voluminösen Raumanzügen vor einem unbekannten Absturzgut mitten in der turvanischen Pampa zu stehen. Es war nicht das erste Mal, aber den Respekt vor solchen Situationen hatte Jü nie ablegen können.

Plötzlich zischte es, und Jü trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Männer stoben auseinander. Noch während sie die Waffen auf Anschlag hoben, bildete sich ein leuchtender Rahmen um das Quadrat. Die Luke surrte und öffnete sich zum Boden hin. Im Inneren erblickte Jü ein humanoides Wesen, das beim Anblick der Feuergeschosse die Hände hob. Das Gesicht lag hinter einer Maske, die sich nahtlos an einen grauen Stoff anschloss, der Kopf und Körper schützte. Es hatte nichts von der Klobigkeit der Raumanzüge, die Jü und das Einsatzteam trugen. Es war vielmehr filigran und sprach für hohe Fortschrittlichkeit, was die Fertigung von Kleidung anging.

»Kel!«, rief das Wesen und hob abwehrend die Hände. »Kel!«

Es war vom Körperbau her eindeutig humanoid, wenngleich größer und massiger. Die Haut wirkte seltsam blass und das Wesen war aufgrund der Brustwölbungen wahrscheinlich weiblich. Eine blutähnliche Flüssigkeit sickerte aus einer Wunde an der Schläfe und in den Augen der Frau lag Angst.

Leutnant Croger und sein Team hielten noch immer die Waffen auf sie gerichtet. Unschlüssigkeit lag in der Luft.

Jü hielt den Atem an. Nach Sekunden des Verharrens machte sie einen zaghaften Schritt nach vorn und hob die Hände ebenfalls. »Wir wollen helfen«, sagte sie und gab sich Mühe, besonders weich und warmherzig zu klingen.

»Kel!«, rief die Weibliche noch einmal. »Kol ta Sha-Tarra!« Sie zeigte zum Himmel hinauf.

»Was soll das heißen?«, knurrte Croger in den Funk.

»Keine Ahnung«, entgegnete Jü, »aber es klingt wie Shaterra.«

»Dann säbeln wir sie lieber um!«

»Nein«, hielt Jü dagegen. »Sehen Sie sich doch ihr Gesicht an. Über ihrer Schläfe rinnt eine dicke Blutspur. Das hat mit Shaterra nichts zu tun. Vielleicht wurden sie von denen angegriffen und mussten notlanden?«

Croger stieß einen Fluch aus. »Das wäre nicht gut. Dann hätten wir Shaterra-Raumschiffe nahe des Planeten.«

»Wäre nicht das erste Mal, aber eine ernst zu nehmende Bedrohung hätte uns die Zentrale mitgeteilt.«

Näher als auf Umlaufbahn waren die Shaterra noch nie herangekommen. Weshalb auch immer. Die machten üblicherweise vor keinem Planeten halt. Außer vor Turva.

Jü trat noch einen Schritt auf die Fremde zu. »Wir können helfen.«

Das weibliche Wesen streckte den Arm nach Jü aus. Ein flehender Ausdruck trat in ihre Augen. »Kel!«

»Was soll das heißen?«, meldete sich Croger mit einem Anflug von Frust.

Jü suchte den Blick des Leutnants, doch der starrte stur auf die Luke. »Ich will mich nicht festlegen«, sagte sie, »aber vermutlich so etwas wie ›Hilfe‹.« Noch ein paar Schritte, dann stand sie vor dem fremden Wesen mitten in der Einstiegsluke.

»Was soll das, van Oak?«, brüllte Croger.

Jü ignorierte ihn und die Anspannung, die außerhalb des Raumfahrzeugs nun herrschte. Sie wusste, dass nicht nur das gesamte Einsatzteam, sondern auch General Mox in der Basis über den Langstreckenfunk mithörte. Entschlossen streckte sie der Fremden die Hand entgegen. »Kel.«

Ein Lächeln huschte über deren Gesicht.

Schon stand Croger neben ihr. »Was an ›Bleiben Sie hinter mir!‹ haben Sie nicht verstanden, van Oak?« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, fuhr die Luke in ihrem Rücken wieder hoch und sperrte sie gemeinsam mit der Fremden im Raumschiff-Zustieg ein. »Was zum …?« Sofort zielte er mit der Waffe auf den vermeintlichen Feind.

»Sind Sie bescheuert?« Jü legte ihre Hand auf Crogers Waffenlauf und stellte sich schützend vor das Wesen. »Sie will uns etwas zeigen.«

»Was macht Sie da so sicher?« Crogers Gesicht wirkte wie ein einziger Krampf. Er war als Militär darauf trainiert, überall das Böse zu vermuten, vor dem seine Truppen beschützt werden mussten.

Jü fixierte seine Augen. »Ihre Körperhaltung ist kein bisschen bedrohlich. Sie ist verletzt und vermutlich nicht die Einzige auf diesem Schiff, der es so geht.«

Sein Grummeln ging in einem Zischen des Raumschiffes unter. In der Digitalanzeige des Visiers konnte Jü den Atmosphärenausgleich verfolgen. Was am Ende dastand, ließ sie erstaunt die Augen aufreißen. Im Inneren des Raumschiffes herrschte eine Luft, die für Menschen verträglich war. Nicht optimal, aber auch nicht schädlich.

»Croger, bitte kommen!«, knirschte Jüs Ohrstöpsel.

Der Leutnant wirkte ähnlich überrascht wie sie, als er sich das Visier hochschob und vorsichtig die Luft einsog. »Stellung halten«, wies er an. »Uns geht es gut. Sind jetzt im Inneren und sondieren die Lage.«

»Verstanden.«

Jü wischte sich eine Strähne ihres roten Ponys aus der Stirn, während sie Croger und dem Wesen durch das Raumschiff folgte.

Ein Wimmern, dem sie sich stetig annäherten, hallte durch die Gänge. Die Lichtstreifen an den Wänden flackerten, als wäre die Elektronik gestört – oder aber kurz davor, den Geist aufzugeben. Hoffentlich nicht. Wer wusste schon, welche lebenswichtigen Systeme dann ausfallen würden? Dunkelfarbiges Metall verkleidete das Innere des Raumschiffes, ebenso poliert wie außen. In regelmäßigen Abständen passierten sie Lüftungsschächte und Türen. Vor einer davon kamen sie schließlich zum Halt.

Als das Metall zur Seite fuhr, blickte Jü in einen Raum voll menschenähnlicher Wesen. Schluchzen und Klagen schlug ihr entgegen. Etliche Außerirdische saßen oder lagen auf dem Boden, stöhnten und hielten sich blutende Wunden. Diejenigen, die den Absturz bei halbwegs akzeptabler Gesundheit überstanden hatten, versorgten die Schwachen. Doch ohne medizinische Hilfe wären die meisten dem Tod geweiht.

Gesichter wandten sich ihnen zu. Darin standen Angst, Trauer und so etwas wie Hoffnung.

»Kel«, flehte ihre Begleiterin noch einmal.

Jü war sich mittlerweile sicher, dass das einem Hilferuf gleichkam. »General Mox, bitte kommen«, sprach sie in ihr Funkgerät.

Croger musterte sie aus schmalen Augen. Einmal mehr hatte sie die Rangorder untergraben.

»Mox hier«, antwortete Mox’ sonore Stimme, von der Jü wusste, dass sie bestens Befehle verteilen konnte. »Was haben Sie?«

Croger drückte den Funkknopf, bevor Jü eine Chance erhielt. »General, das Schiff ist voll von … nennen wir es Menschenwesen. Zumindest sieht ihre Physiologie unserer sehr ähnlich. Um die fünfzig Individuen, der Großteil von ihnen ist verletzt. Die Hälfte davon so sehr, dass sie dringend medizinisch versorgt werden müssten.«

»Fünfzig?«, knirschte Moxʼ Stimme. »Gibt es Shaterra-Spuren?«

»Nein, Sir. Unsere Detektoren melden keinerlei Auffälligkeiten. Aber die Außenhülle spricht für Feindkontakt vor dem Eintritt in unsere Atmosphäre.«

»Wir können keine fünfzig aufnehmen. Die Notkapazitäten der Basis wären dadurch ausgereizt.«

Jü traute ihren Ohren kaum. Meinte Mox das ernst?

Leutnant Crogers Blick flog durch den Raum. »Verstehe, Sir. Was schlagen Sie vor?«

»Retten Sie nur diejenigen, die eine gute Überlebenschance haben. Wir können maximal dreißig aufnehmen.«

Was? Jü stockte der Atem. Als Croger zu einer Antwort ansetzte, grätschte sie dazwischen und drückte ihrerseits den Funkknopf. »General Mox, Jü van Oak hier. Es kann unmöglich Ihr Ernst sein, so viele zu opfern.«

»Frau van Oak, Sie kennen die Bestimmungen der Basis.« Moxʼ Antwort klang scharf in ihrem Ohr.

»Das tue ich«, blaffte sie durch das Funkgerät zurück.

Die Anwesenden im Raum verfielen in angespannte Stille. Mit Sicherheit verstanden sie kein Wort, aber dass es hier um etwas Schwerwiegendes ging, war auch so spürbar. »Wenn Sie entscheiden können, wer am Leben bleiben darf und wer nicht, bitte schön. Aber dann kommen Sie persönlich her und sortieren Sie eigenhändig aus.«

Crogers Blicke wirkten wie Kanonenschüsse und bestimmt stand auch Mox die Zornesröte im Gesicht. »Van Oak, was fällt Ihnen ein?« Seine Stimme peitschte regelrecht durch den Äther.

»Viel, um ehrlich zu sein.« Sie ignorierte die bohrenden Blicke und holte tief Luft. »Bei allem Respekt, General, aber wir sind keine Shaterra, denen das Leben anderer egal ist. Außerdem handelt es sich hier um eine hoch entwickelte Spezies. Im Gegensatz zu uns greifen sie nämlich nicht auf Shaterra-Technologie zurück, um durch das All zu reisen. Sie haben ein eigenes Raumschiff, dessen Technik weiter entwickelt aussieht als alles, was ich bislang gesehen habe. Ich bin kein Experte auf dem Gebiet, aber sie wirken wie äußerst hilfreiche Verbündete. Ich frage mich allerdings, wie sie auf uns zu sprechen sein werden, wenn sie mitbekommen, dass wir einen Teil ihrer Leute einfach zum Tode verurteilt haben, obgleich es sehr wohl Möglichkeiten gäbe, sie zu retten.«

Jü war sich darüber im Klaren, dass das komplette Einsatzteam vor den Toren des Schiffes mitgehört hatte. Ebenso der Generalstab von Turva. Die Veränderung ihrer eigenen Situation, die sie in wenigen Wochen anschieben wollte, drohte von ihrer sicheren Basis zu rutschen. Sie konnte sich ein Zerwürfnis mit Mox im Grunde nicht leisten. Doch was wog schwerer? Ihre inneren Wünsche oder die Leben dieser fünfzig Individuen? Die Antwort war klar, aber es brachte sie selbst in eine riskante Lage. Sie hatte schon zu oft Respektgrenzen überschritten. Für ihr anstehendes Gespräch mit Mox war das definitiv ein Problem.

Eine kurze, aber heftige Rückkopplung ließ Jü zusammenzucken, bevor sie den General lautstark einatmen hören konnte. »Van Oak, ich habe maximal dreißig gesagt. Wenn Sie Probleme damit haben, lassen Sie Leutnant Croger die Auswahl treffen.«

Der Soldat an ihrer Seite trat sofort einen Schritt vor, als ein lautes Zischen einsetzte. Die Überlebenden rissen die Augen auf. Sie rückten zusammen und hielten sich aneinander fest.

Jü ahnte, was das zu bedeuten hatte.

Croger schob sein Visier wieder herunter und blickte sich hastig um. »Sir, das Schiff hat ein Leck. Für eine Selektion reicht die Zeit nicht mehr. Entweder wir verfolgen van Oaks Plan oder es gehen alle Überlebenden drauf.«

Auch Jü riss ihr Visier herunter. Die Anzeige auf dem Kunststoff zeigte bedrohlich die atmosphärischen Änderungen im Raumschiff auf. »Wir könnten einen Teil im Shuttle unterbringen, bis Verstärkung eintrifft!«, rief sie und sah sich um.

Die Fremde, die sie auf das Schiff gelassen hatte, eilte zu einer weiteren Tür und zeigte ins Innere. Jü ignorierte die Warnung ihrer Digitalanzeige, die sich orange-blinkend aufzudrängen versuchte, und rannte hinzu. In dem Raum lagen ein Dutzend Helme, wie sie auch die Fremde trug.

Sofort griff Jü danach und verteilte sie zuerst an die Verletzten. Wenngleich ihr klar war, dass die offenen Fleischwunden die tödliche Atmosphäre nicht abhalten würden.

Noch immer warteten sie auf Moxʼ Erlaubnis. Was überlegten die denn in der Basis so lange? Zorn brandete in ihr auf, weil die Entscheidung nicht bei ihr lag. Wieso war es verflucht noch mal so schwer, sich für das Leben und gegen einen grausamen Tod Dutzender eventuell neuer Verbündeter zu entscheiden?

Die Digitalanzeige wechselte zu Hellrot.

»General Mox!«, rief sie durch den Funk, doch Crogers erhobene Hand ließ sie innehalten.

Er griff seinerseits zum Sprechknopf. »Wir brauchen dringend Verstärkung. Erbitte Erlaubnis, Verletzte bis zum Eintreffen ins Shuttle zu evakuieren. Uns bleiben maximal zehn Minuten, bis hier allen die Luft ausgeht.«

Ein Warnton piepte in Jüs Helm auf, die Anzeige färbte sich dunkelrot. Erschrocken fuhr sie zusammen. Hoffentlich hatte Croger mit seiner Einschätzung recht und ihnen blieb wirklich noch so lange Zeit. Sie riss die nächsten Helme von den Halterungen und verteilte sie.

Jedes der fremden Individuen, das bereits einen Helm aufhatte und gesund genug war, um auf zwei Beinen zu stehen, tat es ihr gleich, während Croger mit gerunzelter Stirn dazwischen stand. Er schien hin und her gerissen. Sie untergrub mit ihrer Mithilfe indirekt jede militärische Hierarchie.

Endlich knisterte es in der Leitung. »Leutnant Croger, erteile Erlaubnis, alle Überlebenden zur Basis zu evakuieren.«

Jü fiel ein Stein vom Herzen. Sie atmete hörbar aus und schenkte den Fremden ein aufmunterndes Lächeln. »Kel«, sagte sie und hörte Croger Anweisungen zur Rettung über Funk verteilen.

»Shuttle andocken!«, brüllte er. »Planengang muss in einer Minute stehen!«

Sie half einem Wesen in den Stand, dass ihr gerade mal bis zum Bauchnabel reichte. Tränenspuren standen in dem kindhaft wirkenden Gesicht. Sie schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und schob es in Richtung Tür.

»Alle Verletzten ins Shuttle«, kommandierte Croger. »Van Oak, Sie bleiben mit den Gesunden hier. Ich schicke Ihnen gleich ein paar Männer rein. Versuchen Sie herauszufinden, wie lange deren Helme sie mit atembarer Luft versorgen. Ich schicke Ihnen zusätzlichen Sauerstoff.«

»Zu Befehl!« Jü nickte erleichtert. Spätestens in einer halben Stunde wären zwei weitere Shuttles hier und würden die Menschen von Bord des havarierten Raumschiffes holen. So lange mussten sie durchhalten. Danach konnte sie sich für das Gespräch mit Mox wappnen. Ihr energischer Alleingang von eben war nicht die beste Basis, aber er hatte ihrer Bitte stattgegeben. Das und ihr Einsatz in den letzten Jahren waren alles, worauf sie bauen konnte. Es musste einfach reichen.

***

Jü drückte den Umschlag in ihrer Hosentasche fester, als sich der Fahrstuhl vor ihrer Nase öffnete.

Das sterile Licht des Vorzimmers erhöhte ihren Respekt zusätzlich. Aber sie würde sich nicht aus dem Konzept bringen lassen. Sie holte tief Luft und trat nach außen hin entspannt aus dem Fahrstuhl heraus in die zwanzigste Etage des Central Towers von Turva.

»Frau Jü van Oak!« Die Vorzimmerdame sprang auf und eilte ihr entgegen. Mit ihrer Lyocell-Bluse und dem Rock aus intelligentem Polymerstoff wirkte sie wie ein Ausstellungsstück. »Da sind Sie ja endlich.«

»Ich habe einen Termin beim General.«

»Das haben Sie! Und zwar seit zehn Minuten.« Der Vorwurf war nicht zu überhören.

Jü strich ihre Haare nach hinten, zog ihr Shirt zurecht und setzte ein Lächeln auf. »Nun bin ich ja da.«

»Das wird auch Zeit. Den General lässt man nicht warten.« Die Vorzimmerdame legte ihre unterkühlten Hände von hinten auf Jüs Schultern und schob sie in Richtung der Tür des Central Office.

Jü war selbst erst einmal hier oben gewesen. Vor fünfzehn Jahren. Ein bedeutsamer Moment. Genau wie der jetzige. Sonst fanden Treffen oder Unterredungen ein paar Etagen tiefer statt, doch heute ging es um mehr, viel mehr. Es war kein Auftrag, keine Dienstbesprechung, kein Small Talk. Es ging um ihre Freiheit.

Sie verfolgte mit steigender Aufregung, wie Madame Ungeduld die Tür öffnete und ihren Kopf ins Innere des Büros schob. »General Mox, Frau van Oak ist hier.«

»Schicken Sie sie herein«, antwortete die Stimme, mit der Jü vor zwei Wochen über Funk diskutiert hatte.

Jü warf der Vorzimmerdame ein Grinsen zu und schob sich an ihr vorbei ins Büro des Generals.

Mox blickte von seinem Schreibtisch auf und wies auf einen Stuhl ihm gegenüber. Mit einem Seufzer auf den Lippen konstatierte er: »Wenigstens dieses eine Mal hätten Sie pünktlich sein können.«

»General, Sie wissen, dass das nicht meine Stärke ist«, entgegnete Jü und setzte sich auf den freien Stuhl.

»Ja, allerdings glaube ich weniger, dass es sich dabei um eine mangelnde Fähigkeit handelt, sondern eher um Ihre ureigene Form der Aufmüpfigkeit.« General Mox schüttelte seinen grau behaarten Kopf und sah sie eindringlich an. »Damit werden Sie auf Dauer nicht durchkommen. Mit Ihren eigenmächtigen Entscheidungen bringen Sie nicht nur mich wiederholt in grenzwertige Situationen.«

»Wollen Sie mir vorwerfen, dass ich meine Meinung ausspreche, wenn ich es für sinnvoll halte?« Jü verschränkte die Arme vor der Brust und musterte den General, der wie ein Pascha in seinem Bürostuhl hockte.

»Ich werfe Ihnen vor, dass Sie Aktionen starten, bevor ich überhaupt eine Entscheidung treffen kann!« Sein Zorn schwappte ihr entgegen, prallte aber vor ihrer Brust ab.

Jü musterte die beleibte Gestalt ihres Gegenübers. »Ich dachte immer, Turva bedeutet Sicherheit.«

»Das tut es auch. Gerade Sie sollten das wissen!«

Die Worte trafen Jü direkt in den Magen. Natürlich wusste sie das. Sicherheit. Sie senkte den Blick, sodass ihre langen Haare über die Schultern nach vorn fielen, und krallte die Finger in die Oberschenkel. »Ich habe mir meine Vergangenheit nicht ausgesucht, General. Machen Sie mich nicht dafür verantwortlich.« Sie hob den Kopf wieder und fixierte entschlossen seine braunen Augen. »Allerdings ist es genau der Grund, weshalb ich hier bin.«

Mox nickte. »Ihre Immunität endet kommende Woche. Wir werden sie um weitere fünf Jahre verlängern.«

Jü schüttelte heftig den Kopf, was den General die Stirn in Falten ziehen ließ. Ihre Worte würden ihm nicht gefallen, trotzdem sprach sie ihren Wunsch aus. »Ich möchte nicht verlängern. Ich will zur Erde zurück.«

»Sie wollen was? Sind Sie sich darüber im Klaren, dass es auf der Erde von Shaterra nur so wimmelt?«

»Das bin ich.«

»Und dass Sie dort zehn Jahre Ihrer Kindheit in völliger Überwachung verbracht haben?«

»Ja.«

Moxʼ Oberkörper bebte. »Und dass ich Sie nicht hier aufgenommen habe, um hinterher dabei zuzusehen, wie Sie in Ihr Unheil rennen?«

»Herrgott! Meine Flucht ist fünfzehn Jahre her. Fünfzehn! Die werden schon nicht gleich kommen und mich wieder einsperren. Wie nachtragend sollen die denn sein?«

»Nicht nachtragend, sondern berechnend«, entgegnete Mox und beugte den Oberkörper nach vorn. »Wenn es ihren Zwecken dient, machen die vor nichts Halt. Da helfen auch Ihre strahlend blauen Augen nichts. Wir wissen bis heute nicht, was genau die Shaterra damals von Ihnen wollten.«

Ich habe auch nicht alles erzählt.

Jü biss sich auf die Lippen, damit sie ihre Gedanken nicht laut äußerte. Ihr war das Risiko bewusst, aber es wurde mit jedem Jahr auf Turva unbedeutender. Das abgestürzte Raumschiff der Voolaner, wie sich die Spezies an Bord wohl selbst nannte, hatte ihren Entschluss gefestigt. Wer wusste schon, wann sie ihre eigene Familie je wiedersehen würde, geschweige denn wie lange die Erde unter dem Joch der Shaterra noch durchhielt. Sie wollte zurück! »Hören Sie, General Mox, ich weiß Ihre Mithilfe zu schätzen. Nur dank Ihnen lebe ich vermutlich überhaupt noch, aber ich möchte zurück zur Erde.«

»Turva ist eine sichere Zone. Die Raumschiffe der Shaterra haben schon vor Jahrzehnten aufgegeben, in den hiesigen Luftraum einzudringen. Wir konnten zwar noch nicht herausfinden, woran das liegt, aber wir nehmen diesen Vorteil dankend an. Dieser Planet ist ein Geschenk. Auch für Sie.«

Jüs Entrüstung äußerte sich in einem Schnauben. »Für Sie ist es ein Geschenk, für mich ist es ein Gefängnis.« Diese Militärstrukturen fesselten sie förmlich. Sie fühlte sich darin genauso kontrolliert und fremdbestimmt wie in ihrer Kindheit. Bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr hatten die Shaterra sie nicht eine Minute aus den Augen gelassen. Erst als sie volljährig war, gelang ihr mithilfe von Moxʼ Spionen die Flucht nach Turva. Und nun lebte sie hier in einer Immunität, die sie mehr geißelte, als ihr half. Worin also lag der Unterschied? Ihre Hand wanderte zu dem Umschlag in ihrer Hosentasche. »Ich kann nicht sagen, wohin genau dieser Weg mich bringen wird, aber meine Familie soll ein Teil davon sein.« Sie zog das Kuvert heraus. Das Foto beließ sie darin, doch den Datenstick schob sie in einen Port am Tischrand.

Mox vergrößerte das Dokument auf der Tischoberfläche, musterte mit gepressten Lippen die Signatur und schüttelte den Kopf. »Leider kann ich Ihrem Antrag nicht zustimmen, van Oak. Zumindest noch nicht.«

»Wie bitte?« Jü glaubte, sich verhört zu haben.

Mox räusperte sich. »Fräulein van Oak, ich habe einen letzten Auftrag für Sie, bevor ich diesem Antrag stattgeben kann.«

Jü lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte erneut die Arme vor der Brust. »Und der wäre?«

»Ich brauche Sie bei den Verhandlungen mit den Voolanern.«

»Wieso? Sie haben doch fähige Diplomaten.«

»Die kommen aber nicht weiter. Ich brauche jemanden, der psychologisches Know-how hat und etwas riskiert. Jemanden, der andere mit Worten so glaubhaft und leidenschaftlich überzeugen kann wie mich.«

»Was wäre, wenn ich das ablehne?«

»Wieso sollten Sie?«

»Weil ich den Eindruck habe, hier auf eine Erpressung zuzusteuern. Das behagt mir nicht.«

Moxʼ Pupillen fixierten sie. »Genau das meine ich, Frau van Oak. Das ist das Gespür, das wir in den Verhandlungen brauchen. Sie sind mit Abstand die Beste auf diesem Gebiet. Wissen Sie, was es für mich bedeutet, Ihrem Antrag stattzugeben und Sie gehen zu lassen?« Er holte tief Luft und neigte sich in seinem Stuhl nach hinten. »Wenn Sie in dieser Sache nicht kooperieren, wird Ihr Formular wohl noch eine Weile hier liegen.«

Jü lehnte sich abrupt nach vorn. »Das können Sie nicht machen!«

»Natürlich kann ich das.« Der General schloss den Antrag, indem er über die Tischfläche wischte und entkoppelte den Datenträger. »Durch die Aufnahme der Voolaner in unsere Basisstation verbrauchen wir langfristig mehr Ressourcen, als wir uns leisten können. Doch sie sind ein … stures Volk. Verdammt stur. Dagegen sind Sie mit Ihren ethischen Ansichten ein Zuckerschlecken. Die Voolaner halten uns für hochgradig primitiv und ihr Oberhaupt verweigert jegliche Kooperation. Dabei könnten wir von ihnen umfassend profitieren.« Sein Finger richtete sich auf Jüs Nasenspitze. »Sie wollten, dass wir alle Voolaner aufnehmen. Nun sorgen Sie dafür, dass sich dieser Schritt gelohnt hat.«

Jüs Herz raste, während sie sich mit Mox förmlich eine Schlacht der Blicke lieferte. Wie zwei Kinder, die darüber wetteiferten, wer zuerst zwinkerte. Das Schweigen fühlte sich wie eine Ewigkeit an und die Anspannung brachte die Luft zum Knistern. Unsichtbare Funken sprangen über den Tisch. Jüs Mund war trocken und ihre Finger kribbelten, als sie sich erhob. Hinter ihrem Stuhl blieb sie stehen und schenkte Mox einen vernichtenden Blick. Wenigstens hatte er ihr mit diesem Gespräch den entscheidenden Schub gegeben, ihre Rückversetzung auf Gedeih und Verderb durchzusetzen.

»Das wird mein letzter Auftrag, Sir. Danach möchte ich, dass Sie dem Antrag stattgeben und sich um meine Rückreise kümmern. Sollten Sie das nicht tun, erwarten Sie kein weiteres Entgegenkommen von mir. Sperren Sie mich ein, wenn es Ihnen beliebt, oder setzen Sie mich auf der Oberfläche von Turva aus. Das ändert an meiner Situation nämlich nicht viel. Einen schönen Tag noch.«

Erst nachdem die Tür hinter ihr einrastete, atmete sie die Anspannung aus. Den verdatterten Blick der Vorzimmerdame überging sie und stapfte zum Fahrstuhl. Wenn Mox dachte, er könnte sie unter Druck setzen, hatte er sich getäuscht. Der Absturz des Voolaner-Raumschiffes hatte ihre Entscheidung, zurück zur Erde zu gehen, gefestigt.

Nach allen Erkenntnissen waren es die Shaterra gewesen, die deren Planeten überrannt und in den Abgrund gestürzt hatten. Sie hatten sich die Technik der Voolaner einverleibt und die gesamte Bevölkerung niedergemetzelt. Das einzige Schiff, das die Flucht in die Weiten des Alls überlebt hatte, war hier auf Turva notgelandet. Wieder einmal hatten die Shaterra eine Spezies nahezu ausgerottet.

Hatte sie allein deshalb nicht das gute Recht, zu ihrer Familie zurückzukehren, bevor es auch mit der Erde zu Ende ging? Das hatte sie in jedem Fall! Nur musste sie dafür zuerst die Verhandlungen in trockene Tücher bringen.

***

»Ich will auch mit!« In allerletzter Sekunde schoben sich Jüs Finger zwischen die Flügel der Fahrstuhltür.

Das Metall glitt wieder auf und offenbarte Jü den Blick auf einen schlaksigen Diplomaten, dessen Gesichtsausdruck sofort in sich zusammen fiel. »Was machen Sie denn hier?«

Jü war von Vorkas Anwesenheit ebenso wenig begeistert. Von allen Diplomaten dieses Stützpunktes ausgerechnet er. Kein Wunder, dass die Verhandlungen stockten. Sie betrat die Kabine und stellte sich neben ihn. »General Mox schickt mich.«

»Sind Sie sich da sicher?« Seine Augenbrauen waren kurz davor sich zu berühren und die Wut funkelte in seinen blauen Augen. »Er sagte, ich bekomme fähige Unterstützung und nicht … Sie.« Das letzte Wort spie er förmlich aus.

Jü hielt die Augen starr auf Vorka gerichtet. Sie würde sich nicht verunsichern lassen. Dafür stand zu viel auf dem Spiel. »Bei dem Gespräch geht es um mögliche Verbündete für Turva«, erwiderte sie. »Dieser Planet kann es sich nicht leisten, ein technisch so versiertes Volk gegen sich zu haben.«

Und ich kann es mir nicht leisten, diese Verhandlung gegen die Wand fahren zu lassen.

Der Diplomat zog die Stirn kraus. »Das ist mir durchaus bewusst. Mit dem technischen Know-how der Voolaner wären wir in der Lage, die Station effektiver auszubauen. Aber das ist meine Angelegenheit. Sie hingegen gehören in die Zuschauerkabine, van Oak, nicht auf die Bühne.«

»Ich glaube, da irren Sie sich.« Sie schenkte Vorka ein aufreizendes Lächeln und klopfte ihm auf die Schulter. »Aber ich weiß ja, dass Sie das nicht so ernst meinen und äußerst gern mit mir zusammenarbeiten. Oder sind Sie am Ende immer noch sauer wegen der Sache zwischen mir und Ihrem Bruder?«

»Ganz bestimmt nicht! Im Gegenteil, ich verstehe bis heute nicht, was er an Ihnen gefunden hat.«

Mit einem Pling stoppte der Fahrstuhl in Etage zehn des Central Towers.

»Jetzt lächeln Sie mal, Vorka. Wir schaffen das schon.«

»Van Oak«, zischte er, »das ist mein Auftrag. Verschwinden Sie!« Die Tür öffnete sich und Vorka bemühte sich um einen freundlichen Gesichtsausdruck. Dafür, dass er Diplomat war, gelang ihm das nur bedingt.

Jü bedeutete ihm mit einer Hand vorzugehen. Schließlich wollte sie ihn nicht öffentlich demütigen. Aber wenn er für die Gestaltung des Bündnisses allein zuständig war, konnte nicht viel dabei herumkommen. Außerdem ging es nicht nur um Turva und seine Bewohner, sondern auch um sie selbst. Sie hasste Mox für die Erpressertour, aber ohne seine Mithilfe konnte sie diesen Planeten nicht verlassen. Galaktische Wurmlöcher – die einzige Transportmöglichkeit von hier zurück zur Erde – öffneten sich nur auf seinen Befehl hin.

Sie heftete sich an Vorkas Fersen und folgte ihm durch eine Tür.

Im dahinter befindlichen Konferenzsaal stand ein ovaler Tisch, an dessen fernem Ende die drei Vertreter der Voolaner bereits Platz genommen hatten. Sie wirkten ebenso angespannt wie Vorka. Dass sie überhaupt hergekommen waren, ließ sich als positives Zeichen werten. Vielleicht war auch ihnen bewusst, dass ihr aller Überleben voneinander abhing. Das schien sie aber nicht davon abzuhalten, sich querzustellen.

Der restliche Raum war leer. Einzig die versteckte Kamera in der Deckenlampe zeichnete auf, was hier passierte. Jü war sich sicher, dass der vierköpfige Generalstab von Turva zusah, vermutlich außerdem ein Vertreter oder eine Vertreterin der Vereinten Föderation der Menschheit: das Regierungsüberbleibsel aus der Zeit vor dem Eintreffen der Shaterra. Der letzte Rest menschlicher Regierungsfähigkeit, der aus der Ferne zusehen musste, wie der eigene Planet unterging. Sicherlich war auch Mox im Überwachungsraum anwesend, der jedes ihrer Worte aufmerksam verfolgen würde. Sollte er ruhig. Jü war vorbereitet. Auf ihre ganz eigene Weise.

Sie setzte eine selbstbewusste Miene auf und näherte sich hinter Vorka den drei Abgesandten der Voolaner, unter ihnen der höchste Padaʼar, wie sie ihren Anführer nannten. Sein grau meliertes Haar war streng nach hinten frisiert, die Augen des Voolaners wirkten hart und unerbittlich. Wenn Jü Gedanken lesen könnte, würde ihr vermutlich eine geballte Ladung Unverständnis entgegenfliegen. Es war deutlich spürbar, wie demütigend er es fand, mit so einer niederentwickelten Spezies einen Deal eingehen zu müssen.

Vorka ging auf die Voolaner zu und verbeugte sich tief. »Vel Tak.« Er führte drei Finger an die Stirn und war sichtlich erleichtert, als der Anführer die Geste erwiderte.

Physiologisch sahen die Voolaner den Menschen sehr ähnlich. Die einzigen äußerlich erkennbaren Unterschiede waren der massigere und muskulösere Körperbau und die dezent bläuliche Haut. Im Sitzen war der Padaʼar genau so groß wie sie, dabei war Jü mit ihren 1,73 m mitnichten klein.

Jü verbeugte sich ebenfalls, allerdings zuerst an die beiden Begleiter gerichtet. »Vel Tak, to maʼal. Kil Jü van Oak«, sagte sie und war überrascht, in der Frau links des Padaʼar diejenige wiederzuerkennen, die das Raumschiff für das Einsatzteam geöffnet hatte.

Ihre freundlichen Grußworte entlockten den Begleitern Erstaunen. Kurz darauf huschte ein Lächeln über ihre Gesichter und die Frau schenkte ihr ein bedächtiges Kopfnicken.

Sehr gut, schon einmal zwei Eisblöcke weniger.

Als Nächstes wandte sie sich an den Anführer. Sie wählte eine förmlichere Ansprache. »Veltaar Tak, to Padaʼar

»Sie sprechen Voolan?«, fragte der Padaʼar, blieb aber sitzen. Offenbar war sie für eine Begrüßung im Stehen nicht würdig genug.

Jü hatte damit gerechnet. Sie entschied sich für eine ehrliche Antwort. Dafür setzte sie ihr Lächeln des Vertrauens auf und sagte: »Nur wenige Höflichkeitsformulierungen. Die vergangenen Jahre und meine Rolle als galaktische Mittlerin haben mich deren besondere Bedeutung gelehrt. Leider reicht mein Wissen nicht annähernd für den Wortschatz, den Sie bezüglich meiner Sprache in so kurzer Zeit erlernt haben.«

Der Padaʼar durchbohrte sie und Vorka mit seinen Blicken. »Eines der vielen Dinge, in denen wir Ihrer Spezies überlegen sind.«

»Deshalb sind wir heute noch einmal hier«, übernahm Vorka den Staffelstab. Er wählte einen Stuhl, der ihm respektvollen Abstand gewährte. Jü ließ sich gegenüber von ihm auf die sterilen Polster sinken. Eine Sitzfläche mit Memory-Effekt. Wenigstens etwas. Bequemer konnte ihr Hinterteil ein wichtiges Gespräch nicht verbringen.

Vorka bedachte sie keines weiteren Blickes. Sie entschied sich für ein entspanntes Anlehnen und folgte der Gesprächsrunde aufmerksam.

Vorka räusperte sich. »Ich danke Ihnen für diese erneute Zusammenkunft. Ich … oder besser gesagt wir …« Er deutete auf Jü und sich selbst. »… sind Gesandte der Menschen. Nach wie vor möchten wir Ihnen ein Angebot unterbreiten. Wir können den Voolanern Schutz vor den Shaterra hier bei uns auf dem Planeten Turva anbieten. Sie verstehen sicherlich, dass das auch für uns ein Risiko bedeutet. Sie kennen den Stand unserer Ressourcen. Wir müssen eine Basis für gegenseitiges Vertrauen schaffen. Daher möchten wir mit Ihnen verhandeln, was …«

»Sie verlangen noch immer eine Gegenleistung von uns?«, unterbrach der Padaʼar den Diplomaten.

»Nun«, fuhr Vorka lächelnd fort. »Sie verfügen über ein hoch entwickeltes technologisches Wissen, von dem wir gern profitieren würden.«

»Wieso?« Die Gegenfrage des Padaʼar zerschnitt die Luft wie ein Nanolaser Metall.

»Es könnte uns gegen die Shaterra schützen und uns dabei helfen, diese Galaxie wieder zu unserer zu machen.«

»Diese Galaxie? Zu Ihrer? Ihnen gehört nicht einmal dieser Planet hier.«

Vorkas Blick streifte hilfesuchend durch den Raum, drehte aber kurz vor Jü ab, als hätte er es sich anders überlegt, und wanderte zurück zum Padaʼar. »Nun, genau genommen waren wir zuerst hier.«

Jü schüttelte innerlich den Kopf. Was für ein taktloses und unsinniges Argument.

Der Padaʼar schien das ähnlich zu sehen. Er zog die Augenbrauen zusammen und faltete die Hände ineinander. Eine Antwort sparte er sich jedoch aus.

Jü beschloss, die Initiative zu ergreifen. Jetzt oder nie. Sie beugte sich nach vorn und zog dadurch die Aufmerksamkeit auf sich. »Was mein geschätzter Kollege sagen wollte, ist, dass diese Galaxie wieder uns allen gehören sollte. Er bezog Sie in diese Aufzählung mit ein. Die Shaterra sind ein Gegner, gegen den uns bis jetzt die Mittel fehlen. Ihnen ebenfalls. Sonst wäre Ihr Planet noch bewohnbar und Sie nicht mit letzter Kraft hier auf Turva notgelandet.«

Der Padaʼar warf ihr einen durchstechenden Blick zu, ließ aber nicht erkennen, wie er ihre Worte auffasste.

Vorka räusperte sich. Schon wieder. Jü unterdrückte ein Grinsen. Als wäre das ein Ritual der Menschen, bevor sie zu sprechen begannen, wenn es wichtig war. »Werter Padaʼar«, sagte er, »Wir sind überzeugt, eine beiderseits gewinnbringende Vereinbarung treffen zu können.«

»Voolaner verhandeln ihr fortschrittliches Wissen nicht mit einer Spezies wie Ihrer. Vermutlich war es ein Fehler, überhaupt herzukommen.«

Das klang nicht gut. Zu Recht standen Vorka Schweißtropfen auf der Stirn. »Ich bitte Sie, uns noch ein paar Minuten Zeit zu geben.«

»Wieso sollte ich? Sie sind eine primitive Spezies. Wir haben den Fehler schon einmal begangen, einer wenig entwickelten Gesellschaft Geheimnisse zu verraten. Am Ende zerstörte sie sich selbst. Das wird nicht noch einmal passieren.« Die Gesandten der Voolaner erhoben sich synchron und verließen den Raum.

Jü saß kerzengerade in ihrem Stuhl.

Nein! Das durfte nicht wahr sein!

Wenn sie die drei Voolaner nicht binnen Sekunden zurück an den Tisch bekam, war ihre Zukunft dahin.

Sie kramte in ihrer Erinnerung nach der passenden Phrase und entschied sich für das volle Risiko. Das Kratzen von Stuhlbeinen begleitete ihren Weg zur Tür, während Vorka mit unbeweglicher Miene auf seinem Sitz festgewachsen schien.

Sie eilte der Delegation hinterher und rief mit Nachdruck über den Flur: »Wak tao!«

Ich habe etwas Wichtiges zu sagen. So wichtig, dass es in jedem Fall gehört werden muss.

Mit klopfendem Herzen harrte sie aus, betete, dass sie die Worte richtig ausgesprochen hatte, und beobachtete die Reaktion.

Die Voolaner stoppten tatsächlich und warfen sich unschlüssige Blicke zu. Die dunklen Augen des Padaʼar musterten sie mit einer Intensität, die Jüs Herz schneller klopfen ließ. Zu ihrer unendlichen Erleichterung kamen die drei tatsächlich zurück und nahmen wieder am Oval im Konferenzraum Platz.

Jü stieß die Luft aus. Das war knapp gewesen. Doch nur, weil die drei Abgesandten wieder saßen, war sie noch lange nicht am Ziel. Sie hatten lediglich deren Aufmerksamkeit zurückgewonnen.

Während Jü ihren Platz wieder einnahm, fraß sich Vorkas Blick in sie hinein. Er schien die Rückkehr an den Verhandlungstisch als Aufforderung zum Sprechen zu sehen, denn er wandte sich an die Delegation. »Danke …«

Der Padaʼar donnerte seine Faust auf den Tisch. »Schweigen Sie! Ihre Begleitung hat die bedeutsamen Worte gesprochen, nicht Sie. Ihr werden wir zuhören.«

Der Druck lastete nun auf Jü. Sie war sich sicher, dass in der Beobachtungskammer gerade alle Verantwortlichen den Atem anhielten. Nun gut. Genau dafür hatte Mox sie einbezogen. Sie nahm ihren Mut zusammen. Nach allem, was sie in Erfahrung bringen konnte, trat man dem Padaʼar mit Ehrlichkeit und Direktheit gegenüber. Doch das würde kein leichter Weg werden.

Sie nahm einen tiefen Atemzug und sprach: »Sie werfen uns vor, rückständig zu sein. Doch unsere Spezies entwickelt sich auf ausgesprochen verschiedenen Ebenen. Technik ist nur eine davon. Es gibt andere Bereiche, in denen wir Sie als ebenso primitiv, wie Sie es nennen, bezeichnen könnten.« Die Gesichtsfarbe des Padaʼar wurde eine Spur grünlicher, woraufhin Jü unverzüglich weiterredete. Dabei behielt sie seine Körpersprache im Blick. »Man lehrte mich einst, dass zwischen geistiger und seelischer Entwicklung ein Unterschied liegt. Man kann das eine haben, muss das andere aber noch erlangen.«

»Werfen Sie uns Rückständigkeit in der Steuerung unserer Gefühle vor? Dieses Vorurteil soll der wichtige Punkt sein, den Sie uns erklären wollten?«

»Nicht ganz. Ich agiere im Moment lediglich auf die gleiche Weise wie Sie.«

Die Hand des Padaʼar krachte auf den Tisch. »Wie bitte?«

»Ich agiere mit Vorurteilen und unterstelle Ihnen, dass Sie es genauso tun.«

»Das tun wir nicht!« Der Padaʼar beugte sich in einer bedrohlichen Geste näher, während seine beiden Begleiter sich mit großen Augen Blicke zuwarfen.

Der heikelste Punkt stand bevor, doch Jü spürte, dass sie die Verhandlungen in die richtige Richtung kippen konnte. Diese Art des Schlagabtauschs war genau ihr Spielfeld.

»Sind Sie sich da sicher?«, entgegnete sie und fügte hinzu: »Mel nor rak, bata kor el nog – In der Vernunft liegt das Wissen, doch im Herzen der Weg. Das ist ein Spruch, den Sie bereits Ihren Kindern beibringen, richtig?«

Die Gesichtszüge des Padaʼar hellten sich eine Nuance auf und der Blick des Voolaners wurde nachdenklich. Seine Schultern sanken kaum merklich nach unten und seine Atmung vertiefte sich wieder.

Jü nutzte die Veränderung und sprach weiter. »Gleichzeitig postulieren Sie die Annahme, jeder einzelne Mensch sei unterentwickelt, und prognostizieren für uns wie selbstverständlich eine Entwicklung, die auf Ihren Erfahrungen mit einer gänzlich anderen Spezies beruhen. Aber weder kennen Sie jeden einzelnen Menschen, noch differenzieren Sie uns nach unseren individuellen Entwicklungsstufen, zumal Ihnen selbige durchaus geläufig sind.«

Der Padaʼar lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Das war ein gutes Zeichen.

Sofort fiel die Anspannung von Jü. Jetzt erst merkte sie, dass sie ihre Hände unbewusst ineinander verkrampft hatte. Sie lockerte den Griff und setzte eine selbstbewusste Miene auf.

Ein rascher Seitenblick auf Vorka ließ sie beinahe auflachen. Der Diplomat wirkte wie eine frisch gekalkte Wand. Mit unbewegter Miene wartete er auf eine Reaktion der Abgesandten.

Zu Jüs Erleichterung schmunzelten auch die beiden Begleiter der Voolaner. Der Padaʼar hingegen hatte die Handflächen offen auf den Tisch gelegt. Er musterte Jü eine lange Zeit, dann antwortete er: »Sie haben gut gesprochen, Jü van Oak. So viel Aufrichtigkeit habe ich nicht erwartet. Ebenso wenig solche Kenntnis über unsere Umgangsformen, auch wenn ich die Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt gern fortführen möchte, denn ich kann nicht in jedem Punkt zustimmen. Aber ich bin bereit, mit Ihrem obersten Generalstab über ein Abkommen zu sprechen, und danke den Menschen für das Asyl, das wir auf Turva erhalten.«

Die Anspannung fiel in einem erleichterten Ausatmen von Jü ab. »Vielen Dank. Es ist uns eine Ehre.« Hoffentlich sah man ihren Augen nicht allzu sehr an, wie wild ihr Innerstes über diesen Erfolg hin und her hüpfte. Es war ihr Verdienst und wenn Mox nun sein Wort nicht hielt, würde sie persönlich über den Tisch springen.

Ein paar Verabschiedungsfloskeln später schüttelte der Padaʼar ihr die Hand. »Ich habe mir sagen lassen, dass dies eine typisch menschliche Geste ist.« Erstmals bildete sich ein Lächeln in seinen Mundwinkeln. »Zudem weiß ich, welchen Dienst Sie meinem Volk an der Absturzstelle erwiesen haben. Rala mek nir

Jü war sich nicht sicher, ob sie das richtig verstanden hatte, aber sie würde auch nicht extra nachfragen. In ihrer Erinnerung hieß das so viel wie: Du hast etwas gut bei mir.

»Danke, ich weiß das zu schätzen«, antwortete sie. Wer wusste schon, wofür das gut war. Immerhin gab es ja den Spruch ›Man sieht sich immer zweimal im Leben‹. Wenn da etwas Wahres dran war, könnte sich der heutige Tag in der Zukunft noch als wertvoll erweisen.

Jü verfolgte, wie die Abgesandten gemeinsam den Konferenzraum verließen.

Vorka, der zu einem blassen Nichts mutiert war, fand seine Stimme erst wieder, als von den Voolanern nichts mehr zu sehen war. »Wenn das schief gegangen wäre«, zischte er, »hätte Mox Ihren Kopf rollen lassen, van Oak.«

»Hätte er. Ist es aber nicht.« Dass ihr Kopf so oder so gerollt wäre, musste sie Vorka ja nicht auf die Nase binden. Stattdessen fügte sie hinzu: »Außerdem hätte Sie das vermutlich gefreut. Seien Sie lieber dankbar, dass wir das so gut hinbekommen haben.«

Seiner Mimik nach zu urteilen, besänftigte das den Diplomaten nur geringfügig. »Woher haben Sie Ihr Wissen über die Voolaner überhaupt? Mehr als eine allgemeine Grußformel konnte ich nicht eruieren.«

Jü klopfte ihm auf die Schulter. »Sie sollten Ihre Hausaufgaben besser machen. Manchmal ist der Bürostuhl dafür nicht der geeignete Ort.« Mit seinem verdatterten Gesichtsausdruck vor Augen drehte sie sich um und ließ ihn im Konferenzraum zurück.

Auf dem Weg zum Fahrstuhl entdeckte Jü den versammelten Generalstab am Ende des Ganges. Mox schenkte ihr ein Kopfnicken.

Sie ging geradewegs auf ihn zu. Die irritierten Gesichter der Umstehenden ignorierte sie. »General Mox, Auftrag erledigt. Ich gehe davon aus, dass meiner Rückreise zur Erde wie vereinbart nichts mehr im Weg steht.« Absichtlich formulierte sie es nicht als Frage, sondern als Fakt.

Seine malmenden Kiefer zusammen mit den an den Schläfen hervortretenden Adern zeigten ihr, wie er das fand. Aber das war ihr egal. Er hatte den Kampf auf diese Weise begonnen. Nun hatte sie ihm im Gegenzug die Pistole auf die Brust gesetzt. In aller Öffentlichkeit und kurz nach einem triumphalen Wortgefecht.

Ihr Plan ging auf. Mox mied die neugierigen Blicke seiner Stabskollegen und nickte. »Wie vereinbart. Die Details für die Rückreise lasse ich Ihnen morgen zukommen.«

Ein offenes Zugeständnis. Mehr brauchte sie nicht.

Sie quälte sich ein höfliches »Danke« heraus, um den Regeln des Respekts nachzukommen, verabschiedete sich mit einem Händedruck auch von den anderen und begab sich zurück ins Erdgeschoss.

Die geräumige Triniumglas-Halle unterhalb des Central Towers, die das unwirtliche Klima Turvas außerhalb hielt, war heute voll. Neben zahlreichen Menschen hatten sich auch die animalisch wirkenden Flaxen mit ihren scharfen Eckzähnen und dem lang gezogenen Kopf versammelt, genau wie die Grapinger, deren hängende Ohren im Vierfüßlerstand fast bis zum Boden reichten. Nicht viele Spezies vertrugen das Klima der Basis und konnten hier auf Turva Schutz suchen. Doch diejenigen, denen es möglich war, wollten verständlicherweise einen Blick auf die Voolaner werfen, denn sie waren eine Spezies, die ihr Schicksal teilte.

Die Halle war das Herzstück der Basisstation. Mehrere Stockwerke hoch fungierte sie als zentraler Sammelort für Kundgebungen oder Geselligkeitsanlässe. Von hier aus erreichte man jede Etage und konnte auch den Flur einsehen, der die Notunterkünfte enthielt. Dort standen Voolaner an Geländern und starrten ebenso neugierig abwechselnd auf die Bewohner der Station hinab und nach draußen auf den Planeten. Die grüngeaderte Steinwüste war eindrucksvoll und stieg in fünfhundert Metern Entfernung zu einem imposanten Massiv an. Die Basisstation lag auf der wettergeschützten Seite. Außerhalb schlossen sich zahlreiche Produktionsstätten und Wasserfiltrationsanlagen an.

Jü entdeckte zwischen den Voolanern auch welche im Kindesalter. Darunter einige bekannte Gesichter, die unter ihrer Aufsicht in den vergangenen Tagen gemeinsam mit den Menschenkindern spielen durften. Sie winkte ihnen zu und schenkte ihnen ein dankbares Lachen. Immerhin hatten die intelligenten Rabauken ihr wirklich viel beigebracht. Außerdem erinnerte es sie an ihre eigene Kindheit, an die wenigen unbeschwerten Momente, die sie bei ihrem Bruder, seiner Frau und deren Sohn verbringen durfte. Wie oft hatte sie ihrem Neffen aus dem gleichen zerfledderten Buch die Geschichte von Lurry, dem Weltraumlurch vorgelesen, ihn mit Kyra gemeinsam durchgekitzelt und an Blekks Schulter gelehnt in die Sterne geschaut. Sie vermisste all das aus tiefstem Herzen, und ihre Rückkehr war lange überfällig. Dass die Shaterra eine Bedrohung waren, blendete sie aus. Ihr Herz sehnte sich nach ihrer Heimat. So sehr, dass sie bereit war, das Risiko einzugehen.