Leseprobe Die Flucht

Kapitel 2

Die Staatsanwältin traf gleichzeitig mit Miriam, Oliver und ihrem Chef am Tatort ein. Die Kollegen von der Schutzpolizei hatten den Eingangsbereich der Wohnung abgesperrt.

»Was haben wir?«, fragte Lothar den uniformierten Kollegen.

»Eine weibliche Leiche im Bett, ein Messer steckt in ihrem Bauch, ziemlich viel Blut, eine riesige Sauerei.«

»Kennen wir die Identität des Opfers?«, fragte Lothar.

Der Kollege nickte. »Vanessa Marks. Zwanzig Jahre alt. Sie wohnt hier.«

»Wer hat sie gefunden?«

Der Schutzpolizist zeigte den Flur hinunter. Eine Sanitäterin kniete neben einer jungen Frau, die auf dem Boden saß, die Beine angewinkelt, den Kopf mit den Armen abschirmend.

»Eine Freundin. Sina Meiers. Da Vanessa Marks heute nicht in der Schule aufgetaucht ist, wollte sie nachsehen. Sie hat einen Schlüssel und ist rein.«

Lothar klopfte dem Kollegen auf die Schulter. »Gute Arbeit.«

Sie warfen einen Blick ins Schlafzimmer, ohne den Tatort zu ruinieren. Der stechende Geruch nach Blut und Tod schlug Miriam entgegen. Sie hielt die Luft an, während sie sich einen Überblick verschaffte. Eine braunhaarige Frau lag auf dem Rücken im Bett, sie trug einen Slip und ein Shirt. Der Arzt hatte es mit der Leichenschau anscheinend nicht so ernst genommen. Eigentlich hätte er die Leiche ausziehen müssen. Das Bettzeug war voller Blut. Auf den Teppich hatte sich jemand übergeben. Sie musste Luft holen und schluckte. Auch wenn es nicht ihre erste Leiche war, die sie sah, war es noch nicht zur Routine geworden. Meist verfolgte sie dieser Anblick in den ersten Nächten bis in die Träume.

Auf dem Bett lag ein flauschiger Teddybär, gegenüber stand ein Schreibtisch mit Laptop, an den Wänden kleine Bilder, auf der Fensterbank Parfumflacons und Fotos. Das Zimmer erinnerte sie an das eines Teenagers.

Ein Kollege von der Kriminaltechnik kam mit seinem Koffer. »Wir übernehmen jetzt. Ihr dürft gleich weitermachen.«

Sie zogen sich zurück. Lothar koordinierte die weiteren Aufgaben und beauftragte sie und Oliver, erst Sina Meiers und dann die Nachbarn zu befragen.

»Ich mach das«, sagte Miriam, als sie auf die Frau zugingen, die nun von der Sanitäterin einen Pappbecher mit einem dampfenden Getränk in die Hand gedrückt bekam. Die Augen der jungen Frau waren gerötet, das Tränen-Mascara-Gemisch hatte schwarze Streifen auf ihren Wangen hinterlassen.

Miriam kniete sich zu ihr und zeigte der Frau ihren Polizeiausweis. »Wir sind von der Kriminalpolizei. Fühlen Sie sich in der Lage, uns kurz eine Auskunft zu geben?« Als die Frau den Ausweis nicht beachtete, steckte Miriam ihn wieder ein.

Sina Meiers schniefte und wischte sich mit den Handrücken Tränen aus dem Gesicht. »Weiß nicht«, flüsterte sie.

»Sie müssen nicht«, mischte sich die Sanitäterin ein.

Miriam legte der Frau eine Hand auf die Schulter und sah ihr in die Augen. Strähnen ihres rötlichen Haares fielen ihr ins Gesicht. »Ich weiß, wie schwer es für Sie sein muss. Sie haben etwas Schreckliches erlebt und möchten sich am liebsten verkriechen. Aber Sie wollen auch, dass der Täter dafür büßt. Helfen Sie uns dabei.«

»Okay«, krächzte sie.

Miriam setzte sich zu ihr. Sina Meiers stellte den Pappbecher neben ihre Füße.

Miriam nahm die Hände der Frau und drückte sie. Sie musste die Zeugin belehren, doch in solchen Situationen fielen ihr die Formalien besonders schwer, daher fasste sie sich kurz. »Sie müssen keine Angaben machen, wenn Sie mit einem Beteiligten verwandt oder verschwägert sind. Sie dürfen die Antwort verweigern, wenn sie sich oder Angehörigen in Gefahr bringen, wegen einer Straftat verfolgt zu werden. Aber wenn Sie uns etwas erzählen, müssen Sie die Wahrheit sagen, ansonsten könnten Sie sich strafbar machen.«

»Okay«, murmelte Sina Meiers abwesend.

»Haben Sie das verstanden?«

Die Zeugin nickte.

»Erzählen Sie mir, was passiert ist.«

»Vanessa kam heute nicht in die Berufsschule. Ich habe ihr geschrieben, aber sie hat nicht geantwortet. Ich dachte erst, sie ist krank und zum Arzt gegangen. Ich hab ihr mehrere Nachrichten geschickt, es ist total untypisch, dass sie nicht zurückschreibt.«

»Das fanden Sie seltsam.«

»Ich wusste, irgendwas stimmte nicht. Wir wollten heute Nachmittag zusammen shoppen gehen. Also bin ich nach dem Unterricht zu ihr und in ihre Wohnung.«

»Sie haben einen Schlüssel.«

Frau Meiers schniefte. »Ich hab geklingelt und geklopft. Ich hab gewartet und war unschlüssig, ob ich reingehen sollte.« Sie hielt die Hände vors Gesicht und schluchzte auf. »Wie lange hätte sie dort gelegen, wenn ich nicht reingegangen wäre!«

Miriam rieb der Frau über den Rücken. »Sie sind jedoch rein.«

»Ja«, flüsterte sie.

»Und dann haben Sie Ihre Freundin gefunden.«

»Ich … hab sie nicht angefasst, ich …« Ihre Stimme brach.

»Es ist alles in Ordnung.«

»Ich konnte sie nicht weiter ansehen.«

»Das ist verständlich. Ist Ihnen etwas Besonderes in der Wohnung aufgefallen?«

Frau Meiers schüttelte den Kopf.

»Können Sie sich vorstellen, wer das getan haben könnte?«

Wieder verzweifeltes Kopfschütteln. »Nein, wer sollte denn Vanessa umbringen?« Sie weinte hemmungslos, ihr ganzer Körper zitterte. Miriam drückte sie an sich und übergab sie der Sanitäterin.

»Frau Meiers, das haben Sie sehr gut gemacht. Wenn Sie sich erholt haben, würden wir Sie gerne noch mal auf dem Präsidium sprechen.«

Doch die junge Frau hörte nicht mehr zu.

»Sehr einfühlsam, werte Kollegin«, sagte Oliver mit einem kurzen Lächeln. Dann wurde seine Miene wieder ernst. Es war, als hätte er das Lachen verlernt. Immer lag ein Schatten unter seinen braunen Augen, die eine tiefe Traurigkeit ausstrahlten. Es erinnerte sie an sie selbst, als sie vor drei Jahren in ein tiefes Loch gestürzt war und Trauer und Verzweiflung sie wochenlang begleitet hatten. »Danke«, sagte sie und freute sich über sein erstes Lob.

 

***

 

Ein Bach plätscherte über ein Steinbett. Tim setzte sich, aß und trank den letzten Schluck aus der Flasche. Was für eine Wohltat! Er füllte sie mit Bachwasser, obwohl er den Warnhinweis aus dem Ratgeber genau vor sich sah: Niemals aus Bächen oder Flüssen trinken, ohne das Wasser entkeimt zu haben. Die Folgen davon – Durchfall und Erbrechen – konnte er im Moment gar nicht gebrauchen. Ohne Filter oder Reinigungstabletten würde er das Wasser abkochen müssen. Aber nicht jetzt! Erst mal musste er sich so weit wie möglich von Lennestadt entfernen. Und dann stand noch das Nachtlager an.

Er las im Buch das Kapitel über Camp und Lager. Natürliche Unterstände wie Höhlen, Felsvorsprünge und dichte Baumkronen sollte man nutzen, wenn man sie fand. Der Ratgeber erklärte, wie man Pultdachunterstände oder Wigwams baute, gab Anleitungen, wie man Schnur herstellte und Knoten band. Der Autor riet, vieles zu Hause zu üben, bevor man sich in die Wildnis aufmachte.

Tim lachte auf. Wie hätte er sich auf das hier vorbereiten sollen? Er sah zum Himmel, um anhand des Sonnenstandes die Uhrzeit zu bestimmen. Von so etwas hatte er keine Ahnung, konnte sich nur auf sein Gefühl verlassen. Es war bestimmt erst sechzehn Uhr. Er rieb sich das Handgelenk an der Stelle, wo normalerweise die Armbanduhr zum festen Bestandteil ihres Trägers wurde. Nicht mehr bei ihm. Er wusste noch nicht mal, ob sie sich im Nachttischschrank oder im Flur in der Schublade befand, so sehr hatte er sich mittlerweile auf sein Handy verlassen.

 Ob die Teile seines Handys noch in den Mülleimern unter Pappbechern und Bananenschalen vergraben waren oder versuchte jemand bereits, sein digitales Leben daraus zu entschlüsseln?

Ein Klopfen ließ ihn jäh herumfahren. Waren sie ihm schon auf den Fersen? Geschwind erhob er sich und scannte die Umgebung ab. Fichten so weit das Auge reichte, aber keine Polizei.

Er schloss die Lider und sah Vanessa vor sich. Das Messer in ihrem Bauch, wo ihr gemeinsames Baby drin gewesen war. Es hätte zu einem wundervollen Wesen heranwachsen können, doch er hatte diese Chance in einem kurzen Augenblick zerstört. Es schien ihm, als würde sein Kind ihm aus dem Jenseits zurufen. Seine Augen brannten, Tränen drückten sich aus seinem Inneren hervor, doch er schüttelte den Kopf und blinzelte die Traurigkeit weg. Dieses Selbstmitleid konnte er sich nicht leisten.

Als er die Augen öffnete, sah er einen Jungen durch den Wald laufen und mit einem Ast gegen die Stämme schlagen. In dem Moment wurde ihm bewusst, dass nicht sein Kind ihn gerufen hatte, sondern dieser Junge nach seiner Mutter, die kaum mit ihm mithalten konnte. Tims Herz begann zu rasen. Er war noch nicht weit genug in den Wald vorgedrungen. Hastig stopfte er alles zurück in den Rucksack und rannte los.

 

***

 

Eine alte Dame in einem altmodischen Blümchenkleid öffnete Miriam und Oliver die Tür. Ein Dackel kam kläffend angelaufen, fletschte die Zähne.

»Guten Tag. Kriminalpolizei. Wir haben ein paar Fragen an Sie«, begann Oliver das Gespräch.

Die Augen der alten Frau glühten vor Aufregung. »Möchten Sie Tee oder Kaffee?«

»Nein danke«, sagte Oliver.

Sie nahmen auf dem billigen Stoffsofa Platz. Die Schrankwand vollgestellt mit kleinen Figürchen. Es roch nach Zigarettenrauch und Hund.

Die Frau hielt den kläffenden Köter auf dem Schoß, nachdem sie sich gesetzt hatte. Sie schaute sie erwartungsvoll an, als ob es etwas zu gewinnen gäbe. Hoffentlich kamen sie hier schnell wieder raus.

»Wissen Sie, was passiert ist?«, fragte Oliver.

»Ich habe von einer Leiche gehört.«

»Genau. Wir werden Sie nun als Zeugin zu dem Tötungsdelikt an Vanessa Marks befragen.«

Die Frau nickte eifrig. An einer Wand ein großes Foto von zwei Kindern mit einem Bernhardiner in der Mitte.

»Ich muss Sie darüber aufklären, dass Sie keine Angaben zur Sache machen müssen, wenn Sie mit einem Beteiligten verwandt oder verschwägert sind. Außerdem können Sie die Antwort verweigern, wenn Sie sich oder einen nahen Angehörigen damit in die Gefahr bringen würden, wegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit verfolgt zu werden.«

»Da machen Sie sich mal keine Sorgen.« Die Frau wedelte mit der Hand, was ihr Köter mit einem Kläffen quittierte.

»Wenn Sie Angaben zur Sache machen können, sind Sie gehalten, die Wahrheit zu sagen, andernfalls könnten Sie sich strafbar machen.«

»Ich sage immer die Wahrheit.« Sie hob den Kopf, als sei es eine unerhörte Unterstellung.

»Haben Sie alles verstanden?«, fragte Oliver.

»Gewiss.«

»Fürs Protokoll brauche ich noch Ihren Namen und Ihren Personalausweis.«

»Hannelore Bilcher.« Sie stand auf, ohne den Hund loszulassen, und holte den Ausweis aus dem Flur.

Oliver notierte sich die Daten. »Ist Ihnen etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«

Der Köter bellte und wand sich in den Armen von Frauchen. Konnte sie ihn nicht einfach runterlassen? Sie quälte doch das arme Tier.

»Frau Marks ist wirklich tot, ja? Schrecklich. Dass ich das noch erlebe.« Sie schüttelte betroffen den Kopf.

»Haben Sie heute oder gestern eine fremde Person im Haus gesehen?«, fragte Oliver.

»Frau Marks kam mir gestern mit einem adretten Mann im Treppenhaus entgegen.«

Oliver legte den Notizblock auf sein Knie. »Wann war das?«

»Kurz vor der Tagesschau. Ich hatte mir noch Zigaretten geholt«, sagte sie und zeigte auf die Schachtel auf dem Tisch. Daneben ein übervoller Aschenbecher aus Glas.

»Haben Sie ihn schon mal gesehen?«, fragte Oliver.

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Wie sah er aus?«

»Er war attraktiv und charmant.«

»Welche Haarfarbe?«

Frau Bilcher zuckte mit den Schultern.

»Welche Kleidung trug er?«

»Neumodische, wie sie junge Männer eben tragen.«

Oliver zog scharf die Luft ein. »War er groß oder klein?«

»Auf jeden Fall größer als Frau Marks.«

Der Köter konnte sich aus dem Griff befreien und sprang zu Boden, wo er sich an die Füße von Frauchen kuschelte. Endlich Ruhe.

»Ich habe ihn mir nicht so genau angesehen. Sie hätte nächste Woche doch wieder einen anderen mitgebracht.«

»Frau Marks hatte also öfter Männerbesuch?«

Frau Bilcher nickte aufgeregt. »Sehr oft.«

»Können Sie zu den anderen irgendwelche Angaben machen?«

»Die sahen doch alle gleich aus.«

Oliver brummte zustimmend. »Ist Ihnen sonst noch etwas Besonderes aufgefallen?«

»Frau Marks hat abends oft laut Musik gehört. Ich habe das Hörgerät herausnehmen müssen, damit ich schlafen konnte. Ich habe es ihr nie gesagt, wollte es immer, na ja …« Sie zuckte mit den Schultern, als gäbe es etwas zu entschuldigen.

»Aha«, sagte Oliver gelangweilt.

»Und ich musste ständig Pakete für sie annehmen. Es kamen fast jeden Tag welche von Zalando oder Otto. Den Postboten kenne ich jetzt -«

Oliver hob die Hand. »Vielen Dank, Frau Bilcher. Ich denke wir haben alles, was wir wissen müssen.«

»Gewiss.« Sie drückte sich aus dem Sessel hoch, was den Köter wieder anschlagen ließ. »Ich bringe Sie zur Tür.« Sie plapperte weiter, dass sie die jungen Frauen ja verstehen könnte, aber die Männergeschichten doch etwas überhandgenommen hatten. Sowas hätte es in ihrer Jugend nicht gegeben.

»Sie hören von uns. Wir müssen Ihre Aussage noch offiziell im Präsidium zu Protokoll nehmen.«

»Puh«, sagte Miriam, als sie die Wohnungstür geschlossen hatte. »Wir werden wohl kaum brauchbare Informationen von ihr bekommen.«

»Wir werden sehen.«

Sie klopften an der nächsten Tür. Ein vielleicht fünfundzwanzigjähriger Mann im Jogginganzug öffnete, Pausbacken, Brille, Lockenschopf. Ein Nerd, dachte Miriam, und ihr erster Eindruck wurde bestätigt, als sie einen Blick ins Innere erhaschen konnte und zwei flimmernde Bildschirme erblickte. Die Rollladen waren zugezogen, so dass die Wohnung in ein düsteres Schummerlicht getaucht war.

»Ja?«, fragte der Kerl und kratzte sich den Kopf, wobei ein paar Hautschuppen zu Boden fielen. Miriam schüttelte sich innerlich. Oliver fragte ihn nach seinen Personalien und belehrte ihn.

»Hab mich schon gewundert, was die Polizei hier macht.«

»Haben Sie irgendetwas mitbekommen?«

Der Nerd schüttelte den Kopf.

»Können Sie uns etwas zu Vanessa Marks sagen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich wollte sie zum Date einladen, doch sie hat mich abserviert. Seitdem sieht sie mich nicht mal mehr an.«

»Sind sie sauer deswegen?«

»Nicht wirklich. Mir war klar, dass ich bei ihr keine Chance habe. Aber versuchen kann man es ja mal.« Sein Gesicht strahlte Gleichgültigkeit aus, aber diesen heimlichen Verehrer sollten sie bei den Ermittlungen im Hinterkopf behalten. 

Auch die anderen Nachbarn konnten keine sachdienlichen Hinweise liefern. Als sie wieder zum Tatort kamen, verließ der letzte Kriminaltechniker im weißen Overall die Wohnung. »Euer Tatort«, sagte er und hob zum Abschied die Hand.

Lothar und die Staatsanwältin betraten den Flur, Miriam und Oliver folgten ihnen. Die Wohnung bestand aus Bad, Küche und einem Zimmer, das sowohl als Schlaf-, Wohn-, und Arbeitsraum fungierte. Die Küche war klein, aber zweckmäßig eingerichtet. Auf dem Kühlschrank türmte sich Obst in einer Schale, dahinter mehrere Müslipackungen. Ein Tisch mit vier Stühlen, darauf eine Vase mit Rosen. Darüber hing ein großer Wandkalender, der mit Geburtstagen vollgeschrieben war. Im Badezimmer roch es wie in einer Parfümerie. Ein pinkfarbener Duschvorhang hing in der Badewanne.

Zum Schluss betraten sie den Wohn- und Schlafraum. Die inzwischen nackte Leiche lag auf dem Bett. Das Blut. Dieser Gestank. Miriam versuchte, durch den Mund zu atmen. Sie trat näher heran. Das Messer hatten die Kriminaltechniker entfernt. Auf dem Bett befanden sich zwei Kopfkissen. Die Bettdecke zerknüllt. Die leeren Augen des Opfers starrten nach oben.

Ein Blitzlicht von Bildern zuckte durch Miriams Erinnerung. Blutstreifen auf dem Asphalt, das Motorrad in Seitenlagen, der Wind der Vergangenheit in ihren Haaren, der ihre Augen mit Tränen füllen wollte. Miriam verdrängte die Gedanken.

»Sie lagen zu zweit hier«, sagte Oliver und zeigte auf die zwei Kissen.

»Vielleicht hat sie geschlafen, als er es getan hat«, warf Miriam ein.

»Wir wissen noch nicht, ob wir es mit einem männlichen Täter zu tun haben«, sagte Lothar. »Interessant ist jedoch der positive Schwangerschaftstest, den die Spurensicherung auf dem Schreibtisch gefunden hat.«

»Deswegen wohl das Messer im Bauch«, schlussfolgerte die Staatsanwältin.

Ein Schauer lief Miriam den Rücken hinunter. Das wehrlose Wesen. War noch nicht auf der Welt und wurde kaltblütig erstochen. »Was für ein Messer?«, fragte sie.

»Ein Filetiermesser, hat die KT gesagt«, antwortete Lothar. »Beim Messerblock in der Küche fehlt so eins.«

»Klingt nicht nach einer geplanten Tat«, sagte Oliver.

»Totschlag«, flüsterte Miriam.

»Was sollen wir als Täterwissen deklarieren?«, warf die Staatsanwältin Petra Wanniger ein. »Zum Beispiel, dass das Messer aus dem Messerblock stammt?«

»Und die Messerart«, fügte Lothar hinzu.

Miriam zeigte auf das Erbrochene neben dem Bett. »Wenn das hier nicht von Sina Meiers ist, wird die DNA uns wohl schnell zum Täter führen.«

»Hoffen wir es«, sagte Lothar.

 

***

 

Erschöpft streifte Tim den Rucksack ab und lehnte sich an einen Stamm. Er fühlte sich schlapp und ausgelaugt, aber zumindest den Jungen mit seiner Mutter hatte er abgehängt. Er glaubte nicht, dass sie ihn erkannt hatten, dafür waren sie zu weit entfernt gewesen. Wenn er Glück hatte, hatten sie noch nicht mal Notiz von ihm genommen.

Tim rieb sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und holte die Flasche hervor. Gierig trank er ein paar Schlucke, zügelte sich jedoch. Sie war nur noch halb voll. Er würde morgen nach Wasser suchen und es entkeimen müssen. Tim verschlang ein Brot und genoss fünf Kekse, die er in Viertel durchbrach und langsam im Mund zergehen ließ. Süß und butterweich umschmeichelten sie seine Zunge. Der Geschmack nach Nostalgie. Bei Oma Rosemarie hatte es nach dem Mittagessen jedes Mal einen Keks gegeben. Tim hatte immer um zwei gebettelt und dazwischen ein Stück Gouda gelegt. Herzhaft und süß, ein wunderbares Zusammenspiel. Damit war er nach draußen auf den Hof gerannt. Zur Scheune, in der Opa das Heu und Stroh für die Pferde aufbewahrte. Nicole und er hatten sich dort aus den Ballen eine Festung mit Schluchten und Tunneln gebaut, konnten darin herumtollen, hatten sich versteckt. In der Ecke gab es einen Spalt hinter einer leeren Wassertonne. Einmal hatte er sich dahinter gezwängt und ausgeharrt. Sein Pulsschlag hatte sich beschleunigt, er hatte die Hände an die Holzwand gepresst, die Augen zusammengekniffen. Auf ihre Schritte und das Geraschel des Strohs gelauscht. Er hatte sich in Gedanken bestätigen müssen, dass er hier wieder rauskam. Dass es nicht der Schuppen im elterlichen Garten war. Dass es keine Tür gab, die zufallen konnte. Trotzdem hatte ihn die Enge bedrückt. 

»Wo versteckst du dich?«, rief Nicole irgendwann verärgert. Allein dafür hatte es sich gelohnt. Als sie aus der Scheune lief, kam er aus dem Versteck hervor.

»Hier bin ich!«, rief er, ein breites Lächeln auf dem Gesicht.

Sie rannte zu ihm, außer Puste. »Mann, wo hast du gesteckt?«

Er grinste. »Geheimversteck.«

»Zeig es mir!«, forderte sie und zog ihn in die Scheune. Tim zeigte es ihr.

»Wir spielen etwas anderes«, entschied sie und lief nach draußen. Beleidigt, dass sie nicht auf die Idee gekommen war, ihn dort zu suchen. Sie stürmte zu Sammy, der Sennenhündin. Nicole umarmte sie und kraulte ihren Kopf, rannte mit ihr zum Zaun der Pferdekoppel. Sammy bellte und sprang um Nicole herum. Die Sonne hatte geschienen, hatte Wärme und Fröhlichkeit in ihren Sommerstrahlen zu ihnen geschickt.

Jetzt sendete das Himmelsgestirn die traurigsten Strahlen, die es besaß. Bewegte Flecken auf dem Waldboden, unstete Schattenwandler, wie getriebene Wesen, die keinen festen Stand fanden. Die Natur in Bewegung, ihn in sich aufnehmend. Die Brise streichelte sein Gesicht. Konnten es nicht die Strahlen der unbeschwerten Tage sein? Wo gab es die große Weltuhr, an dessen Zeigern er drehen konnte? Es war später Nachmittag. Er war gerade mal ein paar Stunden in der Wildnis und sehnte sich schon nach Hause.

Er schluckte, holte das Buch hervor und überflog das Kapitel über Lager und Unterschlupf. Der Beschreibung folgend, baute er einen Pultdachunterstand an einem umgefallenen Baum. Dafür lehnte er gerade Stöcke eng zusammen an den dicken Baumstamm. Tim sammelte in der umliegenden Umgebung Moosplatten, um sie wie Dachschindeln auf die aneinandergereihten Äste zu legen. Von unten nach oben, damit der Regen abfließen konnte.

Darunter hätte er Laub häufen sollen, doch hier gab es nur die Monokulturen der Nadelbäume, also nutzte er Tannennadeln und Tannenzweige. An Tannenbaumschonungen war er schon vorbeigekommen. Hoffentlich würde er in der nächsten Nacht auf Laubbäume treffen.

Er zog den Fleecepullover an und legte sich unter den Unterstand. Eine Spinne, so groß wie ein Golfball, krabbelte an einem Ast entlang und seilte sich ab, genau auf seinen Kopf zu. Er wich zurück und schlug nach dem Tier. Es landete einen Meter entfernt. »Komm mir nicht zu nahe!«, rief er.

 

***

 

Nachdem Lothar persönlich die schreckliche Nachricht den Eltern von Vanessa Marks überbracht hatte, hatte er eine Lagebesprechung einberufen. Miriam, Oliver, die Staatsanwältin und Felix, der alle eingehenden Daten dokumentieren, auswerten und zusammenführen sollte, trafen sich im Besprechungsraum. Lothar würde die Sonderkommission leiten. Er hängte ein Foto des Opfers an das Whiteboard.

»Lasst uns über den Tatort sprechen.«

Sie trugen alle Informationen zusammen und holten ihren Kollegen Felix mit ins Boot. Miriam berichtete von den Zeugenvernehmungen im Haus und von der Aussage von Frau Bilcher.

»Also hat Vanessa am Tag zuvor einen Mann mit in ihre Wohnung genommen«, sagte Lothar. »Wahrscheinlich der mutmaßliche Täter.« Er malte einen Kreis auf die Wand und ein Fragezeichen hinein.

»Die Kriminaltechniker haben das Handy untersucht und mir übergeben.« Lothar hielt es wie zum Beweis in die Luft. »Ich habe mir die letzten Kontakte angesehen. Das waren Sina Meiers und drei Männer, mit denen sie in letzter Zeit per WhatsApp geschrieben hatte. Darunter Mirko Volkmann, Fabio Pausch und Tim Eichner.«

Er schrieb die Namen auf das Board und klebte Fotos dazu. Anscheinend hatte er das Handy bereits ausgelesen und die Kontaktfotos ausgedruckt. Als Lothar das Foto von Tim Eichner an die Wand hing, stockte Miriam der Atem. Tim, flüsterte ihr Herz. Ihr Tim? Er hatte Kontakt mit Vanessa gehabt? Tim ein Tatverdächtiger. Ihr Herz wurde schwer. Wahrscheinlich würde sich alles aufklären und sie würden heute beim Training über das Missverständnis lachen.

»Der Tim Eichner?«, fragte Oliver.

Ihr Kollege kannte ihn?

»Ja, genau der«, bestätigte die Staatsanwältin. »Ich würde ihm gerne persönlich die Hölle heißmachen, aber das überlasse ich lieber euch.«

»Wer ist das?«, fragte Miriam und verschwieg ihren eigenen Bezug zu ihm. Keiner musste wissen, dass sie ihn vom Basketball her kannte. Womöglich würde man ihr sonst Befangenheit unterstellen und sie würde aus der Sonderkommission fliegen. Nein. Ihre Arbeitskollegen wussten nichts von ihrem gemeinsamen Training mit ihm. Sie hatten zwar schon Telefonnummern ausgetauscht, aber noch keine Nachrichten geschrieben oder telefoniert. Auch hatte der Verein sie noch nicht auf die Internetseite als Trainerin aufgeführt. Und das Kribbeln in ihrem Bauch? Das ging keinen etwas an. Sie wollte an dem Fall mitarbeiten, wollte sehen, welches Bild die Ermittlungsergebnisse ergeben würden.

»Er ist einer der bekanntesten Strafverteidiger der Stadt«, sagte Wanniger, und dabei blitzten ihre Augen auf. Sie schien ihm nicht wohlgesonnen zu sein. Wahrscheinlich hatte er ihr bereits bei einigen Prozessen das Leben schwer gemacht. Aber das machte ihn noch lange nicht zum Mörder.

»Interessant ist der letzte Kontakt mit Tim Eichner. Das Opfer hat ihm gestern eine Nachricht geschrieben: Ich bin schwanger. Danach haben sie zwei Minuten miteinander telefoniert«, fuhr Lothar fort.

Das Loch unter ihr wurde größer und zog sie in die Tiefe. Hatte Tim mit dem Opfer geschlafen? Der positive Schwangerschaftstest. Er hatte ihr doch gesagt, er sei Single. Sie spürte einen Stich in ihrem Herzen. Bin ich wirklich eifersüchtig? Ja, musste sie sich eingestehen. Vielleicht war es nur ein Missverständnis.

»Wir sollten ihn vorladen«, sagte Oliver.

Lothar nickte.

Dann würde sich sicherlich aufklären, dass Tim nicht der Mörder war. Sie konnte sich den lebenslustigen und zuvorkommenden Mann nicht mit einem erhobenen Messer vorstellen.

»Was ist mit den anderen?«, fragte Miriam.

»Mit Fabio Pausch hatte das Opfer nur telefonischen Kontakt, dafür in der letzten Woche fünf Mal. Und mit Mirko Volkmann schien sie sich demnächst treffen zu wollen. Anscheinend haben sich die beiden in einer Disco kennengelernt, das zumindest lässt sich aus den Nachrichten entnehmen.«

Miriam schöpfte Hoffnung. Es musste nicht Tim gewesen sein. »Wir müssen alle vernehmen.«

»Das werden wir«, bestätigte ihr Chef. »Auch die Eltern, falls sie sich in der Lage dazu fühlen. Allerdings haben sie angedeutet, dass sie kaum noch Kontakt zu ihrer Tochter hatten.«

»Was ist mit Sina Meiers? Sie hat das Opfer gefunden. Wir dürfen sie nicht als Verdächtige ausschließen«, sagte Oliver.

Lothar schrieb ihren Namen an die Wand. »Miriam und Oliver, ihr nehmt euch noch mal das Handy des Opfers vor.«

Lothar beauftragte Felix mit den Vorladungen für die Eltern des Opfers, die drei Männer, Frau Bilcher und Sina Meiers. Lothar fasste noch einmal die Umstände der Tat zusammen, erklärte, dass er für den nächsten Tag eine Pressekonferenz ansetzen würde, und beendete dann die Besprechung. Er übergab Miriam das Smartphone des Opfers.

»Der Code ist ihr Geburtsjahr«, sagte er.

Miriam sah auf das iPhone. Eingefasst in einer blauen Hülle mit einem Flamingo auf der Rückseite. Im schwarzen Display spiegelte sich ihr Gesicht. Sie wollte lächeln, Hoffnung schöpfen, doch es gelang ihr nicht. Es schien, als starrten Vanessas Augen ihr entgegen und wollten ihr etwas mitteilen. Rasch ließ sie das Handy sinken und folgte Oliver ins Büro. Es galt, Fakten zu sammeln.