Leseprobe Die Chocolaterie der süßen Herzen

Kapitel 1

C wie Chocolaterie 

Cappuccino-Trüffel

Cremig süßer Cappuccino, eingebettet in herber, duftender Schokolade, umschmeichelt von einem Hauch Zimt, zart schmelzend und die Seele streichelnd. 

Chocolat, Chocolate, Cioccolato, Czekolada, Qiǎokèlì, Choklad, Шоколад, Schoggi, Σοκολάτα, Chocolata, Çikolata, Čokolada, Chocola, شوكولاتة, Chokolade, Csokoládé, Čokoláda, Sjokolade.

Das sieht großartig aus! Appetitlich glänzt die dunkle Schokoschrift vor mir und der Duft des herben Trinitario-Kakaos verlangt geradezu, mir eine der grazil geschriebenen Köstlichkeiten auf der Zunge zergehen zu lassen. Jeder Buchstabe verspricht Aromen von Nelke und Zimt, Fichte und Pinie, darüber liegt ein Hauch Zitrus. Perfekt.

Aber nein! Ich bin nicht so maßlos und futtere meine eigene Dekoration auf. Schließlich sollen die hauchzarten Schokoladenwörter zwischen meinen Trüffeln und Pralinen, den Schokoladentafeln und dem Konfekt das i-Tüpfelchen der Auslage in der Chocolaterie sein.

Nur, langsam gehen mir die Sprachen aus. Davon muss es doch noch mehr geben. Platz hätte ich zur Genüge, vor allem in dem Regal gegenüber der Schokobar mit den Trinkschokoladen würden sich ein paar weitere Schokoschriften gut machen.

Gibt es eigentlich in jeder Sprache das Wort Schokolade? Wie viele Sprachen gibt es überhaupt?

»Google, bitte wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?«

Mein Handy erwacht in seiner porzellanenen Schokoladenhalterung zum Leben: »Weltweit gibt es heute etwa sechstausendfünfhundert Sprachen, die sich in fast dreihundert genetische Einheiten, einhundertachtzig eigentliche Sprachfamilien mit mehr als einer Sprache und einhundertzwanzig isolierte Sprachen einteilen lassen.«

Oh! Da ist ja noch Luft nach oben. Dann muss ich jetzt nur noch herausfinden, welche weiteren sechstausendvierhundertzweiundachtzig Sprachen es für mein Schokoschriftprojekt gibt. Plus Elbisch.

Frank Sinatra unterbricht meine linguistischen Betrachtungen der Schokowelt und kündigt vibrierend meine Schwester an. Dank der Freisprecheinrichtung muss ich nicht einmal die Hände von meiner geliebten Schokolade lassen.

»Hey Schokofee, wie weit bis zu den Ellenbogen steckst du gerade in guter Schoki?« Mays Stimme klingt abgehackt und wird von starkem Rauschen begleitet.

»Hey Flugfee, wie hoch in den Wolken steckt gerade dein Kopf?«

Meine Schwester lacht ihr Tinkerbelllachen und ihr Charme rieselt wie Konfetti auf mich herab. »Ich bin auf dem Heimweg von San Francisco, aber wir haben noch ein paar Stündchen vor uns. Ich brauche dringend das großartigste Sorry-Schokorezept aus Gwenis altem Rezeptbuch.«

Ich halte inne und das Wort Choklad schwebt auf halber Höhe eingeklemmt in der Pinzette in meiner Hand über den Moltobeerentrüffeln. »Was hast du dem armen Ole denn dieses Mal zu beichten?«

»Ich sage nur Cookinseln«, haucht mir May so verführerisch ins Ohr, dass ich statt meiner entzückenden Chocolaterie glasklares, türkises Wasser vor mir sehe, das in sanften Wellen auf einen weißen Sandstrand trifft, während Palmen in einer Brise rascheln.

Damit mir nicht die Schokolade durch meinen Inseltagtraum schmilzt, kehre ich zurück in den dunkelgrauen Berliner Novembermorgen, nicht ohne wenigstens einmal kurz und mitleiderregend zu seufzen. Mein letzter Strandurlaub ist mindestens ein Jahrhundert her und schon eigentlich gar nicht mehr wahr. »Und was genau haben die Cookinseln mit deinem Ehemann zu tun, dass du dich bei ihm entschuldigen musst?«

Es knackst und rauscht sehr ohrunfreundlich und May ist kaum zu verstehen. »… Flug zu Cookinseln … Ole … Geburtstag … Piloten Clark und Brad … bye … muss mich kümmern …«

Zack, weg ist meine Schwester. Zurück irgendwo hoch oben in den Wolken zwischen hier und San Francisco, wo sie mit ihrer stets strahlenden Laune als Co-Pilotin die Passagiere auf dem langen Flug sicher durch die Lüfte navigiert.

May ist einfach so. Sie steht morgens singend auf, umarmt sich und die Welt und geht abends pfeifend schlafen. Dazu ist sie kein Kind von Traurigkeit und legt sich gern mal bei dem einen oder anderen Verehrer dazu – oder eher legte, denn seit sie mit Ole verheiratet ist, liegt sie nur noch bei diesem einem Mann – hoffe ich. So ist das Grüppchen ihrer Verflossenen doch recht beachtlich, wobei sowohl Clark als auch Brad dazugehören. Da ist es wohl eher das kleinere Problem, dass sie offensichtlich ausgerechnet zu Oles Geburtstag unterwegs sein wird.

Ach May, manche Prioritäten solltest du wirklich lieber anders setzen.

Da ich aber genau weiß, dass meine Gardinenpredigten bei ihr verpuffen wie Morgentau im Sonnenschein, mache ich lieber das, was ich am besten kann – erstklassige Schokolade und in diesem Fall eine schokoladige Überraschung für Ole, die ihn vergessen lassen wird, dass May mit Superman und Mister Universum auf die Cookinseln fliegt. An seinem Geburtstag.

Vorsichtig platziere ich das wundervolle Choklad vor die herbsüßen Moltobeerentrüffeln und greife nach einem der Blöcke mit Klebezetteln, die ich unter der Theke gestapelt habe. Ich notiere mir ein paar Stichworte zu Oles Sorry-Schokolade und skizziere sogleich eine mögliche Form dazu. Ein Surfbrett wäre cool, er liebt das Surfen. Oder besser nicht, das erinnert zu sehr an die Cookinseln. Wie auch immer, auf jeden Fall muss die Schokolade mindestens fünfundachtzig Prozent Kakaoanteil haben, Ole wird das Glück daraus brauchen.

Welche Sprache wird eigentlich auf den Cookinseln gesprochen? Cookisch? Wohl kaum. Aber Schokolade gibt es dort doch bestimmt, wie auch immer sie heißen mag. Ehe ich meine allwissende Freundin Google befragen kann, ertönt das charakteristische Knacken einer vollkommenen, hochprozentigen, tiefdunklen Tafel Schokolade, wenn das erste verheißungsvolle Stück abgebrochen wird. Ich liebe die Türglocke meiner Schokofee.

»Guten Morgen, meine liebe Julie, haben Sie denn schon geöffnet?«

»Für Sie doch immer, Herr Munzel.« Mein Blick wandert von seinem grauen Haarflaum zu der Kakaobohnenuhr über dem Durchgang, in dem er stehen geblieben ist. Zwar öffnet die Schokofee erst ab zehn Uhr ihre Pforten für die Gäste, aber irgendwo auf der Welt ist es jetzt garantiert schon zehn Uhr. »Setzen Sie sich gern an Ihren Lieblingsplatz im Wintergarten, ich bringen Ihnen gleich Ihre französische Schokoladenmilch.«

»Ich danke Ihnen aufs Herzlichste, meine Liebe.« Mit einem Nicken verbeugt sich Herr Munzel leicht vor mir und schlurft zurück in den Wintergarten, durch den er eben hereingekommen ist. In einem Sessel vor dem Panoramafenster in Richtung des Seeschlösschens Wannsee macht er es sich gemütlich und greift nach dem Tagesspiegel auf dem niedrigen Tisch vor sich. Umrahmt von prächtigen Kakaopflanzen, die saftig grün ihre Pracht zur Schau stellen, raschelt sich Herr Munzel durch die Seiten der Zeitung.

In die Milch, die ich bereits erwärmt habe, rühre ich mit einem Schneebesen delikate, edelbittere Schokolade aus ecuadorianischem Nacional-Kakao, bis sie geschmolzen ist und mich mit ihrem Duft nach trockenen Früchten und Sonne umhüllt. Während die Köstlichkeit ruht, verteile ich das slowenische Čokolada, zusammen mit dem norwegischen Sjokolade, zwischen den Himbeerpralinen.

Liebevoll rühre ich wieder die wundervolle Chocolat chaud à l’ancienne für Herrn Munzel um und gieße sie in eine altmodische Schokoladenkanne aus feinstem Tettau-Porzellan. In ein zweites Kännchen gieße ich den Rest und bestreue die Süßigkeit mit einer Prise Fleur de Sel, wohingegen Herrn Munzels Schokoladenmilch einen Hauch Zimt aufgestäubt bekommt.

Gerade als ich ihm seine Leibspeise serviere, öffnet sich ein zweites Mal an diesem Morgen die Tür zur Schokofee. Zusammen mit einem Schwall feuchtkalter, grauer Novemberluft schlüpft Herr Wester herein, grüßt mich formvollendet, reicht mir seinen Mantel und lässt sich gegenüber von Herrn Munzel in einen Sessel sinken. Genießerisch schnuppernd zieht er seine Spezialität zu sich heran. »Das duftet ja wieder ganz famos, Fräulein Blum.«

»Und es schmeckt noch viel famoser.«

»Apropos famos, Sie gestatten einem alten Mann zu sagen, wie famos auch Sie heute wieder aussehen?« Ein Lächeln, welches in den Fünfzigerjahren garantiert reihenweise Mädchenherzen zum Glühen gebracht hat, durchzieht Herrn Westers furchiges Gesicht, wobei mich seine silbergrauen Augen wohlwollend anstrahlen. Und noch heute, sechzig Jahre später, lässt er junge Frauen wie mich erröten und ich streiche mir lachend über die Taille meines blumenübersäten Kleides, das exakt dieselbe granatrote Farbe hat wie die Blüten der Kakaopflanzen rund um mich herum.

»Sie Charmeur, lassen Sie beide es sich bitte schmecken und wenn Sie noch etwas benötigen, rufen Sie mich.« Beschwingt gehe ich durch den bogenförmigen Durchgang aus dem Wintergarten zurück in die Chocolaterie und richte mir dabei das Tuch, das meine schokobraune Haarflut zumindest am Anfang des Tages halbwegs bändigt.

Kaum habe ich mir überlegt, wo ich das Schweizer Schoggi drapieren soll, beginnt der Ansturm des Tages. Die Schokoladenknacktürklingel knackt in einem fort und ein Strom an schokoverliebten Kunden beehrt meine Chocolaterie. Liebevoll wähle ich für sie zart schmelzende Trüffeln aus, verpacke süße Geschenke und berate schokohungrige Gaumen. Für die Gäste, die es sich im Wintergarten bequem machen, schmelze ich je nach Vorliebe würzige dunkle oder aromatische helle Schokolade in warmer Milch, arrangiere köstliches Konfekt auf blütenweißen Tellern und reiche Törtchen, aus deren Inneren die noch warme, dickflüssige Schokolade quillt, wenn die Gabel sie zerteilt.

Trotz des grauen Tages funkelt die Schokofee, es duftet nach frisch gemahlenem Kakao, edler Vanille und einem Hauch Zimt. Gegen Mittag reißt eine schüchterne Sonne ein paar Lücken in die Wolkendecke und schickt ihre Strahlen durch die großen Panoramafenster der Chocolaterie. Warm glänzen die honigfarbenen Dielen im goldenen Licht. Es lässt die Maserung des Olivenholzes leuchten, aus dem die Schokoladenbar und die Regale geschreinert wurden. Verliebt fahre ich mit den Fingern eine geschwungene Struktur auf der Theke nach. Leon hat hier großartige Arbeit abgeliefert, die Oberfläche fühlt sich an wie Seide.

»Wenn Se dann mal fertig sind mit Ihre Träumerei, will ich zwee Marsriegel.«

Ich zucke zusammen und blicke auf. Der Mann vor mir sieht aus, als hätte er Erfahrung mit Unmengen an Marsriegeln. Der könnte glatt die zwei geforderten Riegel quer in seinen Mund schieben. Aber nicht mit mir! »Sie meinen, Sie möchten gern eine hervorragende Edelbitterschokolade aus Ecuador, die mit einer wundervollen Honigcreme gefüllt und von einer Lage goldgelben Karamells gekrönt ist?«

Ohne ihm die Chance auf ein Nein zu geben, hole ich von der Schokobar einen Riegel vollkommenen Glücks, schneide diesen auf, sodass sein goldenes Inneres zum Vorschein kommt, und reiche ihn dem Schokoladenfrevler. Der Duft der edlen Criollo-Kakaobohne, vermischt mit dem nuancenreichen Acahual-Honig, wirkt seinen Zauber und die Knopfaugen meines Kunden weiten sich. Ich sehe regelrecht den Appetit auf den Happen Purzelbäume in ihm schlagen. »Probieren Sie ruhig, der Erste geht aufs Haus.«

Mit spitzen Fingern greift er nach dem Schokotraum und schiebt ihn sich in den Mund, wo der Geschmack augenblicklich explodiert. Oh ja! Treffer und versenkt.

Er räuspert sich umständlich und schielt zur Schokobar. Unter einer Glashaube stapeln sich die Riegelköstlichkeiten und locken ihn. »Bei den Dings, bei den, Se-wissen-schon-Riegeln krich ich imma Zahnweh. Aber das hier …«

Ich lächele strahlend wie eine Prophylaxeschwester bei der Zahnreinigung. »Meine Riegel sind ja auch keine in Fett gebadeten Zuckernacktmulle.«

Wieder schielt er zur Schokobar.

»Wie viele darf ich Ihnen einpacken?«

Umständlich zuppelt er ein kariertes Taschentuch aus dem Ärmel und betupft sich damit die Stirn. »Ähm, alle.«

»Aber gern doch. Wünschen Sie sonst noch etwas?«

»Dat reicht. Für heute. Denke ich.« Er legt dreißig Euro in die Geldschale und greift nach der Packung mit den Riegeln. »Stimmt so.«

Oh ja, wie recht er hat, genauso stimmt meine Welt und ich hoffe, dass ich seine damit ein wenig köstlicher machen konnte. Und das nächste Mal zeige ich ihm, wie wundervoll die wirklich längste Praline der Welt mundet.

Apropos Welt, mir fehlen noch immer Sprachen für meine Schokoladendekoration. Wie wäre es mit Walisisch? Ich will eben zum Handy greifen und nach einer Übersetzung suchen, da stürmt Leander herein und rennt dabei fast eine meiner ältesten Kundinnen um, deren Namen ich noch immer nicht herausgefunden habe. Sie ist mindestens so zugeknöpft wie ihre hochgeschlossene Spitzenbluse von neunzehnhundertfünf. Ich kenne nur ihren Schokogeschmack und der badet in allem, was mehr als fünfzehn Volumenprozent beinhaltet.

»So passen Sie doch auf, junger Mann«, echauffiert sie sich auch sogleich und pikst ihn mit ihrem Mary-Poppins-Regenschirm. »Und ziehen Sie sich gefälligst anständige Beinkleider an!«

»Sorry, ich meine Entschuldigung, dass ich Sie nicht gesehen habe.« Leander entfernt sich mit erhobenen Händen aus der Reichweite des Regenschirmes und wendet sich mir zu. »Und sorry, dass ich so spät dran bin, mich hat die Polizei aufgehalten und ewig mein Bike inspiziert. Nur weil ich verkehrt in eine Einbahnstraße rein bin! Die alten Pingel, die sollen lieber mal die Autofahrer ins Visier nehmen …«

Ehe er sich weiter über die altbekannten Streitigkeiten zwischen Radfahrern und Autofahrern auslassen kann, halte ich ihm eine Chilitrüffel unter die Nase. »Hier, probiere mal, das müsste genau dein Geschmack sein.«

Ich bin wenig darüber erstaunt, dass er die Trüffel direkt aus meiner Hand futtert, anstatt danach zu greifen. Na, auch egal, Hauptsache nicht wieder die Straßenkampfgeschichten. Leander ist ja wirklich ein großartiger und zuverlässiger Kurier für meine Schokoladenbestellungen und ich weiß, dass alle Kreationen heil und sicher an ihren Bestimmungsorten ankommen, doch manchmal ist seine Meinung dann doch sehr meinungshaft.

Nur leider kommt mir seine Zuverlässigkeit heute ungelegen und das, obwohl er sogar zu spät ist, denn kochend heiß fällt mir ein, dass ich die Schokoladen für die mittwöchigen Pralinenabos noch nicht fertig habe. Eigentlich habe ich damit noch nicht einmal begonnen. Ich lächele ihn an und neige den Kopf, ganz so, wie die hübschen Damen im Film es immer so gut hinbekommen. »Magst du eine heiße Schokolade zur Stärkung? Gemütlich im Wintergarten und vielleicht ein Törtchen dazu? Und einen kleinen Spaziergang durch den Schlossgarten? Gisela wäre bestimmt entzückt, dich mal wieder zu sehen.«

Leander stemmt die Hände in die knallgelbe Taille. »Ich war dort erst letzten Sonntag spazieren, genauso wie letzten Mittwoch und, wenn mich nicht alles täuscht, auch den Mittwoch davor.«

»Es tut mir leid, wirklich, aber ich habe so viel zu tun. Ich habe nicht auf die Zeit geachtet. Die Schokoladen sind alle fertig und wenn du nur ein klitzekleines bisschen warten magst, packe ich alles schnell zusammen.« Ich lächele ein Ehepaar an, das gerade die Chocolaterie betritt, und nicke einem Grüppchen Damen im Wintergarten zu.

Die rollenden Augen von Leander sind regelrecht zu hören. »Und das bevor oder nachdem du deine Kundschaft bedient hast?«

Ich greife nach zwei weiteren Chilitrüffeln von der Schokobar und drücke sie Leander in die Hand, während ich ihn sanft in Richtung Wintergarten schiebe. Leider sind dort alle Plätze belegt.

Ergeben schließt Leander den Reißverschluss seiner knallengen Jacke. »Du bist mir was schuldig, du Schokohexe. Ich habe in der Nähe noch einen Auftrag, den kann ich vorziehen, in einer Stunde bin ich wieder hier und dann …«

»… dann steht alles fix und fertig für dich bereit. Du bist der Größte!« Ich kreuze Zeige- und Mittelfinger beider Hände und nehme mir ganz fest vor, die Pralinenabobestellungen sofort zu verpacken. Nachdem ich das Whiskykonfekt der Namenlosen hübsch eingewickelt und abkassiert habe. Und nachdem ich das Ehepaar bei seiner Wahl der Schokolade der Woche beraten habe. Und nachdem ich noch gefühlte siebenhundert heiße Schokoladen für meine entspannt plaudernden Gäste geschmolzen und gerührt habe.

 

Weit nach vier Uhr kehrt wieder Stille in die Schokofee ein. Vielleicht habe ich heute nicht immer zur richtigen Zeit alles im Griff gehabt, doch am Ende gab es für jeden die richtige Schokolade – und darauf kommt es schließlich an.

Zufrieden richte ich die letzten Pralinen in der Theke gerade und fülle die Gläser der Schokobar mit ihren Köstlichkeiten auf. Da ich in den vergangenen Tagen gut vorgearbeitet habe, könnte ich mir heute einen frühen Feierabend gönnen. Vor ein paar Wochen habe ich das Reiten für mich entdeckt, also theoretisch. Gut, um das Buch Der Pferdeflüsterer zu lesen, habe ich rund ein halbes Jahr gebraucht, aber ich finde nur abends Zeit zum Lesen und dann schaffe ich höchstens zwölf Zeilen, ehe mir die Augen zufallen. Sorry, Herr Evans, an Ihrem Buch liegt es ganz sicher nicht. Wie auch immer, heute ist ein guter Tag, um mit dem Reiten zu beginnen, schließlich habe ich hier auf dem Schlossgrund ganz exklusiv einen Reitstall zur Verfügung.

Aber es ist schon ganz schön dunkel draußen.

Egal, in der Reithalle gibt es Licht.

Pfeifend hänge ich die Schürze an den Haken, schließe die Chocolaterie ab und wandere hinüber zum Schlosshof. Böiger Wind samt grauem Nieselregen tanzen um mich herum und ich vergrabe die Hände in den Taschen des Mantels. Das Wetter könnte wirklich mal angenehmer werden. Ich taste nach meinem Handy, um nach dem Wetterbericht zu schmulen, doch ich habe es nicht eingesteckt. Soll ich zurück gehen? Ach was, ich hole es später. Oder morgen.

Kapitel 2

H wie Hunde

Himbeer-Ganache

Gibt es etwas Sinnlicheres als in heißer Sahne gelöste Schokolade à la couleur?

Oh ja, das gibt es, nämlich wenn auf der sinnlich-sahnigen Schokoladencreme süße Himbeeren das Wunder vollenden. 

Der Weg zwischen der Chocolaterie und dem Schloss ist gesäumt von blühendem Winterschneeball. Im Dämmerlicht lässt der Kontrast zwischen dem stahlgrauen Himmel und den lieblichen rosa Blüten das fiese Wetter gleich viel weniger ungemütlich erscheinen und ich atme tief den Honigduft der Sträucher ein.

Auch die weiße Fassade des Seeschlösschens mit seinem leuchtend roten Spitzdach, die von altmodischen Laternen golden beschienen wird, kämpft tapfer gegen die hundert Graunuancen an, die von dem Wannsee im Hintergrund ergänzt werden. Das Wasser wirkt heute so kalt und abweisend, dass ich mir nicht vorstellen kann, dort jemals wieder fröhlich zu planschen.

Verlassen liegt die bogenförmige Auffahrt da und der Kies knirscht laut unter den Sohlen meiner Stiefel.

Vielleicht sollte ich wieder umkehren in meine heimelige Chocolaterie und ein paar nette, wärmende Trüffeln herstellen. Doch da öffnet sich das imposante Eingangstor des Schlosses und innerhalb von Sekunden bin ich umgeben von bellenden, schwanzwedelnden Hunden, die mir alle auf einmal ihre Liebe schenken wollen. Allen voran Willi, der riesige Rottweiler, der meint, ein Schoßhündchen zu sein. In seiner Aufregung stolpert er über die Yorkshire-Dame Happy, die sich nach dem Aufrappeln kurz schüttelt und dann wieder ihren Luftsprüngen hingibt. Währenddessen läuft die scheue Erna ein paar Schritte auf mich zu und wieder rückwärts von mir weg. Sie würde so gern wollen, traut sich aber nicht.

»Ist ja gut, ihr Lieben, lasst mich heil.« Lachend verteile ich möglichst gerecht meine Streicheleinheiten, was gar nicht so einfach ist, wenn ein Sechzig-Kilo-Hund neben zwei Fünf-Kilo-Exemplaren um Aufmerksamkeit buhlt.

»Julie, wie schön, zu dir wollte ich gerade.« Gisela umarmt mich ähnlich stürmisch wie die Hunde, was ihren altmodischen Glockenhut beträchtlich in Schieflage geraten lässt. »Und ihr! Aus!«

Wow, wenn ich den Hunden das sage, kichern sie höchstens, doch bei Gisela wirkt es. Augenblicklich sitzen alle drei Racker brav auf ihren Hinterteilen, die Zungen bis zum Anschlag aus dem Maul hängend.

Gisela richtet den Hut auf ihrem Schopf, doch das Ergebnis sieht lediglich anders schief aus. »Bille hat sich gestern von den Gästen, die abgereist sind, unsere letzten Betthupferl aus dem Kreuz leiern lassen, jetzt haben wir keine mehr für die heute angereisten Gäste. Ich sage dir, dieses Mädel würde ungeniert ihre eigenen Rippen zum Abendessen servieren, wenn man sie darum bittet. Und sich dafür auch noch bedanken.«

»Meine Betthupferl sind ja auch die besten.« Kokett verneige ich mich vor Gisela. »Ich laufe schnell zurück und hole welche, ich habe ohnehin schon den ganzen Weg über mit mir gehadert, zurückzugehen, weil ich mein Handy liegen gelassen habe.«

Entsetzt schlägt Gisela die Hände vor der Lodenmantelbrust zusammen. »Oh du meine Güte! Das geht ja natürlich überhaupt gar nicht. Ihr jungen Leute ihr, ohne euer Handy! Lauf rasch, meine liebe Julie, nicht, dass diese Absenz einen bleibenden Schaden anrichtet.«

Betont langsam verschränke ich die Arme. »Und wer genau benötigt noch einmal meine Betthupferl für seine Gäste? Nicht auszudenken, wenn ich diese kleinen Köstlichkeiten nicht fände, wo ich doch sooo mit meinen Entzugserscheinungen zu kämpfen habe.«

Nonchalant gibt mir Gisela einen Nasenstüber. »Oh meine Liebe, ich kenne da eine herzensgute Chocolatière, die es gar nicht aushalten würde, wenn unsere Gäste ohne ihr berühmtes Schloss-Betthupferl zu Bett hupfen müssten.«

Pikiert hebe ich den alten Kater Nörgi auf den Arm, der mir um die Beine streicht, und drehe mich von Gisela weg. »Schokolade ist nun mal eine Berufung, und entweder gibt man sich ihr ganz hin oder gar nicht.«

»Aber selbstverständlich, deshalb bist du ja auch unser Goldstück.« Gisela klopft mir auf den Popo und pfeift die Hunde zu sich. »Bringst du die Schokolade bitte direkt zu Lotte, sie verteilt sie dann, wenn die neuen Hausgäste durch das Schloss geführt werden. Ich muss zum Flughafen, Holger abholen. Hab einen schönen Abend.«

Mit dem Kater auf dem Arm drehe ich mich zu Gisela zurück und winke ihr mit Nörgis Pfote zu. Ich bin vieles, aber nachtragend zu sein gehört definitiv nicht zu meinem Portfolio. Das ist mir viel zu anstrengend. »Du auch, und grüße Holger von mir. Ich freue mich, dass er wieder hier ist.«

»Und ich mich erst.« Wie ein junges Mädchen dreht sich Gisela einmal im Kreis, sodass der weite Rock zusammen mit ihrem Mantel schwingt. So verliebt wie die beiden noch nach so vielen Jahren sind, möchte ich auch gern sein. Es ist das pure Glück bei ihnen, selbst wenn es mal rappelt.

Apropos viele Jahre, begehen Gisela und Holger nicht dieses Jahr zu Weihnachten ihren vierzigsten Hochzeitstag? Das muss doch gebührend gefeiert werden!

Ich setze Nörgi auf die Bank vor der Schokofee, wo er mich mit zusammengekniffenen Katzenaugen ob meiner Unverfrorenheit anklagt. »Ich bin gleich wieder da, aber in die Chocolaterie darfst du nicht hinein, das weißt du doch. Selbst wenn du wie deine Brüder nicht dieses puschelige Perserfell hättest.«

Sein Maunzen lässt mich fast schwach werden, aber nur fast, und so schließe ich schnell die Tür hinter mir, eile durch den Wintergarten in die Schokoküche, wasche mir die Hände und hole aus der Kühlung die vorbereiteten Betthupferl. Bevor ich wieder hinausstürme, klebe ich noch einen weiteren Notizzettel an meine Erinnerungspinnwand: H + H = 40 ???

Ich will eben abschließen, da fällt mir mein Handy ein, also sause ich zurück und nehme es dieses Mal mit.

 

Im Schloss ist es angenehm warm und Nörgi windet sich träge aus meinem Arm, um seinen Lieblingsplatz auf dem Kaminsims im kleinen Salon einzunehmen. Dass er sich dort nicht seinen Pelz verbrennt, wundert mich immer wieder, aber vermutlich hat er so viel Fell, dass es gar nicht auffällt, wenn mal eine Schicht verloren geht.

Über die geschnitzte Freitreppe der Eingangshalle gehe ich in den ersten Stock und dort in den Südflügel, wo die drei Ferienwohnungen des Schlosses untergebracht sind und auch Lotte ihren Herrschaftsraum, ich meine ihr Büro, hat.

Ich atme tief durch, straffe die Schultern und klopfe zögerlich an. Es raschelt hinter der Tür, dann wird sie geöffnet und die gestrenge Hausdame mustert mich durch den Kneifer, der auf ihrer Nase klemmt. »So haben mich meine Ohren doch nicht getäuscht, bitte Frau Blum, wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie gefälligst hörbar anklopfen sollen, wenn Sie Einlass begehren! Und stehen Sie bitte gerade, eine junge Dame wie Sie sollte keinen so krummen Rücken machen.«

»Jawohl, Fräulein Lotte.« Ich drücke meinen Rücken noch gerader, auch wenn es sich anfühlt, als hätte ich ein Bügelbrett vernascht. Aber Widerstand ist hier zwecklos, und davon mal abgesehen würde ich mich diesen gar nicht getrauen. »Ich habe hier die gewünschten Betthufperl für Sie.«

»Bitte Frau Blum, so beginnen Sie doch keine Sätze mit ich! Das schickt sich nicht. Und die Gute-Nacht-Grüße für unsere Gäste sind nicht für mich, sondern eben für die Gäste.« Die Hausdame streckt die Hände aus und ich lege den Karton mit den Süßigkeiten hinein. Nicht ohne dabei ein klein wenig zu zittern. Aber schon viel weniger als früher.

Froh, meinen Auftrag und meine Last endlich los zu sein, knickse ich vor ihr.

»Frau Blum, ich bitte Sie! Was legen Sie heute nur für ein seltsames Gebaren an den Tag.«

Oh, das frage ich mich auch gerade. Und wenn ich schon beim Fragen bin, wie komme ich jetzt hier halbwegs anständig so schnell wie möglich weg?

»Fräulein Lotte, Fräulein Lotte, es ist etwas Schreckliches passiert, der alte Enno, er hat … er hat nicht …« Die dreifache Rettung in Gestalt der jungen Schlossköchin kommt heftig atmend neben mir zum Stehen. Billes ohnehin immer roten Wangen leuchten intensiv und der Dutt unter ihrem Häubchen verdient den Namen nicht mehr, so zerrupft wie er aussieht.

Und schon geht es los. »Frau Viersturm, erstens schreien wir nicht! Zweitens verbitte ich mir, Herrn Boltenhagen als alten Enno zu bezeichnen, und drittens, wie sehen Sie überhaupt aus! Und bitte stehen Sie gerade!«

Froh, nicht mehr das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, entferne ich mich seitwärts mit kleinen Schritten.

»Sie bleiben, wo Sie sind, Frau Blum. Bitte.« Fräulein Lotte nimmt mich durch ihren Zwicker ins Visier, ehe sie sich wieder an Bille wendet. »Und Sie, Frau Viersturm, erzählen mir, was dieses ganze Tohuwabohu zu bedeuten hat, bitte.«

Bille knetet unbarmherzig ihre Schürze und ich befürchte, wenn wir hier fertig sind, wird es diese Schürze auch sein, für immer und ewig, denn diese Falten werden sich nie wieder glätten lassen. Andererseits kennen Billes Schürzen keine andere Behandlung von ihr, sobald sie ihr Allerheiligstes, die Schlossküche, verlässt. »Der alte, ich meine der Benno, also der Herr Boltenhagen, der hat keine Stimme mehr.«

Frau Lotte hebt die linke Augenbraue in einem perfekten Schwung. »Bitte, wo ist das Problem? Wenn er an einer Dysphonie leidet, so kochen Sie ihm doch bitte einen Salbeitee und lassen ihn damit gurgeln.«

»Das haben wir schon gemacht! Und er bekommt noch immer keinen Pieps heraus!« Der Stoffberg in Billes Händen nimmt ungeahnte Größe an und ich will ihr schon solidarisch meinen Mantel zum Zerknüllen anbieten, da zwingt Fräulein Lottes Blick sie dazu, das arme Stoffknäuel doch endlich loszulassen.

»Sie versuchen mir also mitzuteilen, dass Herr Boltenhagen die heutige Führung durch unser Seeschlösschen Wannsee nicht durchführen kann?« Frau Lotte tippt sich mit dem Zeigefinger auf die Nase, nimmt den Kneifer ab und zeigt damit auf mich. »Frau Blum, wenn Sie bitte so nett wären, die Führung zu übernehmen. In Anbetracht von Frau Viersturms überreiztem Gemüt fällt meine Wahl auf Sie.«

»Ich?« Entsetzt hebe ich die Hände. »Aber warum machen Sie nicht die Führung?«

»Bitte, Frau Blum, meine Aufgabe ist es, die Gäste am Ende der Schlossführung gebührend in Empfang zu nehmen und ihnen einen unvergesslichen ersten Abend zu bereiten.«

»Ich wollte reiten gehen.« Zugegeben, in meinem Kopf hört sich die Erklärung viel besser an.

»Seit wann bitte reiten Sie?« Fräulein Lottes Blick wandert an meinem Kleid nach unten zu meinen Wildlederstiefeln. »Mir dünkt, Sie sind eher für eine innerhäusliche Veranstaltung gekleidet.«

»Ich wollte heute mit meinem neuen Hobby anfangen.«

Frau Lotte schließt für einen Moment die Augen, wie um sich zu sammeln. »Ihre Hobbys wechseln in so regelmäßigen Abständen, dass selbst ich mit dem Zählen nicht nachkomme, und ich merke mir sonst alles. Also, wenn ich bitten dürfte, die Gäste warten. Und Gäste lassen wir nicht warten!«

Damit scheucht sie Bille und mich die Treppe nach unten. Schicksalsergeben wende ich mich dem Salon mit den wartenden Hausgästen zu, während Bille eilig in die Küche zurückhuscht.

Keine Panik, ich kann das. Ich kenne das Schloss, ich weiß, wo ich hinein- und wieder hinauskomme, ich weiß, wo die Küche ist und der kleine Salon und natürlich auch die Gästewohnungen.

Und wenn ich nicht gleich mehr weiß, wird dies eine ziemlich kurze Schlossführung werden.

Doch zum Glück bin ich mit Google befreundet. Ich ziehe das Handy aus der Manteltasche und diesen danach gleich aus. Mir ist jetzt definitiv warm und die Truhe neben der Salontür ein prima Mantelversteck.

Eine Nachricht von Lukas blinkt mir vom Display entgegen. Tief verschüttet zwischen all den Terminen in meinem Kopf – und meinem neuen Hobby – leuchtet plötzlich ein ganz besonderer Termin auf. Oh nein! Ich bin gerade jetzt mit Lukas verabredet! Wir wollten endlich unsere Hochzeit planen!

Da wir aber nicht unbedingt gleich heute oder morgen heiraten, hat Lukas bestimmt Verständnis, wenn ich unser Treffen absage oder besser verschiebe. Schnell tippe ich eine liebe Entschuldigung an meinen Verlobten und widme mich wieder der Recherche zum Schloss: »Google, erzähle mir bitte etwas zum Seeschlösschen Wannsee.«

Doch meine Freundin bleibt stumm und ich sehe dabei zu, wie das Display schwarz wird. Theorie eins: Meine Frage hat ihre Intelligenz beleidigt. Theorie zwei: Der Akku ist leer.

Als mir jemand auf die Schulter tippt, zucke ich zusammen und fahre herum. »Enno!«

Der Schlossmann-für-Alles verzieht entschuldigend das Gesicht und ruckelt an der Schiebermütze auf seinem Haupt. Dann zeigt er kopfschüttelnd auf seinen Mund.

»Noch nicht besser?«

Weiteres Kopfschütteln vernichtet meine aufgekeimte Hoffnung.

»Hast du ein Handy dabei?« Probehalber drücke ich den Startbutton an meinem Telefon, doch es bleibt aus.

Benno kräuselt die buschigen Augenbrauen und will etwas sagen, was jedoch in einem Hustenanfall mündet.

Ach, stimmt ja, Benno braucht solch einen Schnickschnack nicht, er hat schließlich sein Walkie-Talkie. Leider scheidet auch Bille aus mit ihrem Dinosaurier-Tastentelefon. Und über Frau Lottes mobile Vorlieben weiß ich nicht Bescheid, auch wenn hier alles möglich ist – von einem tragbaren Wählscheibenmodell bis hin zum neuesten iPhone. Außerdem traue ich mich ohnehin nicht, sie zu fragen.

Für einen Moment starre ich auf die verschlossene Salontür. Es gibt ein paar Dinge, die ich über das Schloss weiß, und ich würde sagen, dass diese nicht die uninteressantesten sind.

Ich wende mich wieder Benno zu. »Eine Frage nur, aus welcher Epoche stammt das Schloss?«

Er beugt sich zu mir und flüstert etwas durch seinen Pfirsichatem. Pfirsichbonbons sind die einzige Ausnahme in meiner Schokowelt, extra für Benno.

»Renaissance?«, frage ich nach.

Er nickt und gestikuliert wild mit den Armen. Doch ich kann nicht erraten, was es bedeutet.

Schließlich legt er die Hände gefaltet an seine Wange und schließt die Augen, um sie gleich wieder zu öffnen und heftig mit dem Kopf zu schütteln.

»Schlafen?«

Kopfschütteln.

»Nicht schlafen! Ah, ich verstehe, nicht abends, morgens, also früh. Frührenaissance!«

Benno nickt begeistert angesichts meiner historischen Meisterleistung und zeigt mir ein paar Ziffern mit den Fingern.

»Eins, fünf, fünf, null. Erbaut in 1550! Du bist ein Schatz.« Damit umarme ich ihn kurz, atme tief durch und gehe in den Salon, um bei der heutigen Schlossführung zu debütieren.

 

Verstohlen linse ich auf meine Armbanduhr. Eine Viertelstunde Herumführen im Schloss sollte reichen. »Liebe Gäste, wenn Sie mir nun bitte nach draußen folgen möchten. Nur ein paar Meter weiter erwartet Sie das Highlight unseres fabelhaften Seeschlösschens Wannsee.«

Ich geleite die zwei Frauen und vier Männer durch das Eingangstor und hinüber in die Chocolaterie. Bibbernd schließe ich die Schokofee auf und schalte das Licht an. Goldene Lampen funkeln zwischen den Kakaopflanzen und wohlige Wärme begrüßt uns im Wintergarten.

»Voilà, herzlich willkommen in der alten Gutsküche des Schlosses. Damals wie heute das Herzstück dieses wunderbaren Anwesens.«

Fröhlich miteinander plaudernd folgen mir die Schlossgäste durch den Wintergarten in die Chocolaterie. Auch hier tauchen kleine, versteckte Lampen den Raum in warmes Licht, doch so, dass die kühl gehaltene Schokolade nicht beeinträchtigt wird.

Ich drehe mich einmal um mich selbst. »Ebenso wie das Schloss stammt die ursprüngliche Gutsküche aus der Frührenaissance. Sie wurde auch noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts aktiv genutzt, jedoch in ein Bistro umgebaut, als das Schloss für Besucher geöffnet wurde. Mit der Idee der Gästewohnungen vor etwa zehn Jahren wurde die neue Küche im Nordtrakt des Schlosses so modernisiert, dass von dort aus die Gäste bewirtet werden können. Vor drei Jahren hatte ich das Glück, hier meine Vision eines Schokoladenparadieses zu erschaffen und mit meiner Schokofee ein Teil des Schlosses werden zu dürfen.«

Wohlwollend blicken sich die Gäste in dem alten Gebäude um, in dem so viel Geschichte lebt und Tag für Tag spürbar ist.

»So, und damit Sie nun selbst Teil dieser Geschichte werden, bitte ich Sie zu mir an die Schokotheke. Wir machen jetzt unsere eigene Schokolade.«

 

Zufrieden lösche ich drei Stunden später das Licht in der Schokofee. Unter viel Gelächter und noch mehr Kostproben haben wir zartschmelzende Schokoladen gerührt, die nun über Nacht in der Schokoküche fest werden dürfen, während die Schlossgäste sanft in ihren Himmelbetten schlummern. Intensiver Duft nach geschmolzener Criollo-Kakaobutter und das herbe Aroma von gemahlenen Trinitario-Kakaobohnen begleiten mich hinaus und glücklich schließe ich die Chocolaterie zu.

Kapitel 3

O wie Old

Orangen-Bonbon

Bonbons sind keine Schokolade.

Na gut, sie sind aber auch lecker. Vor allem, wenn süße Orangen auf unwiderstehlich karamellisierten, dickflüssigen Zuckersirup treffen.

 Genauso glücklich öffne ich die Tür zu meinem Häuschen, das sich nicht weit von der Chocolaterie entfernt in eine Lichtung des Düppeler Forstes schmiegt. Es ist nicht abgeschlossen.

»Lukas?« In dem kleinen Flur steht ein Hocker unter einem Berg von Jacken begraben und von Stiefeln jeglicher Höhe umringt. Ich schäle mich aus dem Mantel und den Schuhen und packe alles einfach dazu.

Die alten Dielen knarzen, während ich erst einen Blick in die Küche werfe, aus der es herrlich nach Schnitzel duftet, und weiter in die Stube gehe, wo ich Lukas endlich finde.

Mit geschlossenen Augen sitzt er entspannt in Gwenis abgewetztem Ohrensessel, abgeschirmt vom Lärm der Welt durch riesige Kopfhörer. Wobei sich der Lärm rund um mein Häuschen auf Vogelgezwitscher und gelegentliches Grunzen von Wildschweinen begrenzt und das nicht unbedingt im November.

Langsam beuge ich mich zu ihm und küsse ihn sacht auf die Wange.

Lächelnd öffnet Lukas die Augen, legt die Kopfhörer zur Seite, schlingt die Arme um meine Taille und zieht mich auf seinen Schoß. »Wenn Träume wahr werden.« Zart küsst er sich an meinem Hals aufwärts, bis sich unsere Lippen treffen. Voller Lust küsse ich den Mann, den ich so sehr liebe, lasse mich in seine Umarmung fallen und genieße seine Hände auf meinem Körper, die mir geschickt aus dem Kleid helfen.

 

Feine Gänsehaut überzieht meine Haut, während ich eingekuschelt in Lukas’ Armen meinem pochenden Herzschlag nachfühle, der sich langsam beruhigt. Die Hitze unserer Liebe ist noch spürbar, doch nicht genug, um mich, nackt wie ich bin, ausreichend zu wärmen.

»Die Heizung macht schon wieder Probleme«, raunt Lukas schläfrig in meine Haare und zieht mich noch fester an sich.

»Oh, da weiß ich ein gutes Mittel.« Ich richte mich auf, sodass wir uns ansehen, und fasse nach Lukas’ Händen an meiner Taille.

»Heiße Schokolade?«

Langsam lege ich Lukas’ Hände auf meine Brüste und beuge mich ihm entgegen. »Danach …« Und wieder genieße ich das Spiel zwischen seinem Körper und meinem, werde eins mit ihm, lasse mich hinwegtragen von unserer Leidenschaft.

Schwitzend kommen wir schließlich zur Ruhe und genießen unter einer alten Patchworkdecke unsere Zweisamkeit.

»Es tut mir leid, dass ich dich vorhin versetzt habe.« Ich puste mir ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Lukas’ Brummen klingt nicht sonderlich verzeihend und ich richte mich ein wenig auf, um ihn anzusehen. »Ehrlich. Der Tag flog einfach dahin und dann kam mir noch die Schlossführung dazwischen und anschließend der spontane Schokokurs. Du weißt, wie wichtig mir die Schokofee ist. Also nicht, dass mir unsere Hochzeit nicht auch wichtig wäre, aber …«

»Aber?«

Ich räuspere mich. »Nichts aber. Sorry, das habe ich nur so dahingesagt.«

Lukas schweigt, doch sein Schweigen fühlt sich nicht behaglich an.

»Bitte sag etwas. Wenn du möchtest, reden wir jetzt gleich über unsere Hochzeit. Wann möchtest du heiraten?«

Sanft fährt Lukas mit einer Hand unter die Haare an meinem Nacken. »Jetzt, heute, morgen, nächste Woche. Wann immer du möchtest.«

Die Decke auf meinen Schultern ist ziemlich warm und ich ziehe die Arme darunter hervor. Mir ist ein wenig schwindelig, ich glaube, ich sollte unbedingt etwas essen. »Du Scherzkeks. Zuerst feiern wir ohnehin Viannes Hochzeit. Außerdem muss unsere Hochzeit wohl durchdacht und vorbereitet werden. Und obendrein kostet sie eine Menge Geld, das heißt, dass wir wohl kaum im kommenden Jahr heiraten werden.«

»Ich denke nicht, dass unsere Hochzeit so aufwendig werden muss, dass dafür monatelange Planungen notwendig sein werden. Und was die Kosten angeht, finden wir bestimmt auch eine Lösung, die uns nicht in den Ruin treibt.« Nachdenklich sieht mich Lukas an.

»Siehst du, da haben wir schon den Termin. Wir heiraten nächstes oder übernächstes Jahr. Das war doch einfach.« Ich rutsche ein wenig höher und küsse ihn so leidenschaftlich, dass er, wenn überhaupt, in diesem Augenblick nur an unsere Hochzeitsnacht denken kann.

»Bleibst du heute Nacht hier oder musst du noch nach Hause?«, flüstere ich in sein Ohr, nachdem ich mich schwer atmend von ihm gelöst habe.

Er lacht leise. »Wenn du mich schlafen lässt.«

»Herausforderung angenommen. Und wir werden noch sehen, wer hier wen nicht schlafen lässt.« Damit erhebe ich mich, lasse die Decke von mir gleiten und verlasse hüftwackelnd die Stube. Ich weiß, Lukas’ Blick klebt an meinem hübschen Po.

 

Heißhungrig verspeise ich mein buttriges Schnitzel, eingemummelt in einen Jumpsuit aus plüschigem, weißem Frottee. »Haben die Heizungsrohre vorhin doll gegurgelt, als du gekommen bist?«

Lukas schenkt mir dampfenden Pfefferminztee nach, ehe er sich seinem Schnitzel zuwendet. »Gurgeln ist untertrieben, die haben nach Hilfe geschrien. Julie, du musst dringend einen Heizungsinstallateur kommen lassen, unsere Basteleien reichen längst nicht mehr aus. Die Heizung wird bald völlig hinüber sein.«

»Das passt schon und der Winter ist auch bald rum. In gut vier Wochen ist Weihnachten, dann ist das Jahr vorbei und der Frühling beginnt. Und sollte die Heizung wirklich in die Knie gehen, habe ich ja immer noch den guten alten Kachelofen.«

»Schon klar, in der guten alten Stube. Und die restlichen Zimmer lässt du vereisen, oder was? Davon mal abgesehen, dass du dich mit dem alten Schornstein am Ofen in Nullkommanichts vergiftest.« Kopfschüttelnd hält Lukas beim Schnitzelschneiden inne. Sein lockiges, braunes Haar steht in alle Richtungen ab und passt hervorragend zu seinem empörten Gesichtsausdruck.

Ich zucke mit den Schultern. »Ich kann es gerade nicht ändern.«

»Du könntest zu mir ziehen.«

»Und Gwenis Haus verlassen? Niemals!« Mit einem Ruck stehe ich auf und hole mir ein Glas Leitungswasser. Ich will Lukas’ verletztes Gesicht nicht sehen, seine braunen Augen spiegeln so klar seine Emotionen wider.

Zittrig trinke ich ein paar Schlucke des bitteren Wassers und lächele ihn vorsichtig an. »Selbst, wenn ich zu dir ziehen würde, wäre dem Haus nicht geholfen. Ich habe einfach nicht die finanziellen Mittel, um es instand setzen zu lassen. Und nein, ich werde es nicht verkaufen. Und nein, ich werde kein Geld von dir annehmen.«

Lukas klappt den Mund wieder zu, da ich auf all seine Hilfsangebote ohnehin schon die Antworten habe. Ruhig steht er auf, nimmt meine Hand und geht mit mir nach draußen, nachdem er unsere Jacken aus dem Stapel im Flur gefischt hat.

In der Mitte des Vorgartens bleibt er stehen und leuchtet mit der Taschenlampe seines Handys auf das Dach des Hauses.

»Das Dach hat schon immer dazu geneigt, sich selbst abzudecken«, murmele ich beim Anblick der verschobenen alten, dunkelroten Dachziegel. Wenn ich könnte, würde ich höchstpersönlich wunderschöne, glänzende, neue Ziegel einzeln auf das Dach legen. Aber ich kann nun mal nicht. Handwerklich könnte ich vielleicht schon, aber nicht finanziell.

»Das ist nicht lustig, Julie.« Mit gerunzelter Stirn sieht mich Lukas im Schatten der Handylampe an. »Der Sturm letztes Wochenende hat ziemlichen Schaden angerichtet. Beim nächsten Sturm wirst du richtig Probleme bekommen.«

Energisch verschränke ich die Arme vor der Brust und stapfe zurück ins Haus. »Für den Sturmschaden müsste die Versicherung aufkommen. Ich kümmere mich morgen darum.«

 

Es ist kalt, als ich die Decke anhebe, um das Bett zu verlassen. Und dunkel. Schnell schlüpfe ich in die dicken gestrickten Socken, die neben dem Bett liegen, und wickele mich in eine alte Strickjacke von Gweni. Seufzend drücke ich den Rücken durch, dem die durchgelegene Matratze des handgedrechselten Bettes nicht gut bekommt. Auch darum wollte ich mich schon vor Monaten kümmern, irgendwo klebt sicher der Zettel mit der Erinnerung daran. Vermutlich sind es sogar mehrere Zettel in unterschiedlichen Farben, je nachdem wie dringend ich den Matratzenkauf zu jenem Zeitpunkt angesehen habe. Heute würde es ein knallpinker Zettel werden, quasi Prio eins.

Nach einer Katzenwäsche knarze ich die Treppe nach unten, von wo mir herrlicher Kaffeeduft entgegenweht. Lukas ist bereits angezogen und wie es aussieht auch schon mit dem Frühstück fertig.

Ich schmiege mich in seine Arme und genieße unseren Guten-Morgen-Kuss. »Du bist früh dran.«

»Demnächst findet das Adventskonzert der Musikschule statt. Ein paar Schüler hatten noch interessante Änderungsvorschläge, ich will vor dem Unterricht ausprobieren, was davon geht und was nicht.« Mit einem Kuss auf meine Stirn entlässt mich Lukas aus seiner Umarmung und reicht mir einen tiefschwarzen Kaffee in meiner Schokobohnen-Lieblingstasse. »Und du denkst bitte daran, mit deiner Versicherung zu reden. Heute! Ich habe dir einen Zettel auf dein Telefon geklebt. Und an die Haustür.«

Mit der warmen Tasse in den Händen schlumpere ich Lukas in den Flur hinterher und warte, während er seine Schuhe und Jacke anzieht. So sehr, wie ich das Nachhausekommen zu Lukas liebe, so sehr liebe ich auch unsere Abschiede. Nicht, weil er dann endlich weg ist, sondern weil es so schön ist. Vertraut und warmherzig, verliebt und geborgen.

Lukas streicht mir die Haare aus dem Gesicht, die ich heute noch nicht gebändigt habe, und nach einem Lächeln nur für mich küssen wir uns innig.

 

Mir bleibt noch ein wenig Zeit, ehe ich in die Schokofee muss, und so suche ich den Ordner mit den Versicherungsunterlagen. Ich finde ihn recht schnell in Gwenis altem Schreibtisch im Gästezimmer, doch was ich darin lesen muss, treibt mir für einen Moment den Puls in ungesunde Bereiche. Es klebt ein grellgelber Zettel in dem Ordner: Gebäudeversicherung abschließen – dringend!

Mist! Das hatte ich gleich erledigen wollen, als ich eingezogen bin.

Genau wie die Hausratversicherung! Mir ist so schlecht, der Kaffee in meinem Magen rumort und ein bitterer Geschmack macht sich in meinem Mund breit. Ob vielleicht eine der Versicherungen der Chocolaterie einspringen könnte?

Mir ist klar, dass die Versicherungswelt so nicht funktioniert, aber solch einen dürren Strohhalm habe ich gerade bitter nötig.

Seufzend rappele ich mich zusammen mit dem recht nutzlosen Ordner auf und mache mich für den Tag in der Chocolaterie fertig. Dort werde ich mir überlegen, wie es weitergeht oder mich wenigstens von der ganzen Hausmisere ablenken lassen.

Kräftig ziehe ich die widerborstige Haustür ins Schloss und schließe ab. Der altmodische Schlüssel zu diesem windschiefen Häuschen ist mein ganz eigener Zugang zu einer Welt, die ich verloren habe.

An den krummen Gartenzaun gelehnt sehe ich mir mein Häuschen seit Langem mal wieder genauer an. Über den blitzblauen Himmel jagen fette weiße Wolken und tauchen es abwechselnd in Licht und Schatten. So schlimm, wie Lukas meint, ist der Zustand des Daches gar nicht. Sicher, hier und dort müsste etwas daran gerichtet werden, wie am ganzen Häuschen, aber eines nach dem anderen. Ich müsste mich Reparatur für Reparatur vorarbeiten, die wichtigsten zuerst.

Ich habe von meiner Mutter mal ein Zeitmanagement-Seminar geschenkt bekommen, da wurde uns von einer Dingsbums-Methode erzählt, irgendetwas zum Priorisieren. Von irgendeinem amerikanischen Präsidenten oder so. Ich glaube, es ging darum, was wichtig ist und was unwichtig. Genau, und dazu, was dringend ist und was nicht.

Okay, mal sehen. Das Dach sieht wirklich nicht gut aus, wenn ich es noch länger schleifen lasse, wird der Schaden umso größer sein. Also, wichtig ist die Reparatur des Daches. Auch die meisten Fenster bereiten mir massiv Kummer, somit sind auch die Fenster wichtig. Der Schornstein bröckelt und funktioniert nicht mehr ganz so wie er soll – wichtig. Die Heizung selbstverständlich und auch das Warmwasser, doppel-wichtig.

»Guten Morgen, mein Schatz.«

Aufgescheucht drehe ich mich um. Meine Mutter – wichtig – strahlt mich über den Zaun hinweg an.

»Hey, guten Morgen, was machst du denn zu so früher Stunde hier?« Ich öffne das Gartentor mit dem verbeulten Briefkasten, um meine Mutter hereinzulassen.

»Ich habe dir doch eine Nachricht geschrieben, dass ich die Umzugskartons brauche.« Sie richtet sich die buntgeringelte Mütze auf ihrem schokobraunen Haar. Das sieht lecker aus, wie ein köstliches Tartufo di Pizzo mit einer bunten Zuckerhaube in Wirbeln darauf. Das muss ich nachher gleich mal versuchen.

Eine kalte Böe wirbelt Laub von der Eiche im Garten auf und lässt es im Sonnenlicht tanzen. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke weiter nach oben. Mein eingeschlafenes Handy habe ich total vergessen. »Mein Telefon hat sich gestern verabschiedet.«

»Und da hast du es bis heute nicht geschafft, es zu laden? Und im Übrigen habe ich dir schon vor einer Woche geschrieben.«

»Oh.«

»Na wie auch immer. Ich habe dich ja noch rechtzeitig erwischt.« Meine Mutter hakt sich bei mir unter und zieht mich in Richtung Kellereingang.

»Du bist wirklich wegen der Kartons hier? Sag nicht, dass du schon wieder umziehen willst!« Mit einem Ruck bleibe ich stehen und sehe auf meine Mutter hinunter, mit einem möglichst strengen Gesichtsausdruck, wie ich hoffe.

Sie ist davon völlig unbeeindruckt und lacht über das ganze Gesicht. »Ich habe endlich eine Wohnung im Prenzlauer Berg gefunden, in der Kastanienallee! Das Haus ist so cool! Über und über voll mit Stuck und roten Backsteinen zwischen den Sandsteinen. Und erst die Wohnung, ein Traum von einer Berliner Altbauwohnung, sage ich dir. Dort will ich wohnen!«

»Der wievielte Traum einer Berliner Altbauwohnung wäre das dann, bitte? Lass mich mal kurz nachzählen …«

Meine Mutter rüttelt grinsend an meinem Arm. »Aber nicht in der Kastanienallee, da habe ich noch nie gewohnt.«

Kopfschütteln ist die einzig angemessene Reaktion auf das Hobby meiner Mutter. »Wenn du sonst nichts zu tun hast als schon wieder umzuziehen.« Also mir wäre das ja ein Graus. Der Einzug in Gwenis Haus reicht mir für die nächsten zehn Jahre.

»Ich bin nun mal nicht so ein Nesthocker wie du und dein Vater. Und dein Bruder.«

»Nur gut, dass wenigstens May mit ihrer Reiserei nach dir kommt, wenn wir sonst schon nicht allzu viel gemeinsam haben in unserer Familie.«

Mit einem Ruck zieht meine Mutter ihren Arm aus meiner Armbeuge. »Ja, ja, ich weiß, du armes, armes Scheidungskind. Wie kannst du solch eine zerrüttete Familie dein Eigen nennen.«

»Ist doch wahr! Wir haben nicht einmal die gleichen Namen!« Ich weiß, ich weiß, ich bin erwachsene siebenundzwanzig Jahre alt, selbstständig und stehe mit beiden Beinen fest im Leben, und es ist nicht so, dass wir untereinander verkracht wären. Nein, es lebt halt nur jeder sein eigenes Leben, aber irgendwie zusammen, nur nicht gemeinsam.

»Dein Vater heißt Blum, genau wie du«, brummelt meine Mutter.

»Das war es dann aber auch schon«, brummele ich zurück.

»Ach Kind, komm drüber weg!« Damit steigen wir die steile Treppe zum Kellereingang hinunter. Wir halten uns am wackeligen Geländer fest, was die ganze Sache nicht unbedingt sicherer macht.

Der Schlüssel im Schloss der Kellertür knirscht und knarzt und ich würde mich nicht wundern, wenn er eher abbricht, als sein Werk des Türöffnens zu vollbringen. Doch schließlich springt die Tür auf und macht den Weg frei in ein dunkles Kellernichts. Ich trete zur Seite, damit meine Mutter hineingehen kann.

Die zieht die Augenbrauen hoch. »Deine Kellerangst war ja niedlich, als du fünf Jahre warst, aber heute ist sie gelinde gesagt merkwürdig.«

»Dieser Keller ist gruselig, das ist so ein richtiger Kellerkeller!«, verteidige ich mich. Und ich muss mich zusammenreißen, um mich nicht heftig zu schütteln. Schon allein der Gedanke an diese fiese, feuchte Dunkelheit und den modrigen Geruch lässt mich bibbern. Außerdem gibt es da unten Ecken, wo niemals Licht hinkommt, wer weiß, was da alles zum Leben erwacht ist. Oder zum Gegenteil. »Es kann ja nicht jede so eine toughe Horrorautorin sein wie du, Frau Selda Thorne!«

»Horrorthriller, mein Liebe!« Kopfschüttelnd geht meine Mutter an mir vorbei und schaltet das Licht an. Surrend flammen die Neonröhren auf und tauchen das alte Gemäuer in grelles, gelbes Licht. Kurz verschwindet meine Mutter in einem dunklen Nebengang, um kurz darauf mit einem Armvoll zusammengefalteter Kartons wiederaufzutauchen. Sie drückt sie mir in die Hände und macht sich noch einmal tapfer auf Kartonjagd.

Endlich ist sie zufrieden und ich kann den Kellerkeller wieder für lange Zeit abschließen. »Die Umzugskartons kannst du gern behalten. Ich brauche sie ohnehin nicht.«

»Das werden wir ja sehen.«

»Warum?« Die Kartons lassen sich blöd tragen und ich muss sie mehrfach richten, während ich die Treppe nach oben stiefele.

Wieder im Sonnenlicht bleibt meine Mutter vor mir stehen. »Du ziehst doch sicher bald zu Lukas, oder? Jetzt hast du ja lange genug hier gewohnt.«

Ich verstehe nicht, was sie sagt. »Ich ziehe nicht zu Lukas, ich bleibe hier. Immerhin möchte Gweni, dass ich auf das Haus aufpasse.«

»Julie, Gweni möchte schon lange …«

»Dies ist der einzige Ort, an dem ich immer zu Hause war. Ich bleibe hier!«

»Julie! Deine Oma …«

»Kein Wort mehr!« Damit drehe ich mich um und schleppe die Kartons zum Auto meiner Mutter.