Leseprobe Der Weihnachtsball des Earls

4. Charlotte

Als der Cornishman am Abend in den Bahnhof von Penzance einrollte, hatte Charlottes Stimmung einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das schmucklose Ziegelgebäude mit dem gläsernen Kuppeldach erschien im Vergleich zu Paddington Station winzig und unterstrich eindrucksvoll, dass sie sich auf einer Reise ins Nirgendwo befand. Als sie am Morgen in London den Zug bestiegen hatte, war sie voller Optimismus gewesen, erschien die Reise ihr doch eine willkommene Gelegenheit, dem strengen Regiment ihrer Mutter zu entkommen. Die brachte es fertig, dass sich ihr Londoner Zuhause noch mehr wie ein Gefängnis anfühlte als die Privatschule in Edinburgh, die sie besucht hatte.

Nun beschlichen sie erste Zweifel, ob es klug gewesen war, dem schwärmerischen Brief ihrer Schwester Margaret Glauben zu schenken. Sie waren einfach zu verschieden. Im Grunde kannte sie ihre Schwester kaum. Zehn Jahre trennten sie, und als Charlotte alt genug gewesen war, dasselbe Internat wie Margaret zu besuchen, hatte diese kurz darauf ihren Abschluss gemacht. Margaret hatte früh geheiratet, den Sohn eines Earls, wie Mama nicht müde wurde zu betonen. An Geld und Einfluss mangelte es ihrem Vater, einem Bankier, nicht. Seinen Töchtern durch Heirat den Zugang zu adligen Kreisen zu ermöglichen, war für ihn das Sahnehäubchen auf seinem Glück.

Charlotte sah sich auf dem sich leerenden Bahnsteig um.

»Sie sagten, Sie werden abgeholt, Miss?«, fragte der Angestellte in Uniform, der ihre Koffer auf einen Gepäckwagen verfrachtet hatte.

»Das hoffe ich zumindest«, seufzte sie.

»Darf ich fragen, wohin Sie weiterreisen?«

»Nach Land’s End.« Charlotte wurde sich bewusst, wie trostlos das klang. Was war nur in sie gefahren, das vibrierende Leben der Hauptstadt gegen ein Herrenhaus am allerletzten Zipfel Britanniens zu tauschen?

»Oh!«, machte der Uniformierte. »Gewiss verspäten sie sich. Es hat heute wieder geschneit, und man kommt nur langsam voran.«

»Haben Sie vielen Dank.« Charlotte lächelte und zog das pelzbesetzte Cape fester um ihre schmalen Schultern. Der Uniformierte nickte kurz und ging.

Charlotte setzte sich auf eine der hölzernen Wartebänke und fischte Margarets Brief aus der Tasche. Noch einmal überflog sie die Zeilen. Ein Loblied auf Seashell Manor, die Nähe zum Meer, die würzige Luft, die liebenswerte Dowager Countess, auf Edgar und auf George, der - wie Margaret betonte - in Charlottes Alter, unverheiratet und überaus reizend war. Sie wusste genau, was Margaret beabsichtigte. Sie plante, Charlotte mit George zu verheiraten. Vermutlich langweilte sich Margaret am äußersten Zipfel von Cornwall und wünschte sich Gesellschaft.

Nun, sie konnte sich diesen George ja einmal ansehen, auch wenn es nicht ihr erklärtes Lebensziel war, so bald wie möglich zu heiraten und eine Horde Kinder in die Welt zu setzen. Schlimmer als die Tattergreise mit hochtrabenden Titeln, die ihre Mutter ihr vorzustellen pflegte, konnte er auch nicht sein. Vielleicht war er sogar ganz nett. Margaret schrieb, er interessiere sich für Literatur und das Schauspiel. Womöglich fand sie in George endlich einen Gleichgesinnten, mit dem sie sprechen konnte. Eine Unterhaltung mit Mama jedenfalls hatte etwa denselben geistigen Nährwert wie die Lektüre der Klatschspalten in den Gazetten. Es wäre eine Wohltat, jemanden zu finden, mit dem sie sich über Literatur, Kunst und Wissenschaft austauschen konnte. Selbst wenn nicht, verschaffte diese Reise Charlotte wenigstens etwas Luft zum Atmen und Abstand von Mama.

 

»Miss Charlotte Phillips?«

Die Frage in einer zaghaften Mädchenstimme mit dem für den Westen charakteristischen gerollten R holte sie aus ihren Gedanken. Vor ihr stand ein etwa fünfzehnjähriges Mädchen in einem wollenen grauen Mantel. Die weiße Haube wies es als Dienstmagd aus. Daneben tauchte nun ein kräftiger Bursche auf und begrüßte Charlotte mit einem knappen Diener.

»’n Abend, Miss.«

»Ich bin Merryn. Lady Winfield hat mich in Ihren Dienst gestellt«, erklärte das Mädchen. »Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. War schwer durchzukommen bei dem Wetter. Der Wagen wär’ jetzt bereit, wenn Sie mir folgen möchten. Jory hier wird sich um Ihr Gepäck kümmern.«

Während sich der Wagen, gezogen von zwei kräftigen Kaltblütern, langsam durch die verschneite Landschaft quälte, malte sich Charlotte in der Fantasie ihren Besuch bei Margaret und Edgar in den schönsten Farben aus. Das tat sie oft, wenn sie sich Mut machen wollte. Es war bereits dunkel, und durch die beschlagenen Scheiben war ohnehin nicht viel zu sehen. Charlotte rief sich Margarets Beschreibung ins Gedächtnis und stellte sich George DeVrer vor: groß, dunkelhaarig, mit strahlend blauen Augen, die Stimme eines begnadeten Schauspielers - ein samtiger Bariton, der ihr die Knie weich werden ließ. Sie würden am Feuer sitzen, einander in die Augen sehen, über Literatur sprechen und über die faszinierenden Möglichkeiten der Wissenschaft, den rasanten Fortschritt.

Nach endlosen eineinhalb Stunden erreichten sie endlich Seashell Manor. Sie freute sich schon auf eine warme Mahlzeit und darauf, die durchgefrorenen Glieder am Kamin wärmen zu können.

Bei ihrem Eintreffen wurde sie von der Hausdame empfangen, die ihr wenig Gelegenheit gab, erst einmal anzukommen, sondern sie gleich zum Salon schob.

»Die Herrschaften haben mit dem Dinner eigens auf Sie gewartet. Sie sollten gleich hineingehen.« Sie öffnete die Tür zum Salon. »Lady Winfield, Miss Charlotte Phillips ist angekommen.«

»Oh, wie schön! Bitte kommen Sie doch herein, Miss Phillips«, hörte sie eine klare Frauenstimme und kam der Aufforderung nach.

Obwohl im Rollstuhl, war die Dowager Countess Winfield eine ehrfurchtgebietende Erscheinung. Ihre leuchtend blauen Augen waren, obwohl ein Ausdruck tiefer Trauer in ihnen lag, hellwach und maßen Charlotte mit einer gewissen Strenge.

»Lady Winfield.« Charlotte knickste. »Ich danke Ihnen für die freundliche Einladung und freue mich, hier zu sein.«

»Miss Phillips, mein Sohn, Mr Edgar DeVrer, und mein Enkel, Mr George DeVrer.«

Charlotte bemerkte den indignierten Blick, den Edgar seiner Mutter zuwarf.

»Messieurs DeVrer«, grüßte Charlotte. »Hocherfreut, Sie endlich kennenzulernen.«

Ihr Schwager Edgar war deutlich kräftiger geworden, als er es auf der Hochzeitsfotografie gewesen war, die Margaret geschickt hatte. Und George? Bei dessen Anblick zerplatzte Charlottes Traumbild vom kulturell beflissenen Adonis wie eine Seifenblase. Nicht, dass Mr George DeVrer unansehnlich gewesen wäre. Er hatte dunkle Haare, warme braune Augen und ein freundliches Gesicht. Jedoch war er, wie sein Vater, breitschultrig und kräftig mit einem sichtbaren Hang zur Fülle, ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte.

»Ausgezeichnet! Miss Phillips. Margaret wird auch gleich hier sein, dann können wir hinüber ins Speisezimmer gehen«, verkündete Edgar DeVrer. »Setzen Sie sich doch.«

George DeVrer nahm auf dem Sessel daneben Platz. »Hatten Sie eine angenehme Reise, Miss Phillips?« Seine Stimme klang warm und sympathisch. Sie hätte sich gut auf einer Bühne gemacht.

»Sie war recht anstrengend, aber es ist schon ein kleines Wunder, dass man die Strecke in nur einem Tag zurücklegen kann«, entgegnete Charlotte. »Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen mit dem Essen so lange haben warten müssen. Sie hätten sich doch nicht solche Umstände machen müssen.«

George nickte und lächelte. »Machen Sie sich keine Gedanken, Miss Phillips, so schnell verhungern wir DeVrers nicht.« Er lachte und strich sich mit den Händen über den rundlichen Bauch.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Margaret trat ein.

»Charlotte!«, rief die schon von der Tür her. »Fast hätte ich dich nicht erkannt. Du bist so erwachsen geworden. Und so hübsch! Nicht wahr, George?«

Wieder nickte George und lächelte. »Ja, Mutter. Nun, wenn wir vollzählig sind, sollten wir ins Speisezimmer gehen. Miss Phillips wird nach der anstrengenden Reise sicher auch hungrig sein.«

Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber George DeVrer schien beinahe erleichtert zu sein, dass ihr Gespräch unterbrochen worden war.

 

Nach dem Dinner ließ sich Charlotte von Margaret zunächst die Bibliothek und dann die anderen Räume zeigen. Danach gesellten sie sich zum Rest der Familie in den Salon. Draußen peitschte der Wind gegen die Fenster und brachte noch mehr Schnee. Margaret sah mit einem Seufzer zum Fenster und holte ihr Handarbeitszeug heraus. Typisch! Wenn sich Charlotte an ihre Schwester erinnerte, war sie vor ihrem geistigen Auge meist mit irgendeiner Handarbeit beschäftigt. Sie selbst hatte weder ein Händchen dafür noch ein Interesse daran. Daher hatte sie sich oft den Unmut ihrer Mutter und der Lehrerinnen in St. George’s zugezogen. Ihre Finger waren einfach nicht dafür gemacht, und sie teilte nicht die Geduld und Ausdauer ihrer Schwester. Dafür konnte sie stundenlang in Büchern abtauchen, bis die Buchstaben vor ihren Augen verschwammen. Wie ein Schwamm saugte sie dabei alles auf, was es in der elterlichen Bibliothek zu lernen und zu lesen gab. Jedoch musste sie das vor ihrer Mutter verbergen, die Angst hatte, man könne Charlotte für einen Blaustrumpf halten - denn einen solchen wolle schließlich niemand heiraten.

»Oh, Charlotte, du sitzt näher an der Lampe«, sagte Margaret und hielt ihr Nadel und Faden hin. »Wärest du so lieb und fädelst mir rasch die Nadel ein?«

Charlotte griff nach der Nadel, doch ihre Schwester ließ einen Augenblick zu früh los, und sie fiel zu Boden.

»Oje, so etwas Dummes«, murmelte Charlotte und bückte sich. Mit der Handfläche strich sie über den dicken Flor des indischen Teppichs und suchte nach der verlorenen Nadel. Dabei musste sie sich aufgerichtet haben, und die Spitze bohrte sich schmerzhaft in ihren Finger.

»Au!« Charlotte zog ruckartig die Hand zurück. »Zum Kuckuck! Jetzt habe ich mich gestochen.«

»Warten Sie, ich helfe Ihnen.« George erhob sich und bückte sich. Seine Finger tasteten über den Teppich und hatten schließlich die Nadel gefunden. »Hier haben wir den Übeltäter, Miss Phillips.«

»Oh, vielen Dank, Mr DeVrer.« Charlotte wollte nach der Nadel greifen, als sie feststellte, dass sich ein Blutstropfen an ihrem Finger gebildet hatte.

»Oje, ich sehe gerade, dass ich blute. Hätten Sie womöglich ein Taschentuch für mich? Ich möchte nicht, dass Flecken auf die Polster oder den Teppich gelangen.«

»Taschentuch. Ja natürlich, selbstverständlich.« Hektisch durchsuchte George DeVrer seine Taschen. Er sah ein wenig blass aus. Schließlich hatte er gefunden, wonach er suchte, und reichte Charlotte das Taschentuch.

»Wären Sie so liebenswürdig, es rasch um meinen Finger zu wickeln?« Sie streckte den blutenden Finger aus und hielt ihn George hin.

»Verzeihen Sie, Miss«, sagte er noch. »Ich … ich kann kein Blut … mir ist so …« Seine Augen rollten nach oben, und George DeVrer, dieser Bär von einem Mann, sank wegen des winzigen Blutstropfens rücklings auf den Teppich.

Na bravo! Was für eine Mimose! Und diesen Mann sollte sie heiraten? Sie warf Margaret einen drängenden Blick zu.

»Margaret, du hast sicher ein Fläschchen Riechsalz. Wir sollten es holen. Bei der Gelegenheit kann ich dann auch meinen Finger verarzten.«

Mit diesen Worten zupfte Charlotte dem am Boden liegenden George das Taschentuch, das er noch immer festhielt, aus der Hand.

»Verzeihen Sie bitte, Mr DeVrer«, flüsterte sie. Dann verließ sie mit Margaret den Raum, um das Riechsalz zu holen.

 

5. George

Als er die Augen aufschlug, sah er als Erstes das grimmige Gesicht seines Vaters, der über ihn gebeugt stand.

»Erhebe dich, du Schwächling!«, fuhr dieser ihn an. »Wie kannst du dich vor Miss Phillips nur so aufführen? Was soll sie nun von dir denken?«

George rappelte sich hoch und sah sich um. Seine Stiefmutter und ihre Schwester hatten den Raum verlassen. Er fragte sich, was so wichtig daran war, was Charlotte von ihm hielt, doch das noch immer nicht vergangene Schwindelgefühl verhinderte klare Gedanken. Er ließ sich in den Sessel neben seiner Großmutter fallen, die ihm sogleich den Arm tätschelte. Er lächelte ihr dankbar zu.

»Sicherlich werden Sie ihn sogleich wieder in Schutz nehmen, Mylady, nicht wahr? Das wird ihm jedoch nichts nützen.« Edgar DeVrer trat hinüber an die Hausbar.

»Mylord, es ist doch keine Absicht. Ich kann nun einmal kein Blut sehen.«

Sein Vater lachte auf. »Dann trifft es sich ja vorzüglich, dass ich beschlossen habe, dir das nördliche Jagdrevier zu überlassen. Die erste Jagd des nächsten Jahres wirst du anführen.«

George wurde allein von dem Gedanken schon wieder flau im Magen. »Mylord, ich bitte Sie, zwingen Sie mich nicht zur Jagd!«

Er verwünschte sich dafür, dass seine Stimme zitterte. Er war doch Schauspieler - oder zumindest wollte er einer sein. Warum nur gelang es ihm nicht, sich in dieser Sache unter Kontrolle zu bringen? Er war doch ein Mann, der Sohn eines Lords! Er durfte sich nicht wie der Weichling verhalten, für den sein Vater ihn hielt. Andererseits wollte er keine Tiere töten. Was war daran falsch? Schlimm genug, dass andere es für einen vergnüglichen Zeitvertreib hielten.

George erhob sich. Er würde sich nicht zwingen, nicht beschimpfen und nicht verlachen lassen! Er straffte die Schultern und ging mit festen Schritten hinüber zur Hausbar, an der sich sein Vater soeben ein Glas füllte.

»Vorsicht!«, vernahm er die Stimme seiner Großmutter hinter sich, da stürzte er bereits. Verfluchter indischer Teppich! Er landete unsanft auf demselben und hörte das schallende Lachen seines Vaters.

»Nun flehst du mich schon auf Knien an? Das wird dir nichts nützen, George. Ein Gentleman geht zur Jagd, Punktum.«

Wütend über die eigene Ungeschicklichkeit kämpfte sich George auf die Füße und trat seinem Vater gegenüber. Sie ähnelten einander äußerlich sehr, was beide gleichermaßen erzürnte. Beide waren hochgewachsen und dunkelhaarig, wobei sich an den Schläfen des Älteren bereits graue Strähnen zeigten. Auch war der Leib seines Vaters bei Weitem gewaltiger, und George hoffte, dass es bei ihm selbst bei dem leichten Bauchansatz bleiben würde, den er bisher ohne Probleme unter seiner Kleidung verbergen konnte. DeVrer betrachtete ihn ungerührt und leerte sein Glas in einem Zug. George nahm seinen Mut zusammen.

»Ich werde nicht zur Jagd gehen.«

Sein Vater hob die buschigen Augenbrauen und schwieg.

»Ich meine es so, Mylord. Ich verabscheue die Jagd, und ich …«

Edgar DeVrer trat so unvermittelt dicht vor ihn, dass sich George vor Schreck auf die Zunge biss.

»Was willst du stattdessen tun, mein Sohn?«, fragte sein Vater in honigsüßem Tonfall. »Theater spielen vielleicht?«

»Ja!«, platzte George heraus. »Ja, das ist mein größter Wunsch, und das wissen Sie auch.«

»Und welche Rolle, meinst du, stünde dir gut zu Gesicht? Die des Narren oder die des Krüppels, zu dem du dich durch deine Ungeschicklichkeit demnächst gemacht haben wirst?« Gehässiges Lachen ertönte aus seinem Mund. »Nun, ich habe eine andere Rolle für dich im Sinn. Du heiratest Charlotte, gehst zur Jagd wie jeder Herr, der etwas auf sich hält, und wirst nach meinem hoffentlich in ferner Zukunft liegenden Tod ein würdiger Earl für dieses Haus.«

George hörte, wie seine Großmutter hinter ihm scharf die Luft einsog, doch er konnte nur an die drei Worte denken, die ihm aus der Rede seines Vaters im Gedächtnis geblieben waren.

Du heiratest Charlotte.

»W-wie bitte? Ich heirate … wen?«

Edgar DeVrer seufzte und reckte seine gewaltigen Pranken flehentlich zur Zimmerdecke. Dann sprach er betont langsam, wie zu einem Kind: »Miss Charlotte Phillips, die Schwester deiner Stiefmutter.«

»Nein!«, rief George aus. Plötzlich wurde ihm einiges klar. Deshalb war es seinem Vater so wichtig, was sie von ihm dachte! Und offensichtlich war Charlotte schon in diese Pläne eingeweiht, denn sie hatte ihm den ganzen Abend über seltsame Seitenblicke zugeworfen. Er hatte gespürt, dass sie von ihm alles andere als angetan war. Dieses winzige, magere Ding, das ihn offensichtlich nicht mochte, sollte er zur Frau nehmen? Sie hatte ein hübsches Gesicht und schönes rotes Haar, gewiss, aber … sie sah aus wie ein junges Mädchen! So zart, so … flachbrüstig. Nichts zum Anpacken. Außerdem schien sie ein rechter Blaustrumpf zu sein. Sie hasste Handarbeiten, das konnte man deutlich daran erkennen, wie ungeschickt sie mit der Nadel hantiert hatte, und hatte sie nicht beim Abendessen sogar nach der Bibliothek gefragt? Mit einer klugen Frau an seiner Seite würde er seine eigenen Unzulänglichkeiten täglich vor Augen geführt bekommen. George wurde wieder schwindelig.

»Glücklicherweise hast das nicht du zu entscheiden«, sagte DeVrer ungerührt.

»Nun lass den armen Jungen doch erst einmal die Bekanntschaft des Fräuleins machen, Edgar. Ein einziger Abend reicht wohl kaum aus, um sich gut genug kennenzulernen.«

»Der Junge wird vierundzwanzig, Mylady, und verhält sich wie ein Rotzlöffel von acht!« DeVrer schnaubte. »Er sollte längst verheiratet sein! Ich habe seine Zukunft viel zu lange vernachlässigt, ihn in seiner Traumwelt aus Schauspiel und Faulenzerei leben lassen, nun jedoch ist es an der Zeit, Vorkehrungen zu treffen.«

Nie gekannte Wut erfasste George. Er fühlte sich wie Capulet in Romeo und Julia, als sich seine Tochter weigerte, den für sie bestimmten Mann zu heiraten. Und wie Capulet würde er nicht so mit sich umspringen lassen! Nun gut, das Stück hatte ein böses Ende für alle Beteiligten genommen, und außerdem war doch er, George, derjenige, der gegen seinen Willen verheiratet werden sollte, doch daran wollte er im Augenblick nicht denken. Capulets Wutausbruch entsprach seinen Empfindungen schlichtweg zu gut.

Sprich nicht! Erwidre nicht! Gib keine Antwort! Die Finger jucken mir.

Die Worte Capulets lagen ihm auf der Zunge, stattdessen rief er: »Nun, wo Sie der einzig verbliebene Sohn des Hauses sind und damit rechnen, Earl zu werden, da fangen Sie an, sich für mich zu interessieren, Vater?«

George hätte nie gewagt, diese Worte zu sagen, doch er war nicht George, er war Capulet, und er spielte seine Rolle großartig!

»Ich bin es jetzt schon leid! Vor der Nachricht von Onkel Charles’ Tod war es Ihnen gleichgültig, ob ich mit den jungen Leuten aus dem Dorf am Abend Theaterstücke probe, und plötzlich verbieten Sie es mir! Zur Jagd musste ich auch noch nie gehen, und wen ich heirate, war kein Thema. Und jetzt …«

George fühlte sich am Kragen gepackt. »Schweig!«, brüllte sein Vater und schüttelte ihn kräftig durch. »Und sprich mich nicht so an! Ich verlange Respekt!« DeVrer schnaufte von der Anstrengung, und feine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »In wenigen Tagen werde ich Earl, und du wirst mein Nachfolger. Wage es nicht, dich mir zu widersetzen, Sohn.«

Er versetzte George einen heftigen Stoß, und er taumelte rückwärts. Zum Glück stand der Tisch hinter ihm, sodass er nur gegen diesen fiel und darauf zum Sitzen kam. Sofort sprang er wieder auf.

»Vater!«

»Ich habe gesagt, du sollst mich nicht so …«

»Sprich ni…«

»Edgar! George!« Der schrille Ausruf Lady Harriets ließ beide verstummen und herumfahren. Die alte Dame saß hoch aufgerichtet im Sessel und stemmte die Hände in die Hüften, so gut dies im Sitzen möglich war. In ihren Augen glitzerten Tränen, die sie unwirsch wegblinzelte. »Nun ist es aber genug mit den Streitereien. Ihr vergesst wohl, wer hier noch immer die Hausherrin ist!«

»Es tut mir leid, Mylady«, sagte George, der nun wieder er selbst war, sofort. Flammende Hitze schoss in seine Wangen beim Gedanken an seine Worte, und er blickte auf seine Hände. Er hatte seine Großmutter mit seinen unbedachten Worten über Onkel Charles doch nicht verletzen wollen. Sein Tod hatte die alte Dame schließlich schwer getroffen.

Lady Harriet seufzte. »Wenn ich doch nur allein fortgehen könnte, aber stets bin ich auf Hilfe angewiesen. Eure Männergespräche langweilen mich zutiefst, insbesondere solche unflätigen Ausbrüche wie soeben. Damit meine ich euch beide! Und die Damen haben offenbar keine Zeit für mich. Wenn es erst an die Hochzeitsvorbereitungen geht, bin ich allen nur noch im Wege, und mit den Mägden kann ich mich nicht gepflegt unterhalten. Ich verlange, dass eine Gesellschafterin für mich eingestellt wird!«

»Mylady, das wird nicht nötig sein.« George beobachtete, wie sein Vater das falsche Lächeln aufsetzte, das er seiner Mutter stets schenkte, und auf diese zuging. »Sie sind doch niemandem im Wege!«

Harriet reckte das Kinn in die Höhe. »Ich bestehe darauf. Edgar, du musst dich um nichts kümmern, ich werde alles selbst veranlassen. George, mein lieber Junge, du wirst morgen für mich eine Nachricht ins Dorf bringen, nicht wahr?«

»Gern, Mylady.« George konnte seiner Großmutter keinen Wunsch abschlagen, erst recht nicht, wo sie sich gerade so für ihn eingesetzt hatte.

»Hoffentlich bricht sich der Tollpatsch dabei nicht den Hals«, murmelte DeVrer, sagte jedoch nichts weiter zu der Sache. George wusste, warum sein Vater einlenkte. Er befürchtete, dass seine Mutter ansonsten vor jeder ihrer Besucherinnen über ihre Einsamkeit klagen würde. Ob er nun Grund zu dieser Sorge hatte oder nicht: Gerede im Dorf war das Letzte, was er riskieren wollte. Schließlich gab es davon auch ohne ihr Zutun mehr als genug, und das seit fünfundzwanzig Jahren …

DeVrer leerte ein weiteres Glas Whisky, dann deutete er auf George. »Wir sprechen uns noch, Sohn.« Damit verließ er den Raum.

George wunderte sich über das triumphierende Lächeln auf dem Gesicht Lady Harriets, fragte aber nicht weiter nach, sondern half ihr in den Rollstuhl und schob sie in ihr Zimmer, wo ihre Zofe Sophie sie in Empfang nahm. Er selbst zog sich in seine Räume zurück, stellte sich vor den Spiegel und deklamierte noch einmal Capulets wütenden Monolog, untermalt von dramatischen Gesten. Zunächst gefiel er sich sehr in der Rolle, dann jedoch kam er an eine Textstelle, die ihn innehalten ließ.

… dies eine Kind nur sandte; doch nun seh ich,

dies eine war um eines schon zu viel.

War es das, was sein Vater von ihm dachte? Ein einziger Sohn, und der auch noch missraten …

Und wenn schon! George grinste sein Spiegelbild an. Er war, wie er war. Kein Earl und kein Jäger, kein Ehemann für eine edle Dame. Er wusste noch nicht wie, doch er würde schon aus der Rolle herauskommen, die zu spielen sein Vater von ihm verlangte. Hatte nicht sein Onkel Charles auch das Glück in die eigenen Hände genommen?