Leseprobe Der Tote von Wynden Manor

Wie eine Statue

Samstag, 20. Oktober

In der Senke eines der zahllosen, sanft geschwungenen Hügel Dartmoors, die Tors genannt wurden, hatte jemand eine sitzende Statue platziert. Sie thronte erst seit einem Tag in dem Wäldchen, noch fremd und ungewohnt, den Augen und Nasen umherstreifender Tiere ausgesetzt. Alte Eichen und Ahornbäume umgaben das Kunstwerk, das weiß durch das herbstlich bunt gefärbte Blattwerk des dichten Unterholzes schimmerte.

In der Nacht zuvor war Starkregen auf den Boden und das Standbild geprasselt, fast so als ob der Guss eine neue Sintflut einläuten wollte. Selbst jetzt, nachdem die Morgensonne durch die Wolken gebrochen war, dampfte der Boden noch.

Weitab von dem Hügel roch es nach feuchter Erde und klarer Luft. Doch je näher man der Idylle kam, umso stärker trat ein widerlich süßer Geruch hervor.

Insekten surrten und schwirrten um die einsame Statue herum, deren Material bereits abbröckelte. Eine Krähe hockte auf dem Kopf des Sitzenden und hämmerte mit ihrem Schnabel gegen den brüchigen Gips, in dem sie einen Spalt entdeckt hatte. Darunter schimmerte etwas und erregte das Interesse des Vogels.

Als Vorbild für den Sitzenden mochte der berühmte Denker Rodins gedient haben, vielleicht auch die Darstellung eines modernen Performancekünstlers oder eine griechische Götterstatue. Doch die Ausführung des Kunstwerks war grob. Es zeigte unbeholfene, wie von den Händen eines Kindergartenkindes geformte Gesichtszüge.

Die Macht des Regens hatte einen Teil der Hülle weggespült. Auf dem Boden um die Statue herum lagen hinuntergeschwemmte weiße Stücke und Bröckchen. Das Unkraut zu Füßen der Statue war von mit Gips gefärbtem Wasser getränkt, das in der Regennacht wie Spuren weißer Tränen im Grün den Hügel abwärts geflossen war.

Ein freigelegter menschlicher Zeh lugte aus dem beschädigten Material. Eine emsige Ameise krabbelte zielstrebig in die Öffnung, aus der er hervorschaute. Eine Fliege ließ sich auf dem pedikürten Zehennagel nieder und putzte ihre Beine. Die Krähe flatterte auf, als ihre Schnabelhiebe Erfolg zeitigten und ein Stück Gips wegbrach. Es stürzte zu Boden, plumpste weich auf und zerfiel. Unschlüssig kreiste der Vogel über dem Toten. Nachdem keine weiteren Brocken folgten, landete er auf der eingegipsten Schulter der Leiche.

Aufmerksam betrachtete die Krähe das zum Teil freigelegte Gesicht. Der Nasenansatz und ein Stück bleiche Haut kamen zum Vorschein. Dazu die Augenhöhle und eine durch eine kleine Narbe verunzierte dunkle Braue.

Die Krähe legte den Kopf schief, musterte den Toten und hackte entschlossen zu. Nur selten tauchten Menschen in dieser Gegend des Parks von Wynden Manor auf. Wer sollte sie also bei ihrem Mahl stören?

 

Sir Charleston

Sonntag, 21. Oktober

Lady Persephone Temper saß in ihrem Arbeitszimmer, das früher als Besenkammer des Herrenhauses gedient hatte: Staubwedel aus weichen Straußenfedern, Schrubber, Wischmopp und allerlei Putzzeug waren längst aus dem langen schmalen Raum verbannt worden, der nicht gerade als repräsentatives Büro gelten konnte. Aber dank eines Fensters wirkte es hell und licht. Als Kind hatte sie hier mit Staubwedeln bewaffnet Steckenpferd, Degenfechten oder Theater gespielt, inzwischen leitete sie eine Frühstückspension, erledigte Bestellungen, heftete Rechnungen ab oder telefonierte mit neuen Gästen.

Ein leises Schnauben ließ Persephone aufhorchen. Sir Everard Charleston lag auf einer Wolldecke vor dem Schreibtisch, ihr mehr oder weniger zu Füßen. Sie reckte den Kopf, um ihn anzusehen. Er runzelte die Stirn, ließ einen knatternden Furz fahren und öffnete unschuldig die großen dunklen Augen.

„Das stinkt! Pfui, Charlie, schämst du dich nicht?“ Weit davon entfernt, die Stinkattacke damenhaft zu übergehen, rümpfte Persephone die Nase.

Ein freudiges Waff genügte dem beigen Retro-Mopsrüden als Antwort. Fragend ruhte der Blick seiner dunklen Kulleraugen auf ihr. Er war ein außerordentlich guter Zuhörer und wusste vermutlich genau, dass sein Frauchen nur Spaß machte. Und je länger er sie musterte, umso schwerer fiel es ihr, das Lachen zu verkneifen.

„Du bist mir ein Schlimmer!“, tadelte Persephone ihn liebevoll.

Genau wie sie entstammte er einem altadeligen Geschlecht. Eine hohe Ehre, sollte man meinen. Obwohl er an der Last, ein Edler von Charleston zu sein, herzlich wenig trug.

„Ja, du hast das richtig verstanden. Deine Manieren lassen wieder einmal zu wünschen übrig, werter Sir.“

„Waff!“ Fröhlich wedelte sein Ringelschwänzchen hin und her.

Persephone beobachtete, wie er seinen gedrungenen Körper dehnte, herzhaft gähnte und schnurstracks um den Schreibtisch herum zu ihr trabte.

Sie tätschelte ihm den Kopf.

„Du bist ein kluger Hund, ich weiß. So wie du aussiehst, willst du am liebsten mit mir rausgehen, und es wäre ja auch gut für mich. Aber ich habe noch zu arbeiten.“ Im Gegensatz zu dem, was viele dachten, war Charlie alles andere als ein bequemer Schoßhund, der ständig döste.

Ihr Vater hatte bei seiner Anschaffung großen Wert darauf gelegt, einen Mopswelpen aus einer Zucht zu kaufen, die bei den Rassestandards Vernunft walten ließ. Sir Everard Charlestons Schnauze war nicht so platt, als dass er dem Ideal entsprochen hätte. Dafür blieb er von Augenentzündungen verschont und er brauchte auch nicht asthmatisch nach Luft zu ringen. Seine Beine kamen Persephone etwas länger vor als bei den Hunden, denen die Preisrichter Auszeichnungen verliehen. Aber sie war nicht mit derart vielen Möpsen bekannt, dass sie diese Beobachtung mit Fakten untermauern konnte. Wie auch immer, Charlie fegte gerne wie ein Wilder durch Wynden Manor, den Landsitz von Persephones‘ Vorfahren. Allerdings nicht an der Seite ihres Vaters. Nicht mehr …

„Na, los, wenn du rauswillst, lauf in die Küche. Emma lässt dich in den Garten.“

Charlie kannte den Weg zu Mrs Carson, Persephones Köchin und Haushälterin. Außerdem wusste er natürlich, wie er Einlass erhielt zu diesem Reich voller verlockender Düfte und seinem Stück umzäunten Garten. Doch höflich wie er war, blieb er kurz stehen, um sein Frauchen aus dunklen Augen fragend zu mustern. So als ob er ihr die Chance geben wollte, ihre Meinung noch einmal von Grund auf zu überdenken.

Erst als sie ihn nochmals aufforderte, ohne sie zu ihrer Haushälterin zu gehen, drängte er seinen Kopf durch den Türspalt. Der Rest samt Ringelschwanz folgte. Persephone lauschte dem leisen Klacken seiner Krallen auf dem Marmor in der großen Halle und einem fröhlichen Beller. Offensichtlich hatte er etwas entdeckt.

Kurzentschlossen schob sie den Stuhl zurück, ließ den Computer mit einer Stornierungsmail ruhen und betrat die große Halle. Ihr Mops hatte tatsächlich etwas hinter einem der Sessel entdeckt, das er ausgiebig beschnüffelte.

„Na, hast du wieder etwas aufgestöbert?“ Persephone erlebte den Fluchtversuch einer verängstigten Spinne mit. Schon als Welpe jagte Charlie diese Krabbeltiere mit Leidenschaft. Dass sie den Weg in seinen Magen fanden, hatte Persephone bislang noch nicht beobachtet. Wobei seine Zurückhaltung vermutlich weniger darauf beruhte, dass er als Mops von Adel Gnade walten ließ. Sondern eher auf dem Umstand, dass Mrs Carson ihn von klein auf mit Leckerbissen verwöhnt hatte. Er speiste von hübschem Geschirr wie ein Feinschmecker und war entsprechend heikel beim Fressen. Persephone konnte beim besten Willen nicht glauben, dass Spinnen seinem verwöhnten Gaumen mundeten – oder überhaupt irgendjemandem mit verfeinerten Geschmacksnerven.

Leider schaffte das Krabbeltier es diesmal nicht schnell genug, ein sicheres Versteck zu erreichen. Charlie verstellte ihm den Weg und beobachtete fasziniert das Phänomen, das dieses schlaue Biest vor seinen Augen vollführte. Das Tier sah mit einem Schlag vertrocknet aus, wie tot. Nur ungern dachte Persephone an die erste Wiederauferstehung einer Spinne, die sie miterlebt hatte. Mit Besen und Schaufel bewaffnet hatte sie Sir Charlestons Opfer aufkehren wollen. Im nächsten Moment kreischte sie erschrocken auf, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass das Tier loskrabbelte.

Für den vorwitzigen Sir Everard Charleston bedeutete diese Totenstarre seither ein spannendes Spiel. Warten, anstupsen und zuschauen. Ob er außerdem auf eine ordentliche Schreiattacke von ihrer Seite wartete, konnte sie schlecht abschätzen.

„Du lässt die Spinne brav in Ruhe!“ Persephone lief in ihr Zimmer und eilte mit Wasserglas und Papier bewaffnet in die Halle zurück, um einmal mehr ihr Karma durch eine Rettungsaktion zu verbessern.

Das Tier lag noch in Totenstarre, als Persephone zurückkam. Hoffentlich blieb es bei der Rettungsaktion brav hocken. Mit zitternden Fingern ging sie in die Knie und stülpte das Glas rasch, aber vorsichtig über die schwarze Spinne mit den behaarten langen Beinen und dem dicken Körper. Ein Riesenexemplar. Behutsam schob Persephone das Blatt Papier unter das Glas.

„Oh, Lady Persephone, bitte, lassen Sie mich das machen.“ Mrs Carson, die auffallend blass aussah, eilte ihr aus der Küche entgegen und nahm ihr Glas, Papier und Spinne ab.

Bevor Persephone ihre Haushälterin fragen konnte, ob etwas nicht in Ordnung war, machte Mrs Carson kehrt und entschwand mit Spinne und Charlie, der aufgeregt an ihr hochsprang, in die Küche.

 

Das leidige Geld

In der großen Halle duftete es zart nach Lavendel und Rosen. Potpourris standen auf kleinen Beistelltischen neben den Sesseln, die Besucher zum Verweilen einluden. Für die großzügigen Treppenaufgänge mit den kostbaren Schnitzereien und Drechslerarbeiten war Wynden Manor sogar über die Grenzen Dartmoors hinaus bekannt. Perserteppiche und Seidenläufer auf Marmor und Parkett sorgten für ein wenig Gemütlichkeit in dem riesigen Raum. Ebenso der offene Kamin, um den die Sitzgruppe arrangiert war. Persephone lehnte die Tür zu ihrem Arbeitszimmer nur an, falls Sir Charleston Lust verspüren sollte, sie zu besuchen.

Ihr Blick glitt über die vollgefüllten Regale. Seit sie die Arbeit ihres Vaters übernommen hatte, standen alle Geschäftsbücher der letzten zehn Jahre in Griffhöhe eingeordnet. Sie zog einen mit Rechnungen des laufenden Jahres heraus. Ältere Bücher, Berichte und Personallisten längst vergangener, glanzvoller Zeiten erreichte sie nur mit einer verschiebbaren Bibliotheksleiter, die ein Schreiner eigens an die Regale angebracht hatte. Persephone haderte oft damit, dass sie nicht nur klein, sondern winzig war. Sie brauchte schon einen Tritt, wo andere nicht einmal die Zehenspitzen benutzten.

Nachdem ihr die Mahnung eines Klempners ins Haus geflattert war, musste sie prüfen, ob die Summe aus Versehen offenstand. Dabei hätte sie jeden Eid geschworen, den eingeforderten Betrag schon vor Monaten bezahlt zu haben. Was durchaus sein konnte: Manchmal gingen unberechtigte Forderungen ein, weil sie ihre Schulden vielleicht zu prompt überwies.

Eine Angewohnheit, die sie aus gutem Grund nach dem Tod ihres Vaters übernommen hatte, der ein säumiger Zahler gewesen war. Seufzend legte sie den Ordner auf den Schreibtisch. Das elegante Möbelstück aus Kirschholz war das letzte Geschenk ihres krebskranken Vaters. Trotz seiner quälenden Therapien hatte er es nicht versäumt, eine ‚Kleinigkeit‘ für ihr Arbeitszimmer auszusuchen. Wehmut durchflutete sie. Vor zwei Jahren war er gestorben.

Draußen zwitscherte eine Amsel. Persephones Blick fiel auf das Fenster, dessen Originalverglasung einem rebellischen Knecht zum Opfer gefallen war. Oder einem eifersüchtigen Ehemann? Die Familienaufzeichnungen waren in der Hinsicht nicht sehr ergiebig. Persephone konnte diese und jede Menge anderer historischer Details für Touristen auswendig und vermutlich auch im Schlaf herbeten, obwohl sie das nie überprüft hatte.

Schwierig wenn es keinen gab, mit dem man sein Bett teilte. Sie presste ihre Kiefer fest zusammen. Nicht mehr gab … Dabei war es nicht einmal so, dass sie die gelöste Verlobung bedauerte. Sie nahm auf ihrem Schreibtischstuhl Platz. Die Dielen knarrten während des Hinsetzens.

Trotz des Laptops auf dem Schreibtisch erinnerte vieles in ihrem Lieblingsraum an ein Museum. Kein Wunder, die Anfänge Wynden Manors reichten fünfhundert Jahre zu einem nahegelegenen Steinbruch zurück. Tja, und sie selbst verkam mit ihren siebenundzwanzig Jahren langsam aber sicher auch zum altertümlichen Inventar. Vielleicht war es doch nicht die schlechteste Idee, alles in Bausch und Bogen zu verkaufen? Wie herrlich musste es sein, ohne Schulden und unbeschwert von Rechnungen, Mahnungen und Hypotheken zu leben.

Aber von was? Als was? Persephone hatte englische Literatur studiert und über Jane Austens Persuasion promoviert. Beides erfolgreich, aber nicht herausragend. Mit den Verdiensten aus diesen Meriten konnte sie nicht einmal die Kosten einer ausgewogenen Sonntagsmahlzeit ihres Feinschmecker-Mopses decken. Geschweige denn die Ansprüche ihrer Mutter. Außerdem lebten sie nicht alleine hier: Sie konnte und wollte das Ehepaar Carson nicht entlassen. Schon bei dem Gedanken, ihre beiden treuesten Helfer auf die Straße zu setzen, blutete ihr Herz. Vor allem wenn sie an das Leid dachte, das die beiden um ihre Tochter trugen. Persephone faltete die Hände untätig auf der Schreibtischplatte, starrte auf die Kirschholzvertäfelung und die zart grüne Seidentapete. Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken.

 

Die schöne Charlotte

Persephone lauschte. Doch, da klopfte jemand. Und richtig, ihre Mutter lugte ins Zimmer.

„Störe ich?“

„Nein, bitte komm herein.“

Persephone stockte manchmal der Atem, wenn sie die schöne Frau betrachtete, die ihre Mutter sein sollte. Die im trüben Licht eines Oktobertages, der rasch zur Neige ging, vertraut und fremd zugleich wirkte. Alles an Charlotte war eine Spur klarer und schöner als bei Persephone. Ihre Augen strahlten in einem intensiven Vergissmeinnichtblau, während Persephones nur ein undefinierbares Grüngraublau aufwiesen. Charlottes kinnlanger Pagenkopf glänzte in einem warmen Goldton, während Persephones Haar in schlichten dunkelblonden Wellen bis über ihre Schultern fiel. Persephone galt trotzdem als hübsches Mädchen, aber an ihre Mutter reichte sie vom Aussehen her nicht heran.

Darüber hegte sie keine Illusionen und sie verübelte es ihr nicht. Sie verübelte es ihr auch nicht, dass Charlotte sie nie selbst versorgt hatte. Zumal die Mutter keinen Hehl aus ihrer Geschichte machte: Als Siebzehnjährige lernte sie den weit älteren Reginald Temper, Earl Wynden of Wynden, kennen. Sie heirateten und ein Jahr später schenkte sie, selbst noch ein halbes Kind, ihrer Tochter das Leben.

Persephone kam sie nicht wie eine Respektsperson vor, sondern eher wie eine Schwester. Fremde hielten die Mutter vermutlich auch dafür. Denn ihre fünfundvierzig Jahre sah man Charlotte beim besten Willen nicht an. Ruhig wie eine Statue stand sie im Türrahmen.

„Komm endlich rein und setz dich, Mama. Du weißt doch, wie ungemütlich ich es finde, wenn du nur stumm dastehst.“

„Ach, Liebes, wie oft soll ich dich noch darum bitten: Ich wünschte, du würdest mich Charlotte nennen. Ich fühle mich so unsagbar alt, wenn du Mama zu mir sagst. Wie eine Matrone, dabei brennt mein Herz noch heiß.“

Das war nicht das, was Persephone zu hören wünschte. Sie lächelte verlegen, während ihre Mutter vor einem der Kupferstiche haltmachte. Aufmerksam betrachtete sie einen Fantasie-Schmetterling mit bunt schillernden Flügeln. Sie seufzte und wandte ihr reizendes Profil so weit zur Seite, bis sie Persephone in die Augen sah.

„Es ist so öde hier“, erklärte Charlotte unvermittelt. „Ich fahre ein paar Tage nach London. Willst du mich begleiten? Du brauchst unbedingt Abwechslung. Überlege es dir, Schätzchen. Du bist nur einmal jung, genieß es.“

„Tut mir leid, Mama, ich habe zu arbeiten, außerdem erwarte ich heute noch einen Gast.“

„Ich wollte, du würdest den Unfug mit diesem Betrieb lassen“, wischte ihre Mutter den Einwand weg. „Als ob ein Gast etwas an der Misere ändern könnte.“

„Einer sicher nicht, das stimmt. Aber wenn wir alle Zimmer vermieten würden, die infrage kommen …“

„Wenn …, wenn …, wenn …, warum tust du es nicht, wenn es dir so wichtig ist?“

Charlotte sah nicht so aus, als ob sie an einer Antwort ernsthaft interessiert wäre. Aber Persephone brachte es nicht fertig, höflich den Mund zu halten.

„Hörst du mir eigentlich nie zu, Mama? Das Dach muss repariert werden! Ich kann von unseren Gästen schlecht verlangen, dass sie in unserem Haus Schirme aufspannen und einen Slalom um Eimer hinlegen, die unter undichten Stellen aufgebaut sind.“

Wenn sie daran dachte, wie die Tropfen bei dem Wolkenbruch gegen die Fenster geplatscht und getrommelt hatten! Jeder im Haus war heilfroh um die vier Wände und das Dach über ihrem Kopf gewesen. Wobei Letzteres wie ein guter Witz klang. Alles an Eimern und Töpfen, was Mrs Carson entbehren konnte, hatten sie an diesem denkwürdigen Abend auf den Speicher geschleppt. Spätestens nachdem Persephone das Sammelsurium von gut dreißig Behältnissen betrachtet hatte, wusste sie, dass es so nicht weiterging. Die Ziegel waren mürbe und brüchig. Das arg verwinkelte Dach musste dringend neu eingedeckt werden.

„Und ich dachte, das dient als Markenzeichen für deine besondere Frühstückspension. Apropos Gäste, irgendetwas wollte ich dir noch sagen …“ Charlotte machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, so wichtig war es sicher nicht!“

„Oh, Mama!“ Statt böse zu sein, lachte Persephone hell auf. „Ich wünsche dir viel Spaß in der Stadt und bitte keine teuren Shoppingaktionen. Das sprengt unsere Finanzen.“

„Eigentlich müsste es umgekehrt sein, nicht wahr? Ich sollte dich davon abhalten, in der Stadt Unsummen für Frisör, Kleider und Theater auszugeben. Du bist es, die sich amüsieren sollte.“

„Gerne, aber dazu braucht man Geld.“

„Verkauf das Haus.“

„Um wovon zu leben, Mama?“ In Momenten wie diesen kam Persephone die eigene Mutter wie eine um Jahre jüngere Schwester vor. „Du hast nichts gelernt.“

„Das nenne ich hart formuliert.“

„Ich habe doch auch nichts gelernt. Jedenfalls nichts, von dem man anständig und komfortabel leben könnte.“ Persephone machte eine weit ausholende Geste. „Außerdem liebe ich das Haus …“

„Deshalb hockst du ja auch bei Tag und Nacht in der Besenkammer. Du solltest alles an den Erben des Titels verkaufen.“

Nachdem Haus und Grund Persephone persönlich gehörten, stellte diese Option tatsächlich eine der wenigen Möglichkeiten dar, die ihr blieben. Nur wer übernahm freiwillig ein marodes Haus, in das Millionen, zumindest aber hunderttausende Pfund, investiert werden mussten, und zahlte den Verkäufern obendrein noch ein nettes Auskommen zum Leben?

Ihre Mutter runzelte die perfekt gezupften Brauen. „Ist dieser Anwärter auf den Titel inzwischen aufgetaucht?“, fragte sie. „Hast du etwas gehört?“

„Nein, überhaupt nichts.“

„Umso besser! Vielleicht kippen sie diese dummen Erbgesetze noch, bevor der Mann überhaupt gefunden wird. Ich sehe gar nicht ein, dass du ihn nicht erben sollst, nur weil du ein Mädchen bist. Ihre Majestät ist schließlich auch eine Frau. Dein Vater war so entzückt, als du geboren wurdest. Weißt du, bis heute rechne ich es ihm hoch an, dass er nicht darauf bestanden hat, mich den Strapazen einer weiteren Schwangerschaft auszusetzen. Nur damit er einen Sohn und Erben bekommt. Dieser dicke Bauch und die Übelkeit. Nichts gegen dich, Schatz, aber die Zeit war grässlich.“ Mit einer eleganten Geste strich ihre Mutter eine golden schimmernde Strähne hinter das Ohr. Eine Marotte, mit der sie ihre Verlegenheit überspielen wollte, wie Persephone im Lauf der Zeit erkannt hatte. Meist funktionierte es.

Charlottes Blick blieb an ein paar Fotografien auf einer Collage an der Wand hängen. „Hast du die Bilder von deinem Ex und dir immer noch nicht abgenommen? Ich dachte, du bist schon lange über Blake hinweg?“

„Bilder von uns?“ Es gab nur eins. Ein Gruppenfoto von dem 45. Geburtstag ihrer Mutter, auf dem Blake zwischen ihr und Charlotte stand. Zum ersten Mal seit Monaten betrachtete Persephone das Bild und überlegte, warum sie es nicht abgehängt hatte.

Der Mann auf dem Foto bedeutete ihr nichts mehr, obwohl ihr Ex-Verlobter neben seinem ebenmäßigen fotogenen Gesicht jede Menge Charme und hervorragende Manieren zu bieten hatte. Obendrein verfügte er über einen sehr guten Abschluss in Jura. Der ungeliebte Brotberuf langweilte Blake. Also hatte er ihn an den Nagel gehängt und baute auf sein künstlerisches Talent, nachdem er der Erbe des Vermögens seines Vaters geworden war.

Innerhalb kürzester Zeit hatte er sein Haus mit selbstgemalten surrealistischen Bildern ausstaffiert, die Persephone gefielen, ansonsten aber keinen Anklang fanden. Schließlich begrub er die Pläne, den Durchbruch mit seiner Kunst zu schaffen, und arbeitete weiter wie bisher. In Luxus schwelgte er nicht, war aber gut betucht. Und wenn es zwischen ihnen funktioniert hätte, wäre Persephone bereit gewesen, Schulden und Haus samt Park dem National Trust zu überlassen.

Der Park war ein Prunkstück, dessen Unterhalt Jahr um Jahr Unsummen verschlang. Allein die Personalkosten brachten Persephone regelmäßig an den Rand der Verzweiflung. Dabei arbeitete Paul Carson, ein gelernter und sehr fähiger Gärtner, ohnehin nur mit Aushilfskräften aus dem Dorf. Oder Studenten, die Bachelorarbeiten über Flora und Fauna Devons und speziell über Dartmoor schreiben wollten. Als Gegenleistung für sein bereitwillig geteiltes Wissen über interessante Standorte von Libellen, Orchideen, Moosen und seltenen Flechten unterstützten die Studenten ihren Mentor für den Mindestlohn eifrig bei allen anfallenden Arbeiten. Trotzdem blieb viel zu viel auf Mr Carsons Schultern lasten. Es klopfte.

„Ihr Vormittagstee, Lady Persephone.“ Geschickt balancierte Carsons Frau Emma ein Tablett mit Tee- und Milchkanne. Immer noch sah die Haushälterin auffallend blass und mitgenommen aus. Schade, dass Persephone nicht allein war. Sonst hätte sie Emma gefragt, ob es etwas mit ihrer Tochter Indira zu tun hatte und sie irgendwie helfen konnte. Später würde sie das nachholen.

„Möchtest du auch eine Tasse, Mama?“ Persephone nahm eine Kanne aus hauchzartem, im Gegenlicht durchscheinendem Porzellan mit Rankenornamenten im japanischen Stil vom Stövchen und schenkte die goldbraun plätschernde Flüssigkeit ein.

„Nein danke, ich werde gleich aufbrechen.“

„Wie Schade, dass du dafür keine Zeit mehr hast.“ Einen Schuss Milch gab Persephone in die Tasse und einen kleinen Löffel Zucker.

Der Antwort auf das unangenehme Thema Blake war sie durch die Unterbrechung vielleicht enthoben, nicht aber ihren Gedanken. Zumindest eines stand fest: Ihre Verlobung mit Audley Blake hatte keinen Bestand gehabt. Vorbei war vorbei, und ihre Probleme musste sie alleine lösen. Charlotte drang nicht weiter in sie, aber Persephone spürte die forschenden Blicke ihrer Mutter voller Unbehagen.

War sie über ihren Ex hinweg? Sie hatte ihn kaum je Audley, also bei seinem Vornamen genannt, sondern Blake, wie alle anderen. Ein Mangel an Intimität oder nur die Macht der Gewohnheit? Schließlich kannten sie einander seit ihrer Kindheit.

Sie betrachtete das Bild und sein schönes Gesicht, dabei schwappte eine Welle von Ekel in ihr hoch. In Wynden ging die Version um, dass er nach der Lösung der Verlobung zu einem Sabbatical aufgebrochen war. Angeblich verbrachte er ein Jahr zum Nachdenken und In-sich-Gehen auf dem Kontinent. Ob es stimmte, wusste sie nicht.

„Wärest du sehr unglücklich, wenn Blake für immer aus deinem Leben verschwände?“, forschte Charlotte behutsam. „Vielleicht hat er unterwegs jemanden kennengelernt?“

„Oh, hast du Nachricht von ihm?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. Energisch rührte Persephone ihren Tee um und verfolgte die hellen Milchschlieren, bis sie in ein einheitliches Braun übergingen. Vom Aussehen her fand sie Blake eine Spur zu perfekt. Das hatte sie von Anfang an so empfunden und schon damals befürchtet, dass er nicht fähig war, sein Interesse auf eine einzige Frau zu beschränken. Verlangte sie zu viel von einem Mann, wenn sie Treue forderte?

„Sich eine Freundin und ein paar Nebenfrauen anzulachen wäre typisch für ihn“, antwortete Persephone leichthin. „Außerdem ist es beileibe nicht so, als ob ich mir Tag und Nacht darüber den Kopf zerbreche, was aus ihm geworden ist, Mama. Von mir aus kann er tun und lassen, was er will.“

Von ihr hatte er für die Affäre mit Indira eine Ohrfeige einkassiert. Unwillkürlich ging ihr Blick zu ihrer linken Hand. Ihr Verlobungsring war eher eine Spur zu eng als zu weit gewesen. Ihn an dem Tag abzustreifen, gelang ihr fast nicht und sie wurde bei dem Versuch immer wütender. Mit Blake zu reden, lehnte sie kategorisch ab. Aufgebracht hatte sie ihn aus dem Haus gewiesen. Noch am gleichen Tag war er verschwunden.

Kurz nach Antritt der Reise schickte er ihr zwei Postkarten, in denen er um Verzeihung bat. Seither herrschte Funkstille. Niemand aus dem Ort, in dem gut zweihundert Seelen lebten, hatte noch etwas von ihm gehört. Trotzdem erhofften die Leute ausgerechnet von ihr Auskunft über Blakes Verbleib.

„Na, so versunken?“

„Entschuldige, ich dachte, du wolltest los?“ Erschrocken fuhr Persephone zusammen, als ihre Mutter sie ansprach.

„Ich hatte dir eine Frage gestellt. Weißt du, manchmal glaube ich, Blake hat sein Ziel erreicht“, fuhr Charlotte nachdenklich fort. „Durch sein Verschwinden zwingt er dich, an ihn zu denken.“

„Nein, Mama, er bedeutet mir nichts mehr.“

Charlotte kam näher und umrundete den Schreibtisch, bis sie direkt vor Persephone stand, der sie einen Kuss auf die Stirn drückte.

„Was ist das für ein Parfüm, es riecht so gut.“ Persephone schnupperte. „Aber nicht zu erdrückend. Ist da Vanille und Moschus drin?“

Charlotte zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

„Na gut, wie heißt es?“

„Es heißt … es hat keinen Namen. Es hatte keinen. Weißt du was, ich taufe es Temper’s One. Jules, ein göttlicher Parfümier, hat es bei meinem letzten Besuch in London extra für mich zusammengemischt.“

„Mama, bitte!“ Persephone sank tiefer in ihren Stuhl. „Was hat es gekostet?“

„So schlimm war das gar nicht. Kaum mehr als fünfhundert Pfund.“

„Das nennst du sparen?“

„Aber ja, Jules hatte so viele Ideen, dass er mir zehn Düfte kreieren würde, wenn ich es ihm erlaube. Also habe ich nur eins genommen und ganze viertausendfünfhundert Pfund gespart. Byebye, dieses Mal werde ich brav sein. Ich verspreche es.“

Seufzend sah Persephone der großen, schlanken Gestalt nach, die anmutig aus dem Zimmer schritt.