Leseprobe Der Tote in der Black Swan Lane

Prolog

Ein schwacher Lichtschimmer huschte über den Steinboden, gefolgt von sanften Schritten und dem gedämpften Rauschen von klammer Wolle im Nebel. Ein einsamer Mann eilte in schneller werdendem Tempo das Kirchenschiff entlang, der Schulterkragen seines Paletots flatterte im Schleier der Schatten.

Am Querhaus angekommen blieb er stehen und fixierte den Schein der eisernen Laterne auf eine Reihe eng gesetzter Granitsäulen, die sich vor der Apsis türmten.

Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit hervor. „Sie sind verdammt noch mal zu spät.“

„Was ich bei mir trage ist das Warten wert. Sie haben nach Beweisen verlangt und ich habe Sie, mein lieber Goldener.“ Der Mann murmelte in tiefem Ton aus Ehrfurcht vor der Grabesstille die in der verlassenen Kirche herrschte. Was, so dachte er, eine Schande war, hätte er doch das ihn umgebende Gemäuer mit seiner schmelzenden Stimme zum Vibrieren bringen und ein wundervolles Echo erzeugen können.

Und wenn es einen Moment gab, in dem eine Verkündung die Begleitung eines Engelschors verdient hatte, dann war es dieser.

„Ja, machen Sie sich bereit für eine äußerst wundersame Enthüllung.“ Eine gespenstische Staubwolke breitete sich in der kühlen Luft aus, als er ein kleines, in Leder gebundenes Buch aus seiner Manteltasche holte und es dem Goldenen überreichte.

Sein Gegenüber zögerte. Die Schlitze in seiner tiefschwarzen Maske gaben eine kurze Bewegung preis, als ein Lichtschimmer die gesenkten Lider vergoldete.

Herrgott, war solch alberne Theatralik vonnöten? Schließlich standen sie an der Schwelle zur Unsterblichkeit.

Der Goldene beäugte die zerfransten Kanten des altersgeschwärzten Kalbsleders und die verblassten Buchstaben der goldenen Prägung einen Moment lang, bevor er seinen Blick hob. „Sie haben mir das Manuskript versprochen.“

„Dieser Kodex ist der erste Schlüssel, um das Geheimnis des Manuskriptes zu enthüllen. Ein kleiner Vorgeschmack, wenn man so will“, erklärte der Mann gelassen, „eine Vorspeise, um den Appetit anzuregen, die Zunge zu entzücken, wie die Franzosen sagen würden.“ Er wagte ein Lächeln. „Auch wenn das hier aus den Bergen Bayerns kommt. Die Deutschen verstehen zwar nichts von der Kunst des guten Lebens, aber sie sind ausgezeichnet im Lösen von Rätseln.“

Leise fluchend lockerte der Goldene die Verschlüsse seines voluminösen Umhangs, welcher, wie dem Mann auffiel, von weit besserer Qualität und Schnitt war als die Kleider, die der Kerl sonst trug. Womöglich hat die Aussicht baldiger Reichtümer–

„Sparen Sie sich Ihre kleinen Schnipsel der Weltklugheit, mit denen Sie Ihre Freunde beeindrucken“, knurrte der Goldene, als er das Buch in die Hand nahm und es langsam aufklappte. „Ich weiß nichts über Frankreich oder die deutschen Fürstentümer und habe nicht vor, daran etwas zu ändern. Meine Heimat ist die natürliche Welt, welche keine Grenzen, keine Zäune kennt.“

Staubpartikel stiegen auf und tanzten wie wirbelnde Derwische durch den schmalen Strahl des Laternenlichtes. Im Kontrast dazu war die tiefe Dunkelheit, die sie umhüllte, so ruhig wie eine Krypta.

„Vorsichtig“, rügte der Mann, obwohl er feststellte, dass der Kerl für jemanden, der mit seinen Händen arbeitete, überraschend geschmeidige und gepflegte Finger hatte, „Sie halten äußerst empfindliches Pergament und Federstriche, die bald die Welt verändern werden, in den Händen.“

„Vorausgesetzt, was Sie gelesen haben ist … wahr.“

„Ich habe allen Grund zur Annahme, dass es das ist“, erwiderte der Mann, „Sir Isaac Newtons Manuskript–“

„Newton lag falsch. Was so manche Dinge betrifft.“

„Das liegt daran, dass ihm die entscheidenden Dokumente fehlten, die ihm das Wissen gegeben hätten, an dem es ihm mangelte. Ich jedoch habe sie und damit ist das transformative Geheimnis zum Greifen nah! Es fehlt nur noch ein Mann mit Ihren einzigartigen Fähigkeiten, um den Plan zu verwirklichen.“

Der Goldene blätterte durch die Seiten, stoppte gelegentlich, um die handgezeichneten Darstellungen zu analysieren und den krakeligen Text kritisch zu begutachten.

„Zufrieden?“

„Nein.“ Er klappte das Buch zu. „Das hier sagt mir gar nichts. Ich werde Newtons Manuskript und die anderen Bücher sehen müssen, bevor ich mich voll und ganz Ihrem abstrusen Vorhaben verschreibe.“

Der Mann verspürte eine stechende Wut über die unerwartete Antwort. „Ich habe Ihnen bereits einen beachtlichen Betrag gezahlt.“

Schulterzucken. „Und ich habe bereits eine beachtliche Menge an Arbeit geleistet. Ob ich weitermache oder nicht ist allein Ihnen überlassen.“

„Wie können Sie noch zögern? Diese Gelegenheit ist ein Geschenk Gottes!“

„Das sagen Sie. Ich jedoch bin ein Pragmatiker, der die Dinge von einem etwas weltlicheren, empirischeren Standpunkt aus betrachtet. Sie haben mir einen Beweis für Ihre Behauptung versprochen, ein Versprechen, dem Sie noch immer nachzukommen haben.“

„Die anderen Bücher sind zu kostbar, um sie zu transportieren“, protestierte er, „ich habe sie an einem sicheren Ort versteckt.“

„Für Ihre himmlischen Verheißungen von Ruhm und Reichtum allein werde ich meine berufliche Zukunft nicht aufs Spiel setzen“, konterte der Goldene.

Angespannte Stille breitete sich über die Dauer mehrerer Herzschläge im Innern der Kirche aus.

Er hätte es bevorzugt, den Kerl durch Überredung breitzuschlagen, doch war er auch Gewalt nicht abgeneigt. Es war schließlich für das höhere Gut.

„Berufliche Zukunft?“, wiederholte der Mann langsam, „Ihre Chancen auf eine berufliche Zukunft wären gleich Null, würde ich bestimmten Personen von Ihrem kleinen Geheimnis erzählen.“

Stille.

„Glauben Sie, ich kenne Ihre wahre Identität nicht?“ Ein Lächeln. „Sicherlich haben Sie mittlerweile gespürt, dass Gott mir besondere Fähigkeiten verliehen hat.“

„Ist das eine Drohung?“, fragte der Goldene mit sanfter Stimme.

„Lediglich eine Warnung“, entgegnete er, „aber lassen Sie uns nicht über theoretische Streitigkeiten hadern. Die Wahrheit ist, dass Sie bald reicher sein werden, als Sie es sich jemals zu träumen gewagt haben.“

„Was Sie erwarten ist gefährlich.“

„Ah, aber die Hand auszustrecken und nach der unsterblichen Schönheit der Genialität zu greifen erfordert eine gewisse Risikobereitschaft.“ Eine Pause. „Stellen Sie es sich doch bloß einmal vor – Sie werden nicht nur eine weltliche Transformation, sondern ebenso eine spirituelle in Gang setzen.“ Seine Stimme wurde unweigerlich lauter. Wie konnte der Kerl dieses unglaubliche Wunder, das ihm angeboten wurde, nicht zu schätzen wissen? „Die Belohnung ist das Risiko wert.“

„Ich …“ der Goldene schaute nervös zum anderen Ende des Querhauses, „haben Sie das gehört?“

„Nein.“ Der Mann lauschte.

Nichts.

„Ich versichere Ihnen, zu dieser Uhrzeit hält sich hier keine Menschenseele auf. Der Wächter geht erst in einer Stunde wieder seine Runden.“

„Ich sage Ihnen, ich habe da etwas gesehen.“

Er sah sich um, ließ seinen Blick durch die Dunkelheit schweifen. Der Kerl sah Gespenster. Solch überschäumende Fantasie würde strikter Kontrolle bedürfen.

Da ist nichts.“

Eine Flüssigkeit, heiß wie die Feuer der Hölle, traf sein Gesicht, als er sich gerade zurückwandte. „G–Grundgütiger Herr im Himmel!“

„Ja, sprechen Sie ein letztes Gebet“, sagte der Goldene mit sanfter Stimme, als er das Buch rasch in seiner Tasche verschwinden ließ und ein Tranchiermesser aus seinem Umhang hervorholte.

„Himmlischer Vater, ich flehe dich an …“ Seine erblindeten Augen reibend fiel er auf die Knie, der Rest seiner Worte wurde zu einem durchdringenden Schrei.

 

Kapitel 1

Dampfschwaden stiegen aus dem blubbernden Tiegel empor, silberweißer Rauch wand sich geisterhaft vor der Holzvertäfelung, bevor er in der Dunkelheit verschwand. Nachdem er auf seine Taschenuhr geschaut hatte, kritzelte der Graf von Wrexford noch ein paar Anmerkungen in sein Buch. Das Kratzen seiner Feder auf dem Papier wurde begleitet von dem sanften Plop, plop, plop farbloser Chemikalien.

„Des Teufels Brühe“, murmelte er, lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück und starrte den knallbunten Satiredruck an, der an einem Stapel aus Büchern lehnte. „Obwohl ich dem Künstler lassen muss, dass er sich eine weitaus poetischere Bezeichnung hat einfallen lassen.“

Satans Syllabub. Dreizacke befanden sich anstelle der zwei l in der roten Überschrift. Was die Karikatur von ihm anging …

Ein freudloses Lachen entkam seinen Lippen.

Zwei scharlachrote Hörner ragten hinter dem langen schwarzen Haar hervor. „Ich sollte diese Woche unbedingt meinen Friseur besuchen“, murmelte er und streifte sich eine Strähne seiner schulterlangen Locken vom Kragen, „und habe ich wirklich solch eine Hakennase? Ich dachte immer, sie hätte viel mehr eine elegante Krümmung. Aber das?“

Etwas weiter unten fiel ihm auf, dass der Künstler ihn ohne Hosen gezeichnet hatte und dass seine nackten, haarigen Beine – eine geschmacklose Übertreibung – in gespaltenen Hufen endeten. Die kleingedruckte Unterschrift erläuterte, dass er die Gepflogenheit besaß, die giftigen Sude nach einem sinnlichen Intermezzo mit seiner letzten Eroberung zusammenzubrauen.

„Lügen“, murrte Wrexford bitter und nahm sich einen Moment Zeit, um die clevere Karikatur einer beinahe vollständig unbekleideten Dame, die sich in dem großen Kupferkessel zwischen seinen Beinen befand, zu betrachten. Die geschickten Federstriche hatten Diana Fairfields bockigen Schmollmund mit erschreckender Akkuratesse eingefangen.

Ja, das Gesicht war perfekt, doch das implizierte Timing war falsch.

„Arbeit und Vergnügen halte ich strikt getrennt.“ Allein schon, weil das nackte Durchführen chemischer Experimente äußerst schmerzhafte Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Andererseits, dachte er, konnte er es dem Künstler nicht verdenken, sich seiner künstlerischen Freiheit zu bedienen. A.J. Quill hatte sich einen Ruf als Londons schonungslosester Karikaturist und Satiriker aufgebaut und verdiente zweifelsohne ein schönes Sümmchen für seine ungnädigen Darstellungen der Unglücklichen, die in den neuesten gesellschaftlichen Skandal verwickelt waren.

Verdammt soll er sein. Skrupellose Bilder, bissige Kommentare – das war es, was das zahlende Publikum wollte. Elend sucht Elend, vor allem wenn es um ein Mitglied der privilegierten Minderheit geht.

„Ah, wie ich sehe, haben Sie die heutige Sendung von Fores’ Druckerei gefunden.“ Die Tür des Arbeitszimmers schloss sich leise hinter Tyler, dem Kammerdiener und gelegentlichen Laborassistenten des Grafen, während er ein Tablett mit Chemikalien an den kleinen Arbeitstisch bei dem Spiritusbrenner brachte.

„Ja. Die neueste Ausgabe ist äußerst unschön.“ Wrexford warf einen Blick auf seine Uhr und wartete zehn Sekunden, bevor er die Flamme des Brenners abdrehte. „Quill hat meine Beine schrecklich Dürr aussehen lassen und Sie wissen ja, wie eitel ich bin, was meine wohlgeformten Waden angeht.“

„Das alles geht schon lange weit über neckische Sticheleien hinaus, Mylord.“

Ein Diener würde es für gewöhnlich nicht wagen, seinen Herren zurechtzuweisen, doch Tyler war kein gewöhnlicher Diener, reflektierte der Graf. Zum einen scheute er sich nicht faul riechende Flecken und Brandspuren aus einem maßgeschneiderten Abendmantel zu entfernen. Zum anderen, und das war noch wichtiger, machte ihn seine wissenschaftliche Ausbildung in vielerlei Angelegenheiten sehr nützlich.

Tyler räusperte sich demonstrativ – nie ein gutes Zeichen. In der Regel folgte darauf eine Belehrung, unverblümt und mit schroffem, schottischem Akzent. „Vielleicht sollten Sie in Erwägung ziehen, die Angriffe von Pfarrer Holworthy von nun an zu ignorieren. Ein öffentliches Wortgefecht wird Ihrem Ruf nicht gerade guttun.“

Wrexford nahm das halbleere Glas mit Brandy, das neben seinem Tintenfass stand, und trank es in einem langen Schluck aus.

Er hatte nicht mit den Anfeindungen begonnen. Die erste Salve war einige Wochen zuvor abgefeuert worden, als der Pfarrer Josiah Holworthy in einer emotionalen Sonntagspredigt die entsittlichenden Einflüsse zügelloser Ausschweifungen auf die zivilisierte Gesellschaft anprangerte. Holworthy hatte den Grafen als Beispiel für die Frevelhaftigkeit in Person genannt und die schmutzigen Details seiner jüngsten Gewohnheiten offenbart.

Wrexford wusste, dass Zurückhaltung die weisere Entscheidung gewesen wäre, und wäre der Mann rhetorisch auch nur halbwegs versiert, hätte er schlafende Hunde nicht geweckt. Doch die Angriffe waren geschmacklos und so konnte er dem Drang nicht widerstehen, dem Redakteur der Morning Gazette ein Schreiben zukommen zu lassen.

Es erschien am Morgen darauf in der Zeitung und von da an eskalierte der Schlagabtausch ganz zur Freude der Londoner Bevölkerung.

Eine Fehlkalkulation. Er war in seinem Privatleben nicht so vorsichtig, wie bei seinen wissenschaftlichen Experimenten. Wrexford hielt sein leeres Glas vor der Argand-Lampe in die Luft und schaute zu, wie sich das Licht in dem Kristallmuster darin brach. Dann antwortete er: „Seit wann kümmert mich mein Ruf?“

Sein Diener ordnete die Ampullen vorsichtig in zwei Reihen an, bevor er sich einen der Dekanter auf der Anrichte schnappte und den Teppich überquerte, um frischen Brandy nachzuschenken.

Vielleicht war es auch Schierling. In letzter Zeit hatten seine wechselhaften Launen den Umgang mit ihm zweifellos ungeheuer erschwert.

„Auch gut“, erwiderte Tyler, „doch wenn dieser heuchlerische, selbsternannte Heilige Sie weiterhin als Inkarnation des Teufels attackiert und Sie mit Ihren frevelhaften Kommentaren über die engstirnige Moral der Gesellschaft noch Öl ins Feuer schütten, wird der einzige Ruf, den Sie noch haben werden, so Schwarz sein wie die Nacht.“

„Aber es macht einen solchen Spaß, ihm eines dieser raffinierten französischen selbstzündenden Streichhölzer in seinen pompösen Hintern zu stecken“, murmelte Wrexford, „und dabei zuzusehen, wie ihm der Rauch aus den Ohren steigt.“

„Mit dem Feuer zu spielen, birgt Gefahren, Mylord.“

Er seufzte. „Er hat mich eine Hexe genannt.“

„Und Sie haben ihn umgehend korrigiert“, sagte Tyler, „und hervorgehoben, dass sich ‚Hexe‘ lediglich auf weibliche Personen bezieht und er Sie stattdessen hätte als Hexer bezeichnen sollen.“

„Stimmt ja auch“, erwiderte der Graf. „Der Mann ist ein verdammter Idiot.“

„Ich glaube, in der Zeitung lautete Ihre genaue Bezeichnung für ihn ‚eine ungebildete Spottdrossel, deren Hirn zweifach in den Kopf einer Stecknadel passe‘.“

„Ja, und? Kann man es mir verübeln? All das Geschwafel darüber, wie meine Seele auf eine höhere Ebene transzendieren müsse–“

Tyler räusperte sich, um sein Kichern zu verbergen.

„Erinnern Sie mich doch bitte noch einmal daran, warum ich Sie weiterhin beschäftige?“, brummte Wrexford, „abgesehen von Ihrem servilen Respekt vor meiner Person.“

„Ich habe eine Wichse für Ihre Stiefel kreiert, die Beau Brummels Geheimrezeptur in den Schatten stellt“, antwortete Tyler.

„Ich wage zu hoffen, Sie verraten mir was sie beinhaltet, bevor ich Ihren vorlauten Hintern vor die Tür setze.“

„Molchauge, Krötenschweiß–“

Der Graf brach in bellendes Gelächter aus. Die Tatsache, dass Tyler sich seine schnippischen Kommentare nicht zu Herzen nahm, war ein weiterer Punkt zu seinen Gunsten.

„Nun sagen Sie schon, warum all der Tadel?“ Als der Diener ihm nicht gleich antwortete, drängte Wrexford: „Denken Sie, ich sollte Maßnahmen ergreifen, um diese Debatte zu beenden?“

Tyler zuckte mit den Schultern. „Könnte die weisere Entscheidung sein. Die Dinge scheinen jeden Moment außer Kontrolle zu geraten.“

„Dann werde ich es in Erwägung ziehen.“ Wrexford erhob und streckte sich. Die Temperaturen der Flüssigkeiten präzise im Auge zu behalten und die Zugabe jeder einzelnen neuen Komponente zeitlich genau abzustimmen, hatten ihn unruhig werden lassen. Die Unterhaltung hatte nicht gerade geholfen. Tyler hatte Recht – gegen einen religiösen Fanatiker zu hetzen war eine schlechte Entscheidung gewesen.

Eine von vielen, die er in den letzten Wochen getroffen hatte.

Doch Wrexford schob solche Grübeleien bis auf Weiteres beiseite. „Heute Abend gibt es nichts weiter zu erledigen. Die Flüssigkeit muss vollständig abkühlen, wir werden also bis morgen früh warten, um das Experiment fortzusetzen.“

„Sie gehen schon wieder aus, Sir?“

„Ja. Ich brauche etwas frische Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen.“ Er griff nach der Karikatur und faltete sie sorgfältig zu einem Quadrat, bevor er sie in seine Manteltasche steckte. „Und dann werde ich noch bei der neuen Spielhölle in der St. James’s Street einkehren. Sie brauchen nicht zu warten. Es wird spät werden.“

„Gut Blatt, Sir. Wobei Sie ja für gewöhnlich mit vollen Taschen nach Hause gehen.“

„Man sagt, das Glück ist eine Dame, und wie Sie wissen, bin ich ein Mann der Frauen.“ Die passendere Erklärung lag wohl eher in der Tatsache, dass er sich einen feuchten Kehricht kümmerte, ob er gewann oder verlor. Er spielte, weil es ein amüsanter Zeitvertreib war, sich den Wahnsinn von Brandy getriebener Emotionen – ängstliches Schwitzen, Freudentaumel, blinde Verzweiflung – in den erröteten Gesichtern der anderen Spieler anzusehen.

„Wir werden also sehen, wie die Karten fallen.“

 

„Mylady! Mylady!“ Der Junge kam schlitternd und außer Atem in der Eingangshalle zum Stehen und streckte seinen Kopf in die kleine Stube. „Verflixt, kommen Sie schnell! Der Kirchenschwätzer hat den Löffel abgegeben!”, rief Raven mit starkem Dialekt.

Charlotte Sloane legte ihre Feder nieder und presste ihren Zeigefinger an ihre Lippen. „Sprich englisch, Raven.“

„Das habe ich doch!“

„Des Königs Englisch. Deutlich und wie ein Gentleman“, rügte sie, „und nicht fluchen.“

„Gentlemen fluchen“, feuerte er zurück, „sehr oft sogar.“

Charlotte musste sich ein Lächeln verkneifen. „Stimmt. Aber unter diesem Dach musst du deine Zunge hüten.“

„Ich–“

„Los! Los!“ Ravens kleiner Bruder stürmte durch die Haustür. „Was treibst’n so lange?“

„Mach’n Kopf zu, Hawk. Ich sag’s ihr ja schon.“ Raven atmete tief ein, während er sich wieder zu ihr drehte. „Kommen Sie schnell, Mylady“, sagte er und achtete dieses Mal auf eine Aussprache, die von einem Schüler des Eton College nicht besser hätte sein können, „der Mann in der Kirche aus Ihren Zeichnungen wurde soeben ermordet. Skinny, der Straßenkehrer, der die Ecke bei der St. Stephen’s Church in der Black Swan Lane fegt, hat den Wachmann erst schreien hören und dann gesehen, wie er loseilte, um den Magistrat zu holen. Wenn wir uns beeilen, können Sie sich den Tatort ansehen, bevor sie zurückkehren.“

 

Mord?

Charlotte zuckte zusammen und schüttete dabei fast das Tintenfass über ihre halbfertige Zeichnung.

Skinny sagt, es sieht fürchterlich aus“, fügte Hawk in einem begeisterten Flüstern hinzu, „der Kopf des Pfarrers ist beinahe vollständig abgetrennt und um die Leiche herum liegt so viel Blut, dass man darin eine Vierzig-Kanonen-Fregatte treiben lassen könnte.“

Sie zögerte. Sie wollte keine morbide Schaulustige sein, aber ein Bild von dem Tatort würde ihr gegenüber ihrer Konkurrenz einen großen Vorteil verschaffen. In ihrem Geschäft war Wissen Geld.

Und Herrgott, sie brauchte Geld.

All die grausamen Details zum Greifen nah …

Sie sprang von ihrem Stuhl auf und zeigte in Richtung der Treppen, die in die kleine Küche hinunterführten. „Hol mir eine Laterne. Ich ziehe nur schnell meine Stiefelhose und Stiefel an.“

Eine kurze Weile später, gekleidet wie nur ein weiteres schmuddeliges Straßenkind, das durch die dunklen Gassen streift, quetschte sich Charlotte durch das Tor auf der hinteren Seite des Friedhofs und folgte den Jungen, die sich einen Weg zwischen den bröckelnden Grabsteinen hindurch bahnten. Vorbeiziehende Wolken verdeckten den Sichelmond und das schwache Licht der Sterne verlor sich in dem dicken, übel riechenden Dunst, der vom Fluss emporstieg. Irgendwo in den Bäumen schrie eine einsame Eule.

Mit schneller werdenden Schritten huschte sie in den Prunkerker zwischen den Strebepfeilern und hockte sich vor der eisernen Seitentür hin. Raven hatte sich bereits an die Arbeit gemacht und stocherte mit dem schmalen Schaft seines Dietrichs in dem Schloss umher. Klick.

Die Tür sprang, begleitet von einem rostigen Ächzen, auf.

„Bleib hier und halte Wache“, flüsterte Raven seinem Bruder zu, „das übliche Zeichen – zwei Mal laut pfeifen – wenn wir uns aus dem Staub machen müssen.“

Hawk nickte gehorsam.

„Ich gehe vor, Mylady.“ Raven holte einen kurzen Prügel aus seiner Jacke hervor.

„Nein, bleib hinter mir.“ Charlotte drückte sich an ihm vorbei und begab sich in die kalte Dunkelheit hinein. Die Luft war klamm und schwer und hatte einen süßlichen Geruch. Der Geruch alter Knochen und verwesender Trauer. Außerhalb der schimmernden Welt der Opulenz und des Überflusses in Mayfair konnte das Leben in London selbst die kühnsten Träume zunichtemachen.

Sie schüttelte diese morbiden Gedanken ab und wartete bis sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen hörte, dann zündete sie den Docht ihrer Laterne an und schloss die Klappe.

Der ölige Lichtschein flackerte über die dicken Granitsäulen, die altersgeschwärzten Eichenbänke, die gemörtelten Steinkacheln …

„Teufel noch mal!“, zischte Raven durch seine Zähne hindurch.

„Komm nicht näher“, Charlottes Mund füllte sich mit Galle, ätzend und sauer spürte sie sie in ihrer Kehle brennen. Sie schluckte schwer, bevor sie langsam näher an die Leiche heranschlich, die vor ihr ausgebreitet neben dem aufwändig verzierten Stehpult lag.

Gütiger Gott – so viel Blut.

Aus der Nähe war der Anblick noch scheußlicher, als es jeder noch so dämonische Albtraum je hätte sein können. Der Pfarrer Josiah Holworthy – ja, sie erkannte ihn trotz seines entstellten Gesichtes – lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt, als flehe er Gott um Gnade an.

Sein Gebet war auf taube Ohren gestoßen.

Sein Kopf …

Charlotte unterdrückte ihren Brechreiz.

Der Schnitt der Klinge hatte den Hals des Mannes beinahe vollständig durchtrennt und sein Kopf, verbunden mit dem Rest des Körpers durch nicht mehr als ein paar Sehnen, Knochen und Fleisch, war auf unnatürliche Weise zur Seite geneigt. Eine dunkle, dickflüssige Lache breitete sich um den knittrigen Mantelkragen herum aus und rostrote Rinnsale bahnten sich schlangenartig einen Weg über den grauen Stein.

Vorsichtig, um keine verräterischen Spuren zu hinterlassen, ging Charlotte für einen besseren Blickwinkel um den leblosen Körper herum. Ruhig, ganz ruhig. Ihre Hand zitterte, als sie einen kleinen Notizblock und Bleistift aus ihrer Tasche hervorholte.

Scheint, als hätte ihn irgendjemand ganz und gar nicht gemocht“, murmelte Raven, der ihr wider ihrer Anweisung, das Gegenteilige zu tun, hinterhergeschlichen war.

„Halte das“, sagte sie und übergab ihm die Laterne, um ihn mit etwas zu beschäftigen. Es schien aussichtslos mit ihm zu diskutieren. In einem der rauesten Slums von London aufgewachsen, war ihm Gewalt nicht fremd.

Aber das …

Dunkle Flecken verfärbten die leeren Augen des Pfarrers und seine Wangen schienen von einer Art Chemikalie schwer verbrannt. Schwache Spuren einer grünlich-gelben Substanz liefen über sein Gesicht bis hin zu seinem Kinn und ein weißes Pulver melierte das angefressene Fleisch, wo die Flüssigkeit zu trocknen begann. Ihre Gedanken auf die kleinen Details zu fokussieren, half den Tumult in ihrem Magen in Schach zu halten. Sie öffnete eine leere Seite in ihrem Block und machte sich hastig Notizen.

Das Pulver, stellte sie fest, verkrustete außerdem seine Mundwinkel und die herausragende Zunge hatte ein fleckiges Schwarz angenommen.

Ein eigenartiger Geruch …

Sie hockte sich hin und roch, dann kritzelte sie noch ein paar Zeilen nieder.

Ravens Kehle gab ein dumpfes Gurgeln von sich.

„Wenn du dich übergeben musst, begib dich freundlicherweise nach draußen“, sagte Charlotte unverfroren, „wir dürfen keine Hinweise darauf zurücklassen, dass jemand hier gewesen ist.“

„Tue ich nicht – ich muss nicht – kotzen“, schwor er.

„Dann halte das Licht etwas nach links.“

„Wir sollten allmählich verschwinden.“ Raven warf einen nervösen Blick in Richtung der Eingangstür am anderen Ende des Hauptschiffes.

„Einen Moment noch.“ Charlotte stand auf und fertigte einige schnelle Skizzen an, während sie die Leiche langsam umkreiste. Als sie einen Schritt zurückwich, bemerkte sie eine Fußspur im Staub auf dem Boden des Querschiffes. Neugierig ging sie hinüber und schaute sie sich genauer an. Ein Stiefel – ein eigenartig kleiner, mit einer auffälligen Markierung im Absatz.

Noch einmal ging sie in die Hocke, noch einmal fertigte sie eine schnelle Skizze an.

„Mylady.“

„Ja, ja.“ Charlotte folgte den Spuren in die Schatten, um zu sehen, wo sie hinführten, überlegte es sich dann jedoch anders. Das Verbrechen war für sie nicht von Interesse, sondern lediglich die scheußlichen Details. Sie ging zu der Leiche zurück und hockte sich noch einmal für einen letzten Blick daneben.

Raven gab erneut ein ungeduldiges Zischen von sich. Als sie sich, um ihn zu tadeln, leicht zu Raven drehte, fiel ihr etwas auf, das unter der rechten Manschette des toten Mannes steckte. Ein Papierschnipsel? Nach einem Sekundenbruchteil des Zögerns streckte sie ihre Hand danach aus–

Ein lautes Pfeifen, gefolgt von einem weiteren, durchdrang die Stille.

„Wir müssen hier weg!“, schrie Raven. Er blies die Lampe aus. „Sofort!“

Ihre Finger befreiten das Stück Papier, gerade als Raven sie am Ärmel packte und sie auf die Beine riss.

Halb stolpernd, halb rennend, ließ Charlotte sich führen. Der Junge war flink wie eine Straßenkatze und allem Anschein nach in der Lage im Dunkeln zu sehen.

Poltern, Schreie und das Klackern von Stiefeln hallten hinter ihr. Vor ihnen traf der Schimmer des Sternenlichtes auf den gewölbten Eingang.

„Schnell, schnell“, drängte Hawk hektisch, während er die Tür für die beiden aufhielt.

Raven schoss hindurch und zerrte Charlotte dabei hinter sich her. Sie hatte das Gefühl, ihre Lungen würden jeden Moment bersten, doch irgendwie schafften die Jungen es, sie immer schneller über die klumpige Erde und losen Steine des Friedhofes zu hetzen. Erst nachdem sie sich zwei Straßen von der Kirche entfernt hatten, ließ Raven sich schließlich dazu bringen, auf Schrittgeschwindigkeit zu entschleunigen.

Mit pochendem Puls in den Ohren und einem Herzschlag so stark, dass er ihr gefühlt jeden Moment den Brustkorb gebrochen hätte, stützte Charlotte ihre Hände auf die Knie. „Das“, keuchte sie, „war knapp.“

Und dann brach sie in Gelächter aus.

„Sie sind verrückt, Mylady“, hechelte Raven, „verrückt wie ein Irrenhäusler.“

„Ja, das bin ich. Kein Zweifel.“

 

Wrexford nahm zu den Chorrufen von „Satan, Satan“ der anderen fünf Männer am Kartentisch Platz.

Während die anderen die Worte mit einem rhythmischen Klopfen der Handflächen auf den grünen Filz unterstrichen, winkte Fitzwilliam, ein beleibter Baron mit kahlem Schädel und roten Koteletten, einem der Dienstmädchen zu. „Bring uns eine Schüssel Syllabub!“, rief er grinsend, „so heiß wie des Teufels Dreizack.“

„Sparen Sie sich Ihre kläglichen Bemühungen um Provokation, Fitz“, grummelte der Graf, als die anderen in tobendes Gelächter verfielen. „Sie haben mehr Haare als Scharfsinn.“

„Ist es wahr, dass die Karikatur von heute Morgen die himmlische Diana als Ihre neueste Geliebte zeigte?“, fragte Pierpont, sobald sich die Menge wieder gefangen hatte.

„Aber ja, sie kauerte in einem Kessel unter seinem Stuhl – bekleidet mit nichts als einer edlen Saphirhalskette von Rundell and Bridge“, meldete sich Sachem zu Wort. „An dem Verschluss hing ein Preisschild. Wenn man mit einem Monokel genauer hinsah, konnte man den Preis erkennen – fünfzehnhundert Guineen.“ Er schaute den Grafen an.

„Stimmt’s?“

„Stimmt“, bestätigte Wrexford.

„Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie sie Radley abgeworben haben“, sagte Pierpont. „Wann ist das passiert?“

Der Earl würdigte der Frage nur ein Schulterzucken.

„Ich habe gehört, dass es gerade einmal drei Tage her ist“, sprang Fitzwilliam für ihn ein. „Woher zum Teufel kennt A.J. Quill nur all diese intimen Details?“, fragte Sachem. „Die Informationen, die er über Greeleys Affäre mit der Komtesse hatte, waren äußerst privater Natur.“

Gute Frage, dachte Wrexford.

„Verdammt, dieser verflixte Schmierant muss seine Spione überall haben. Womöglich sollte Wellington den Kerl gegen Bonaparte einsetzen“, schlug Fitzwilliam vor. „Der Krieg wäre innerhalb eines Monats vorüber.“

„Da wir gerade von Krieg sprechen“, sagte Pierpont. „Die Sache zwischen Ihnen und Holworthy scheint allmählich aus dem Ruder zu laufen. Wenn ich Sie wäre, wäre ich doch sehr versucht, zur Kanzel zu marschieren und ihm die Schnauze blutig zu schlagen für solch obszöne Verleumdungen, die er von sich gibt.“

„Es gibt andere Wege, ihn zum Schweigen zu bringen“, murrte Wrexford. „Aber auf diese Anstrengungen habe ich keine Lust. Eine Schande, dass A.J. Quill nicht irgendeinen schmutzigen Skandal aufdecken kann, in dem unser heiliger-als-der-Rest-Pfarrer verwickelt ist.“

„Also, was die Skandale angeht, kann ich Ihnen zwar nicht weiterhelfen“, brachte sich eine vertraute Stimme ein, aber scheinbar wurden Ihre Gebete, was das Mundtotmachen dieses pompösen Schwätzers angeht, erhört.“

Wrexford drehte sich um. Exzellent – wenn es jemanden gab, der ihm seine mürrische Laune nehmen konnte, dann Kit und seine Sticheleien.

In seinem unrasierten Gesicht ein hämisches Grinsen, schlenderte Christopher Sheffield, kurz Kit, der engste Freund des Grafen seit Oxford-Tagen, zu dem Tisch herüber und beugte sich über die Lehne von Wrexfords Stuhl.

Oder sollte ich sagen, die Hölle hat von Ihrer Inkantation Wind bekommen?“ Sheffield hatte eine Schwäche für das Theatralische. Er zupfte an einem Faden, der von seiner Manschette baumelte, und erzeugte bewusst einen Moment der Spannung.

„Spielen sie sich nicht auf, Sheffield“, grummelte Pierpont, während er die Karten neu mischte. „Wenn Sie etwas zu sagen haben, spucken Sie es aus. Wir sind gerade mitten in einem Spiel und nicht in Stimmung für Unterbrechungen.“

„Ah, aber ein weitaus interessanteres Spiel ist im Gange“, erwiderte Sheffield und sah Wrexford in die Augen. Ich komme gerade aus dem White’s, wo man über nichts anderes spricht, als die Nachricht, dass der Pfarrer Josiah Holworthy soeben tot in der St. Stephen’s Kirche in der Black Swan Lane gefunden wurde, das Gesicht von einer ätzenden Chemikalie verbrannt und die Kehle von einem bis zum anderen Ohr aufgeschlitzt.“

Plötzlich herrschte Stille in dem Raum.

„Und die Wetteinsätze häufen sich, dass Sie, mein lieber Wrex, die Tat begangen haben.“

 

Kapitel 2

Das Blut pochte noch immer in ihren Schläfen, als Charlotte sich in ihren Stuhl fallen ließ und ihre Feder schärfte.

Durchatmen, erinnerte sie sich selbst. Obwohl ihre Lungen wieder normal funktionierten, wurde sie diesen entsetzlich metallischen Geruch des Todes in ihren Nasenlöchern nicht los. Das und der faulige Gestank von Chemie und verschmorter Haut.

Wie Raven auch, war sie bei dem Anblick von Holworthys übel zugerichtetem Gesicht nur eine Haaresbreite davon entfernt gewesen sich zu übergeben, trotz ihrer Bemühungen, unberührt zu erscheinen. Das Leben in Londons härteren Gegenden war eine trostlose Existenz. Was die Jungen brauchten, war ein Vorbild, das ihnen zeigte, dass Armut einen Menschen nicht zwangsläufig seiner Hoffnung oder Menschlichkeit berauben musste.

Ebenso wie ihr verstorbener Ehemann, reflektierte Charlotte und bearbeitete dabei vorsichtig die zierliche Spitze der Gänsefeder mit dem Messer. Ein etwas hartherziger Gedanke, doch er war wahr.

Anthony hatte sich häufig kindischer verhalten als diese beiden obdachlosen Bengel, die sie eines Tages schlafend im Eingangsbereich ihres Mietshauses gefunden hatte. Seine Unverwüstbarkeit war langsam aber sicher vom täglichen Kampf des Überlebens zermalmt worden und sein Optimismus war verbittertem Jammern über die Ungerechtigkeit des Lebens gewichen. Wohingegen die jungen Brüder einen stoischen und einfallsreichen Geist bewiesen, der ihren jungen Jahren weit voraus war.

Die Petroleumlampe auf ihrem Schreibtisch flackerte schwach. Charlotte legte ihr Werkzeug kurz nieder, um den Docht weiter herauszudrehen, während sie ihren Blick durch den in Schatten gehüllten Raum schweifen ließ. Auch sie hatte sich ihr Leben so nicht vorgestellt – Gebieterin über nichts als ein kleines Haus und die zum Leben allernotwendigsten Besitztümer. Eingequetscht zwischen ähnlichen Gebäuden verfiel das schmale Haus um sie herum allmählich. Der Ofen gab im Winter nur eine schwache Wärme von sich, während die winzigen Fenster keine Linderung der erdrückenden Hitze brachten. Zurückzublicken war Zeitverschwendung  Alles was zählte war die Zukunft und wie sie sich selbst ein stabileres Leben aufbauen würde. Ja, ihre Drucke wurden immer beliebter und brachten jede Woche mehr ein. Ja, sie konnte sich ein besseres Leben als dieses leisten.

Doch Charlotte wusste auch, wie unbeständig das Schicksal sein konnte, ebenso wie sie wusste, dass Armut die Hoffnungen und Träume eines Menschen zermürben konnte. Nachdem sie Anthonys Schulden allmählich abbezahlt hatte, entschloss sie sich bis auf weiteres zu einem genügsamen Leben, um den Großteil ihrer Verdienste zurückzulegen, für den Fall, dass sie je wieder solch harte Zeiten durchleben müsste. Vielleicht würde sie eines Tages …

Wie dem auch sei, jetzt musste sie sich auf die Gegenwart konzentrieren.

Plötzlich erinnerte sie sich an den kleinen Papierschnipsel, den sie aus Holworthys Hemdmanschette entnommen hatte. Ein leises Rascheln erfüllte die Luft, als sie ihn aus ihrer Tasche holte und ihn sich ansah. Es war nichts weiter als etwas Gekritzel. Einen kurzen Moment lang dachte sie darüber nach, sich des Beweises für die durch sie begangene Unterschlagung zu entledigen.

Was geschehen war, war geschehen – sie konnte das Beweismittel nicht einfach den zuständigen Ermittlern aushändigen, ohne ihren eigenen Hals zu riskieren.

Doch Charlotte zögerte. Sie hatte gelernt, dass Informationen zu besitzen, die sonst niemand besaß, egal wie unbedeutend sie schienen, ein Schlüssel zum Überleben war. Im Kampf um Leben oder Tod ist jedes Mittel recht … Sie unterdrückte ein oberflächliches Schuldgefühl und öffnete das versteckte Fach in ihrem Schreibtisch, wo sie ihre wertvollsten Geheimnisse aufbewahrte.

Sie nahm ihr Federmesser in die Hand und verpasste der Feder die letzten Schnitte, dann tauchte sie die Spitze in das Tintenfass und machte sich an die Arbeit.

 

„Kaffee, Thomas – und zwar bald.“ Wrexford sah mit zusammengekniffenen Augen den Sonnenstrahlen entgegen, die durch die hohen, gewölbten Fenster des Frühstückszimmers schienen, und beschattete seine Augen mit einer Hand. „Stellen Sie sicher, dass er schön stark und brühend heiß ist.“

„Ja, Mylord.“ Bemüht, sich möglichst geräuschlos über den Aubusson-Teppich zu bewegen, eilte der Diener los.

Seine Dienerschaft, observierte der Graf, war scheinbar gewarnt worden, dass mit seinem morgendlichen Gemüt nicht zu spaßen war. Sie waren ein gut ausgebildeter Haufen, verlässlich wie ein Uhrwerk, egal was für eine Laune er hatte. Er machte sich eine geistige Notiz, sich von Tyler eine Flasche Brandy an den Tisch bringen zu lassen.

Was ihn selbst anging … Mit schmerzverzerrtem Gesicht presste er die Handflächen auf seine Augenbrauen. Als Buße für letzte Nacht dürfte er heute nur Brot und Wasser zu sich nehmen.

Thomas kehrte mit dem Kaffee zurück und verschwand dann wieder still und leise.

Zur Hölle mit seinen Sünden. Wrexford schenkte sich eine Tasse ein und schloss die Augen, während er einen langen Schluck nahm und das befriedigende Brennen genoss.

„Sie sind früh auf“, die Tür schwang mit einem Knallen auf und Sheffield kam uneingeladen hereinspaziert.

„Es ist fast Mittag“, erwiderte Wrexford. „Was die Frage aufkommen lässt, warum Sie nicht Ihren Rausch ausschlafen und mich mein Frühstück in Ruhe genießen lassen.“

„Normalerweise wäre ich zu dieser Stunde noch zu nichts zu gebrauchen.“ Er zog einen der Chippendale-Stühle zu sich heran, ließ sich darauf nieder und fuhr mit der Hand durch sein widerspenstiges, weizenblondes Haar. Er war ungefähr so groß wie der Graf, doch er hatte schmalere Schultern, was die windhundartige Anmut in seinen Bewegungen noch stärker betonte. „Wie auch immer, ich gehe davon aus, dass Ihnen der Magistrat noch heute Morgen einen Besuch abstatten wird und dieses Schauspiel möchte ich für keinen Tee Chinas verpassen.“

„Danke für Ihren moralischen Beistand.“

„Übrigens bin ich am Verhungern“, fügte sein Freund hinzu, „und meine Taschen sind momentan etwas leer. Meine Karten waren letzte Nacht mehr als schlecht.“ Er pflückte sich einen Muffin aus dem Korb mit frischem Gebäck. „Das Glück ist doch wirklich ein verlogenes Miststück.“

„Du missbrauchst ihren guten Willen“, merkte Wrexford an. Obwohl das, zugegeben, so war, als schimpfte ein Esel den anderen Langohr.

„Das ist wahr.“ Sheffield gab ein reumütiges Seufzen von sich. „Ich sollte mich bessern, ich weiß. Aber mir fehlt es an Ihrer geistigen Disziplin.“ Er erhob sich gerade weit genug von seinem Stuhl, um sich an dem gehäuften Teller gebackener Eier und Räucherschinken zu bedienen, die in Speisenwärmern auf der Anrichte serviert worden waren.

Wrexford beobachtete seinen Freund dabei, wie er einen großen Bissen nahm und ihn hinunterschlang. „Erinnern Sie mich daran, Riche zu informieren, Ihnen den Zutritt zu verweigern, bis sich Ihre Tischmanieren verbessert haben.“

„Ha, ha. Keine Chance. Er mag mich mehr als Sie“, erwiderte Sheffield. „Ich reiße ihm schließlich nicht mehrmals täglichen den Kopf ab.“

Der Graf gab ein missgönnendes Lachen von sich.

„Wären Sie jetzt wohl so freundlich und würden nach mehr Kaffee klingeln?“

Als ein Diener mit einer frischen Kanne hereinkam, folgte ihm der Butler des Grafen mit verunsicherter Miene durch die Dampfschwaden. „Bitte verzeihen Sie, dass ich Ihr Mahl unterbrechen muss, Sir. Aber ein Läufer – Mr. Griffin, so sein Name – aus der Bow Street ist hier und verlangt nach Ihnen.“

„Genau aufs Stichwort“, scherzte Sheffield. Mit einem Grinsen der Schadenfreude rieb er seine Hände aneinander. „Das sollte höchst unterhaltsam werden.“

„Sie fanden schon immer Begeisterung in der Farce“, grummelte Wrexford.

„Das ist nur natürlich, wenn man bedenkt, dass mein eigenes Leben ein Schauspiel der Absurditäten ist.“

Der Graf verzog schmerzvoll das Gesicht. „Bitten Sie ihn herein, Riche.“

Zögerlich begleitete der Butler einen großen, stämmigen Kerl in einem schweren Anzug und mit mürrischem Blick herein. Seine Weste war, im Kontrast zu den Farben der restlichen Kleidungsstücke an seinem Körper, knallrot.

Wrexford zuckte zusammen. „Wären Sie so freundlich und würden aus dem Sonnenlicht treten? Sie tun meinen Augen weh.“

Sollte der Läufer von dem Prunk, der ihn umgab, eingeschüchtert gewesen sein, so sah man es ihm nicht an. Die Aufforderung ignorierend holte er einen Notizblock und Bleistift aus seiner Manteltasche und machte sich an die Arbeit. „Lord Wrexford, der Magistrat in der Bow Street hat mich geschickt, um Ihnen einige Fragen bezüglich der Feindseligkeiten zwischen Ihnen und dem Pfarrer Josiah Holworthy zu stellen. Er wurde letzte Nacht ermordet.“

„Ich habe davon gehört.“

„Gerne würde ich erfragen, wo–“

„Wo ich mich aufgehalten habe?“

„Korrekt, Mylord.“ Griffin wartete gespannt.

Wrexford nahm einen Bissen von seinem Toast und kaute nachdenklich.

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“, fragte Sheffield. „Er ist schwarz und brühend heiß wie des Teufels Arsch.“

Ich befürchte ich muss die Gastfreundschaft des Herren ablehnen“, antwortet er knapp. „Vor allem, was Flüssigkeiten betrifft.“

Wrexford spürte, wie seine Lippen zuckten. Wenigstens besaß der Kerl einen hämischen Sinn für Humor, um seinen elendigen Geschmack für Mode auszugleichen. Andererseits war es als Läufer Vorschrift, eine rote Weste zu tragen, weshalb man ihn möglicherweise nicht persönlich dafür verantwortlich machen konnte.

„Also, zurück zu Ihren gestrigen Aufenthaltsorten, Sir. Abgesehen von einer Spielhölle in der St. James’s Street.“

Er legte seine Gabel nieder. Der Kerl hatte, wie es sich für ein braves Hündchen gehört, bereits angefangen herumzuschnüffeln. „Ich bin spazieren gegangen.“

„Allein?“

„Allein“, bestätigte der Graf. „Ich finde, körperliche Betätigung stimuliert den Geist, und ich hatte eine Vielzahl an Dingen, die ich mir durch den Kopf gehen lassen musste.“

Der Läufer hakte nicht weiter nach, welche Dinge das waren. Stattdessen sagte er: „Man sagt, Sie interessieren sich für die Chemie. Dürfte ich fragen weshalb?“

„Weil ich neugierig bin. Die Funktionsweisen der natürlichen Welt interessieren mich. Sie haben uns viel zu lehren.“

„Neugierig“, wiederholte Griffin und schnüffelte dann, als hätte er irgendetwas Faules gerochen. „Sie wollen also sagen, Ihre Experimente haben keinen anderen Zweck, als Ihre Neugier zu befriedigen?“

Wrexford hielt sein Temperament im Zaum. „Wissen selbst ist ein Zweck für sich.“

Der Läufer kniff misstrauisch die Augen zusammen. Er blätterte eine neue Seite in seinem Notizblock auf. „Um auf letzte Nacht zurückzukommen, Mylord, hat es Sie irgendwo in die Nähe der St. Stephen’s Church in der Black Swan Lane verschlagen?“

„Ich habe keine Ahnung. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, bin ich für gewöhnlich in Gedanken vertieft.“

Es folgte weiteres Kritzeln. Das kratzende Geräusch des Schreibers auf dem Papier ließ ihn mit den Zähnen knirschen.

Schließlich sah Griffin von seinem Notizblock auf. „Sagen Sie, Sir, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass der Pfarrer ermordet wurde?“

„Dass dieser scheinheilige Schaumschläger es verdient hatte, die Kehle aufgeschlitzt zu bekommen,“ antwortete Wrexford. „Londons Luft ist auch ohne seinen närrischen Aberglauben und diese ignoranten Lügen verpestet genug.“

Sheffield richtete sich leicht auf. „Vorsichtig, Wrex“, murmelte er. „Nicht jeder weiß deinen absonderlichen Sinn für Humor zu schätzen.“

„Und woher genau wissen Sie, dass man dem Pfarrer die Kehle durchgeschnitten hat?“, verlangte der Läufer beinahe ohne zu zögern.

Der Graf gab einen ungeduldigen Seufzer von sich. „Weil mich der ehrenwerte Mr. Sheffield hier letzte Nacht über diese Tatsache informiert hat–“

„In Anwesenheit der restlichen Gentlemen im Hauptspielsalon von Lucifer’s Lair“, warf sein Freund ein. „Die schrecklichen Neuigkeiten waren in aller Munde. Ich habe zuerst im White’s davon erfahren, wo man von nichts anderem sprach.“

„Hmmm.“ Der Läufer machte sich weitere Notizen.

„Verdammt noch mal“, murrte der Graf.

Doch bevor er fortfahren konnte, öffnete sich die Tür des Frühstückszimmers erneut und sein Kammerdiener trat herein. Tyler hielt eine dicke Papierrolle in seinen Armen.

„Ich komme gerade aus der Druckerei und–“ Er pausierte kurz, als er den rotbäuchigen Läufer sah. „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Ich wusste nicht, dass Sie Gesellschaft empfangen.“

Er winkte die Entschuldigung ab. „Hat Quill sich zu dem Mord geäußert?“

„Das hat er in der Tat. Sehen Sie selbst.“

Hastig räumte Wrexford Platz auf dem Tisch frei. Tyler breitete den Druck darauf aus und beschwerte die vier Ecken mit den Frühstückstellern, bevor er einen Schritt zurücktrat.

Sheffield begab sich zu dem Grafen herüber, um sich die detaillierte Zeichnung gemeinsam mit ihm anzusehen. Der Raum wurde still, still genug, dass man das dezente Zischen der Ölkerzen unter den Speisenwärmern wahrnehmen konnte.

Eine Minute verging, dann eine weitere, und dann noch eine.

„Sehen Sie sich diese Farben an“, murmelte Wrexford, als er den halb abgetrennten Kopf genauer untersuchte. „Wie in Satans Namen schafft Quill das nur?“ Ruckartig hob er seinen Blick. „Entspricht das der Realität?“, fragte er den Läufer.

Griffin antwortete nicht, doch seine angespannten Kiefermuskeln waren aussagekräftig genug. Er blies seinen angehaltenen Atem aus und konterte selbst mit einer Frage. „Warum sagen Sie es mir nicht, Mylord?“

Sie hielten Blickkontakt.

„Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe ihn nicht umgebracht.“

„Sagen Sie jedenfalls, Mylord.“

„Nicht nur ich, sondern auch die Beweise“, erwiderte Wrexford. „Ich gehe nämlich davon aus, dass ich schon längst in einer Zelle des Newgate säße, wenn Sie irgendetwas gegen mich in der Hand hätten.“

„Die Ermittlungen beginnen gerade erst.“ Der Läufer schlug seinen Block zu. „Für den Augenblick habe ich keine weiteren Fragen. Doch ich wage zu behaupten, dass Sie bald wieder von mir hören werden.“

Sheffield sah zu, wie der Mann aus dem Raum stelzte. „Ein äußerst lästiger Zeitgenosse.“

„Lästig, aber kein Narr“, murmelte Tyler. Er sah zu Wrexford herüber, doch der Graf hatte sich bereits wieder der Zeichnung zugewandt.

„Es ist verblüffend – bei Quill muss es sich um eine Art Dämon oder Dschinn handeln“, staunte Wrexford „Der Kerl scheint unheilvolle Kräfte der Wahrnehmung zu besitzen. Wie sonst sollte man sich seine Kenntnis von jedem schmutzigen Geheimnis in London erklären?“

„Gute Frage“, antwortete Tyler. „Ich vermute, Sie schauen sich die Farbe und die eigenartige Fleckung der Haut des Pfarrers an.“

„Ja. Mein Verdacht ist, dass sie durch Vitriolöl verursacht wurde.“

„Vitriolöl?“, fragte Sheffield.

„Eine stark ätzende Säure“, erklärte Tyler und warf Wrexford dabei einen wissenden Blick zu. „Eine bei chemischen Experimenten häufig verwendete Zutat.“

„Ah. Wenn man also davon ausgeht, dass Sie ihn nicht getötet haben, Wrex …“ Sheffield zog fragend eine Augenbraue hoch.

„Habe ich nicht.“

„Dann scheint es ganz so, als wäre die Intention des Mörders gewesen, es so aussehen zu lassen, als hätten Sie es getan. Andererseits, warum hat er all die Mühe auf sich genommen, ohne ein belastendes Indiz zu hinterlassen?“

Derselbe Gedanke war auch Wrexford bereits gekommen. „Sie haben das Rotkehlchen gehört. Die Ermittlungen fangen gerade erst an. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es eines gibt, das die Behörden einfach noch nicht gefunden haben.“

„Oder sie haben es bereits gefunden, aber halten die Informationen für den Moment in ihren scharlachroten Westen unter Verschluss“, merkte sein Kammerdiener an.

Der Graf runzelte die Stirn. „Aus welchem Grund?“

„Ich weiß es nicht, Mylord.“ Tyler rieb sich nachdenklich das Kinn. „Vielleicht wäre es schlau, wenn ich mich noch einmal zu Fores’ Druckerei begebe und mich ein wenig über Quill und seinen Aufenthaltsort umhöre. Wenn es jemanden gibt, der uns mehr über den Tatort sagen kann, dann er. Und dieses Wissen könnte sich als äußerst nützlich herausstellen.“

„In der Tat“, grübelte Wrexford. „Wenn auch nur, um herauszufinden, wie der Kerl an all seine schmutzigen Geheimnisse kommt. Wenn ich das nächste Mal einem Weib eine Halskette schenke, würde ich es bevorzugen, wenn der Preis nicht an die Öffentlichkeit gerät. Der verdammte Schmierfink hat mich fünfhundert Pfund gekostet, als La Belle Serena von Diana Fairfields Geschenk Wind bekommen und ihr eigenes Schmuckstück verlangt hat, um keinen Staub aufzuwirbeln, was einen gewissen, beschämenden Zwischenfall betrifft.“

„Diamanten und Perlen sind momentan nicht Ihre größte Sorge, Sir. Der Pfarrer hatte hier in London eine nicht zu unterschätzende Gefolgschaft. Die Behörden werden sich unter Druck gesetzt fühlen, seinen Mord schnellstmöglich aufzuklären.“

„Und warum bitte sollte mich das kümmern?“, fauchte der Graf. „Ich habe es nicht getan.“

„Was Tyler Ihnen auf taktvolle Weise versucht zu sagen, ist, ob Sie schuldig sind oder nicht, ist irrelevant“, sagte Sheffield. „Es geht um den öffentlichen Eindruck und Sie müssen zugeben, dass alles auf Sie als Täter hindeutet.“

Wrexford fluchte lauthals.

„Schimpfen Sie so viel Sie wollen“, erwiderte sein Freund. „Sie wissen, dass ich Recht habe.“

So sehr es ihn auch ärgerte, musste er sich diesen Punkt eingestehen. „Also gut, also gut. Tyler, gehen Sie zurück zu Fores’ Druckerei und finden Sie Quills Adresse heraus. Ich glaube, es ist an der Zeit für ein persönliches Gespräch mit dem Künstler.“ Er griff in seine Manteltasche und holte einen Geldbeutel heraus. Er ließ ihn in Begleitung des gedämpften Klimperns von Metall über den Tisch rutschen. „Nehmen Sie das mit. Gold ist ein unglaublich effektives Schmiermittel für selbst die stursten Zungen.“

„Sehr gut, Mylord. Ich werde im Verlauf des Tages Bericht erstatten.“

„Da Sie, wie ich sehe, die Dinge hier im Griff haben, werde ich mich aufmachen, den Nachmittag im White’s damit zu verbringen, anderer Leute Brandy zu trinken und dem neuesten Tratsch zu lauschen“, kündigte Sheffield süffisant an. „Möchten Sie, dass ich für Sie einen Wetteinsatz darüber schließe, ob Sie für das Verbrechen hängen werden oder nicht?“

 

„M’lady?“

Charlotte hob den Blick von ihrem Entwurf über das jüngste Kavaliersdelikt des Prinzregenten. Auf den Prinzen war, Gott sei Dank, immer Verlass, wenn es ihr an satirischer Inspiration für ihren nächsten Druck mangelte. Bislang hatte sie noch keine neuen Gerüchte über den Verlauf der Ermittlungen gehört. Das würde sich jedoch jetzt, wo die Jungen aus der Stadt zurückgekehrt waren, möglicherweise ändern.

„Komm ruhig herein, Raven.“ Als sie den kleineren Schatten hinter ihm bemerkte, fügte sie schnell hinzu: „Und bring Hawk mit.“

„Ich weiß, dass Sie während der Arbeit nicht gerne gestört werden, aber da war so ein feiner Pinkel–“

„Ein Herr“, unterbrach sie. Womöglich war es aussichtslos, aber sie versuchte dennoch, den Jungen einen Funken Bildung einzuhauchen. Sie beide waren äußerst intelligent und hatten in ihrer Obhut gelernt, einfache Texte zu lesen. Wenn sie sich doch nur anständigen Unterricht für sie leisten könnte–

„Aye, ein Herr“, sagte Raven und beendete ihre Grübelei vorzeitig. „Er hat in der Druckerei einen Haufen Fragen gestellt.“

Ihre Finger schlangen sich um ihre Feder. „Was genau hat er gefragt?“

„Er wollte wissen, wo A.J. Quill wohnt“, meldete sich Hawk zu Wort, „aber Mr. Fores hat ihm nix gesagt.“

Charlotte zwang sich selbst zur Entspannung. Es gab nichts zu erzählen. Eine der Bedingungen, die Anthony mit Fores ausgemacht hatte, war das Versprechen, niemals seine Identität preiszugeben. Und um das zu garantieren, hatte er dem Besitzer der Druckerei einen falschen Namen gegeben – um seine Reputation zu schützen, so hatte er es Charlotte erklärt, wenn seine Bilder einmal berühmter wären als die von Rembrandt.

Es spielte keine Rolle, dass diese Träume geplatzt waren und Anthony nicht länger unter den Lebenden weilte. Fores wusste das nicht. Selbst, wenn er die Wahrheit herausfinden würde, A.J. Quills Arbeit brachte der Druckerei säckeweise Zaster ein. Er würde es nicht riskieren, ein solch profitables Übereinkommen zunichte zu machen.

„Und das wird er auch nicht, Hawk“, versicherte sie ihm.

Ein unbehaglicher Ausdruck zeigte sich noch immer in dem Gesicht des Jüngeren, also fügte sie schnell hinzu: „Wirklich, es gibt nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssen. Die Leute, die in meinen Drucken abgebildet sind, schicken ihre Lakaien in regelmäßigen Abständen mit Drohungen oder Bestechungsgeldern zu Fores, um weiteren Spott zu verhindern, und jedes Mal erteilt er ihnen eine eiskalte Abfuhr.“

„Aye“, stimmte Raven zu. „Kein Grund, sich den Kopf zu zerbrechen.“

„Er ist gekommen, um Ärger zu machen“, insistierte Hawk. „Ich habe seine Glotzaugen genau gesehen. Sein Blick war schärfer als Jacks Klinge.“

Charlotte verspürte ein Klemmen in ihrer Brust. Die Jungen scheuten vor jeglicher Konversation über ihre Vergangenheit zurück und sie hatte nicht vor, sie dazu zu drängen. Doch sie war sich der brutalen Realität des Lebens auf der Straße bewusst. Unaussprechliche Gräuel grassierten in den verwinkelten Gassen. Sie sah die Vorsicht in ihren Augen, selbst in ihrer Gegenwart. Vertrauen machte angreifbar und hinter jeder Ecke lauerten Jäger, die zuschlugen, sobald sie einen Anflug von Verwundbarkeit witterten.

„Selbst mit rasiermesserscharfen Augen wird er A.J. Quill nicht finden.“ Charlotte nahm einen Lappen in die Hand und wischte sich die Tintenflecke von ihren Händen. „Ich verhungere. Leistet ihr mir bei etwas Brot und Butter und einer Tasse Tee Gesellschaft?“

Hawk warf seinem Bruder einen flehenden Blick zu. Gott allein wusste, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatten. Von ihnen fehlte jegliche Spur, als sie heute Morgen aus ihrer winzigen Schlafkammer heruntergekommen war.

„Na gut, ich denke das geht in Ordnung“, willigte Raven ein. Der Junge war so dünn wie einer ihrer Bleistifte, was optisch noch durch die Tatsache verstärkt wurde, dass er über die letzten Monate hinweg mehrere Zentimeter gewachsen war. Doch seine Magerkeit hatte auch etwas von der Zähigkeit einer Peitschenschnur und er schien eine dauerhafte Anspannung in sich zu tragen, die sich jeden Moment zu entladen drohte.

Er streifte sich eine Haarsträhne von der Wange. Auf den ersten Blick schien sie so schwarz, wie es sein Name erwarten ließ, doch als er sich durch einen Sonnenstrahl bewegte, erhellten leichte Mahagonischimmer das Dunkel. „Vorausgesetzt, Sie wollten sich sowieso gerade etwas zubereiten.“

„Das wollte ich.“ Sie wünschte, sie hätte heute auf dem Markt etwas mehr für einen frischen Laib hellen Brotes ausgegeben, während sie den letzten Rest des dunklen auspackte und einen Kessel mit Wasser auf den Herd stellte.

Aber wenn Wünsche Pferde wären, würden die Bettler reiten.

Sie stellte drei Tassen bereit und schnitt mehrere Scheiben Brot ab. Es gab nicht mehr viel Butter, also holte sie rasch das Glas Marmelade, die sie nur selten verwendete. Sie versuchte die Jungen regelmäßig zu ernähren, doch sie akzeptierten ihre Hilfe noch immer nur zögerlich.

Kommt, setzt euch.“

Sie gesellten sich zu ihr an den kleinen Tisch nah am Ofen.

„Mr. Fores hat uns das hier mitgegeben. Er sagt, es ist ein kleines Zeichen der Wertschätzung.“ Raven kramte einen Geldbeutel hervor und übergab ihn Charlotte. „Der Druck über den Mord war innerhalb einer Stunde ausverkauft.“

Charlotte konnte sehen, dass sich darin eine vielversprechende Menge an Münzen befand. Ein unerwarteter Zuschuss für ihren Notgroschen – jede Münze extra war eine willkommene Hilfe.

„In der Druckerei erzählt man sich, dass die Bow Street einen Läufer entsandt hat, um den Grafen zu vernehmen“, sagte Hawk. Er war kleiner und genauso dünn wie sein älterer Bruder, aber alles an ihm hatte irgendwie weniger Ecken und Kanten. Jeder Winkel und jede Fläche seines schmalen Gesichtes war weicher und sein Haar um einige Nuancen heller. „Glauben Sie, er wird dafür baumeln?“

„Es liegt nicht an mir, das zu sagen“, antwortete sie geistesabwesend, während sie die Schnüre entknotete und das Geld in ihre Handfläche schüttelte. „Danke fürs Herbringen, Raven. Bitte lass mich dir etwas für deine Mühen geben.“

Charlotte ließ einen halben Penny über die zerkratzte Tischplatte gleiten. Der Junge starrte ihn einen Moment lang an und nahm dann einen Bissen von seinem Brot. „Ne, den können Sie behalten. Ich musste sowieso in Ihre Richtung.“

„Man redet nicht mit vollem Mund“, tadelte sie. „Das ist ganz und gar nicht vornehm.“

Beide Brüder grinsten.

„Genau, wir sind schließlich vornehme kleine Gentlemen“, gluckste Raven und brachte Hawk zum Kichern.

„Man kann nie wissen, vielleicht werdet ihr eines Tages von unserem Prinzregenten zu einer Tasse Tee eingeladen.“ Es war ein immer wiederkehrendes Thema ihrer gemeinsamen Witzeleien, doch ihre Anstrengungen zeigten Wirkung. Sie aßen nicht länger wie kleine wilde Wölfe.

Wenn sie sie jetzt nur noch dazu überreden könnte, hin und wieder einen Waschlappen für ihre schmuddeligen Gesichter und Hände zu benutzen …

„Ich habe eine Idee“, fuhr sie fort. „Wie wäre es, wenn ich von deinem halben Penny ein Stück Rindfleisch kaufen gehe und uns damit heute Abend einen schönen Eintopf mache, um unser Glück zu feiern?“ Sie begrenzte Fleisch in der Regel auf ein paar Abende in der Woche, aber die Jungen sahen schrecklich dürr aus.

Hawk riss begeistert die Augen auf. „Hurra!“

„Wenn dieser feine Pinkel hängt, könnte ich mir vorstellen, dass Sie eine noch viel größere Belohnung für Ihren Druck davon bekommen“, sinnierte Raven. „Vielleicht sogar einen Sack voll Guineen.“

Hawk hielt den Atem an. „Guineen.“

Guineen, dachte Charlotte. Ach, was wäre ein Sack voller Guineen doch für ein Geschenk des Himmels. Doch ein beklemmendes Gefühl der Schuld zerstörte den träumerischen Moment. Ja, sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit dem Spott über die Schwächen und Miseren der ihr Übergestellten. Der Tod jedoch war eine vollkommen andere Sache.

Wir sollten nicht mit Profiten durch des Henkers Schlinge spekulieren“, sagte sie leise. „Wir wissen schließlich nicht, ob die Behörden bereits einen Verdächtigen für das Verbrechen haben.“

Hawk setzte sich aufrecht hin. „Ein Läufer kam in die Druckerei, während Raven mit Mr. Fores gequasselt hat. Er hat dem Verkäufer Fragen über Ihren Druck gestellt. Hat gesagt, er komme gerade von Lord wie war noch sein Name?“

Charlotte wurde hellhörig, jeglicher Gedanke daran, wo sie das günstigste Rindfleisch herbekam, waren schlagartig verschwunden. „Wie sah dieser Läufer aus, Hawk?“ Wenn Graf Wrexford tatsächlich ein Verdächtiger war, würde ihr dieser Skandal Material für mehrere Monate liefern, unabhängig davon, ob er für das Verbrechen hängen würde oder nicht.

Beide Jungen waren außerordentlich wachsam. Hawk war in der Lage, den Mann genaustens zu beschreiben.

„Das ist sehr hilfreich.“ Nachdem sie einige Zeilen in ihren Notizblock geschmiert hatte, nahm sie ein leeres Blatt Papier aus ihrer Schreibtischschublade und verfasste hastig einen kurzen Brief.

„Würdet ihr das netterweise auf direktem Wege ausliefern?“ Sie gab ihnen die Adresse. „Ihr kennt ja den Ablauf.“ Sie versuchte ihren Freund aus Kindheitstagen nicht zu oft zu bedrängen. Angesichts der Tatsache, dass er sich in den obersten Kreisen der Gesellschaft bewegte, konnten seine Informationen in diesem Falle jedoch von enormer Hilfe sein.

„Sollen wir auf eine Antwort warten?“, fragte Hawk hoffnungsvoll. Der Koch ihres Freundes war stets sehr großzügig mit seinen Süßigkeiten.

„Ja, wenn er die Zeit für eine findet. Andernfalls könnt ihr morgen früh zurückkehren und sie abholen.“

“Da fällt mir ein, Mylady, Whiskers, der Straßenfeger an der Ecke zur Bow Street, könnte vielleicht Geschwätz über unseren feinen Pinkel aufgeschnappt haben. Wir könnten ihm auf unserem Rückweg einen Besuch abstatten, wenn Sie wollen.“

„Das ist eine ausgezeichnete Idee.“ Charlotte hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass sich jedes noch so kleine Stückchen Tratsch als nützlich herausstellten konnte. Aus all diesen kleinen Informationsfetzen wurde am Ende der Stoff eines Skandals. Seinen bunten Details hatte A.J. Quill es zu verdanken, den Ruf als beliebtester Satiriker der Stadt zu genießen. „Danke.“

Raven steckte das Schreiben in die Tasche seines schmuddeligen Hemds. „Komm, Hawk, lass uns abhauen.“

 

Wrexford, der bis jetzt gedankenversunken im Zimmer auf– und abgelaufen war, blieb plötzlich stehen, um ein Buch von dem Regal über seinem Arbeitstisch zu holen. Irgendetwas an dieser Verfluchten Zeichnung nagte an seinem Unterbewusstsein, aber er konnte es einfach nicht genau zuordnen.

Die Farben, die A.J. Quill verwendete, konnten bedeutungslos sein, ein einfacher Kunstgriff, um den grausamen Anblick von verbranntem Fleisch dramatischer rüberzubringen.

Doch seiner Erfahrung nach – welche in letzter Zeit persönlicher geworden war, als es ihm lieb gewesen wäre – beherrschte Quills Feder unheimliche Akkuratesse in Bezug auf die kleinen Details.

Wieder einmal wunderte er sich, wie das möglich war.

Er setzte sein gedankenversunkenes Auf– und Ablaufen vor der lodernden Hitze des Kamins fort, während er mit einem Daumen durch die Seiten blätterte.

Die Stämme knisterten und unterstrichen das rhythmische, dumpfe Klopfen des Leders seiner Stiefel auf dem polierten Parkett.

„Verdammt noch mal!“, fluchte Wrexford gerade, als seine Finger zum Stehen kamen. Er las die Stelle mehrere Male, bevor er sich zu der Wand drehte, an die er den Druck geheftet hatte.

Er stand noch immer in Gedanken verloren da, als sein Kammerdiener die Tür öffnete.

„Haben Sie etwas entdeckt?“, fragte Tyler, als er das offene Buch und das Glänzen in den Augen des Grafen bemerkte.

„Möglicherweise.“ Wrexford reichte ihm das ledergebundene Buch. „Lesen Sie diese Stelle.“

Tyler überflog die Seiten. „Hmm, ja. Ich wage zu behaupten, dass das möglich sein könnte.“

„Ich gehe ins Arbeitszimmer. Ich möchte ein paar Dinge ausprobieren …“ Die Stimme des Grafen verstummte allmählich, während er sich bereits im Geiste Notizen verschiedener chemischer Verbindungen machte.

„Wir könnten verschiedene Prozentwerte der Säuren probieren und ihre Wirkungen testen.“ Sein Kammerdiener unterdrückte ein Grinsen. „Vorausgesetzt, Sie sind bereit, ihre Wangen zu opfern.“

„Es geht um mehr als nur um Säuren“, sagte Wrexford mit nachdenklich gerunzelter Stirn. „Was die empirische Beobachtung betrifft, möchte ich Sie daran erinnern, dass ich Sie sehr großzügig für Ihre Leistungen bezahle.“

„Nicht großzügig genug, um mich bis ans Lebensende entstellen zu lassen. Sie jedoch – sehen Sie es doch einmal folgendermaßen: lieber Ihr Gesicht als Ihr Genick.“

„Ihre dürftigen Bestrebungen nach Humor lassen zu wünschen übrig.“ Wrexford verschränkte die Arme. „Ich hoffe, Sie hatten mehr Erfolg bei Mr. Fores.“

„Leider nein. Der Mann hat sich geweigert Informationen über die Identität des Künstlers oder seinen Wohnort preiszugeben. Hat behauptet, er wüsste es nicht, und dann angemerkt, dass, selbst wenn er es wüsste, A.J. Quill auf langer Sicht von größerem Wert sei als Ihr Gold.“

„Verdammter Mist! Gerade von Ihnen habe ich mir etwas mehr Einfallsreichtum erhofft–“

Tyler winkte ab. „Erlauben Sie mir auszureden, Mylord.“

Der Graf presste seine Lippen aufeinander, doch seine Mundwinkel bebten vor Zorn.

„Wie ich bereits sagte, war Fores nicht besonders hilfreich, aber nachdem er mich einfach stehen lassen hat, um einem anderen Kunden zu helfen, bin ich ins Nebenzimmer spaziert und der Angestellte dort war deutlich zuvorkommender.“

„Kommen Sie auf den Punkt. Meine Geduld neigt sich dem Ende zu.“

Tyler gab ein gequältes Seufzen von sich. „Ich habe mehrere Kopien des berüchtigten Drucks gekauft und ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Im Gegenzug habe ich erfahren, dass A.J. Quill seine Zeichnungen von einem zerlumpten Straßenkind – manchmal auch zwei – in die Druckerei bringen lässt. In der Regel treffen sie am späten Nachmittag ein, was den Kupferstechern genug Zeit gibt, die Stiche anzufertigen und die neue Ausgabe rechtzeitig für den nächsten Morgen zu drucken. In Sensationsfällen, wie Holworthys Mord, kann sich das Ganze etwas nach hinten verschieben, teilweise bis Mitternacht.“

„Wie–“

„Wenn Sie sich fragen, wie viele Zeichnungen Quill jede Woche anfertigt, ist die Antwort mindestens drei, manchmal auch vier, vor allem, wenn ein Skandal in aller Munde ist.“

„Was bedeutet, dass heute möglicherweise eines eintreffen wird“, schlussfolgerte Wrexford.

„Richtig.“ Der Gesichtsausdruck des Kammerdieners wurde etwas selbstgefällig. „Und bevor Sie mir jetzt eine Predigt halten, warum ich mich nicht in irgendeiner feuchten, dreckigen, übel riechenden Spalte versteckte und den Laden beschattete, erlauben Sie mir hinzuzufügen, dass ich mir die Freiheit genommen und einen schottischen Landsmann angeheuert habe, Wache zu stehen und den Gassenkindern zurück zu ihrem Unterschlupf zu folgen. Quiggs ist wirklich gut in dem was er tut – der Kerl kann sich über Stock und Stein an ein schottisches Rotwild heranpirschen.“

Wrexford ließ seinen angehaltenen Atem entweichen. „Es scheint mir, als hätten Sie sich ausnahmsweise Ihren wöchentlichen Lohn verdient.“

„Ich werte das als ein Dankeschön.“ Tyler drehte sich um, um zu gehen. „Oh, eine Sache wäre da noch.“ Mit seiner Hand auf der verschnörkelten Türklinke hielt er einen Moment inne.

„Ich glaube, ich weiß, woher die Chemikalien kommen, die Holworthys Gesicht verbrannt haben.“