Leseprobe Der Tod kennt keine Geheimnisse

Kapitel 1

Kurland Hall

Kurland St. Mary, England, 1825

Lucy, Lady Kurland, hob misstrauisch den Blick zum lächelnden Gesicht der wunderschönen jungen Frau vor ihr und ließ ihn dann auf den Brief, den sie ihr überreicht hatte, sinken.

„Sie sind Polly, die Cousine von Agnes?“

„So ist es, Mylady.“ Polly machte erneut einen Knicks. „Agnes hat mir geschrieben und erzählt, dass Sie nach einem neuen Kindermädchen suchen. Und da ich ohnehin London verlassen wollte, sagte sie mir, ich solle mich auf die Stelle bewerben.“ Sie nickte in Richtung des Briefs in Lucys Hand. „Dieser Brief stammt doch von Ihnen, oder? Darin bieten Sie mir eine Stelle an.“

Inzwischen war eine Spur Unsicherheit aus Pollys Stimme herauszuhören. „Sagen Sie mir bitte nicht, dass Agnes sich das alles ausgedacht hat und Sie mich doch nicht haben wollen. Ich habe alles verkauft, um die Reise hierher bezahlen zu können.“

Lucy legte den Brief beiseite und musterte Polly erneut. Ja, sie sah in der Tat ihrer Cousine Agnes nicht im geringsten ähnlich, aber nur, weil sie hübsch war, bedeutete das nicht, dass sie nicht auch hart arbeiten konnte. Agnes hatte sie in höchsten Tönen gelobt und Lucy hatte eine hohe Meinung vom derzeitigen Kindermädchen ihres Sohnes.

„Mir wurde gesagt, Sie hätten Erfahrung im Umgang mit jungen Kindern?“, erkundigte sich Lucy.

„Ja, Mylady. Ich habe zwei jüngere Brüder und eine Schwester. Ich musste meiner Mutter immer helfen, besonders nachdem sich mein Vater aus dem Staub gemacht hatte.“

„Waren Sie schon einmal als Kindermädchen angestellt?“

„Nein, aber ich bin bereit, alles Notwendige zu lernen. Und wenn Agnes es mir erklärt, dann bin ich sicher, dass es nicht lange dauern wird, bis ich es richtig beherrsche.“ Polly musste die Unentschlossenheit auf Lucys Gesicht erkannt haben, da sie schnell weitersprach. „Bitte, Mylady. Geben Sie mir nur die Chance, mich zu beweisen. Ich verspreche, dass ich Sie nicht enttäuschen werde.“

Lucy seufzte und nahm den Brief wieder in die Hand. „Dann fangen wir doch mit einer einmonatigen Probezeit an. Wäre das in Ordnung? Wenn Sie sich gut einfinden und Ihre Arbeit zufriedenstellend ist, werde ich darüber nachdenken, Sie für ein volles Jahr anzustellen.“

Polly schlug die Hände vor der Brust zusammen und ihre blauen Augen funkelten freudig. „Oh, vielen Dank, Mylady!“

Lucy winkte Foley herbei, der Polly in den Morgensalon geführt hatte. „Könnten Sie Polly hoch in die Kinderstube führen, Foley? Und bitten Sie Agnes darum, sich um ihre Cousine zu kümmern. Ich werde wie üblich zum Mittagessen hochkommen, um Ned zu sehen.“

„Sehr wohl, Mylady.“ Foley schenkte Polly ein warmes Lächeln und hielt ihr die Tür auf. „Dann kommen Sie mal mit, meine Liebe. Ich werde James Ihr Gepäck nach oben bringen lassen.“

Lucy steckte sich den Brief in die Tasche und ging gemächlichen Schrittes in Richtung des Arbeitszimmers ihres Ehemanns Robert. An diesem hellen Spätsommermorgen flutete das Sonnenlicht durch die Fenster und zeichnete Rautenmuster auf den Holzfußboden. Lucy klopfte an und trat ein. Ihr Ehemann saß gerade am Schreibtisch, wälzte die Geschäftsbücher und sah nicht gerade froh über die Unterbrechung aus.

„Robert …“

„Was gibt es denn?“

„Ich hatte gerade das Vorstellungsgespräch mit Polly Carter für die Stelle als Kindermädchen.“

„Und was hat das mit mir zu tun?“, fragte Robert. „Hatte Ned Angst vor ihr? Ist sie ungeeignet für die Aufgabe?“

Lucy setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. „Ich bin mir sicher, dass er sie lieben wird. Sie ist schließlich die Cousine von Agnes.“

„Da du mir ständig damit in den Ohren liegst, wie wunderbar Agnes ist, frage ich mich, warum du solche Zweifel bezüglich ihrer Cousine zu hegen scheinst.“

„Sie ist … sehr hübsch“, gestand Lucy ein.

„Na und?“ Robert legte seine Feder auf den Tisch. „Hast du Angst, dass ich mich mit ihr zusammen aus dem Staub machen könnte?“

„Nein, natürlich nicht.“ Die Bemerkung brachte Lucy zum Lächeln. „Aber ich frage mich, wie der Rest des Haushalts mit ihr umgehen wird. Foley hat sich vor lauter Höflichkeit fast überschlagen und das sieht ihm in letzter Zeit kaum ähnlich.“

„Er sollte sich zur Ruhe setzen“, bemerkte Robert. „Hast du Grund zu der Annahme, dass das Mädchen inkompetent ist?“

„Ganz und gar nicht. Agnes hat für sie gebürgt“, sagte Lucy. „Ich habe ihr eine Probezeit von einem Monat eingeräumt, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe.“

„Dann solltest du ihr die Chance geben, sich zu beweisen. Es sieht dir gar nicht ähnlich, dass du dir solche Sorgen wegen eines hübschen Gesichts machst, meine Liebste.“ Robert kam hinter dem Schreibtisch hervor und lehnte sich direkt vor Lucy an die Tischkante. „Warum brauchen wir überhaupt ein neues Kindermädchen? Wir haben doch schon drei Frauen in der Kinderstube. Ich möchte nicht, dass Ned von all den Röcken erstickt wird.“

„Diese Gefahr besteht ja wohl kaum“, protestierte Lucy. „Er verbringt viel Zeit mit dir und er geht auch gerne mit James zum Gutshof und zu den Stallungen spazieren.“

„Aber trotzdem …“, sagte Robert. „Wozu sollen wir ein weiteres Kindermädchen einstellen?“

Lucy blickte hinunter auf ihre Hände, die gefaltet auf ihrem Schoß lagen. „Ich dachte, der Grund wäre dir inzwischen vielleicht aufgefallen.“

„Was hätte mir auffallen sollen?“

„Dass mein Bauch wieder größer wird.“

„Guter Gott!“ Robert stotterte. „Aber du bist so … wohlauf.“

„Du meinst, im Gegensatz zu meiner letzten Schwangerschaft, bei der es mir ganz und gar nicht gut ging?“, fragte Lucy und Robert nickte. „Grace sagt, dass jede Schwangerschaft anders sei und ich diesmal vielleicht gar keine negativen Auswirkungen befürchten müsse.“

„Das will ich verdammt nochmal hoffen. Aber Grace ist eine ausgezeichnete Heilerin, daher verlasse ich mich auf ihr Urteil. Es war furchtbar, dich so leiden zu sehen“, bemerkte Robert. „Wann können wir mit dem kleinen Quälgeist rechnen?“

„Kurz vor Weihnachten, denke ich.“

Robert stand auf, hob Lucy von ihrem Stuhl und nahm mit ihr auf dem Schoß wieder Platz. Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und schlang einen Arm um ihren runder werdenden Bauch.

„Ein wunderbarer Gedanke, dass Ned vielleicht bald schon ein kleines Brüderchen bekommt.“

„Oder ein Schwesterchen“, merkte Lucy an.

„Umso besser.“ Er küsste sie erneut. „Aber ernsthaft, meine Liebste, das sind wirklich großartige Neuigkeiten.“

„Ich habe es sonst noch niemandem erzählt“, gestand Lucy. „Aber jetzt, wo du es weißt, werde ich wahrscheinlich bald mit Dr. Fletcher und meiner Familie sprechen.“

„Nur zu, wie es dir beliebt.“

Sie legte die Hände um sein Kinn. „Freust du dich wirklich?“

„Wie könnte ich nicht?“ Er zog eine seiner dunklen Augenbrauen hoch.

„Nun ja, Ned ist noch nicht einmal drei.“

„Und daher hast du meine Erlaubnis, so viele Leute für die Kinderstube anzuwerben, wie du möchtest. Meine Liebste, ich möchte nicht, dass du dich völlig verausgabst.“ Er schenkte ihr ein Lächeln und seine dunkelblauen Augen glänzten voller Freude. „Und Polly kann so hübsch ja gar nicht sein, nicht wahr?“

 

Polly war nicht hübsch.

Robert hielt unwillkürlich die Luft an, als das neue Kindermädchen vor ihm einen Knicks machte und ihn mit einem sehr aufreizenden Lächeln bedachte. Sie war atemberaubend schön. Ihre Haare muteten an wie ein Fluss aus Gold, ihre Augen strahlten in kräftigem Blau und ihre Haut war so makellos, dass man sie ohne Weiteres für eine Porzellanpuppe hätte halten können. Darüber hinaus besaß sie die Figur einer antikgriechischen Göttin.

„Guten Tag, Sir Robert. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.“

Polly lächelte ihrem kleinen Schutzbefohlenen zu, der gerade voll konzentriert auf dem Teppich vor dem Kamin der Kinderstube einen Turm aus Holzklötzen zu bauen versuchte. „Der junge Master Ned sieht genauso aus wie Sie.“

„Willkommen in Kurland Hall“, brachte Robert schließlich als Antwort hervor. „Ich hoffe doch, dass Sie sich gut eingefunden haben?“

„Ja, in der Tat, Sir. Alle sind so freundlich zu mir.“ Sie setzte sich auf den Teppich und reichte Ned einen weiteren Bauklotz für den Turm. Robert bot sich so eine ungewollt gute Aussicht auf ihren üppigen Busen.

Robert setzte sich auf den Sessel beim Kamin und wuschelte Ned durchs Haar. „Guten Abend, mein kleiner Rabauke.“

Ned funkelte Robert ob der Unterbrechung ungehalten an, bevor er sich wieder seinem Bauprojekt widmete. Der Gesichtsausdruck erinnerte ihn nur allzu sehr an sich selbst.

„Er ist ein bezaubernder kleiner Junge, Sir“, bemerkte Polly. „Er ist so höflich! Ganz und gar nicht wie meine kleinen Brüder. Die konnten fluchen wie die Matrosen.“

„Ich glaube, da hätte Lady Kurland auch etwas dagegen“, murmelte Robert. „Ned scheint aber ein friedvolles Gemüt zu haben.“

Er blickte auf, als Agnes die Kinderstube betrat. Sie trug das das Abendessen auf einem Tablett herein. Hochgewachsen, hager und dunkelhaarig sah sie ihrer Cousine Polly tatsächlich in keinerlei Hinsicht ähnlich.

„Guten Abend, Agnes. Wie schön, dass Sie jetzt zusammen mit Ihrer jungen Cousine in der Kinderstube arbeiten können.“

Agnes stellte das Tablett mit ein wenig zu viel Wucht auf dem Tisch ab. „Ich freue mich natürlich über jedes zusätzliche Paar Hände, Sir Robert, besonders vor dem Hintergrund von Lady Kurlands wunderbaren Neuigkeiten.“

„Ja, noch ein Schützling für Sie ist auf dem Weg“, stimmte Robert ihr zu. „Ich verlasse mich darauf, dass Sie ein Auge auf Lady Kurland haben. Sie neigt dazu, sich zu verausgaben.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Sir Robert. Ich weiß ja, wie sie sein kann.“

Robert rang mit einem Lächeln. Seine Frau hatte die Angewohnheit, sich zu sehr in alles zu involvieren. Allerdings lag sie mit ihren Ideen und Vorstellungen oft richtig.

Genau in diesem Moment schwang die Tür zur Kinderstube auf und Lucy trat ein. Ihr Blick richtete sich sofort liebevoll auf ihren Sohn.

„Ned, bist du bereit für dein Abendessen?“

Zu Roberts Erleichterung ignorierte er seine Mutter genauso sehr, wie er ihn ignoriert hatte, und legte stattdessen lieber einen weiteren Klotz auf den wankenden Turm.

Gerade wollte Robert Lucys Frage bezüglich des Abendessens wiederholen, als der Turm zu Boden krachte und Neds Unterlippe zu beben begann. Bevor Robert reagieren konnte, hatte Polly den Jungen auf die Beine gehoben und marschierte mit ihm hinüber zum Tisch.

„Das ist nicht schlimm, Ned. Beim nächsten Mal bauen wir einen noch größeren. Jetzt komm und iss dein Abendessen. Die Köchin hat gesagt, dass sie etwas ganz Besonderes für dich gezaubert hat.“

Robert wechselte einen Blick mit Lucy und zuckte mit den Schultern. Was auch immer man sonst über Polly Carter sagen mochte, sie verstand in jedem Fall den Umgang mit Kindern. Wie er seine Frau kannte, würde das mehr als ausreichen, um ihre Anstellung in Kurland Hall zu sichern.

Er streckte ihr die Hand entgegen, als er sich von seinem Sessel erhob. „Hier scheint alles in Ordnung zu sein, meine Liebste. Vielleicht sollten wir Ned dann jetzt sein Abendessen genießen lassen?“

„Ich …“ Zur Abwechslung sah Lucy unentschieden aus und ihr Blick wanderte in Richtung des Tischs, wo Ned sich angeregt mit Polly unterhielt, während diese sein Fleisch zerkleinerte.

„Heute Abend kommen dein Vater, meine Tante Rose und die Fletchers zum Essen vorbei. Vielleicht wäre das eine gute Gelegenheit, ihnen unsere guten Nachrichten zu erzählen?“, schlug Robert vor. „Bist du ganz sicher, dass die Köchin genug für uns alle kochen kann?“

„Natürlich wird sie das.“ Schließlich kam Lucy endlich zu ihm. „Aber ich denke, es kann nicht schaden, nochmal nachzufragen.“

Robert unterdrückte ein Lächeln, während er den Kindermädchen und seinem Sohn eine gute Nacht wünschte und im Anschluss seine Frau die Treppe hinunter begleitete. Polly würde entweder als Kindermädchen erfolgreich sein oder auch nicht. Seine Frau war schlau genug, um in der Sache eine Entscheidung zu treffen, ohne dabei Pollys Aussehen zu berücksichtigen, und das war gut genug für ihn.

Er ging in sein Ankleidezimmer und ließ sich von seinem Leibdiener eine neue Krawatte reichen, um die inzwischen verknitterte an seinem Hals zu ersetzen. Er band den Stoff ohne Hilfe ordentlich zusammen und steckte die Krawattennadel an, die ihm Lucy zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. Sein Leibdiener half ihm in seinen neuen Mantel, der in dunklem Blau gehalten war und dem strengen Schnitt einer Militäruniform folgte, wie er es noch immer bevorzugte.

Nach seinem Besuch in Bath, bei dem er in den Genuss der heißen Quellen dort gekommen war, hatte er im Ankleidezimmer eine große Badewanne einbauen lassen, sodass er dort regelmäßig angenehme heiße Bäder nehmen konnte. Es war zwar nicht ganz dasselbe wie die Heilbäder in Bath, aber es half ohne Zweifel mit den Beschwerden seines verletzten Oberschenkels. Inzwischen brauchte er seinen Gehstock nur noch selten.

Lucy hatte sich bereits fertig zum Abendessen umgezogen, daher traf er sich mit ihr im Salon, wo sein Schwiegervater, der Ehrenwerte Ambrose Harrington, Pfarrer von Kurland St. Mary und den umliegenden Gemeinden, sich gerade am Feuer aufwärmte.

„Ah! Da sind Sie ja, Robert. Ich habe Lucy gerade erzählt, dass es an der Zeit ist, Ned sein erstes Pferd reiten zu lassen.“

„Er ist erst zwei“, bemerkte Robert. „Er hat noch nicht einmal das Laufen vollends gemeistert.“

„Und damit ist jetzt der ideale Zeitpunkt.“ Mr Harrington war ein begeisterter Reiter, der die Jagd liebte. Er richtete das Wort an seine Ehefrau, Roberts Tante Rose. „Denkst du nicht auch, meine Liebe?“

„Ich denke, das liegt ganz bei Robert, mein Lieber“, antwortete Rose und schenkte ihnen beiden ein warmes Lächeln. „Meine Kinder waren erst vier oder fünf, als ich sie das erste Mal auf ein Pferd gelassen habe.“

„Aber du hast auch in der Stadt gelebt. Hier auf dem Land ist es essentiell, ein guter Reiter zu sein“, sagte Mr Harrington nachdrücklich. „Die Anwesenden natürlich ausgenommen.“

Robert versuchte, sich von der Bemerkung des Pfarrers nicht verunsichern zu lassen, aber es fiel ihm nicht leicht. Er hatte einst genauso gedacht wie sein Schwiegervater, bevor Robert bei der Schlacht von Waterloo beinahe von seinem eigenen Pferd erdrückt worden wäre. Heute konnte er sich kaum in der Nähe eines Pferdes aufhalten, ohne von Ängsten übermannt zu werden.

„Sie müssen es ja nicht selbst tun, Kurland“, sagte der Pfarrer ermutigend. „Ich bin mir sicher, dass einer der Stallknechte Ihnen zur Hand gehen kann. Oder noch besser: Schicken Sie den Jungen zu mir und ich werde dafür sorgen, dass er lernt, wie man sich richtig auf einem Pferd zu verhalten hat.“

„Ich weiß, dass er bei Ihnen in guten Händen wäre, Sir, aber ich würde lieber noch etwa ein Jahr warten. Ich möchte mir sicher sein, dass Ned versteht, was passiert, und auch Freude daran hat“, sagte Robert nachdrücklich.

„Und da stimme ich Robert zu.“ Lucy stellte sich an seine Seite und hakte sich bei ihm ein. „Ned liebt es, mit James zu den Ställen zu gehen, aber das ist erstmal auch genug.“

„Wenn du es sagst, meine Liebe.“ Mr Harrington seufzte. „Ich versuche nur, dafür zu sorgen, dass mein erster Enkel seinen Verantwortungen auch gewachsen ist.“

Zur Überraschung aller war dem sonst so egoistischen und eher trägen Mr Harrington sein furchtloser Enkel sehr ans Herz gewachsen. Sein Interesse an Ned und sein Bedürfnis, Teil von dessen Leben zu sein, hatte die meisten fast schon schockiert, besonders seine Tochter.

„Ich hoffe doch, dass der kleine Ned heute Abend noch nach unten kommt und seine Großeltern begrüßt?“, erkundigte sich Mr Harrington. „Vielleicht können wir ihn ja fragen, was er von der Idee hält, Reiten zu lernen, nicht wahr?“

Lucy wechselte einen Blick mit Robert, der nur mit den Schultern zuckte. Er hatte kein Problem damit, wenn Ned für eine Weile nach unten käme, bevor es Zeit fürs Bett war, aber er wusste, dass seine Frau es nicht schätzte, wenn er unnötig viel Aufmerksamkeit erhielt.

„Ich werde James nachsehen lassen, ob Ned noch wach ist.“ Lucy ging hinaus auf den Flur. Während sie sich darum kümmerte, hieß Robert seinen alten Freund Dr. Fletcher und dessen Frau Penelope willkommen, die gerade den Salon betreten hatten. Sein Landverwalter, Dermot Fletcher, stieß ebenfalls zu ihnen und sie unterhielten sich freundlich, bis Lucy zurückkehrte. Robert hatte wenig Spaß an großen Zusammenkünften, aber er war mit all seinen heutigen Gäste gut vertraut, daher machte es ihm diesmal nur wenig aus.

„Ist unser Sohn und Erbe noch wach?“, flüsterte er in Lucys Ohr, als sie an seine Seite trat.

„Ich denke schon. Er wird gleich nach unten kommen. Ich habe Agnes angewiesen, dass er nicht länger als eine Viertelstunde bleibt.“

„Für den Fall, dass sein Großvater versucht, ihn zu verhätscheln?“, fragte Robert.

„Für den Fall, dass Ned anfängt zu glauben, dass er jetzt jeden Abend seiner üblichen Bettzeit entgehen kann“, erwiderte Lucy. „Es ist so schon schwierig genug, ihn ohne die ganze Aufregung so kurz vor seiner Bettzeit zum Einschlafen zu bewegen.“

„Guter Gott“, murmelte Mr Harrington, als er sich zur Tür umwandte und sein Glas zur Begrüßung auf Augenhöhe hob. „Wen haben wir denn hier?“

Lucy seufzte, während die errötende Polly mit Ned an der Hand vor Lucys Vater einen Knicks machte. „Ich nehme an, Agnes war zu beschäftigt, um Ned selbst nach unten zu begleiten.“

„Davon ist auszugehen.“ Robert tätschelte ihr die Schulter. „Mach dir keine Sorgen. Ich schreite ein und sorge dafür, dass dein Vater sich benimmt.“

Robert sah sich schnell im Zimmer um und bemerkte, dass die beiden Fletcher-Brüder ebenfalls vom plötzlichen Erscheinen der schönen Polly wie gefesselt schienen. Dermot räusperte sich, als Robert an ihm vorbeiging.

„Ist das Agnes’ Cousine, Sir?“

„Offenbar.“

„Sie sieht ihr gar nicht ähnlich.“

„Sie ist reizend, oder?“, schaltete Rose, die neben dem Landverwalter stand, sich in das Gespräch über das Kindermädchen ein. Sie schien keineswegs besorgt darüber, dass die krumme Nase ihres neuen Ehemanns doch recht nahe über dem üppigen Busen von Polly schwebte. „Seit wann ist sie hier, Robert?“

„Seit heute Morgen.“

„Ah, das erklärt, warum ich sie noch nicht getroffen habe“, sagte Dermot.

„Ich war außer Haus beim Gutshof.“

„Ich bin mir sicher, dass Sie bald die Gelegenheit kriegen werden, sich bei ihr vorzustellen, Dermot“, sagte Robert ermutigend. „Sie sind schließlich derjenige, der die Löhne zahlt und die Dienerschaft verwaltet.“

Er ging hinüber zu seinem Schwiegervater und rettete das rotwangige Kindermädchen, indem er dessen Aufmerksamkeit auf seinen Enkel lenkte.

Polly machte vor ihm einen Knicks. „Vielen Dank, Sir. Ich werde dort drüben warten, bis Master Ned bereit ist, in die Kinderstube zurückzukehren.“

Sie zog sich zur Tür zurück. Robert wandte sich zu seiner Frau, die an der Seite von Penelope Fletcher stand und sich angeregt zu unterhalten schien.

„Nun, wenn ich du wäre, Lucy, würde ich diese Frau nicht in meinem Haus dulden.“

„Wieso nicht?“, fragte Lucy mit erstaunlich ruhiger Stimme. „Sie scheint mir ein ausgezeichnetes Kindermädchen zu sein.“

Die Freundschaft zwischen Lucy und Penelope war manchmal recht konfrontativ. Robert wusste jedoch, dass seine Frau ihre Angestellte immer gegen die Einwände ihrer Freundin verteidigen würde.

„Sie ist viel zu hübsch!“ Penelope verdrehte die Augen in Richtung von Robert. „Du würdest deinem Ehemann doch keine Ideen in den Kopf setzen wollen, oder?“

„Was für Ideen?“, schaltete Robert sich in das Gespräch ein.

„Sie wissen sehr genau, was ich damit meine“, schnaubte Penelope. „Männer sind manchmal schwach und leicht vom rechten Pfad abzubringen – besonders, wenn ihre Ehefrau nicht mehr in ihrer jugendlichen Blütezeit steht.“

Lucy zog die Augenbrauen hoch. „Penelope, wenn man bedenkt, dass wir gleich alt sind, willst du damit sagen, dass Dr. Fletcher auch vom rechten Weg abkommen könnte?“

„Natürlich nicht“, Penelope glättete sich mit einer Hand das Haar. „Ich bin immer noch wunderschön, während du, meine liebe Lucy, schon immer eher passabel ausgesehen hast.“

Robert schritt eilig ein, da seine Frau sich sichtbar aufplusterte. „Ich kann Ihnen versichern, dass meine Frau keinen Grund zur Sorge hat. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl.“

Penelope musterte ihn einen Moment lang misstrauisch, bevor sie nickte. „Ich werde es durchgehen lassen. Schließlich haben Sie meine Schönheit für ihr … durchschnittliches Aussehen verschmäht. Daher sind Sie vielleicht wirklich nicht die Art Mann, die einem Kindermädchen hinterherjagt.“

„Vielen Dank, schätze ich“, sagte Robert. „Aber, wenn ich mich recht erinnere, waren Sie es, die unsere Verlobung aufgelöst hat, nicht ich.“

Penelope winkte seinen Einwand ab. „Das spielt doch wohl kaum eine Rolle, oder? Wir haben am Ende beide die Partner gefunden, die wir verdienen.“ Sie blickte mit einem warmen Lächeln hinüber zu ihrem Ehemann, der in eine Diskussion mit seinem Bruder vertieft war. „Auch ich bin mit meinem Schicksal zufrieden.“

Foley erschien im Türrahmen und räusperte sich laut. „Das Abendessen ist angerichtet.“

Ned verschwand ohne das geringste Anzeichen von Trotz mit dem Kindermädchen nach oben und Robert richtete die Aufmerksamkeit ganz auf das bevorstehende Abendessen.

Da es eine informelle Zusammenkunft war, schaute Lucy zwischenzeitlich nach Ned, um sicherzugehen, dass er auch wirklich ins Bett ging, bevor sie Robert ins kleine Esszimmer begleitete. Penelopes Bemerkungen darüber, dass ihr Ehemann sich von einem hübschen Gesicht den Kopf verdrehen lassen könnte, hatten ihr nichts ausgemacht. Es war ihr sofort klar gewesen, dass Penelope etwas sagen würde, als Polly das Zimmer betrat und sich die Blicke aller Männer im Zimmer auf sie richteten. Da Penelope es gewohnt war, die Schönste im Raum zu sein, hatte es ihr vermutlich missfallen, von jemandem überstrahlt zu werden.

Lucy nahm ihren Platz ein und wartete, bis ihr Vater das Tischgebet gesprochen hatte, bevor sie die Diener entließ, damit sich die Gäste selbst bedienen konnten. Robert bevorzugte es, seine Mahlzeiten in ruhiger Atmosphäre zu genießen, und da sie sich im Kreis von Vertrauten befanden, machte es ihr nichts aus, seinem Wunsch nachzukommen.

Er stupste sie kurz an, als er sich setzte, zog fragend die Augenbrauen hoch und hob sein Weinglas. Lucy antwortete ihm mit einem leichten Nicken und er räusperte sich.

„Meine Frau und ich freuen uns sehr, ankündigen zu können, dass wir zu Weihnachten weiteren Zuwachs zu unserer Familie erwarten.“

Die Versammelten wandten sich geschlossen zu Lucy und lächelten ihr zu. Sie konnte spüren, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Wie wundervoll!“, rief Rose aus. „Ein kleines Brüderchen oder Schwesterchen für Ned.“

„In der Tat.“ Robert schenkte ihr ein breites Lächeln, wie man es an ihm nur selten sah. „Wir sind wirklich außer uns vor Freude.“

Dr. Fletcher zwinkerte Lucy zu. „Ich gehe davon aus, dass Grace sich um Sie kümmert, aber bitte zögern Sie nicht, mich um Hilfe zu bitten, wenn sie benötigt wird, Mylady.“

„Sehr gerne“, erwiderte Lucy. „Tatsächlich geht es mir diesmal außergewöhnlich gut.“

„Das freut mich zu hören.“ Dr. Fletcher erhob das Glas auf sie.

Als alle sich ihrem Essen widmeten, lehnte Penelope sich nah zu Lucy herüber.

„Jetzt, wo du ein Kind erwartest, gilt meine Warnung bezüglich dieser jungen Frau im Haus gleich doppelt. Es ist allgemein bekannt, dass selbst die besten Männer vom Weg abkommen, wenn ihre Ehefrauen nicht mehr in der Lage sind, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern."

„Ich mache mir deswegen keine Sorgen, Penelope.“ Lucy sprach mit so viel Nachdruck, wie sie aufbringen konnte.

„Dann lass uns hoffen, dass dein Vertrauen in Sir Robert gerechtfertigt ist“, erwiderte Penelope. „Denn, wenn ich in deinen Schuhen stecken würde, Lucy Kurland, wäre ich nicht ganz so guter Dinge.“

Kapitel 2

„Ich werde Master Ned zu den Ställen begleiten.“

„Das ist meine Aufgabe, Mr Fletcher.“

„Und ich sage Ihnen, dass ich es heute übernehmen werde.“

„Das werden Sie verdammt noch mal nicht …“

Lucy eilte auf die beiden Männer zu, die sich am Fuße der Treppe in der Haupthalle beinahe Nase an Nase gegenüberstanden und einander anfunkelten.

„Was um alles in der Welt geht hier vor sich?“

Dermot Fletcher wirbelte herum. Er sah aus wie ein Schuljunge, den man bei einer Untat ertappt hatte.

„Lady Kurland! Ich bitte um Entschuldigung, Sie gestört zu haben. Ich wollte nur anbieten, den jungen Ned hinunter zu den Ställen zu begleiten.“

„Was meine Aufgabe ist, wie Sie wissen, Lady Kurland“, schaltete sich James, der Ranghöchste der Bediensteten des Anwesens, ein. „Ich wollte gerade nach oben gehen und ihn und Miss Polly abholen, als Mr Fletcher beschloss, sich einzumischen.“

„Ich habe mich nicht eingemischt, ich wollte lediglich …“

Lucy bedachte die beiden Männer mit einem ungehaltenen Blick, bis sie endlich schwiegen. „Ich denke, dass ich heute mit Ned gehen werde, daher werden ihrer beider Dienste nicht benötigt.“

Mr Fletcher trat einen Schritt zurück und verbeugte sich. „Wie Sie wünschen, Mylady.“

Er stapfte aus der Eingangshalle hinaus in den Flur. Lucy konnte deutlich die Tür seines Büros weiter hinten im Gang ins Schloss fallen hören.

„Es tut mir leid, Mylady, aber Mr Fletcher verhält sich gegenüber Miss Polly geradezu aufdringlich“, sagte James. „Und sie hat für Männer wie ihn nichts übrig, das kann ich Ihnen versichern.“

„Ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt, James“, sagte Lucy streng. „Und ich bin mir recht sicher, dass Polly es nicht schätzen wird, dass Sie sich um sie streiten wie zwei Hunde um einen Knochen. In Gegenwart meines Sohnes geht sie ausschließlich ihrer Arbeit nach und soll dabei nicht von Ihnen beiden abgelenkt werden.“

„Oh, sie erledigt ihre Arbeit, Mylady. Ich möchte Sie nichts Gegenteiliges denken lassen. Und der Kleine mag sie wirklich sehr und gehorcht ihr aufs Wort“, versicherte ihr James hastig. „Ich sollte wohl besser nach oben gehen, Mylady. Der kleine Mann wird sich bestimmt schon fragen, wo ich bleibe.“

Lucy hob die Hand. „Ich habe doch gerade gesagt, dass ich Ned heute begleiten werde. Bitte gehen Sie zurück in die Küche und finden Sie etwas anderes, mit dem Sie Ihre Zeit verbringen können.“

James verbeugte sich mit niedergeschlagener Miene und verschwand in Richtung der Bedienstetentreppe. Lucy richtete den Blick nach oben und machte sich auf den Weg zur Kinderstube. Penelope hatte sich geirrt, was Roberts Interesse am neuen Kindermädchen anging. Allerdings hatten sich alle anderen Männer im Haus in den letzten drei Wochen wegen des armen Mädchens völlig zum Narren gemacht. Und um Polly kein Unrecht anzutun, musste man zu ihrer Verteidigung sagen, dass sie allen gegenüber absolut freundlich und professionell auftrat. Sie machte ihre Arbeit gut und gab keinem der Männer, die um ihre Aufmerksamkeit buhlten, auch nur den geringsten Anlass dafür. Es war nicht das erste Mal, dass Lucy die Männer des Haushalts dabei überrascht hatte, sich wegen Polly zu streiten, und sie vermutete, dass es nicht das letzte Mal sein würde.

Als sie die Kinderstube erreichte, kam ihr Ned schon entgegengestürmt. Sein Lächeln ähnelte dem seines Vaters so sehr, dass sie gar nicht anders konnte, als es zu erwidern.

„Pferde?“, fragte er hoffnungsvoll.

„So ist es.“ Lucy warf Polly, die sich bereits Mantel und Haube angezogen hatte und bereit war aufzubrechen, einen Blick zu. „Es ist ein wunderschöner, sonniger Tag und der Spaziergang wird uns guttun.“

„Ja, Mylady.“ Polly machte einen Knicks und wandte sich Agnes zu, die gerade mit einer Ladung frischer Leinenbettwäsche eingetreten war. „Wir machen uns dann auf den Weg, Cousine.“

„Hmpf“, erwiderte Agnes. „Nur keine Eile. Ich muss das Bett noch machen.“

Polly zögerte. „Wenn du damit wartest, bis ich wieder da bin, kann ich dir helfen.“

„Nicht nötig.“ Agnes nickte Lucy zu. „Ich werde es viel schneller erledigen können, wenn du und Ned nicht ‚helft‘.“

Polly schien Agnes’ scharfe Worte nicht allzu ernst zu nehmen und reichte Ned ihre Hand. „Na gut. Dann mal los.“

Lucy hielt die Tür auf und ließ ihrem Sohn mit seinem Kindermädchen den Vortritt. Polly schien sich nicht daran zu stören, nicht von einem Mann begleitet zu werden. Das brachte Lucy zu dem Schluss, dass das Kindermädchen trotz all der Aufmerksamkeit an keinem der Männer besonders interessiert war.

Sie nahmen einen der vielen Seiteneingänge des alten elisabethanischen Anwesens nach draußen und durchquerten die Barrockgärten an der Hinterseite des Hauses, die bis hinunter zu den Ställen und dem Gutshof führten. Ned sprang fröhlich hüpfend voran und Lucy genoss es, ihm einfach dabei zuzusehen. Nach zwei Fehlgeburten hatte sie die Geburt ihres Sohnes in vielerlei Hinsicht verändert. Es war ihr beinahe peinlich, wie stark die Gefühle waren, die sie für ihn hegte, und versuchte sie so gut wie möglich zu verbergen.

„Er ist ein zauberhafter Bursche, Lady Kurland.“ Polly schloss zu Lucy auf. Sie trug ein schlichtes, blaues Kleid, das dennoch ihre Schönheit in keinerlei Weise schmälerte. „Er ist so ein liebes Kind.“

„Man kann nur hoffen, dass das so bleibt“, stimmte Lucy ihr zu. „Er könnte eifersüchtig werden, wenn er ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommt.“

„Oh ja.“ Polly gluckste. „Ich kann mich daran erinnern, wie es in meiner Familie war. Aber bei all der Aufmerksamkeit, die Ned genießt, glaube ich, dass wir uns deswegen keine großen Sorgen machen müssen.“

„Das wäre wunderbar.“ Lucy ging noch ein paar Schritte weiter, bevor sie ihre Begleiterin ansah. „Haben Sie sich schon an das Leben auf dem Land gewöhnt, Polly?“

„Es gefällt mir, Mylady.“ Polly atmete tief durch. „Die Luft ist sauber und man wird nur selten von jemandem belästigt.“

„Wenn Sie jemand belästigt, würde ich gerne davon hören“, sagte Lucy mit Nachdruck.

„Ach, Sie wissen ja, wie die Männer sind. Sie machen sich wegen eines hübschen Gesichts gern zum Narren. Ich versuche, sie darin nicht zu bestärken, und irgendwann hören sie dann schon damit auf.“

Lucy hatte nie über darüber nachgedacht, was es für eine Frau bedeutete, derart schön zu sein.

„Und wenn sie doch nicht aufhören, Mylady, dann habe ich auch keine Probleme damit, ihnen einen kurzen Tritt zwischen die Beine zu verpassen, um sie zurechtzuweisen.“

Lucy hatte Mühe, nicht laut loszulachen. „In der Tat.“

„Ich bin in den Armenvierteln großgeworden. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen.“ Polly schirmte die Augen vor der Sonne ab, um Ned besser sehen zu können. Er war vor ihnen stehen geblieben, um die Gänseblümchen auf dem Rasen zu bewundern. „Irgendein alter Kerl hat versucht, mich meiner Mutter abzukaufen, als ich ungefähr fünf war.“

„Er wollte Sie kaufen? Wofür denn um alles in der Welt?“, fragte Lucy.

„Was glauben Sie?“ In Pollys Lächeln lag eine Spur Bitterkeit. „Manche Männer mögen ihre Frauen jung und rein.“

„Das ist ja … furchtbar.“

Polly zuckte mit den Schultern. „Es hat mich gelehrt, wie ich mich selbst schützen kann, Mylady. Ich bin mehr als nur ein hübsches Gesicht.“

Lucy blieb auf Höhe von Ned stehen und wandte sich Polly zu. „Wenn Sie hierbleiben möchten, wäre es mir eine Freude.“

„Lassen Sie uns schauen, wie gut die nächste Woche verläuft.“ Polly grinste breit. „Man weiß schließlich nie, ob ein gutaussehender Prinz auftaucht und mein Herz im Sturm erobert.“

***

In Gedanken versunken warf Robert einen Blick zu seinem Sohn und winkte dann seinen Begleiter näher heran.

„James, würden Sie kurz auf Ned aufpassen? Ich möchte nicht, dass er auf dem Hof herumtollt, wenn eine Kutsche einfährt.“

„Ich behalte ihn im Auge, Sir. Machen Sie sich keine Sorgen.“ James schnappte Ned hinten am Kragen, hob den Jungen hoch und setzte ihn sich auf die Schultern. „Komm her, mein Kleiner.“

Robert hatte seinen Sohn, James und Polly hinunter zum Gasthaus von Kurland St. Mary begleitet, wo ein Paket für Lucy per Postkutsche eintreffen sollte. Sie hatte ihn außerdem angewiesen, alle Briefe, die ans Anwesen oder das Pfarrhaus adressiert waren, mitzubringen. Der Gastwirt war nirgends zu sehen, daher war Polly hineingegangen, um nachzusehen, ob dessen Frau in der Küche war. Damit lag es bei Robert, auf seinen Sohn aufzupassen.

Es schien so, als hätte Ned von seinem Großvater die Liebe für Pferde geerbt. Einerseits freute es Robert, andererseits war es ein Problem für ihn, weil er sich noch immer sträubte, Pferden zu nahe zu kommen. Niemand würde ihm heute glauben, dass er früher einmal in einem Kavallerieregiment gedient und dabei in mehreren Schlachten sein Leben einem Pferd anvertraut hatte. Seit seine Militärlaufbahn und beinahe auch sein Leben in Waterloo geendet hatten, hatte er den Mut zum Reiten verloren. Ein sehr ungünstiger Umstand für einen Landadligen. Das unaufhörliche Durcheinander von ankommenden und abfahrenden Postkutschen, Planwagen und Menschen auf dem Stallhof des Gasthauses machte ihn nervös.

Vielleicht würde er tatsächlich auf das Angebot seines Schwiegervaters eingehen, dass dieser Ned das Reiten beibrachte …

„Ich habe die Post, Sir.“ Polly trat mit einem Stapel Briefe aus der Tür. „Mrs Jarvis sagte, sie suche das Paket für Ihre Ladyschaft und komme dann gleich.“

„Vielen Dank.“ Robert nahm die Briefe entgegen und verstaute sie in der Manteltasche. „Könnten Sie vielleicht James mit Ned zur Hand gehen?“

Polly blickte hinüber zur Postkutsche, deren Passagiere gerade ausstiegen. James trug Ned auf den Schultern und zeigte ihm die vier Pferde, die vor das Gefährt gespannt waren. Polly erstarrte und Besorgnis legte sich wie ein Schatten über ihr übliches Lächeln.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir, dürfte ich dann warten, bis James das Gespräch mit dem Stallburschen beendet hat?“

„Wieso?“

Polly verzog das Gesicht. „Weil Bert Speers mich in letzter Zeit einfach nicht in Ruhe lässt.“

Robert blickte den jungen Stallburschen finster an. „So, so. Bei Jupiter, dann werde ich ein Wörtchen mit seinem Arbeitgeber sprechen müssen.“

„Machen Sie sich nicht die Mühe, Sir Robert.“ Polly sprach schnell, wobei sie immer wieder den Blick auf den Stallburschen und die aussteigenden Passagiere richtete. „Es wird alles nur schlimmer machen, wenn er glaubt, dass ich mich über ihn beschwert habe.“ Sie stellte sich auf Zehenspitzen und reckte den Hals, um über Roberts Schulter schauen zu können. „Oje, es sieht aus, als würde James ihn mal wieder zurechtweisen. Ich hoffe, dass sie nicht wieder anfangen zu streiten.“

„Nicht solange mein Sohn mittendrin steckt“, sagte Robert. „Polly, kommen Sie mit, und bringen Sie Ned in Sicherheit.“

Robert schob sich durch den gut besuchten Hof des Gasthauses zu den beiden Männern, die neben der Postkutsche standen.

Er packte Ned und stellte ihn neben Polly auf den Boden. „Gehen Sie und warten Sie drinnen.“

„Jawohl, Sir.“ Polly nahm Ned an der Hand und eilte mit ihm in Richtung der Herberge.

James ließ den wütend dreinblickenden Stallburschen keine Sekunde aus den Augen. „Dieser Mistkerl belästigt Miss Polly, Sir.“

„In der Tat.“ Robert richtete den Blick auf den kleineren Mann. Das erboste Funkeln seiner dunklen Augen, die unter dem dichten schwarzen Haar hervorlugten, weckte nicht gerade Sympathie bei Robert.

„Wenn ich herausfinden sollte, dass Sie eine meiner Angestellten belästigen, werde ich Sie vor den Magistrat zerren und Sie für Ihre Unverschämtheit zur Rechenschafft ziehen“, blaffte Robert ihn an. „Und der zuständige Magistrat im Ort bin zufälligerweise ich selbst“, schloss er mit ruhiger Stimme.

„Sie können mich nicht davon abhalten, ein Mädchen zu fragen, ob es ein Stück mit mir gehen möchte“, erwiderte Bert spöttisch.

„Das kann ich sehr wohl, wenn das fragliche Mädchen Sie wiederholt abgewiesen hat, und Sie es dennoch weiter verfolgen.“

„Wer sagt denn, dass ich das tue?“ Bert warf einen Blick in Richtung des Gasthauses, wohin Polly und Ned sich zurückgezogen hatten. „Sie lügt, Sir. Erst lockt sie uns an und dann lacht sie uns aus. Und Sie verlangen, dass wir darauf einfach nicht reagieren sollen? Schauen Sie sie doch nur an. Sie hat sich das alles selbst zuzuschreiben, schließlich gibt sie sich wie eine Hure.“

Robert hielt den Finger drohend direkt vor Berts Gesicht. „Wenn Sie auch nur noch ein Wort sagen, lasse ich Sie festnehmen.“

„Auf welcher Grundlage, Sir?“

„Auf egal welcher Grundlage! Die mir gerade einfällt.“ Robert nutzte nicht gerne seine Privilegien aus, aber in dieser Situation war er ohne Zögern dazu bereit. „Was denken Sie, wem man eher glauben wird? Halten Sie Abstand zu Polly Carter und bleiben Sie runter von meinem Land, dann wird nichts weiter geschehen.“

Endlich zog Bert sich zurück und murmelte etwas, das ein wenig nach einer Entschuldigung klang, bevor er in den Stallungen verschwand. Robert atmete erleichtert aus.

„Haben Sie davon gewusst, James?“

„Ich habe es erst gestern herausgefunden, als ich mit Polly und Master Ned spazieren war, Sir. Bert ist uns gefolgt.“ James scharrte mit den Füßen. „Ich hatte gehofft, in Ruhe ein Wörtchen mit ihm zu reden. Aber wie Sie sehen können, ist er niemand, der leicht nachgibt.“

„Hoffentlich wird er das jetzt tun“, sagte Robert. „Wenn nicht, möchte ich umgehend davon erfahren.“

„Sehr wohl, Sir Robert.“ James richtete sich zu voller Größe auf und erst jetzt bemerkte Robert den blauen Fleck auf seiner Wange.

„Haben Sie sich geprügelt?“

„Wie ich sagte, Sir. Bert ist uns gestern gefolgt. Ich habe Miss Polly und Master Ned vorausgeschickt und gewartet, bis er zu mir aufschloss.“ James rieb sich den Kiefer. „Wir haben ein paar Schläge ausgetauscht, bevor er davongelaufen ist, aber es war nichts Ernstes.“

„Das ist kein angemessenes Verhalten, wenn mein Sohn anwesend ist“, sagte Robert mit ernster Stimme. „Was wäre gewesen, wenn Bert Sie außer Gefecht gesetzt hätte und Polly nach Hause gefolgt wäre? Stellen Sie sich vor, was dann hätte passieren können!“

„Das hätte ich nicht zugelassen, Sir. Ich bin doppelt so groß wie dieser kleine Gnom“, sagte James beharrlich. „Ich würde mein Leben für den kleinen Ned geben.“

Robert schüttelte den Kopf und ging zurück zur Herberge, an deren Tür Mrs Jarvis stand und ihm zuwinkte. Er hatte James eine Menge zu sagen, aber er wollte zunächst seine Gedanken sammeln und mit Lucy sprechen, bevor er noch etwas sagte, das er am Ende gar nicht so meinte. Robert war überrascht, wie sehr ihn der Gedanke erzürnte, dass Ned in eine solch unschöne Situation hätte geraten können.

„Da sind Sie ja, Sir Robert!“ Mrs Jarvis lächelte zu ihm herauf. „Und wie schön, auch Ihren kleinen Jungen zu sehen! Wie ich höre, trägt Lady Kurland schon den nächsten Nachwuchs? Gute Arbeit!“ Sie zwinkerte ihm zu und stieß ihm spielerisch mit dem Ellbogen in die Rippen. „Hier habe ich Lady Kurlands Paket mit Textilien und Spitzenstoffen aus London, Sir. Allerdings wird sie in ihrem jetzigen Zustand wohl kaum neue Kleider benötigen, nicht wahr?“

„Vermutlich nicht“, gelang es Robert schließlich, ihren Redefluss zu unterbrechen. „Nun, wir müssen uns auf den Weg machen. Wir sind schon viel zu spät dran für Neds Mittagsschlaf.“

„Es ist immer schön, Sie zu sehen, Sir. Mr Jarvis wird es leidtun, wenn er hört, dass er Sie verpasst hat.“

Robert senkte die Stimme und neigte den Kopf näher zur Frau des Gastwirts. „Ihr Stallknecht. Bert Speers.“

„Was ist mit ihm, Sir?“

„Richten Sie Ihrem Ehemann aus, dass ich sehr erbost wäre, sollte ich hören, dass Bert meinem Kindermädchen und meinem Sohn erneut nachstellt.“

„Bert?“ Mrs Jarvis blickte hinüber zu den Stallungen. „Er ist recht schweigsam. Er ist kaum einen Monat bei uns. Er scheint keine Freunde zu haben und eher für sich zu bleiben, es sei denn, er hat ein paar Pints getrunken.“

„Er hat Polly auf dem Heimweg nachgestellt.“

„Nun, sie ist sehr schön. Wer kann es ihm verübeln, dass er sein Glück versucht?“ Ihr Lächeln verblasste, als sie Roberts Miene bemerkte. „Ihnen ist die Sache ernst, nicht wahr?“

„Das ist sie in der Tat.“

„Dann werde ich Mr Jarvis Bescheid geben, sobald er wieder hier ist.“ Sie nickte. „Es ist nicht gerecht Polly gegenüber. Sie ist ein anständiges Mädchen, die nicht versucht, die Jungs zu verführen, obwohl sie so gut aussieht.“

„Vielen Dank.“ Robert nickte und ging zurück auf den Hof, wo James, Polly und Ned auf ihn warteten.

„Guten Tag, Mrs Jarvis.“

 

Lucy blickte von ihrer Näharbeit auf, als Robert in ihren Salon trat, die Tür hinter sich schloss und anfing, mit finsterem Blick auf und ab zu gehen.

„Was ist denn los?“, fragte sie schließlich.

„Es geht um Polly.“ Er wandte sich mit grimmiger Miene zu ihr.

„Sag mir nicht, dass du doch ihren Vorzügen erlegen bist und vorhast, mit ihr davonzulaufen“, sagte Lucy neckisch.

„Nein.“ Er seufzte und setzte sich ihr gegenüber, wobei er seine Hände nervös knetete. „Sie ist ein liebes Mädchen, aber wo auch immer sie auftaucht, verbreitet sie Unruhe.“

„Inwiefern?“ Lucy legte ihre Nähsachen beiseite.

„Ich war heute Morgen unterwegs, um dein Paket vom Gasthaus abzuholen. Dabei habe ich herausgefunden, dass einer der Stallburschen ihr regelmäßig nach Hause nachstellt.“

„Das ist wohl kaum ihre Schuld“, bemerkte Lucy.

„Das weiß ich.“ Robert schien kurz über seine nächsten Worte nachzudenken, was für ihn recht ungewöhnlich war. „James hat sich gestern mit ihm geprügelt, als er Polly und Ned nach Hause begleitete. Wenn ich heute nicht eingeschritten wäre, hätte es vermutlich eine weitere Auseinandersetzung gegeben, um diesen Bert Speers fernzuhalten.“

„Oje“, seufzte Lucy. „Vor ein paar Tagen habe ich mitgehört, wie James und Mr Fletcher darüber stritten, wer Polly und Ned bei ihrem Ausflug zu den Ställen begleiten sollte. Und das ist nicht das erste Mal, dass ich solche Streitereien zwischen den männlichen Angestellten beobachtet habe.“

„Du siehst also, was ich meine?“ Robert warf entnervt die Arme in die Luft. „Wo auch immer sie hingeht, folgt ein Durcheinander. Es missfällt mir, Lucy. Es missfällt mir, dass mein Sohn dadurch in Gefahr geraten könnte.“

Lucy ließ seine leidenschaftlichen Worte einen Moment auf sich wirken. „Ich kann dir, was Ned betrifft, nur zustimmen. Aber es fällt mir schwer, Polly für das respektlose Verhalten der Männer um sie herum die Schuld zu geben. Sie geht wunderbar mit Ned um, sie versteht sich gut mit Agnes und erfüllt ihre Pflichten mit Bravour. Es wäre ungerecht, wenn sie ihre Stelle wegen etwas verliert, das sie nicht kontrollieren kann.“

„Das ist ja alles richtig. Aber sicherlich muss unser erster Gedanke doch Neds Sicherheit gelten.“

„Natürlich.“ Lucy zögerte. „Vielleicht könntest du dich mit James und Mr Fletcher unter vier Augen unterhalten und sie darum bitten, Polly in Ruhe zu lassen?“

„Das kann ich tun, aber ich habe keinerlei Kontrolle über Bert Speers oder irgendwelche anderen Männer, die sich vielleicht Hoffnungen machen, die Dorfschönheit für sich zu gewinnen.“

„Polly möchte nach der einmonatigen Probezeit bleiben“, sagte Lucy. „Und ich … ich habe ihr praktisch schon zugesichert, dass sie die Stelle für das nächste Jahr haben kann.“ Zu seinem Erstaunen wurde ihre Stimme brüchig. „Ich hatte gehofft, dass sie hier sein würde, wenn das Kind auf die Welt kommt.“

Wieso?“

„Weil ich sie gerne habe und …“ Lucy schluckte schwer und konnte nicht weitersprechen.

„Lucy.“ Robert ergriff ihre Hand. „Weinst du wegen eines Kindermädchens?“

Ja.“ Sie suchte hastig nach ihrem Taschentuch. „Tut mir leid.“

„Ist schon gut.“ Robert musterte sie einen Moment. „Wenn Polly für dein Wohlergehen wichtig ist, dann kann ich sie wohl kaum entlassen.“

„Vielen Dank.“ Lucy trocknete ihre Tränen. „Vielleicht bieten wir ihr einfach einen kürzeren Vertrag an – bis zum nächsten Quartal?“

„Das ist eine gute Idee.“ Robert nickte. „Lass mich am besten mit ihr reden, damit sie weiß, dass es meine Entscheidung ist und nicht deine.“

Lucy stand auf, kam zu ihm und legte eine Hand auf Roberts Schulter. „Vielen Dank.“

Er sah zu ihr auf. „Wofür?“

„Für dein Verständnis.“

„Ich und Verständnis?“ Er lächelte gequält. „Vielleicht werde ich mit dem Alter sanfter.“

Sie küsste ihn auf die Stirn. „Das kann ich nur hoffen, denn immerhin musst du dich bald nicht mehr nur um eins, sondern gleich um zwei Kinder sorgen.“

„Aber versteh mich nicht falsch, Lucy.“ Er blickte ihr fest entschlossen in die Augen. „Wenn es auch nur das kleinste Anzeichen gibt, dass sie Ärger für Ned bedeutet oder sie in eine gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt ist, werde ich sie entlassen.“

Lucy nickte. „Dem stimme ich voll und ganz zu.“

Er legte seine Hand auf die ihre. „Dann lass uns hoffen, dass ich James, Dermot und alle meine anderen Angestellten, die Polly schöne Augen machen, zur Vernunft bringen kann.“

 

„Tut mir leid, Sir Robert“, wiederholte Dermot Fletcher, der seinem Arbeitgeber gegenüber vor dessen Schreibtisch stand. „Aber ich kann Ihnen in dieser Angelegenheit nicht zustimmen.“

Wie bitte?“ Robert musterte das vor Aufregung gerötete Gesicht seines Landverwalters. „Sie finden nicht, dass es unangemessen ist, einem Kindermädchen hinterherzujagen?“

„Natürlich ist das unangemessen, Sir, aber das meinte ich nicht.“ Dermot sprach hastig weiter. „Ich respektiere Miss Polly!“

„Dann haben Sie eine ungewöhnliche Art, das zu zeigen“, erwiderte Robert prompt. „Sie streiten mit anderen Angestellten, folgen ihr wie ein verlorenes Schaf und denken sich Ausreden aus, um ständig die Kinderstube besuchen zu können, selbst wenn Sie eigentlich arbeiten sollten.“

„Sie ist von Leuten umzingelt, die ihrer nicht würdig sind“, erwiderte Dermot beharrlich. „Sie ist anders, als sie auf den ersten Blick scheint, Sir Robert. Sie ist sehr intelligent und belesen.“

Robert musterte den Landverwalter. „Wollen Sie mir sagen, dass Sie Gefühle für sie haben?“

„Ich habe Gefühle für sie“, sagte Dermot mit voller Überzeugung. „Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, um ihre Hand anzuhalten.“

Robert setzte sich und bedeutete Dermot mit einer Geste, es ihm gleichzutun. Umsichtige Formulierungen lagen nicht in seiner Natur, aber er würde sein Bestes geben.

„Mit allem gebührenden Respekt, Dermot, Sie kennen sie erst seit ein paar Wochen und sie entspricht kaum Ihrem gesellschaftlichen Stand.“

„Welcher gesellschaftliche Stand?“, fragte Dermot herausfordernd. „Ich bin ein irischer Katholik, der seinen Lebensunterhalt im selben Haus verdient wie sie.“

„Hat sie Ihnen in irgendeiner Weise zu verstehen gegeben, dass sie Ihre Gefühle erwidert?“, fragte Robert.

„Bisher nicht, Sir.“ Dermot runzelte die Stirn. „Sie wird von vielen Dummköpfen belästigt und versucht, so gut sie kann, freundlich zu ihnen zu bleiben.“

„Würden Sie ihr dann vielleicht die Möglichkeit lassen, sich selbst eine Meinung zu bilden, wenn sie dafür bereit ist?“, schlug Robert vor. „Soweit ich sehen kann, behandelt sie alle Männer gleich.“

Dermot sah Robert in die Augen. „Sie halten mich für einen Narren, nicht wahr?“

„Es steht mir nicht zu, eine derartige Einschätzung abzugeben, aber …“

„Sie denken wirklich, dass ich ein Narr bin.“ Dermot seufzte.

„Ich denke, dass Sie sich einsam fühlen und glauben, dass Sie eine Partnerin finden müssen. Jetzt wo Miss Anna mit Captain Akers verlobt ist.“

Dermot verzog das Gesicht. „Ist das so offensichtlich?“

„Nur für diejenigen, die Sie gut kennen.“ Robert dachte kurz nach. „Ich denke, es ist zu früh, Polly Carter Ihre Absichten mitzuteilen. Sie wird noch mindestens für ein weiteres Quartal hier sein. Vielleicht sollten Sie abwarten, bis Sie sicher wissen, dass sie Ihre Gefühle teilt, ehe Sie übereilt handeln und sie dadurch verschrecken.“

Dermot nickte. „Ich werde über Ihre Worte nachdenken, Sir Robert. Vielen Dank für Ihren Rat.“ Er stand auf und versuchte zu lächeln. „Ich sollte besser zurück an die Arbeit. Ich fürchte, ich habe meine Pflichten in letzter Zeit vernachlässigt.“

Bevor Robert ihn gehen ließ, bat er Dermot darum, Foley hereinzuschicken.

Als der Butler eintrat, bedeutete Robert ihm, sich zu setzen.

„Ich möchte mit Ihnen über James sprechen.“

Foley zog die Augenbrauen hoch. „Hat er Sie verärgert?“

„Ja. Er hat sich mit einem Stallburschen vom Queen’s Head geprügelt, sich mit Mr Fletcher gestritten und ist in Polly Carter verschossen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.“

„Miss Polly ist eine hübsche Frau.“

„Das ist sie in der Tat, aber das heißt nicht, dass meine Angestellten ihre Pflichten vernachlässigen dürfen. James ist so sehr damit beschäftigt, ihre Ehre zu verteidigen, dass er dabei vergessen zu haben scheint, seine Hauptaufgaben zu erfüllen: dem Haushalt zu dienen und  noch viel wichtiger  Schaden von meinem Sohn abzuwenden.“

„Er ist ein wenig hitzköpfig, was Polly angeht“, gestand Foley ein. „Ich habe ihn früher nur freundlich und sanftmütig erlebt. Dieser Tage scheint er jedem zu drohen, der sie auch nur schief ansieht.“

„Das ist mir ebenfalls aufgefallen.“ Robert wechselte unruhig die Sitzposition. „Ich möchte mich persönlich mit ihm unterhalten. Außerdem würde ich gerne mit allen männlichen Bediensteten über ihr Verhalten in Gegenwart von weiblichen Angestellten sprechen. Unsere Kinderstube erhält in wenigen Monaten Zuwachs, was bedeuten wird, dass noch mehr Frauen Einzug in die Dienerschaft halten werden. Ich möchte von keinerlei Problemen hören.“

„Ich verstehe, Sir.“ Foley erhob sich, was bedingt durch sein Rheuma eine Weile dauerte. „Ich war eigentlich der Meinung, dass James einen guten Butler abgeben würde, wenn ich mich einmal zur Ruhe setze.“

„Vor den letzten paar Tagen hätte ich Ihnen da zugestimmt. Aber ich kann es nicht dulden, wenn sich jemand möglicherweise mit Gästen prügelt“, sagte Robert. „Ziehen Sie also endlich den Ruhestand in Erwägung, Foley?“

„So ist es, Sir.“ Sein ältester Diener neigte den Kopf. „Sie haben sich inzwischen sehr gut eingelebt.“

„Ja, ich denke, das habe ich.“ Robert schenkte Foley ein Lächeln. „Lady Kurland hat mich gut im Griff.“

„Das hat sie in der Tat, Sir. Gott sei Dank. Und mit weiterem Nachwuchs auf dem Weg ist Ihre Blutlinie gesichert und ich kann mich ohne Sorgen und glücklich zur Ruhe setzen.“ Foley neigte sein Haupt.

Robert räusperte sich. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass er der letzte seiner Bediensteten war, der noch seinen Eltern gedient hatte. „Sie müssen nicht weit wegziehen, wissen Sie? Ich kann Ihnen ein Häuschen hier auf den Ländereien suchen oder in irgendeinem der anderen umliegenden Ortschaften, die Ihnen gefällt. Sagen Sie nur Bescheid und ich kümmere mich darum.“

„Vielen Dank, Sir.“ Foley stellte sich mit einiger Mühe gerade hin. „Ich werde mir die Sache in den nächsten Wochen durch den Kopf gehen lassen. Ich hatte vor, mich zu Weihnachten zur Ruhe zu setzen, was Ihnen genug Zeit gibt, einen Nachfolger für mich zu finden.“

„Nun, dann hoffen wir mal, dass der junge James auf seine Manieren achtet und sich läutert, um in Ihre Fußstapfen treten zu können“, bemerkte Robert. „Schicken Sie ihn doch bitte direkt zu mir und fragen Sie Agnes, ob sie Polly für ein paar Minuten entbehren kann.“

„Sehr wohl, Sir.“

Während er auf James’ Eintreffen wartete, widmete Robert sich den Briefen, die er im Gasthaus abgeholt hatte.

„Sie wünschen, mich zu sprechen, Sir Robert?“

„Ja, bitte treten Sie ein und schließen Sie die Tür hinter sich.“

Er blickte auf, als James eintrat und bedeutete ihm, vorzutreten. James’ nervöse Körperhaltung erinnerte Robert an die jungen Offiziere, die während seiner Zeit im Militär immer wieder vor ihm gestanden hatten. Robert hatte sein Bestes gegeben, sie mit Rat und Tadel lebendig durch den Krieg zu bringen. Er beschloss, dass James etwas brutale Ehrlichkeit vertragen konnte und blickte ihm tief in die Augen.

„Ich werde es nicht dulden, dass Sie oder irgendein anderer meiner Angestellten sich während der Arbeit prügeln. Insbesondere nicht, wenn es Ihre Aufgabe ist, meinen Sohn zu beschützen. Haben wir uns verstanden?“

Der eisige Tonfall ließ James schwer schlucken. „Jawohl, Sir Robert.“

„Wenn es irgendwelche Probleme mit Polly und anderen Männern geben sollte, erwarte ich, dass Sie für die Sicherheit meines Sohnes und seines Kindermädchens sorgen, ohne dafür gewalttätig zu werden.“

„Polly macht anderen Männern keine Hoffnung, Sir“, protestierte James. Robert zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe nie behauptet, dass sie das tut.“

„Sie ist ein gutes Mädchen und eines Tages hoffe ich, dass sie mich heiraten wird.“

„Hat Polly angedeutet, dass die Gefühle reziprok sind?“, fragte Robert zum zweiten Mal an diesem Morgen.

„Rezi … was, Sir?“

„Hat Polly angedeutet, dass sie Ihre Gefühle erwidert?“

„Nein, Sir, das hat sie nicht. Aber das liegt daran, dass sie eine anständige Frau ist, die in anderen keine falschen Hoffnungen wecken würde, egal, was Bert Speers behauptet.“

„Wenn Polly eine anständige Frau ist, wird sie es nicht zu schätzen wissen, wenn sich ein Mann für sie prügelt.“

James nickte. „Ja, Sir. Das hat sie mir ebenfalls zu verstehen gegeben.“ Er verlagerte das Gewicht unruhig von einem Bein auf das andere. „Ich verspreche, dass ich Sie nicht noch einmal enttäuschen werde, Sir.“

Robert erwiderte seinen Blick. „Das will ich hoffen. Denn andernfalls kann ich Ihnen versichern, dass Sie nicht viel länger Angestellter in diesem Haus sein werden.“

„Es ist nur so, dass sie nichts für all die Aufmerksamkeit kann, Sir. Und ich sehe es nicht gerne, dass sie behandelt wird wie eine Schankdame in der Taverne – oder noch schlimmer“, sagte James mit aufrichtiger Besorgnis. „Es gibt Männer, die ein freundliches Wort von ihr fälschlicherweise für etwas völlig anderes halten. Wie Mr Fletcher, Sir, er …“

Robert hob die Hand. „Mr Fletcher ist nicht Ihr Problem.“

„Ja, Sir, aber …“

„Seien Sie gewiss, dass ich mich wenn nötig um Mr Fletcher oder jeden anderen Mann in diesem verdammten Haus kümmern werde, der glaubt, ein Recht zu haben, sich Polly aufzuzwängen.“ Robert sah James eindringlich an. „Haben wir uns verstanden?“

James nickte. „Jawohl, Sir Robert.“

„Dann gehen Sie wieder an die Arbeit.“ Robert wartete, bis James das Zimmer verlassen hatte, bevor er aufstand und sich ein Glas starken Brandys einschenkte.

„Guter Gott“, murmelte er zu sich selbst. „Ich fühle mich wie in einer schlechten Schmierenkomödie!“

Es klopfte erneut an der Tür und Polly Carter trat ein. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid unter ihrer Schürze. Ihre blonden Locken hatte sie unter einer Kappe versteckt. Sie machte einen tiefen Knicks.

„Sie wünschen, mich zu sprechen, Sir Robert?“

„Ja, bitte setzen Sie sich doch.“

Er nahm wieder am Schreibtisch Platz und wartete, bis auch sie sich auf dem Stuhl niedergelassen hatte.

„Ich mache mir Sorgen, welche Auswirkungen Sie als Kindermädchen auf meinen Sohn haben könnten.“

Polly blinzelte ihn mit ihren schönen Augen fragend an. „Inwiefern, Sir?“

Robert hatte die diplomatischen Antworten satt. „Ich beziehe mich damit auf die Männer, die Sie umschwärmen und offenbar zu Prügeleien neigen.“

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen kann, Sir.“ Polly faltete nervös den Stoff ihrer Schürze zwischen den Fingern. „Ich tue mein Möglichstes, um mit allen höflich und anständig zu sprechen, Sir. Aber ich toleriere keine Unhöflichkeit, besonders nicht in Gegenwart Ihres Sohnes.“

„Das soll keine Anschuldigung sein, Polly. Ich sage nur, dass ich meinen Sohn nicht irgendwann in einer Situation wissen will, in der er um sein Leben rennen muss, weil die Fäuste fliegen.“ Robert musterte Pollys angespannte Miene. „Ich weiß, dass Lady Kurland Ihnen die Stelle als Kindermädchen für ein volles Jahr anbieten wollte. Aufgrund der derzeitigen Situation habe ich jedoch beschlossen, vorsichtiger zu sein und Ihnen vorerst nur einen Vertrag bis zum Quartalsende anzubieten.“

Polly starrte ihn einen langen Moment nachdenklich an. „Das ist für mich absolut akzeptabel, Sir. Und ich kann Ihre Zurückhaltung in dieser Sache sehr gut nachvollziehen.“

Robert, der sich schon auf Tränen oder Schlimmeres eingestellt hatte, nickte erleichtert. „Gut.“

„Vielleicht sollte ich mehr auf dem Gelände des Anwesens bleiben und weniger oft hinunter ins Dorf gehen?“ Polly sah ihn hoffnungsvoll an. „Zumindest für eine Weile, bis sich die Dinge wieder beruhigt haben.“

„Ich schlage vor, dass Sie das mit Lady Kurland und Agnes besprechen“, sagte Robert. „Ich würde nur ungern Ihre Bewegungsfreiheit beschneiden wollen.“

Polly erhob sich, strich über ihr Kleid, musterte ihn und schenkte ihm ein Lächeln. „Sie sind ein guter Mann, Sir Robert. Die meisten Arbeitgeber hätten mich entlassen, ohne sich auch nur meine Version der Geschichte anzuhören.“

Robert blickte ihr in die Augen. „Das werde ich auch tun, wenn mein Sohn zu Schaden kommen sollte.“

Sie machte einen Knicks. „Ich kann Ihnen versprechen, dass er durch mich keinen Schaden erleiden wird, Sir.“ Sie wandte sich erhobenen Hauptes zur Tür. Sie blickte auf die Uhr auf dem Kaminsims und dann zu ihm. „Jetzt ist eigentlich mein freier Nachmittag, Sir. Darf ich den noch nehmen?“

„Selbstverständlich“, sagte Robert. „Solange Agnes Bescheid weiß.“

Pollys Lippen verzogen sich zu einem verschmitzten Lächeln. „Agnes glaubte schon, dass Sie mich entlassen würden, und hat angeboten, meine Sachen für mich zu packen. Ich werde definitiv Bescheid sagen, dass das nicht der Fall ist, bevor ich gehe.“

Robert hatte gewisse Spannungen zwischen den Cousinen bemerkt, dies aber als übliches Geplänkel zwischen Verwandten abgetan. War Agnes neidisch, weil Ned offensichtlich Polly bevorzugte?

Nachdem sie gegangen war, bemerkte Robert, dass das Kindermädchen recht gut darin war, die Männer in ihrem Leben zu lenken  und das schloss ihn mit ein. Er würde gut daran tun, dies nicht zu vergessen.