Leseprobe Der Tod gibt sein Debüt

Kapitel 1

März 1817

Kurland St. Mary, England

Es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen und Major Kurland war fest entschlossen, ihn in vollen Zügen zu genießen. Nach dem Frühstück hatte er vor, zusammen mit seinem Gärtner Simmons eine Runde durch den Park des Anwesens zu spazieren. So würde Major Kurland das erste Mal die Gelegenheit haben, seine Pläne für den Garten ohne die lieb gemeinte Einmischung seiner Tante Rose zu diskutieren. Sie hatte sehr genaue Vorstellungen, was wo gepflanzt werden sollte, und sie vergaß oft, wem das Grundstück eigentlich gehörte. Am Nachmittag wollte Robert dem Gehöft des Anwesens einen Besuch abstatten, um mit Mr Pethridge über die Bewirtschaftung des Landes zu sprechen.

Das erste Mal in mehr als zwei Jahren war Major Kurland beinahe zufrieden.

„Hier ist die Post für Sie, Sir.“

„Vielen Dank.“ Robert blickte kurz zu seinem Butler Foley auf, der ein silbernes Tablett neben ihm abstellte, auf dem die Briefe sauber arrangiert lagen. „Könnten Sie mir noch etwas Kaffee und Toast bringen?“

„Natürlich, Major. Es freut mich zu sehen, dass Sie den Genuss am Essen wiedergefunden haben.“ Foley schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Oh, noch eine Sache, Sir: Vergessen Sie bitte nicht, dass Mr Thomas Fairfax heute um drei Uhr nachmittags für sein Vorstellungsgespräch hier sein wird.“

 

Robert, der bereits den Brieföffner in die Hand genommen hatte, hielt überrascht inne. „Ich hatte ganz vergessen, dass das heute ist.“

„Das dachte ich mir schon, Sir. Ich habe mich nur daran erinnert, weil wir Mr Fairfax ein Zimmer für die Nacht angeboten hatten, schließlich reist er den ganzen Weg aus dem Norden an. Mrs Bloomfield hatte mich daher gefragt, in welchem Zimmer Sie ihn unterbringen wollen.“

„Woher soll ich das wissen? Ein sauberes und trockenes Zimmer ohne Löcher in der Decke sollte ausreichen.“

Foley verzog beleidigt die Miene. „Alle Zimmer im Gutshaus entsprechen den höchsten Ansprüchen, Sir. Es geht mehr darum, welches Zimmer für ihn passend wäre. Da er als neuer Landverwalter infrage kommt, könnte er schließlich ein Gentleman sein, und damit wäre es unangebracht, ihm ein Zimmer unter dem Dach anzubieten, nicht wahr?“

Robert stöhnte. „Foley, bringen Sie ihn unter, wo immer Sie wollen, solange Sie mich mit der Sache ab jetzt in Frieden lassen.“

„Wie Sie wünschen, Sir. Wie Sie wissen, können Sie in solchen Angelegenheiten meinem scharfen Urteilsvermögen vertrauen.“

Foley verließ das Zimmer und Robert begann damit, die Korrespondenz durchzusehen. Neben dem üblichen monatlichen Brief von Tante Rose konnte er auch vier oder fünf Rechnungen von Handwerkern ausmachen, die mit den umfangreichen Renovierungsarbeiten am Anwesen zu tun hatten. Er würde den Brief seiner Tante für später zurücklegen und den Rest Miss Harrington überlassen, damit sie sich auf gewohnt effiziente Weise darum kümmern konnte. Als er die Post zu einem ordentlichen Stapel zusammenlegen wollte, ließ ihn der Gedanke an Miss Harrington zögern. Sie würde nicht mehr lange hier sein, um sich überhaupt um irgendetwas zu kümmern. Sie hatte sich den albernen Gedanken in den Kopf gesetzt, dass sie so schnell wie möglich für eine Saison nach London musste, um einen geeigneten Ehemann zu finden.

Er schnaubte. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich da einließ. Wenn es nach ihm ginge, konnte ihm die Londoner Gesellschaft gestohlen bleiben. Er würde sich glücklich schätzen, wenn er nie wieder einen Fuß in die Hauptstadt setzen müsste. Und was war überhaupt so schlimm an Kurland St. Mary? Es war ein Ort erfüllt von Ruhe und Frieden, wo nur selten etwas das Landleben störte, das seine Ahnen seit Jahrhunderten zufrieden geführt hatten.

Er trank den letzten Schluck seines Kaffees. Vielleicht hatte Miss Harrington nach den schockierenden Ereignissen des letzten Jahres allen Grund, sich in ihrer derzeitigen Umgebung nicht sicher zu fühlen. Einige Monate im Chaos und Schmutz von London würden sie sicherlich umstimmen und zurück in die Heimat treiben. Er wäre sogar bereit, eine beachtliche Summe Geld darauf zu wetten.

Als er Lärm aus dem Flur vernahm, senkte Robert seine Morgenzeitung und wandte sich zur offenen Tür des Frühstückszimmers. Neben Foleys Stimme konnte er noch zwei weitere ausmachen. Diese waren unverkennbar weiblich und aufgeregt – nie eine gute Kombination so früh am Morgen. Eigentlich hatte Robert geplant, nach dem Überfliegen der Zeitung kurz auf der Terrasse auf und ab zu gehen, um seine schmerzende Hüfte zu besänftigen und einen Zigarillo zu rauchen. Foley weigerte sich, ihm das Rauchen im Haus zu gestatten.

Robert hatte sich erst halb von seinem Stuhl erhoben und nach seinem Gehstock gegriffen, als ihm bewusst wurde, dass es bereits zu spät war, um zu entkommen. Stattdessen blieb er stehen und versuchte, eine freundliche Miene aufzusetzen.

„Miss Harrington und Miss Anna Harrington sind hier, um Sie zu sehen, Sir.“ Foley verbeugte sich tief. „Ich werde Ihnen sofort frischen Kaffee und Toast bringen. Soll ich auch noch ein paar weitere Tassen holen?“

„Oh ja, vielen Dank, Foley“, sagte Miss Anna. „Nach dem Spaziergang hierher bin ich doch recht durstig.“ Sie wirbelte herum und blickte Robert mit einem Strahlen auf dem wunderschönen Gesicht entgegen. „Ich hoffe doch, dass es Ihnen nichts ausmacht, dass wir noch während Ihres Frühstücks gekommen sind, Major, aber wir wollten Sie noch sehen, bevor wir aufbrechen.“

Robert nickte Miss Anna zu und wartete, bis sie sich an den Tisch gesetzt hatte, bevor er ihre schweigsame Begleiterin ansprach. „Guten Morgen, Miss Harrington.“

„Major Kurland.“

Als sich Miss Harrington zu ihm umwandte, war er für einen Moment schockiert. In ihrem neuen Reisekleid und der blauen Haube, die er noch nie zuvor an ihr gesehen hatte, sah sie fast aus wie eine andere Person. Er bot ihr einen Stuhl an. „Bitte setzen Sie sich doch. Es tut mir leid, dass ich Sie noch am Frühstückstisch empfange.“

„Wir sollten uns wohl eher dafür entschuldigen, dass wir schon so früh vorbeikommen.“ Miss Harrington warf Anna, die sich gerade mit Foley unterhielt, einen liebevollen Blick zu. „Aber meine Schwester ließ sich nicht von ihrem Plan abbringen.“

„Ich bin froh, dass Sie beide gekommen sind. Wann werden Sie aufbrechen?“

„Sobald Sophia und Mrs Hathaway uns abholen. Wir erwarten sie heute Mittag.“ Miss Harrington senkte die Stimme. „Sind Sie sicher, dass Sie zurechtkommen werden?“

„Was soll das heißen, Miss Harrington?“

„Kein Grund, so forsch zu reagieren. Ich wollte damit nichts andeuten. Aber Sie haben immer noch keinen Sekretär, keinen Leibdiener und keinen Landverwalter, Sie werden sich also um alles selbst kümmern müssen.“

„Trotz Ihrer Sorge bin ich dazu durchaus fähig. Außerdem wird heute ein möglicher neuer Landverwalter vorsprechen.“

Ihr besorgtes Stirnrunzeln löste sich auf. „Ach ja, richtig. Mr Fairfax. In seinen Briefen wirkte er sehr gut geeignet für den Posten. Ich hoffe nur, dass Sie gut mit ihm auskommen werden.“ Sie seufzte. „Ich wünschte fast, ich könnte dabei sein.“

„Um das Gespräch an meiner statt zu führen?“

„Sie müssen zugeben, dass Sie ausgesprochen unhöflich sein können, Major.“

„Ich würde es eher direkt nennen. Wenn der Herr es nicht mit mir in einem Bewerbungsgespräch aufnehmen kann, dann ist er meiner Meinung nach ohnehin nicht für den Posten geeignet.“

„Da könnten Sie recht haben. Schließlich wird er für Sie arbeiten müssen.“ Sie zog ihre Handschuhe aus. „Unser Dienstmädchen Betty hat einen Onkel, der eine Anstellung als Leibdiener sucht. Soll ich mich für Sie nach seinen Referenzen erkundigen?“

„Wieso eigentlich nicht?“ Er seufzte. „Es fällt mir schwerer als erwartet, einen geeigneten Ersatz für meinen Leibdiener zu finden.“

„Ich bin mir sicher, dass Bettys Onkel hervorragend für die Stelle geeignet wäre.“

„Ich werde den Herrn zuerst persönlich treffen müssen.“

„Selbstverständlich. Ich werde mir von Betty die Adresse geben lassen und ihm schreiben, sobald ich mich in London eingerichtet habe.“

Seine gute Laune verschwand. „Ich wünschte, Sie würden es sich noch einmal überlegen, doch in Kurland St. Mary zu bleiben.“

„Warum?“

„Weil ich …“ Er wandte seinen Blick ab und starrte stattdessen mürrisch auf den leeren Teller vor ihm. „Weil ich mich an die Art, wie Sie die Angelegenheiten hier regeln, gewöhnt habe.“

„Sie wollen sagen, dass Sie es schätzen, ein unbezahltes Dienstmädchen zu haben, das nach Ihrer Pfeife tanzt.“

„Ich betrachte Sie nicht als Dienstmädchen. Sie sind weit mehr als das.“

„Ich hatte lediglich angeboten, Ihnen vorübergehend zur Hand zu gehen, bis Sie einen eigenen Sekretär finden. Als unverheiratete Frau ist meine Anwesenheit in Ihrem Haus zu allen Tages- und Nachtstunden nicht angemessen.“

Er runzelte die Stirn. „Niemand hat mir gegenüber auch nur angedeutet, dass Ihre Anwesenheit hier unangebracht sein könnte.“

„Das würde sich wohl auch kaum jemand trauen, oder? Die Ehrfurcht vor Ihnen ist zu groß, als dass es jemand wagen würde, einen Kriegshelden zu hinterfragen.“

„Hat man Sie etwa deswegen zur Rede gestellt?“

Sie wandte sich von ihm ab. „Ja, es herrscht die Meinung vor, dass ich Sie ins Auge gefasst habe und entschlossen bin, die neue Lady auf Ihrem Anwesen zu werden.“

„Aber das ist doch absurd.“

„Vielen Dank auch.“ Sie faltete die Handschuhe und legte sie auf dem Tisch ab. „Das ist einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, nach London zu gehen und mir einen Ehemann zu suchen.“

„Was bedeuten könnte, dass Sie vielleicht gar nicht zurückkehren?“

„Es tut mir leid, Major, aber ich kann mein Leben nicht nach dem Wohlbefinden all meiner männlichen Verwandten und Bekannten ausrichten. Die Zwillinge haben sich in der Schule eingelebt und Anthony ist in Ihr altes Regiment eingetreten. Wenn ich mich jetzt nicht von meinem Vater losreiße, bin ich mir sicher, dass ich nie wieder die Gelegenheit dazu erhalten werde.“

„Es ist Ihnen also lieber, dem Willen eines einzelnen Mannes unterworfen zu sein? Dem Ihres Ehemanns? Ich glaube, das wird Ihnen schwerer fallen, als Sie sich vorstellen, Miss Harrington.“

„Nicht, wenn ich meine Wahl sorgsam treffe.“

„Sie wollen also einen Lebensgefährten finden, der Ihnen in allen Dingen nachgibt?“ Er senkte leicht den Kopf. „Viel Glück dabei.“

„Sie –“ Miss Harrington blinzelte ihn empört an. „Sie haben kein Recht, mich zu verurteilen. Meine Entscheidungen sind die meinen. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.“

Robert hatte schon zum Gegenargument angesetzt, überlegte es sich dann jedoch anders und schloss den Mund.

„Ich entschuldige mich, Miss Harrington. Ich wollte eigentlich nur ausdrücken, dass ich Ihre Gesellschaft vermissen werde. Ich wünsche Ihnen eine gute Reise und Erfolg bei Ihrer Jagd nach einem Ehemann.“

„Vielen Dank.“ Sie richtete die Aufmerksamkeit auf die Kaffeetasse vor sich.

Robert ließ seinen Blick über den Tisch hinweg zu Anna Harrington wandern, die ebenfalls neue Kleider trug und einen bezaubernden Anblick aus goldenen Locken und funkelnden blauen Augen abgab. Robert bezweifelte, dass es ihr schwerfallen würde, in London einen Ehemann zu finden.

„Freuen Sie sich schon auf London, Miss Anna?“

Anna lächelte und faltete aufgeregt die Hände vor ihrer Brust. „Oh, allerdings.“

***

Mehrere Stunden später erwartete Robert in seinem Arbeitszimmer die Ankunft von Mr Thomas Fairfax. Nach dem, was er gehört hatte, waren die Hathaways zusammen mit den Harringtons gegen Mittag aus Kurland St. Mary abgereist und würden mit der Familienkutsche der Hathaways in einigen kurzen Etappen in die Hauptstadt fahren. Miss Harrington hatte ihm, als die Zeit für den Abschied gekommen war, seine kindischen Bemerkungen über ihre Entscheidung noch nicht völlig vergeben und ihm nicht ihr übliches Lächeln zuteilwerden lassen.

In ihm regten sich Gewissensbisse. Gerade er hätte wissen sollen, wie einschneidend sich ihr Leben nach dem Tod der Mutter geändert hatte und wie sehr sie sich vermutlich danach sehnte, dem Pfarrhaus zu entkommen. Sie verdiente es, glücklich zu sein. Wäre sie nicht gewesen, würde er sich vermutlich immer noch in seinem Bett verkriechen, unfähig zu laufen und seinen neuen Platz in der Welt zu akzeptieren. Sie hatte seine Launen ertragen und ihn dazu gedrängt, das erste Mal einen Rollstuhl auszuprobieren. Nur so hatte er sich wieder nach draußen wagen können, um die Verbundenheit mit den Ländereien, die seine Familie seit Generationen bestellte und bewohnte, wiederzuerlangen.

Wie konnte er es wagen, ihr die Freiheiten, die für ihn immer selbstverständlich gewesen waren, zu missgönnen? Er bezweifelte, dass sie einen Ehemann finden würde, der ihre herrische Art dulden würde, aber sie verdiente die Gelegenheit, selbst zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Sie war alles andere als dumm. Wenn es unter den geistlosen, eitlen Narren einer Londoner Saison doch einen derartigen Prachtkerl gab, der sie zu würdigen wusste, würde sie ihn sicherlich finden.

Er versuchte sich ihr Gesicht vorzustellen, wenn sie aus der Kutsche der Hathaways steigen und den ersten Blick auf das chaotische und geschäftige Treiben Londons erhaschen würde. Würde es sie einschüchtern und in eine kleinlaute Feldmaus vom Lande verwandeln? Irgendwie bezweifelte er das. Vermutlich würde sie der Gesellschaft mit dem gleichen Mangel an Respekt begegnen, den sie ihm entgegenbrachte. Eine derartige Unerschrockenheit konnte in der notorisch wankelmütigen Gesellschaft der oberen Zehntausend entweder Fluch oder Segen sein.

***

Lucy rieb sich vorsichtig die Nase, die sie eine gefühlte Ewigkeit gegen das schmutzige Fenster der Kutsche gedrückt hatte. Die Straße war breiter geworden und ihr Gefährt konnte sich kaum schneller als in Schrittgeschwindigkeit einen Weg durch die Menschenströme auf den Straßen bahnen. Noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Menschen an einem Ort gesehen. Niemals hätte sie sich ausgemalt, dass so viele ein Leben im Schmutz auf derart engem Raum wählen würden.

Mrs Hathaway tätschelte Lucys Arm.

„Geht es dir gut, meine Liebe? Wir werden Anna am Wohnsitz der Clavellys absetzen und dann weiter zur Dalton Street fahren. Ich hoffe sehr, dass das Haus, das Perry für uns gewählt hat, ansehnlich ist.“

„Das wird es sicher sein, Mrs Hathaway. Schade, dass er zur Botschaft in Frankreich berufen wurde und wir ihn daher nicht sehen werden.“ Lucy blickte hinauf zu den hohen, weißen Häusern, die den Platz umringten, auf den ihre Kutsche gerade einbog. „Wohnen hier wirklich mein Onkel und meine Tante? Onkel David und mein Vater können sich nicht ausstehen, daher haben wir sie noch nie besucht.“

„Haben wir die richtige Adresse?“ Mrs Hathaway sah besorgt aus. „Die Häuser hier sind wirklich sehr prachtvoll, nicht wahr?“

Anna hüpfte vor Aufregung förmlich auf ihrem Platz. „Onkel David ist ein Earl. Da ist es durchaus angemessen, in derartigem Luxus zu wohnen.“

„Ich vergesse oft, wie überkandidelt der Rest deiner Familie ist, Lucy“, sagte Mrs Hathaway leise. „Ich hoffe nur, dass sie uns freundlich empfangen werden.“

Lucy wollte gerade etwas Ermutigendes sagen, als die Kutsche schaukelnd zum Stehen kam und ein Diener herbeieilte, um die Tür zu öffnen. Anna und Sophia stiegen als Erste aus, während Lucy zurückblieb und Mrs Hathaway die schmalen Trittstufen aus der Kutsche hinunterhalf. Sie hakte sich bei Lucy ein und zusammen erklommen sie die Stufen zum Herrenhaus. In der Eingangshalle wurden sie von einem hochgewachsenen Mann empfangen, der ihrem Vater unverkennbar ähnlichsah.

„Guten Abend.“ Er verneigte sich vor Mrs Hathaway. „Madam, darf ich Sie nach oben zu meiner Frau führen? Sie freut sich bereits darauf, Sie kennenzulernen.“ Er lächelte Lucy und Anna an. „Ich hoffe, wir können die Familienstreitigkeiten hinter uns lassen und diese Versöhnung genießen.“

Lucy machte einen Knicks. „Wir sind mehr als gewillt, das zu tun, Sir. Und wir sind dankbar für die Gelegenheit, Anna eine Saison in der Stadt verbringen zu lassen.“

Sie überließ dem Earl Mrs Hathaways Arm und folgte den beiden still die Treppe hinauf in das geräumige Gesellschaftszimmer in der ersten Etage. Das Haus war im neuesten klassischen Stil dekoriert und spiegelte den kostspieligen Geschmack seiner Bewohner wider. Lucy ertappte sich dabei, wie sie im Kopf durchrechnete, was es wohl kosten würde, derart luxuriöse Vorhänge und Sesselbezüge herzustellen, und ermahnte sich dann, dass sie dies nichts anging.

Anna drückte ihre Hand. Selbst ihre Schwester mit ihrem natürlichen Selbstbewusstsein wirkte eingeschüchtert von der Pracht um sie herum. Als sie das Gesellschaftszimmer betraten, hatte sich die Countess bereits von ihrem Sessel erhoben, um Mrs Hathaway und Sophia zu begrüßen. Lucy hielt sich ein wenig im Hintergrund, bis die Countess mit einem breiten Lächeln auf dem freundlichen Gesicht in ihre Richtung kam.

„Und ihr müsst die Mädchen von Ambrose sein.“ Sie bot beiden zur Begrüßung ihre Hand an und sie machten einen Knicks. „Du musst Anna sein. Dein Vater sagte, du seist blond und ausgesprochen hübsch.“

Anna errötete, was nur noch mehr zu ihrer Schönheit beitrug. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Mylady. Ich bin so dankbar, dass Sie angeboten haben, mich in die Gesellschaft einzuführen.“

„Bitte, nenn mich Tante Jane. Wie ich deinem Vater schon erklärt habe, hatte ich bereits die Einführung meiner Tochter Julia geplant. Und wenn ich ohnehin dazu gezwungen bin, mich wieder in die Gesellschaft zu stürzen, macht es keinen Unterschied, ob ich Anstandsdame für ein weiteres Mädchen spiele.“

Sie wandte sich Lucy zu. „Und du musst Lucy sein.“

„Ja, Mylady.“

„Wie ich höre, wirst du bei den Hathaways bleiben, aber du sollst dich trotzdem auch hier wie zu Hause fühlen. Ich betrachte euch beide als meine Schützlinge.“

„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte Lucy. „Ich möchte, dass das hier Annas Moment ist und nicht meiner.“

Die Countess führte Anna und sie zu einem Sofa und setzte sich zwischen sie. „Du wünschst nicht zu heiraten, Lucy?“

„Oh, doch, das möchte ich, Tante. Aber meine Erwartungen sind weitaus bescheidener als Annas.“ Sie warf den Hathaways, die sich gerade mit dem Earl unterhielten, einen kurzen Blick zu. „Meine Freundin Sophia ist verwitwet. Sie und ihre Mutter werden sehr gute Anstandsdamen für mich sein.“

„Aber wenn sie einmal verhindert sein sollten, kommst du zu mir, ja?“ Tante Jane blickte Lucy in die Augen. „Und wenn wir unseren Ball hier ausrichten, wirst du die Gäste an unserer Seite empfangen.“

„Wenn Sie das wünschen, Mylady.“ Lucy wollte nicht schon bei ihrem ersten Treffen mit ihrer Tante streiten. „Aber mein Vater –“

„Dein Vater ist ein Mann, der von derlei Dingen nichts versteht. Wenn ich entscheide, dass ich dir bei der Suche nach einem Ehemann helfen möchte, dann hat er in der Sache nichts weiter zu sagen.“ Sie musterte Lucy. „Ich denke, du wirst dich ausgesprochen gut machen.“

Lucy verkniff sich eine weitere Bemerkung und die Countess wandte sich an ihren Ehemann. „Würdest du die Glocke läuten, Liebling, und Julia und Max darum bitten, nach unten zu kommen?“

Sie hatte das Gefühl, in ihrer Tante ihresgleichen gefunden zu haben, denn sie schien genauso herrisch zu sein, wie man es Lucy meist unterstellte. Es war außerdem beruhigend, dass die Countess nicht die Meinung ihres Vaters teilte, laut der sie viel zu alt und unansehnlich war, um einen Ehemann zu finden. Sie tauschte mit Anna, die inzwischen wieder ein Lächeln auf den Lippen hatte, einen Blick aus. Nach dem Treffen fühlte Lucy sich viel besser mit dem Gedanken, ihre Schwester bei ihrem Onkel und ihrer Tante zu lassen.

Als die Tür aufschwang und der Butler zusammen mit ihrem Cousin und ihrer Cousine eintrat, stand sie auf, um sich vorzustellen. Julia war in etwa so alt wie Anna und die beiden unterhielten sich bald schon so, als ob sie sich seit Jahren kannten. Der älteste Sohn, Max, war ein wenig zurückhaltender als seine Schwester, zeigte aber tadellose Manieren und schien erfreut, seine bisher unbekannte Verwandtschaft kennenzulernen.

Auch Lucy war den beiden noch nie begegnet. Der Pfarrer und sein Bruder hatten sich nach dem Tod ihres Vaters überworfen und Besuche zwischen den beiden Familien waren vollständig ausgeblieben. Lucy hatte nie die Einzelheiten erfahren, nur dass es bei dem Streit um den Anteil des Pfarrers an der Erbschaft gegangen war. Der Kontakt war erst wieder aufgenommen worden, als Lucy nach dem Tod der Dowager Countess darauf bestanden hatte, eine Beileidsbekundung zu schreiben. Darauf waren einige weitere Briefe gefolgt und schließlich war Anna eingeladen worden, die Familie zu besuchen und unter Aufsicht der Countess in die Gesellschaft eingeführt zu werden.

Nach einer Weile wandte sich Mrs Hathaway an Lucy und erhob sich zögerlich.

„Nun, wir müssen uns wieder auf den Weg machen. Wir haben die Pferde bereits viel zu lange unten warten lassen.“ Sie wandte sich Anna zu. „Komm und umarme mich, meine Liebe.“

Anna kam der Bitte nach und ging dann weiter zu Lucy. Zum ersten Mal in ihrem Leben würden sie voneinander getrennt sein.

„Oh, Lucy …“

Sie umarmte Anna kräftig und trat dann mit einem entschiedenen Nicken einen Schritt zurück. „Ich werde dir gleich morgen früh eine Nachricht zukommen lassen, damit wir zusammen Pläne schmieden können. Ich bin mir sicher, dass es dir hier gut gehen wird.“

Anna nickte mit glänzenden Augen und bebenden Mundwinkeln. „Ich wünschte –“

„Du schaffst das schon.“ Lucy warf ihr eine Kusshand zu und ging rasch zur Tür, bevor ihre Schwester bemerken konnte, wie nahe sie selbst den Tränen war. Das durfte sie einfach nicht zulassen. Tante Jane folgte Lucy hinaus und hakte sich bei ihr ein.

„Ich verspreche, dass wir uns gut um sie kümmern werden.“

Lucy nickte und hielt ihren Blick starr auf die Treppe gerichtet, die vor ihren Augen zu verschwimmen schien.

„Und ich meine es ernst, dass du dich hier wie zu Hause fühlen kannst.“

„Das ist sehr großzügig.“

In der prächtigen Eingangshalle verabschiedeten sie sich. Lucy folgte Sophia hinaus in die Kutsche, setzte sich hin und mied geflissentlich ihren Blick. Als sich die Pferde in Bewegung setzten, erschien vor Lucys Nase ein besticktes Spitzentaschentuch. Dankbar nahm sie es an und schnäuzte sich lautstark.

Als sie die deutlich bescheidenere Straße erreichten, in der die Hathaways ihr Stadthaus gemietet hatten, hatte Lucy das Taschentuch bereits wieder in ihrem Retikül verschwinden lassen und sie konnte die Kutsche mit gewohnt selbstbewusster Haltung verlassen. Sie durfte schließlich nicht vergessen, dass sie aus einem bestimmten Grund nach London gereist war. Jetzt musste sie damit nur noch Erfolg haben.

Kapitel 2

„Major Kurland!“

Foley stürmte ohne Vorwarnung in Roberts Arbeitszimmer und verpasste damit seinem Arbeitgeber, der gerade eines seiner Geschäftsbücher studierte, einen gehörigen Schreck.

„Was ist los?“, fragte Robert eindringlich. „Ich hoffe, es geht um etwas Wichtiges, Foley. Ihretwegen kann ich jetzt mit der Zählung der Schafe noch einmal von vorn anfangen.“

Foley streckte ihm ein Silbertablett entgegen, auf dem ein einzelner Brief mit einem sehr aufwendigen Siegel lag. Robert nahm das Schreiben an sich und runzelte die Stirn. „Wer ist der Absender?“

„Der Prinzregent!“

„Das ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Warum sollte der Prinz einer unbedeutenden Person wie mir schreiben?“ Er untersuchte den Brief, auf dem als Adresse Carlton House angegeben war. In der Ecke prangte die krakelige königliche Unterschrift. Nachdem er mit dem Brieföffner vorsichtig das Siegel durchtrennt hatte, entfaltete er die einzelne Seite, die sich im Innern befand. Schließlich hob er den Blick und wurde sich gewahr, dass Foley noch immer anwesend war und vor gespannter Erwartung beinahe tänzelte. „Ist das denn die Möglichkeit? Der Brief ist wirklich vom Prinzregenten – also von seinem persönlichen Sekretär, was praktisch das Gleiche ist. Offenbar hat der Prinz von meinem heldenhaften Einsatz in der Schlacht von Waterloo gehört und will mich für meinen Dienst belohnen. Mein Gott, ich soll zum Baronet ernannt werden.“

„Oh, Sir!“ Foley klatschte begeistert in die Hände. „Das freut mich so für Sie. Ein erblicher Titel, der an Ihre Kinder weitergegeben werden kann!“

„Falls ich je Kinder haben sollte.“ Robert las den Brief erneut. „Ich frage mich, ob man so etwas ablehnen kann.“

„Major, das würden Sie nicht …“

Er seufzte. „Ich glaube nicht, dass ich dazu Nein sagen kann. Wie es aussieht, soll ich schnellstmöglich nach London reisen und den Prinzregenten treffen, um persönlich seinen Dank zu empfangen. Teufel, wie ich London hasse.“

„Ich muss Ihre neue Ausgehuniform bügeln und dafür sorgen, dass Ihre Waffen poliert sind und …“ Foley brach mitten im Satz ab. „Was wollen Sie wegen Ihres fehlenden Leibdieners tun? Vielleicht könnte ich Sie selbst nach London begleiten. Sie müssen sich in Bestform präsentieren, wenn Sie den Prinzregenten treffen.“

„Foley …“

Sein Butler war bereits auf dem Weg zur Tür und murmelte vor sich hin, also ließ Robert ihn gehen. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Brief. Wie um alles in der Welt hatte der Prinz überhaupt von ihm gehört? Robert wendete den Brief und bemerkte, dass direkt unter seinem Namen in kleineren Lettern L. Harrington, Sekretär geschrieben stand.

Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer. Hatte Miss Harrington im Alleingang entschieden, dem Prinzregenten zu schreiben und ihn auf Roberts sogenannte Heldentaten aufmerksam zu machen? Wieso würde sie so etwas nur tun? Wenn er schon nach London reisen musste, würde er bei dieser Gelegenheit seine zur Einmischung neigende Nachbarin aufsuchen und sie fragen, was zum Teufel sie sich dabei gedacht hatte.

***

London war deutlich ermüdender und einschüchternder, als Lucy erwartet hatte. Da die Hathaways außerordentlich kompetente Angestellte angeworben hatten, gab es für sie nur sehr wenig zu tun, was an sich bereits befremdlich war. Offenbar war das Leben von jungen Ladys in der Stadt unglaublich langweilig. Sie hatten neue Kleidung gekauft, einen ausgezeichneten Schneider gefunden, der ihnen die neuesten Trends nahegebracht hatte, und einen Hutmacher aufgesucht, der sehr preiswerte Kopfbedeckungen verkaufte. Sie gähnte diskret hinter vorgehaltener Hand, während Sophia anfing, darüber zu reden, welche Veranstaltungen sie besuchen sollten.

„Lucy! Hör doch zu!“

Sie zuckte zusammen und richtete ihren Blick wieder auf ihre Freundin, die eine Einladung praktisch unter ihrer Nase hin und her wedelte.

„Ich tue gern, was auch immer du möchtest, Sophia.“

„Dank dir, Lucy, werden wir heute Abend auf dem Ball der Clavellys alle wichtigen Leute der Stadt treffen.“ Sophia drückte sich die Einladung an die Brust. „Glaubst du, die Countess kann uns Zutritt zu Almack’s verschaffen?“

Lucy hob eine Augenbraue. „Ist das wirklich so wichtig? Ich habe gehört, die Getränke in dem Etablissement seien mittelmäßig und die Gesellschaft unausstehlich.“

„Wer hat dir das gesagt?“

„Major Kurland.“

Sophia winkte ab. „Major Kurland ist nie mit irgendetwas zufrieden. Es wird nicht umsonst als der Heiratsmarkt schlechthin bezeichnet, Lucy. Alle besonders heiratswürdigen Gentlemen nehmen an den dortigen Bällen teil.“

„Es ist also recht ähnlich zum Jahrmarkt in Saffron Walden?“

Sophia sah sie mit gespielt böser Miene an. „Wenn wir Zutritt zu Almack’s bekämen, wäre das himmlisch.“

„Dann werde ich umgehend meiner Tante schreiben und fragen, ob das möglich ist.“ Sie ging hinüber zum Schreibtisch am Ende des Gesellschaftszimmers. „Hast du schon einen Mann getroffen, den du besonders magst?“

Sophia seufzte. „Nicht wirklich. Sie sind alle sehr nett, aber keiner davon kann gegen meinen Charlie ankommen. Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass ich wieder heiraten und Kinder haben möchte, aber ich will nicht einfach irgendjemanden nehmen. Charlie würde nur das Beste für mich wollen.“

„Nun, er war ein außergewöhnlicher Mann.“ Lucy zog ein frisches Blatt Papier hervor. „Ich bezweifle, dass es einfach sein wird, ihn zu ersetzen.“ Sie blickte auf, als der Butler eintrat und ihr zwei Briefe auf einem Tablett reichte. „Vielen Dank.“

Während Sophia und Mrs Hathaway darüber diskutierten, was sie wohl zum Clavelly-Ball anziehen sollten, schrieb Lucy ihrer Tante und widmete sich danach den Briefen, die sie erhalten hatte. Nach einer Woche in der Ferne waren Neuigkeiten von zu Hause mehr als willkommen. Sie war überrascht, wie sehr sie den reizbaren Major Kurland und Kurland St. Mary vermisste.

„Oje.“

„Was ist los, Lucy?“ Sophia kam an ihre Seite.

„Nicholas Jenkins kommt nach London, ausdrücklich, um Anna zu sehen.“

„Nun, das ist wohl keine große Überraschung, oder? Jeder weiß, dass er in sie verliebt ist. Er hat schon vor Monaten angedroht, dass er ihr hierher folgen würde.“

„Aber ich hätte nicht gedacht, dass er das auch tatsächlich tun würde.“ Lucy reichte Sophia den Brief. „Ich kann kaum erwarten, Anna davon zu berichten.“

***

„Foley, hören Sie auf, so einen Wirbel zu machen.“ Robert stand geduldig da, während sein Butler nun zum dritten Mal den dunkelblauen Stoff seiner Uniform abbürstete. „Das reicht schon. Ich sehe den Prinzregenten schließlich nicht heute Morgen. Ich besuche lediglich das Hauptquartier meines Regiments.“

„Und dafür müssen Sie ebenfalls besonders gut aussehen.“

Foley zupfte die goldfarbenen Tressen an Roberts Schulter zurecht, bevor er ihm endlich seinen hohen Tschako überreichte.

„Sie sehen sehr elegant aus, Major.“

„Vielen Dank.“

Tatsächlich fühlte sich Robert nach zwei Jahren, die er nicht im aktiven Militärdienst gestanden hatte, sehr unwohl in der Uniform. Nachdem er bei Waterloo aus seiner letzten Uniform herausgeschnitten werden musste, hatte sein ehemaliger Leibdiener Bookman eine vollständige neue Garnitur vom Armeeschneider bestellt. Die schweren Stoffe waren unnachgiebig und die großzügig auf der Vorderseite seines Mantels angebrachten goldenen Tressen waren so steif, dass sie kaum richtig anliegen wollten. Dem Vernehmen nach hatte der Prinzregent beim Entwurf der Uniform der 10. Husaren die Hand im Spiel gehabt, was Robert nicht sonderlich verwunderte. Für seinen Geschmack trug sie viel zu viele Verzierungen und war absolut unpraktisch im Gefecht. Aber dies galt für die allermeisten Uniformen. Immerhin trug ein Großteil seines Regiments Blau, nicht so wie die armen Rotröcke, die in jedem erdenklichen Gefechtsszenario auffielen wie bunte Hunde. Er hatte gehört, dass die Farbe Rot den Feind einschüchtern sollte, weil es angeblich so aussah, als ob verletzte Soldaten nicht bluten würden. Irgendwie bezweifelte er, dass das tatsächlich funktionierte.

Er klemmte sich seinen rot verzierten Tschako unter den Arm, versuchte dabei die Federn nicht durcheinanderzubringen und betrachtete sich im Spiegel. Er sah recht eindrucksvoll aus. Mit den Fingern fuhr er dort entlang, wo er einst wie die meisten seiner Soldatengefährten einen schmalen Schnurrbart getragen hatte, jetzt aber glatt rasiert war. Ihm fehlte der Mut, ihn wieder wachsen zu lassen. Foley hatte die Stiefel sowie alle Metallknöpfe und -beschläge an seinem Mantel so gut poliert, dass er sich darin spiegeln konnte.

„Ihr Schwert, Major?“

„Ah, ja, danke.“ Robert warf den grauen, pelzgesäumten Umhang nach hinten über die Schulter und legte den Schwertgürtel an. „Ich denke, so geht es. Könnten Sie nach unten gehen und mir eine Mietdroschke rufen?“

Foley stutzte und blieb an der Tür stehen. „Sie wünschen nicht selbst zu fahren oder zu reiten, Sir? Ich glaube, Ihre Kutsche und mehrere Ihrer Pferde stehen bereit.“

„Nicht heute.“

Er sah vielleicht aus wie ein schnittiger Husaren-Offizier, aber der Gedanke daran, selbst wieder auf ein Pferd zu steigen, erfüllte ihn noch immer mit Schrecken. Neben all den Narben von den entsetzlichen Verletzungen von Waterloo war diese alberne Angst am schwersten zu ertragen. Er hatte es geschafft, sich dazu zu zwingen, in einer Pferdekutsche zu fahren, aber selbst dabei brach ihm der Schweiß aus. Der Gedanke daran, durch die Straßen von London auf dem Rücken eines nervösen Rosses zu reiten, war ihm bereits zu viel.

Er war zu einem Hyde-Park-Soldaten geworden, wie es bei Berufssoldaten spöttisch hieß – jemand, der nie im aktiven Dienst gewesen war, aber immer makellos gekleidet in den besten sozialen Kreisen anzutreffen war. Er verzog verächtlich den Mund und wandte sich von seinem prachtvollen Spiegelbild ab. Am besten würde er es schnell hinter sich bringen. Wenn es einen Weg gab, dem Titel des Baronets zu entgehen, würde sein kommandierender Offizier sicher davon wissen.

Robert ging hinunter in das Foyer des Hotels und von dort hinaus zur Droschke, die Foley ihm gerufen hatte. Wenn der Besuch bei seinem kommandierenden Offizier gut ablief, würde er danach vielleicht noch die Motivation aufbringen, die Harrington-Schwestern zu besuchen und zu hören, wie es ihnen in der lebhaften Metropole erging. Foley hatte es geschafft, beide Adressen herauszufinden, und es wäre unhöflich von Robert, die Damen nicht aufzusuchen.

Er zog seine Handschuhe an und lehnte sich zurück. Und falls Miss Harrington tatsächlich dafür verantwortlich war, dass er die wohlwollende Aufmerksamkeit des Prinzregenten, des Schirmherrn seines Regiments, erweckt hatte, würde er ihr sicherlich einiges mehr zu sagen haben.

Als die Droschke anhielt, stieg Robert hastig aus und bezahlte den Kutscher. Sein Gehstock war auf dem unebenen Kopfsteinpflaster unerlässlich, um die Balance halten zu können. Gerade als er sich der furchteinflößenden Treppe näherte, sprach ihn ein Mann an, der gerade die Stufen herunterkam.

„Major Kurland? Sind Sie das? Bei allem, was heilig ist!“

Er sah in das vertraute Gesicht eines seiner Offizierskameraden.

„Lieutenant Broughton. Wie schön, Sie zu sehen.“ Robert wechselte den Gehstock auf die linke Seite, damit er Broughtons Hand schütteln konnte. „Was bringt Sie heute hierher?“

„Ich verkaufe mein Offizierspatent.“ Broughton verzog das Gesicht. „Wenn das Regiment nach Amerika oder Indien verschifft wird, will ich nicht im Dienst bleiben, aber auch nicht mit halbem Sold in den Ruhestand gehen.“ Er musterte Robert von Kopf bis Fuß und sein Blick blieb eine Weile am Gehstock hängen. „Ich hatte schon gehört, dass Sie eine schwere Verwundung bei Waterloo erleiden mussten.“

„Wie Sie sehen, werde ich wohl auch bald mein Offizierspatent verkaufen.“

Broughton blickte hinter sich die Stufen hinauf. „Haben Sie einen Termin?“

„So ist es.“

„Dann will ich Sie nicht aufhalten.“ Er überlegte kurz, bevor er weitersprach. „Würden Sie in Erwägung ziehen, mich später in meinem Club zu treffen, wenn Sie fertig sind? Bei Fletchers am Portland Square. Das ist ein neuer Treffpunkt für Gentlemen mit wissenschaftlichen Interessen.“

„Sehr gern.“ Robert hatte Broughtons nüchterne Sicht auf das Leben immer geschätzt, auch wenn einige der anderen Offiziere der Meinung waren, dass es ihm an Manieren mangelte. Da Robert ebenso wenig Wert darauf legte, hatte er sich nie von seiner direkten Art beleidigt gefühlt. „Es sollte nicht allzu lange dauern.“

„Wo wohnen Sie denn während Ihrer Zeit in London?“

„Im Fenton’s“

Broughton tippte sich an den Hut. „Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen.“

Robert erklomm unter einiger Anstrengung die Treppen. Die Eingangshalle war mit dunklen Wandpaneelen verkleidet und wurde von einem gewaltigen Porträt des Prinzregenten dominiert, der in eine noch prachtvollere Version der Uniform der Königlichen 10. Husaren gekleidet war. Der Mann hinter dem Schalter am Eingang erhob sich zur Begrüßung.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Major?“

Robert salutierte. „Ich habe einen Termin bei Lieutenant Colonel Sir George Quentin. Ich bin Major Robert Kurland.“

„Jawohl, Sir. Ich bringe Sie sofort nach oben.“

Robert folgte dem Mann in die dunklen Tiefen des Hauses in ein Vorzimmer, wo der Adjutant des Lieutenant Colonels die Tür seines Herrn bewachte.

„Major Kurland.“ Der Adjutant nahm Haltung an. „Der Lieutenant Colonel wird Sie nun empfangen.“

Robert salutierte erneut und wurde weiter in die Höhle des Löwen geleitet. Der Lieutenant Colonel war ein interessanter Mann deutscher Abstammung, der berüchtigt dafür war, dass er 1814 wegen überzogener Brutalität gegen seine eigenen Männer vor ein Kriegsgericht gestellt worden war. Erstaunlicherweise hatte er diesen Vorfall nicht nur überlebt, sondern danach auch noch seine Karriere fortsetzen können. Insgeheim hielt Robert ihn für einen kleinen Tyrannen. Aber es war unbestreitbar, dass die Demonstration überlegener Stärke im Umgang mit einfacheren Männern – besonders Soldaten nach einer Schlacht – fast ebenso wichtig war wie der nächste Atemzug.

„Major Kurland.“

Robert salutierte und nahm Haltung an. „Sir.“

„Bitte nehmen Sie Platz.“ Sein kommandierender Offizier verzog das Gesicht. „Wie ich sehe, tragen wir beide noch die Narben unseres Siegs bei Waterloo.“

„Ich erhole mich, Sir, aber ich bezweifle, dass ich je wieder zum Regiment zurückkehren werde.“

„Das ist ausgesprochen schade, Kurland. Sie waren ein exzellenter Offizier.“

„Vielen Dank.“ Robert war nicht sicher, ob er erleichtert oder verängstigt sein sollte bei dem Gedanken, dass seine Laufbahn bei der Armee endgültig zu Ende sein könnte.

„Ich habe vor, mein Offizierspatent zu verkaufen.“

„Ich glaube nicht, dass Sie Schwierigkeiten haben werden, einen Abnehmer zu finden. Dank unseres königlichen Schirmherrn gilt dieses Regiment als einer der besten Orte, um eine Karriere in der Armee voranzutreiben.“ Der Lieutenant Colonel studierte einige Papiere, die auf seinem Schreibtisch lagen. „Was diese andere Angelegenheit angeht –“

„Darf ich fragen, wie der Prinzregent von meinen sogenannten Heldentaten erfahren hat?“, unterbrach ihn Robert. „Ich habe nicht mehr getan als jeder andere Offizier in dieser Schlacht.“

„Das sehe ich anders, Major. Sie haben den Angriff geführt, mit dem die französische Kanonenstellung eingenommen wurde, die eine halbe Brigade in den Ruinen festgenagelt hielt.“

„Daran kann ich mich kaum erinnern, Sir. Und das erklärt noch immer nicht, wie der Prinz auf mich aufmerksam wurde.“

„Ah, das liegt vermutlich daran, dass Ihr Sekretär auf eine Dinner-Einladung direkt an den privaten Sekretär des Prinzregenten statt an unser Büro hier geantwortet hat. Zufälligerweise war es dem Regenten ein persönliches Anliegen zu erfahren, wer bei dem Empfang anwesend sein würde. Sir John McMahon zeigte ihm den Brief, in dem Sie Ihr Bedauern ausdrücken und in dem Ihre Verletzungen erwähnt werden. Der Prinz neigt, wie wir alle wissen, zur Sentimentalität und wies Sir John an, mehr über Sie in Erfahrung zu bringen. Ich konnte ihm zusätzliche Informationen liefern und der Regent entschloss sich dazu, Sie mit einem Baronet-Titel zu ehren.“

Robert lehnte sich aufgebracht nach vorn. „Bei allem gebührenden Respekt, Sir, gibt es eine Möglichkeit, eine solche Ehre abzulehnen? Ich habe nicht das Gefühl, ihrer würdig zu sein.“

„Ich fürchte, das lässt sich nicht mehr abwenden, Major. Der Prinz braucht dringend die Zustimmung des gemeinen Volks und kann eine solche Gelegenheit, einen Kriegshelden zu adeln, nicht einfach ungenutzt lassen. Sie sollten sich darauf einstellen, vergöttert zu werden.“

„Verdammt“, sagte Robert niedergeschlagen. „Ich kann mir kaum etwas Schlimmeres vorstellen.“

„Tja, jetzt ist es zu spät, etwas dagegen zu unternehmen. Der Vorgang ist bereits in vollem Gange. Ich wurde angewiesen, Sie innerhalb der nächsten Woche zu einer privaten Audienz mit dem Prinzen zu begleiten.“

„Ich vermute, das heißt, dass ich in London bleiben muss? Was hat sich mein ‚Sekretär‘ nur gedacht?“

„Es ist eine Ehre und sie ist wohlverdient. Lassen Sie meinen Adjutanten wissen, wo Sie anzutreffen sind.“

„Danke, Sir.“

Robert salutierte, drehte sich so elegant er konnte auf dem Fuße um und verließ das Zimmer. Also hatte er tatsächlich Miss Harrington für die unverhoffte und ungewollte Ehre zu danken. Seine Miene verfinsterte sich weiter, während er vorsichtig die Treppen hinunterging und nach einer Droschke Ausschau hielt. Nach dem Treffen mit Broughton würde er die werte Dame aufsuchen, um ihre Seite der Geschichte zu hören.

Glücklicherweise wusste der Kutscher genau, wo sich Fletchers befand, und er setzte Robert direkt vor der Tür ab. Drinnen sah es aus wie in jedem anderen Club für Gentlemen, den Robert je besucht hatte, allerdings war das Ambiente weniger einschüchternd als Whites oder Boodles. Die Mitglieder schienen außerdem deutlich jünger und weniger adelig zu sein, was seiner Meinung nach nur positiv sein konnte. Seit er in der Armee neben vielen unfähigen Aristokratensöhnen gedient hatte, besaß er nur wenig Geduld für die Arroganz des Hochadels.

Und jetzt würde er selbst einer von ihnen werden …

Einer der Angestellten ließ ihn ins Gästebuch schreiben und wies ihn an zu warten, bis Lord Broughton ihn abholte. Robert folgte seinem alten Bekannten durch einen holzverkleideten Raum mit mehreren Sitzgruppen, wo man es sich gemütlich machen und Zeitung lesen oder sich mit Freunden unterhalten und Karten spielen konnte. Im Kamin loderte ein Feuer. Broughton wählte einen hohen Ohrensessel und Robert setzte sich auf den Platz ihm gegenüber.

Sofort erschien ein Kellner, bei dem sie Getränke bestellten und der ihnen versicherte, dass der Speisesaal noch geöffnet sei, sollten sie etwas zu essen wünschen.

Robert prostete seinem Gegenüber zu, bevor er einen Schluck des exzellenten Brandys trank.

„Wie war Ihr Termin?“, fragte Broughton.

„Zufriedenstellend. Ich habe den Lieutenant Colonel darüber informiert, dass ich aus dem Regiment austreten werde, und er hat es gut aufgenommen. Wissen Sie, an welchen Makler ich mich wenden muss, um mein Offizierspatent zu verkaufen?“

„Ja, dafür ist Dagliesh verantwortlich. Ich werde Ihnen seine Adresse zukommen lassen.“

„Vielen Dank. Wie sieht es mit Ihnen aus? Was wollen Sie jetzt tun, wo sie nicht mehr in der Armee sind?“

„Ich werde mich voll und ganz meinen Pflichten als Erbe meines Vaters widmen.“ Broughton verzog das Gesicht. „Nicht, dass ich den alten Mann besonders oft sehe. Im Moment ist er in Indien als Botschafter an einem der niederen Fürstenhöfe stationiert. Meine Mutter liegt mir seit Monaten in den Ohren, dass ich mich niederlassen und die Erbfolge sichern soll.“

„Das sind hehre Vorsätze“, sagte Robert diplomatisch.

„Und auch recht sinnlose.“ Broughton seufzte. „Mein wahres Ziel ist es, mir einen Ruf als Mann der Wissenschaften zu erarbeiten.“

„Und was genau ist dafür nötig?“

„Zum Beispiel muss ich meinen Geist einsetzen, anstatt blind den Vorschriften meiner Familie Folge zu leisten. Es geht darum, mehr über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu lernen und mein Wissen mit den Pionieren auf ihren verschiedenen Gebieten zu teilen.“

„Das klingt für mich doch sehr, als würde man wieder in die Schule gehen.“ Robert erschauderte. „Ich habe vor, mich mehr auf mein Anwesen zu konzentrieren, damit es wieder profitabel wird.“

Broughton grinste. „Nun, jedem das Seine. Wie lange wollen Sie in London bleiben?“

„Ich werde die nächsten paar Wochen in der Stadt verbringen.“

„Wenn Sie vorhaben, sich auf dem Land niederzulassen, dann könnten Sie zusammen mit mir nach einer geeigneten Frau suchen und dabei vielleicht eine für sich selbst finden.“

„Ich möchte derzeit lieber noch nicht über die Ehe nachdenken.“

„Vielleicht würden Sie dann in Erwägung ziehen, mir bei meiner Suche Gesellschaft zu leisten? Ich würde mich freuen, eine zweite Meinung zu meiner Auswahl zu bekommen.“

„Sehr gern, allerdings muss ich Sie warnen, dass meine Ansichten für die meisten Leute ein wenig zu direkt sind.“ Robert stieß sich etwas an Broughtons nüchterner Formulierung. Er ließ es fast so klingen, als würde man lediglich ein neues Pferd bei Tattersalls und keine Gefährtin fürs Leben aussuchen. „Ich habe allerdings wenig bis gar keine Kenntnis von den Gepflogenheiten der Stadt oder davon, welche Dinge zu beachten sind, wenn man sich zwischen zwei jungen Ladys entscheiden muss.“

„Und das ist genau das, was ich brauche. Ich hätte niemanden lieber an meiner Seite als einen Soldaten.“

Robert setzte sein Brandyglas ab. „Dann werde ich Ihnen Gesellschaft leisten, wenn Sie darauf bestehen. Ich kann einen Kameraden nicht allein und ohne Rückendeckung zurücklassen.“

Robert rechnete damit, dass er noch Wochen des tatenlosen Wartens auf eine Audienz mit dem Prinzregenten vor sich hatte. Wenn er in dieser Zeit hier in der Stadt blieb, würde sich ihm außerdem die Chance bieten, zu sehen, wie die Harrington-Schwestern und Sophia Giffin in London zurechtkamen. Vielleicht könnte er auch den Kontakt zu einigen alten Bekannten wieder aufnehmen.

„Es gibt da eine junge Dame, die ich sehr schätze. Sie ist erstaunlich aufgeschlossen.“

Erst jetzt bemerkte er, dass Broughton noch immer redete. „Und wer wäre das?“

„Miss Chingford. Haben Sie von ihr gehört?“

Robert atmete tief durch. „Miss Penelope Chingford?“

„Ja.“

„Dann bin ich sogar sehr gut mit ihr vertraut. Wir waren verlobt, aber wir haben einvernehmlich beschlossen, dass wir nicht zusammenpassen.“

„Meine Güte! Was für ein ungewöhnlicher Zufall!“ Broughtons Lächeln verblasste. „Sie hat Sie namentlich nicht erwähnt, aber sie hatte angedeutet, dass sie von jemandem sehr enttäuscht worden sei.“

„Das wäre dann wohl ich“, sagte Robert trocken. „Ich hatte die Frechheit, verwundet zu werden und nicht länger der kräftige Bursche zu sein, den sie an ihrer Seite erwartete.“

„Das erscheint mir falsch.“

„Sie hatte nicht ganz unrecht. Ich habe kein Bedürfnis, meine Karriere in der Armee fortzusetzen oder eine herausragende Persönlichkeit der Stadtgesellschaft zu werden, daher hätten wir ohne Zweifel nicht zusammengepasst. Es war mutig von ihr, das einzugestehen.“ Er überlegte kurz. „Ich bin mir sicher, dass sie mit einem Mann wie Ihnen weit glücklicher wäre.“

Broughton sah nicht überzeugt aus, als er seinen Brandy austrank und sich vom Sessel erhob. „Sollen wir hier speisen? Wir könnten weiter über unsere Pläne reden. Ich muss meine Familie diese Woche zu Almack’s begleiten.“

„Wie ich höre, ist es noch immer das beste Etablissement, um einen geeigneten Ehepartner zu finden.“

„Deshalb bestehen die weiblichen Mitglieder meiner Familie auch darauf, dass ich sie dorthin begleite. Wenn Sie mitkommen, kann ich mich zumindest auf ein paar geistreiche Unterhaltungen oder ein Kartenspiel zur Ablenkung freuen.“

Robert erhob sich ebenfalls und nahm seinen Gehstock. „Solange Sie nicht von mir erwarten zu tanzen, Broughton, stehe ich Ihnen zu Diensten.“