Leseprobe Der letzte Sturm

1

Die Sonne erwachte tief hinter den Bergen. Erst langsam erklomm sie auf ihrer Bahn den leuchtend blauen Himmel. Nur vereinzelte Strahlen schossen wie Blitze über die Bergspitze und verliehen dem schneeverwehten Gipfel des Nonnentöters einen Lichtkranz, der an eine Aureole auf Heiligenbildern erinnerte. Es war ein gewaltiges Naturschauspiel, das die raue Gebirgswelt der Alpen in eine idyllische Morgenstimmung versetzte und einen weiteren sonnenverwöhnten Tag im Skiparadies ankündigte.

Noch schlummerte das Tal. Die eisigen Schatten, die sich mit grimmigen Krallen an die Häuser klammerten, würde der Glutball erst in Stunden vollends vertrieben haben. Doch schon bald würden die Menschen im Tal erwachen, sich die Terrassen der Restaurants mit Feriengästen füllen und die Skilifte beginnen, in unermüdlichen Runden zu kreisen, um die frisch planierten Pisten mit Wintersportlern zu bevölkern – ein Urlaubsidyll wie aus dem Bilderbuch. Für gewöhnlich blieben hier die Frühstücksbüfetts der Hotels und Pensionen die einzigen Schlachtfelder.

Nicht an diesem Morgen.

Rot-weißes Absperrband flatterte surrend in der scharfen Morgenbrise. Zahlreiche Streifenwagen riegelten die Zufahrten zur Talstation der Nonnentöter-Seilbahn weiträumig ab. Heute waren alle Regeln des Guten außer Kraft gesetzt worden. Denn auf dem Gipfel wütete das Grauen selbst.

 

Gebannt schaute Rosa Bach durch das Fenster im Führerstand der Seilbahn auf die Gipfelstation hoch über ihr am Berg. Von unten war rein gar nichts zu erkennen. Selbst der Blick durch ein Fernglas zeigte ihr lediglich die in der Morgensonne glitzernden Panoramafenster der Station. Was sich dahinter abspielte, konnte die BKA-Ermittlerin nur mutmaßen.

All ihre Gedanken galten Elena, die dort oben in Lebensgefahr schwebte. Die Rückmeldung ihrer Kollegin war längst überfällig. Waren die Verhandlungen gescheitert? Rosa hätte keine Sekunde gezögert, sich Schneeschuhe anzubinden und die 1 800 Meter Höhenunterschied durch Schnee und Eis auf sich zu nehmen, wenn es etwas genutzt hätte. Im Moment blieb ihr jedoch nur zermürbendes Warten. Wenn es etwas gab, dass sie an ihrem Job hasste, dann dieses Warten. Die Ruhe vor dem Sturm.

Erst vor wenigen Minuten war Rosas Kollegin Elena Geuting als Verhandlungsführerin in einer Seilbahnkabine hinauf zur Gipfelstation gefahren. Elena war die ausgebildete Spezialistin für Verhandlungen bei Geiselnahmen in Rosas Team. Sie sollte mit dem Entführer, der eine junge Frau gefangen hielt, die Bedingungen seiner möglichen Aufgabe verhandeln. Ihre Kollegin befand sich allein dort oben. So wie es der Mann verlangt hatte. Im Gegensatz zu anderen Geiselnahmen war der Kidnapper im vorliegenden Fall eindeutig im Vorteil. Und das vor allem deswegen, weil es schier unmöglich war, ein Spezialeinsatzkommando unbemerkt in Position zu bringen. Die Station glich einer uneinnehmbaren Festung. Ein Albtraum! Rosa scheute sich einerseits, eine Kollegin der Gefahr und diesem Überwachungsdesaster auszusetzen, andererseits mussten sie alles riskieren, um das Leben der Geisel zu retten. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.

Über die Hintergründe der Tat konnten die Ermittler wenig Genaues sagen. Die einzig gesicherte Information, die sie in Erfahrung hatte bringen können, war, dass ein unbekannter, vermutlich männlicher Täter die Tochter eines ortsansässigen Inhabers eines Fünf-Sterne-Hotels bei ihrem Dienstantritt am gestrigen Abend im Familienbetrieb überwältigt und anschließend auf die Gipfelstation entführt hatte. Zur großen Verwunderung der Ermittler war die Entführung während des regulären Bahnbetriebs erfolgt. Es hatten sich aber keine Zeugen gefunden, denen im fröhlichen Trubel etwas Ungewöhnliches aufgefallen war. Niemand konnte daher eine Beschreibung des Kidnappers liefern. Auch die Auswertung der Überwachungskameras ergab keine eindeutige Identifizierungsmöglichkeit. Der Täter hatte keinerlei Forderungen gestellt, was mehr als untypisch für eine Geiselnahme war. Ein Rätsel.

Anfänglich hatte die einheimische Polizei den Ex-Freund der jungen Frau in Verdacht gehabt, da es bei der erst kürzlich erfolgten Trennung zu dramatischen Eifersuchtsszenen gekommen war. Das erwies sich jedoch als Fehlschluss. Als ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung des Verlassenen stürmte, lag der friedlich im Bett – in den Armen einer anderen Frau, die er in der Nacht zuvor in einer Diskothek kennengelernt hatte und die ihm dabei half, seinen Liebeskummer zu überwinden.

Rosa setzte das Fernglas ab, hielt die Augen aber weiter unbeirrt auf das schneebedeckte Bergmassiv gerichtet. Am Kontrollpult neben ihr saß ein übernächtigt aussehender Angestellter der Betreibergesellschaft und wartete auf ein Zeichen von ihr, den Gondelbetrieb wiederaufzunehmen, um Rosas Kollegin Elena – hoffentlich mit freigelassener Hotelierstochter – ins Tal zu befördern. Die räumliche Enge der Warte schien die bedrückte Stimmung zu begünstigen. Zu den Anwesenden zählten nicht nur ihr fünfköpfiges Ermittlerteam vom Bundeskriminalamt, sondern auch zahlreiche Beamte der örtlichen Polizei. Der Raum war überhitzt. Die schwere Heizungsluft lastete wie Blei auf Rosas Schultern.

Ihre Augen streiften einen Werbeaufkleber der Seilbahngesellschaft, der zwischen die Knöpfe und Schalter des Kontrollpults geklebt worden war: Ein als Nonne verkleidetes Eichhörnchen bestieg mit gerecktem Daumen und breitem Grinsen eine Gondel der Nonnentöter-Seilbahn. Die drollige Aufmachung ließ Erinnerungen beschaulicher Familienausflüge aufkeimen. Doch angesichts der ungewissen Gefahr schmeckten diese Bilder bitter, die ihre Miene verfinsterten.

„Wissen Sie, woher der Berg seinen Namen hat?“, fragte der Bahnangestellte, der Rosas besorgten Gesichtsausdruck bemerkt hatte.

„Vielleicht sind einige Nonnen am Berg abgestürzt?“, ging Rosa auf das Gesprächsangebot ein.

Der Mann winkte mit übertriebener Geste ab und lächelte. „Das glauben alle, bis sie am Gipfelkreuz den Namen des Erstbesteigers gelesen haben: Alois Nonnentöter. Ein ganz schräger Vogel. Benennt den Berg einfach nach sich selbst!“

Er schüttelte den Kopf, als könnte er das Gesagte selbst kaum glauben. Als er Rosas fragenden Blick auffing, erklärte er weiter: „Berge benennt man in der Regel nicht nach Personen. Berge sind eigenständige Charaktere, verstehen Sie? Stellen Sie sich mal vor, der Mount Everest hieße nicht länger Mount Everest, sondern Hillary-Norgay.“

Rosa rang sich ein Lächeln ab.

„Sehen Sie! Und überhaupt, Nonnentöter, wie kommt man wohl zu solch einem Namen?“ Der Mann schaute sie mit dem Augenaufschlag eines Witzeerzählers erwartungsvoll an.

Aber Rosas Gedanken waren zu weit weg, der Ernst des brisanten Einsatzes lastete viel zu schwer auf ihr, als dass sie ihre Mundwinkel erneut zu einem höflichen Lächeln hätte verziehen können.

„Nonnentöter“, wiederholte sie stattdessen, und es klang, als hätte eine dunkle Vorahnung ihre Seele ergriffen.

Plötzlich ging ein starker Ruck durch die Seilaufhängung. Rosa fuhr herum. Die weißen Gondeln schlugen rückwärts aus und pendelten sich dann langsam wieder ein. Die Bahn fuhr an. In der Gipfelstation musste jemand den Betrieb aufgenommen haben.

„Wie ist das möglich?“, fragte Rosa mit Nachdruck.

Der Seilbahnangestellte, völlig perplex, zuckte nur mit den Schultern und sah ratlos auf die Anzeigen auf der Konsole vor ihm. Auch er schien keine Erklärung dafür zu haben, wie jemand in der Gipfelstation die Bahn starten konnte, wenn unten der Hauptschalter ausgeschaltet war. Ein unvorhersehbares Element durchkreuzte den Einsatz.

„Das geht eigentlich nur, wenn jemand am Stromkreis herumgebastelt hat“, sagte der Angestellte, „aber fragen Sie mich nicht, wie!“

Das bedeutete, der Täter kannte sich so gut mit der Elektronik aus, um die Bahn zu seinen Gunsten manipulieren zu können. Doch woher bezog er sein Wissen? Vielleicht war es dasselbe Wissen, dass es ihm ermöglicht hatte, seine Identifizierung auf der Videoüberwachung zu erschweren. Wer war der Unbekannte? Und was plante er?

Rosa brach die Funkstille. Ohne Erfolg. Das einzige Geräusch, das aus dem kleinen Lautsprecher zu vernehmen war, war ein statisches Rauschen. Obwohl die Sorge ihr tiefe Furchen in die Stirn schrieb, bewahrte sie einen kühlen Kopf. In den Gesichtern ihrer Mitarbeiter zeigte sich Anspannung, jedoch auch Entschlossenheit. Die Beurteilung der Lage oblag allein ihrer Verantwortung. Ihr Team erwartete die Befehle ihrer Einsatzleitung, die Rosa prompt erteilte.

Zwei Beamten befahl sie, sofort per Seilbahn hinaufzufahren. Die angesprochenen Kollegen verließen noch im selben Moment den Führerstand und bestiegen in der Einstiegszone eine der gemächlich fahrenden Kabinen. Außerdem sollte sich das Zugriffsteam im kreisenden Helikopter bereithalten. Es sollte allerdings kein Zugriff erfolgen, bis die ersten abwärtsfahrenden Kabinen in der Talstation eingetroffen waren. Und das hieß, zwölf quälend lange Minuten untätig abzuwarten. Rosa verließ den Führerstand und trat ins Freie, um die Ankunft der Gondeln zu verfolgen.

Draußen, unter dem großen Schwungrad der Bahn, wehte ein kalter Wind. Rosa rieb sich die Hände, was kaum half – innerhalb weniger Augenblicke hatte sie das Gefühl, ihre Gliedmaßen würden erfrieren. Die Dienstwaffe mit behandschuhten Fingern zu ergreifen, kam für sie unter keinen Umständen infrage. Mit halb erfrorenen Fingern würde sie immer noch besser zielen können als mit Handschuhen. Sie umrundete den Einstiegsbereich bis zur Ankunftszone auf der gegenüberliegenden Seite des Kontrollraums. Hinter ihr schepperten die schweren Schritte ihrer Kollegen auf dem metallischen Gitterfußboden. Unmittelbar am Anfang der Ausstiegszone, fast schon im Freien, postierte sie sich. Hier heulte ein scharfer Wind. Eisige Kälte fiel sie wie ein Rudel bissiger Wölfe an. Am äußersten Rand der Station hatte sich am Boden über die Wintermonate Eis und Schnee angesammelt. Gondel um Gondel ruckelte nun an ihr vorbei und fuhr in die Talstation ein.

Nach einigen Minuten erschien auf einmal der Bahnangestellte in der Tür des Führerstands, rief ihr etwas Unverständliches zu und fuchtelte wild mit den Armen in Richtung Berg. Sofort erfasste ihr konzentrierter Blick wie ein Scanner den sichtbar höchsten Punkt, dort wo die Seilbahnkabinen über einen Bergkamm kamen, bis sie etwas entdeckte. Es war kaum mehr als ein Schatten, eine Silhouette in einer der Gondeln. Jemand fuhr abwärts!

Mit entschlossener Miene drehte sie sich zu einem Kollegen um. Der Ermittler rief die Verhandlungsführerin erneut über Funk. Ergebnislos. Ein Beamter der hiesigen Polizei schnaufte gewaltig. Die Schirmmütze war ihm weit über den Haaransatz gerutscht und gab eine schweißnasse Stirn frei. Bei ihrer Ankunft im Tal hatte der Mann noch zünftige Scherze gerissen, jetzt zuckten seine Augen ängstlich hin und her. Rosa schenkte ihm ein aufmunterndes Nicken. Und tatsächlich riss er sich zusammen und gab dem Einsatz seine volle Aufmerksamkeit.

Als sich die Gondel bis auf hundert Meter der Talstation genähert hatte, meinte Rosa, die Umrisse ihrer Kollegin Elena erkennen zu können. Wo aber war die Geisel? Wo der Geiselnehmer? Versteckte er sich hinter der Kabinenverkleidung? Rosa entsicherte ihre Dienstwaffe. Endlich rollte die Kabine über den letzten Zwischenträger. Der kleine weiße Kokon schaukelte hin und her. Etwas an den ruckartigen Bewegungen der Person in der Gondel gefiel Rosa nicht, doch sie konnte nicht sagen, was. Dann waren es nur noch wenige Meter bis zur Ankunft.

An der unteren Kante der Kabinentür nahm Rosa eine dunkle Verfärbung wahr. Was war das? Ein Rostfleck vielleicht. Die Gondel wurde abgebremst und fuhr in die Talstation ein. Jetzt war es gewiss. Rosa erkannte Elena. Durch das automatische Bremsmanöver wurde die Kabine durchgeschüttelt. Auch Elena ruckelte hin und her. Aber die Bewegungen passten ganz und gar nicht zu der sportlichen Art ihrer Kollegin, waren eigenartig, viel zu phlegmatisch. Das Bild, das sich Rosa durch die Fenster der Gondel auf den oberen Teil von Elena bot, war ein grauenvolles, entwürdigendes Denkmal der lebenslustigen Frau, die ihre Kollegin einst gewesen war. Mit überkreuzten Händen war Elena Geuting an der Kabinendecke aufgehängt worden. Schlaff hing der Körper herab. Das Kinn ruhte auf ihrer Brust. Elena baumelte mitten in der Seilbahnkabine wie ein zum Ausbluten erlegtes Wild.

Das Bild fraß sich in Rosas Seele. Als die weiße Gondel an ihr vorüberglitt, löste sich von der dunklen Verfärbung unten an der Kabinentür ein einzelner Tropfen und fiel vor ihr in den Schnee. Blut.

Rosas Herz gefror.

2

Drei Jahre später

Erster Tag

MS Leviathan verlässt den Hamburger Hafen Richtung Nordsee

„Eine Kreuzfahrt? Geschenkt vom Chef? Dein Glück möchte ich mal haben!“

Rosa saß auf der Rückbank eines Taxis auf dem Weg vom Hauptbahnhof zum Anleger der Reederei Kristen Nordwest-Passagen im Hamburger Hafen. Dort wurde sie an Bord eines umgebauten Frachtschiffs erwartet, auf dem sie eine Atlantiküberquerung miterleben sollte.

Ein sintflutartiger Dauerregen setzte die Hansestadt unter Wasser. Durch die dicht an dicht fallenden Tropfen waren die Fassaden der Häuser kaum zu erkennen. Rosa überbrückte die Fahrtzeit mit einem Telefonat mit ihrer besten Freundin Katrin. Eigentlich waren sie für den heutigen Abend verabredet gewesen.

„Es ist keine Kreuzfahrt“, verteidigte sich Rosa, „und es ist nicht geschenkt, vielmehr …“ Ihr wollte auf die Schnelle keine passende Erklärung einfallen.

„Wer’s glaubt, wird selig“, kommentierte Katrin. Sie schickte ihrer ungewöhnlich hart klingenden Stimme ein trockenes Lachen hinterher.

Für ein paar Schrecksekunden fühlte sich Rosa verhöhnt, dann hörte sie auf ihren Verstand, der ihr sagte, dass Neid oder Missgunst noch nie ein Problem zwischen ihnen gewesen waren.

„Es ist ein Seminar. Ich muss mich sogar an den Kosten beteiligen“, beteuerte Rosa.

Katrin lachte auf. Diesmal klang es tatsächlich amüsiert. Eilig hielt Rosa das Handy vom Ohr weg.

„Alle Kreter lügen, sagte der Kreter“, orakelte Katrin, die sonst die Angewohnheit hatte, Gespräche mit fernöstlichen Weisheiten zu würzen. Woher sie diesen Spruch bezogen hatte, wusste Rosa nicht, doch stets waren Katrins eigenwillig eingestreute Zitate angereichert mit unbestechlicher Ironie. Rosa schätzte das besonders, denn damit gelang es ihrer Freundin, sie abzulenken. Auch jetzt vergaß Rosa für ein paar Sekunden die vergangenen drei Jahre und stimmte in das Lachen ein. Über den Rückspiegel musterte sie der Fahrer kritisch.

Auf Katrins Nachfrage hin berichtete Rosa, dass sie erst gestern von ihrem Chef, Kriminaldirektor Hans-Walther Steiner, in einem persönlichen Gespräch darüber informiert worden war, die bereits vor Monaten erfolgte Anmeldung seitens der Dienststelle zum neuntägigen Antistressseminar an Bord eines Frachtschiffs wäre kein Vorschlag gewesen. Rosa hatte seit Wochen sämtliche Formulare, die für die Reise auszufüllen gewesen wären, hartnäckig ignoriert. Zwar hatte sie die Anmeldung zur Kenntnis genommen, aber lediglich – als wäre es ein Aprilscherz – kurz die Brauen hochgezogen und das Schreiben zusammengeknüllt in den nächsten Mülleimer geworfen.

Sie wollte an keinem Antistressseminar teilnehmen, und schon gar nicht auf einem Schiff! Allein die Vorstellung, mit wildfremden Personen für einige Tage an einen Ort gefesselt zu sein, war für sie inakzeptabel. Was wäre, wenn die Leute sie nicht mochten? Oder sie die Leute nicht ausstehen konnte? Außerdem, in einer Gruppe, vor fremden Menschen, ihre emotionalen Probleme zu offenbaren – ein absoluter Graus. Das ging niemanden etwas an, so argumentierte sie gegenüber ihrer Freundin. Früher hätte ihr das nichts ausgemacht. Früher war sie ein geschätzter Teamplayer gewesen, heute eine einsame Wölfin. Seit drei Jahren zog sie sich mehr und mehr von den Menschen zurück.

Diese Entwicklung war auch Kriminaldirektor Steiner nicht entgangen. Immerhin war er seit ihrem Dienstantritt beim Bundeskriminalamt vor beinahe zehn Jahren so etwas wie ihr väterlicher Mentor geworden. Daher hatte der Direktor ihr dringend nahegelegt, an dem Seminar teilzunehmen, nicht nur, weil sie bereits angemeldet war, sondern weil sie es unbedingt brauchte. Die Sache war über ihren Kopf hinweg entschieden worden. Schließlich hatte Steiner das einzige Argument vorgebracht, dass sie dann doch, wenn auch verspätet, überzeugte. Er hatte ihr die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder sie würde etwas unternehmen, oder es müsste ihr über kurz oder lang, wohl eher über kurz, ein ganz anderes Aufgabenfeld übertragen werden. Mit diesem „etwas unternehmen“ spielte Steiner auf Rosas psychische Gesamtsituation an. Die Ereignisse in den Alpen vor drei Jahren und der desaströse Verlauf des Einsatzes hatte sie nie überwunden. Seitdem war sie nicht mehr im aktiven Dienst und „vergeudete“ – wie Steiner das nannte – ihr Ermittlertalent hinter einem Schreibtisch mit Recherchearbeiten. Mehrfach war sie begutachtet, untersucht und behandelt worden. Keine Therapie hatte bisher den Durchbruch erzielt.

Rosa hatte sofort begriffen, was Steiners eigentliche Botschaft war, dennoch war es ihr gelungen, den gestrigen Tag über zu verleugnen, dass ihr Chef ihr indirekt mit der endgültigen Versetzung in den Innendienst oder im schlimmsten Fall mit der Suspendierung gedroht hatte. Und was das bedeutete, war offensichtlich, nämlich das Ende ihrer Laufbahn als Ermittlerin. Endlich, am Abend, waren die vollen Konsequenzen zu ihr durchgedrungen: Sie musste auf jeden Fall mitfahren und irgendwie versuchen, ihre Karriere zu retten. Was auch immer davon übrig geblieben war.

Hektisch hatte sie versucht, im Internet einen Flug von Berlin nach Hamburg zu buchen. Ohne Erfolg. Schließlich hatte sie online ein Zugticket ohne Sitzplatzreservierung gelöst, während sie für die bevorstehende neuntägige Schiffsreise packte. Wieder unschlüssig geworden, hatte sie zwischen Schrank und Reisetasche hin und her geblickt. Sie hatte zuvor nie länger als zwei, drei Stunden auf einem Schiff verbracht und wusste nicht, was man dort am besten trug. Schließlich hatte sie sich an ihre unzähligen Dienstreisen fürs BKA erinnert und von allem etwas in die Tasche geworfen.

„Es wird dir helfen“, meinte Katrin.

Ihre Freundin klang ernst und aufrichtig besorgt. Katrin war die einzige verbliebene Person, der sich Rosa gelegentlich anvertraute, und kannte daher ihre Geschichte. Doch Rosa wollte nicht bemitleidet werden. Auch nicht von ihrer besten Freundin. Rosa schüttelte den Kopf, als wollte sie „Ich hab keine Ahnung“ sagen, bis ihr einfiel, dass Katrin die Geste nicht sehen konnte. Als sie gerade etwas erwidern wollte, wurde das Taxi von einem heftigen Stoß erschüttert. Das Fahrzeug war über eine Bodenwelle gebrettert.

Erschrocken sah Rosa nach draußen. Das Taxi hielt vor einer überdachten Schranke. Der Fahrer ließ das Fenster hinunter. Ein Zollbeamter beugte sich herab.

„Immigration Office“, sagte der Mann, „Pass und den Passagebrief bitte.“

Er kontrollierte den Personalausweis des Fahrers und anschließend Rosas Papiere, erst danach durfte das Taxi die Einfahrt zum Hafen passieren. Sie fuhren entlang einer breiten Straße, die von bunten, haushohen Containertürmen gesäumt war. Baggerähnliche Fahrzeuge, die einzelne Container von einem Stapel auf einen anderen luden, bewegten sich mit hoher Geschwindigkeit geschäftig hin und her. Wie Ameisen, die einen riesigen Brotkrumen zwischen ihren Beißern beförderten. Das Taxi hielt an einem Kai.

„Hör mal, ich bin da, ich muss Schluss machen.“

Sie schwiegen einen Moment.

„Hast du wenigstens deine sexy Unterwäsche eingepackt?“, fragte Katrin sichtlich bemüht, einen heiteren Abschluss für ihr Gespräch zu finden.

„Meine was?“, fragte Rosa zurück.

„Dessous! Rosa, du bist unglaublich!“

„Ich gehe auf ein Seminar. Nicht zu einem Blind Date.“

Katrin kicherte. Sie hatte ihre gute Laune zurückgewonnen. „Und heißt das, man darf keinen Sex haben? Aber wie ich dich kenne, hast du tatsächlich statt sündiger Spitze die multifunktionale Thermounterwäsche eingepackt.“

Katrin hatte voll ins Schwarze getroffen. Rosa wusste nicht, was sie erwidern sollte.

„Verlass dich bei deinen Verführungskünsten nicht zu sehr auf deinen bewundernswert messerscharfen Kriminalistinnenverstand“, fuhr Katrin fort. „Männer funktionieren oft sehr viel simpler.“

Unweigerlich musste Rosa grinsen. Dabei glitt ihr Blick durch die Fensterscheibe nach draußen. Im Glas spiegelte sich schemenhaft ihr Gesicht. Rosa konnte die zarten Fältchen um ihre Augen zählen und meinte, Erschöpfung und Traurigkeit darin zu lesen.

Nachdenklich schaute sie in den Regen hinaus. „Ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt, an dieser Reise teilnehmen zu müssen, Katrin.“

„Was hast du gesagt?“

Rosa schwieg, ließ die Situation in Steiners Büro wieder vor ihrem geistigen Auge ablaufen.

„Ich hab ihm gesagt, ich wüsste nicht, ob ich der ‚Seetyp‘ wäre. War wohl nicht mein brillantester Augenblick.“

„Was hat er geantwortet?“

„Er hat mich durch seine quadratische Brille angestarrt, die er irgendwann in den Siebzigern angeschafft haben muss. Mit dieser ausdruckslosen Miene, die er aufsetzt, wenn ihm etwas ganz und gar nicht behagt. Er hat sich leicht vorgebeugt und zu mir gesagt, als wäre ich ein Kleinkind: ‚Rosa, dann finden Sie es eben heraus!‘“

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, verstaute Rosa das Mobiltelefon in ihrer Jackentasche. Hatte man auf einem Schiff überhaupt Empfang? Ihr wurde unwohl. Sie hätte sich besser vorbereiten sollen. Erneut schaute sie aus dem Fenster. Der Regen trommelte ohne Unterlass auf den Asphalt. Zu beiden Seiten türmten sich bunte Container auf.

Aus einem unerklärlichen Grund war ihr ins „große Lebensspiel“ gepfuscht worden. Und zwar ganz gewaltig. Mitten im vollen Lauf, auf der Überholspur. Gerade zweiunddreißig Jahre alt war sie gewesen und nur noch einen Dienstgrad unter ihrem Chef Steiner, leitende BKA-Ermittlerin, ihr Traumjob. Und auch privat alles perfekt. In Maik, einem Fotografie begeisterten Lehrer, hatte sie einen liebenswerten Partner gefunden. Da wurden ein oder zwei Karten aus dem Spiel genommen und brachten damit den gesamten ausgeklügelten Lebensplan durcheinander. Nun war sie nur noch eine abgehalfterte Mittdreißigerin. Kaum mehr als ein Wrack. Ihr fehlte die Kraft weiterzumachen. Sie konnte nicht vergessen, was passiert war.

Mit überwältigender Intensität waren Angst und Panik wieder da. All das, was Rosa seit drei Jahren den Atem raubte, den Verstand vernebelte und ihre Gefühle durchquirlte, bis lediglich ein formloser Brei übrig blieb. All die Versagensängste, die in ihrem Kopf nisteten und ihre Gefühle vergifteten: der Mord an einer Kollegin, Schuldgefühle und Trennung vom langjährigen Lebenspartner. Nur ein einziges dieser Ereignisse hätte genügt, um sie aus der Bahn zu werfen. Was hatte sie nicht alles vernachlässigt? Ihren Job, ihre Beziehung – einfach alles! Mittlerweile war ihr Leben ein gigantisches Katastrophengebiet. Eigentlich konnte man nur schreiend weglaufen, denn um neu anzufangen, dazu fehlte ihr die Kraft. Sie saß stattdessen auf den Trümmern ihrer Existenz, immer öfter auch mit einer Flasche Wein, und besang in Dauerschleife den eigenen Untergang. Vielleicht war dieses Seminar tatsächlich ihre letzte Chance.

Rosa machte Anstalten, das Taxi zu verlassen. Es regnete weiterhin ohne Unterlass. Bereits nach wenigen Schritten würde sie völlig durchnässt sein. Außerdem, wohin sollte sie aussteigen – links oder rechts? Welcher Containerberg war ihr Schiff?

„Backbord“, erklärte der Fahrer. „Die Leviathan liegt backbord.“

Rosa nickte bestätigend, blieb aber sitzen.

„Links“, ergänzte er nun in einem Tonfall, als hätte Rosa ihn zu einer unanständigen Aussage genötigt.

Jetzt erkannte sie die hohe Stahlwand, die auf der linken Seite die Container umgab. Das musste die Bordwand des Frachtschiffs sein. In ihrem Rücken entdeckte sie eine Öffnung im Schiffsrumpf, die über eine schmale Gangway mit dem Kai verbunden war.

„Könnten wir näher heranfahren?“, bat Rosa den Fahrer.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, junge Frau, das ist Carriergebiet. So ist die Vorschrift.“

Rosa zog die Brauen zusammen.

„Da dürfen nur die Containerkräne, die Carrier, fahren“, erklärte er.

Rosa betrachtete das Schiff.

„Die Leviathan ist noch ein guter alter Frachter. Das Schiff transportiert nicht nur Container, sondern auch einzelne Frachtstücke. Ist nicht so seelenlos wie diese neumodischen Supercontainer“, sinnierte der Mann hinterm Steuer.

Während der Fahrer begann, über seine Zeit als „Blitz“, sprich Elektriker, zur See zu berichten, beobachtete Rosa ein anderes Taxi, das unmittelbar vor der Gangway hielt. Offenbar hielten sich andere Taxifahrer nicht an die Vorschriften. Eine Frau sprang aus dem Fahrzeug. Augenblicklich öffnete sich ein Handtaschenschirm, und die Frau trippelte mit hochhackigen Schuhen zum Kofferraum. Während sie mit einer Hand einen viel zu schweren und viel zu großen Koffer herauswuchtete, zerrte der Wind am Regenschirm, als wäre er beleidigt, dass man sich vor seiner Wildheit mit solch einem Schirmchen schützen wollte. Die Frau beeilte sich, das schwere Gepäckstück hinter sich herschleppend, über den Aufgang ins Schiff zu gelangen. Mitten darauf schien sie plötzlich die Kontrolle über ihren Koffer zu verlieren. Hilflos zerrte sie in die eine, dann in die andere Richtung. Das Schauspiel wurde zur Posse.

Endlich – bevor der Koffer von der Gangway ins Wasser fiel – kam ein Besatzungsmitglied aus dem Schiff gelaufen und nahm sich des Gepäckstücks an, während die Frau alle Energie darauf verwandte, auf den letzten Schritten an Würde und Eleganz zurückzugewinnen.

Mittlerweile war ein weiteres Fahrzeug eingetroffen, eine schwarze Limousine mit getönten Fensterscheiben. Aus dem Fond stieg ein Mann im grauen Mantel. Oder zumindest meinte Rosa, der Mantel wäre grau. Durch den dichten Regenschleier wirkte ihre Umwelt, als wäre sie mit einem Weichzeichner bearbeitet worden. Der Mann hielt eine Hand an ein Ohr gepresst, den Blick starr auf den Boden gerichtet, und folgte zielstrebig der Frau mit den Stöckelschuhen über die Gangway ins Schiff. Er schrie förmlich in sein Telefon. Rosa konnte ihn dennoch nicht genau verstehen. Einmal meinte sie, das Wort „Budenzauber“ zu vernehmen. Das klang allerdings so altertümlich und passte daher nicht zu der modernen Erscheinung. Ihm hinterher trabte der Fahrer, der einen Regenschirm schützend über den Mann hielt. Als dem Telefonierenden etwas aus der Manteltasche fiel, wies er seinen Fahrer mit herablassender Geste an, es aufzuheben. Kaum hatte der Chauffeur seinen Dienstherrn zum Schiff geleitet, hechtete er im Laufschritt zurück zum Kofferraum, der sich wie von Geisterhand geöffnet hatte, und schleppte ihm einige Gepäckstücke hinterher.

Rosas Fahrer verlor sich in seinen Erinnerungen. Nach und nach fuhren Taxis vor, stiegen Leute aus und verschwanden im Schiff. Nachdem ein Teilnehmer in Outdoorkleidung einen privaten PKW verlassen hatte, unterbrach der Taxifahrer seine Fachsimpelei über die moderne Seefahrt, der Rosa trotz ihrer Beobachtung aufmerksam lauschte, und kommentierte die Kleiderwahl des Mannes als äußert zufriedenstellend.

Bis auf eine Frau, die mehrere kleine Transportboxen so vorsichtig getragen hatte, als wären lebenswichtige Organe darin, und einen Mann, der auffällig langsam über die Gangway gegangen war und sich scheinbar mutwillig vom Regen durchweichen ließ, war ihr nichts Besonderes an den Passagieren aufgefallen. Sie hatte sieben Frauen und Männer gezählt.

Es wurde Zeit für Rosa. Sie zögerte. Sollte sie wirklich an Bord gehen? Gerade wollte sie dem Teufelchen auf ihrer Schulter, das hartnäckig behauptete, neun Tage auf einem Schiff eingesperrt mit fremden Leuten seien neun Tage zu viel, zustimmen und dem Fahrer sagen, er solle sie wieder zum Bahnhof fahren, da beendete der Mann seinen Monolog.

„Junge Frau, jetzt aber los. Die Leviathan legt bald ab.“

Rosa blickte den Taxifahrer mit zusammengekniffenen Augen an.

„Ihre erste Schiffsreise?“

Sie nickte.

„Und dann gleich eine Atlantiküberquerung“, platzte es aus ihm heraus. Kaum nahm er Rosas Verunsicherung wahr, bemühte er sich, seinen Ausbruch zu relativieren. „Och, das macht nichts. Die frische Seeluft. Die hat noch keinem geschadet.“

Rosa verzog gequält die Lippen, was kaum als Lächeln durchgehen konnte, zahlte und verließ das Taxi. Sie schulterte den Gurt ihrer Reisetasche. Schwer schlug die Tasche gegen ihren Rücken, als wollte sie ihr die Richtung weisen.

Schon gut, ich gehe ja, dachte Rosa und setzte schwerfällig einen Fuß vor den anderen. Die Augen hielt sie starr auf den dunklen Eingang gerichtet. Was sie dort wohl erwarten würde? Bereits nach wenigen Metern lief ihr das kalte Regenwasser den Nacken hinunter und in den Kragen ihrer Bluse. Dicke Tropfen platschten ihr auf die Stirn oder verfingen sich in ihren Wimpern.

Sobald sie die Gangway betrat, kippelte das Geflecht aus Holz und Seilen nach links und rechts. Mit jedem Schritt, den Rosa auf dem langen Aufgang machte, wippte das Holz stärker auf und ab. Sie wagte einen Blick nach oben. Über ihr ragten die weiß getünchten Aufbauten mit den Quartierdecks auf, die aussahen wie ein mit Luftlöchern versehener Schuhkarton, in dem Rosa als Kind Maikäfer gefangen gehalten hatte.

Ist das ein Vorgeschmack auf den zu erwartenden Seegang, fragte sie sich und glaubte, den Taxifahrer lachen zuhören: Erste Seereise, haha!

Du meine Güte, sie musste komplett wahnsinnig sein!

Mit beiden Händen griff sie nach den Seilen des Geländers. Das raue Tau schnitt in die weiche Haut ihrer Handflächen. Rosa klammerte sich weiter daran fest. Als sie das Gewicht einmal mehr nach rechts verlagerte, schaute sie steil hinab in den Abgrund zwischen Kaimauer und Bordwand. Bis zur sich kräuselnden Wasseroberfläche waren es mindestens zehn bis zwölf Meter. Nichts außer schwarzer Brühe war dort unten. Es roch eigentümlich nach Diesel und vermoderten Algen. Der Wind heulte, trieb ihr den Regen ins Gesicht, doch Rosa starrte wie gebannt in den gähnenden Schlund. Mit Gewalt riss sie sich los. Sie taumelte die letzten Schritte über die Gangway und wurde vom schwarzen Bauch der Leviathan verschluckt.

3

Rosa setzte einen Fuß auf die oberste Treppenstufe, während ein Schild ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Deck A las sie. Aus ihren nassen Haaren löste sich ein Regentropfen und lief ihr wie eine Träne übers Gesicht.

Anders als auf den unteren Decks verhinderte hier eine Schwingtür aus Milchglas die Sicht auf den Gang. Nach Auskunft eines Besatzungsmitglieds, vom dem sie an der Gangway in Empfang genommen worden war, sollte sie sich auf diesem Deck in der Offiziersmesse melden. Unmittelbar nach ihrem Betreten hatte der Matrose ein Zeichen zum Einholen der Gangway gegeben und das schwere Schott hinter ihr verriegelt. Dabei hatte sich ein Druck in ihren Ohren aufgebaut, den sie durch Kaubewegungen auszugleichen versuchte. Durch das Schließen des Schotts war sämtliches Tageslicht ausgesperrt worden. In triefend nasser Kleidung hatte sie unter der nüchternen Deckenbeleuchtung gestanden und sich verloren gefühlt.

Sie war sechs schmale Halbtreppen spiralförmig hinaufgestiegen. Nach jeweils einer Halbtreppe hatte sie ein Podest überquert und nach einer weiteren Treppe einen Gang passiert. Rosa hatte einen kurzen Blick in die Flure geworfen. Nichtssagende Gänge mit einer Vielzahl zumeist geschlossener Türen. Folgte sie ihrer Zählung, war sie nun auf der dritten Etage angelangt. Auf dem Schild vor ihr stand jedoch Deck A. Wie passte das zusammen? Zumal ihr aufgefallen war, dass die unteren Decks keinerlei Bezeichnungen getragen hatten. Oder hatte sie die Schilder übersehen? Wenn das Deck A war, welches Deck war dann Deck B – das unter oder das über ihr? Gleichzeitig hatte sie im Schleusenraum eine abwärts führende Treppe wahrgenommen. Es ging also noch tiefer ins Schiff hinab. Damit stand fest, dass sie den Frachter nicht auf dem untersten Stockwerk betreten haben konnte. Doch sie musste sich berichtigen, als sie sich ins Bewusstsein rief, dass ein Haus in der Regel auch nicht über den Keller betreten wurde. Mehr noch, sie musste sich eingestehen, dass ihre Logik insgesamt hinkte. Sie selbst hatte bei ihrem Blick zwischen Kaimauer und Rumpf gesehen, wie hoch allein der Rumpf war. Und das war schließlich nur der Teil des Schiffs, der über Wasser lag.

Von außen war ihr das Schiff so übersichtlich und beinahe klein erschienen – vorne der spitze, hochgezogene Bug, an dem in Gold gestrichenen Großbuchstaben der Schiffsname zu lesen war. Daran schloss sich das Hauptdeck an mit seinen Kränen und Containern, die bis zur dreifachen Höhe gestapelt waren. Es folgten die Aufbauten, die das Kainiveau wie ein mehrstöckiges Wohnhaus überragten, mit Schornstein, Brücke und den Kabinendecks darunter, bis der Schiffsrumpf schließlich von einem runden Heck mit großem Ruderblatt abgeschlossen wurde. Eine eingehende Betrachtung hatten die Witterungsverhältnisse nicht zugelassen. Rosa hatte aber sofort erkennen können, wie sehr sich die Leviathan von modernen Frachtschiffen unterschied. Das Schiff sah eher aus wie einem alten Film oder einem Modellkatalog entnommen. Die Formen waren geschwungen und dynamisch. Nicht wie die klaren, rechtwinkligen Linien der modernen Containerschiffe.

Sie war erst seit Kurzem an Bord und durch die Vielzahl an nahezu identisch aussehenden Treppen und Gängen so irritiert, dass sie beinahe das Gefühl hatte, sich verlaufen zu haben. Rosa, der es gewöhnlich ganz und gar nicht schwerfiel sich zu orientieren, hatte bereits bei dem Monolog des Taxifahrers festgestellt, wie wenig sie über die Seefahrt wusste. Ein Eindruck, der sich jetzt bestätigte. Diese Schiffswelt war ihr beunruhigend fremd. Wo befand sie sich? Irgendwo in den Aufbauten, soviel stand fest. Rosa nahm sich vor, so bald als möglich einen Übersichtsplan des Frachtschiffs zu studieren.

Sie schob die Schwingtür beiseite, betrat den Gang von Deck A und staunte nicht schlecht. Die unteren beiden Decks mit ihren beigefarbenen Wänden und dem braun genoppten Gummifußboden waren schlicht und funktional, geradezu trist eingerichtet. Doch hier präsentierte sich das Schiff in einer gänzlich anderen Aufmachung. Der schmale Treppenabsatz öffnete sich zu einem ovalförmigen Foyer, das an der Längsseite durch eine Glastür mit zwei Flügeln von einem hell erleuchteten Saal getrennt war. Das Foyer war erstaunlich geräumig. Der Raum musste sich, wie das gesamte Treppenhaus, im fensterlosen Kern der Aufbauten befinden. Hier erinnerte sie nichts daran, dass sie sich auf einem Schiff und insbesondere auf einem Frachter befand.

Rosa dachte bei dem Wort „Frachtschiff“ unweigerlich an ölverschmierte Werkzeuge und Arbeitsoveralls. Hier wurde dieses Bild eindeutig widerlegt. Das Foyer sah eher aus wie das Vorzimmer einer Chefetage, eingetaucht in ein hochmodernes Sechziger-Retroambiente. Rosa erwartete jeden Moment, dass eine Sekretärin im schicken, aber dezenten Kostüm, mit randloser Brille und Stenoblock um die Ecke bog. Ober besser Kriminaldirektor Steiner, ihr Chef persönlich, dem sie diese Reise zu verdanken hatte. Mit seinen altmodischen Anzügen würde Steiner hier bestens hineinpassen. Wahrscheinlich hatte er sie nur deshalb auf der Leviathan angemeldet, weil dieses Schiff zu ihm passte! In Gedanken schickte Rosa dem alten Kriminalisten einen Gruß.

Linker Hand führte eine breite Wendeltreppe, und nicht wie bisher schmale Niedergänge, auf die höhergelegenen Decks. Der Taxifahrer hatte diesen Begriff verwendet. Für Rosa war es seltsam, dass Treppen auf Schiffen „Niedergänge“ genannt wurden, egal ob sie nach oben oder nach unten führten, was natürlich auf die Betrachtungsweise und die eigene Position ankam. Von der erhöhten Decke hingen große Messingleuchten und tauchten alles in bronzefarbenes Licht. Auf den Bodenfliesen zeichnete sich ein geometrisches Muster aus ineinanderlaufenden Dreiecken ab. Die Einrichtung war neu, der Raum erst kürzlich renoviert worden. Beinahe meinte Rosa, den Geruch frischer Farbe wahrzunehmen. Dennoch wirkte alles altehrwürdig. Die Flügeltür zum Saal war weit geöffnet. Sie hörte Stimmen. Links und rechts der Tür stapelten sich zahlreiche Gepäckstücke.

Hier musste die Offiziersmesse sein.

Durchnässt wie sie war, hätte sie lieber erst ihre Kabine bezogen, um sich trockene Kleidung anzulegen. Aber aus irgendwelchen Gründen, die ihr nicht plausibel erscheinen wollten, sollten sich alle sammeln. Widerwillig straffte sie sich, um sich nass wie ein Pudel in die Gesellschaft der anderen Teilnehmer zu begeben.

Entschlossen lenkte Rosa ihre Schritte in Richtung Tür. Sie stellte ihre Reisetasche ab und war im Begriff, die Messe zu betreten, um den offiziellen Teil möglichst rasch hinter sich zu bringen. Doch statt gedämpfter Gespräche empfingen sie angeregte Unterhaltungen und Gelächter – ein vielstimmiges Tutti einer fröhlichen Menschenmenge, in der sich scheinbar alle gut kannten. Nur sie kannte niemanden!

Eine innere Blockade baute sich auf. Irgendein namenloser Dämon in ihren Eingeweiden flüsterte ihr ein, sie sei nicht willkommen. Dieses Gefühl kannte sie nur zu gut. In den ersten Tagen nach den tragischen Vorfällen in Tirol waren ihr die Kollegen rücksichtsvoll aus dem Weg gegangen. Heute verstummten die Gespräche oder es wurde allzu auffällig das Thema gewechselt, wenn sie das Büro betrat. Sie wusste, dass über sie und ihren „Zustand“ geredet wurde. Man hatte Mitleid mit ihr und wollte sie gleichzeitig nicht belasten. Gott, wie sehr sie es hasste, allen eine Last zu sein!

Abrupt blieb Rosa stehen. So sehr sie sich auch zwingen wollte, einen Schritt in den Raum zu machen und mit einem kleinen Winken oder einer ähnlichen Geste in die Runde zu grüßen – es wollte ihr nicht gelingen. Sämtliche Bedenken, die sie bereits im Taxi gequält hatten, zündelten wieder an ihrem verblassten Selbstbewusstsein. Vor eine Gruppe fremder Menschen zu treten, das hätte ihr früher keine Probleme bereitet. Als leitende Ermittlerin hatte es zu ihren Aufgaben gehört, Besprechungen zu leiten. Oftmals sogar vor Staatsministern oder anderen hohen Regierungsbeamten, um die zuständigen Ministerien über eine Ermittlung auf dem Laufenden zu halten. Zwischen all den dominanten Alphawölfen oder strengen Bürokraten Autorität auszustrahlen, gehörte zu ihrer ureigenen Professionalität. Beinahe mit Leichtigkeit war es ihr früher gelungen, die politisch Verantwortlichen mit unbestechlicher Sachkenntnis zu überzeugen und falls nötig um den Finger zu wickeln. Oft hatte sie es sogar genossen, im Mittelpunkt zu stehen.

Nun rieb sie sich die schweißnassen Handflächen und konnte nicht nachvollziehen, was ihr solch eine starke Beklemmung verursachte, dass sie kaum atmen konnte. Am liebsten wäre sie weggelaufen, hätte sich in ihrer Kabine verschanzt und die Tür erst neun Tage später wieder geöffnet. Was, wenn jemand sie darauf ansprach, warum sie zu spät kam? Und sie fragte, warum sie in einem Antistressseminar war? Und das würde bestimmt jemand fragen! Dann müsste sie antworten. Aber sie hatte keine Ahnung, was. Sie war nicht vorbereitet! Ganz und gar nicht vorbereitet. Sie hatte sich ja nicht einmal die Prospekte angeschaut, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie das Schiff von innen aussah.

Nervös fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn. Schnell musste sie sich eine Story ausdenken, denn die Wahrheit zu sagen, kam nicht infrage. Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, wie verrückt das war. Hier vor der Tür im Foyer herumzustehen und sich nicht hineinzutrauen. Wie am ersten Schultag. Rosa biss sich auf die Unterlippe, atmete tief durch und sprach sich Mut zu.

Du gehst da jetzt hinein! Ob du tatsächlich an den Antistresskram glaubst oder nicht, spielt keine Rolle.

Sich irgendeine Alibigeschichte einfallen zu lassen, das sollte besonders ihr, der Kriminalistin, nicht schwerfallen.

„Entschuldigung“, murmelte unerwartet jemand hinter ihr.

Rosa fuhr herum und bemühte sich, ihre Überraschung zu kaschieren. Der Mann vor ihr trug eine dunkelblaue Uniform. Er grüßte sie mit strengem Gesichtsausdruck und tippte an den Schirm seiner Mütze – ein Besatzungsmitglied! Er schob sich an ihr vorbei in die Messe. Gewohnheitsmäßig lenkte sie ihre Augen auf die Schulterabzeichen und erkannte an den vier Streifen, dass es sich um einen höheren Offizier handelte. Doch anders als bei Uniformen der deutschen Marine fehlten die goldenen Tressen am unteren Teil der Ärmel. Jetzt konnte sie unmöglich länger draußen stehen bleiben. Das Überholmanöver des Uniformierten hatte sie unabsichtlich die Schwelle zum Saal übertreten lassen, einige Personen im Raum hatten sie gesehen. Rosa biss sich erneut auf die Unterlippe und zwang sich dazu, sich ihre Ängste und Zweifel nicht anmerken zu lassen.

 

An der Längsseite des großen Speisesaals erstreckten sich mannshohe Panoramafenster, die einen imposanten Ausblick auf den Hamburger Hafen freigaben. Runde Esstische waren vor den Fenstern aufgestellt, die mit weißen Tafeltüchern, gestärkten Stoffservierten und Porzellan vornehm eingedeckt waren. Im hinteren Teil befand sich eine Bar, davor eine bequeme Polstersitzecke, in der sich die Teilnehmer versammelt hatten. Jedes noch so kleine Detail war liebevoll und geschmackvoll gewählt und auf den Gesamteindruck abgestimmt. Der Raum wirkte, als wäre die Zeit vor einem halben Jahrhundert stehen geblieben.

Rosa näherte sich der Sitzgruppe. Um den letzten freien Platz auf dem Sofa am hinteren Ende zu ergattern, hätte sie sich zwischen den Sitzenden hindurchzwängen müssen. Darauf konnte sie gut verzichten. Sie nahm mit einem Stehplatz vorlieb. Einige Teilnehmer nickten ihr zu. Die Anspannung wuchs, und Rosa konnte sich nicht mehr als ein unbeholfenes Zucken ihres Kopfes als Antwort abringen.

Ein uniformierter Schiffssteward verteilte weiße Handtücher. Den meisten Teilnehmern war es wie Rosa ergangen, und sie durchnässten nun die teuren Sitzpolster. Der Mann in der Outdoorkleidung nahm gleich zwei Handtücher, obwohl er am wenigsten Regen abbekommen hatte. Als der Steward bei Rosa ankam, war kein Handtuch mehr übrig. Er murmelte eine Entschuldigung und versprach, mit neuen zurückzukehren. Die nasse Bluse klebte auf ihrer Haut. Scheußlich! Warum hatte sie die Regenjacke in die Tasche gestopft und den Hosenanzug angezogen? Immerhin war der Seminarleiter noch nicht anwesend. Daher war es wohl nicht aufgefallen, dass sie zu spät dran war.

Erst jetzt bemerkte Rosa unmittelbar vor der u-förmigen Sitzgruppe einen in sich gekehrten Mann, der als Einziger auf dem Boden saß. In dem Moment, in dem er seine Augen öffnete, verstummten sämtliche Gespräche.

Roland Hertz empfing die Seminarteilnehmer im Lotussitz. Endlose Minuten herrschte absolutes Schweigen. Rosa fühlte Ungeduld in sich aufsteigen. Die junge Frau hinter dem Coach schlug mit einem Klöppel gegen eine Messingschale. Ein warmer Ton erfüllte die Offiziersmesse. In diesem exklusiven Umfeld auf dem Boden zu sitzen, hätte bei jedem anderen unpassend oder provozierend ausgesehen, bei dem Coachingguru wirkte es jedoch natürlich. Die Handflächen vor der Brust mit den Fingerspitzen nach oben aufeinandergelegt, die Augen gesenkt, strahlte der Mann eine meditative Ruhe aus, die ihresgleichen suchte. Der Anblick sendete so viel innere Ausgeglichenheit aus, dass Rosas eigene Unruhe abklang.

„Bevor ich Sie herzlich begrüße“, sagte Hertz in unveränderter Haltung, „möchte ich, dass jeder von Ihnen einen Gegenstand zieht.“

Der Coach wies auf einen handgeflochtenen, mit Damast ausgelegten Weidenkorb. Niemand rührte sich.

Hertz lächelte mit einem Gesichtsausdruck, als hätte er nichts anderes erwartet. „Wenn sich kein Freiwilliger findet, lassen Sie uns mit der Reihenfolge Ihres Erscheinens beginnen.“ Er schaute Rosa direkt an. „Die Letzte möge die Erste sein.“

Ihr schoss das Blut ins Gesicht.

„Kommen Sie“, wiederholte der Coach wohlwollend, „ziehen Sie einen Gegenstand. Aber ohne vorher hineinzusehen.“

Rosa blieb keine andere Wahl. Sie trat langsam vor und griff mit geschlossenen Augen in den Korb. Ihre Finger tasteten herum und fassten schließlich etwas Weiches. Als sie die Augen wieder öffnete, hielt sie ein faustgroßes Knäuel rot-gelber Reepschnur in der Hand.

„Der Knoten, wie interessant!“, verkündete der Coach mit hellseherischer Verklärtheit.

Rosa sah Hertz fragend an.

„Erklärung folgt später“, antwortete er mit einem erleuchteten Lächeln, dass er dem Dalai Lama geklaut haben musste.

Rosa drehte sich um und vermied es, ihren Blick über die Anwesenden schweifen zu lassen. Sie wollte zu ihrem Stehplatz zurückkehren, da hakte sich jemand bei ihr unter und führte sie sanft, aber bestimmt in eine andere Richtung. Überrumpelt drehte sich Rosa um und erkannte die junge Frau, die zuvor hinter Hertz gestanden hatte.

„Rolands Sitzordnung“, kommentierte sie mit einem Ton, der wie eine Zurechtweisung klang.

Rosa fühlte sich bevormundet. Unter den wachsamen Augen der Anwesenden wurde sie vorbei an einigen Beistelltischen und Sesseln zum letzten freien Sitzplatz hinten auf dem Sofa begleitet.

Um sich nicht weiter der Beobachtung ausgesetzt zu fühlen, senkte Rosa Augen und betrachtete den Knoten mit vorgetäuschtem Interesse. In Wahrheit wandelte sich ihre innere Unruhe in Skepsis. Dieser Knoten als Symbol für die gestressten, sprich verknoteten Seminarteilnehmer fand sie recht plakativ. Rosa angelte nach einem Kissen, das in ihrem Rücken drückte. Dabei traf sie mit dem Fuß einen Gegenstand, der ein lautes, schepperndes Geräusch verursachte. Rosa hatte einen Mülleimer umgetreten.

Verdammt, fluchte sie innerlich, wer hatte ausgerechnet unter dem Tisch einen Mülleimer abgestellt?

Zum zweiten Mal schoss ihr das Blut ins Gesicht. Aufgeschreckt durch den Lärm, richteten sich alle Blicke wieder auf sie. Rosa durchlebte für ein paar Sekunden den peinlichsten Moment seit Langem, dann zwang sie die Aufregung nieder. Mit hochrotem Kopf, aber ruhigen Bewegungen drehte sie sich ins Plenum und strafte den vor ihr auf den Boden hin und her rollenden Mülleimer mit Missachtung.

Ein Mann beugte sich zu ihr und kam dicht an ihr Gesicht. Rosas Haltung versteifte sich. Es war der Typ mit der Outdoorkleidung, die bei jeder Bewegung knisterte wie Zeitungspapier. Zwischen seinen Beinen ruhte ein Bundeswehrrucksack, an dem zahlreiche Sticker wie Atomkraft? Nein, danke! hafteten. Der abgewetzte Stoff verströmte einen muffigen Geruch. Sein Outfit wirkte an ihm unpassend, wie bei jemandem, der zum ersten Mal eine Krawatte trug, sich damit jedoch nicht wohl in seiner Haut fühlte.

„Max Neumann“, stellte er sich vor. „Ihr erstes Hertz-Seminar?“

Rosa nickte, woraufhin Neumann mit einem überlegenen Gesichtsausdruck lächelte, den sie nicht einordnen konnte. Ob der Coach bereits vor ihrem Erscheinen eine wichtige Information hatte verlauten lassen, die Neumann nun aus welchem Grund auch immer für sich behielt? Die Situation war ihr unangenehm. Auch weil sich Neumann keine Mühe gab, die Stimme zu senken.

„Hertz-Seminare sind der absolute Hit. Freut mich, ganz außerordentlich sogar, Sie kennenzulernen!“

Neumann sprach „Hertz-Seminar“ aus, als wäre es ein eingetragener Markenname. Er reichte Rosa die Hand und hielt sie länger fest als nötig.

Der Gruppencharmeur, dachte Rosa. Sie lächelte schief und rückte instinktiv von ihm weg.

„Und, alles gepackt für neun Tage Atlantik?“, fragte Neumann und schloss die Lücke zwischen ihnen wieder.

Verunsichert fuchtelte Rosa mit ihrem Knoten in der Hand herum. „Nur die Knotenfibel ist zu Hause geblieben“, meinte sie, bevor die entstandene Pause peinlich wurde.

Dass sie einen Scherz gemacht hatte, war ihr gar nicht bewusst gewesen. Es war ihr so herausgerutscht. Neumanns Lächeln erstarb, die Lippen begannen zu zittern, und seine Augen drückten stummes Entsetzen aus, als hätte Rosa ein Sakrileg begangen. Die heftige Reaktion konnte sie nicht nachvollziehen.

Seltsamer Typ.

Immerhin, Max Neumann ging jetzt auf Distanz. In der Zwischenzeit war die Frau, die sich vorhin auf der Gangway mit ihrem Koffer abgemüht hatte und sich unablässig die Haare mit ihrem Handtuch trocken rieb, vorgetreten und zog einen kleinen quadratischen Kasten aus dem Korb.

„Der Kompass! Soso!“, rief Hertz, als hätte man ihm die Überraschung bereitet statt umgekehrt.

Die Frau schaute ihn irritiert an, aber genauso wie bei Rosa folgte keine weitere Erklärung.

Einer nach dem anderen fischte einen Gegenstand aus dem Weidenkorb. Plötzlich geriet Leben in die Gruppe, und mehrere Teilnehmer, unter ihnen Rosas Nachbar, drängten gleichzeitig vor. Wahrscheinlich hatte sich bei allen die Befürchtung breitgemacht, als Letzter den dann übrig gebliebenen Gegenstand ziehen zu müssen. Ohne dass der Coach intervenieren musste, einigten sich die Anwesenden auf eine Reihenfolge. Es kamen eine Sternenkarte, ein Fernrohr, ein Survivalhandbuch mit Verbandskasten, ein japanisches Spielbrett für Go-Steine und ein Schlüsselbund zum Vorschein.

Als der Mann, der sich vom Regen auf der Landungsbrücke hatte durchweichen lassen, als Letzter eine Leuchtpistole hervorzog, jauchzte Hertz auf. Eine drollige Szene. Trotz Hertz’ gewinnendem Wesen konnte Rosa den Coach wegen seiner exzentrischen Darbietung nicht einordnen. Die Frage, wer hier eigentlich der Verrückte war, drängte sich ihr auf. Sie stellte fest, dass die übrigen Teilnehmer keinerlei Bedenken zu haben schienen. Im Gegenteil, ihre „Geschenke“ trugen sie wie Heiligtümer zurück zu ihren Plätzen. Wahrscheinlich hatte sie als Einzige irgendetwas grundsätzlich falsch verstanden. Entweder sie erkannte den Verhaltenskodex bei einem Hertz-Seminar nicht, oder sie war unter Esoterikspinnern gelandet, die wie Neumann keine Selbstironie vertrugen.

Roland Hertz legte die Handinnenflächen zusammen und streckte die Hände zum Gruß hoch über seinen Kopf. „Namaste und ein herzliches Willkommen zum Reacting-Workshop an Bord der MS Leviathan.

Vereinzelt wurde der Gruß leise erwidert. Damit schien der Coach nicht zufrieden zu sein. Er begann, jeden einzeln anzublicken und wiederholte die indische Begrüßung in der deutschen Übersetzung „Ich grüße das Licht in dir“ so lange, bis jeder seinem Beispiel gefolgt war und sich ein gewisser Eifer einstellte.

„Namaste“, sagte Rosa verhalten, als sie an der Reihe war.

Selten hatte sie sich in ihrem Leben derart dem Gruppenzwang unterworfen und lächerlich gefühlt. Rosa schwor sich, bei nächster Gelegenheit mehr Rückgrat zu beweisen und nicht alles mitzumachen, was der Coach vorgab. Gleichzeitig beschlich sie das Gefühl, Hertz’ Methoden vorschnell abzuurteilen und sich wie ein unverbesserlicher Einfallspinsel zu verhalten. Wenn es ihr gelang, dieses Seminar zu meistern und wieder für den aktiven Dienst tauglich erklärt zu werden, könnte sie bei der nächsten Besprechung die Vertreter des Verteidigungsministeriums anstatt mit einem kräftigen Händedruck und einem „Guten Tag“ in Gebetshaltung und mit einem „Namaste“ begrüßen. Die verdutzten Gesichter der Vorgesetzten, Kollegen und Politiker würde sie gerne sehen. Auch wenn sie anschließend als untragbar und verschroben endgültig aufs Abstellgleis abgeschoben werden würde.

„Jede noch so lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt“, verkündete der Coach und ließ seine wohlwollenden Augen über die Teilnehmer schweifen. „Mit einem Blick spüre ich: Für den ein oder anderen von Ihnen wird es eine sehr lange Reise werden. Das mag hart und ungerecht klingen. Bedenken Sie aber, bedeutet ein vorzeitiges Ankommen, dass die Reise beendet ist? Nein, ich behaupte, die Reise ist nie beendet. Was tun Sie, wenn Sie angekommen sind? Ewig glücklich sein? Ist das erstrebenswert und überhaupt möglich? Nein, denn wir tragen beides in uns – das Glück genauso wie das Leid. Wir müssen nur einen Weg finden, damit umzugehen. Deshalb gibt es keinen Grund zu verzagen. Deshalb sind Sie hier.“

Der Schiffssteward betrat erneut die Messe und stellte auf einem Tisch ein Tablett mit einer gläsernen Karaffe Wasser und einigen Trinkgläsern ab. Ein zusätzliches Handtuch hatte er nicht dabei. Rosa versuchte vergeblich, Blickkontakt herzustellen. Der junge Mann wich ihr aus, vermutlich weil ihm selbst eingefallen war, dass er das versprochene Handtuch vergessen hatte.

„Sie alle haben bereits den ersten, den schwierigsten Schritt auf dieser Reise gewagt: Sie haben sich zu diesem Seminar angemeldet, also die Reise im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne begonnen! – Nein, nein, wehren Sie sich nicht. Schon dafür gebührt Ihnen Anerkennung. Das ist mehr, als viele andere schaffen. Denn nicht selten leben wir Menschen in dem fatalen Irrglauben, ankommen zu können, ohne gereist zu sein. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Stresssymptomen nicht entgegenzuwirken, kann lebensbedrohlich werden. Wenn Sie sich in den Finger schneiden und die Wunde weiter bluten lassen nach dem Motto ‚Ein Indianer kennt keinen Schmerz‘, werden Sie irgendwann verbluten. Sie zu ignorieren, ist purer Selbstbetrug. Genauso verhält es sich mit Stress und Erschöpfung. Sie können nicht verleugnen, wie sehr Stress Sie angreift und langsam zersetzt – gut, dass Sie sich anders entschieden haben!“

Bei den letzten Worten musste Rosa schlucken. Wie oft hatte sie sich in der vergangenen Zeit gewünscht, ihr Chaos beenden zu können, indem sie irgendwo oder bei irgendwem eine saftige Strafe bezahlte, und damit wäre dann vergeben und vergessen, dass sie die Schuld am Tod einer Kollegin trug. Sie könnte einfach wieder von vorne anfangen. Sie hatte versucht, das Problem zu ignorieren, und schmerzhaft feststellen müssen, dass diese Art Ablasshandel nicht funktionierte und sie in nur noch tiefere Löcher stürzen ließ.

Mit gesenktem Kopf machte Hertz eine bedeutungsvolle Pause. Die nackten Füße lagen auf seinen Oberschenkeln. Eine weiße Hose aus grobem Leinenstoff ließ ihm viel Bewegungsfreiheit. Aus seinem naturfarbenen, kragenlosen Hemd schaute ein hagerer, seltsam knöchrig wirkender Hals hervor. Überhaupt sah seine Haut blass und papieren aus. Er hatte kurzes grau meliertes Haar. Seine gesamte Erscheinung – seine Präsenz ebenso wie die charismatische Ausstrahlung – erinnerte Rosa in auffälliger Weise an Steve Jobs. Hertz trug sogar eine ähnliche Nickelbrille. Mit jeder Pore strahlte er die erleuchtete Weisheit eines fernöstlichen Gurus aus. Und so wunderte es Rosa nicht, dass sich Hertz urplötzlich, flink wie ein Wiesel und mit ungewöhnlicher Vitalität, aufrichtete.

„Die nächsten neun Tage werden wir zusammen auf diesem Schiff verbringen. Fernab Ihrer gewohnten Umgebung. Fernab Ihrer üblichen Pflichten. Fernab Ihres gesamten alltäglichen Lebens! Wir werden uns intensiv mit klassischen Stressmanagementthemen wie Work-Life-Balance und Achtsamkeit beschäftigen. Davon haben Sie sicherlich schon gehört. Wir werden aber auch in ganz unbekannte spirituelle Bereiche vordringen. Ich werde jetzt nicht alles verraten. Lassen Sie sich überraschen.“

Rosa wartete, dass er weitersprach.

Pflicht. Was für ein gewichtiges Wort in unserer modernen Gesellschaft, nicht wahr? Jede und jeder Einzelne von Ihnen hat ihre beziehungsweise seine Pflicht zu erfüllen – beruflich wie privat. Da wäre die Pflicht und Verantwortung gegenüber Ihrer Firma, Ihrem Arbeitsgeber, Ihren Kunden und Ihren Geschäftspartnern, genauso wie die Pflicht gegenüber Freunden und Bekannten, Vereinen oder einem ehrenamtlichen Engagement. Und nicht zuletzt die Verantwortung gegenüber der Familie – der Ehefrau, dem Ehemann, dem Lebenspartner, den Kindern wie Verwandten. Ich meine, das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine ganze Menge, eine ungeheure Menge Pflicht und Verantwortung! Bei so viel Verantwortung ist es nur verständlich, dass man die Übersicht verlieren kann. Es ist keine Schande, die Übersicht zu verlieren. Und sich das einzugestehen, ist erst recht keine Schande. Im Gegenteil. Westliche Traditionen lehren uns, Leiden zu erdulden. Aber warum soll ich Leid erdulden, wenn es Meditationsübungen und andere Techniken gibt – viele Jahrhunderte erfolgreich erprobt –, die mir helfen können, besser mit dem Leid umzugehen?“

Der Coach klang aufgebracht. Seine Fingerspitzen tippten aufeinander, als hätte er zu viel Kaffee getrunken. Hertz’ Blick hingegen wirkte hoch konzentriert, geradezu bohrend.

Dieses eine Wort hallte in Rosa nach – Schande. Wie recht der Coach hatte. Denn sie empfand es als Schande, fühlte sich als Verliererin und schämte sich für ihr – ja, wie sollte sie es anders nennen? – emotionales Chaos. Das musste sie sich eingestehen. Rosa schluckte, doch der Kloß in ihrem Hals wollte nicht verschwinden.

„In den nächsten neun Tagen an Bord der Leviathan bis zur Einfahrt in den Hafen von New York werden Sie lernen, dass Sie tatsächlich noch eine ganz andere Pflicht haben. Nämlich die Pflicht, für Ihr eigenes Wohlbefinden zu sorgen!“

Das andächtige Schweigen wurde von keinem Seminarteilnehmer unterbrochen. Auch bei Rosa blieben die Worte nicht länger ohne Wirkung. Sie vergaß sogar die klamme Kälte ihrer nassen Kleidung. Irgendwie wusste sie das alles, hatte es so ähnlich schon einmal gehört, gelesen oder andere davon reden hören. Geradezu bahnbrechend neu daran war, dass es in all ihren vorhergehenden Behandlungen niemandem gelungen war, diese schlichten Wahrheiten so einleuchtend und überzeugend auf den Punkt zu bringen. Ihre Gespräche waren immer ergebnislos verlaufen, dass sie zu der Erkenntnis gelangt war, niemand könnte ihr helfen. Folglich hatte sie sämtliche Behandlungen abgebrochen. Hertz’ Diagnose traf hundertprozentig ins Schwarze – sachlich, wissend und mit einem hohen Maß an Empathie. Im selbstausbeuterischen Hamsterrad der Schuldzuweisung hatte sie vergessen, für ihr eigenes Wohlbefinden zu sorgen.

Obwohl diese Einsicht ihren Kummer verstärkte, schöpfte sie Hoffnung. Glück und Schmerz zugleich zu empfinden – das war höchst seltsam. Rosa fühlte sich wie jemand, der nach langer verzweifelter Suche endlich feststellte, dass es einen Ausweg aus dem Labyrinth gab, auch wenn dieser Weg von Rückschlägen gekennzeichnet sein würde. Zum ersten Mal, seit sich Rosa in ihrem emotionalen Chaos zurechtfinden musste, entdeckte sie das Gefühl, etwas verändern zu können, selbst wenn der Funken der Hoffnung noch so klein war. Wenn es dem Coach gelang, innerhalb weniger Minuten die ersten Blockaden zu lösen, was würde er in neun Tagen bewegen können?

Erst jetzt fand Rosa den Mut, die Mitreisenden näher zu betrachten. Sie erkannte die Männer und Frauen wieder, die sie am Kai gesehen hatte. Coach Hertz sprach ihnen aus tiefstem Herzen. Gab es Menschen, denen es ähnlich ging wie ihr? Während ihrer bisherigen Behandlungen war sie Gesprächen mit anderen Patienten aus dem Weg gegangen. Einen Austausch mit Freunden und Bekannten hatte sie abgeblockt. Natürlich kannte sie Menschen, die psychische Probleme hatten. Solange es sie nicht betroffen hatte, hatte sie diese Geschichten verdrängt. Als Betroffene war sie immer weiter in eine Außenseiterposition geraten.

Max Neumann, der vorhin so lässig mit ihr geflirtet hatte, starrte Hertz an, als plagten ihn Kopfschmerzen und einzig der Coach würde die Tabletten verwahren. Die Frau mit den sonderbaren kleinen Transportboxen kämpfte sichtlich mit den Tränen, wirkte aber nichtsdestoweniger diszipliniert. Eine andere Frau, die Rosa zuvor nicht aufgefallen war, massierte ihr Gesicht, als wollte sie sich mit Hertz’ Worten einbalsamieren. Ihre kräftigen Finger hinterließen rote Flecke. Selbst der arrogante Geschäftsmann in seinem grauen Anzug, der seinen Chauffeur herumkommandiert hatte, machte einen bewegten Eindruck. Plötzlich wurde Rosa klar, hier saßen keine Urlauber, die an einer vergnüglichen Kreuzfahrt teilnahmen, weil sie es sich leisten konnten, sondern hier war sie unter Menschen, die mit ähnlichen Problemen beschäftigt waren wie sie selbst. Und hatte Hertz nicht gesagt, man bräuchte sich nicht zu schämen, dass es einem schlecht ging? Darüber hinaus vermittelte der Coach einem das Gefühl, Bestandteil eines auserwählten Kreises zu sein. Zum allerersten Mal seit langer Zeit fühlte Rosa Erleichterung.

Sie widmete ihre Aufmerksamkeit wieder Roland Hertz.

„Wir befinden uns auf einem Frachtschiff und bald mitten auf See. Für unser Miteinander benötigen wir ‚Seeleute auf Zeit‘ Regeln, an die wir uns halten müssen. Ohne diese Spielregeln wird das Zusammenleben auf einem Schiff schwierig. Dazu wird der Erste Offizier der Leviathan, Stin DeRuijter, zu meiner Linken gleich mehr erzählen. An meiner rechten Seite steht meine bezaubernde Assistentin Prem Jyoshi. Prem ist unsere Fachfrau für Yoga, Massagen, Reiki und Schamanismus. All ihre heilenden Kräfte wird sie in den Dienst unserer erschöpften Seele stellen. Heilung und Erholung pur! Ich bin sehr froh, dass sie uns begleitet.“

Über Hertz’ Miene zog ein spitzbübisches Lächeln, das bei jedem anderen anzüglich gewirkt hätte. Prem Jyoshi nahm es ausdruckslos zur Kenntnis. Anders als ihr indisch klingender Name vermuten ließ, sah die Assistentin in keiner Weise asiatisch aus. Langes blondes Haar umrahmte ein fein geschnittenes Gesicht mit nordischem Teint, aus dem eine viel zu große Kunststoffbrille hervorstach. Sie hatte eine hochgewachsene, sportliche Figur, die leicht Begehrlichkeiten wecken konnte. Prem Jyoshi erinnerte Rosa an sich selbst, wie sie mit Anfang zwanzig an der Polizeihochschule ihr Studium aufgenommen hatte.

Seitdem waren fünfzehn Jahre vergangen. Auch wenn sie keinen Grund zur Klage hatte, begann der Zahn der Zeit, erste Spuren zu hinterlassen. Zwar benötigte sie keine Brille, und die Haare trug sie meistens zu einem Zopf zusammengebunden, aber in puncto Fitness konnte sie nicht mehr an damalige Glanzleistungen heranreichen. Dafür gab Rosa keine Unsummen für Designerkleidung aus, die wie abgetragene Secondhandklamotten aussahen. Der Gedanke tröstete sie ein wenig.

DeRuijter trat vor, schaute mit einer schnittigen Handbewegung auf seine Armbanduhr und sagte so sachlich, wie man es von einem stattlichen Offizier nur erwarten konnte: „Die Ausfahrt ist auf exakt dreizehnhundert Uhr terminiert. Sie sollten die Ausfahrt aus dem Hamburger Hafen nicht verpassen, es ist immer ein Erlebnis …“

„Spektakulär“, warf Hertz ein.

„Wir erwarten eine ruhige See und Sonnenschein und haben deshalb auf dem Lidodeck einen Cocktailempfang vorbereitet. Danach erwartet sie hier das Mittagsmahl.“

Mit ausgestrecktem Arm wies DeRuijter Richtung Heck. Rosa blickte durch die Panoramafenster nach draußen. Es hatte aufgehört zu regnen, sonst schien sich die graue Wolkendecke jedoch nicht an den Wetterbericht halten zu wollen.

„Die Leviathan ist vor dieser Fahrt generalüberholt worden“, fuhr DeRuijter fort. Hin und wieder klang ein niederländischer Akzent durch. „Wir haben die neueste Navigationstechnik an Bord. Die Inneneinrichtung ist, wie Sie sehen können, fast komplett auf den Originalzustand von neunzehnhundertzweiundsechzig gebracht worden.“

„Ich sage nur: Lassie Arnold“, ergänzte Hertz schwärmerisch.

„Das ist korrekt“, bestätigte DeRuijter, „die berühmte Berliner Innenarchitektin Lassie Arnold hat hier all ihr Können unter Beweis gestellt.“

„Dann ist das also quasi eine Jungfernfahrt?“, fragte Neumann dazwischen. Aus seinen Augen blitzte der Schalk hervor.

„Der Spätsommer ist eine gute Jahreszeit für eine Passage über die nördliche Atlantikroute.“ DeRuijter überging die Frage. Seine Augen wirkten warm und offen, aber seine Haltung war steif, distanziert und überkorrekt. Wahrscheinlich musste sich ein nautischer Offizier gegenüber seinen Passagieren so präsentieren. Rosa kannte das von Bundeswehrangehörigen, mit denen sie während ihrer Laufbahn beim BKA zu tun gehabt hatte. Manchmal hatten Militärs Schwierigkeiten, mit Zivilisten zu reden. Und auch wenn der Erste Offizier nicht zur Marine gehörte, mochte es ihm als Uniformträger dennoch ähnlich gehen.

„Heißt das, wir fahren über die gleiche Route, die auch die Titanic genommen hat?“, hakte Neumann nach.

DeRuijters säuerlicher Gesichtsausdruck verstärkte sich. Jetzt verstand Rosa: Dem Ersten Offizier behagte der Zusammenhang zu dieser Schiffskatastrophe nicht. Max Neumann hingegen schien sich darüber diebisch zu freuen. Ob er seine Einwürfe für besonders geistreich hielt? Wahrscheinlich war er nicht nur der Gruppencharmeur, sondern auch der Gruppenkasper. Und der saß ausgerechnet neben ihr! Rosa beschloss, beim nächsten Zusammensein unbedingt darauf zu achten, diesen Fehler nicht zu wiederholen.

„Nein. Wir fahren nördlicher. Der Wetterbericht verspricht, für die nächsten zwei Wochen keine Herbststürme bereitzuhalten.“

Der Erste Offizier erklärte im Anschluss die beiden wichtigsten Sicherheitsregeln an Bord: zwei unterschiedliche Signaltöne, zum einen den Generalalarm bei einem Brand oder einer ähnlichen Gefahrensituation, zum anderen den Alarm zum Verlassen des Schiffs. Beim letzten Alarm würde der Schiffssteward die Passagiere von ihren Kabinen zum Rettungsboot geleiten.

Rosa spürte wachsendes Unbehagen – Rettungsboot? Bei allen Bedenken war ihr ausgerechnet diese Möglichkeit entgangen.

Wie naiv, Schiffe können sinken, dachte sie. Und der Gedanke ließ sie auch nicht los, als sich DeRuijter wieder an die Passagiere wandte.

„Wir werden Ihnen nun Ihre Kammern zuweisen. Anschließend bieten wir eine Schiffsführung an. Aus rechtlichen Gründen muss ich Sie darauf hinweisen: Die Teilnahme ist Pflicht.“ Beim letzten Wort schaute er hinüber zu Hertz. „Im Namen von Kapitän Friedrich Lira und der gesamten Besatzung heiße ich Sie herzlich willkommen auf der Leviathan!“, schloss DeRuijter seine Einführung.

Der offizielle Teil war damit beendet.

Nach wenigen Augenblicken begannen die ersten Gespräche aufzukeimen. Einige Seminarteilnehmer erhoben sich und lösten damit die Sitzordnung auf. Rosa wunderte sich darüber, wie rasch heitere Aufregung entstand. Ob sich einige bereits kannten, fragte sie sich abermals. Rosa schnappte einige Gesprächsfetzen auf. Jeder war gespannt, was jetzt folgen würde. Hertz und seine Assistentin wurden umlagert. So schnell wie möglich wollte Rosa ihren Schlüssel in Empfang nehmen, um endlich raus aus den nassen Sachen zu kommen. Den Ersten Offizier konnte sie nirgends sehen, scheinbar war es DeRuijter gelungen, unbemerkt den Raum zu verlassen. Die Assistentin des Coaches hatte alle Mühe, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Als es ihr schließlich gelang, verkündete sie, dass die Kabinenschlüssel in alphabetischer Reihenfolge verteilt werden würden. Dabei wurde sie von Hertz darauf aufmerksam gemacht, dass Kabinen an Bord eines Frachtschiffs als „Kammern“ bezeichnet wurden.

Auf ihrer Dienststelle gab es im Alphabet keinen Kollegen, der bei ähnlichen Gelegenheiten vor ihr drankam, daher war Rosa im Begriff aufzustehen, aber ein anderer Name wurde aufgerufen. Rosa hielt inne und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. Doch anstatt einzeln anzutreten, stürmten die Passagiere alle gleichzeitig vor. Dieser Mangel an Disziplin erstaunte Rosa. Sie hielt sich zurück und nahm ihren Schlüssel als Letzte entgegen.

Der Run auf die Kammerschlüssel setzte sich beim Verlassen des Saals fort. Alle wollten durch die Tür und das draußen gestapelte Gepäck aufnehmen, was selbst angesichts der breiten Glasflügeltür nicht ohne Staus und Zusammenstöße verlief. Rosa erhob sich und stellte den umgestoßenen Mülleimer wieder unter den Tisch. Egal ob Hilfe suchende Seminarteilnehmer, Kollegen im Büro oder hektische Kunden an der Käsetheke im Supermarkt – Gruppen verhielten sich immer ähnlich rätselhaft und dennoch vorhersehbar.

Wie die Lemminge, dachte sie und machte sich auf die Suche nach ihrer Kammer.