Leseprobe Der Klang meiner Träume

Prolog

18 Jahre zuvor

Das neue Mädchen jagte Louisa Angst ein. Es sprach nie, lachte nie, weinte nicht einmal, wenn es traurig war. Selbst seine Schritte waren lautlos. Es war, als ob das Mädchen nicht aus Fleisch und Blut bestünde, so wie andere Kinder, sondern aus purer, körperloser Luft, und manchmal fragte sich Louisa, ob sie sich die Existenz des Mädchens einbildete.

Louisa duckte sich hinter die Kiste mit Holzspielsachen und tat so, als würde sie nach einem bestimmten Bauklotz suchen, während sie Marie beobachtete. Das war der Name des lautlosen Mädchens. Marie. Gerade saß es an einem Tisch und malte, was es fast wie ein echtes Kind aussehen ließ. Louisa hatte jedoch ihre Zweifel.

»Und du glaubst echt, dass sie ein Geist ist?«, fragte sie Nicklas, ihr bester Freund, flüsternd.

Louisa nickte.

»Meine Mama sagt, Geister gibt es nicht.«

»Im Fernsehen habe ich aber einen Film über Geister gesehen«, entgegnete Louisa, und das sollte doch Beweis genug sein, dass es Geister sehr wohl gab.

»Meine Mama hat auch gesagt, wir sollen nett zu Marie sein, weil ihr etwas Schlimmes passiert ist.«

»Echt?«

»Ja«, sagte Nicklas.

»Was ist ihr denn passiert?«

»Weiß ich nicht. Aber Mama hat gesagt, ihr muss was Schlimmes passiert sein und von dem Schlimmen hat sie jetzt …«, er überlegte, »einen Trauma, ja, das hat Mama gesagt. Sie hat einen Trauma und wegen dem Trauma redet sie nicht.«

»Einen Traum«, korrigierte Louisa ihn augenrollend. »Ich hatte gestern auch einen schlimmen Traum. In dem Traum waren riesige Spinnen und eine Wespe und ich rede trotzdem.«

»Hmm«, machte Nicklas.

»Ich glaube, deine Mama weiß gar nicht, was Marie geträumt hat.«

Nicklas machte einen Schmollmund. »Vielleicht ist sie doch ein Geist«, gab er dann zu.

Natürlich. Louisa hatte wie immer recht gehabt. »Schau«, sagte sie und zog einen Zettel aus der Bauchtasche ihrer Latzhose. Es war ihre Geister-entdeck-Liste, vollgekritzelt mit kleinen Bildern und Symbolen. Zu den Bildern zählten ein Apfel, denn Geister essen bekanntlich nicht, ein Mond, weil Geister die Nacht lieben, und ein weißes Viereck, das ganz offensichtlich ein Bettlaken darstellte.

Marie trug kein Bettlaken, sondern ein hellgrünes Kleid, und durchsichtig war sie auch nicht. Das konnte Louisa von ihrem Beobachtungspunkt aus genau sehen. Aber das war kein Beweis. Geister waren gut darin, ihre wahre Gestalt zu verbergen. Das wusste Louisa mit Bestimmtheit, weil sie nämlich auch eine Lupe auf ihren Merkzettel gezeichnet hatte. Doch das würde Marie nichts nützen, denn Louisa hatte sich den ultimativen Geister-Test ausgedacht.

Sie schloss ihre Hand so fest um einen roten Bauklotz, dass es wehtat. Es war an der Zeit, die Wahrheit herauszufinden. Nicklas duckte sich noch tiefer hinter seinen Stapel aus Bauklötzen, während Louisa langsam und mit einer Trinkpackung Orangensaft bewaffnet auf das Mädchen zuschlich. Leise, jedoch nicht leise genug. Es kam ihr so vor, als müsste sie genauso lautlos sein wie Marie, um ihr Vorhaben erfolgreich durchzuführen, aber so sehr sie es versuchte, ihre Schritte waren viel zu laut.

Als sie vor dem Maltisch stand, räusperte sie sich, wie es die wichtigen Leute im Fernsehen immer machten. »Hallo.«

Es vergingen ein paar mit Herzklopfen gefüllte Sekunden, in denen nichts passierte. Dann, endlich, hob das Mädchen den Kopf und sah Louisa direkt an. Der gelbe Malstift, den es bis eben gehalten hatte, fiel ihm aus der Hand und landete mit einem leisen Klock auf der Tischplatte. Es war das erste Mal, dass Louisa das Mädchen ein Geräusch hatte verursachen hören. Aber der Gedanke erlosch in dem Moment, als sie das Bild sah, das Marie gezeichnet hatte.

Zwei kleine Mädchen, die Hand in Hand auf einer Blumenwiese standen. Eine mit braunen Zöpfen und einem grünen Kleid, so wie Marie, die andere mit langen blonden Haaren. Louisa hatte lange blonde Haare. Das war ein schlechtes Zeichen!

Am liebsten wäre Louisa zurück zu Nicklas und zu ihren Bauklötzen geschlichen, aber ein wahrer Geisterjäger war mutig, und wer mutig war, gab nicht so einfach auf.

»Möchtest du einen Saft?«, brachte Louisa mit viel zu hoher Stimme heraus.

Langsam ging sie noch einen Schritt näher. Es war ganz einfach. Sie musste nur aus Versehen ein bisschen Saft auf Marie verschütten, denn Geister konnten nicht nass werden. Das hatte ihre große Schwester ihr erzählt, und die wusste alles.

»Ich will ihn!«, rief da ein Junge und schnappte sich die Saftpackung aus Louisas Hand. Jonas, der idiotischste Junge im ganzen Kindergarten.

»Das ist nicht für dich!«

»Die da trinkt es sowieso nicht. Und wenn, dann sagt sie nicht einmal Danke. Weil sie nämlich nicht sprechen kann«, rief er und zog eine Grimasse in Richtung Marie. »Die ist nämlich zu dumm, um was zu sagen!«

Plötzlich überkam Louisa das merkwürdige Bedürfnis, das stumme Mädchen zu verteidigen. Wenn Jonas wüsste, dass Marie nicht dumm war, sondern vermutlich ein Geist, wäre er gleich ganz kleinlaut. Doch ehe sie etwas sagen konnte, beugte der sich nach vorn und riss Maries Zeichnung an sich. Die zuckte zusammen, ihre Lippen so fest aufeinandergepresst, dass sie zitterten. Fast schien es, als wollte sie etwas sagen, aber sie blieb still.

»Hey!«, rief Louisa. »Lass das!«

Jonas ignorierte sie. Stattdessen lachte er gehässig in Maries Richtung. »Was ist denn? Willst du’s wiederhaben? Dann frag mich doch! Ach, warte, das kannst du ja nicht. Dann hol’s dir!«

Damit rannte er davon. Marie sprang von ihrem Stuhl auf und lief ihm hinterher. Louisa sah ganz genau, wie ihre Füße den Boden berührten. Das war merkwürdig, Geister können nämlich fliegen, und im nächsten Moment flog Marie tatsächlich. Allerdings auf den Boden, weil sie über ein Spielzeugauto gestolpert war, und dort blieb sie auch liegen. Sofort kam eine Kindergärtnerin angerannt.

Louisa kam langsam näher. Sie sah Jonas, der sich am anderen Ende des Raumes hinter dem Puppenhaus versteckte, die Kindergärtnerin, die Marie leise flüsternd aufhalf, und Blut, das von Maries Knie tropfte. Marie hatte den Mund schmerzhaft verzogen, eine Träne lief über ihre Wange. Ihre kleinen Schultern zitterten, doch noch immer verließ kein Laut ihre Lippen. Es hatte etwas Faszinierendes und gleichzeitig Trauriges, dieses lautlose Weinen.

Die Liste blitzte durch Louisas Gedanken, vor allem ein bestimmtes Bild: Ein roter, durchgestrichener Kreis. Da begriff sie, dass Marie gar kein Geist sein konnte, denn Geister bluteten nicht. Sie war auch kein Vampir und kein Zombie oder irgendetwas anderes Übernatürliches. Wie es schien, war sie tatsächlich ein Menschenmädchen.

Und noch etwas wurde Louisa klar. Nämlich, dass Marie jemanden brauchte, der sie beschützte. Allein, ohne Stimme und ohne Geisterkräfte, kam sie gegen solche Kerle wie Jonas nicht an.

An diesem Tag beschloss Louisa, auf sie aufzupassen.

TEIL 1

VON GLÄSERNEN MAUERN

Kapitel 1

Heute

Vor einigen Jahren erzählte mir meine beste Freundin Louisa die Geschichte eines Pantomimen, der verhungert war, nachdem er den Schlüssel zu seiner imaginären Kiste verloren hatte. Damals lachten wir. Wer starb schon in einem Fantasiegefängnis, umgeben von unsichtbaren Mauern? Was hatte ihn davon abgehalten, aufzustehen und zu gehen? Warum hatte er sich keinen imaginären Bulldozer erdacht, um die Mauern einzureißen?

Die Geschichte verliert ihren Witz, wenn man selbst an die Stelle des Pantomimen tritt. Er hat über seine Situation mit Sicherheit nicht gelacht, und auch mir verging das Lachen, nachdem ich begriff, dass ich sein Schicksal teilte. Zwar konnte ich gehen, wohin ich wollte, doch diese scheinbare Freiheit täuschte. Die unsichtbare Mauer gab es auch in meinem Leben, und obwohl andere sie als etwas belächelten, das nur in meinem Kopf existierte, fühlte sie sich schmerzhaft real an. Diese gläserne Wand, die sich um meine Stimme schloss und keinen noch so kleinen Ton passieren ließ.

Lange hatte ich geglaubt, dass sich hinter dieser gläsernen Mauer ein Geheimnis verbarg. Die Antwort darauf, warum ich mich Zeit meines Lebens so gefühlt hatte, als würde etwas Wichtiges fehlen. Doch die Mauer hatte ich mittlerweile zumindest zum Teil eingerissen – und nichts auf der anderen Seite gefunden.

Ich ließ meine Finger auf der Suche nach der richtigen Stelle über die Buchrücken gleiten. Gelesene Bücher wieder einzuordnen, zählte zu den unbeliebtesten Aufgaben meiner Kollegen in der Bibliothek. Ich machte es gerne. Zwischen den endlos langen Regalreihen, umgeben von so viel Wissen, fühlte ich mich wohl, und die Ruhe behagte mir.

»Marie! Hier steckst du!« Die Stimme meiner Kollegin riss mich aus meinen Gedanken. Es war die mit dem rotgefärbten Haar, die immer eine Schicht Make-up zu viel auftrug, unser neuestes und jüngstes Teammitglied. Elena oder Elisa? Vielleicht auch Elli. Obwohl ich versuchte, mir ihren Namen zu merken, entfiel er mir immer wieder, und da sie schon seit mehreren Wochen bei uns arbeitete, wäre ich mir komisch vorgekommen, jetzt noch danach zu fragen.

»Ich muss dich um einen Riesengefallen bitten. Na ja, eigentlich ist er gar nicht so groß. Ich muss los, um meine Schwester aus dem Krankenhaus abzuholen. Keine Ahnung, was sie wieder angestellt hat. Kannst du für mich die Bibliotheksführung übernehmen?«

»Ähm.« Ich warf einen Blick auf den kleinen Stapel noch einzuräumender Bücher, den ich kaum als Ausrede benutzen konnte.

»Ich weiß, meine Bitte kommt sehr spontan. Es ist wirklich ein Notfall.«

Die Sekunden zogen sich wie tropfender Kleister in die Länge, während ich nach einer Entschuldigung suchte.

»Ich …« begann ich und ging in Gedanken alle möglichen Ausreden durch. Ich könnte so tun, als hätte ich Halsschmerzen. Oder sagen, dass ich in einer halben Stunde zu einem wichtigen Termin musste. Vielleicht sollte ich ihr auch einfach die Wahrheit sagen – dass ich lieber tausend Bücherstapel einräumen würde, als fünf Minuten vor einer Gruppe zu sprechen.

Doch in dem Blick meiner Kollegin lag eine unausgesprochene Dringlichkeit und schließlich war ich schon öfter bei solchen Führungen dabei gewesen und konnte den Text auswendig – nur war der Text das kleinste Problem. Wie so oft, wenn ich sie besonders brauchte, ließ mich meine Stimme im Stich. Wahrscheinlich sah ich aus wie eine Schauspielerin aus einem Stummfilm oder wie ein Fisch, der nach Luft schnappte. Sag etwas, Marie.

Nach weiteren, elendslangen Sekunden schaffte ich es nur, mit den Schultern zu zucken.

Elena, Elisa – oder wie auch immer sie hieß – strahlte. »Danke! Ich mache es wieder gut, versprochen!«

Na, wunderbar. Mein Magen verkrampfte sich beim Gedanken an meine bevorstehende Aufgabe. Meine Kollegin strahlte jedoch und hob die Arme, als wollte sie mich umarmen. In ebendiesem Moment war ich stolz, ihr helfen zu können. Doch dann eilte sie davon und ließ mich und meinen kleinen Bücherstapel zurück. Das Gefühl des Stolzes verschwand sofort.

Am Eingangsschalter wartete bereits eine Gruppe Studenten auf mich. Ganz vorne ein junger Mann in kariertem Hemd, der schon jetzt gähnte, obwohl die Führung noch gar nicht begonnen hatte. Der Student hinter ihm schaffte es kaum, seinen Blick von den zwei Mädchen zu lösen, die mit ihren übergroßen Brillen und identischen Frisuren wie Zwillinge aussahen. Dahinter vier weitere Studenten, die leise miteinander tuschelten. Keiner der Teilnehmer wirkte, als wäre er sonderlich interessiert, und ich fragte mich insgeheim, warum sie sich zur Bibliotheksführung angemeldet hatten. Wenigstens würde mich keiner von ihnen zu genau beobachten oder Fragen stellen. Hoffentlich.

Ich schloss kurz die Augen und blendete meine Zuhörer, so gut es ging, aus.

»Hallo. Willkommen zur heutigen Bibliotheksführung«, begann ich etwas zu leise. Die Gruppe schien erst jetzt zu bemerken, dass ich vor ihnen stand. Einer nach dem anderen schaute mich an, was mir einen Schauer über den Rücken jagte. Schnell senkte ich den Blick. Sie zu lange anzusehen, war schlecht. Schon jetzt spürte ich ihre Blicke wie sengende Glimmstengel auf meiner Haut – jedes Augenpaar ein Stein meiner unsichtbaren Mauer.

Zum Glück kannte ich ein paar Tricks. Ich stellte mir meine Gruppe als Blumenwiese vor. Klatschmohn, Sonnenblumen und Knabenkraut. Jeder Student wurde zu einer Blüte, die keine Fragen stellen, kein Urteil fällen würde. Ich versuchte etwas Schönes zu sehen, etwas Harmloses – Blütenblätter statt starrender Augen. Wogende Grashalme statt massiver Körper. Es war wichtig, dass ich vermied, über das Sprechen selbst nachzudenken und zu lange zu warten. Denn je mehr Zeit schweigend verstrich, desto schwieriger wurde es, überhaupt etwas zu sagen.

Heute half mir das Bild der Blumenwiese, um weiterzureden.

»Am Anfang erkläre ich euch, wie ihr ein Buch ausleihen und den Online-Katalog benutzen könnt, um einen bestimmten Titel zu finden. Danach schauen wir uns die verschiedenen Abteilungen an. Die Bibliothek ist ein Ort, an dem viele Leute lernen. Darum bitte ich euch, während des Rundgangs so leise wie möglich zu sein und höchstens zu flüstern.« Eigentlich hätte ich nun erwähnen sollen, dass ich bei Fragen jederzeit zur Verfügung stand. Den Teil ließ ich aus.

Wir marschierten los. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit ein Buch so fest umklammert hatte, dass meine Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Zum Ausleihen der Bücher gibt es bei uns ein elektronisches System.«

Anstatt das Prozedere zu erklären, deutete ich auf einen der Computer, die zur Ausleihe verwendet wurden, und führte die Schritte manuell vor, wobei ich es vermied, irgendjemanden direkt anzusehen.

»Bei Interesse könnt ihr euch eine Bestätigung ausdrucken lassen. Darauf findet ihr zusätzliche Informationen zu Ausleih- und Rückgabefristen. Ich zeige euch nun, nach welchem System wir die Bücher und Magazine sortieren.«

Diesen Teil mochte ich wesentlich lieber. Weil ich vor der Gruppe hergehen konnte und niemanden ansehen musste und weil die langen Bücherreihen der einzige Ort der Bibliothek waren, an dem ich mir echtes Interesse meiner Zuhörer erwartete.

Wir waren in der Abteilung für Pädagogik, als die ersten Fragen gestellt wurden.

»Wie viele Bücher können wir uns auf einmal ausleihen?«, wollte eines der Mädchen wissen.

Ich holte tief Luft. Kein Grund nervös zu werden. Du schaffst das, Marie!

»Bis zu fünfzehn.«

Die Antworten auf die meistgestellten Fragen hatte ich ausgearbeitet und auswendig gelernt, als ich anfing, in der Bibliothek zu arbeiten.

»Wie lange dürfen wir ein Buch behalten?«

»Das hängt vom Titel ab. Normalerweise drei bis vier Wochen.«

»Was passiert, wenn wir vergessen, das Buch zurückzugeben?«

»Einen Tag vor Ablauf der Frist bekommt ihr automatisch eine E Mail zugeschickt.«

»Und wenn wir’s trotzdem vergessen?«

Dann ist eine Strafe zu bezahlen, wollte ich sagen, doch plötzlich krachte es, als ein Student zwei Meter neben mir seine Bücher zu Boden fallen ließ.

»Oh, Entschuldigung«, nuschelte er und errötete.

Ich nickte, als wäre es kein Problem. In Wahrheit war es das doch, denn in ebendiesem Moment entglitt mir die Vorstellung einer Wiese und die Blumen verwandelten sich in einen Haufen Menschen zurück, die mich fragend anschauten. Plötzlich war ich wieder die junge Schülerin, die vor der Klasse stand und kein Wort herausbrachte, obwohl sie den Text für die Präsentation in- und auswendig wusste. Ich atmete tief ein, konzentrierte mich auf das Gefühl des Sauerstoffs in meinen Lungen.

Sag es, Marie. Komm schon, sag’s einfach! Dann ist eine Strafe zu bezahlen. Nur sechs kleine, einfache Worte, die sich weigerten, meinen Mund zu verlassen. Ich hob einen Zeigefinger in die Höhe, als wollte ich etwas Wichtiges erklären und müsste nur kurz darüber nachdenken.

»Oder wenn wir die Frist nicht verlängern können und das Buch trotzdem behalten?«, hakte der Student im karierten Hemd nach.

Ich spürte die Blicke förmlich auf meiner Haut, während die Sekunden verstrichen. Schon sah ich, wie das erste Gruppenmitglied die Augen verdrehte, während die anderen noch fragend oder verwirrt dreinschauten.

»Gibt es dann eine Strafzahlung?«, versuchte eines der Mädchen mit Brille mir mit einer Antwort zu helfen. Mehr als ein Nicken bekam ich als Antwort nicht zustande. Immerhin.

»Wir können die Führung auch selbst übernehmen«, meinte einer, und alle, bis auf die Studentin mit Brille, der ich offenbar leidtat, kicherten.

Mit aller Mühe brachte ich ein Lächeln zustande, bedeutete der Gruppe mit einer Handbewegung, mir zu folgen, drehte mich um und setzte den Weg zum Kopierraum fort. Während die Studenten hinter mir herliefen, hörte ich sie leise flüstern.

»Die Arme. Hast du gesehen, wie nervös sie ist?« und »Das ist sicher ihre erste Führung, was meinst du?«

Ich zwang mich, wegzuhören. Denk an Blumen, denk an Musik, an deinen Text, denk an irgendwas. 

Bis wir den Kopier- und Druckerraum erreichten, hatte ich es mehr schlecht als recht geschafft, meine Stimme wiederzufinden.

»Das ist der Kopierraum«, flüsterte ich und starrte auf den Boden. »Danke für eure Zeit. Ich hoffe, die Führung hat euch gefallen.«

Bevor irgendjemand etwas sagen oder weitere Fragen stellen konnte, huschte ich davon. Ich würde zurück zu meinem kleinen Bücherstapel gehen und ausgelesene Titel einräumen. Zumindest konnte ich dabei nichts falsch machen. Irgendjemand kicherte, aber ich drehte mich nicht um, um zu sehen, wer es war.

 

 

***

 

 

Als ich das erste Mal über den Begriff Mutismus stolperte, war ich elf Jahre alt. Meine neue Sprachtherapeutin erwähnte ihn, und sofort stellten sich Herzklopfen und Aufregung ein. War es möglich, dass dieses Ding, diese unsichtbare Mauer, die weder mein Kinderarzt oder meine Eltern noch ich selbst erklären konnten, plötzlich einen Namen hatte?

Zuhause saß ich den ganzen Nachmittag vor dem Computer, um alles über dieses neuartige Wort herauszufinden. Auch wenn die Quellen begrenzt waren, hatte ich die grundlegenden Begriffe bald zusammen: absoluter Mutismus, selektiver Mutismus, Sprachlosigkeit. Die Unfähigkeit, in bestimmten Situationen oder mit bestimmten Personengruppen zu sprechen, obwohl der Sprechapparat eigentlich intakt ist. Die Berichte anderer Betroffener, die von Problemen in der Schule, beim Vorstellungsgespräch oder beim wöchentlichen Einkauf handelten.

Es hätte mir Angst machen können, doch das Gegenteil war der Fall. Endlich einen Namen für meine Mauer zu haben, verlieh ihr eine völlig neue Art der Legitimation. Erstens gab es andere, die unter demselben Problem litten, sogar eine Chance auf Heilung. Die Zeit, in der ich allein mit meinem Problem dagestanden hatte, war vorbei. Zweitens, und noch viel bedeutsamer, war ich nicht länger ein personifiziertes unerklärbares Phänomen. Wenn Leute mich anstarrten, weil sie mein Schweigen irritierte, konnte ich ihnen dieses neue Wort entgegenwerfen – oder zumindest hätte ich es gekonnt, wäre ich nicht sprachlos gewesen. Mutismus: ein einfaches Wort, das alles erklärte.

Es war wie bei einem Produkt mit Markennamen. »Es ist das Label, das zählt«, lernte ich Jahre später in einem Kurs über Marketing und begriff sofort, wie viel Wahrheit hinter dieser Aussage steckte.

Es ist kein überteuertes, schwarzes Kleid – es ist Chanel. Es sind keine vier Jungs mit merkwürdigen Pilzfrisuren, die gerne Gitarre spielen – es sind die Beatles. Es ist kein dunkles Wasser mit Unmengen an Zucker – es ist Coca Cola.

Ich war nicht dumm, zurückgeblieben oder komisch – ich war Mutistin.