Leseprobe Der Glanz verlorener Zeiten

1

1938

„Für dich, mein Kind, ist diese Saison in London vorbei.“ Meine Mutter zieht mich am Arm die Treppe nach oben. Vor meinem Zimmer bleibt sie stehen, ohne mich loszulassen, und öffnet mit der linken Hand die Tür. „Ich habe genug von deinen Eskapaden! Bist du noch ganz bei Trost?“

„Es ist doch schon vorbei“, entgegne ich trotzig und versuche mich aus ihrem Griff zu befreien.

„Ja, sehr richtig. Die Saison ist vorbei.“ Sie gibt mir einen kleinen Schubs und ich stolpere in mein Zimmer.

„Nein, das mit Richard Wolsey. Er hat mich verlassen.“

Meine Mutter umklammert die Klinke so, wie sie das vorher mit meiner Hand getan hat. „Das habe ich dir von Anfang an gesagt, aber du wolltest ja nicht hören. Es war klar, dass er Constance heiraten wird.“

Ich denke an Richards Küsse auf meinem Hals, seine Hände auf meinem Körper und schließe für einen Moment die Augen.

Als ich sie wieder öffne, lächelt meine Mutter spöttisch. „Ich habe es dir gesagt. Wenn du erst einmal verheiratet bist, kannst du so viele Liebhaber haben, wie du willst, aber bis dahin hättest du eben Pflänzchen Rühr-mich-nicht-an spielen müssen. Verdammt! Wir hatten Edward Bromley fast an der Angel. Nachdem ausgerechnet Lady Fallington dich und Richard zusammen gesehen hat, kann ich verstehen, dass er sich zurückzieht. Jetzt müssen wir nächstes Jahr von vorn anfangen. Das dritte Jahr!“ Sie seufzt und sieht plötzlich sehr müde aus. „Weißt du, mein Kind, ist der Ruf erst einmal ruiniert, werden die Heiratskandidaten älter und hässlicher. Das muss dir klar sein.“ Sie mustert mich noch einen Augenblick von Kopf bis Fuß. „Hast du …“, sagt sie fragend.

Nein, denke ich, aber fast ‒ gestern Abend, bevor Richard mir sagte, dass wir nicht mehr zusammen sein können. Aber in letzter Sekunde hatte ich die Geistesgegenwart gehabt, ihn von mir zu schieben. Er könne sich nicht mehr mit mir in der Öffentlichkeit sehen lassen, hatte er danach befunden und mich bedauernd angesehen. Seinetwegen und meinetwegen.

„Schade, dass uns das jetzt keiner mehr glauben wird.“ Bevor sie sich umdreht, sagt sie noch: „Ich verstehe es nicht. Hättest du deine Bedürfnisse nicht mit den Dienstboten befriedigen können ‒ so wie jeder normale Mensch?“

Ich sehe auf meine Füße, auf die hellblauen Seidenslipper, die ich zum Tanzen trug. Auf der Spitze prangt ein kleiner grauer Fleck. Ich hebe den Blick. „Ich dachte, er …“ Schnell beiße ich mir auf die Zunge. Ich hatte wirklich gedacht, er würde mich heiraten. Trotz allem. Ich wollte begehrt werden, so wie Richard mich begehrt hatte und mit seinen Augen bewundernd über meinen Körper geglitten war. Ich weiß nicht, was in mir vorgeht. Es ist wahrscheinlich, weil wir arm sind. Und Richard eben auch. Gemeinsam wären wir arm geblieben.

„Schlaf jetzt. Wir fahren bald für ein paar Wochen nach Creston Hall zurück und hoffen, dass Gras über all diese Unannehmlichkeiten wächst.“ Meine Mutter schließt die Tür zu meinem Zimmer mit einem kräftigen Stoß und ich höre, dass sie von außen den Schlüssel im Schloss herumdreht und abzieht.

Mir ist kalt. Unschlüssig reibe ich mir einen Moment lang die Oberarme und taste dann nach dem Schalter neben der Tür. Die trübe Birne erleuchtet einen kleinen Kreis in der Mitte meines Zimmers. Seufzend schlüpfe ich aus meinen Schuhen und in die dicken Pantoffeln vor meinem Bett, gehe hinüber zu meinem Frisiertisch und lasse mich auf den weißen Hocker davor fallen.

Ich zupfe eine Nadel nach der anderen aus meiner Frisur, bis mir mein beinahe schwarzes Haar über die Schulter fällt. Mein Gesicht verschwimmt mit den langen Schatten, die die altmodische Blütenlampe an der hohen Decke nicht vertreiben kann. Langsam greife ich nach der Bürste und starre auf den Namen darauf. Nur in den abgeplatzten goldenen Lettern funkelt ein wenig Licht. Alice Creston. Welcher Name wird auf meiner nächsten Bürste stehen?

Alice Wolsey, Alice Bromley – sicher nicht. Alice …

„Licht aus!“, höre ich meine Mutter vom Flur aus rufen. „Wir müssen sparen.“

 

Mutter steht am nächsten Tag erst gegen Mittag auf und lässt sich sofort einen Eisbeutel bringen, den sie sich mit einer Hand gegen den Kopf presst, während sie mit der anderen die Post durchsieht.

Graue, kalte Wintersonne fällt auf die geblümten Sessel, auf die schmale gestreifte Couch, die meine Mutter so vor den Kamin geschoben hat, dass ihre hohe Lehne das Licht vom Fenster abhält und es weder auf den fadenscheinigen Teppich darunter noch auf die Couch selbst fällt, deren Bezug schon so dünn ist, dass niemand sich darauf setzen darf. Auch Gäste werden auf die Sessel am Fenster bugsiert, was im Sommer völlig in Ordnung ist, aber an einem beinahe frostigen Tag wie heute zieht es mächtig kalt durch die Ritzen.

Ich selbst habe mir eine wollene Strickjacke angezogen und einen Schal um den Hals gelegt, damit es einigermaßen erträglich ist.

Theoretisch könnten wir uns auch in den kleinen Salon nach hinten raus setzen, in dem die rote samtbezogene Sitzgruppe noch nicht so abgesessen ist, aber er ist dunkler und noch kälter, denn kein Strahl Sonne fällt jemals hinein. Wir müssten mehr heizen und das können wir uns einfach nicht leisten.

Meine Mutter lässt den Eisbeutel sinken. Ein Brief muss anders sein als der Rest, das sehe ich sofort. Ihre Augen wirken plötzlich klarer. „Gütiger Himmel!“, murmelt sie und klingelt dann nach Tee.

„Was ist denn los?“, frage ich und lege mein Nähzeug beiseite. Eigentlich wollte ich gerade meinem hellblauen Abendkleid eine neue Borte verpassen, damit ich es noch einmal tragen kann. Niemand wird es damit nächstes Jahr wiederkennen, bilde ich mir zumindest ein. Natürlich hätte ich gern ein neues Kleid, aber ich weiß sehr wohl, dass wir uns das nicht leisten können.

„Ich muss darüber nachdenken“, sagt sie und reibt sich die Schläfe. „Und das ist gar nicht so leicht. Der Champagner bei den Billings gestern war ausgezeichnet.“

Sie schließt die Augen und lehnt sich auf ihrem Sessel zurück. „Du kannst wieder auspacken, falls du überhaupt schon gepackt hast. Wir fahren noch nicht nach Creston Hall.“

Ein neuer Kandidat also, denke ich und seufze. Vielleicht ist er schon älter und hässlich. Auf jeden Fall wird er im Geld schwimmen – das zumindest schließe ich aus ihrem „Gütiger Himmel“. Dieser Ausruf ist für die ganz Reichen unter den Reichen reserviert, so wie für Edward Bromley, den Seifenerben, der mich ja jetzt nicht mehr will, weil ich mit Richard Wolsey erwischt worden bin.

 

Zu meiner Überraschung passiert in der kommenden Woche dann gar nicht so viel. Meine Mutter geht ein paarmal aus und immer dann, wenn sie zurückkehrt, wirft sie mir finstere Blicke zu. Am Donnerstag frage ich dann doch, was es damit auf sich hat. Ich fühle mich eingesperrt. Ich werde nicht eingeladen oder sie nimmt mich nicht mit. Vielleicht auch beides.

„Ich mag es nicht, wie mich die Leute ansehen, wenn dein Name fällt, aber das bestärkt mich nur …“ Sie beendet ihren Satz nicht und fährt stattdessen fort: „Wir gehen morgen in die Oper. Es gibt Wagner. Tristan und Isolde. Ich gebe dir mein rotes Kleid und die Perlen dazu.“

Dann kommt sie zu mir herüber und beugt sich dicht über mich. „Du wirst hinreißend und bezaubernd sein und du wirst dich zusammenreißen, hast du mich verstanden?“

Die Kälte in ihren Augen schreckt mich. Ich nicke. „Wer ist es?“

Sie sieht mich selbst für ihre Verhältnisse einen Moment lang sehr merkwürdig an. „Jemand aus dem Ausland. Jemand, der hoffentlich noch nichts über dich gehört hat.“

 

Am Nachmittag kommt Lady Billings zum Tee und während sie meine Mutter bei den Händen nimmt und auf beide Wangen küsst, wirft sie mir einen abschätzigen Blick zu. Ich frage mich, ob sie weiß, dass meine Mutter eine Affäre mit ihrem Mann hat. Ich jedenfalls traf Lord Billings einmal morgens auf Creston Hall, wo die Familie, genau wie hier in London, unsere nächsten Nachbarn sind. Es war noch sehr früh gewesen und ich hatte mir einen Apfel aus der Küche holen wollen. Wir hatten uns einen Moment lang angestarrt. Sein Hemd hing halb aus der Hose, die Schuhe trug er in der Hand. Er hätte meiner Mutter bei etwas geholfen, hatte er schließlich hervorgebracht.

Ich habe es meiner Mutter nicht erzählt. Auch nicht Gabrielle Billings, Lady Billings Tochter, mit der ich befreundet bin und von der ihre Mutter gerade erzählt. Sie hat vor zwei Jahren geheiratet. Den lieben, sehr reichen und etwas tumben Sir Alfred Hatton, den jeder nur Alfie nennt. Und das in ihrer ersten Saison! Sie ist mit ihm nach Indien gegangen und manchmal schreibt sie mir von der Hitze dort, die kaum auszuhalten ist, von der feuchten Schwere der Luft und vom Monsun, der ihre Kleider in Schweiß und Regen tränkt. Sie ist das zweite Mal schwanger und das Klima macht es nicht gerade leichter für sie.

Es muss schön sein, so weit weg zu sein. Endlich erwachsen. Ich denke, das passiert dann automatisch ‒ das Erwachsensein, wenn man erst einmal heiratet und endlich das Haus verlässt.

Das ist es, was ich mir wünsche und am liebsten hätte ich einen Ehemann, der mich auch weit wegbringt. Nicht wie Edward Bromley, nur ein paar Straßen weiter, sondern richtig weit fort.

Indien klingt exotisch. Mein Vater war dort. Als ich sehr klein war, hatte er mir manchmal davon erzählt, bevor ich einschlief und sich dann Elefanten und Tiger in meine Träume schlichen, ich Märkte sah und all die Gewürze, die er mir beschrieben hatte, all die Farben und Gerüche, die ich mir im Wachzustand nicht vorstellen konnte, aber die im Schlaf durch meinen kleinen Geist zogen.

„… aber Alfie kämpft ja auch für Krone und Empire in Indien“, sagt Lady Billings gerade und sieht mich mitleidig an. Für mich ist der Zug abgefahren, will sie mir wohl mit ihrem Blick sagen. Einen Alfie würde ich nicht mehr bekommen.

Ich glaube nicht, dass er je mehr als einen Bleistift in die Hand nehmen könnte, aber sei es drum. Gabrielle, die mit ihren blonden Korkenzieherlocken eh immer die Schönere von uns beiden war, hat bekommen, was sie wollte: einen langweiligen und schwerreichen Mann, der sie auf Händen trägt.

„Und sein Cousin? Francis Hatton?“, fragt Mutter plötzlich nach. „Er müsste jetzt so um die Dreißig sein, nicht wahr?“

„Ja, so ungefähr. Ein feiner Mann, Adelaide, ein ganz feiner Mann“, gibt Lady Billings nickend zurück und trinkt mit spitzen Lippen aus ihrer Tasse. Mehr als ein paar Tropfen können auf diese Weise kaum in ihren Mund gelangt sein. Ich beobachte das Schauspiel interessiert.

„Sehr gebildet“, fährt sie fort.

„Ja, allerdings.“ Meine Mutter kann eine ungeduldige Handbewegung nicht verbergen. „Ist er noch mit Lucy Fallington verlobt?“

Oh je. Lucy Fallington hat einen Überbiss und das Einzige, was sie interessiert, sind Pferde.

„Nein, verlobt waren sie nie, soweit ich weiß. Lucy hat sich das sicher immer gewünscht, aber nein. Er ist außerdem schon länger für das britische Außenministerium in Deutschland tätig. Man erzählt sich, er hätte dort …“ Sie beugt sich vor und tuschelt meiner Mutter etwas ins Ohr. Laut sagt sie dann: „Francis Hatton kommt selten nach England. In dieser Saison wahrscheinlich gar nicht. Leider.“

Meine Mutter rührt vernehmlich in ihrer Tasse. Immer wieder schlägt der Löffel gegen das dünne Porzellan und jedes Mal zucke ich zusammen. Ich hasse das.

Wahrscheinlich überlegt sie gerade, wie sie mich nach Deutschland schaffen kann, wo ihre erste Option mich doch nicht wollte. Zweifellos würde sie mich, ohne mit der Wimper zu zucken, an irgendeinen Nazi verscherbeln, wenn er ihr nur Geld für den Unterhalt unseres Hauses in London zukommen lassen würde oder das Dach von Creston Hall neu decken ließe. Mich schaudert.

„Deutschland“, murmelt sie. „Schade.“

Mir wird klar, dass sie es mit mir wirklich nicht leicht hat. Als Tochter bin ich ihr einziges Kapital.

Und ich bin schon einundzwanzig. Mein gesellschaftlicher Wert trudelt gerade abwärts wie die Börsenkurse am Schwarzen Donnerstag 1929.

 

Das rote Kleid meiner Mutter passt nur knapp. Ich glaube, ich habe etwas mehr Brust als sie. Mit einer kleinen Brosche steckt sie den Ausschnitt zusammen. Ich muss mich zweimal drehen und sie zupft hier und da.

Ich mag das Kleid und ich mag mich darin. Mein schwarzes Haar kommt zur Geltung und das Rot ist ein schöner Gegensatz zu meinen blauen Augen. Der seidige Stoff fällt ärmellos in zwei Bahnen über meine hellen Schultern, wobei der Rückenausschnitt noch ein wenig tiefer ist als der vorne. Vor allem ist das Kleid zeitlos. Darauf achtet meine Mutter sehr. Wenn sie etwas für uns nähen lässt, weil sie gerade mal wieder irgendeinem unserer Verwandten einen Mitleidsscheck aus der Tasche gezogen hat, dann ist es elegant und so anpassbar, dass es mit wenigen Änderungen immer so aussieht, als wäre es gerade in Mode gekommen. Weiß der Teufel, wie sie das macht. Sie ist einfach gut darin, den Schein zu wahren.

Endlich ist auch Mutter zufrieden und legt mir ihre weißen Perlen um. Ich weiß, sie würde mir gerne noch etwas sagen, aber sie beißt sich auf die Lippen. Ich glaube, allein die Tatsache, dass sie nicht ausspricht, was sie denkt, bedrückt mich mehr, als jedes ihrer Worte es hätte tun können.

Heute Abend geht es um etwas. Um unser Leben ‒ ihres und meines. Wie lange können wir noch so tun, als ob wir reich sind, dazugehören würden?

 

Meine Mutter wird, nachdem wir vor der Oper aus dem Wagen steigen, von einer tiefen Unruhe gepackt. Sie sieht sich noch öfter um als sonst und auch ich ertappe mich dabei, wie mein Blick die anwesenden Männer streift.

Ist es dieser?

Oder jener?

Der Mann, der mit dem Monokel an der Säule lehnt?

Oder der, der mir im Vorbeigehen einen ungehörigen Blick zuwirft?

Ich fühle, dass der schmale Körper meiner Mutter neben mir in der Loge bebt, während es dunkel wird. Erst als in der Loge nebenan der Vorhang raschelt, wird sie mit einem Schlag sehr ruhig.

Das ist er dann wohl und ich kann nicht einmal erkennen, wie er aussieht, weil er schräg hinter uns sitzt. Alles, was er von mir sieht, ist mein Rücken, vielleicht ab und an mein Profil, wenn ich den Kopf drehe. Er wird meine etwas zu lange Nase sehen, den Schwung meiner Wangenknochen und ich frage mich, ob das reicht. Und wofür eigentlich? Nach allem, was ich ahne, wird er alt und hässlich sein. Ich weiß gar nicht, ob ich will, dass ihm gefällt, was er sieht.

Ich kann mich nicht auf die Musik konzentrieren. Mir geht eher durch den Kopf, dass ich selbst diesen Augenblick herbeigeführt habe. War ich wirklich so dumm gewesen, zu glauben, dass Richard Wolsey sich so unsterblich in mich verlieben würde, dass Geld plötzlich keine Rolle mehr spielen würde? Ich gebe zu, es gab diese Momente, kurz vor dem Einschlafen, in denen ich mir vorstellt hatte, wie es wohl wäre, wenn er mit dem Wagen vorführe, mich hineinziehen und küssen würde. Wir würden durch die Nacht fahren. Sie würde uns gehören. Vielleicht könnten wir uns nach Indien durchschlagen oder nach Frankreich, aber diese Ideen blieben in meinem Kopf immer so vage, wie es alte Fotografien manchmal sind ‒ausgeblichen an den Enden, mattgelb in der Mitte. Im Grunde kam ich in Farbe niemals weiter als bis zu dem Punkt, an dem ich mich ihm, am besten gleich im Wagen, hingeben würde. Kein Wegschieben mehr, sondern nur noch Erfüllung.

Ich seufze und meine Mutter dreht den Kopf. „Ergreifend, nicht?“, flüstert sie. Ich nicke sicherheitshalber.

In der ersten Pause zieht sie mich so schnell aus meinem Sessel, dass ich mich kurz an der Balustrade festhalten muss. „Jetzt komm schon“, zischt sie und schiebt mich in den Logengang, als wäre ich blind und wüsste nicht wohin.

Lord und Lady Clarenton kommen uns entgegen und nicken uns sogar zu, obwohl sie eigentlich eine Liga über uns spielen, doch meine Mutter starrt unbeeindruckt auf den Vorhang der Loge neben uns, bis er sich endlich teilt und ein Mann heraustritt.

Meine Mutter verfügt über ausgezeichnete Reflexe, das muss man ihr lassen. Sie stellt sich ihm sehr elegant und sehr entschieden in den Weg.

„Monsieur la Valette, wie schön, Sie hier zu treffen!“ Ich habe sie noch nie Französisch sprechen hören und staune über ihre ausgezeichnete Aussprache, die meine ehemalige Gouvernante, Mademoiselle Ferange, wahrscheinlich hingerissen hätte.

Meine Mutter legt den Kopf schräg und lächelt zu ihm empor. Er überragt uns um gut zwei Köpfe, aber ehrlich … das ist auch nicht schwer. Wir sind beide nicht besonders groß.

Für einen Moment bin ich erleichtert. Ja, er mag alt sein. Also sicherlich Ende Dreißig, denke ich, aber zum Glück ist er nicht hässlich. Ihn zieren ebenmäßige Züge mit einem markanten Kinn und einer geraden Nase. Über seine gewölbte Stirn zieht sich für den Bruchteil einer Sekunde eine kleine Falte, dann hat er sich wieder im Griff.

„Enchanté“, sagt er und ich frage mich, ob eine Spur Langeweile in seiner Stimme liegt oder ob es die fremde Sprache ist, die meinen Eindruck verzerrt.

Ich fühle die Hand meiner Mutter auf meinem Rücken. Sie drückt so stark, dass ich keine andere Wahl habe, als einen Schritt nach vorne zu treten, sonst würde ich fallen.

„Das ist meine Tochter. Es ist ihre zweite Saison in London.“

Und damit ist alles gesagt. Da ich nicht hässlich bin, bin ich entweder wählerisch oder beschädigte Ware, sonst wäre ich ja schon im letzten Jahr über den Tisch gegangen.

Seine Augen sind sehr dunkel und braun. Er sieht mich direkt an. „Hat mich gefreut“, sagt er ohne jeden Akzent auf Englisch und verschwindet zwischen den Menschen, die ins Foyer schlendern.

„Verdammt“, murmelt meine Mutter. „Du bist genauso schön, wie ich es einst war.“

„Nicht so wie Gabrielle.“ Ich bin nicht so blond, ich bin nicht so kokett.

„Unsinn“, sagt sie knapp.

„Vielleicht ist er wie Onkel Gregory?“, schlage ich vor.

Ich mag ihn gern, den älteren Bruder meines verstorbenen Vaters. Es hat allerdings lange gedauert, bis ich begriffen habe, warum seine Butlergehilfen alle sehr jung und sehr gutaussehend sind und nicht einer mir heimlich an den Po greift.

Meine Mutter schnaubt durch die Nase. „Nein, mein Kind. Aubrey la Valette ist ganz sicher nicht wie Onkel Gregory.“

Aubrey … ein schöner Name für einen schönen Mann.

Erst zum Ende hin packt mich die Oper wieder und Isoldes Liebestod lässt mich seltsam aufgewühlt zurück.

2

Meine Mutter steht am nächsten Morgen erstaunlich früh auf und verschickt ein Telegramm. Als ich nach der Milch greifen will, schüttelt sie den Kopf. „Nicht. Wir bekommen vielleicht Besuch.“ Ich ziehe seufzend die Hand zurück und trinke meinen Tee schwarz. Ich hasse es, dass wir selbst für die Milch im Tee zu arm sind.

Sie geht auf und ab, während ich mich weiter mit Borte und Kleid beschäftige, und sieht auf die Uhr. Am Vormittag bekommt sie endlich Antwort. Sie liest das Telegramm mit gerunzelter Stirn und schickt mich dann nach oben auf mein Zimmer. Es hat keinen Sinn, sie nach irgendetwas zu fragen. Ich kenne diesen Zustand.

Ich lege mich auf mein Bett und kritzele drei Seiten in mein Tagebuch – das meiste über Richard und wo ich überall seine Hände gerne spüren würde – bis ein Wagen vorfährt und ich neugierig aus dem Fenster sehe. Wer aussteigt, kann ich nicht sehen. Das Vordach ist im Weg.

Also schreibe ich weiter. Ich schreibe, weil ich glaube, dass das das Einzige ist, was ich einigermaßen kann. Es führt nur zu nichts und ich überlege, warum ich über ein so unnützes Talent verfüge. Ich wünschte, ich könnte singen wie Gabrielle.

 

Wer auch immer es ist, der meine Mutter aufsucht, er bleibt lange, den halben Mittag über, bis die Sonne hoch am Winterhimmel steht und Raben krächzend ihre Bahnen auf dem schmalen Streifen Blau ziehen, den ich von meinem Fenster aus sehen kann.

Schließlich klopft meine Mutter an die Tür. Ich erkenne das Pochen ihres sehnigen Mittelfingers auf dem Holz. Kurz und schnell, immer ein wenig vorwurfsvoll, so, als wäre ich schuld, dass sie überhaupt klopfen muss und ich nicht längst geahnt habe, dass sie vor der Tür steht und Einlass begehrt. Heute hat sie ihr schwarzes Haar von Emma in kunstvolle Wellen legen lassen - ein Aufwand, den sie sonst nur betreibt, wenn sie ausgeht. Zwar ruhen ihre blauen Augen beinahe freundlich auf mir, doch ihre schmalen Lippen zittern ein ganz klein wenig. Ob vor Aufregung oder Anspannung, kann ich kaum sagen.

„Vielleicht möchtest du Monsieur la Valette ein wenig Gesellschaft leisten?“, fragt sie.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

„Er möchte dich gern etwas fragen.“

Selbst für meine Mutter ist das ein Rekord, glaube ich. Gestern habe ich ihn zum ersten Mal gesehen und heute bittet er um meine Hand? Ich habe keine Ahnung, wie sie das hinbekommen hat und runzele die Stirn, während ich hinter ihr, Stufe für Stufe, in ein neues Leben hinuntergehe.

Sie rammt mir ihren Ellenbogen in die Seite und faucht: „Lächeln!“ Dann öffnet sie die Tür zum Salon und schiebt mich hinein.

Mir ist nicht nach lächeln. Ich ziehe nur ganz kurz die Mundwinkel hoch und lasse sie sofort wieder fallen.

Monsieur la Valette sitzt vor dem Kamin, hat die Beine übereinandergeschlagen und raucht. Ich hätte auch gerne eine Zigarette, aber das ist im Moment völlig indiskutabel.

Interessant. Meine Mutter hat es nicht geschafft, ihn auf einen der Sessel am Fenster zu bugsieren. Dieser Mann muss anders sein als all die anderen.

Er sieht auf, sein Blick streift mich achtlos. Gut, er weiß ja auch, wie ich aussehe. Bei Tageslicht stelle ich fest, dass sich feine Fältchen um seine Augen gebildet haben. Trotz seines Alters wirkt er attraktiv. Er hat etwas Beherrschtes, ganz im Gegensatz zu Richard Wolsey, den, wenn ich beide Männer so vergleiche, überwiegend sein jugendlicher Überschwang anziehend machte. Eigentlich war es bei Richard wahrscheinlich nur das blonde Haar und diese tiefblauen Augen, die von seiner schiefen Nase und den schmalen Lippen ablenkten. Ich bezweifele plötzlich, dass Richard mit Ende dreißig ebenso gut aussehen wird. Das, was Richard attraktiv machte, wird verfliegen und am Ende bleibt ein unproportioniertes Gesicht, aus dem der Übermut verschwunden sein wird. Vielleicht wird er ähnlich schwammig und dicklich werden, wie es sein Vater schon ist.

Monsieur la Valette dagegen hat feine Züge und ist von schlanker Figur. Ich frage mich, wie er nackt aussieht. Vielleicht werde ich das ja bald herausfinden. Bei ihm würde mich das auch nicht stören, denke ich.

Er deutet auf den Sessel ihm gegenüber. Ich nehme Platz, setze mich auf die äußerste Kante und halte mich gerade, so wie man es mir beigebracht hat.

Er raucht einen Moment schweigend, dann beugt er sich ein Stück vor. „Ich nehme an, Sie wissen, warum ich hier bin?“

Ich weiß nicht, was in mich fährt. Mutter wird mich umbringen, aber ich sage es trotzdem: „Und Sie wissen von meinem Ruf?“

Tatsächlich scheine ich ihn mit meiner Frage überrascht zu haben. Ein Funken Interesse huscht über sein Gesicht und ich begreife, dass es wahrscheinlich wenig gibt, was er nicht weiß. Ein amüsiertes Lächeln legt sich auf seine Lippen.

„Also sind Sie einverstanden?“

Einverstanden? Womit?

Meinen Heiratsantrag habe ich mir anders vorgestellt. Auch wenn mir früh klar war, dass eine Liebesheirat eher außerhalb aller Wahrscheinlichkeiten lag, hätte ich ein wenig mehr Konversation erwartet. Vielleicht wenigstens die berühmte Frage, statt einer schlichten Erkundigung nach meinem Einverständnis.

Aber weder meine Mutter noch ich haben etwas gelernt, das uns in irgendeiner Weise im Leben weiterhelfen könnte. Creston Hall braucht ein neues Dach, in der nächsten Saison können wir dieses Londoner Haus nicht mehr halten – wir werden es verkaufen müssen und wir können nichts dagegen tun. Wir sparen uns das Essen vom Munde ab, damit mein Bruder anständige Schulen besuchen kann und wir uns Dienstboten leisten können, um in einer Gesellschaftsschicht nicht aufzufallen, in der Brosamen oder Ehemänner vom Tisch fallen können. Zumindest wenn man hübsch genug ist. Ich habe keine Wahl. Er weiß es und ich weiß es noch sehr viel besser.

„Ja“, erwidere ich.

Er steht auf und drückt die Zigarette aus. „Ich denke an einen Termin in zwei Wochen. Würde das passen? Danach reisen wir dann gemeinsam nach Paris.“

Paris? Es könnte schlimmer kommen. Er könnte alt und hässlich sein und irgendwoher aus Schottland kommen, wie Onkel Gregory, wo selbst der Sommer ein langer grauer Winter ist.

„Kann ich Sie etwas fragen?“

Er ist schon fast zur Tür hinaus, als er sich noch einmal umdreht, mich wortlos ansieht und seine schmalen Augenbrauen hochzieht.

„Was springt eigentlich für Sie dabei heraus?“

Es erscheint mir unlogisch. Sicher, ich bin nicht hässlich, ich bin jung. Vielleicht braucht er einen Erben, aber er könnte andere Frauen haben. Frauen von besserem Ruf, sehr viel schönere Frauen.

Mit einem Finger streicht er sich über das Kinn und seine Augen huschen zur Wand. Ich weiß ganz genau, dass er die Bibliothek meint, in der meine Mutter wartet. Dann sieht er mich noch einmal an. „Vielleicht fast dasselbe wie für Sie.“

Er lässt mich ratlos und meine Mutter hocherfreut zurück. Am Abend geht sie mit einer Flasche Champagner unter dem Arm in die Bibliothek und betrinkt sich allein, langsam und wahrscheinlich sehr erleichtert, während ich im Bett liege und über die Antwort meines zukünftigen Mannes weiter nachdenke.